Antidepressiva, Suizidalität und das Risiko bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Antidepressiva, Suizidalität und das Risiko bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Antidepressiva und Suizidalität
Veröffentlicht am:

DESCRIPTION: Erhöhen Antidepressiva die Suizidalität? Was die FDA-Zulassungsdaten zu SSRI bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Depression belegen und warum Beobachtungsstudien hier am wenigsten aussagen.
Antidepressiva und Suizid: Was die Zahlen zeigen und was Confounding by Indication bedeutet – eine Unstatistik
Erhöhen Antidepressiva das Suizidrisiko? Die Frage wird seit vier Jahrzehnten gestellt. Im September 2026 veröffentlichte Peter Gøtzsche bei Mad in America einen Beitrag, der Antidepressiva als wesentliche Treiber von Suiziden bezeichnete. Die Behauptung ist älter als der Text. Mit jeder Runde wird sie weiter zugespitzt.
Die verfügbare Forschung erlaubt weder Entwarnung noch die Behauptung, Antidepressiva seien allgemein eine Hauptursache von Suiziden. Der belastbarste Teil der Daten betrifft junge Patienten: In randomisierten Studien steigt bei unter 25-Jährigen in der frühen Behandlung das Risiko für Suizidgedanken und suizidales Verhalten. Für vollendete Suizide reichen die Ereigniszahlen in klinischen Studien nicht aus. Beobachtungsstudien liefern hier besonders unsichere Antworten, weil Menschen Antidepressiva erhalten, gerade weil sie depressiv und häufig stärker gefährdet sind.
Die Figur: Krankenhäuser machen krank
Wer im Krankenhaus liegt, stirbt häufiger als jemand zu Hause. Das ist eine korrekte Beobachtung. Sie ist kein Argument gegen Krankenhäuser. Menschen kommen ins Krankenhaus, weil sie krank sind; die Krankheit erklärt den Unterschied.
Dieselbe Struktur steckt in vielen Zahlen zu Antidepressiva und Suizid. Menschen erhalten Antidepressiva, weil sie depressiv sind, Angststörungen haben, unter chronischen Schmerzen leiden oder in einer anderen belastenden Lage sind. Depression gehört zu den stärksten Risikofaktoren für Suizid. Wer Patienten mit Verordnung mit Menschen ohne Verordnung vergleicht, vergleicht deshalb zunächst Gruppen mit unterschiedlicher Ausgangsgefährdung.
Die Epidemiologie nennt das confounding by indication. Die Indikation für ein Medikament hängt selbst mit dem untersuchten Ergebnis zusammen. Bei Antidepressiva lautet die Kette: Schwerere Depression oder akute Verschlechterung führt eher zu einer Verordnung; dieselbe Schwere erhöht zugleich die Wahrscheinlichkeit von Suizidgedanken, Suizidversuchen und Suizid.
Beobachtungsdaten können dieses Problem abschwächen. Sie können Verordnete mit Verordneten vergleichen, Propensity Scores einsetzen, zeitabhängige Analysen rechnen oder Teilnehmer mit sich selbst zu verschiedenen Zeitpunkten vergleichen. Die Ausgangsschwere zum Zeitpunkt der Verordnung bleibt in Routinedaten jedoch oft nur unvollständig erfasst. Wer eine Behandlung beginnt, tut dies selten an einem zufälligen Tag.
Antidepressiva und Suizidalität in den Zulassungsdaten
Was die bemühte Studie überhaupt vergleicht
Die Studie vergleicht zwei Gruppen, die zu Beginn möglichst gleich waren. Die eine Gruppe erhielt ein Antidepressivum, die andere ein Placebo, also eine äußerlich gleiche Tablette ohne Wirkstoff. Weder die Teilnehmer noch die behandelnden Ärzte wussten während der Studie, wer was bekam. Die Zuteilung erfolgte per Zufall.
Das ist wichtig, weil Menschen Antidepressiva im Alltag nicht zufällig erhalten. Wer besonders schwer depressiv, akut verzweifelt, schlaflos, unruhig oder suizidgefährdet ist, bekommt eher ein Medikament. Vergleicht man später Verordnete mit Nichtverordneten, misst man daher zuerst die unterschiedliche Schwere der Erkrankung. In einer randomisierten Studie soll sich diese Schwere durch die Zufallszuteilung auf beide Gruppen verteilen. Ein späterer Unterschied lässt sich dann eher dem Medikament zuschreiben.
Marc Stone und Kollegen werteten für die FDA 372 solcher Studien aus. Insgesamt nahmen 99.231 Erwachsene teil. Es handelte sich nicht nur um Patienten mit einer schweren Depression. Knapp 46 Prozent wurden wegen einer Major Depression behandelt. Der Rest nahm Antidepressiva wegen anderer psychischer Erkrankungen oder wegen körperlicher Beschwerden ein, etwa chronischer Schmerzen. Das Durchschnittsalter lag bei 43 Jahren.
Wie man die Zahlen liest
Die Studie fragt nicht zuerst, ob jemand durch ein Antidepressivum Suizid begeht. Vollendete Suizide sind in klinischen Studien sehr selten. Deshalb fassten die Forscher mehrere Ereignisse zusammen: Suizidgedanken, vorbereitende Handlungen und Suizidversuche. Dieser gemeinsame Wert heißt in der Studie „Suizidgedanken oder schwerere Ereignisse“.
Ein Chancenverhältnis von 1 bedeutet: Unter Medikament und Placebo trat das Ereignis gleich häufig auf.
- Ein Wert über 1 bedeutet: Das Ereignis trat unter dem Medikament häufiger auf.
- Ein Wert unter 1 bedeutet: Das Ereignis trat unter dem Medikament seltener auf.
- Ein Wert von 2 bedeutet nicht, dass die Hälfte der Teilnehmer betroffen war. Er bedeutet, dass das Ereignis in der Wirkstoffgruppe ungefähr doppelt so häufig vorkam wie in der Placebogruppe.
