Suizidprävention: Hilfe in Lebenskrisen für junge Menschen und Erwachsene
Suizidprävention: Hilfe in Lebenskrisen für junge Menschen und Erwachsene
Suizidprävention
Veröffentlicht am:

Sie sah ruhig aus. Vielleicht zu ruhig. Wenig später war sie tot. Was tun bei Krisen, Suizidgedanken und in der suizidalen Pause?
Sekunden, bevor sie losließ: Wenn die Ruhe vor dem Suizid ein Warnsignal ist
Hilfe finden in Lebenskrisen: Was Sie über die trügerische Ruhe vor einem Suizid wissen müssen
Sie wirkte ruhig. Gefasst. Friedlich. Und dann war sie weg.
Im Januar 2014 fotografierte eine Frau auf der Brücke beim Hoover-Damm den Sonnenuntergang. Auf einem ihrer Bilder steht Heather Papayoti, 42 Jahre alt, mit verschränkten Armen wenige Schritte vom Geländer entfernt (https://bouldercityreview.com/news/lake-mead-hoover-dam/picture-captures-final-moments-of-womans-life/). Kurz darauf sprang sie. Kein Schrei. Keine Szene. Handtasche und Jacke lagen noch im wartenden Taxi. Sie hatte schon früher davon gesprochen, von dieser Brücke zu springen, und war in Behandlung. Die Fotografin sagte später: „Es wirkte, als würde sie warten, bis alle wegschauen.“
Was so ruhig wirkt, ist oft das Gegenteil von Heilung: eine gefährliche Pause vor dem Suizid. Diese scheinbare Gelassenheit wird bei Jugendlichen wie bei Erwachsenen regelmäßig falsch gedeutet. Viele wirken kurz vor einem Suizidversuch völlig gefasst, obwohl sie längst konkrete Vorbereitungen getroffen haben.
Die sogenannte „suizidale Pause“ täuscht Angehörige und Betroffene. Sie tritt ein, wenn die Entscheidung bereits gefallen ist. Besser geht es den Betroffenen dann nicht.
Suizidprävention beginnt mit Verstehen. Und manchmal mit einem einzigen Blick, der nicht wegschaut.
Worum es geht:
Welche Anzeichen auf suizidale Krisen hinweisen, auch wenn alles „normal“ scheint
Warum Jugendliche besonders gefährdet sind und wie sich das äußert
Welche Rolle die Familie, das Umfeld und Internetforen spielen
Was Sie tun können, wenn Sie sich Sorgen machen
Was versteht man unter Suizidprävention?
Suizidprävention bedeutet, Leben zu schützen, bevor jemand nicht mehr darum bittet.
Der Begriff umfasst alle Maßnahmen, die aufklären, Suizidversuche verhindern oder Betroffene in suizidalen Krisen stabilisieren. Dazu gehören psychologische Beratung, therapeutische Begleitung, Aufklärung über Suizidalität und niedrigschwellige Hilfsangebote in der Schule, in der Familie und im Netz.
Bei Jugendlichen ist Prävention besonders wichtig. Laut Studien denkt jeder fünfte junge Mensch zumindest gelegentlich an Suizid. Viele von ihnen sind still. Sie wirken gefasst, leistungsfähig, angepasst. Hinter dieser Oberfläche lauert oft der Wunsch zu verschwinden, geboren aus tiefer Erschöpfung.
Diese Stille ist trügerisch. Wer lange unter Isolation, Depression oder Angst leidet und dann plötzlich ruhig wirkt, befindet sich möglicherweise in einer suizidalen Endphase. Den inneren Kampf hat er dann bereits aufgegeben.
Suizidprävention beginnt vor jeder Behandlung.
Sie heißt, informiert und aufmerksam zu sein. Gespräche vermitteln Wissen über Suizidalität und über Hilfsangebote. Das Ziel: Warnzeichen erkennen, Zugang schaffen und vermitteln: „Du bist nicht allein.“
Warum sind junge Menschen besonders gefährdet?
