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Heilung von Religionstrauma in der Kindheit: Unterstützung und Ressourcen

Die Schatten des Religionstraumas in der Kindheit heilen: Eine umfassende Einführung

1. Die Vielschichtigkeit des Religionstraumas in der Kindheit

Ehemalige Gläubige reagieren sehr unterschiedlich auf die Diagnose eines Religionstraumas in der Kindheit. Während einige Erleichterung verspüren, da sie endlich eine Erklärung für ihre Leiden finden, stehen andere vor der Herausforderung, diese Verbindung zwischen ihrer religiösen Vergangenheit und aktuellen psychischen Problemen zu akzeptieren.

In jedem Fall kann die Diagnose des religiösen Traumas den Betroffenen helfen, ihre Erfahrungen besser zu verstehen und Wege aufzeigen, wie sie mit den negativen Auswirkungen ihrer religiösen Vergangenheit umgehen können. Sie kann auch eine Tür öffnen, um professionelle Hilfe und Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um ihre Genesung und Heilung zu fördern.

2. Die Rolle von Religion im Kontext des Kindheitstraumas

Die begriffliche Abgrenzung von „Religion“ und wie sie zum Trauma in der Kindheit beitragen kann, ist komplex. Claude Lévi-Strauss und Hans Blumenberg bieten tiefe Einblicke in das Wesen der Religion, die hilfreich sind, um das Konzept des Religionstraumas in der Kindheit zu verstehen.

Religion ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, die den Glauben an überirdische Kräfte und häufig auch an heilige Orte oder Gegenstände beinhalten. Der Begriff Religion wird im deutschen Sprachraum sowohl für individuelle Religiosität als auch für kollektive Religionstraditionen verwendet. Die Lehren einer Religion basieren meist auf dem Glauben an Mitteilungen von Religionsstiftern, Propheten oder Schamanen, sowie auf intuitiven und individuellen Erfahrungen. Spirituelle Mitteilungen oder Erfahrungen werden in vielen Religionen als Offenbarung betrachtet. Skeptiker und Religionskritiker hingegen suchen nach kontrollierbarem Wissen durch rationale Erklärungen. Religion beeinflusst mit Normen und Vorschriften Wertvorstellungen, menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen.

3. Glaube, Praxis und Institution: die Dimensionen im Herzen des Religionstraumas

Um das Religionstrauma in der Kindheit zu verstehen, ist es wichtig, zwischen Religion als Glaube, Praxis und Institution zu unterscheiden. Jede dieser Dimensionen spielt eine Rolle bei der Entstehung des Traumas.

Religion als Glaube bezieht sich auf die individuelle Überzeugung und das subjektive religiöse Leben eines Gläubigen. Es umfasst den persönlichen Glauben an das Transzendente, das Streben nach Erleuchtung und die Religionszugehörigkeit. Diese Dimension der Religion betont das spirituelle und emotionale Element des Glaubens.

Religion als Praxis bezieht sich auf die konkreten Handlungen, Rituale und Lehren, die von den Anhängern einer bestimmten Religion ausgeübt werden. Sie umfasst ethische Prinzipien, moralische Regeln und tägliche Rituale, die in der jeweiligen Glaubensgemeinschaft praktiziert werden. Die praktizierte Ethik kann je nach Auslegung der Religion variieren, z. B. in Bezug auf den Umgang mit Gewalt oder die Interpretation religiöser Schriften.

Religion als Institution bezieht sich auf die formalen Strukturen, Organisationen und Hierarchien, die innerhalb einer religiösen Gemeinschaft existieren. Dazu gehören religiöse Führer, Dogmen, Lehren und Institutionen, die den Glauben der Gläubigen leiten und regeln. Die Institutionalisierung von Religion ermöglicht es, den Glauben auf organisierte Weise zu verbreiten und zu praktizieren.

In jeder religiösen Gemeinschaft sind Glaube, Praxis und Institution eng miteinander verbunden und beeinflussen einander auf verschiedene Weisen. Der Glaube bildet die Grundlage für die Lehren und Überzeugungen, die von den Gläubigen geteilt werden. Diese Überzeugungen führen zu bestimmten Praktiken und Riten, die innerhalb der religiösen Gemeinschaft ausgeübt werden, um den Glauben zu leben und zu praktizieren. Die Praxis wiederum stärkt den Glauben der Gläubigen und verankert die religiösen Werte in ihrem täglichen Leben. 

