Autismus als Ausrede? Diagnose, Zumutbarkeit und Verantwortung am Arbeitsplatz

Autismus als Ausrede? Diagnose, Zumutbarkeit und Verantwortung am Arbeitsplatz

Autismus als Ausrede?

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ein office, dunkles wetter, ein stuhl, der im vordergrund steht, ist leer

DESCRIPTION: Eine Diagnose erklärt Verhalten. Sie entscheidet weder allein über seine Zumutbarkeit noch über die Verantwortung aller Beteiligten. Warum die Frage „autistisch oder rücksichtslos“ zwei verschiedene Dinge verwechselt.

Autistisch oder rücksichtslos? Warum die Frage falsch gestellt ist

„Und was ist mit jemandem, der nicht diagnostiziert ist, aber einiges davon zeigt? Wie unterscheidet man autistisch von schlicht rücksichtslos? Und wie führt man in einer großen, hochbelasteten Organisation jemanden, der sich Brücken abgebrochen hat, jede Diagnose zurückweist und zugleich verlangt, dass alle Rücksicht nehmen?“

Die wiederkehrende Kommentarfrage

Der Kommentar steht so oder ähnlich unter fast jeder Liste autistischer Verhaltensmerkmale. Ihn als dumm oder bösartig abzutun, wäre der bequemste und der schlechteste Umgang mit ihm. Er formuliert ein reales Problem. Menschen erleben Verletzungen, Unsicherheit und institutionelle Überlastung, und sie haben keine brauchbare Sprache dafür bekommen.

Die Frage taugt trotzdem nichts, und zwar aus einem bestimmten Grund. Sie behandelt vier Dinge, als wären sie dasselbe: die Form eines Verhaltens, die Absicht dahinter, seine Wirkung auf andere und die Übernahme von Verantwortung dafür.

Diese vier fallen regelmäßig auseinander. Jemand kann ohne jede feindselige Absicht handeln und trotzdem Schaden anrichten. Jemand kann von der Norm abweichen, ohne irgendwem zu schaden. Und jemand kann eine vollkommen zutreffende Erklärung für sein Verhalten haben und sich dennoch weigern, über dessen Folgen zu sprechen.

Beide Lager irren gemeinsam

Der übliche Streit läuft zwischen zwei Positionen: Diagnose als Freibrief gegen Diagnose als Ausrede. Beide teilen eine Voraussetzung, und die ist falsch. Sie unterstellen, dass Erklärung und Verantwortung einander ausschließen.

Das Gegenteil trifft zu. Erst eine brauchbare Erklärung macht Verantwortung konkret, weil sie sagt, woran sich überhaupt arbeiten lässt. Wer weiß, dass ein Meltdown durch angekündigte Änderungen seltener wird, hat eine Aufgabe. Wer nur weiß, dass jemand „schwierig“ ist, hat keine.

Drei Ebenen, die auseinandergehören

Statt zu fragen, ob diese Person autistisch oder rücksichtslos ist, fragt man besser: „Was geschieht hier genau, wen belastet es tatsächlich, was wäre veränderbar, und wer kann dazu beitragen?“

Ebene

Leitfrage

Was daraus nicht folgen darf

Erklärung

Warum geschieht dieses Verhalten?

Dass es deshalb folgenlos sei

Wirkung und Zumutbarkeit

Was richtet es bei anderen an?

Dass jede Irritation bereits Schaden sei

Anpassung

Was kann die Person ändern, was die Organisation?

Dass Anpassung nur einseitig geschuldet sei

Die dritte Spalte ist die eigentliche Arbeit. Jede Ebene wird im Alltag routinemäßig überdehnt, und jede Überdehnung erzeugt eine der bekannten Sackgassen.

Irritation ist noch kein Schaden

Fehlender Blickkontakt, Direktheit ohne gesellschaftliche Polsterung, Stimming, Rückzug in der Pause, fehlender Small Talk, die sensorisch begründete Ablehnung einer Kleiderregel: Nichts davon ist an sich eine soziale Verfehlung. Es ist ungewohnt.

