Alphawellen
Veröffentlicht am:
20.02.2026


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Ein schwedisch-französisches Forschungsteam veröffentlichte in Nature Communications, dass Alpha-Gehirnwellen unser Körperbewusstsein steuern – die empfundene Grenze zwischen „ich“ und „nicht ich“.
Alphawellen im Gehirn: Wie dein Körpergefühl durch Hirnströme gesteuert wird
Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass sogenannte Alphawellen im parietalen Kortex bestimmen, wo das Selbst aufhört und die Außenwelt beginnt. Das hat weitreichende Konsequenzen – von der Therapie dissoziativer Störungen bis zur Entwicklung intelligenter Prothesen. Ein Überblick über die Studie, ihre neurobiologischen Grundlagen und was sie für die klinische Praxis bedeutet.
Was sind Alphawellen und welche Rolle spielen sie für unser Selbsterleben?
Alphawellen sind rhythmische elektrische Schwingungen im Gehirn mit einer Frequenz von etwa 8 bis 13 Hertz. Sie wurden bereits Anfang des 20. Jahrhunderts vom deutschen Psychiater Hans Berger erstmals beschrieben und gelten seither als Marker für entspannte Wachheit. In der klinischen Praxis werden sie routinemäßig im EEG gemessen und ihre Veränderungen können auf verschiedenste neurologische und psychiatrische Zustände hinweisen. Doch ihre Bedeutung geht weit über einfache Entspannung oder Diagnostik hinaus: Neuere Forschung zeigt, dass Alphawellen eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung sensorischer Informationen und der Integration von Körperwahrnehmungen spielen.
Besonders im parietalen Kortex – dem Hirnbereich, der für die Kartierung des eigenen Körpers und die Verarbeitung sensorischer Reize zuständig ist – scheinen Alphawellen maßgeblich zu beeinflussen, wie wir unseren Körper als „zu uns gehörig“ erleben. Eine im Januar 2026 in Nature Communications veröffentlichte Studie eines schwedisch-französischen Forschungsteams konnte erstmals zeigen, dass die Geschwindigkeit dieser Wellen direkt bestimmt, wie scharf oder durchlässig unsere Körpergrenzen wahrgenommen werden.
Wie wurde die Studie durchgeführt? Das Experiment mit der Gummihand
Die Forscher nutzten ein klassisches und elegant einfaches Paradigma der experimentellen Psychologie: die sogenannte Rubber Hand Illusion (Gummihand-Illusion). Dabei wird die echte Hand einer Versuchsperson hinter einem Sichtschutz verborgen, während eine lebensechte Gummihand sichtbar vor ihr platziert wird. Beide Hände – die echte und die künstliche – werden dann gleichzeitig mit einem Pinsel berührt.
In der Studie nahmen 106 Probanden teil, deren Gehirnaktivität während des Experiments mittels EEG (Elektroenzephalografie) aufgezeichnet wurde. Der entscheidende Befund: Viele Teilnehmende begannen, die Berührung auf der Gummihand als ihre eigene zu empfinden. Sie erlebten ein Gefühl des Besitzes über ein Objekt, das offensichtlich nicht zu ihrem Körper gehörte. Besonders aufschlussreich war die Analyse der zeitlichen Synchronisation: Wenn die Berührungen der echten und der künstlichen Hand genau gleichzeitig erfolgten, war die Illusion am stärksten. Schon geringe Verzögerungen von wenigen hundert Millisekunden konnten sie abschwächen – allerdings nicht bei allen Teilnehmenden gleichermaßen, und genau hier kommen die Alphawellen ins Spiel.
Welche Hirnregion steuert das Gefühl von Körperzugehörigkeit?
Die EEG-Daten zeigten eindeutig, dass die Alphawellen-Aktivität im parietalen Kortex mit dem Erleben der Gummihand-Illusion korrelierte. Der parietale Kortex ist eine Schlüsselregion für die sogenannte multisensorische Integration – also die Fähigkeit des Gehirns, Informationen aus verschiedenen Sinneskanälen (Sehen, Fühlen, Propriozeption) zu einem einheitlichen Körperbild zusammenzufügen.
Konkret zeigte sich: Probanden mit schnelleren Alphawellen bemerkten selbst minimale Verzögerungen zwischen der gesehenen Berührung der Gummihand und der gefühlten Berührung der echten Hand. Ihr Gehirn war gewissermaßen „wachsamer“ gegenüber sensorischen Diskrepanzen und lehnte die Illusion eher ab. Probanden mit langsameren Alphawellen hingegen waren deutlich empfänglicher für die Täuschung – ihre Körpergrenzen waren durchlässiger.
Kann man Körpergrenzen gezielt verändern? Die Rolle der transkraniellen Stimulation
Der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt der Studie liegt in einem zweiten Experimentalschritt: Die Forscher setzten transkranielle Wechselstromstimulation (tACS) ein, um die Geschwindigkeit der Alphawellen gezielt zu manipulieren. tACS ist ein nicht-invasives Verfahren, bei dem schwache elektrische Ströme über Elektroden auf der Kopfhaut angelegt werden, um die natürliche Oszillationsfrequenz bestimmter Hirnareale zu beeinflussen.
Das Ergebnis war eindeutig: Wurde die Alpha-Frequenz beschleunigt, verschärften sich die Körpergrenzen der Probanden – sie waren weniger anfällig für die Gummihand-Illusion. Wurde die Frequenz verlangsamt, lockerten sich die Grenzen, und die Probanden akzeptierten die Gummihand leichter als Teil ihres Körpers. Damit wurde nicht nur eine Korrelation, sondern ein kausaler Zusammenhang nachgewiesen: Die Geschwindigkeit der Alphawellen steuert aktiv, wie das Gehirn zwischen „Ich“ und „Nicht-Ich“ unterscheidet.
Warum ist das Körperselbstbild für die psychische Gesundheit so wichtig?
Die Frage, wo das Selbst aufhört und die Welt beginnt, ist nicht nur ein philosophisches Gedankenexperiment – sie hat unmittelbare klinische Relevanz. Ein stabiles Körperselbstbild bildet die Grundlage für zahlreiche psychische Funktionen: emotionale Regulation, soziale Interaktion, Handlungsplanung und das grundlegende Gefühl, als kohärente Person in der Welt zu existieren.