Die Institution einer religiösen Gemeinschaft ist die organisatorische Struktur, die den Glauben und die Praxis der Mitglieder lenkt und reguliert. Sie setzt Regeln und Normen fest, die das Verhalten und die Interaktionen innerhalb der Gemeinschaft steuern. Diese Institution kann sowohl rechtliche als auch moralische Autorität ausüben und somit das Verhalten und die Glaubenspraxis der Gläubigen beeinflussen. In einigen Religionen werden die moralischen Gesetze als von der Gottheit offenbart angesehen und haben somit höchste Autorität, wodurch die Gläubigen dazu angeleitet werden, sich diesen ethischen Anforderungen zu beugen.

Die gegenseitige Beeinflussung von Glauben, Praxis und Institution führt dazu, dass die Mitglieder einer religiösen Gemeinschaft durch ihre Überzeugungen und Handlungen in der Gemeinschaft verankert sind. Der Glaube gibt den Richtlinien vor, die Praxis verfestigt diesen Glauben im Alltag und die Institution stellt sicher, dass die Regeln und Normen eingehalten werden. Auf diese Weise sind Glaube, Praxis und Institution in einer religiösen Gemeinschaft eng miteinander verbunden und formen das religiöse Leben ihrer Mitglieder.

Claude Lévi-Strauss

Claude Lévi-Strauss, ein französischer Anthropologe und Ethnologe, dessen Arbeiten für die Entwicklung der Theorie des Strukturalismus von grundlegender Bedeutung waren, betrachtete die Religion als Teil eines umfassenderen Systems des menschlichen Denkens und der Kultur. Er gab zwar keine eindeutige Definition von Religion, aber er analysierte Mythen, die in vielen Religionen eine zentrale Rolle spielen, als Sprachsysteme, die die zugrunde liegenden Strukturen des menschlichen Geistes widerspiegeln. Für Lévi-Strauss war die Religion (und insbesondere der Mythos) eine Möglichkeit für die Gesellschaften, die Welt um sie herum zu ordnen und ihr einen Sinn zu geben, wodurch die universellen Strukturen des menschlichen Denkens offenbart wurden. Religion war seiner Ansicht nach außerdem geprägt von der menschlichen Tendenz, Erfahrungen in binäre Gegensätze zu klassifizieren und zu organisieren, wie Leben/Tod, Gut/Böse, Kultur/Natur usw.

Hans Blumenberg

Hans Blumenberg, ein deutscher Philosoph, vertrat einen anderen Ansatz. Seine Sicht auf die Religion ist eng mit seinem Verständnis der menschlichen Kultur und der Ideengeschichte verwoben. Aber auch er sah in der Religion ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Sinn, eine Möglichkeit, mit dem „Absolutismus der Wirklichkeit“ oder der überwältigenden Natur der Existenz fertig zu werden. Für Blumenberg bietet die Religion Geschichten, Metaphern und Symbole, die es den Menschen ermöglichen, sich in ihrer Realität zurechtzufinden und ihr einen Sinn zu geben, und die sie davor bewahren, von der schieren Unverständlichkeit und Bedrohung der Welt überwältigt zu werden. Seine Sicht der Religion konzentrierte sich darauf, wie sich Religion im menschlichen Leben und in der Kultur manifestiert, und weniger auf strukturelle oder funktionale Definitionen.

Beide Wissenschaftler boten tiefe Einblicke in das Wesen der Religion, indem sie ihre Rolle im menschlichen Denken, in der Kultur und in der existenziellen Suche nach Sinn hervorheben, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Lévi-Strauss‘ strukturalistischer Ansatz legt den Schwerpunkt auf die kognitiven Aspekte der Art und Weise, wie Religion und Mythos das menschliche Verständnis strukturieren, während Blumenberg die existenziellen und phänomenologischen Dimensionen der Religion als Antwort auf die menschliche Existenz betont.

4. Die Auswirkungen des Religionstraumas in der Kindheit

Das Religionstrauma in der Kindheit ist ein Zustand, der aus der Schwierigkeit resultiert, eine autoritäre, dogmatische Religion zu verlassen. Die Angstinduktion durch religiöse Institutionen führt zu einem Klima der Furcht und Unterdrückung, das tiefgreifende psychische Folgen haben kann.

Besonders die Angstinduktion als bewusstes Mittel zur Kontrolle von Mitgliedern, sei es durch physische Bestrafung oder die Schaffung von Angst vor äußeren Bedrohungen oder sogar vor dem Verlust der Gruppenmitgliedschaft, führt zu einem Klima der Furcht und Unterdrückung im Umfeld von religiösen Institutionen und Gruppierungen.