Junge Menschen tragen schwer, lange bevor sie gelernt haben, über ihre Lasten zu sprechen.
Pubertät, Leistungsdruck, soziale Unsicherheit, familiäre Spannungen und eine digitale Überforderung in bisher unbekanntem Maß wirken sich tiefgreifend auf das psychische Gleichgewicht aus. Kommen depressive Episoden, Angststörungen oder belastende Schulerfahrungen hinzu, gerät die innere Welt junger Menschen leicht aus dem Lot.
Häufig treiben Verzweiflung, Isolation und das Gefühl, keine Alternative zu haben, Jugendliche in eine Krise. Besonders alarmierend: Etwa 40 bis 60 Prozent der gefährdeten Jugendlichen konsumieren regelmäßig Drogen oder Medikamente, um sich zu betäuben.
Sie brauchen einen sicheren Raum. Ein Gespräch, das nicht wertet. Einen Erwachsenen, der nicht wegschaut. Eine Schule, die neben der Leistung auch die Belastung sieht und in der sie Hilfe in Lebenskrisen bekommen.
Wie äußert sich Suizidalität bei Jugendlichen?
Meist beginnt es mit Rückzug. Ein Abschiedsbrief steht selten am Anfang.
Suizidalität zeigt sich bei Jugendlichen sehr unterschiedlich. Manche werden aggressiv, andere still. Einige wirken überdreht und fröhlich, andere verlieren jedes Interesse an sozialen Kontakten. Manche zeigen nach langer Isolation plötzlich eine unerklärliche Gelassenheit und wirken ruhig und sortiert.
Typische Warnzeichen sind Veränderungen im Verhalten, Rückzug und Anzeichen emotionaler Belastung:
Anhaltende Niedergeschlagenheit oder Reizbarkeit
Rückzug von Freunden, Familie, Schule und aus dem gewohnten Umfeld
Übertriebene Empfindlichkeit gegenüber Kritik
Gespräche über Tod, Ausweglosigkeit oder Wertlosigkeit
Vorbereitungshandlungen wie das Verschenken wichtiger Gegenstände
Verhaltensänderungen: impulsiv, wütend oder überangepasst
Besonders trügerisch ist die sogenannte suizidale Pause. Sie tritt oft ein, wenn die Entscheidung zum Suizid bereits gefallen ist, und bringt scheinbar neue Ruhe. Diese Ruhe ist ein leiser Abschied.
Was ist eine suizidale Pause?
Die suizidale Pause ist ein trügerischer Moment der Ruhe, der wie Besserung aussieht.
Sie beschreibt einen Zustand äußerer Gelassenheit, der häufig kurz vor einem geplanten Suizid eintritt. Betroffene wirken plötzlich ruhig, geordnet, fast erleichtert. Das Umfeld hält das für ein Zeichen der Stabilisierung. In Wahrheit ist die Entscheidung bereits gefallen.
Warum ist sie so gefährlich?
Weil sie Sicherheit vorgaukelt, wo höchste Alarmbereitschaft nötig wäre. Es gab Fälle, in denen Betroffene nach jahrelanger Isolation auf einmal ruhig und klar erschienen und wenige Tage später gemeinsam mit einem Chatpartner Suizid begingen.
Die suizidale Pause bedeutet:
Kein innerer Kampf mehr
Keine Suche nach Hilfe mehr
Kein „vielleicht“ mehr, nur noch ein „jetzt ist es beschlossen“
Wer diese Stille erkennt, rettet Leben.
Was ist in einer akuten Krise zu tun?
Wenn ein junger Mensch von Suizid spricht, ist das ein Hilferuf.
In einer akuten Krise zählt jede Minute. Wenn sich Ihnen jemand anvertraut oder Sie Suizidgedanken vermuten, zögern Sie nicht. Lieber einmal zu früh handeln als einmal zu spät.
