Ockhams Rasiermesser HortusDeliciarum Die Philosophie mit den sieben freien Künsten

Ockhams Rasiermesser – Ein nützliches Werkzeug in der Logik

 

„Substantia non sunt multiplicanda praeter necessitatem.“

 

 

Der Prinzip „Ockhams Rasiermesser“ wird auch Parsimonitätsprinzip (Sparsamkeitsprinzip) genannt. Der Begriff leitet sich vom Namen Wilhelms von Ockham ab, eines brillanten Theologen, Philosophen und Logikers des Mittelalters. Sein Grundprinzip ist bis heute eine Richtschnur für das logische Denken. Es besagt, dass von zwei konkurrierenden Theorien, die ein Phänomen erklären und beide allgemein dieselbe Schlussfolgerung ziehen, die beide gleichermaßen überzeugend sind, und die beide das Problem zufriedenstellend erklären, der Logiker immer die einfachere Lösung auswählen sollte. Die Lösung mit der geringeren Anzahl von Elementen ist am wahrscheinlichsten korrekt. (Der Gedanke ist, unnötige Teile herauszuschneiden, daher der Name „Rasiermesser“.)

Ein Beispiel soll verdeutlichen, wie „Ockham Rasiermesser“ funktioniert:

Angenommen, Sie kommen nach Hause und stellen fest, dass Ihr Hund aus dem Zwinger entkommen ist und Ihre Couch zerlegt hat. Ihnen fallen zwei mögliche Theorien ein:

(1) Sie haben vergessen, die Zwingertür zu verriegeln, und der Hund konnte sie öffnen. So kam der Hund frei. Diese Erklärung erfordert zwei Entitäten (Sie und den Hund) und zwei Handlungen (Sie vergessen, die Zwingertür zu verriegeln und der Hund öffnet die Tür).

(2) Ein Einbrecher hat es geschafft, die Vordertür zu aufzubrechen, kam ins Haus und befreite den Hund aus dem Zwinger. Danach schlich er sich wieder davon und verwischte ausnahmslos alle Spuren seiner Anwesenheit. Zum Schluss verschloss er die Haustür wieder, so dass der Hund drinnen eingeschlossen war und die Couch zerstörte. Diese Theorie erfordert drei Entitäten (Sie, den Hund und den Einbrecher) und mindestens 8 Aktionen (Aufbrechen der Tür, Betreten des Hauses, Befreiung des Hundes, Verwischen der Spuren, Wiederverschließen der Vordertür usw.). Sie erforderte außerdem noch ein plausibles Motiv für den Eindringling, das an dieser Stelle völlig fehlt.

Jede Theorie wäre eine angemessene und plausible Erklärung. Beide erklären das gleiche Phänomen (die vom entflohenen Hund zerstörte Couch) und beide wenden die gleiche Theorie an: dass die Zwingertür irgendwie geöffnet wurde (im Gegensatz zu einer noch weiter hergeholten Theorie über Hundeteleportation oder Aliens).

Welche Theorie ist am wahrscheinlichsten richtig? Wenn Sie keine Beweise, wie Finger- oder Fußabdrücke und fehlende Besitztümer finden, um die Theorie Nr. 2 zu stützen, würde William von Ockham sagen, dass die einfachere Lösung (1) in diesem Fall höchstwahrscheinlich richtig ist. Die erste Lösung umfasst nur zwei Teile – zwei Entitäten und zwei Aktionen. Andererseits erfordert die zweite Theorie mindestens 8 Teile – Sie, den Hund, einen hypothetischen unbekannten Eindringling, eine plausible Motivation und verschiedene Aktionen. Sie ist unnötig komplex. “
Ockhams Rasiermesser“ lautete: die einfachere Theorie mit höherer Wahrscheinlichkeit richtig, als eine Theorie, die sich auf viele hypothetische Ergänzungen zu den bereits gesammelten Beweisen stützt.

Das ist natürlich etwas vereinfacht, denn die „substantia“ der Scholastik hatten nicht einfach die Bedeutung von Elementen. Aber das Prinzip hat trotzdem Bestand und führt auch in unserem Beispiel zur logisch richtigen Entscheidung.

Klingt für Sie nach karierter Mütze, Pfeife, Geige und Dr. Watson? Zu Recht: Sherlock Holmes, also sein Erfinder Arthur C. Doyle, bemühte das Prinzip unablässig, ohne allerdings seinen wirklichen Erfinder beim Namen zu nennen. Aber das haben wir ja jetzt nachgeholt.

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