Autismus und ADHS: Eine seltene Kombination? Wie sich AuDHS anfühlt
Autismus und ADHS: Eine seltene Kombination? Wie sich AuDHS anfühlt
Autismus und ADHS
Veröffentlicht am:
19.01.2026


DESCRIPTION:
Autismus und ADHS gleichzeitig? Der Hybridmodus bei AuDHS erklärt: wie sich die gar nicht seltene Kombination anfühlt. Forschung zu Komorbidität, Diagnose und Gehirn bei beiden Mustern.
Gar nicht so selten: Gaspedal und Bremse zugleich im Gehirn – mehr als Symptome: wie sich ADHS und Autismus auf einmal anfühlen
Willkommen in unserem spezialisierten Themenbereich für AuDHS. Immer mehr Menschen erkennen sich in dem Gefühl wieder, Autismus und ADHS gleichzeitig in sich zu tragen – ein innerer Spagat, der oft erst spät erkannt wird.
Hier finden Sie fundierte Informationen zur Neurodivergenz, Orientierungshilfen für die ADHS-Diagnostik für Erwachsene und Antworten auf die Frage, warum Sie oft zwischen innerer Unruhe und dem Bedürfnis nach Struktur schwanken. Wir beleuchten das Paradoxon aus Reizüberflutung und Langeweile und erklären die Hintergründe der Autismus-Spektrum-Störung und die Komorbidität ADHS.
🧠 Ein Hinweis zu unserem Design (neuroinklusives Lesen)
Wir wissen, dass lange Texte für neurodivergente Gehirne oft anstrengend sind. Deshalb ist dieser Blog „ADHS-freundlich“ gestaltet:
– TL;DR (Too Long; Didn’t Read): Sie finden am Anfang jedes Artikels eine kurze Zusammenfassung.
– Scannbarkeit: Wir nutzen Fettdruck für Kernbegriffe und viele Bullet Points, damit Sie die wichtigsten Infos auf einen Blick erfassen.
– Klarheit: Wir vermeiden Textwüsten und setzen auf kurze, verdauliche Absätze.
TL;DR – Das Wichtigste in Kürze
✓ 50–70 % der autistischen Menschen haben auch ADHS – das gemeinsame Auftreten ist alles andere als selten
✓ Das „Gaspedal-Bremse-Phänomen“: Autismus will Struktur und Ruhe, ADHS braucht Stimulation und Abwechslung – beide laufen gleichzeitig
✓ Lange übersehen: Die „Symptome“ von ADHS und Autismus sind oft ähnlich. Bis 2013 durften beide Diagnosen nicht gleichzeitig gestellt werden
✓ Genetische Überlappung: 50–70 % der genetischen Faktoren sind bei ADHS und Autismus identisch
✓ Praktische Lösungen: „Hybrid-Strategien“ wie flexible Routinen, kontrollierte Reize und das „Permission Framework“ helfen im Alltag von Menschen mit ADHS und ASS.
Sie haben eine ADHS- oder Autismus-Diagnose und trotzdem passen manche Beschreibungen nicht? Das ist alles andere als selten: Studien zeigen, dass bis zu 50–70 % der autistischen Menschen auch ADHS haben. Diese Doppeldiagnose schafft ein einzigartiges neurologisches Profil.
Worum es geht:
· Wie sich das gleichzeitige Auftreten im Alltag anfühlt,
· warum diese Kombination so häufig übersehen wird,
· Erkenntnisse aktueller Forschung zu Autismus-Spektrum-Störungen,
· gemeinsame Mechanismen im Gehirn, und,
· wie Betroffene mit widersprüchlichen Bedürfnissen umgehen können.
Komorbidität – wie häufig treten ADHS und Autismus-Spektrum-Störung gemeinsam auf?
Das gemeinsame Auftreten ist keineswegs eine Seltenheit. Lange Zeit galt die Lehrmeinung, dass beide einander ausschließen. Diese Annahme war jedoch falsch.