Besonders gefährdet sind Jugendliche mit depressiver Verstimmung, sozialem Rückzug und konkreten Internetrecherchen. Auch wenn sie ruhig wirken, ist die Gefahr nicht gebannt, wie der Fall eines Jungen zeigt, der bereits Schlafmittel und Alkohol besorgt hatte. Die Ruhe kann das stärkste Warnsignal sein.
Wie Sie konkret helfen können:
Bleiben Sie da. Lassen Sie den Menschen in der Krise nicht allein. Ihre Anwesenheit wirkt stabilisierend.
Fragen Sie direkt nach. Zum Beispiel: „Hast du daran gedacht, dir das Leben zu nehmen?“ Die offene Frage entlastet.
Nehmen Sie jede Äußerung ernst. Auch scheinbar beiläufige Sätze wie „Ich will einfach nicht mehr“ sollten nicht überhört werden.
Kontaktieren Sie sofort professionelle Hilfe.
Vermeiden Sie gut gemeinte Beruhigungen, die die Lage bagatellisieren, etwa: „Das wird schon wieder.“ Sagen Sie besser: „Ich bin für dich da. Du musst da nicht allein durch.“
Was tun, wenn sich Ihnen jemand anvertraut?
Wenn sich Ihnen ein Mensch öffnet, stehen Sie an einem Wendepunkt.
Viele Angehörige und Freunde fühlen sich überfordert, wenn jemand von Suizidgedanken spricht. Ihre Anwesenheit ist die wichtigste Hilfe. Ihre Haltung, Ihre Reaktion und Ihr Zuhören machen den Unterschied.
Was jetzt im Gespräch wichtig ist:
Bleiben Sie ruhig. Atmen Sie durch, hören Sie zu. Ihre Gelassenheit wirkt stabilisierend.
Werten Sie nichts ab. Sätze wie „So schlimm ist das doch nicht“ können verletzen. Ernst nehmen heißt: „Ich sehe, dass das für dich gerade schwer ist.“
Fragen Sie nach. „Wie lange fühlst du dich schon so?“ oder „Was hilft dir, nicht aufzugeben?“ Fragen schaffen Verbindung.
Entscheiden Sie nicht über den Kopf des anderen hinweg. Beziehen Sie ihn aktiv ein: in Gespräche, in die Suche nach Hilfe, in Entscheidungen.
Ein Gespräch kann der Anfang von Rettung sein und den Weg in die Therapie öffnen.
Viele junge Menschen berichten später, dass genau dieser Moment ihr Denken verändert hat. Eine Lösung gab es da noch nicht. Es gab jemanden, der da war.
Welche Hilfe gibt es in Deutschland bei Lebenskrisen?
Leben darf nicht erst scheitern müssen, um in der Krise gehört zu werden.
Deutschland verfügt über ein dichtes Netz an Hilfsangeboten. Viele davon sind anonym, kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar. Trotzdem finden Betroffene sie oft zu spät oder scheuen sich, danach zu fragen.
Wichtige Anlaufstellen in suizidalen Krisen:
Notruf: 112
TelefonSeelsorge (kostenfrei, anonym): 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123
Für Jugendliche: Nummer gegen Kummer, 116 111
Krisendienste im jeweiligen Bundesland
Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxen vor Ort
TelefonSeelsorge: anonym, bundesweit, rund um die Uhr
📞 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123
🌐 www.telefonseelsorge.de
Nummer gegen Kummer: für Kinder und Jugendliche
📞 116 111 (kostenfrei, anonym, Mo–Sa)
🌐 www.nummergegenkummer.de
krisenchat: niedrigschwellige Chatberatung für junge Menschen
💬 www.krisenchat.de (rund um die Uhr per Chat erreichbar)
Psychiatrische Bereitschafts- und Krisendienste
Je nach Bundesland. Suchen Sie online nach „Krisendienst + [Ihr Bundesland]“.