Störungen dieses Körperselbstbildes finden sich bei einer ganzen Reihe psychiatrischer Erkrankungen. Bei der Depersonalisations-/Derealisationsstörung erleben Betroffene ihren eigenen Körper als fremd oder unwirklich – als würden sie sich selbst wie durch eine Glasscheibe beobachten. Bei dissoziativen Störungen, häufig als Folge schwerer Traumatisierungen, kann die Verbindung zwischen Körperempfinden und Selbsterleben regelrecht unterbrochen sein. Auch bei Essstörungen spielt ein verzerrtes Körperbild eine zentrale Rolle, wobei hier die Frage nach den neurobiologischen Grundlagen dieser Verzerrung bislang nur unzureichend beantwortet ist. Die neue Studie liefert nun einen neurobiologischen Mechanismus, der diesen Phänomenen zugrunde liegen könnte.
Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für Schizophrenie und dissoziative Störungen?
Bei Schizophrenie ist das Erleben der eigenen Körper- und Selbstgrenzen oft fundamental gestört. Betroffene können Schwierigkeiten haben, eigene Gedanken von äußeren Einflüssen zu unterscheiden, oder erleben Teile ihres Körpers als nicht zugehörig. Die Forschung zu Alphawellen und Körpergrenzen bietet hier einen konkreten neurophysiologischen Erklärungsansatz: Veränderte Alphawellen-Dynamik im parietalen Kortex könnte zu den charakteristischen Ich-Störungen beitragen.
Für dissoziative Störungen, die häufig im Kontext komplexer Traumatisierungen auftreten, sind die Befunde ebenfalls hochrelevant. Dissoziation lässt sich als ein Zustand verstehen, in dem die normalerweise automatische Integration von Körperempfindungen, Emotionen und Selbsterleben zusammenbricht. Wenn Alphawellen tatsächlich als eine Art „Taktgeber“ für diese Integration fungieren, eröffnet das neue therapeutische Perspektiven – etwa durch neurofeedbackbasierte Interventionen, die gezielt auf die Stabilisierung der Alpha-Oszillationen abzielen.
Auch bei traumabedingter Depersonalisation wäre denkbar, dass die chronische Dysregulation der Alphawellen im parietalen Kortex zu dem typischen Gefühl beiträgt, den eigenen Körper „von außen“ zu beobachten oder sich vom eigenen Erleben abgetrennt zu fühlen. In der psychotherapeutischen Arbeit mit traumatisierten Patientinnen und Patienten begegnen wir diesen Phänomenen regelmäßig: dem Gefühl, neben sich zu stehen, dem eigenen Arm nicht als zugehörig zu erleben, oder der Überzeugung, der eigene Körper sei „nicht echt“. Diese Erfahrungen sind für Betroffene oft zutiefst beunruhigend – und die neue Forschung zeigt, dass sie eine nachweisbare neurobiologische Grundlage haben.
Was hat die Gummihand-Illusion mit Phantomschmerzen zu tun?
Ein weiteres klinisches Anwendungsfeld betrifft das Phantomglied-Syndrom. Nach einer Amputation erleben viele Betroffene weiterhin lebhafte Empfindungen – einschließlich Schmerzen – in dem Körperteil, das physisch nicht mehr vorhanden ist. Dieses Phänomen zeigt eindrücklich, dass das Körperschema des Gehirns nicht einfach eine passive Abbildung der physischen Realität ist, sondern eine aktive Konstruktion.
Die Erkenntnis, dass Alphawellen die Grenzen des Körperselbstbildes regulieren, könnte neue Ansätze in der Behandlung von Phantomschmerzen ermöglichen. Wenn das Gehirn durch gezielte Modulation der Alphawellen dazu gebracht werden kann, eine Gummihand als eigene zu akzeptieren, ließe sich möglicherweise auch die Integration einer Prothese in das Körperschema fördern. Das Ziel wäre, den Übergang von „Fremdkörper“ zu „Teil von mir“ neurobiologisch zu unterstützen. Bisherige Ansätze wie die Spiegeltherapie nach Ramachandran arbeiten im Grunde bereits mit einem ähnlichen Prinzip – sie nutzen visuelle Rückmeldung, um das Körperschema zu aktualisieren. Die Alphawellen-Forschung könnte erklären, warum diese Ansätze bei manchen Patienten besser funktionieren als bei anderen: Individuelle Unterschiede in der Alpha-Dynamik könnten die Empfänglichkeit für solche Interventionen mitbestimmen.
Welche Chancen bieten die Forschung für Prothesen und Virtual Reality?
Die praktischen Implikationen reichen über die Psychiatrie hinaus. In der Prothetik ist es ein zentrales Problem, dass viele Amputierte ihre künstlichen Gliedmaßen nie vollständig als Teil ihres Körpers erleben. Dies führt nicht nur zu Unbehagen, sondern beeinträchtigt auch die funktionelle Nutzung der Prothese erheblich. Wenn tACS oder ähnliche Verfahren die Alpha-Oszillationen so modulieren können, dass das Gehirn die Prothese leichter „adoptiert“, könnte das die Rehabilitation grundlegend verändern.
Auch für die Virtual-Reality-Technologie sind die Ergebnisse von Bedeutung. VR-Systeme stehen vor der Herausforderung, dass Nutzer ihren virtuellen Körper oft als fremd erleben – ein Phänomen, das die Immersion und damit den therapeutischen oder edukativen Nutzen der Technologie begrenzt. Ein besseres Verständnis der neurobiologischen Grundlagen von Körperbesitz könnte dazu beitragen, VR-Erfahrungen so zu gestalten, dass sie vom Gehirn natürlicher akzeptiert werden.
Besonders interessant ist dies für die expositionsbasierte Therapie, bei der VR bereits heute eingesetzt wird – etwa bei der Behandlung von Phobien oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Je stärker das Gehirn den virtuellen Körper als „eigen“ akzeptiert, desto wirksamer könnte die therapeutische Exposition sein. Die Kombination aus VR-Technologie und gezielter Alphawellen-Modulation könnte hier einen Paradigmenwechsel einleiten.
Was bedeutet „Embodiment“ aus neurowissenschaftlicher Perspektive?
Der Begriff Embodiment – auf Deutsch oft als „Verkörperung“ oder „Leiblichkeit“ übersetzt – beschreibt die Tatsache, dass unser Erleben grundsätzlich an einen physischen Körper gebunden ist. In der Philosophie wurde dieses Konzept vor allem von Phänomenologen wie Maurice Merleau-Ponty entwickelt, der argumentierte, dass der Körper nicht bloß ein Objekt unter Objekten ist, sondern die Grundlage jeder Welterschließung.