Unvertrautheit beeinträchtigt niemanden. Sie fühlt sich nur manchmal so an, und der Unterschied ist im Arbeitsalltag folgenreich, weil sich unter dem Etikett „unangemessenes Verhalten“ beides mischt.

Schaden ist nicht bedeutungslos

Die Gegenrichtung stimmt genauso. Wenn Verhalten wiederholt Arbeitsabläufe zerstört, Menschen beschämt, einschüchtert oder unberechenbar belastet, dann lässt sich diese Wirkung nicht mit einem Hinweis auf Neurodivergenz beenden.

Weniger zählt dabei die Schuldfrage. Mehr zählen Reparatur und Vorbeugung: Was lässt sich künftig früher erkennen, was ändern, was abfedern?

Der Meltdown und das Danach

Am Meltdown lässt sich das genau zeigen, und deshalb hier ein Fall.

Freitagnachmittag, Großraumbüro. Eine Umstrukturierung wird per Mail angekündigt, Wirkung ab Montag, Sitzordnung inklusive. Zwanzig Minuten später steht ein Mitarbeiter am Schreibtisch seiner Teamleiterin und schreit. Nicht laut wie jemand, der energisch wird, sondern laut wie jemand, dessen Stimme nicht mehr in seiner Kontrolle ist. Er sagt Dinge über ihre Arbeitsweise, die zwei Kollegen mithören. Dann geht er und meldet sich für den Rest des Tages nicht mehr.

Ein Meltdown ist kein Machtspiel und keine schlechte Erziehung. Er ist ein Zustand, in dem Regulierung nicht mehr verfügbar ist. Das erklärt, warum jemand schreit, abbricht, erstarrt oder die Situation verlassen muss.

Das beantwortet zwei andere Fragen nicht. Die Teamleiterin ist am Montag noch immer beschämt, und die beiden Kollegen haben es gehört. Was brauchen die drei? Und was wird jetzt möglich: Rückkehr, Einordnung, Reparatur, Vorbeugung?

Reparatur statt Tribunal

Das Danach sollte nicht als moralisches Tribunal angelegt werden. Es geht weder um eine Entschuldigung noch um ein Geständnis, sondern um Reparatur, und die besteht aus konkreten Fragen. Im obigen Fall etwa: Warum kam eine Sitzordnungsänderung freitags um vierzehn Uhr per Mail? Welche Vorlaufzeit hätte gereicht? Woran hätte er selbst merken können, dass er kurz davor ist? Und was tut er am Montag, damit die Teamleiterin vor ihren Kollegen wieder gut dastehen kann?

Die letzte Frage gehört ausdrücklich dazu. Schrankenlose Toleranz ist nicht tragfähig.

Rücksichtslosigkeit

Die relevante Unterscheidung verläuft nicht zwischen Autismus und Rücksichtslosigkeit. Das sind zwei unvergleichbare Größen, eine Verarbeitungsweise und eine Haltung.

Rücksichtslosigkeit wäre eine Position: die dauerhafte Erklärung, dass die Wirkung auf andere unerheblich ist. Autistisches Verhalten kann andere irritieren, überfordern und auch verletzen, ohne rücksichtslos motiviert zu sein. Und umgekehrt wird eine Diagnose genau dort zum Schild, wo sie jedes Gespräch über Wirkung, Grenzen und mögliche Veränderung beendet.

Jede Sprache der Selbstbeschreibung lässt sich abwehrend verwenden. Das gilt für Diagnosen nicht anders als für Charakter, Biografie, Stress oder Hierarchie. Entscheidend ist nicht, ob jemand eine Erklärung hat, sondern ob sie ein Gespräch eröffnet oder es beendet.

Die Diagnose als Anfang

„Ich bin autistisch“ kann eine Menge erklären, und zwar produktiv: Ich brauche Informationen schriftlich. Spontane Änderungen destabilisieren mich. Ich kann gerade nicht weiterreden und melde mich in einer Stunde.

Jeder dieser Sätze eröffnet Zusammenarbeit. Er benennt eine Bedingung, unter der etwas gelingt, und lädt die Umgebung ein, sie herzustellen. Zum Schild wird die Diagnose erst, wenn sie bedeutet: Deine Erfahrung ist damit erledigt.

