Entwicklungstrauma Schaukel Rose

Entwicklungstrauma-Störung – Definition

= Folge schwerwiegender traumatischer Belastungen im Kindesalter durch realen sexuellen Missbrauch oder aggressive Misshandlung, die zu starken psychischen Belastungen führen, u. a. mit:
  • Hilflosigkeit
  • Ohnmacht
  • Hoffnungslosigkeit
und einer Überwältigung durch diese Affekte

Zur realen Traumatisierung treten kindliche Phantasien von:

  • Selbstvorwürfen
  • Identifizierung mit dem Angreifer
  • Verkennungen der Realität

Die Folgen sind u. a.

  • sensorische Verarbeitungsstörung,
  • ADHS,
  • oppositionelle trotzige Störung
  • kognitive Beeinträchtigung
  • Sprachverzögerung
  • Lernschwierigkeiten
  • Posttraumatische Belastungsstörungen
  • Persönlichkeitsstörungen (insbesondere Borderline-Persönlichkeitsstörung)
  • Ich-Strukturstörungen
  • bipolare Störung

Synonym: Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters

Entwicklungstrauma: Einteilung

F94.-                            Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend

Es handelt sich um eine Gruppe von Abweichungen in der sozialen Funktionsfähigkeit mit Beginn in der Kindheit. In vielen Fällen spielen schwerwiegende Milieuschäden oder Misshandlung eine entscheidende Rolle in der Ätiologie.

F94.1                           Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters

Diese tritt in den ersten fünf Lebensjahren auf und ist durch anhaltende Auffälligkeiten im sozialen Beziehungsmuster des Kindes charakterisiert. Diese sind von einer emotionalen Störung begleitet und reagieren auf Veränderungen der Milieuverhältnisse. Die Symptome bestehen aus Furchtsamkeit und Übervorsichtigkeit, eingeschränkten sozialen Interaktionen mit Gleichaltrigen, gegen sich selbst oder andere gerichteten Aggressionen, Unglücklichsein und in einigen Fällen Wachstumsverzögerung. Das Syndrom tritt als Folge schwerer elterlicher Vernachlässigung, Missbrauch oder schwerer Misshandlung auf.

Entwicklungstrauma: Häufigkeit

Entwicklungstrauma-Störungen sind keinesfalls selten. In einer Studie zu belastenden Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACE) von Kaiser Permanente und dem Center for Disease Control (Felitti et al., 1998), beantworteten 17.337 versicherte erwachsene Mitglieder eine Umfrage zum Thema Erfahrungen mit Kindheitsbelastungen, einschließlich Misshandlungen und Vernachlässigung während der Kindheit sowie mit gestörten Familienverhältnissen:

  • 11,0 % berichteten von emotionaler Misshandlung in der Kindheit,
  • 30,1 % von körperlicher Gewalt,
  • 19,9 % von sexuellem Missbrauch,
  • 23,5 % hatten Alkoholmissbrauch in der Familie erlebt,
  • 18,8 % wurden mit psychischen Krankheiten konfrontiert,
  • 12,5 % mussten zusehen, wie ihre Mütter geschlagen wurden, und
  • 4,9 % berichteten von Drogenmissbrauch in der Familie.

Entwicklungstrauma: Entstehung

In den ersten Lebensjahren brauchen Säuglinge und Kleinkinder sichere, vorhersehbare, zugängliche und liebevolle Bezugspersonen. In der Geborgenheit der Interaktion mit diesen Bezugspersonen kann sich das Gehirn des Neugeborenen gesund und harmonisch entwickeln.

Die tieferen Strukturen des Gehirns sind für Funktionen verantwortlich, die das Überleben sichern und der Reaktion auf Stress dienen. Die höheren Strukturen sichern komplexe Leistungen, z. B. Wahrnehmungen und ihre Bewertung oder verantwortliches Handeln. Die Entwicklung der höheren Funktionen setzt die erfolgreiche Entwicklung der tieferen Funktionen voraus. Wenn Stressreaktionen durch Vernachlässigung oder Missbrauch bei Säuglingen oder Kleinkindern über einen längeren Zeitraum wiederholt aktiviert werden, ist die weitere Hirnentwicklung gestört.

Stern unterscheidet in der Kommunikation des Babys mit seinen Bezugspersonen „Nicht-Abstimmung“, die „selektive Abstimmung“ und die „Einstimmung („tuning“).