Die neue Studie fügt diesem philosophischen Verständnis eine konkrete neurobiologische Dimension hinzu. Embodiment ist offenbar kein fester Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, der von messbaren Gehirnrhythmen abhängt und sogar von außen beeinflusst werden kann. Das hat tiefgreifende Konsequenzen für unser Verständnis von Identität und Subjektivität: Das Gefühl, „jemand zu sein“, der in „diesem Körper“ lebt, ist keine unveränderliche Gegebenheit – es wird aktiv vom Gehirn konstruiert und aufrechterhalten, zehnmal pro Sekunde.
Für die psychotherapeutische Praxis unterstreicht dies die Bedeutung körperorientierter Ansätze. Methoden, die gezielt die Körperwahrnehmung ansprechen – von somatischen Traumatherapien bis hin zu achtsamkeitsbasierten Verfahren – arbeiten möglicherweise genau an jener Schnittstelle, die nun neurobiologisch greifbar geworden ist. In der Schematherapie etwa spielt die Arbeit mit Körperempfindungen eine wachsende Rolle, insbesondere wenn es darum geht, frühe maladaptive Schemata zu identifizieren, die sich als leibliche Muster manifestieren. Die Erkenntnis, dass die Selbst-Körper-Grenze ein modulierbarer neurobiologischer Prozess ist, könnte solche Ansätze künftig auf ein noch solideres wissenschaftliches Fundament stellen.
Welche Grenzen hat die Studie und wie geht es weiter?
Wie bei jeder einzelnen Studie ist Vorsicht bei vorschnellen Generalisierungen geboten. Die Untersuchung wurde an gesunden Probanden durchgeführt, und es bleibt offen, ob sich die Ergebnisse direkt auf klinische Populationen übertragen lassen. Auch die langfristigen Effekte der tACS-Stimulation auf die Körperwahrnehmung sind noch nicht geklärt – die bisherigen Befunde beziehen sich auf kurzfristige Veränderungen im Laborkontext.
Zudem ist die Gummihand-Illusion zwar ein elegantes Paradigma, aber nur ein Aspekt des komplexen Phänomens der Selbstwahrnehmung. Wie sich die Befunde auf andere Dimensionen des Selbsterlebens – etwa das narrative Selbst, das autobiografische Gedächtnis oder das soziale Selbst – beziehen, ist Gegenstand zukünftiger Forschung. Auch die Frage, ob individuelle Unterschiede in der Alphawellen-Frequenz mit Persönlichkeitsmerkmalen oder psychischen Vulnerabilitäten zusammenhängen, ist noch weitgehend unerforscht.
Dennoch markiert die Studie einen wichtigen Fortschritt: Sie zeigt, dass das Gefühl, einen Körper zu besitzen, nicht nur messbar, sondern auch experimentell manipulierbar ist. Das eröffnet sowohl für die Grundlagenforschung als auch für klinische Anwendungen vielversprechende Perspektiven. In einer Zeit, in der populärwissenschaftliche Darstellungen häufig vereinfachte oder sogar pseudowissenschaftliche Erklärungen für Körperphänomene verbreiten, liefert diese Studie ein Beispiel dafür, wie sorgfältige neurowissenschaftliche Forschung komplexe Fragen schrittweise beantworten kann – ohne voreilige Versprechen, aber mit echtem Erkenntnisgewinn.
Das Wichtigste auf einen Blick
· Alphawellen (8–13 Hz) im parietalen Kortex bestimmen maßgeblich, wie scharf das Gehirn zwischen dem eigenen Körper und der Außenwelt unterscheidet.
· Schnellere Alphawellen führen zu einer präziseren Abgrenzung des Körperselbstbildes; langsamere Alphawellen machen die Körpergrenzen durchlässiger.
· Die Studie nutzte die Gummihand-Illusion mit 106 Probanden und EEG-Messung, um den Zusammenhang zwischen Alphawellen und Körperbesitzerleben nachzuweisen.
· Mittels transkranieller Wechselstromstimulation (tACS) konnte die Alphawellen-Geschwindigkeit gezielt verändert werden – ein Beleg für einen kausalen Zusammenhang, nicht nur eine Korrelation.
· Die Ergebnisse sind klinisch relevant für Schizophrenie, dissoziative Störungen, Depersonalisation und Phantomschmerzen.
· Praktische Anwendungen umfassen die Verbesserung der Prothesenintegration und die Optimierung von Virtual-Reality-Systemen.
· Das Gefühl, einen Körper zu besitzen, ist kein fester Zustand, sondern ein dynamischer, neurobiologisch regulierter Prozess, der therapeutisch beeinflusst werden kann.
· Körperorientierte Therapieansätze könnten durch die Erkenntnisse über Alphawellen neurobiologisch erfasst werden.
Quelle: Chancel, M. et al. (2026). Alpha oscillations in parietal cortex causally shape body ownership. Nature Communications.
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Besonders im parietalen Kortex – dem Hirnbereich, der für die Kartierung des eigenen Körpers und die Verarbeitung sensorischer Reize zuständig ist – scheinen Alphawellen maßgeblich zu beeinflussen, wie wir unseren Körper als „zu uns gehörig“ erleben. Eine im Januar 2026 in Nature Communications veröffentlichte Studie eines schwedisch-französischen Forschungsteams konnte erstmals zeigen, dass die Geschwindigkeit dieser Wellen direkt bestimmt, wie scharf oder durchlässig unsere Körpergrenzen wahrgenommen werden.
Wie wurde die Studie durchgeführt? Das Experiment mit der Gummihand
Die Forscher nutzten ein klassisches und elegant einfaches Paradigma der experimentellen Psychologie: die sogenannte Rubber Hand Illusion (Gummihand-Illusion). Dabei wird die echte Hand einer Versuchsperson hinter einem Sichtschutz verborgen, während eine lebensechte Gummihand sichtbar vor ihr platziert wird. Beide Hände – die echte und die künstliche – werden dann gleichzeitig mit einem Pinsel berührt.
In der Studie nahmen 106 Probanden teil, deren Gehirnaktivität während des Experiments mittels EEG (Elektroenzephalografie) aufgezeichnet wurde. Der entscheidende Befund: Viele Teilnehmende begannen, die Berührung auf der Gummihand als ihre eigene zu empfinden. Sie erlebten ein Gefühl des Besitzes über ein Objekt, das offensichtlich nicht zu ihrem Körper gehörte. Besonders aufschlussreich war die Analyse der zeitlichen Synchronisation: Wenn die Berührungen der echten und der künstlichen Hand genau gleichzeitig erfolgten, war die Illusion am stärksten. Schon geringe Verzögerungen von wenigen hundert Millisekunden konnten sie abschwächen – allerdings nicht bei allen Teilnehmenden gleichermaßen, und genau hier kommen die Alphawellen ins Spiel.