Das Konfidenzintervall beschreibt die statistische Unsicherheit. Bei einem Wert von 1,62 mit einem Intervall von 0,97 bis 2,71 liegt die beste Schätzung bei 1,62. Die Daten sind aber auch mit einem sehr kleinen Unterschied oder mit einem mehr als doppelt so hohen Risiko vereinbar. Weil der Bereich die 1 einschließt, gilt dieses Ergebnis nach der üblichen statistischen Regel nicht als eindeutig gesichert. Bei 2,30 mit einem Intervall von 1,04 bis 5,09 liegt der gesamte Bereich über 1. Dieser Befund gilt daher als statistisch auffällig. Er bleibt wegen der breiten Spanne dennoch ungenau: Das Risiko könnte leicht erhöht oder etwa fünfmal so hoch sein.
Was bei jungen Patienten geschah
Bei Teilnehmern unter 25 Jahren traten Suizidgedanken oder schwerere Ereignisse unter Antidepressiva häufiger auf als unter Placebo. Das Chancenverhältnis lag bei 1,62. Für suizidales Verhalten allein lag es bei 2,30.
Die relativen Zahlen klingen groß. Deshalb braucht es zusätzlich die absoluten Zahlen. Pro 1.000 junge Teilnehmer gab es unter Antidepressiva im Durchschnitt:
- rund fünf zusätzliche Fälle mit Suizidgedanken oder schwereren Ereignissen;
- rund vier zusätzliche Fälle mit suizidalem Verhalten.
Das heißt nicht, dass fünf oder vier Prozent der Behandelten betroffen waren. Es bedeutet: Wenn je 1.000 vergleichbare junge Menschen ein Antidepressivum oder ein Placebo erhalten, traten in der Gruppe mit Medikament in der Studienzeit ungefähr fünf zusätzliche Ereignisse der ersten Art und knapp vier zusätzliche Ereignisse der zweiten Art auf.
Diese Zahlen begründen die Warnung für junge Patienten. Sie bedeuten weder, dass Antidepressiva bei jedem jungen Menschen Suizidgedanken hervorrufen, noch dass jeder Behandlungsbeginn gefährlich ist. Sie bedeuten, dass die ersten Wochen und jede Dosisänderung genauer beobachtet werden müssen.
Warum das Alter entscheidend ist
Das Risiko verlief nicht in allen Altersgruppen gleich.
Alter | Suizidgedanken oder schwerere Ereignisse | Suizidales Verhalten | Einfache Bedeutung |
|---|---|---|---|
Unter 25 | 1,62 | 2,30 | Unter Wirkstoff häufiger als unter Placebo |
25 bis 64 | 0,79 | 1,03 | Kein klarer Unterschied beim Verhalten; beim kombinierten Wert eher niedrigere Rate unter Wirkstoff |
Ab 65 | 0,37 | 0,06 | In diesen Studien unter Wirkstoff seltener als unter Placebo |
Die Zahlen sind Risikoverhältnisse. Der Vergleich zeigt eine Richtung, keine persönliche Vorhersage. Ein 24-Jähriger mit milder Depression und guter sozialer Unterstützung hat ein anderes Ausgangsrisiko als eine 24-Jährige mit schwerer Depression, Schlaflosigkeit, Alkoholproblemen und früheren Suizidversuchen. Die Studie beschreibt einen Durchschnitt über viele Menschen und viele Medikamente.
Der Satz, das Chancenverhältnis sinke pro Lebensjahr um 2,6 Prozent beziehungsweise 4,6 Prozent, heißt: Der Unterschied zwischen Medikament und Placebo wurde mit zunehmendem Alter schrittweise kleiner und drehte sich schließlich um. Ein Medikament, das bei jüngeren Teilnehmern mit mehr suizidalen Ereignissen verbunden war, war bei älteren Teilnehmern mit weniger solchen Ereignissen verbunden. Das Alter war in dieser Analyse der stärkste Faktor dafür, in welche Richtung der Unterschied ging. [pmc.ncbi.nlm.nih](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2725270/)
Die wichtige Grenze
Die Studie zeigt ein Risiko für Suizidgedanken und suizidales Verhalten in bestimmten Altersgruppen. Sie beweist nicht, wie viele Menschen durch Antidepressiva tatsächlich durch Suizid sterben.
In allen 372 Studien gab es acht vollendete Suizide. Acht Ereignisse unter fast 100.000 Teilnehmern reichen nicht, um eine belastbare Aussage über vollendete Suizide zu treffen. Die Schätzung war zu unsicher. Deshalb kann die Studie weder die Behauptung stützen, Antidepressiva erhöhten bei Erwachsenen sicher die Zahl vollendeter Suizide, noch die gegenteilige Behauptung, sie senkten sie sicher.
Was die Zahlen für Jugendliche und junge Erwachsene bedeuten
Die Zulassungsdaten stützen eine klare Aussage: Bei jungen Patienten steigt zu Beginn einer antidepressiven Behandlung das Risiko für Suizidgedanken und suizidales Verhalten messbar an. Wer das bestreitet, bestreitet die Daten, auf denen die behördlichen Warnungen beruhen.
Die FDA reagierte nach pädiatrischen Analysen mit einer Warnung für Kinder und Jugendliche; die Warnhinweise wurden später auf junge Erwachsene bis 24 Jahre ausgeweitet. In den pädiatrischen Studien gab es keine vollendeten Suizide. Die Signalstärke betraf Gedanken und Verhaltensereignisse, nicht den Nachweis vollendeter Suizide.
Zwei Einschränkungen sind zwingend.
Erstens: Klinische Studien messen fast immer Suizidgedanken, Suizidversuche und vorbereitende Handlungen. Vollendete Suizide sind so selten, dass selbst große Studienpools kaum tragfähige Aussagen erlauben. In der Stone-Analyse gab es acht vollendete Suizide unter 99.231 Teilnehmern. Das geschätzte Chancenverhältnis lag bei 2,13, das Konfidenzintervall reichte jedoch von 0,41 bis 10,99.
Zweitens: Die FDA-Daten betreffen nicht ausschließlich schwere Depression. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer erhielt Antidepressiva wegen anderer depressiver, psychiatrischer, verhaltensbezogener oder nichtpsychiatrischer Indikationen. Der Befund ist deshalb eine Analyse antidepressiver Arzneimittelstudien bei Erwachsenen, keine einfache Antwort auf die Frage, was bei einer einzelnen schwer depressiven Person in der Regelversorgung geschieht.