Menschen, die derartige kontrollierende religiöse Gemeinschaften verlassen, erleben Verwirrung, schlechte Fähigkeit zur kritischen Denkweise, negative Überzeugungen über Selbstwirksamkeit und Selbstwert, Schwarz-Weiß-Denken, Perfektionismus, Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung, Depression, Angst, Wut, Trauer, Einsamkeit, Schwierigkeiten mit Freude, Verlust von Sinn, Verlust des sozialen Netzwerks, Familienabriss, soziale Unbeholfenheit, sexuelle Schwierigkeiten und Verzögerungen bei Entwicklungszielen erfahren. Darüber hinaus haben diejenigen, die am meisten aufrichtig, fromm und engagiert waren, möglicherweise die größten Schwierigkeiten, wenn ihre religiöse Glaubenswelt zusammenbricht, was zu einem Zerbrechen des Selbst führen kann.

Tragen religiöse Gemeinschaften, die autoritär, isolationistisch und angstbasiert sind, zum Religionstrauma bei?

Besonders autoritäre, isolationistische und angstbasierte religiöse Gemeinschaften können definitiv zum Religionstrauma beitragen. Solche Gemeinschaften zeichnen ein toxisches Bild der Wirklichkeit, das Autoritarismus und Angst begünstigt und dadurch zu psychologischem Schaden führt. Insbesondere die Lehren von Hölle, göttlicher Strafe, Dämonen und einer bedrohlichen „Außenwelt“ pflanzen Angst tief in die Grundstruktur der Weltsicht Betroffener ein.

Der Austritt aus einer derartigen kontrollierenden religiösen Gemeinschaft wird als ein traumatisches Ereignis, da diese Gemeinschaften die Lebensgrundlage ihrer Mitglieder darstellen und als einzige Unterstützung gegen die als verdorben oder feindselig wahrgenommene Außenwelt, Weltanschauung, Sinn, soziale und emotionale Befriedigung gewähren. Der Prozess des Verlassens einer solchen Gemeinschaft erzwingt einen vollständigen Neuaufbau der Realität, und das ohne die Hilfe und Unterstützung von Familie und Freunden erfolgt, die in der Religion verbleiben.

Zusätzlich hören eine tiefverwurzelte Angst vor schrecklicher Bestrafung aller Sünden und das Problem des geringen Selbstwertgefühls bei Überlebenden des religiösen Traumas nicht einfach über Nacht auf. Im Gegenteil, sie können sich zu unerträglichen Panikattacken auswachsen. Letztlich lehren autoritäre Religionen ja Furcht vor der Welt und betonen die Notwendigkeit der Gruppenzugehörigkeit für das Seelenheil. Das begünstigt nach dem Verlassen der Gemeinschaft erst recht nachhaltige phobische oder sogar paranoide Gedanken und Hilflosigkeit.

Alle religiösen Überzeugungen und Praktiken können Schaden anrichten oder zum Wohlbefinden beitragen. Es wurde aber festgestellt, dass bestimmte Arten von Religion, insbesondere fundamentalistische und patriarchalische, sowohl toxische Lehren als auch toxische Praktiken vermitteln, die Schaden anrichten können. Religiöse Überzeugungen wie die Lehre von der Hölle, göttlicher Strafe und ewiger Verdammnis können erheblichen psychischen Stress verursachen. Darüber hinaus können Missbrauch, Autoritarismus und die Unterdrückung von bestimmten Gruppen innerhalb religiöser Institutionen zu Schäden und Traumata führen.

Jedoch können religiöse Überzeugungen und Praktiken auch zum Wohlbefinden beitragen, vornehmlich wenn sie Werte wie Mitgefühl, Empathie und soziale Unterstützung fördern. Religion kann Menschen Trost, Sinn und Richtung im Leben geben, was zu einem insgesamt positiven emotionalen und psychologischen Zustand führen kann.

5. Kindliche Entwicklung, Trauma und religiöse Praktiken

Die Verbindung zwischen Religionstrauma und Kindheitstrauma liegt in der Tatsache, dass Kinder keinerlei Widerstandskraft und intellektuelle Ressourcen haben, sich gegen schädliche religiöse Erfahrungen abzugrenzen und sie darum in ihr entstehendes Weltbild verinnerlichen. Kinder, die in autoritären religiösen Umgebungen aufwachsen, sind, werden Opfer von Indoktrination, Missbrauch und emotionaler Manipulation mit der Folge langfristiger psychologischer Schäden.