Welche Hirnregion steuert das Gefühl von Körperzugehörigkeit?
Die EEG-Daten zeigten eindeutig, dass die Alphawellen-Aktivität im parietalen Kortex mit dem Erleben der Gummihand-Illusion korrelierte. Der parietale Kortex ist eine Schlüsselregion für die sogenannte multisensorische Integration – also die Fähigkeit des Gehirns, Informationen aus verschiedenen Sinneskanälen (Sehen, Fühlen, Propriozeption) zu einem einheitlichen Körperbild zusammenzufügen.
Konkret zeigte sich: Probanden mit schnelleren Alphawellen bemerkten selbst minimale Verzögerungen zwischen der gesehenen Berührung der Gummihand und der gefühlten Berührung der echten Hand. Ihr Gehirn war gewissermaßen „wachsamer“ gegenüber sensorischen Diskrepanzen und lehnte die Illusion eher ab. Probanden mit langsameren Alphawellen hingegen waren deutlich empfänglicher für die Täuschung – ihre Körpergrenzen waren durchlässiger.
Kann man Körpergrenzen gezielt verändern? Die Rolle der transkraniellen Stimulation
Der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt der Studie liegt in einem zweiten Experimentalschritt: Die Forscher setzten transkranielle Wechselstromstimulation (tACS) ein, um die Geschwindigkeit der Alphawellen gezielt zu manipulieren. tACS ist ein nicht-invasives Verfahren, bei dem schwache elektrische Ströme über Elektroden auf der Kopfhaut angelegt werden, um die natürliche Oszillationsfrequenz bestimmter Hirnareale zu beeinflussen.
Das Ergebnis war eindeutig: Wurde die Alpha-Frequenz beschleunigt, verschärften sich die Körpergrenzen der Probanden – sie waren weniger anfällig für die Gummihand-Illusion. Wurde die Frequenz verlangsamt, lockerten sich die Grenzen, und die Probanden akzeptierten die Gummihand leichter als Teil ihres Körpers. Damit wurde nicht nur eine Korrelation, sondern ein kausaler Zusammenhang nachgewiesen: Die Geschwindigkeit der Alphawellen steuert aktiv, wie das Gehirn zwischen „Ich“ und „Nicht-Ich“ unterscheidet.
Warum ist das Körperselbstbild für die psychische Gesundheit so wichtig?
Die Frage, wo das Selbst aufhört und die Welt beginnt, ist nicht nur ein philosophisches Gedankenexperiment – sie hat unmittelbare klinische Relevanz. Ein stabiles Körperselbstbild bildet die Grundlage für zahlreiche psychische Funktionen: emotionale Regulation, soziale Interaktion, Handlungsplanung und das grundlegende Gefühl, als kohärente Person in der Welt zu existieren.
Störungen dieses Körperselbstbildes finden sich bei einer ganzen Reihe psychiatrischer Erkrankungen. Bei der Depersonalisations-/Derealisationsstörung erleben Betroffene ihren eigenen Körper als fremd oder unwirklich – als würden sie sich selbst wie durch eine Glasscheibe beobachten. Bei dissoziativen Störungen, häufig als Folge schwerer Traumatisierungen, kann die Verbindung zwischen Körperempfinden und Selbsterleben regelrecht unterbrochen sein. Auch bei Essstörungen spielt ein verzerrtes Körperbild eine zentrale Rolle, wobei hier die Frage nach den neurobiologischen Grundlagen dieser Verzerrung bislang nur unzureichend beantwortet ist. Die neue Studie liefert nun einen neurobiologischen Mechanismus, der diesen Phänomenen zugrunde liegen könnte.
Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für Schizophrenie und dissoziative Störungen?
Bei Schizophrenie ist das Erleben der eigenen Körper- und Selbstgrenzen oft fundamental gestört. Betroffene können Schwierigkeiten haben, eigene Gedanken von äußeren Einflüssen zu unterscheiden, oder erleben Teile ihres Körpers als nicht zugehörig. Die Forschung zu Alphawellen und Körpergrenzen bietet hier einen konkreten neurophysiologischen Erklärungsansatz: Veränderte Alphawellen-Dynamik im parietalen Kortex könnte zu den charakteristischen Ich-Störungen beitragen.
Für dissoziative Störungen, die häufig im Kontext komplexer Traumatisierungen auftreten, sind die Befunde ebenfalls hochrelevant. Dissoziation lässt sich als ein Zustand verstehen, in dem die normalerweise automatische Integration von Körperempfindungen, Emotionen und Selbsterleben zusammenbricht. Wenn Alphawellen tatsächlich als eine Art „Taktgeber“ für diese Integration fungieren, eröffnet das neue therapeutische Perspektiven – etwa durch neurofeedbackbasierte Interventionen, die gezielt auf die Stabilisierung der Alpha-Oszillationen abzielen.
Auch bei traumabedingter Depersonalisation wäre denkbar, dass die chronische Dysregulation der Alphawellen im parietalen Kortex zu dem typischen Gefühl beiträgt, den eigenen Körper „von außen“ zu beobachten oder sich vom eigenen Erleben abgetrennt zu fühlen. In der psychotherapeutischen Arbeit mit traumatisierten Patientinnen und Patienten begegnen wir diesen Phänomenen regelmäßig: dem Gefühl, neben sich zu stehen, dem eigenen Arm nicht als zugehörig zu erleben, oder der Überzeugung, der eigene Körper sei „nicht echt“. Diese Erfahrungen sind für Betroffene oft zutiefst beunruhigend – und die neue Forschung zeigt, dass sie eine nachweisbare neurobiologische Grundlage haben.
Was hat die Gummihand-Illusion mit Phantomschmerzen zu tun?
Ein weiteres klinisches Anwendungsfeld betrifft das Phantomglied-Syndrom. Nach einer Amputation erleben viele Betroffene weiterhin lebhafte Empfindungen – einschließlich Schmerzen – in dem Körperteil, das physisch nicht mehr vorhanden ist. Dieses Phänomen zeigt eindrücklich, dass das Körperschema des Gehirns nicht einfach eine passive Abbildung der physischen Realität ist, sondern eine aktive Konstruktion.