Aktuelle Zahlen:
· 30–80 % der autistischen Menschen erfüllen auch die Kriterien für ADHS
· 20–50 % der Menschen mit ADHS zeigen ausgeprägte autistische Züge
· Die Prävalenz wurde jahrzehntelang unterschätzt
Warum ist das gemeinsame Vorkommen so häufig?
Genetische Gründe spielen eine zentrale Rolle:
· Erblichkeit bei beiden liegt bei etwa 70–80 %
· In Familien mit ADHS-Betroffenen tritt Autismus häufiger auf
· Etwa 50–70 % der genetischen Varianten überschneiden sich
· Das Gehirn entwickelt sich bei beiden in ähnlichen Bereichen unterschiedlich
Besonders betroffen: Regionen für Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle und soziale Interaktion.
Das Problem der späten Diagnose
Bemerkenswert ist die Geschlechterverteilung:
· Bei Jungen wird häufig früher diagnostiziert
· Bei Mädchen und Frauen bleiben beide oft unerkannt
· Im Erwachsenenalter holen viele Betroffene ihre Diagnose nach
· Manchmal erst im vierten oder fünften Lebensjahr, wenn psychische Begleitprobleme sie in die Praxis führen
Die späte Diagnostik ist besonders im Erwachsenenbereich ein Problem, da Kompensationsstrategien die Symptome maskieren.
Bemerkenswert: Warum wurde das häufige gemeinsame Auftreten der „beiden Störungsbilder“ so lange übersehen?
Die Überschneidung wurde jahrzehntelang systematisch unterschätzt. Forscher beobachteten schon lange, dass viele Betroffene beide neurologischen Profile aufweisen – doch das Diagnosesystem erlaubte das nicht.
Die historische diagnostische Sperre
Bis 2013 (DSM-5):
· Beide Diagnosen durften offiziell nicht gleichzeitig gestellt werden
· Eine diagnostische Regel, die der individuellen Realität widersprach
· Dass ADHS und Autismus gemeinsam existieren können, wurde ignoriert
Scheinbar unterschiedliche Symptombilder
Auf den ersten Blick scheinen beide sehr verschieden:
ADHS zeigt:
· Aufmerksamkeitsprobleme
· Impulsivität
· Hyperaktivität
· Suche nach Stimulation
Autismus zeigt:
· Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen
· Repetitive Verhaltensweisen
· Rituale und Routinen
· Überempfindlichkeit gegenüber Reizen (wie Geräuschen)
· Bevorzugung vorhersehbarer Abläufe
Die verborgenen Gemeinsamkeiten
Studien zeigen mehr Gemeinsamkeiten als gedacht:
· Sowohl ADHS als auch Autismus betreffen die Exekutivfunktionen
· Beide zeigen Besonderheiten in der Reizverarbeitung
· Beide haben genetische Grundlagen mit starker Überlappung
· Die neurologischen Mechanismen im Gehirn sind ähnlicher als angenommen
Das paradoxe Problem: Bei der Doppeldiagnose können beide Muster gleichzeitig auftreten – ein Zustand, der diagnostisch schwer zu erfassen ist.
Es geht um Muster, nicht um Symptome: Wie fühlt sich der innere Widerspruch zwischen ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen im Alltag an?
Das gleichzeitige Vorliegen schafft ein einzigartiges Erleben: Betroffene beschreiben es oft als „gleichzeitig Gaspedal und Bremse treten“.
Das autistische System verlangt:
· Vorhersehbarkeit
· Struktur und feste Routinen
· Sicherheit durch bekannte Abläufe
· Minimierung von Reizen
Jede Abweichung aktiviert das Stresssystem. Neue Situationen fühlen sich bedrohlich an.
Das ADHS-System verlangt gleichzeitig:
· Dopamin-Kicks durch Neues
· Abwechslung und Spannung
· Stimulation
· Routine wirkt monoton und unerträglich
Der Drang nach Veränderung ist körperlich spürbar.