Der Organisationsfall

Für den hochbelasteten Organisationskontext gilt eine Regel, die gegen den Reflex geht. Führung sortiert weder nach Diagnose noch nach Wahrhaftigkeit noch nach Einsicht. Sie hat Verhalten und Arbeitsbedingungen zu bearbeiten und keine verdeckte klinische Frage zu entscheiden.

Eine Organisation muss nicht wissen, ob jemand autistisch ist, um zu benennen, was im Arbeitsalltag nicht tragbar ist. Sie muss ebenso wenig entscheiden, ob jemand wirklich neurodivergent ist, um Barrieren abzubauen. Klare Zuständigkeiten, schriftliche Absprachen, vorhersehbare Änderungen, Rückzugsräume und konfliktarme Rückmeldeformate sind keine Belohnung für eine Diagnose. Sie ist gute Arbeitsorganisation. Die Sitzordnung aus dem Beispiel hätte auch für alle anderen zwei Wochen früher kommen können.

Das schützt in beide Richtungen. Die Person wird nicht zur Selbstoffenbarung gedrängt. Die Kollegen müssen Belastung nicht unbegrenzt auffangen.

Was die Zahlen zeigen

Die Erhebung „Neurodiversity at Work“ von Understood.org, durchgeführt von The Harris Poll, zeichnet die Spannung nach. In der dritten Ausgabe vom Mai 2026 – befragt wurden im März 2026 insgesamt 2.073 Erwachsene in den USA, davon 614 neurodivergent – sagen 73 Prozent, ihr Arbeitsplatz sei für neurodivergente Beschäftigte zugänglich, und 69 Prozent trauen ihrer Führungskraft ein Verständnis von Neurodiversität zu.

Zugleich fürchten 70 Prozent der neurodivergenten Beschäftigten Nachteile durch eine Offenlegung, gegenüber 59 Prozent im Jahr 2024. 79 Prozent der neurodivergenten und 67 Prozent der neurotypischen Erwachsenen sehen ein Stigma darin, überhaupt eine Anpassung zu erbitten. 70 Prozent wissen nicht, welche Anpassungen ihnen zustehen, 60 Prozent nicht, an wen sie sich wenden sollen. Und 75 Prozent der neurodivergenten Frauen berichten von Maskierungsdruck, gegenüber 69 Prozent der Männer.

Das ist keine deutsche Arbeitsmarktstatistik, und es beruht auf Selbstauskunft. Für die hiesige Lage taugen die Zahlen als Hinweis. Sichtbar wird die Lücke zwischen einer gut eingeübten Akzeptanzrhetorik und einem realen Risiko, und diese Lücke erklärt einen Teil des gereizten Tons, in dem die Ausgangsfrage gewöhnlich gestellt wird.

Wo Verweigerung beginnt

Nicht jede Zumutung ist Gewalt, nicht jede Abweichung Rücksichtslosigkeit, nicht jede Erklärung eine Entschuldigung. Aber dort, wo eine Diagnose nur noch sagen soll: „So bin ich eben, und damit endet dein Recht auf eine eigene Erfahrung“, beginnt kein Autismus. Dort beginnt die Verweigerung von Beziehung.

Das Wichtigste in Kürze

•             Die Frage „autistisch oder rücksichtslos“ verwechselt vier Dinge: Form, Absicht, Wirkung und Verantwortungsübernahme. Sie fallen regelmäßig auseinander.

•             Diagnose als Freibrief und Diagnose als Ausrede teilen denselben Denkfehler: dass Erklärung und Verantwortung einander ausschließen.

•             Unvertrautheit ist keine Beeinträchtigung. Wiederholter Schaden lässt sich umgekehrt nicht mit einem Hinweis auf Neurodivergenz beenden.

•             Der Meltdown erklärt das Verhalten und beantwortet nicht, was die Getroffenen brauchen. Das Danach sollte als Reparatur angelegt werden, nicht als Tribunal.

•             Rücksichtslosigkeit ist eine Haltung, keine Verarbeitungsweise: die dauerhafte Erklärung, dass die Wirkung auf andere unerheblich sei.

•             Organisationen entscheiden keine klinische Frage. Vorhersehbare Änderungen und schriftliche Absprachen sind gute Arbeitsorganisation und helfen allen.