Oder rufen Sie bundesweit den ärztlichen Bereitschaftsdienst an: 📞 116 117
Online-Verzeichnisse und Infoportale:
www.ak-leben.de (Arbeitskreis Leben, spezialisierte Hilfe für Jugendliche)
www.kompetenznetz-depression.de (inkl. Selbsttest, Fachadressen, Broschüren)
www.bkjpp.de (Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxen deutschlandweit)
Tipp: Viele dieser Angebote helfen auch Angehörigen, Lehrkräften und Freunden, telefonisch wie online.
Suizidprävention wirkt, wenn sie erreichbar und sichtbar ist.
Was Eltern und Freunde tun und im Gespräch erreichen können
Unterstützen heißt: präsent, klar und ansprechbar sein.
Wenn Sie als Mutter, Vater oder Freund unsicher sind, ob Gefahr besteht, gelten folgende Empfehlungen:
1. Hören Sie zu, ohne zu unterbrechen.
Lassen Sie Betroffene aussprechen, was sie bewegt, auch wenn es wehtut. Das hilft, ihr Verhalten zu verstehen.
2. Sprechen Sie das Thema direkt an.
Fragen Sie offen: „Denkst du manchmal daran, dir das Leben zu nehmen?“ Studien zeigen, dass diese Frage das Risiko nicht erhöht und Betroffene oft entlastet.
3. Suchen Sie professionelle Beratung für sich selbst und Ihr Kind.
Psychotherapeuten für Erwachsene oder für Kinder und Jugendliche, Beratungsstellen und Schulpsychologen helfen, die ersten Schritte zu klären.
4. Nehmen Sie Suizidankündigungen immer ernst.
Auch wenn sie im Affekt fallen, sind sie ein Zeichen innerer Not.
5. Vermeiden Sie emotionale Erpressung oder Überreaktionen.
Bleiben Sie verbindlich, ruhig und empathisch. Es geht um Rettung.
6. Bleiben Sie präsent, auch wenn Ihr Kind Sie zurückweist.
Gerade in Rückzugsphasen ist es wichtig, dass Sie als stabile Bezugsperson spürbar bleiben.
Das unmittelbare Umfeld ist der wichtigste Zugang zu professioneller Hilfe.
Sie sah ruhig aus. Vielleicht zu ruhig. Wenig später war sie tot. Was tun bei Krisen, Suizidgedanken und in der suizidalen Pause?
Sekunden, bevor sie losließ: Wenn die Ruhe vor dem Suizid ein Warnsignal ist
Hilfe finden in Lebenskrisen: Was Sie über die trügerische Ruhe vor einem Suizid wissen müssen
Sie wirkte ruhig. Gefasst. Friedlich. Und dann war sie weg.
Im Januar 2014 fotografierte eine Frau auf der Brücke beim Hoover-Damm den Sonnenuntergang. Auf einem ihrer Bilder steht Heather Papayoti, 42 Jahre alt, mit verschränkten Armen wenige Schritte vom Geländer entfernt (https://bouldercityreview.com/news/lake-mead-hoover-dam/picture-captures-final-moments-of-womans-life/). Kurz darauf sprang sie. Kein Schrei. Keine Szene. Handtasche und Jacke lagen noch im wartenden Taxi. Sie hatte schon früher davon gesprochen, von dieser Brücke zu springen, und war in Behandlung. Die Fotografin sagte später: „Es wirkte, als würde sie warten, bis alle wegschauen.“
Was so ruhig wirkt, ist oft das Gegenteil von Heilung: eine gefährliche Pause vor dem Suizid. Diese scheinbare Gelassenheit wird bei Jugendlichen wie bei Erwachsenen regelmäßig falsch gedeutet. Viele wirken kurz vor einem Suizidversuch völlig gefasst, obwohl sie längst konkrete Vorbereitungen getroffen haben.
Die sogenannte „suizidale Pause“ täuscht Angehörige und Betroffene. Sie tritt ein, wenn die Entscheidung bereits gefallen ist. Besser geht es den Betroffenen dann nicht.