Ein konkretes Alltagsbeispiel
Morgens: Detaillierter Tagesplan mit festen Zeiten (autistisches Strukturbedürfnis)
Mittags: Plan komplett über den Haufen geworfen, weil etwas Spontanes auftaucht (ADHS-Impulsivität)
Abends: Selbstkritik – „Warum kann ich nicht einmal meinen eigenen Plan einhalten?“
Diese Scham ist typisch. Betroffene verstehen oft selbst nicht, dass ihr Gehirn zwei widersprüchliche Programme gleichzeitig laufen lässt.
Was zeigen aktuelle Studien über das Gehirn?
Neue Forschung des Child Mind Institute liefert bahnbrechende Erkenntnisse.
Die zentrale Studie
Design:
· Über 1.000 Kindern und Jugendlichen
· Untersuchung der Hirnaktivierungsmuster
· Funktionelle MRT-Scans
Das bemerkenswerte Ergebnis: Nicht die formale Diagnose bestimmt die Gehirnsignatur, sondern die Ausprägung der Merkmale.
Gemeinsame Hirnmuster identifiziert
Die Studie fand gemeinsame Aktivierungsmuster:
Besonders betroffen:
· Dorsolateraler präfrontaler Kortex (Exekutivfunktionen)
· Default Mode Network (Selbstreflexion, soziale Interaktion)
· Netzwerke für Aufmerksamkeitssteuerung
· Bereiche für Impulskontrolle
Die genetische Grundlage
Genetische Studien unterstützen diese Befunde:
· 50–70 % der genetischen Risikofaktoren überschneiden sich
· Diese genetische Nähe erklärt das häufige gemeinsame Auftreten
· Bestimmte Gene beeinflussen Dopamin- und Serotoninregulation bei beiden
· Diese neurochemischen Gemeinsamkeiten erklären überlappende Symptome
Wie unterscheiden sich Spezialinteressen von Hyperfokus?
Diese Phänomene ähneln sich äußerlich, doch sie haben unterschiedliche neurologische Grundlagen und Merkmale, die eine Unterscheidung erlauben .
Autistische Spezialinteressen (Monotropismus)
Merkmale:
· Langanhaltend (Jahre bis Jahrzehnte)
· Tiefgehende Beschäftigung mit spezifischen Themen
· Enzyklopädisches Wissen
· Dienen der emotionalen Regulation
· Bieten einen „sicheren Hafen“
Beispiel: 20 Jahre Beschäftigung mit römischer Geschichte, Kenntnis jeder Schlacht, jeder Münzprägung.
ADHS-Hyperfokus
Merkmale:
· Temporärer Zustand intensiver Konzentration
· Tritt bei neuen, stimulierenden Aktivitäten auf
· Zeit und Raum werden vergessen, was häufig bei der Erkrankung ADHS beobachtet wird.
· Endet abrupt, wenn Dopamin nachlässt
· Typisch: Begeisterte Starts, unvollendete Projekte bei Menschen mit Autismus oder ADHS.
Beispiel: Eine Woche obsessive Beschäftigung mit einem neuen Hobby, dann komplettes Desinteresse.
Bei der Doppeldiagnose: Beide gleichzeitig
Das Muster:
· Langfristige Spezialinteressen (z. B. Psychologie) ✓
· Aber: Innerhalb des Themas springt der Fokus ständig
· Diese Woche: Traumatherapie
· Nächste Woche: Neurobiologie
· Übernächste Woche: Diagnostik
Der innere Konflikt:
· Autistischer Teil: Will Tiefe, Meisterschaft, Expertise
· ADHS-Teil: Will anderes, neue Aspekte, Abwechslung
Das Ergebnis: Frustration und das Gefühl, „weder richtig autistisch noch richtig ADHS“ zu sein.
Warum ist die Reizverarbeitung so paradox?
Die sensorische Verarbeitung ist bei dieser Doppeldiagnose besonders widersprüchlich, aber eigentlich logisch.