Die Erkenntnis, dass Alphawellen die Grenzen des Körperselbstbildes regulieren, könnte neue Ansätze in der Behandlung von Phantomschmerzen ermöglichen. Wenn das Gehirn durch gezielte Modulation der Alphawellen dazu gebracht werden kann, eine Gummihand als eigene zu akzeptieren, ließe sich möglicherweise auch die Integration einer Prothese in das Körperschema fördern. Das Ziel wäre, den Übergang von „Fremdkörper“ zu „Teil von mir“ neurobiologisch zu unterstützen. Bisherige Ansätze wie die Spiegeltherapie nach Ramachandran arbeiten im Grunde bereits mit einem ähnlichen Prinzip – sie nutzen visuelle Rückmeldung, um das Körperschema zu aktualisieren. Die Alphawellen-Forschung könnte erklären, warum diese Ansätze bei manchen Patienten besser funktionieren als bei anderen: Individuelle Unterschiede in der Alpha-Dynamik könnten die Empfänglichkeit für solche Interventionen mitbestimmen.
Welche Chancen bieten die Forschung für Prothesen und Virtual Reality?
Die praktischen Implikationen reichen über die Psychiatrie hinaus. In der Prothetik ist es ein zentrales Problem, dass viele Amputierte ihre künstlichen Gliedmaßen nie vollständig als Teil ihres Körpers erleben. Dies führt nicht nur zu Unbehagen, sondern beeinträchtigt auch die funktionelle Nutzung der Prothese erheblich. Wenn tACS oder ähnliche Verfahren die Alpha-Oszillationen so modulieren können, dass das Gehirn die Prothese leichter „adoptiert“, könnte das die Rehabilitation grundlegend verändern.
Auch für die Virtual-Reality-Technologie sind die Ergebnisse von Bedeutung. VR-Systeme stehen vor der Herausforderung, dass Nutzer ihren virtuellen Körper oft als fremd erleben – ein Phänomen, das die Immersion und damit den therapeutischen oder edukativen Nutzen der Technologie begrenzt. Ein besseres Verständnis der neurobiologischen Grundlagen von Körperbesitz könnte dazu beitragen, VR-Erfahrungen so zu gestalten, dass sie vom Gehirn natürlicher akzeptiert werden.
Besonders interessant ist dies für die expositionsbasierte Therapie, bei der VR bereits heute eingesetzt wird – etwa bei der Behandlung von Phobien oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Je stärker das Gehirn den virtuellen Körper als „eigen“ akzeptiert, desto wirksamer könnte die therapeutische Exposition sein. Die Kombination aus VR-Technologie und gezielter Alphawellen-Modulation könnte hier einen Paradigmenwechsel einleiten.
Was bedeutet „Embodiment“ aus neurowissenschaftlicher Perspektive?
Der Begriff Embodiment – auf Deutsch oft als „Verkörperung“ oder „Leiblichkeit“ übersetzt – beschreibt die Tatsache, dass unser Erleben grundsätzlich an einen physischen Körper gebunden ist. In der Philosophie wurde dieses Konzept vor allem von Phänomenologen wie Maurice Merleau-Ponty entwickelt, der argumentierte, dass der Körper nicht bloß ein Objekt unter Objekten ist, sondern die Grundlage jeder Welterschließung.
Die neue Studie fügt diesem philosophischen Verständnis eine konkrete neurobiologische Dimension hinzu. Embodiment ist offenbar kein fester Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, der von messbaren Gehirnrhythmen abhängt und sogar von außen beeinflusst werden kann. Das hat tiefgreifende Konsequenzen für unser Verständnis von Identität und Subjektivität: Das Gefühl, „jemand zu sein“, der in „diesem Körper“ lebt, ist keine unveränderliche Gegebenheit – es wird aktiv vom Gehirn konstruiert und aufrechterhalten, zehnmal pro Sekunde.
Für die psychotherapeutische Praxis unterstreicht dies die Bedeutung körperorientierter Ansätze. Methoden, die gezielt die Körperwahrnehmung ansprechen – von somatischen Traumatherapien bis hin zu achtsamkeitsbasierten Verfahren – arbeiten möglicherweise genau an jener Schnittstelle, die nun neurobiologisch greifbar geworden ist. In der Schematherapie etwa spielt die Arbeit mit Körperempfindungen eine wachsende Rolle, insbesondere wenn es darum geht, frühe maladaptive Schemata zu identifizieren, die sich als leibliche Muster manifestieren. Die Erkenntnis, dass die Selbst-Körper-Grenze ein modulierbarer neurobiologischer Prozess ist, könnte solche Ansätze künftig auf ein noch solideres wissenschaftliches Fundament stellen.
Welche Grenzen hat die Studie und wie geht es weiter?
Wie bei jeder einzelnen Studie ist Vorsicht bei vorschnellen Generalisierungen geboten. Die Untersuchung wurde an gesunden Probanden durchgeführt, und es bleibt offen, ob sich die Ergebnisse direkt auf klinische Populationen übertragen lassen. Auch die langfristigen Effekte der tACS-Stimulation auf die Körperwahrnehmung sind noch nicht geklärt – die bisherigen Befunde beziehen sich auf kurzfristige Veränderungen im Laborkontext.
Zudem ist die Gummihand-Illusion zwar ein elegantes Paradigma, aber nur ein Aspekt des komplexen Phänomens der Selbstwahrnehmung. Wie sich die Befunde auf andere Dimensionen des Selbsterlebens – etwa das narrative Selbst, das autobiografische Gedächtnis oder das soziale Selbst – beziehen, ist Gegenstand zukünftiger Forschung. Auch die Frage, ob individuelle Unterschiede in der Alphawellen-Frequenz mit Persönlichkeitsmerkmalen oder psychischen Vulnerabilitäten zusammenhängen, ist noch weitgehend unerforscht.
Dennoch markiert die Studie einen wichtigen Fortschritt: Sie zeigt, dass das Gefühl, einen Körper zu besitzen, nicht nur messbar, sondern auch experimentell manipulierbar ist. Das eröffnet sowohl für die Grundlagenforschung als auch für klinische Anwendungen vielversprechende Perspektiven. In einer Zeit, in der populärwissenschaftliche Darstellungen häufig vereinfachte oder sogar pseudowissenschaftliche Erklärungen für Körperphänomene verbreiten, liefert diese Studie ein Beispiel dafür, wie sorgfältige neurowissenschaftliche Forschung komplexe Fragen schrittweise beantworten kann – ohne voreilige Versprechen, aber mit echtem Erkenntnisgewinn.