Suizidprävention beginnt mit Verstehen. Und manchmal mit einem einzigen Blick, der nicht wegschaut.
Worum es geht:
Welche Anzeichen auf suizidale Krisen hinweisen, auch wenn alles „normal“ scheint
Warum Jugendliche besonders gefährdet sind und wie sich das äußert
Welche Rolle die Familie, das Umfeld und Internetforen spielen
Was Sie tun können, wenn Sie sich Sorgen machen
Was versteht man unter Suizidprävention?
Suizidprävention bedeutet, Leben zu schützen, bevor jemand nicht mehr darum bittet.
Der Begriff umfasst alle Maßnahmen, die aufklären, Suizidversuche verhindern oder Betroffene in suizidalen Krisen stabilisieren. Dazu gehören psychologische Beratung, therapeutische Begleitung, Aufklärung über Suizidalität und niedrigschwellige Hilfsangebote in der Schule, in der Familie und im Netz.
Bei Jugendlichen ist Prävention besonders wichtig. Laut Studien denkt jeder fünfte junge Mensch zumindest gelegentlich an Suizid. Viele von ihnen sind still. Sie wirken gefasst, leistungsfähig, angepasst. Hinter dieser Oberfläche lauert oft der Wunsch zu verschwinden, geboren aus tiefer Erschöpfung.
Diese Stille ist trügerisch. Wer lange unter Isolation, Depression oder Angst leidet und dann plötzlich ruhig wirkt, befindet sich möglicherweise in einer suizidalen Endphase. Den inneren Kampf hat er dann bereits aufgegeben.
Suizidprävention beginnt vor jeder Behandlung.
Sie heißt, informiert und aufmerksam zu sein. Gespräche vermitteln Wissen über Suizidalität und über Hilfsangebote. Das Ziel: Warnzeichen erkennen, Zugang schaffen und vermitteln: „Du bist nicht allein.“
Warum sind junge Menschen besonders gefährdet?
Junge Menschen tragen schwer, lange bevor sie gelernt haben, über ihre Lasten zu sprechen.
Pubertät, Leistungsdruck, soziale Unsicherheit, familiäre Spannungen und eine digitale Überforderung in bisher unbekanntem Maß wirken sich tiefgreifend auf das psychische Gleichgewicht aus. Kommen depressive Episoden, Angststörungen oder belastende Schulerfahrungen hinzu, gerät die innere Welt junger Menschen leicht aus dem Lot.
Häufig treiben Verzweiflung, Isolation und das Gefühl, keine Alternative zu haben, Jugendliche in eine Krise. Besonders alarmierend: Etwa 40 bis 60 Prozent der gefährdeten Jugendlichen konsumieren regelmäßig Drogen oder Medikamente, um sich zu betäuben.
Sie brauchen einen sicheren Raum. Ein Gespräch, das nicht wertet. Einen Erwachsenen, der nicht wegschaut. Eine Schule, die neben der Leistung auch die Belastung sieht und in der sie Hilfe in Lebenskrisen bekommen.
Wie äußert sich Suizidalität bei Jugendlichen?
Meist beginnt es mit Rückzug. Ein Abschiedsbrief steht selten am Anfang.
Suizidalität zeigt sich bei Jugendlichen sehr unterschiedlich. Manche werden aggressiv, andere still. Einige wirken überdreht und fröhlich, andere verlieren jedes Interesse an sozialen Kontakten. Manche zeigen nach langer Isolation plötzlich eine unerklärliche Gelassenheit und wirken ruhig und sortiert.
Typische Warnzeichen sind Veränderungen im Verhalten, Rückzug und Anzeichen emotionaler Belastung:
Anhaltende Niedergeschlagenheit oder Reizbarkeit
Rückzug von Freunden, Familie, Schule und aus dem gewohnten Umfeld
Übertriebene Empfindlichkeit gegenüber Kritik
Gespräche über Tod, Ausweglosigkeit oder Wertlosigkeit
Vorbereitungshandlungen wie das Verschenken wichtiger Gegenstände
Verhaltensänderungen: impulsiv, wütend oder überangepasst
Besonders trügerisch ist die sogenannte suizidale Pause. Sie tritt oft ein, wenn die Entscheidung zum Suizid bereits gefallen ist, und bringt scheinbar neue Ruhe. Diese Ruhe ist ein leiser Abschied.