ADHS: Unterempfindlichkeit
· Das Gehirn sucht aktiv nach Stimulation
· Reize werden gebraucht, um das dopaminerge System zu aktivieren
· Zu wenig Input führt zu Unruhe
Autismus: Überempfindlichkeit
· Reize werden intensiver wahrgenommen
· Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Berührungen
· Schnelle Überwältigung möglich
· Reizfilter-Schwäche: Alles kommt ungefiltert durch
Bei Betroffenen: beide gleichzeitig
Morgens:
· Intensive Reize nötig (laute Musik, Bewegung, multiple Bildschirme)
· Das ADHS-Gehirn fährt hoch
Mittags:
· Sensorischer Overload
· Bürogeräusche, grelles Licht, Gespräche werden unerträglich
· Reizfilter-Schwäche lässt alles ungefiltert durch
Die Ironie: Strategien für ADHS (mehr Stimulation) verschlimmern die Überempfindlichkeit, während Reizreduktion die Unterstimulation verstärkt.
Das permanente Dilemma: Nie im „richtigen“ Zustand – entweder unterstimuliert und unruhig ODER überstimuliert und überfordert.
Wie wirken sich ADHS und Autismus auf Routinen aus?
Routinen Routinen und Genauigkeit sind für autistische Menschen wichtig – für Menschen mit ADHS eine Qual.
Warum Autisten Routinen brauchen
Funktionen von Routinen:
· Reduzieren Unsicherheit bei Menschen mit Autismus und ADHS.
· Bieten Vorhersehbarkeit
· Schonen kognitive Ressourcen
· Sind neurologische Notwendigkeit, keine Marotte
Typische Rituale:
· Morgenabläufe in fester Reihenfolge
· Immer derselbe Arbeitsweg
· Gleichbleibende Essenszeiten
Reaktion auf Abweichungen: Stress, manchmal Meltdowns.
Warum ADHS-Betroffene Routinen hassen
Das Problem:
· Unteraktives dopaminerges System rebelliert gegen Monotonie
· Jeden Tag dasselbe = unerträglich
· Aufmerksamkeit schweift ab
· Schritte werden „vergessen“
· Ständiges „Optimieren“ zerstört die Struktur
Realität: Das Einhalten erfordert bei ADHS enorme Willenskraft.
Das tägliche Dilemma bei der Doppeldiagnose
Der Konflikt:
· Betroffene wissen: Sie brauchen Routinen zum Funktionieren
· Gleichzeitig: Ein Teil rebelliert gegen diese Strukturen
Das Ergebnis:
· Ständige Schuldgefühle: „Warum kann ich nicht einmal eine simple Routine einhalten?“
· Chronische Erschöpfung durch inneren Kampf
· Entwicklung von „flexiblen Routinen“ als Kompromiss (feste Zeiten, wechselnde Inhalte)
Was bedeutet die Doppeldiagnose für soziale Beziehungen?
Soziale Interaktion ist besonders komplex, da beide neurologischen Profile unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringen.
Autistische Herausforderungen
Schwierigkeiten:
· Mimik und Gestik müssen bewusst „gelernt“ werden
· Blickkontakt ist anstrengend
· Small Talk erscheint unlogisch
· Implizite soziale Signale sind verwirrend
Folge: Viele entwickeln Masking-Strategien (enorm erschöpfend).
ADHS-Herausforderungen
Typische Muster:
· Impulsivität führt zu unüberlegten Äußerungen
· Unterbrechungen (sonst ist der Gedanke weg)
· Zu schnelles Teilen persönlicher Informationen
· Begrenzte Aufmerksamkeitsspanne in Gesprächen
Das paradoxe Muster bei beiden
Die Dynamik:
Phase 1: ADHS-Impulsivität treibt in soziale Situationen
· „Das klingt interessant!“
· Spontane Zusagen
· Anfängliche Begeisterung
Phase 2: Autistische Komponente erlebt Überforderung
· Während oder nach der Situation
· Social Hangover: Tage- oder wochenlange Erschöpfung
Das Problem: Freunde verstehen die Inkonsistenz nicht
· „Letzte Woche warst du super aktiv“
· „Jetzt meldest du dich gar nicht mehr“
Das Resultat: „Feast or Famine“-Dynamik führt zu Missverständnissen und manchmal Isolation.