Die Neuanalyse der FDA-Daten von 2019
Michael Hengartner und Martin Plöderl werteten 2019 dieselbe FDA-Datenbank erneut aus. Sie korrigierten zwei Suizide, die in den Paroxetin-Daten der Placebogruppe statt der Wirkstoffgruppe zugeordnet worden waren. Außerdem bezogen sie Ereignisse aus Nachbeobachtungsphasen nach Ende der randomisierten Behandlung ein.
Sie berichteten für Erwachsene mehr als doppelt so viele Suizide unter Wirkstoff wie unter Placebo. Ihre berechnete Odds Ratio lag bei 2,48. Diese Zahl wurde zum Kern der kritischen Literatur über Antidepressiva und Suizid.
Die Neuanalyse hat einen starkes Argument. Eine fehlerhafte Zuordnung von Suiziden ist keine Bagatelle. Bei seltenen Ereignissen beeinflusst jeder einzelne Fall das Ergebnis stark. Die Frage nach vollständiger und korrekter Ereigniserfassung bleibt daher berechtigt.
Ihre Schlussfolgerung bleibt jedoch methodisch angreifbar. Die Nachbeobachtungszeit war nicht randomisiert. Wer die randomisierte Studienphase vorzeitig verlässt oder in eine offene Weiterbehandlung wechselt, unterscheidet sich häufig von den Teilnehmern, die unter der ursprünglichen Zuteilung bleiben. Gründe für Abbruch, Wechsel und Nachverfolgung können mit Nebenwirkungen, Krankheitsschwere, Behandlungserwartung und Suizidrisiko zusammenhängen. Für diesen Zeitraum kehrt das Problem zurück, das randomisierte Studien gerade vermeiden sollen.
Die Reanalyse ist auch statistisch umstritten. Eine veröffentlichte Erwiderung rechnete mehrere Meta-Analyseverfahren für seltene Ereignisse durch und fand Schätzungen deutlich unter der von Hengartner und Plöderl berichteten Odds Ratio. Keines dieser Verfahren schloss einen klinisch bedeutsamen Schaden sicher aus; die Vertrauensbereiche waren breit. Die Erwiderung hält deshalb vor allem eines fest: Die Daten sind für eine weitreichende Behauptung über vollendete Suizide zu unpräzise.
Ein Chancenverhältnis von 2,48 klingt groß. Bei einem sehr seltenen Ereignis kann der absolute Unterschied dennoch klein bleiben. Genau deshalb reichen wenige Dutzend Ereignisse aus, um Ergebnisse bei einzelnen Zuordnungs- oder Modellierungsentscheidungen sichtbar zu verschieben.
Der Kronzeuge gegen die eigene These
Gøtzsche zitiert eine dänische Registerstudie von Carsten Hjorthøj und Kollegen aus dem Jahr 2014. Sie berichtet ein stark erhöhtes Suizidrisiko nach psychiatrischer Behandlung und ein höheres Risiko bei intensiverem psychiatrischem Kontakt. Gøtzsche nennt ein 44-faches Risiko bei psychiatrischer stationärer Behandlung und räumt zugleich ein, dass stationär aufgenommene Patienten kränker seien und deshalb ein höheres Risiko erwarten ließen.
Genau das ist confounding by indication. Wer akut suizidal, psychotisch, schwer depressiv oder nicht mehr sicher versorgbar ist, wird eher stationär aufgenommen. Dass stationär Aufgenommene später häufiger durch Suizid sterben als Menschen ohne Aufnahme, beweist nicht, dass die Aufnahme den Suizid verursacht hat. Es misst zuerst die Krise, die zur Aufnahme führte.
Das Beispiel widerlegt nicht jede Kritik an psychiatrischer Versorgung. Es zeigt, wie strikt dieselbe methodische Regel auf alle Beobachtungsdaten angewandt werden muss. Die Regeln dürfen nicht wechseln, sobald ein Ergebnis in die gewünschte Richtung weist.
Was Beobachtungsstudien zu SSRI leisten
Beobachtungsstudien sind nicht wertlos. Sie erfassen Gruppen, die in Zulassungsstudien selten vorkommen: ältere Patienten, Menschen mit mehreren Erkrankungen, Langzeitbehandlungen, wiederholte Medikamentenwechsel und schwerere Alltagskrisen. Sie können Hinweise auf seltene Risiken liefern und Fragen formulieren, die randomisierte Studien anschließend prüfen müssen.
Bei Antidepressiva und Suizid bleibt ihre Aussagekraft jedoch besonders begrenzt. Die Schwere einer Depression, der aktuelle Krisenverlauf, frühere Suizidversuche, akute Beziehungskonflikte, Alkohol- und Substanzkonsum, Erreichbarkeit sozialer Unterstützung und der Grund für eine Verordnung sind in Routinedaten oft nicht ausreichend abgebildet. Dieselben Größen beeinflussen Verschreibung und Suizidrisiko.
Die systematische Übersicht von Hengartner und Kollegen zu Beobachtungsstudien versucht, diese Grenze sichtbar zu machen. Die Autoren behandeln Confounding by Indication selbst als zentrales Problem. Eine frühere Übersicht im Canadian Medical Association Journal kam ebenfalls zu dem Schluss, dass die Verzerrung durch Krankheitsschwere aus solchen Daten nicht zuverlässig entfernt werden kann.
Der Altersgradient aus randomisierten Studien besitzt hier besonderes Gewicht. Damit Confounding allein den Unterschied zwischen jüngeren und älteren Erwachsenen erklären könnte, müsste die Verzerrung systematisch mit dem Alter in derselben Richtung wachsen oder sinken. Das ist denkbar, aber keine naheliegende Erklärung für das in den FDA-Daten beobachtete Muster.
Publikation und Interessen
Martin Plöderl und Kollegen berichteten 2023, dass Beobachtungsstudien mit erhöhtem Suizidrisiko unter Antidepressiva seltener in psychiatrischen Zeitschriften erscheinen. Das beschreibt ein ernstes Problem. Selektive Veröffentlichung kann die Literatur zugunsten einer beruhigenden Aussage verzerren.
Diese Beobachtung entbindet die kritische Seite nicht von denselben Maßstäben. Auch die Gegenöffentlichkeit besitzt Zeitschriften, Blogs, Reichweite, Leser und institutionelle Anreize. Ein Autor, der seit Jahren als Gegner antidepressiver Behandlung publiziert, hat eine erkennbare Position im Feld. Das ist kein Argument gegen seine Zahlen. Es ist ein Grund, sie mit derselben Sorgfalt zu lesen wie Herstellerstudien, Leitlinien und behördliche Stellungnahmen.