Das Wichtigste auf einen Blick
· Alphawellen (8–13 Hz) im parietalen Kortex bestimmen maßgeblich, wie scharf das Gehirn zwischen dem eigenen Körper und der Außenwelt unterscheidet.
· Schnellere Alphawellen führen zu einer präziseren Abgrenzung des Körperselbstbildes; langsamere Alphawellen machen die Körpergrenzen durchlässiger.
· Die Studie nutzte die Gummihand-Illusion mit 106 Probanden und EEG-Messung, um den Zusammenhang zwischen Alphawellen und Körperbesitzerleben nachzuweisen.
· Mittels transkranieller Wechselstromstimulation (tACS) konnte die Alphawellen-Geschwindigkeit gezielt verändert werden – ein Beleg für einen kausalen Zusammenhang, nicht nur eine Korrelation.
· Die Ergebnisse sind klinisch relevant für Schizophrenie, dissoziative Störungen, Depersonalisation und Phantomschmerzen.
· Praktische Anwendungen umfassen die Verbesserung der Prothesenintegration und die Optimierung von Virtual-Reality-Systemen.
· Das Gefühl, einen Körper zu besitzen, ist kein fester Zustand, sondern ein dynamischer, neurobiologisch regulierter Prozess, der therapeutisch beeinflusst werden kann.
· Körperorientierte Therapieansätze könnten durch die Erkenntnisse über Alphawellen neurobiologisch erfasst werden.
Quelle: Chancel, M. et al. (2026). Alpha oscillations in parietal cortex causally shape body ownership. Nature Communications.
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DESCRIPTION:
Ein schwedisch-französisches Forschungsteam veröffentlichte in Nature Communications, dass Alpha-Gehirnwellen unser Körperbewusstsein steuern – die empfundene Grenze zwischen „ich“ und „nicht ich“.
Alphawellen im Gehirn: Wie dein Körpergefühl durch Hirnströme gesteuert wird
Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass sogenannte Alphawellen im parietalen Kortex bestimmen, wo das Selbst aufhört und die Außenwelt beginnt. Das hat weitreichende Konsequenzen – von der Therapie dissoziativer Störungen bis zur Entwicklung intelligenter Prothesen. Ein Überblick über die Studie, ihre neurobiologischen Grundlagen und was sie für die klinische Praxis bedeutet.
Was sind Alphawellen und welche Rolle spielen sie für unser Selbsterleben?
Alphawellen sind rhythmische elektrische Schwingungen im Gehirn mit einer Frequenz von etwa 8 bis 13 Hertz. Sie wurden bereits Anfang des 20. Jahrhunderts vom deutschen Psychiater Hans Berger erstmals beschrieben und gelten seither als Marker für entspannte Wachheit. In der klinischen Praxis werden sie routinemäßig im EEG gemessen und ihre Veränderungen können auf verschiedenste neurologische und psychiatrische Zustände hinweisen. Doch ihre Bedeutung geht weit über einfache Entspannung oder Diagnostik hinaus: Neuere Forschung zeigt, dass Alphawellen eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung sensorischer Informationen und der Integration von Körperwahrnehmungen spielen.
Besonders im parietalen Kortex – dem Hirnbereich, der für die Kartierung des eigenen Körpers und die Verarbeitung sensorischer Reize zuständig ist – scheinen Alphawellen maßgeblich zu beeinflussen, wie wir unseren Körper als „zu uns gehörig“ erleben. Eine im Januar 2026 in Nature Communications veröffentlichte Studie eines schwedisch-französischen Forschungsteams konnte erstmals zeigen, dass die Geschwindigkeit dieser Wellen direkt bestimmt, wie scharf oder durchlässig unsere Körpergrenzen wahrgenommen werden.
Wie wurde die Studie durchgeführt? Das Experiment mit der Gummihand
Die Forscher nutzten ein klassisches und elegant einfaches Paradigma der experimentellen Psychologie: die sogenannte Rubber Hand Illusion (Gummihand-Illusion). Dabei wird die echte Hand einer Versuchsperson hinter einem Sichtschutz verborgen, während eine lebensechte Gummihand sichtbar vor ihr platziert wird. Beide Hände – die echte und die künstliche – werden dann gleichzeitig mit einem Pinsel berührt.
In der Studie nahmen 106 Probanden teil, deren Gehirnaktivität während des Experiments mittels EEG (Elektroenzephalografie) aufgezeichnet wurde. Der entscheidende Befund: Viele Teilnehmende begannen, die Berührung auf der Gummihand als ihre eigene zu empfinden. Sie erlebten ein Gefühl des Besitzes über ein Objekt, das offensichtlich nicht zu ihrem Körper gehörte. Besonders aufschlussreich war die Analyse der zeitlichen Synchronisation: Wenn die Berührungen der echten und der künstlichen Hand genau gleichzeitig erfolgten, war die Illusion am stärksten. Schon geringe Verzögerungen von wenigen hundert Millisekunden konnten sie abschwächen – allerdings nicht bei allen Teilnehmenden gleichermaßen, und genau hier kommen die Alphawellen ins Spiel.
Welche Hirnregion steuert das Gefühl von Körperzugehörigkeit?
Die EEG-Daten zeigten eindeutig, dass die Alphawellen-Aktivität im parietalen Kortex mit dem Erleben der Gummihand-Illusion korrelierte. Der parietale Kortex ist eine Schlüsselregion für die sogenannte multisensorische Integration – also die Fähigkeit des Gehirns, Informationen aus verschiedenen Sinneskanälen (Sehen, Fühlen, Propriozeption) zu einem einheitlichen Körperbild zusammenzufügen.
Konkret zeigte sich: Probanden mit schnelleren Alphawellen bemerkten selbst minimale Verzögerungen zwischen der gesehenen Berührung der Gummihand und der gefühlten Berührung der echten Hand. Ihr Gehirn war gewissermaßen „wachsamer“ gegenüber sensorischen Diskrepanzen und lehnte die Illusion eher ab. Probanden mit langsameren Alphawellen hingegen waren deutlich empfänglicher für die Täuschung – ihre Körpergrenzen waren durchlässiger.