Quellen

•             Understood.org / The Harris Poll: Neurodiversity at Work Survey 2026, Befragung vom 19.–23. März 2026, 2.073 Erwachsene in den USA, davon 614 neurodivergent

•             Understood.org / The Harris Poll: Neurodiversity at Work Survey 2025

•             Autism and ADHD: When are they an excuse, and when are they an explanation? A Conscious Rethink

•             Autistic people often display these 13 behaviors that make them so misunderstood. A Conscious Rethink


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Autistisch oder rücksichtslos? Warum die Frage falsch gestellt ist

„Und was ist mit jemandem, der nicht diagnostiziert ist, aber einiges davon zeigt? Wie unterscheidet man autistisch von schlicht rücksichtslos? Und wie führt man in einer großen, hochbelasteten Organisation jemanden, der sich Brücken abgebrochen hat, jede Diagnose zurückweist und zugleich verlangt, dass alle Rücksicht nehmen?“

Die wiederkehrende Kommentarfrage

Der Kommentar steht so oder ähnlich unter fast jeder Liste autistischer Verhaltensmerkmale. Ihn als dumm oder bösartig abzutun, wäre der bequemste und der schlechteste Umgang mit ihm. Er formuliert ein reales Problem. Menschen erleben Verletzungen, Unsicherheit und institutionelle Überlastung, und sie haben keine brauchbare Sprache dafür bekommen.

Die Frage taugt trotzdem nichts, und zwar aus einem bestimmten Grund. Sie behandelt vier Dinge, als wären sie dasselbe: die Form eines Verhaltens, die Absicht dahinter, seine Wirkung auf andere und die Übernahme von Verantwortung dafür.

Diese vier fallen regelmäßig auseinander. Jemand kann ohne jede feindselige Absicht handeln und trotzdem Schaden anrichten. Jemand kann von der Norm abweichen, ohne irgendwem zu schaden. Und jemand kann eine vollkommen zutreffende Erklärung für sein Verhalten haben und sich dennoch weigern, über dessen Folgen zu sprechen.

Beide Lager irren gemeinsam

Der übliche Streit läuft zwischen zwei Positionen: Diagnose als Freibrief gegen Diagnose als Ausrede. Beide teilen eine Voraussetzung, und die ist falsch. Sie unterstellen, dass Erklärung und Verantwortung einander ausschließen.

Das Gegenteil trifft zu. Erst eine brauchbare Erklärung macht Verantwortung konkret, weil sie sagt, woran sich überhaupt arbeiten lässt. Wer weiß, dass ein Meltdown durch angekündigte Änderungen seltener wird, hat eine Aufgabe. Wer nur weiß, dass jemand „schwierig“ ist, hat keine.

Drei Ebenen, die auseinandergehören

Statt zu fragen, ob diese Person autistisch oder rücksichtslos ist, fragt man besser: „Was geschieht hier genau, wen belastet es tatsächlich, was wäre veränderbar, und wer kann dazu beitragen?“

Ebene

Leitfrage

Was daraus nicht folgen darf

Erklärung

Warum geschieht dieses Verhalten?

Dass es deshalb folgenlos sei

Wirkung und Zumutbarkeit

Was richtet es bei anderen an?

Dass jede Irritation bereits Schaden sei

Anpassung

Was kann die Person ändern, was die Organisation?

Dass Anpassung nur einseitig geschuldet sei

Die dritte Spalte ist die eigentliche Arbeit. Jede Ebene wird im Alltag routinemäßig überdehnt, und jede Überdehnung erzeugt eine der bekannten Sackgassen.

Irritation ist noch kein Schaden

Fehlender Blickkontakt, Direktheit ohne gesellschaftliche Polsterung, Stimming, Rückzug in der Pause, fehlender Small Talk, die sensorisch begründete Ablehnung einer Kleiderregel: Nichts davon ist an sich eine soziale Verfehlung. Es ist ungewohnt.

Unvertrautheit beeinträchtigt niemanden. Sie fühlt sich nur manchmal so an, und der Unterschied ist im Arbeitsalltag folgenreich, weil sich unter dem Etikett „unangemessenes Verhalten“ beides mischt.