Interessenkonflikte ersetzen keine Methodenkritik. Sie erklären, warum eine Methodenkritik bei bestimmten Aussagen besonders notwendig bleibt.
Was gesichert ist, was offen bleibt
Gesichert ist der Altersunterschied aus den randomisierten Zulassungsdaten. Unter 25-Jährige benötigen in den ersten Behandlungswochen besondere Aufmerksamkeit für Zunahmen von Unruhe, Aktivierung, Agitiertheit, Akathisie, Schlafstörung, Verzweiflung, Suizidgedanken und Impulsivität. Aufklärung und engmaschige Kontakte in dieser Phase sind keine übervorsichtige Reaktion. Sie folgen aus den Daten.
Gesichert ist auch die Grenze der Daten zu vollendeten Suiziden. Randomisierte Studien enthalten dafür zu wenige Ereignisse. Sie können weder verlässlich beweisen, dass Antidepressiva bei Erwachsenen vollendete Suizide erhöhen, noch dass sie dieses Risiko sicher senken.
Offen bleibt die Größe eines möglichen Risikos für vollendete Suizide bei Erwachsenen. Die Neuanalyse von 2019 spricht für ein erhöhtes Risiko; ihre Einbeziehung nicht randomisierter Nachbeobachtungszeit und die geringe Zahl der Ereignisse begrenzen die Schlussfolgerung. Andere Analyseverfahren finden keine statistisch gesicherte Erhöhung, schließen aber einen klinisch bedeutsamen Schaden ebenfalls nicht aus.
Offen bleibt auch, welchen Anteil Absetzphänomene haben. Absetzsymptome können erheblich sein. Akathisie, Schlaflosigkeit, Angstsymptome und eine rasche Verschlechterung nach Dosisänderungen verdienen eigene Aufmerksamkeit. Die Frage ist klinisch wichtig und unzureichend untersucht.
Was dieser Post nicht sagt
Dieser Post enthält keine Empfehlung, Antidepressiva eigenständig oder abrupt abzusetzen. Ein plötzliches Absetzen kann Absetzsymptome auslösen; zugleich kann die behandelte Erkrankung zurückkehren oder sich verschärfen. Änderungen einer laufenden Medikation gehören in ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt.
Er enthält auch keine Entwarnung. Die Warnungen der Arzneimittelbehörden für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene beruhen auf einem realen Signal. Sie sind nicht überholt, weil eine Seite der Debatte sie für unbequeme Regulierung hält.
Bei akuten Suizidgedanken, unmittelbarer Gefahr oder dem Gefühl, nicht sicher allein zu sein, ist rasche Hilfe nötig: in Deutschland über 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116117, eine psychiatrische Notaufnahme oder die TelefonSeelsorge unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116123. Weitere Hinweise stehen im Beitrag zur Suizidprävention.
Das Wichtigste in Kürze
• Menschen erhalten Antidepressiva häufig wegen einer Erkrankung, die selbst das Suizidrisiko erhöht. Vergleiche von Verordneten mit Nichtverordneten messen daher zuerst die Indikation und Krankheitsschwere.
• Diese Verzerrung heißt Confounding by Indication.
• Stone und Kollegen analysierten 372 randomisierte, placebokontrollierte Studien mit 99.231 Erwachsenen. Der Arzneimitteleffekt unterschied sich stark nach Alter.
• Bei unter 25-Jährigen lag die Odds Ratio bei 1,62 für Suizidgedanken oder schwerere Ereignisse und bei 2,30 für suizidales Verhalten. Der absolute Risikounterschied betrug 5,34 beziehungsweise 3,64 Ereignisse pro 1.000 Teilnehmer.
• Bei 25- bis 64-Jährigen war suizidales Verhalten unter Wirkstoff und Placebo statistisch nicht verschieden; bei Menschen ab 65 lagen die Raten in dieser Analyse unter Wirkstoff niedriger.
• Vollendete Suizide waren in randomisierten Studien zu selten für eine belastbare Entscheidung. Stone und Kollegen fanden acht Ereignisse insgesamt.
• Die Neuanalyse von Hengartner und Plöderl aus dem Jahr 2019 berichtete eine Odds Ratio von 2,48 für vollendete Suizide bei Erwachsenen. Die Einbeziehung nicht randomisierter Nachbeobachtungszeit und die geringe Ereigniszahl begrenzen diese Aussage.
• Weitere statistische Analysen fanden keine gesicherte Erhöhung, konnten einen klinisch bedeutsamen Schaden aber ebenfalls nicht ausschließen.
• Bei jungen Patienten sind Aufklärung und engmaschige Beobachtung besonders zu Beginn und bei Dosisänderungen angezeigt.
• Laufende Antidepressiva sollten nicht abrupt und nicht ohne ärztliche Begleitung abgesetzt werden.
Quellen
· Gøtzsche, P. C. (2026, 12. September). Antidepressants are major drivers of suicides. Mad in America. https://www.madinamerica.com/2026/09/antidepressants-are-major-drivers-of-suicides/
· Barbui, C., Esposito, E., & Cipriani, A. (2009). Selective serotonin reuptake inhibitors and risk of suicide: A systematic review of observational studies. Canadian Medical Association Journal, 180, 291–297.
· Hengartner, M. P., & Plöderl, M. (2019). Newer-generation antidepressants and suicide risk in randomized controlled trials: A re-analysis of the FDA database. Psychotherapy and Psychosomatics, 88, 247–248.
· Hengartner, M. P., Amendola, S., Kaminski, J. A., Kindler, S., Bschor, T., & Plöderl, M. (2021). Suicide risk with selective serotonin reuptake inhibitors and other new-generation antidepressants in adults: A systematic review and meta-analysis of observational studies. Journal of Epidemiology and Community Health, 75, 523–530.
· Hjorthøj, C. R., Madsen, T., Agerbo, E., & Nordentoft, M. (2014). Risk of suicide according to level of psychiatric treatment: A nationwide nested case-control study. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 49, 1357–1365.
· Plöderl, M., Amendola, S., & Hengartner, M. P. (2023). Observational studies of antidepressant use and suicide risk are selectively published in psychiatric journals. Journal of Clinical Epidemiology, 162, 10–18.
