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Die 7 Grundsätze der Achtsamkeit – #3 Den Anfängergeist bewahren

 

„In eine volle Tasse lässt sich nichts füllen.“

 

 

Anfängergeist – Neugierige Aufmerksamkeit

 

tea pot cup 300x187 - Die 7 Grundsätze der Achtsamkeit - #3 AnfängergeistDie Geisteshaltung des Anhängers meint eine besondere Art der Vorurteilsfreiheit, vergleichbar mit der Neugier eines Kindes, das viele Dinge zum ersten Mal erlebt und staunend zur Kenntnis nimmt. Es geht also nicht nur darum, nicht zu urteilen, ob der Gegenstand der Betrachtung gut oder schlecht, bekannt oder unbekannt ist, sondern auch um eine Art innerer Begeisterung, die sich zur Faszination mischt – ein unglaublich freudiges Gefühl. Neugierige Aufmerksamkeit ist das Prinzip dieser inneren Einstellung. Dann wird jeder Moment betrachtet, als das, was er wirklich ist: neu und einzigartig. Wir schenken ihm unsere volle, offene und neugierige Aufmerksamkeit. In jedem Moment, dem wir so begegnen, können wir dazulernen, und wir können ihn genießen. In offener Neugier nehmen wir alles wahr, das dieser Augenblick uns bieten kann. Seit unserer Kindheit kommt uns dieser Anfängergeist allmählich abhanden. Waren wir als Kind noch beim ersten Schnee des Jahres begeistert, denken wir jetzt daran, dass es auf der Fahrt zur Arbeit glatt und später am Tag matschig sein wird: der Anfängergeist ist verloren, und wir kennen „Schnee“, und wissen, was passiert, wenn es schneit.

 

Anfängergeist – Nichtwissen

 

Anfängergeist schließt also keineswegs eine Abwertung ein. Im Gegenteil, es kostet viel Übung und Achtsamkeit, auch nur für einen Moment alle Vorerfahrungen und Vorstellungen davon, was passieren wird, abzustreifen. Dabei wissen wir sogar sehr gut, dass wir alles erst in der Gegenwart, d. h. also in jedem einzelnen Moment, vollständig erfahren können. Darum ist „Nichtwissen“ eine andere Bezeichnung für den Anfängergeist. Dabei gilt Wissen in unserer westlichen Kultur als professionell. Das Informationszeitalter setzt auf Wissen, das sich in den letzten 100 Jahren besonders dramatisch vervielfacht. Altes Wissen wird ständig von aktuellsten Erkenntnissen fern leaf 300x200 - Die 7 Grundsätze der Achtsamkeit - #3 Anfängergeistüberlagert und erweitert und digital verfügbar gemacht. Die Halbwertszeit von beispielsweise medizinischem Wissen betrug in den 80ern noch 11, heute nur noch fünf Jahre. „Eisvogel“, „Brombeere“, „Zaunkönig“, „Farn“  – gehören zu etwa 50 Wörtern aus unserer natürlichen Umgebung, die 2015 im 10.000-Einträge-starken Oxford Children‘s Dictionary ersetzt wurden durch Wörter wie „Broadband“ und „Copy-Paste“. Dabei sind diese Wörter unser Zugang zur Erfahrung der lebendigen Natur. Wenn sie unbemerkt aus der Sprache, den Märchen und Geschichten, der Wirklichkeit verschwinden, verschwinden sie auch aus dem Netz von Bedeutungen, das wir über unsere Wirklichkeit legen, um sie zu verstehen. Was wir nicht benennen, können wir auch nicht wertschätzen. Golden strahlt Löwenzahn auf dem Fußballplatz, kapriziös entrollt Farn seine vielfach gefiederten Blätter, die eben aus ihrer stacheligen Hülle gebrochene Kastanie glänzt verführerisch. Um diese Wahrnehmungen einzubinden in unser Verständnis von der Welt, und sie ausdrücken und mit anderen teilen zu können, brauchen wir, ebenso gut wie Kinder, diese verlorenen Wörter. Das Informationszeitalter ist, anders als behauptet, ein Zeitalter der Speicherung und Aufbereitung von Informationen außerhalb unseres Gedächtnisses, kein Zeitalter des Lernens. Das einzige, das wir lernen sollen, ist der Umgang mit den Informationsspeichern. Daher fühlen wir uns auch eher als Getriebene, denn als Gestalter der Gegenwart. Dagegen braucht Lernen, neben der Verbindung mit vorhandenem Wissen, auch die vorurteilslose, neugierige Erfahrung. Es erfordert Offenheit und den Mut, sich einzugestehen, dass man nicht alles wissen kann. Es geht darum, offensiv und bewusst mit Nichtwissen umzugehen. Besonders in der Psychotherapie ist es wichtig, sich eine neue Perspektive auf erinnerte Erfahrungen erarbeiten, und die selbsterfüllende Prophezeiung: „Das geht nicht!“ über Bord werfen zu können. Die Bereitschaft, im Anfängergeist zu verweilen, offen für Neues zu sein, ist die Voraussetzung für das erfolgreiche Erleben von alternativen Beziehungserfahrungen im geschützten Raum einer Therapie. Aber auch außerhalb einer therapeutischen Beziehung sind eine gesunde Portion Neugierde, Achtsamkeit und Bescheidenheit von Nutzen, wenn wir auf Mitmenschen zugehen. Sie ermöglichen es uns, Fragen zu stellen, die uns wirklich bewegen. Wir können gemeinsam mit dem Gesprächspartner erkunden und entwickeln, was vorher noch nicht da war, und alleine auch gar nicht möglich gewesen wäre. Wir können Gemeinsamkeiten bemerken, die wir vorher noch nicht wahrgenommen haben, wenn wir ihnen unvoreingenommen gegenübertreten.