Was ist eine suizidale Pause?
Die suizidale Pause ist ein trügerischer Moment der Ruhe, der wie Besserung aussieht.
Sie beschreibt einen Zustand äußerer Gelassenheit, der häufig kurz vor einem geplanten Suizid eintritt. Betroffene wirken plötzlich ruhig, geordnet, fast erleichtert. Das Umfeld hält das für ein Zeichen der Stabilisierung. In Wahrheit ist die Entscheidung bereits gefallen.
Warum ist sie so gefährlich?
Weil sie Sicherheit vorgaukelt, wo höchste Alarmbereitschaft nötig wäre. Es gab Fälle, in denen Betroffene nach jahrelanger Isolation auf einmal ruhig und klar erschienen und wenige Tage später gemeinsam mit einem Chatpartner Suizid begingen.
Die suizidale Pause bedeutet:
Kein innerer Kampf mehr
Keine Suche nach Hilfe mehr
Kein „vielleicht“ mehr, nur noch ein „jetzt ist es beschlossen“
Wer diese Stille erkennt, rettet Leben.
Was ist in einer akuten Krise zu tun?
Wenn ein junger Mensch von Suizid spricht, ist das ein Hilferuf.
In einer akuten Krise zählt jede Minute. Wenn sich Ihnen jemand anvertraut oder Sie Suizidgedanken vermuten, zögern Sie nicht. Lieber einmal zu früh handeln als einmal zu spät.
Besonders gefährdet sind Jugendliche mit depressiver Verstimmung, sozialem Rückzug und konkreten Internetrecherchen. Auch wenn sie ruhig wirken, ist die Gefahr nicht gebannt, wie der Fall eines Jungen zeigt, der bereits Schlafmittel und Alkohol besorgt hatte. Die Ruhe kann das stärkste Warnsignal sein.
Wie Sie konkret helfen können:
Bleiben Sie da. Lassen Sie den Menschen in der Krise nicht allein. Ihre Anwesenheit wirkt stabilisierend.
Fragen Sie direkt nach. Zum Beispiel: „Hast du daran gedacht, dir das Leben zu nehmen?“ Die offene Frage entlastet.
Nehmen Sie jede Äußerung ernst. Auch scheinbar beiläufige Sätze wie „Ich will einfach nicht mehr“ sollten nicht überhört werden.
Kontaktieren Sie sofort professionelle Hilfe.
Vermeiden Sie gut gemeinte Beruhigungen, die die Lage bagatellisieren, etwa: „Das wird schon wieder.“ Sagen Sie besser: „Ich bin für dich da. Du musst da nicht allein durch.“
Was tun, wenn sich Ihnen jemand anvertraut?
Wenn sich Ihnen ein Mensch öffnet, stehen Sie an einem Wendepunkt.
Viele Angehörige und Freunde fühlen sich überfordert, wenn jemand von Suizidgedanken spricht. Ihre Anwesenheit ist die wichtigste Hilfe. Ihre Haltung, Ihre Reaktion und Ihr Zuhören machen den Unterschied.
Was jetzt im Gespräch wichtig ist:
Bleiben Sie ruhig. Atmen Sie durch, hören Sie zu. Ihre Gelassenheit wirkt stabilisierend.
Werten Sie nichts ab. Sätze wie „So schlimm ist das doch nicht“ können verletzen. Ernst nehmen heißt: „Ich sehe, dass das für dich gerade schwer ist.“
Fragen Sie nach. „Wie lange fühlst du dich schon so?“ oder „Was hilft dir, nicht aufzugeben?“ Fragen schaffen Verbindung.