· Stone, M., Laughren, T., Jones, M. L., Levenson, M., Holland, P. C., Hughes, A., et al. (2009). Risk of suicidality in clinical trials of antidepressants in adults: Analysis of proprietary data submitted to US Food and Drug Administration. BMJ, 339, b2880.
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Erhöhen Antidepressiva das Suizidrisiko? Die Frage wird seit vier Jahrzehnten gestellt. Im September 2026 veröffentlichte Peter Gøtzsche bei Mad in America einen Beitrag, der Antidepressiva als wesentliche Treiber von Suiziden bezeichnete. Die Behauptung ist älter als der Text. Mit jeder Runde wird sie weiter zugespitzt.
Die verfügbare Forschung erlaubt weder Entwarnung noch die Behauptung, Antidepressiva seien allgemein eine Hauptursache von Suiziden. Der belastbarste Teil der Daten betrifft junge Patienten: In randomisierten Studien steigt bei unter 25-Jährigen in der frühen Behandlung das Risiko für Suizidgedanken und suizidales Verhalten. Für vollendete Suizide reichen die Ereigniszahlen in klinischen Studien nicht aus. Beobachtungsstudien liefern hier besonders unsichere Antworten, weil Menschen Antidepressiva erhalten, gerade weil sie depressiv und häufig stärker gefährdet sind.
Die Figur: Krankenhäuser machen krank
Wer im Krankenhaus liegt, stirbt häufiger als jemand zu Hause. Das ist eine korrekte Beobachtung. Sie ist kein Argument gegen Krankenhäuser. Menschen kommen ins Krankenhaus, weil sie krank sind; die Krankheit erklärt den Unterschied.
Dieselbe Struktur steckt in vielen Zahlen zu Antidepressiva und Suizid. Menschen erhalten Antidepressiva, weil sie depressiv sind, Angststörungen haben, unter chronischen Schmerzen leiden oder in einer anderen belastenden Lage sind. Depression gehört zu den stärksten Risikofaktoren für Suizid. Wer Patienten mit Verordnung mit Menschen ohne Verordnung vergleicht, vergleicht deshalb zunächst Gruppen mit unterschiedlicher Ausgangsgefährdung.
Die Epidemiologie nennt das confounding by indication. Die Indikation für ein Medikament hängt selbst mit dem untersuchten Ergebnis zusammen. Bei Antidepressiva lautet die Kette: Schwerere Depression oder akute Verschlechterung führt eher zu einer Verordnung; dieselbe Schwere erhöht zugleich die Wahrscheinlichkeit von Suizidgedanken, Suizidversuchen und Suizid.
Beobachtungsdaten können dieses Problem abschwächen. Sie können Verordnete mit Verordneten vergleichen, Propensity Scores einsetzen, zeitabhängige Analysen rechnen oder Teilnehmer mit sich selbst zu verschiedenen Zeitpunkten vergleichen. Die Ausgangsschwere zum Zeitpunkt der Verordnung bleibt in Routinedaten jedoch oft nur unvollständig erfasst. Wer eine Behandlung beginnt, tut dies selten an einem zufälligen Tag.
Antidepressiva und Suizidalität in den Zulassungsdaten
Was die bemühte Studie überhaupt vergleicht
Die Studie vergleicht zwei Gruppen, die zu Beginn möglichst gleich waren. Die eine Gruppe erhielt ein Antidepressivum, die andere ein Placebo, also eine äußerlich gleiche Tablette ohne Wirkstoff. Weder die Teilnehmer noch die behandelnden Ärzte wussten während der Studie, wer was bekam. Die Zuteilung erfolgte per Zufall.
Das ist wichtig, weil Menschen Antidepressiva im Alltag nicht zufällig erhalten. Wer besonders schwer depressiv, akut verzweifelt, schlaflos, unruhig oder suizidgefährdet ist, bekommt eher ein Medikament. Vergleicht man später Verordnete mit Nichtverordneten, misst man daher zuerst die unterschiedliche Schwere der Erkrankung. In einer randomisierten Studie soll sich diese Schwere durch die Zufallszuteilung auf beide Gruppen verteilen. Ein späterer Unterschied lässt sich dann eher dem Medikament zuschreiben.
Marc Stone und Kollegen werteten für die FDA 372 solcher Studien aus. Insgesamt nahmen 99.231 Erwachsene teil. Es handelte sich nicht nur um Patienten mit einer schweren Depression. Knapp 46 Prozent wurden wegen einer Major Depression behandelt. Der Rest nahm Antidepressiva wegen anderer psychischer Erkrankungen oder wegen körperlicher Beschwerden ein, etwa chronischer Schmerzen. Das Durchschnittsalter lag bei 43 Jahren.
Wie man die Zahlen liest
Die Studie fragt nicht zuerst, ob jemand durch ein Antidepressivum Suizid begeht. Vollendete Suizide sind in klinischen Studien sehr selten. Deshalb fassten die Forscher mehrere Ereignisse zusammen: Suizidgedanken, vorbereitende Handlungen und Suizidversuche. Dieser gemeinsame Wert heißt in der Studie „Suizidgedanken oder schwerere Ereignisse“.
Ein Chancenverhältnis von 1 bedeutet: Unter Medikament und Placebo trat das Ereignis gleich häufig auf.
- Ein Wert über 1 bedeutet: Das Ereignis trat unter dem Medikament häufiger auf.
- Ein Wert unter 1 bedeutet: Das Ereignis trat unter dem Medikament seltener auf.
- Ein Wert von 2 bedeutet nicht, dass die Hälfte der Teilnehmer betroffen war. Er bedeutet, dass das Ereignis in der Wirkstoffgruppe ungefähr doppelt so häufig vorkam wie in der Placebogruppe.
Das Konfidenzintervall beschreibt die statistische Unsicherheit. Bei einem Wert von 1,62 mit einem Intervall von 0,97 bis 2,71 liegt die beste Schätzung bei 1,62. Die Daten sind aber auch mit einem sehr kleinen Unterschied oder mit einem mehr als doppelt so hohen Risiko vereinbar. Weil der Bereich die 1 einschließt, gilt dieses Ergebnis nach der üblichen statistischen Regel nicht als eindeutig gesichert. Bei 2,30 mit einem Intervall von 1,04 bis 5,09 liegt der gesamte Bereich über 1. Dieser Befund gilt daher als statistisch auffällig. Er bleibt wegen der breiten Spanne dennoch ungenau: Das Risiko könnte leicht erhöht oder etwa fünfmal so hoch sein.