 

Anfängergeist – Tiefe

 

Verlieren wir den Anfängergeist, ersetzen wir bewusste Wahrnehmung mit Wissen und daraus abgeleiteten Vorhersagen. Das ist keineswegs falsch, besonders in Situationen, in denen Routinen unsere Reaktionen verbessern. Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Fahrstunden? Wenn Sie kein Schumi-Gen-Träger sind, haben Sie wahrscheinlich intensiv erlebt, was Anfängergeist heißt. Besonders gut Auto gefahren sind Sie damit allerdings nicht. Andererseits entsteht schnell Langeweile, wenn wir zu wissen glauben, was passiert, und wir sind offen für Ablenkungen oder schweifen in Gedanken ab, statt die Wahrnehmung des Augenblicks zu vertiefen.

„Im Anfänger-Geist gibt es keinen Gedanken: ,Ich habe etwas erreicht.‘ Wenn wir nicht daran denken, etwas zu erreichen, nicht an uns selbst denken, sind wir wahre Anfänger. Dann können wir wirklich etwas lernen.“ – Shunryu Suzuki

Esoterische oder spirituelle Texte zum Thema Achtsamkeit betonen unermüdlich den „Zauber“ und die „Wunder“, die sich durch den Anfängergeist erschließen, und bemühen immer wieder die Vorstellung von kleinen Kindern zu Weihnachten. Diese Wunder verschafft der Anfängergeist auch. Das Leben ist aber kein ununterbrochenes Weihnachtsfest und besteht auch nicht nur aus der staunenden fog tree 300x176 - Die 7 Grundsätze der Achtsamkeit - #3 AnfängergeistBewunderung für Pusteblumen. Der Anfängergeist schließt vielmehr auch eine freiwillige Disziplin ein, sich unangenehmen Erfahrungen nicht zu verschließen. Wenn man auch in stressigen Situationen aufmerksam und neugierig bleibt, hat man die Chance, die Situation und sich selbst zu beobachten, bevor man reagiert. Die daraus erwachsende Unterscheidungsfähigkeit erlaubt andere Entscheidungen. Während wir über unsere Sinne die Welt wahrnehmen, dienen uns Erfahrungen als Überlebensstrategien. (Erfahrungen helfen uns, wie schon oben erläutert, bei der urteilenden Einschätzung von Situationen: Freund oder Feind, gut oder schlecht. Haben wir aber z.B. viele Erfahrungen einer Sorte gemacht, können sie verhindern, dass wir uns ein klares Bild in einer neuen, unbekannten Situation machen können.) Maya nennt man die „Verschleierung des Geistes“, die nur durch Abstand zum eigenen Denken gelüftet werden kann. Dazu muss man sich von der Identifikation mit Gedanken, Gefühlen und der Situation distanzieren können, um zum Beobachter zu werden. Wir können sie auf grundlegende Bewertungen zurückführen und frei entscheiden, ob sie für uns in der gegenwärtigen Situation angemessen sind. Vielleicht erkennt man dann ein Problem als eigentlich unwirklich, auf jeden Fall aber als veränderlich an. Man fühlt sich selbst und dem Stress weniger ausgeliefert. Darüber hinaus verleihen Freiheit der Entscheidung und Klarheit der Wahrnehmung – durch die dadurch möglichen positiven und negativen Erfahrungen – unserem Dasein Reichtum und Tiefe.

 

Der „Anfängergeist“ ist also eine innere Einstellung, die mich etwas wie das erste Mal erleben lässt. Ich befreie mich von Gewohnheiten, Vorstellungen und Perfektionsansprüchen. Ich bin mit dem, was ich tue auch nicht identifiziert, da ich mich ja neugierig an etwas Unbekanntes herantaste. Ich bin suchend und beobachtend zugleich, und ich bin überaus wach. Meine Annäherung ist von Zuversicht getragen und hält Zweifel aus. Etwas neu anzufangen heißt, sich dem Nicht-Wissen und der damit verbundenen Unsicherheit zu stellen, sich Fragen und Fehler zu erlauben. Es bedeutet, sich von der eigenen vermeintlichen Wichtigkeit und vorgefertigten Konzepten zu lösen, um Dinge unvoreingenommen wahrzunehmen. Bisher nicht gesehene Informationen und Potenziale werden dann sichtbar und eröffnen neue Handlungsmöglichkeiten.ice crystals soap bubble 300x200 - Die 7 Grundsätze der Achtsamkeit - #3 Anfängergeist

 

Anfängergeist – Übungen

„Der Anfängergeist hat viele Möglichkeiten, der des Experten nur wenige.” – Shunryu Suzuki

Eine gute Übung für den Anfängergeist wir Ihnen vielleicht anfänglich albern vorkommen, sie schult aber das Denken in ungewohnten Zusammenhängen: Wählen Sie einen beliebigen Alltagsgegenstand und notieren Sie, neben seinem eigentlichen Zweck, möglichst viele, und möglichst „unorthodoxe“ Verwendungsmöglichkeiten.

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Auch die oben beschriebene Einstellung in der Interaktion mit Mitmenschen erlaubt die Übung des Anfängergeists in vielfältigen privaten und beruflichen Situationen und beschert uns dazu noch neue Erkenntnisse über unsere Gesprächspartner.

 

 

Im nächsten Blogbeitrag geht es weiter mit #4 Vertrauen.

 

 

Quelle:

Jon Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation – Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR.

Chögyam Trungpa: Erziehung des Herzens. Buddhistisches Geistestraining als Weg zu Liebe und Mitgefühl

Sam Harris: Waking Up: A Guide to Spirituality without Religion (2015)

 

 

 

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