Entscheiden Sie nicht über den Kopf des anderen hinweg. Beziehen Sie ihn aktiv ein: in Gespräche, in die Suche nach Hilfe, in Entscheidungen.
Ein Gespräch kann der Anfang von Rettung sein und den Weg in die Therapie öffnen.
Viele junge Menschen berichten später, dass genau dieser Moment ihr Denken verändert hat. Eine Lösung gab es da noch nicht. Es gab jemanden, der da war.
Welche Hilfe gibt es in Deutschland bei Lebenskrisen?
Leben darf nicht erst scheitern müssen, um in der Krise gehört zu werden.
Deutschland verfügt über ein dichtes Netz an Hilfsangeboten. Viele davon sind anonym, kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar. Trotzdem finden Betroffene sie oft zu spät oder scheuen sich, danach zu fragen.
Wichtige Anlaufstellen in suizidalen Krisen:
Notruf: 112
TelefonSeelsorge (kostenfrei, anonym): 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123
Für Jugendliche: Nummer gegen Kummer, 116 111
Krisendienste im jeweiligen Bundesland
Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxen vor Ort
TelefonSeelsorge: anonym, bundesweit, rund um die Uhr
📞 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123
🌐 www.telefonseelsorge.de
Nummer gegen Kummer: für Kinder und Jugendliche
📞 116 111 (kostenfrei, anonym, Mo–Sa)
🌐 www.nummergegenkummer.de
krisenchat: niedrigschwellige Chatberatung für junge Menschen
💬 www.krisenchat.de (rund um die Uhr per Chat erreichbar)
Psychiatrische Bereitschafts- und Krisendienste
Je nach Bundesland. Suchen Sie online nach „Krisendienst + [Ihr Bundesland]“.
Oder rufen Sie bundesweit den ärztlichen Bereitschaftsdienst an: 📞 116 117
Online-Verzeichnisse und Infoportale:
www.ak-leben.de (Arbeitskreis Leben, spezialisierte Hilfe für Jugendliche)
www.kompetenznetz-depression.de (inkl. Selbsttest, Fachadressen, Broschüren)
www.bkjpp.de (Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxen deutschlandweit)
Tipp: Viele dieser Angebote helfen auch Angehörigen, Lehrkräften und Freunden, telefonisch wie online.
Suizidprävention wirkt, wenn sie erreichbar und sichtbar ist.
Was Eltern und Freunde tun und im Gespräch erreichen können
Unterstützen heißt: präsent, klar und ansprechbar sein.
Wenn Sie als Mutter, Vater oder Freund unsicher sind, ob Gefahr besteht, gelten folgende Empfehlungen:
1. Hören Sie zu, ohne zu unterbrechen.
Lassen Sie Betroffene aussprechen, was sie bewegt, auch wenn es wehtut. Das hilft, ihr Verhalten zu verstehen.
2. Sprechen Sie das Thema direkt an.
Fragen Sie offen: „Denkst du manchmal daran, dir das Leben zu nehmen?“ Studien zeigen, dass diese Frage das Risiko nicht erhöht und Betroffene oft entlastet.
3. Suchen Sie professionelle Beratung für sich selbst und Ihr Kind.
Psychotherapeuten für Erwachsene oder für Kinder und Jugendliche, Beratungsstellen und Schulpsychologen helfen, die ersten Schritte zu klären.
4. Nehmen Sie Suizidankündigungen immer ernst.
Auch wenn sie im Affekt fallen, sind sie ein Zeichen innerer Not.
5. Vermeiden Sie emotionale Erpressung oder Überreaktionen.
Bleiben Sie verbindlich, ruhig und empathisch. Es geht um Rettung.
6. Bleiben Sie präsent, auch wenn Ihr Kind Sie zurückweist.
Gerade in Rückzugsphasen ist es wichtig, dass Sie als stabile Bezugsperson spürbar bleiben.
Das unmittelbare Umfeld ist der wichtigste Zugang zu professioneller Hilfe.
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