Wie ist die Emotionsregulation beeinträchtigt?
Die Emotionsregulation ist bei beiden betroffen – bei der Doppeldiagnose potenziert sich die Schwierigkeit.
ADHS: Emotionale Dysregulation
Merkmale:
· Gefühle treten plötzlich und intensiv auf
· Schnelle Schwankungen
· Kritik fühlt sich existenziell an
· Begeisterung ist grenzenlos
· Frustration führt zu Wutausbrüchen
· Rejection Sensitive Dysphoria (RSD)
Autismus: Gefühlsblindheit und verzögerte Verarbeitung
Merkmale:
· Schwierigkeiten, gespürte Emotionen zu benennen
· Verzögerte emotionale Verarbeitung
· Ereignis passiert – Bedeutung wird erst Stunden/Tage später klar
· Äußerlich ruhig – innerlich überfordert
Die Kombination bei beiden
Das Muster:
Unmittelbar: Intensive Emotionen (kann nicht einordnen, warum)
Nach Ereignis: „Emotional Hangover“ – verzögerte Verarbeitung bringt volle Wirkung erst Tage später
Beispiel: stressiges Meeting
· Sofort: Überwältigung
· Frage: War es Inhalt? Lautstärke? Kritik?
· Drei Tage später: emotionaler Zusammenbruch
Das Problem: Unvorhersehbare emotionale Belastung beeinträchtigt Lebensqualität stark.
Welche Lösungsansätze gibt es?
Ein professionelles Coaching erfordert einen integrativen Ansatz einschließlich Therapie für Begleiterkrankungen.
Warum Standardtherapien nicht ausreichen
Das Problem einseitiger Ansätze: ADHS und ASS sind keine „Störungen“ oder „Komorbiditäten“, sondern Muster.
Nur ADHS-Fokus:
· Medikation (Stimulanzien wie Methylphenidat) kann Aufmerksamkeit verbessern
· Aber: Kann Überempfindlichkeit verschlimmern
Nur Autismus-Fokus:
· Strikte Routinen, Reizreduktion helfen einem Teil
· Aber: Verstärken Unterstimulation beim anderen
Was Studien zeigen
Eine umfassende Studie zeigt: Multimodaler Ansatz ist am erfolgreichsten.
Die multimodale Strategie
Medikamentös:
· Wo erforderlich, sorgfältig angepasste Stimulanzien-Therapie
· Kombiniert mit angstlösenden oder stabilisierenden Medikamenten
· Wichtig: Schrittweise Einstellung
· Betroffene mit „beiden Störungen“ reagieren oft empfindlicher
Coaching:
· Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie (klare Protokolle = Struktur)
· Kombiniert mit achtsamkeitsbasierten Techniken (Flexibilität)
· Zur Emotionsregulation
Diagnostik:
· Beide erfassen
· Viele Erwachsene erhalten erst spät die Diagnose von ADHS und ASS. Diagnose
Entscheidend: Hilfe muss professionell geschult sein und sich in beide neurologischen Profile hineinversetzen.
Wie können Betroffene im Alltag umgehen?
Der Schlüssel: Nicht eine Seite unterdrücken, sondern beide als legitime Teile der Symptome von AUDHS akzeptieren.
Das „Permission Framework“
Kern-Idee: Sich selbst die Erlaubnis geben, widersprüchlich zu sein.