  • Bei der Nicht-Abstimmung fehlt jegliche Abstimmung.
  • Bei der selektiven Abstimmung finden zwar Kommunikation und Austausch statt, doch werden bestimmte Erfahrungen ausgeschlossen. Es wird z.B. das freudige Spiel des Säuglings mit seinen Genitalien nicht mit der gleichen Begeisterung beantwortet wie dessen Exploration eines neuen Spielzeugs.
  • Bei der Einstimmung („tuning“) handelt es sich um zweckbestimmte Fehlabstimmungen, die im entwicklungsfördernden Sinne erfolgen können, wenn die Mutter z.B. den übererregten Säugling durch eine schwächer ausfallende Reaktion beruhigt (Affektmodulation). Die gleiche Reaktion kann aber auch aufgrund elterlicher Projektionen und Übertragungen geschehen, wenn die Mutter z.B. hinter dem Aktivitätsniveau ihres kleinen Sohnes immer ein wenig zurückbleibt, um ihn auf diese Weise zu „mehr Initiative“ anzustacheln.

Selbst unter den besten Umständen können Eltern nicht alle Bedürfnisse eines Kindes verstehen, so dass ein Säugling von Zeit zu Zeit unweigerlich verärgert ist. Schore und Shore (2008) nennen dies „Fehlabstimmung“. Gut funktionierende Eltern reagieren angemessen, um das Baby zu beruhigen, was Schore als „Neuabstimmung“ (2008) bezeichnet. Eine Fehlabstimmung ist unvermeidlich und nicht schädlich, solange eine sofortige Neuabstimmung folgt. Aber anhaltender Stress (Fehlabstimmung) ohne angemessene Neuabstimmung stört die Fähigkeit eines Kindes für den Aufbau von Beziehungen, das Gefühl der Sicherheit und Ruhe in der Welt und die Selbstregulierung.

Sich selbst überlassen zu sein, führt bei chronisch traumatisierten Kindern zu Defiziten in der emotionalen Selbstregulierung:

1) mangelndes Selbstgefühl,

2) schlecht modulierter Gefühls- und Impulskontrolle (insbesondere Aggression gegen sich selbst und gegen andere) und

3) Unsicherheit hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit von Anderen, mit

4) Misstrauen, Verdächtigungen und Problemen mit Intimität und sozialer Isolation

Chronisch traumatisierte Kinder haben buchstäblich keinen Kontakt zu ihren Gefühlen, und es fehlen ihnen die Worte, um innere Zustände zu beschreiben.

Der fehlende Sinn für Berechenbarkeit beeinträchtigt die Entwicklung der Objektkonstanz – den Mangel an verinnerlichten Erfahrungen der eigenen inneren Welt oder der sozialen Umwelt. Ohne strukturierten inneren Raum handeln die betroffenen Kinder, anstatt zu planen und zeigen Wünsche durch ihr Verhalten, statt darüber zu sprechen.

Unfähig zur Wertschätzung sich selbst oder auch anderen gegenüber, fällt es ihnen schwer, andere Menschen als Verbündete für ihre Interessen zu sehen. Ohne innere Bezugssysteme als Vergleichsmaßstab ist alles Neue potenziell eine Bedrohung. Was vertraut ist, wird in der Regel als sicherer erfahren, selbst dann, wenn es schrecklich ist.

Diese Kinder teilen eher selten spontan ihre Ängste und traumatischen Belastungen mit, und sie können kaum Verbindung herstellen zwischen dem, was sie tun, was sie fühlen und was ihnen passiert ist. Sie neigen dazu, ihre traumatische Vergangenheit in den zwischenmenschlichen Inszenierungen, in ihren Spielen und in ihren Fantasien zu wiederholen.

Entwicklungstrauma: Behandlung

Traumatisierte Kinder brauchen strukturierte sich wiederholende Erfahrungen, die ihren Entwicklungsbedürfnissen entsprechen, Bedürfnissen typisch für das Alter, in dem sie wichtige Reize verpasst haben oder traumatisiert wurden, nicht ihres aktuellen kalendarischen Alters.

Nach der Untersuchung verwendet die Therapie Aktivitäten, die festgestellte Entwicklungslücken schließen. Wenn die Bewertung beispielsweise Lücken in Bezug auf die Funktion des Hirnstamms und des Mittelhirns anzeigt, umfassen die therapeutischen Aktivitäten Ausdruckskunst, Yoga, Massage usw. Nachdem sich diese Funktionen verbessert haben, werden die Aktivitäten fortgesetzt, um die weiteren Entwicklungsschritte des Gehirns zu erleichtern.

Die Überwindung eines Entwicklungstraumas ist eine lange Reise. Betroffene, die in der Lage sind, ihr Trauma zu integrieren, können wie alle anderen ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen einem Gefühl der „Einstimmung“, Fehlabstimmung“ und „Neuabstimmung“ erleben. Ohne angemessene Behandlung werden sie aber deutlich mehr Zeit mit Fehlabstimmungen verbringen und die Neuabstimmung schwieriger finden.

Quellen:

van der Kolk, Bessel A.: Entwicklungstrauma-Störung: Auf dem Weg zu einer sinnvollen Diagnostik für chronisch traumatisierte Kinder. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 58 (2009) 8, S. 572-586.

Kraybill, Odelya Gertel: What Is Developmental Trauma? A framework for building secure attunement.Psychology today.

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