Was bei jungen Patienten geschah
Bei Teilnehmern unter 25 Jahren traten Suizidgedanken oder schwerere Ereignisse unter Antidepressiva häufiger auf als unter Placebo. Das Chancenverhältnis lag bei 1,62. Für suizidales Verhalten allein lag es bei 2,30.
Die relativen Zahlen klingen groß. Deshalb braucht es zusätzlich die absoluten Zahlen. Pro 1.000 junge Teilnehmer gab es unter Antidepressiva im Durchschnitt:
- rund fünf zusätzliche Fälle mit Suizidgedanken oder schwereren Ereignissen;
- rund vier zusätzliche Fälle mit suizidalem Verhalten.
Das heißt nicht, dass fünf oder vier Prozent der Behandelten betroffen waren. Es bedeutet: Wenn je 1.000 vergleichbare junge Menschen ein Antidepressivum oder ein Placebo erhalten, traten in der Gruppe mit Medikament in der Studienzeit ungefähr fünf zusätzliche Ereignisse der ersten Art und knapp vier zusätzliche Ereignisse der zweiten Art auf.
Diese Zahlen begründen die Warnung für junge Patienten. Sie bedeuten weder, dass Antidepressiva bei jedem jungen Menschen Suizidgedanken hervorrufen, noch dass jeder Behandlungsbeginn gefährlich ist. Sie bedeuten, dass die ersten Wochen und jede Dosisänderung genauer beobachtet werden müssen.
Warum das Alter entscheidend ist
Das Risiko verlief nicht in allen Altersgruppen gleich.
Alter | Suizidgedanken oder schwerere Ereignisse | Suizidales Verhalten | Einfache Bedeutung |
|---|---|---|---|
Unter 25 | 1,62 | 2,30 | Unter Wirkstoff häufiger als unter Placebo |
25 bis 64 | 0,79 | 1,03 | Kein klarer Unterschied beim Verhalten; beim kombinierten Wert eher niedrigere Rate unter Wirkstoff |
Ab 65 | 0,37 | 0,06 | In diesen Studien unter Wirkstoff seltener als unter Placebo |
Die Zahlen sind Risikoverhältnisse. Der Vergleich zeigt eine Richtung, keine persönliche Vorhersage. Ein 24-Jähriger mit milder Depression und guter sozialer Unterstützung hat ein anderes Ausgangsrisiko als eine 24-Jährige mit schwerer Depression, Schlaflosigkeit, Alkoholproblemen und früheren Suizidversuchen. Die Studie beschreibt einen Durchschnitt über viele Menschen und viele Medikamente.
Der Satz, das Chancenverhältnis sinke pro Lebensjahr um 2,6 Prozent beziehungsweise 4,6 Prozent, heißt: Der Unterschied zwischen Medikament und Placebo wurde mit zunehmendem Alter schrittweise kleiner und drehte sich schließlich um. Ein Medikament, das bei jüngeren Teilnehmern mit mehr suizidalen Ereignissen verbunden war, war bei älteren Teilnehmern mit weniger solchen Ereignissen verbunden. Das Alter war in dieser Analyse der stärkste Faktor dafür, in welche Richtung der Unterschied ging. [pmc.ncbi.nlm.nih](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2725270/)
Die wichtige Grenze
Die Studie zeigt ein Risiko für Suizidgedanken und suizidales Verhalten in bestimmten Altersgruppen. Sie beweist nicht, wie viele Menschen durch Antidepressiva tatsächlich durch Suizid sterben.
In allen 372 Studien gab es acht vollendete Suizide. Acht Ereignisse unter fast 100.000 Teilnehmern reichen nicht, um eine belastbare Aussage über vollendete Suizide zu treffen. Die Schätzung war zu unsicher. Deshalb kann die Studie weder die Behauptung stützen, Antidepressiva erhöhten bei Erwachsenen sicher die Zahl vollendeter Suizide, noch die gegenteilige Behauptung, sie senkten sie sicher.
Was die Zahlen für Jugendliche und junge Erwachsene bedeuten
Die Zulassungsdaten stützen eine klare Aussage: Bei jungen Patienten steigt zu Beginn einer antidepressiven Behandlung das Risiko für Suizidgedanken und suizidales Verhalten messbar an. Wer das bestreitet, bestreitet die Daten, auf denen die behördlichen Warnungen beruhen.
Die FDA reagierte nach pädiatrischen Analysen mit einer Warnung für Kinder und Jugendliche; die Warnhinweise wurden später auf junge Erwachsene bis 24 Jahre ausgeweitet. In den pädiatrischen Studien gab es keine vollendeten Suizide. Die Signalstärke betraf Gedanken und Verhaltensereignisse, nicht den Nachweis vollendeter Suizide.
Zwei Einschränkungen sind zwingend.
Erstens: Klinische Studien messen fast immer Suizidgedanken, Suizidversuche und vorbereitende Handlungen. Vollendete Suizide sind so selten, dass selbst große Studienpools kaum tragfähige Aussagen erlauben. In der Stone-Analyse gab es acht vollendete Suizide unter 99.231 Teilnehmern. Das geschätzte Chancenverhältnis lag bei 2,13, das Konfidenzintervall reichte jedoch von 0,41 bis 10,99.
Zweitens: Die FDA-Daten betreffen nicht ausschließlich schwere Depression. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer erhielt Antidepressiva wegen anderer depressiver, psychiatrischer, verhaltensbezogener oder nichtpsychiatrischer Indikationen. Der Befund ist deshalb eine Analyse antidepressiver Arzneimittelstudien bei Erwachsenen, keine einfache Antwort auf die Frage, was bei einer einzelnen schwer depressiven Person in der Regelversorgung geschieht.
Die Neuanalyse der FDA-Daten von 2019
Michael Hengartner und Martin Plöderl werteten 2019 dieselbe FDA-Datenbank erneut aus. Sie korrigierten zwei Suizide, die in den Paroxetin-Daten der Placebogruppe statt der Wirkstoffgruppe zugeordnet worden waren. Außerdem bezogen sie Ereignisse aus Nachbeobachtungsphasen nach Ende der randomisierten Behandlung ein.