Beispiele:
· Heute Menschen treffen wollen UND morgen alle Verabredungen absagen ✓
· Routinen brauchen UND sie manchmal brechen müssen ✓
· Stimulation suchen UND Reizschutz benötigen ✓
Konkrete Hybrid-Strategien
Body Doubling:
· Gemeinsam arbeiten ohne Interaktionspflicht
· Gibt Stimulation ohne soziale Überforderung
Kontrollierte Reize:
· Noise-Cancelling-Kopfhörer mit weißem Rauschen
· Blockiert Umgebungsreize (autistischer Schutz)
· Gibt kontrollierte Stimulation (ADHS-Bedarf)
Flexible Routinen:
· Feste Zeiten + wechselnde Inhalte
· Kompromiss zwischen beiden
Energiemanagement
Vorbeugende Pausen und Snacks:
· Nach stimulierenden Ereignissen Erholungszeit und regelmäßige Snacks einplanen
· Auch wenn man sich noch gut fühlt
· Der Crash kommt verzögert
Externalisierung:
· Visuelle Timer für Routinen
· Checklisten statt Gedächtnis
· Automatisierung, wo möglich
Kommunikation in Beziehungen
Wichtig: Klare Kommunikation
Beispiel-Formulierung:
· „Ich habe Phasen mit unterschiedlichen Bedürfnissen“
· „Das ist mein neurologisches Profil“
· „Nicht: Ablehnung oder Charakterschwäche“
Ziel: Menschen, die verstehen, können betroffenen Menschen echte Unterstützung bieten und Lebensqualität erheblich verbessern.
Zusammenfassung: Die wichtigsten Punkte
Häufigkeit & Genetik
• Gemeinsames Auftreten ist häufig bei Menschen mit Autismus oder ADHS: 30–80 % der Menschen, bei denen Autismus nachgewiesen wurde, erfüllen auch ADHS-Kriterien, ebenso tritt ADHS in 40–50 % der Situationen auch mit autistischen Merkmalen auf – das ist selten ein Zufall, sondern hat genetische .
• Genetische Überschneidung: 50–70 % der genetischen Faktoren sind bei ADHS und Autismus identisch
• Lange übersehen: Bis 2013 (DSM-5) durften in der Medizin beide nicht gleichzeitig diagnostiziert werden
Neurobiologie
• Gemeinsame Hirnmuster: Forschung identifiziert ähnliche Aktivierung in Netzwerken für Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle und soziale Interaktion
• Das Gehirn entwickelt sich ähnlich: Bei beiden sind vergleichbare Bereiche betroffen
Alltagserleben
• Gaspedal-Bremse-Konflikt: Strukturbedürfnis trifft auf Stimulationshunger – ein permanenter innerer Widerspruch
• Spezialinteressen + Hyperfokus: Langfristige tiefe Interessen mit wechselnden Fokuspunkten – verwirrt Betroffene („Bin ich überhaupt richtig autistisch / ADHS?“)
• Paradoxe Reizverarbeitung: Gleichzeitiger Bedarf nach Stimulation UND Tendenz zur Überflutung – nie im „richtigen“ Zustand
Herausforderungen
• Routinen-Dilemma: Ein Teil braucht Struktur, der andere empfindet sie als monoton und schwer einhaltbar
• „Feast or Famine“ sozial: Impulsivität treibt in soziale Situationen, Erschöpfung folgt – führt zu Missverständnissen
• Doppelte Emotionsdysregulation: Intensität + Alexithymie + verzögerte Verarbeitung = „Emotional Hangovers“ Tage nach Ereignissen
Behandlung & Umgang
• Integrierte Behandlung nötig: Professionelle Ansätze müssen beide gleichwertig adressieren – einseitig führt zu Misserfolg
• Hybrid-Strategien funktionieren: flexible Routinen, kontrollierte Stimulation, Body Doubling
• Permission Framework: Widersprüchliche Bedürfnisse als neurologisch begründet anerkennen – reduziert Schuldgefühle
• Selbstakzeptanz ist der Schlüssel: Nicht „reparieren“, sondern beide Teile als legitim akzeptieren
Zukünftige Themen:
· „Bin ich betroffen? Die Herausforderung der AuDHS-Diagnostik“
· Differenzialdiagnostik: Warum es oft schwer ist, beides zu erkennen.
· Masking (Kompensation): Wie hohe Intelligenz oder soziale Anpassung die Symptome jahrelang verstecken können.