RTS entwickelt sich als Reaktion auf den prolongierten Missbrauch durch eine kontrollierende religiöse Gemeinschaft. Durch Indoktrination lernen Kinder aus Angst, ihre natürliche Spontaneität und unabhängiges Denken zu unterdrücken und ihren eigenen Gefühlen zu misstrauen, und stattdessen bedingungslos externen Autoritäten, Schriften und religiösen Führer zu folgen.

Darüber hinaus werden Kinder durch religiöse Vorstellungen von Hölle, Bestrafung und dem ständigen Gefühl der Bedrohung durch einen allmächtigen Gott traumatisiert, was zu einem Zustand führen kann, der einer Komplexen PTBS vergleichbar ist.

Unabhängig von einer autoritären religiösen Umgebung, haben Vorstellungen von Hölle, Bestrafung und einem allmächtigen, rächenden Gott negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern. Sie verursachen heftige Angst, toxische Scham und ein tief eingewurzeltes Schuldbewusstsein. Die Idee einer allmächtigen und strafenden Gottheit, die über das Schicksal der Menschen entscheidet, verursacht Ohnmacht und Hilflosigkeit, die wiederum Stress und Angstzustände verstärken.

Die Vorstellung von Hölle als einem Ort der ewigen Verdammnis weckt bei Kindern Ängste vor dem Tod und beschädigt ihr Selbstwertgefühl. Ständige Angst vor Strafe und dem Zorn Gottes mündet in unerträglichem psychischem Druck und inneren Spannungen, die nicht folgenfrei für die psychische Gesundheit von Kindern bleiben können.

Kinder in autoritären religiösen Umgebungen stehen zudem auch unter dem mitleidlosen Druck, religiösen Normen und Vorschriften zu entsprechen, da Gehorsam und Bestrafung eine zentrale Rolle spielen. Angesichts der unvermeidlichen Erfahrung eigener Ungeschicklichkeit und des Ungenügens bei Kindern, wecken derartige unerbittliche Forderungen Gefühle der Angst vor Fehlern und Abweichungen von den Regeln, der Wertlosigkeit und des Ausgeliefertseins.

Die komplexe Verbindung zwischen Religion und Kindheitstrauma verdeutlicht, wie tiefgreifend religiöse Erfahrungen in der Kindheit das psychologische Wohlbefinden beeinflussen. Kinder sind biologisch darauf angewiesen, ihren erwachsenen Betreuern zu vertrauen, um zu überleben. Religiöse Praktiken die normale kognitive, soziale, emotionale und moralische Entwicklung von Kindern hemmen. Die Überschneidung von autoritären religiösen Lehren und dem biologischen Bedürfnis von Kindern, Autoritäten zu vertrauen, trägt zudem dazu bei, dass das Leiden der Kinder unsichtbar bleibt und die Betroffenen lebenslang von Familie und religiöser Gemeinschaft unter Druck gesetzt werden.

Insgesamt tragen religiöse Institutionen und Doktrinen, selbst indirekt und ungewollt, zu einem Kindheitstraumata bei, indem sie eine Umgebung schaffen, die Angst, Schuldgefühle und Minderwertigkeitskomplexe verursachen kann, sowie autoritäre Kontrolle und Missbräuche begünstigt, die das emotionale Wohlbefinden von Kindern beeinträchtigen können.

Erwähnt werden muss auch, dass Missbrauch, sei es physischer, sexueller oder emotionaler Natur, in religiösen Familien und Glaubensgemeinschaften auftreten kann und wiederholt aufgetreten ist, ohne dass entsprechende autoritäre Strukturen einschreiten. Dies muss, vor dem Hintergrund der beschädigten körperlichen und emotionalen Entwicklung betroffener Kinder, zu besonders schweren Traumata führen, da derartige Täter ein unentrinnbares isolierendes, bedrohungsbezogenes Realitätsmodell aufbauen, um ihre Opfer einzuschüchtern.

6. Schlussfolgerung: Das Bewusstsein für Religionstrauma in der Kindheit schärfen

Die Diskussion um das Thema „Religionstrauma in der Kindheit“ hat uns in ein komplexes Feld von psychologischen, sozialen und spirituellen Dimensionen geführt, das zeigt, dass die Rolle der Religion im menschlichen Leben sowohl heilsam als auch schädlich sein kann. Der Begriff des Religionstraumas (RTS) erhellt die tiefen Auswirkungen autoritärer und dogmatischer religiöser Praktiken auf das individuelle psychische Wohlbefinden, insbesondere bei Kindern, zu verstehen und anzuerkennen.