Sie berichteten für Erwachsene mehr als doppelt so viele Suizide unter Wirkstoff wie unter Placebo. Ihre berechnete Odds Ratio lag bei 2,48. Diese Zahl wurde zum Kern der kritischen Literatur über Antidepressiva und Suizid.
Die Neuanalyse hat einen starkes Argument. Eine fehlerhafte Zuordnung von Suiziden ist keine Bagatelle. Bei seltenen Ereignissen beeinflusst jeder einzelne Fall das Ergebnis stark. Die Frage nach vollständiger und korrekter Ereigniserfassung bleibt daher berechtigt.
Ihre Schlussfolgerung bleibt jedoch methodisch angreifbar. Die Nachbeobachtungszeit war nicht randomisiert. Wer die randomisierte Studienphase vorzeitig verlässt oder in eine offene Weiterbehandlung wechselt, unterscheidet sich häufig von den Teilnehmern, die unter der ursprünglichen Zuteilung bleiben. Gründe für Abbruch, Wechsel und Nachverfolgung können mit Nebenwirkungen, Krankheitsschwere, Behandlungserwartung und Suizidrisiko zusammenhängen. Für diesen Zeitraum kehrt das Problem zurück, das randomisierte Studien gerade vermeiden sollen.
Die Reanalyse ist auch statistisch umstritten. Eine veröffentlichte Erwiderung rechnete mehrere Meta-Analyseverfahren für seltene Ereignisse durch und fand Schätzungen deutlich unter der von Hengartner und Plöderl berichteten Odds Ratio. Keines dieser Verfahren schloss einen klinisch bedeutsamen Schaden sicher aus; die Vertrauensbereiche waren breit. Die Erwiderung hält deshalb vor allem eines fest: Die Daten sind für eine weitreichende Behauptung über vollendete Suizide zu unpräzise.
Ein Chancenverhältnis von 2,48 klingt groß. Bei einem sehr seltenen Ereignis kann der absolute Unterschied dennoch klein bleiben. Genau deshalb reichen wenige Dutzend Ereignisse aus, um Ergebnisse bei einzelnen Zuordnungs- oder Modellierungsentscheidungen sichtbar zu verschieben.
Der Kronzeuge gegen die eigene These
Gøtzsche zitiert eine dänische Registerstudie von Carsten Hjorthøj und Kollegen aus dem Jahr 2014. Sie berichtet ein stark erhöhtes Suizidrisiko nach psychiatrischer Behandlung und ein höheres Risiko bei intensiverem psychiatrischem Kontakt. Gøtzsche nennt ein 44-faches Risiko bei psychiatrischer stationärer Behandlung und räumt zugleich ein, dass stationär aufgenommene Patienten kränker seien und deshalb ein höheres Risiko erwarten ließen.
Genau das ist confounding by indication. Wer akut suizidal, psychotisch, schwer depressiv oder nicht mehr sicher versorgbar ist, wird eher stationär aufgenommen. Dass stationär Aufgenommene später häufiger durch Suizid sterben als Menschen ohne Aufnahme, beweist nicht, dass die Aufnahme den Suizid verursacht hat. Es misst zuerst die Krise, die zur Aufnahme führte.
Das Beispiel widerlegt nicht jede Kritik an psychiatrischer Versorgung. Es zeigt, wie strikt dieselbe methodische Regel auf alle Beobachtungsdaten angewandt werden muss. Die Regeln dürfen nicht wechseln, sobald ein Ergebnis in die gewünschte Richtung weist.
Was Beobachtungsstudien zu SSRI leisten
Beobachtungsstudien sind nicht wertlos. Sie erfassen Gruppen, die in Zulassungsstudien selten vorkommen: ältere Patienten, Menschen mit mehreren Erkrankungen, Langzeitbehandlungen, wiederholte Medikamentenwechsel und schwerere Alltagskrisen. Sie können Hinweise auf seltene Risiken liefern und Fragen formulieren, die randomisierte Studien anschließend prüfen müssen.
Bei Antidepressiva und Suizid bleibt ihre Aussagekraft jedoch besonders begrenzt. Die Schwere einer Depression, der aktuelle Krisenverlauf, frühere Suizidversuche, akute Beziehungskonflikte, Alkohol- und Substanzkonsum, Erreichbarkeit sozialer Unterstützung und der Grund für eine Verordnung sind in Routinedaten oft nicht ausreichend abgebildet. Dieselben Größen beeinflussen Verschreibung und Suizidrisiko.
Die systematische Übersicht von Hengartner und Kollegen zu Beobachtungsstudien versucht, diese Grenze sichtbar zu machen. Die Autoren behandeln Confounding by Indication selbst als zentrales Problem. Eine frühere Übersicht im Canadian Medical Association Journal kam ebenfalls zu dem Schluss, dass die Verzerrung durch Krankheitsschwere aus solchen Daten nicht zuverlässig entfernt werden kann.
Der Altersgradient aus randomisierten Studien besitzt hier besonderes Gewicht. Damit Confounding allein den Unterschied zwischen jüngeren und älteren Erwachsenen erklären könnte, müsste die Verzerrung systematisch mit dem Alter in derselben Richtung wachsen oder sinken. Das ist denkbar, aber keine naheliegende Erklärung für das in den FDA-Daten beobachtete Muster.
Publikation und Interessen
Martin Plöderl und Kollegen berichteten 2023, dass Beobachtungsstudien mit erhöhtem Suizidrisiko unter Antidepressiva seltener in psychiatrischen Zeitschriften erscheinen. Das beschreibt ein ernstes Problem. Selektive Veröffentlichung kann die Literatur zugunsten einer beruhigenden Aussage verzerren.
Diese Beobachtung entbindet die kritische Seite nicht von denselben Maßstäben. Auch die Gegenöffentlichkeit besitzt Zeitschriften, Blogs, Reichweite, Leser und institutionelle Anreize. Ein Autor, der seit Jahren als Gegner antidepressiver Behandlung publiziert, hat eine erkennbare Position im Feld. Das ist kein Argument gegen seine Zahlen. Es ist ein Grund, sie mit derselben Sorgfalt zu lesen wie Herstellerstudien, Leitlinien und behördliche Stellungnahmen.
Interessenkonflikte ersetzen keine Methodenkritik. Sie erklären, warum eine Methodenkritik bei bestimmten Aussagen besonders notwendig bleibt.