· Der Diagnose-Weg: Was Betroffene erwarten können (Interview, Fragebögen, Fremdanamnese).
· „Die übersehene Gruppe: AuDHS bei Frauen und weiblich sozialisierten Personen“
· Das „brave“ Kind: Warum Mädchen oft später diagnostiziert werden (Internalisierung statt Störung des Unterrichts).
· Emotionale Dysregulation: Verwechslungsgefahr mit Borderline oder bipolarer Störung.
· Hormonelle Einflüsse: Wie der Zyklus die Symptomatik beeinflussen kann.
· „Ordnung im Chaos: Coachingansätze und Coping-Strategien“
· Psychotherapie: Verhaltenstherapie, Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT).
· Medikamente: Ein kurzer Abriss darüber, wie Stimulanzien auf ein autistisches Gehirn wirken können (manchmal werden autistische Züge sichtbarer, wenn das ADHS behandelt wird).
· Strukturhilfen: visuelle Pläne, Noise-Cancelling, Energiemanagement (Löffel-Theorie).
· „Kein Defizit: Die Superkräfte von AuDHS“
· Deep Dive: Die Fähigkeit, komplexe Systeme extrem schnell zu verstehen.
· Gerechtigkeitssinn: Das starke Bedürfnis nach Fairness und Wahrheit.
· Kreativität: Out-of-the-box Denken durch die neurodivergente Vernetzung.
Weitere Artikel im AuDHS-Themenhub:
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Autismus und ADHS gleichzeitig? Der Hybridmodus bei AuDHS erklärt: wie sich die gar nicht seltene Kombination anfühlt. Forschung zu Komorbidität, Diagnose und Gehirn bei beiden Mustern.
Gar nicht so selten: Gaspedal und Bremse zugleich im Gehirn – mehr als Symptome: wie sich ADHS und Autismus auf einmal anfühlen
Willkommen in unserem spezialisierten Themenbereich für AuDHS. Immer mehr Menschen erkennen sich in dem Gefühl wieder, Autismus und ADHS gleichzeitig in sich zu tragen – ein innerer Spagat, der oft erst spät erkannt wird.
Hier finden Sie fundierte Informationen zur Neurodivergenz, Orientierungshilfen für die ADHS-Diagnostik für Erwachsene und Antworten auf die Frage, warum Sie oft zwischen innerer Unruhe und dem Bedürfnis nach Struktur schwanken. Wir beleuchten das Paradoxon aus Reizüberflutung und Langeweile und erklären die Hintergründe der Autismus-Spektrum-Störung und die Komorbidität ADHS.
🧠 Ein Hinweis zu unserem Design (neuroinklusives Lesen)
Wir wissen, dass lange Texte für neurodivergente Gehirne oft anstrengend sind. Deshalb ist dieser Blog „ADHS-freundlich“ gestaltet:
– TL;DR (Too Long; Didn’t Read): Sie finden am Anfang jedes Artikels eine kurze Zusammenfassung.
– Scannbarkeit: Wir nutzen Fettdruck für Kernbegriffe und viele Bullet Points, damit Sie die wichtigsten Infos auf einen Blick erfassen.
– Klarheit: Wir vermeiden Textwüsten und setzen auf kurze, verdauliche Absätze.
TL;DR – Das Wichtigste in Kürze
✓ 50–70 % der autistischen Menschen haben auch ADHS – das gemeinsame Auftreten ist alles andere als selten
✓ Das „Gaspedal-Bremse-Phänomen“: Autismus will Struktur und Ruhe, ADHS braucht Stimulation und Abwechslung – beide laufen gleichzeitig
✓ Lange übersehen: Die „Symptome“ von ADHS und Autismus sind oft ähnlich. Bis 2013 durften beide Diagnosen nicht gleichzeitig gestellt werden
✓ Genetische Überlappung: 50–70 % der genetischen Faktoren sind bei ADHS und Autismus identisch
✓ Praktische Lösungen: „Hybrid-Strategien“ wie flexible Routinen, kontrollierte Reize und das „Permission Framework“ helfen im Alltag von Menschen mit ADHS und ASS.