Kann man Körpergrenzen gezielt verändern? Die Rolle der transkraniellen Stimulation
Der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt der Studie liegt in einem zweiten Experimentalschritt: Die Forscher setzten transkranielle Wechselstromstimulation (tACS) ein, um die Geschwindigkeit der Alphawellen gezielt zu manipulieren. tACS ist ein nicht-invasives Verfahren, bei dem schwache elektrische Ströme über Elektroden auf der Kopfhaut angelegt werden, um die natürliche Oszillationsfrequenz bestimmter Hirnareale zu beeinflussen.
Das Ergebnis war eindeutig: Wurde die Alpha-Frequenz beschleunigt, verschärften sich die Körpergrenzen der Probanden – sie waren weniger anfällig für die Gummihand-Illusion. Wurde die Frequenz verlangsamt, lockerten sich die Grenzen, und die Probanden akzeptierten die Gummihand leichter als Teil ihres Körpers. Damit wurde nicht nur eine Korrelation, sondern ein kausaler Zusammenhang nachgewiesen: Die Geschwindigkeit der Alphawellen steuert aktiv, wie das Gehirn zwischen „Ich“ und „Nicht-Ich“ unterscheidet.
Warum ist das Körperselbstbild für die psychische Gesundheit so wichtig?
Die Frage, wo das Selbst aufhört und die Welt beginnt, ist nicht nur ein philosophisches Gedankenexperiment – sie hat unmittelbare klinische Relevanz. Ein stabiles Körperselbstbild bildet die Grundlage für zahlreiche psychische Funktionen: emotionale Regulation, soziale Interaktion, Handlungsplanung und das grundlegende Gefühl, als kohärente Person in der Welt zu existieren.
Störungen dieses Körperselbstbildes finden sich bei einer ganzen Reihe psychiatrischer Erkrankungen. Bei der Depersonalisations-/Derealisationsstörung erleben Betroffene ihren eigenen Körper als fremd oder unwirklich – als würden sie sich selbst wie durch eine Glasscheibe beobachten. Bei dissoziativen Störungen, häufig als Folge schwerer Traumatisierungen, kann die Verbindung zwischen Körperempfinden und Selbsterleben regelrecht unterbrochen sein. Auch bei Essstörungen spielt ein verzerrtes Körperbild eine zentrale Rolle, wobei hier die Frage nach den neurobiologischen Grundlagen dieser Verzerrung bislang nur unzureichend beantwortet ist. Die neue Studie liefert nun einen neurobiologischen Mechanismus, der diesen Phänomenen zugrunde liegen könnte.
Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für Schizophrenie und dissoziative Störungen?
Bei Schizophrenie ist das Erleben der eigenen Körper- und Selbstgrenzen oft fundamental gestört. Betroffene können Schwierigkeiten haben, eigene Gedanken von äußeren Einflüssen zu unterscheiden, oder erleben Teile ihres Körpers als nicht zugehörig. Die Forschung zu Alphawellen und Körpergrenzen bietet hier einen konkreten neurophysiologischen Erklärungsansatz: Veränderte Alphawellen-Dynamik im parietalen Kortex könnte zu den charakteristischen Ich-Störungen beitragen.
Für dissoziative Störungen, die häufig im Kontext komplexer Traumatisierungen auftreten, sind die Befunde ebenfalls hochrelevant. Dissoziation lässt sich als ein Zustand verstehen, in dem die normalerweise automatische Integration von Körperempfindungen, Emotionen und Selbsterleben zusammenbricht. Wenn Alphawellen tatsächlich als eine Art „Taktgeber“ für diese Integration fungieren, eröffnet das neue therapeutische Perspektiven – etwa durch neurofeedbackbasierte Interventionen, die gezielt auf die Stabilisierung der Alpha-Oszillationen abzielen.
Auch bei traumabedingter Depersonalisation wäre denkbar, dass die chronische Dysregulation der Alphawellen im parietalen Kortex zu dem typischen Gefühl beiträgt, den eigenen Körper „von außen“ zu beobachten oder sich vom eigenen Erleben abgetrennt zu fühlen. In der psychotherapeutischen Arbeit mit traumatisierten Patientinnen und Patienten begegnen wir diesen Phänomenen regelmäßig: dem Gefühl, neben sich zu stehen, dem eigenen Arm nicht als zugehörig zu erleben, oder der Überzeugung, der eigene Körper sei „nicht echt“. Diese Erfahrungen sind für Betroffene oft zutiefst beunruhigend – und die neue Forschung zeigt, dass sie eine nachweisbare neurobiologische Grundlage haben.
Was hat die Gummihand-Illusion mit Phantomschmerzen zu tun?
Ein weiteres klinisches Anwendungsfeld betrifft das Phantomglied-Syndrom. Nach einer Amputation erleben viele Betroffene weiterhin lebhafte Empfindungen – einschließlich Schmerzen – in dem Körperteil, das physisch nicht mehr vorhanden ist. Dieses Phänomen zeigt eindrücklich, dass das Körperschema des Gehirns nicht einfach eine passive Abbildung der physischen Realität ist, sondern eine aktive Konstruktion.
Die Erkenntnis, dass Alphawellen die Grenzen des Körperselbstbildes regulieren, könnte neue Ansätze in der Behandlung von Phantomschmerzen ermöglichen. Wenn das Gehirn durch gezielte Modulation der Alphawellen dazu gebracht werden kann, eine Gummihand als eigene zu akzeptieren, ließe sich möglicherweise auch die Integration einer Prothese in das Körperschema fördern. Das Ziel wäre, den Übergang von „Fremdkörper“ zu „Teil von mir“ neurobiologisch zu unterstützen. Bisherige Ansätze wie die Spiegeltherapie nach Ramachandran arbeiten im Grunde bereits mit einem ähnlichen Prinzip – sie nutzen visuelle Rückmeldung, um das Körperschema zu aktualisieren. Die Alphawellen-Forschung könnte erklären, warum diese Ansätze bei manchen Patienten besser funktionieren als bei anderen: Individuelle Unterschiede in der Alpha-Dynamik könnten die Empfänglichkeit für solche Interventionen mitbestimmen.
Welche Chancen bieten die Forschung für Prothesen und Virtual Reality?
Die praktischen Implikationen reichen über die Psychiatrie hinaus. In der Prothetik ist es ein zentrales Problem, dass viele Amputierte ihre künstlichen Gliedmaßen nie vollständig als Teil ihres Körpers erleben. Dies führt nicht nur zu Unbehagen, sondern beeinträchtigt auch die funktionelle Nutzung der Prothese erheblich. Wenn tACS oder ähnliche Verfahren die Alpha-Oszillationen so modulieren können, dass das Gehirn die Prothese leichter „adoptiert“, könnte das die Rehabilitation grundlegend verändern.