Was gesichert ist, was offen bleibt
Gesichert ist der Altersunterschied aus den randomisierten Zulassungsdaten. Unter 25-Jährige benötigen in den ersten Behandlungswochen besondere Aufmerksamkeit für Zunahmen von Unruhe, Aktivierung, Agitiertheit, Akathisie, Schlafstörung, Verzweiflung, Suizidgedanken und Impulsivität. Aufklärung und engmaschige Kontakte in dieser Phase sind keine übervorsichtige Reaktion. Sie folgen aus den Daten.
Gesichert ist auch die Grenze der Daten zu vollendeten Suiziden. Randomisierte Studien enthalten dafür zu wenige Ereignisse. Sie können weder verlässlich beweisen, dass Antidepressiva bei Erwachsenen vollendete Suizide erhöhen, noch dass sie dieses Risiko sicher senken.
Offen bleibt die Größe eines möglichen Risikos für vollendete Suizide bei Erwachsenen. Die Neuanalyse von 2019 spricht für ein erhöhtes Risiko; ihre Einbeziehung nicht randomisierter Nachbeobachtungszeit und die geringe Zahl der Ereignisse begrenzen die Schlussfolgerung. Andere Analyseverfahren finden keine statistisch gesicherte Erhöhung, schließen aber einen klinisch bedeutsamen Schaden ebenfalls nicht aus.
Offen bleibt auch, welchen Anteil Absetzphänomene haben. Absetzsymptome können erheblich sein. Akathisie, Schlaflosigkeit, Angstsymptome und eine rasche Verschlechterung nach Dosisänderungen verdienen eigene Aufmerksamkeit. Die Frage ist klinisch wichtig und unzureichend untersucht.
Was dieser Post nicht sagt
Dieser Post enthält keine Empfehlung, Antidepressiva eigenständig oder abrupt abzusetzen. Ein plötzliches Absetzen kann Absetzsymptome auslösen; zugleich kann die behandelte Erkrankung zurückkehren oder sich verschärfen. Änderungen einer laufenden Medikation gehören in ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt.
Er enthält auch keine Entwarnung. Die Warnungen der Arzneimittelbehörden für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene beruhen auf einem realen Signal. Sie sind nicht überholt, weil eine Seite der Debatte sie für unbequeme Regulierung hält.
Bei akuten Suizidgedanken, unmittelbarer Gefahr oder dem Gefühl, nicht sicher allein zu sein, ist rasche Hilfe nötig: in Deutschland über 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116117, eine psychiatrische Notaufnahme oder die TelefonSeelsorge unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116123. Weitere Hinweise stehen im Beitrag zur Suizidprävention.
Das Wichtigste in Kürze
• Menschen erhalten Antidepressiva häufig wegen einer Erkrankung, die selbst das Suizidrisiko erhöht. Vergleiche von Verordneten mit Nichtverordneten messen daher zuerst die Indikation und Krankheitsschwere.
• Diese Verzerrung heißt Confounding by Indication.
• Stone und Kollegen analysierten 372 randomisierte, placebokontrollierte Studien mit 99.231 Erwachsenen. Der Arzneimitteleffekt unterschied sich stark nach Alter.
• Bei unter 25-Jährigen lag die Odds Ratio bei 1,62 für Suizidgedanken oder schwerere Ereignisse und bei 2,30 für suizidales Verhalten. Der absolute Risikounterschied betrug 5,34 beziehungsweise 3,64 Ereignisse pro 1.000 Teilnehmer.
• Bei 25- bis 64-Jährigen war suizidales Verhalten unter Wirkstoff und Placebo statistisch nicht verschieden; bei Menschen ab 65 lagen die Raten in dieser Analyse unter Wirkstoff niedriger.
• Vollendete Suizide waren in randomisierten Studien zu selten für eine belastbare Entscheidung. Stone und Kollegen fanden acht Ereignisse insgesamt.
• Die Neuanalyse von Hengartner und Plöderl aus dem Jahr 2019 berichtete eine Odds Ratio von 2,48 für vollendete Suizide bei Erwachsenen. Die Einbeziehung nicht randomisierter Nachbeobachtungszeit und die geringe Ereigniszahl begrenzen diese Aussage.
• Weitere statistische Analysen fanden keine gesicherte Erhöhung, konnten einen klinisch bedeutsamen Schaden aber ebenfalls nicht ausschließen.
• Bei jungen Patienten sind Aufklärung und engmaschige Beobachtung besonders zu Beginn und bei Dosisänderungen angezeigt.
• Laufende Antidepressiva sollten nicht abrupt und nicht ohne ärztliche Begleitung abgesetzt werden.
Quellen
· Gøtzsche, P. C. (2026, 12. September). Antidepressants are major drivers of suicides. Mad in America. https://www.madinamerica.com/2026/09/antidepressants-are-major-drivers-of-suicides/
· Barbui, C., Esposito, E., & Cipriani, A. (2009). Selective serotonin reuptake inhibitors and risk of suicide: A systematic review of observational studies. Canadian Medical Association Journal, 180, 291–297.
· Hengartner, M. P., & Plöderl, M. (2019). Newer-generation antidepressants and suicide risk in randomized controlled trials: A re-analysis of the FDA database. Psychotherapy and Psychosomatics, 88, 247–248.
· Hengartner, M. P., Amendola, S., Kaminski, J. A., Kindler, S., Bschor, T., & Plöderl, M. (2021). Suicide risk with selective serotonin reuptake inhibitors and other new-generation antidepressants in adults: A systematic review and meta-analysis of observational studies. Journal of Epidemiology and Community Health, 75, 523–530.
· Hjorthøj, C. R., Madsen, T., Agerbo, E., & Nordentoft, M. (2014). Risk of suicide according to level of psychiatric treatment: A nationwide nested case-control study. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 49, 1357–1365.
· Plöderl, M., Amendola, S., & Hengartner, M. P. (2023). Observational studies of antidepressant use and suicide risk are selectively published in psychiatric journals. Journal of Clinical Epidemiology, 162, 10–18.
· Stone, M., Laughren, T., Jones, M. L., Levenson, M., Holland, P. C., Hughes, A., et al. (2009). Risk of suicidality in clinical trials of antidepressants in adults: Analysis of proprietary data submitted to US Food and Drug Administration. BMJ, 339, b2880.
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