Schaden ist nicht bedeutungslos

Die Gegenrichtung stimmt genauso. Wenn Verhalten wiederholt Arbeitsabläufe zerstört, Menschen beschämt, einschüchtert oder unberechenbar belastet, dann lässt sich diese Wirkung nicht mit einem Hinweis auf Neurodivergenz beenden.

Weniger zählt dabei die Schuldfrage. Mehr zählen Reparatur und Vorbeugung: Was lässt sich künftig früher erkennen, was ändern, was abfedern?

Der Meltdown und das Danach

Am Meltdown lässt sich das genau zeigen, und deshalb hier ein Fall.

Freitagnachmittag, Großraumbüro. Eine Umstrukturierung wird per Mail angekündigt, Wirkung ab Montag, Sitzordnung inklusive. Zwanzig Minuten später steht ein Mitarbeiter am Schreibtisch seiner Teamleiterin und schreit. Nicht laut wie jemand, der energisch wird, sondern laut wie jemand, dessen Stimme nicht mehr in seiner Kontrolle ist. Er sagt Dinge über ihre Arbeitsweise, die zwei Kollegen mithören. Dann geht er und meldet sich für den Rest des Tages nicht mehr.

Ein Meltdown ist kein Machtspiel und keine schlechte Erziehung. Er ist ein Zustand, in dem Regulierung nicht mehr verfügbar ist. Das erklärt, warum jemand schreit, abbricht, erstarrt oder die Situation verlassen muss.

Das beantwortet zwei andere Fragen nicht. Die Teamleiterin ist am Montag noch immer beschämt, und die beiden Kollegen haben es gehört. Was brauchen die drei? Und was wird jetzt möglich: Rückkehr, Einordnung, Reparatur, Vorbeugung?

Reparatur statt Tribunal

Das Danach sollte nicht als moralisches Tribunal angelegt werden. Es geht weder um eine Entschuldigung noch um ein Geständnis, sondern um Reparatur, und die besteht aus konkreten Fragen. Im obigen Fall etwa: Warum kam eine Sitzordnungsänderung freitags um vierzehn Uhr per Mail? Welche Vorlaufzeit hätte gereicht? Woran hätte er selbst merken können, dass er kurz davor ist? Und was tut er am Montag, damit die Teamleiterin vor ihren Kollegen wieder gut dastehen kann?

Die letzte Frage gehört ausdrücklich dazu. Schrankenlose Toleranz ist nicht tragfähig.

Rücksichtslosigkeit

Die relevante Unterscheidung verläuft nicht zwischen Autismus und Rücksichtslosigkeit. Das sind zwei unvergleichbare Größen, eine Verarbeitungsweise und eine Haltung.

Rücksichtslosigkeit wäre eine Position: die dauerhafte Erklärung, dass die Wirkung auf andere unerheblich ist. Autistisches Verhalten kann andere irritieren, überfordern und auch verletzen, ohne rücksichtslos motiviert zu sein. Und umgekehrt wird eine Diagnose genau dort zum Schild, wo sie jedes Gespräch über Wirkung, Grenzen und mögliche Veränderung beendet.

Jede Sprache der Selbstbeschreibung lässt sich abwehrend verwenden. Das gilt für Diagnosen nicht anders als für Charakter, Biografie, Stress oder Hierarchie. Entscheidend ist nicht, ob jemand eine Erklärung hat, sondern ob sie ein Gespräch eröffnet oder es beendet.

Die Diagnose als Anfang

„Ich bin autistisch“ kann eine Menge erklären, und zwar produktiv: Ich brauche Informationen schriftlich. Spontane Änderungen destabilisieren mich. Ich kann gerade nicht weiterreden und melde mich in einer Stunde.

Jeder dieser Sätze eröffnet Zusammenarbeit. Er benennt eine Bedingung, unter der etwas gelingt, und lädt die Umgebung ein, sie herzustellen. Zum Schild wird die Diagnose erst, wenn sie bedeutet: Deine Erfahrung ist damit erledigt.