Das Verständnis von Religion als ein mehrdimensionales Phänomen, das sowohl Glaube, Praxis als auch institutionelle Strukturen umfasst, ist entscheidend, um die Mechanismen zu erkennen, durch die religiöse Erfahrungen traumatisierend wirken können. Während Glaube und Praxis persönliche und kollektive spirituelle Dimensionen betreffen, prägen die institutionellen Aspekte von Religion oft die Art und Weise, wie Glaube und Praxis in der Gesellschaft organisiert und durchgesetzt werden. Diese Strukturen können sowohl unterstützend als auch unterdrückend sein und haben das Potenzial, sowohl positive als auch negative psychologische Auswirkungen auf ihre Mitglieder, speziell auf Kinder, zu haben.

Kinder, die in stark autoritären religiösen Umgebungen aufwachsen, sind besonders anfällig für religiöses Trauma, da sie die dogmatischen Lehren und die damit verbundenen Ängste und Schuldgefühle verinnerlichen, ohne die Möglichkeit, sie kritisch zu hinterfragen oder sich dagegen zur Wehr zu setzen. Dies kann zu langfristigen psychischen Problemen führen, darunter Angstzustände, Depressionen, niedriges Selbstwertgefühl und Schwierigkeiten bei der Entwicklung eines gesunden Selbstbildes und bei der sozialen Interaktion.

Die Werke von Claude Lévi-Strauss und Hans Blumenberg liefern wichtige theoretische Rahmen, um die tiefgreifende Rolle der Religion in der menschlichen Kultur und Psychologie zu verstehen. Während Lévi-Strauss die strukturellen Aspekte von Mythos und Religion hervorhebt, betont Blumenberg die existenzielle und phänomenologische Bedeutung von Religion als eine Antwort auf die menschliche Bedingung. Beide Perspektiven bieten wertvolle Einblicke in die Art und Weise, wie religiöse Überzeugungen und Praktiken das menschliche Bewusstsein prägen und wie sie sowohl zur Quelle von Trost und Sinn als auch von Trauma und Leid werden können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Verständnis und die Anerkennung von religiösem Trauma wichtige Schritte sind, um die psychologischen Auswirkungen autoritärer religiöser Praktiken auf Kinder zu adressieren. Durch die Untersuchung der verschiedenen Dimensionen von Religion und ihrer Auswirkungen auf das individuelle und kollektive Wohlbefinden können wir Wege finden, die heilenden Aspekte der Religion zu fördern, während wir gleichzeitig die potenziell schädlichen Praktiken und Strukturen hinterfragen und reformieren. Die Bereitstellung von Ressourcen und Unterstützung für diejenigen, die von religiösem Trauma betroffen sind, ist ein wesentlicher Schritt, um Heilung und Erholung zu ermöglichen und ein tiefgreifenderes Verständnis für die komplexe Rolle der Religion im menschlichen Leben zu entwickeln.

Die Feststellung, dass für Betroffene von religiösem Trauma vor allem Erlebnisberichte zur Verfügung stehen, während strukturierte Unterstützungsangebote und Ressourcen rar sind, unterstreicht die Notwendigkeit, das Bewusstsein und die Verfügbarkeit von spezialisierten Hilfsangeboten zu erhöhen. Zwar liegt eine besondere Kraft persönlicher Geschichten in ihrer Fähigkeit, das Gefühl der Isolation zu durchbrechen und Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Jedoch sind diese Berichte allein oft nicht ausreichend, um den Weg der Heilung und Verarbeitung zu beschreiten.

Es bedarf einer systematischen Herangehensweise, um Betroffenen wirksam zu helfen. Dazu zählen professionelle therapeutische Angebote, die speziell auf die Thematik des religiösen Traumas ausgerichtet sind, Selbsthilfegruppen, die sich diesem Thema widmen, sowie Informations- und Bildungsmaterialien, die Aufklärung über die Natur und die Auswirkungen des religiösen Traumas bieten. Die Entwicklung und Verbreitung solcher Ressourcen können dazu beitragen, den Heilungsprozess für Individuen zu unterstützen und zu beschleunigen, die mit den Folgen eines religiösen Traumas zu kämpfen haben.

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