Auch für die Virtual-Reality-Technologie sind die Ergebnisse von Bedeutung. VR-Systeme stehen vor der Herausforderung, dass Nutzer ihren virtuellen Körper oft als fremd erleben – ein Phänomen, das die Immersion und damit den therapeutischen oder edukativen Nutzen der Technologie begrenzt. Ein besseres Verständnis der neurobiologischen Grundlagen von Körperbesitz könnte dazu beitragen, VR-Erfahrungen so zu gestalten, dass sie vom Gehirn natürlicher akzeptiert werden.
Besonders interessant ist dies für die expositionsbasierte Therapie, bei der VR bereits heute eingesetzt wird – etwa bei der Behandlung von Phobien oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Je stärker das Gehirn den virtuellen Körper als „eigen“ akzeptiert, desto wirksamer könnte die therapeutische Exposition sein. Die Kombination aus VR-Technologie und gezielter Alphawellen-Modulation könnte hier einen Paradigmenwechsel einleiten.
Was bedeutet „Embodiment“ aus neurowissenschaftlicher Perspektive?
Der Begriff Embodiment – auf Deutsch oft als „Verkörperung“ oder „Leiblichkeit“ übersetzt – beschreibt die Tatsache, dass unser Erleben grundsätzlich an einen physischen Körper gebunden ist. In der Philosophie wurde dieses Konzept vor allem von Phänomenologen wie Maurice Merleau-Ponty entwickelt, der argumentierte, dass der Körper nicht bloß ein Objekt unter Objekten ist, sondern die Grundlage jeder Welterschließung.
Die neue Studie fügt diesem philosophischen Verständnis eine konkrete neurobiologische Dimension hinzu. Embodiment ist offenbar kein fester Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, der von messbaren Gehirnrhythmen abhängt und sogar von außen beeinflusst werden kann. Das hat tiefgreifende Konsequenzen für unser Verständnis von Identität und Subjektivität: Das Gefühl, „jemand zu sein“, der in „diesem Körper“ lebt, ist keine unveränderliche Gegebenheit – es wird aktiv vom Gehirn konstruiert und aufrechterhalten, zehnmal pro Sekunde.
Für die psychotherapeutische Praxis unterstreicht dies die Bedeutung körperorientierter Ansätze. Methoden, die gezielt die Körperwahrnehmung ansprechen – von somatischen Traumatherapien bis hin zu achtsamkeitsbasierten Verfahren – arbeiten möglicherweise genau an jener Schnittstelle, die nun neurobiologisch greifbar geworden ist. In der Schematherapie etwa spielt die Arbeit mit Körperempfindungen eine wachsende Rolle, insbesondere wenn es darum geht, frühe maladaptive Schemata zu identifizieren, die sich als leibliche Muster manifestieren. Die Erkenntnis, dass die Selbst-Körper-Grenze ein modulierbarer neurobiologischer Prozess ist, könnte solche Ansätze künftig auf ein noch solideres wissenschaftliches Fundament stellen.
Welche Grenzen hat die Studie und wie geht es weiter?
Wie bei jeder einzelnen Studie ist Vorsicht bei vorschnellen Generalisierungen geboten. Die Untersuchung wurde an gesunden Probanden durchgeführt, und es bleibt offen, ob sich die Ergebnisse direkt auf klinische Populationen übertragen lassen. Auch die langfristigen Effekte der tACS-Stimulation auf die Körperwahrnehmung sind noch nicht geklärt – die bisherigen Befunde beziehen sich auf kurzfristige Veränderungen im Laborkontext.
Zudem ist die Gummihand-Illusion zwar ein elegantes Paradigma, aber nur ein Aspekt des komplexen Phänomens der Selbstwahrnehmung. Wie sich die Befunde auf andere Dimensionen des Selbsterlebens – etwa das narrative Selbst, das autobiografische Gedächtnis oder das soziale Selbst – beziehen, ist Gegenstand zukünftiger Forschung. Auch die Frage, ob individuelle Unterschiede in der Alphawellen-Frequenz mit Persönlichkeitsmerkmalen oder psychischen Vulnerabilitäten zusammenhängen, ist noch weitgehend unerforscht.
Dennoch markiert die Studie einen wichtigen Fortschritt: Sie zeigt, dass das Gefühl, einen Körper zu besitzen, nicht nur messbar, sondern auch experimentell manipulierbar ist. Das eröffnet sowohl für die Grundlagenforschung als auch für klinische Anwendungen vielversprechende Perspektiven. In einer Zeit, in der populärwissenschaftliche Darstellungen häufig vereinfachte oder sogar pseudowissenschaftliche Erklärungen für Körperphänomene verbreiten, liefert diese Studie ein Beispiel dafür, wie sorgfältige neurowissenschaftliche Forschung komplexe Fragen schrittweise beantworten kann – ohne voreilige Versprechen, aber mit echtem Erkenntnisgewinn.
Das Wichtigste auf einen Blick
· Alphawellen (8–13 Hz) im parietalen Kortex bestimmen maßgeblich, wie scharf das Gehirn zwischen dem eigenen Körper und der Außenwelt unterscheidet.
· Schnellere Alphawellen führen zu einer präziseren Abgrenzung des Körperselbstbildes; langsamere Alphawellen machen die Körpergrenzen durchlässiger.
· Die Studie nutzte die Gummihand-Illusion mit 106 Probanden und EEG-Messung, um den Zusammenhang zwischen Alphawellen und Körperbesitzerleben nachzuweisen.
· Mittels transkranieller Wechselstromstimulation (tACS) konnte die Alphawellen-Geschwindigkeit gezielt verändert werden – ein Beleg für einen kausalen Zusammenhang, nicht nur eine Korrelation.
· Die Ergebnisse sind klinisch relevant für Schizophrenie, dissoziative Störungen, Depersonalisation und Phantomschmerzen.
· Praktische Anwendungen umfassen die Verbesserung der Prothesenintegration und die Optimierung von Virtual-Reality-Systemen.
· Das Gefühl, einen Körper zu besitzen, ist kein fester Zustand, sondern ein dynamischer, neurobiologisch regulierter Prozess, der therapeutisch beeinflusst werden kann.
· Körperorientierte Therapieansätze könnten durch die Erkenntnisse über Alphawellen neurobiologisch erfasst werden.
Quelle: Chancel, M. et al. (2026). Alpha oscillations in parietal cortex causally shape body ownership. Nature Communications.
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