Der Organisationsfall

Für den hochbelasteten Organisationskontext gilt eine Regel, die gegen den Reflex geht. Führung sortiert weder nach Diagnose noch nach Wahrhaftigkeit noch nach Einsicht. Sie hat Verhalten und Arbeitsbedingungen zu bearbeiten und keine verdeckte klinische Frage zu entscheiden.

Eine Organisation muss nicht wissen, ob jemand autistisch ist, um zu benennen, was im Arbeitsalltag nicht tragbar ist. Sie muss ebenso wenig entscheiden, ob jemand wirklich neurodivergent ist, um Barrieren abzubauen. Klare Zuständigkeiten, schriftliche Absprachen, vorhersehbare Änderungen, Rückzugsräume und konfliktarme Rückmeldeformate sind keine Belohnung für eine Diagnose. Sie ist gute Arbeitsorganisation. Die Sitzordnung aus dem Beispiel hätte auch für alle anderen zwei Wochen früher kommen können.

Das schützt in beide Richtungen. Die Person wird nicht zur Selbstoffenbarung gedrängt. Die Kollegen müssen Belastung nicht unbegrenzt auffangen.

Was die Zahlen zeigen

Die Erhebung „Neurodiversity at Work“ von Understood.org, durchgeführt von The Harris Poll, zeichnet die Spannung nach. In der dritten Ausgabe vom Mai 2026 – befragt wurden im März 2026 insgesamt 2.073 Erwachsene in den USA, davon 614 neurodivergent – sagen 73 Prozent, ihr Arbeitsplatz sei für neurodivergente Beschäftigte zugänglich, und 69 Prozent trauen ihrer Führungskraft ein Verständnis von Neurodiversität zu.

Zugleich fürchten 70 Prozent der neurodivergenten Beschäftigten Nachteile durch eine Offenlegung, gegenüber 59 Prozent im Jahr 2024. 79 Prozent der neurodivergenten und 67 Prozent der neurotypischen Erwachsenen sehen ein Stigma darin, überhaupt eine Anpassung zu erbitten. 70 Prozent wissen nicht, welche Anpassungen ihnen zustehen, 60 Prozent nicht, an wen sie sich wenden sollen. Und 75 Prozent der neurodivergenten Frauen berichten von Maskierungsdruck, gegenüber 69 Prozent der Männer.

Das ist keine deutsche Arbeitsmarktstatistik, und es beruht auf Selbstauskunft. Für die hiesige Lage taugen die Zahlen als Hinweis. Sichtbar wird die Lücke zwischen einer gut eingeübten Akzeptanzrhetorik und einem realen Risiko, und diese Lücke erklärt einen Teil des gereizten Tons, in dem die Ausgangsfrage gewöhnlich gestellt wird.

Wo Verweigerung beginnt

Nicht jede Zumutung ist Gewalt, nicht jede Abweichung Rücksichtslosigkeit, nicht jede Erklärung eine Entschuldigung. Aber dort, wo eine Diagnose nur noch sagen soll: „So bin ich eben, und damit endet dein Recht auf eine eigene Erfahrung“, beginnt kein Autismus. Dort beginnt die Verweigerung von Beziehung.

Das Wichtigste in Kürze

•             Die Frage „autistisch oder rücksichtslos“ verwechselt vier Dinge: Form, Absicht, Wirkung und Verantwortungsübernahme. Sie fallen regelmäßig auseinander.

•             Diagnose als Freibrief und Diagnose als Ausrede teilen denselben Denkfehler: dass Erklärung und Verantwortung einander ausschließen.

•             Unvertrautheit ist keine Beeinträchtigung. Wiederholter Schaden lässt sich umgekehrt nicht mit einem Hinweis auf Neurodivergenz beenden.

•             Der Meltdown erklärt das Verhalten und beantwortet nicht, was die Getroffenen brauchen. Das Danach sollte als Reparatur angelegt werden, nicht als Tribunal.

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•             Organisationen entscheiden keine klinische Frage. Vorhersehbare Änderungen und schriftliche Absprachen sind gute Arbeitsorganisation und helfen allen.

Quellen

•             Understood.org / The Harris Poll: Neurodiversity at Work Survey 2026, Befragung vom 19.–23. März 2026, 2.073 Erwachsene in den USA, davon 614 neurodivergent

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