Sie haben eine ADHS- oder Autismus-Diagnose und trotzdem passen manche Beschreibungen nicht? Das ist alles andere als selten: Studien zeigen, dass bis zu 50–70 % der autistischen Menschen auch ADHS haben. Diese Doppeldiagnose schafft ein einzigartiges neurologisches Profil.
Worum es geht:
· Wie sich das gleichzeitige Auftreten im Alltag anfühlt,
· warum diese Kombination so häufig übersehen wird,
· Erkenntnisse aktueller Forschung zu Autismus-Spektrum-Störungen,
· gemeinsame Mechanismen im Gehirn, und,
· wie Betroffene mit widersprüchlichen Bedürfnissen umgehen können.
Komorbidität – wie häufig treten ADHS und Autismus-Spektrum-Störung gemeinsam auf?
Das gemeinsame Auftreten ist keineswegs eine Seltenheit. Lange Zeit galt die Lehrmeinung, dass beide einander ausschließen. Diese Annahme war jedoch falsch.
Aktuelle Zahlen:
· 30–80 % der autistischen Menschen erfüllen auch die Kriterien für ADHS
· 20–50 % der Menschen mit ADHS zeigen ausgeprägte autistische Züge
· Die Prävalenz wurde jahrzehntelang unterschätzt
Warum ist das gemeinsame Vorkommen so häufig?
Genetische Gründe spielen eine zentrale Rolle:
· Erblichkeit bei beiden liegt bei etwa 70–80 %
· In Familien mit ADHS-Betroffenen tritt Autismus häufiger auf
· Etwa 50–70 % der genetischen Varianten überschneiden sich
· Das Gehirn entwickelt sich bei beiden in ähnlichen Bereichen unterschiedlich
Besonders betroffen: Regionen für Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle und soziale Interaktion.
Das Problem der späten Diagnose
Bemerkenswert ist die Geschlechterverteilung:
· Bei Jungen wird häufig früher diagnostiziert
· Bei Mädchen und Frauen bleiben beide oft unerkannt
· Im Erwachsenenalter holen viele Betroffene ihre Diagnose nach
· Manchmal erst im vierten oder fünften Lebensjahr, wenn psychische Begleitprobleme sie in die Praxis führen
Die späte Diagnostik ist besonders im Erwachsenenbereich ein Problem, da Kompensationsstrategien die Symptome maskieren.
Bemerkenswert: Warum wurde das häufige gemeinsame Auftreten der „beiden Störungsbilder“ so lange übersehen?
Die Überschneidung wurde jahrzehntelang systematisch unterschätzt. Forscher beobachteten schon lange, dass viele Betroffene beide neurologischen Profile aufweisen – doch das Diagnosesystem erlaubte das nicht.
Die historische diagnostische Sperre
Bis 2013 (DSM-5):
· Beide Diagnosen durften offiziell nicht gleichzeitig gestellt werden
· Eine diagnostische Regel, die der individuellen Realität widersprach
· Dass ADHS und Autismus gemeinsam existieren können, wurde ignoriert
Scheinbar unterschiedliche Symptombilder
Auf den ersten Blick scheinen beide sehr verschieden:
ADHS zeigt:
· Aufmerksamkeitsprobleme
· Impulsivität
· Hyperaktivität
· Suche nach Stimulation
Autismus zeigt:
· Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen
· Repetitive Verhaltensweisen
· Rituale und Routinen
· Überempfindlichkeit gegenüber Reizen (wie Geräuschen)
· Bevorzugung vorhersehbarer Abläufe
Die verborgenen Gemeinsamkeiten
Studien zeigen mehr Gemeinsamkeiten als gedacht:
· Sowohl ADHS als auch Autismus betreffen die Exekutivfunktionen
· Beide zeigen Besonderheiten in der Reizverarbeitung
· Beide haben genetische Grundlagen mit starker Überlappung
· Die neurologischen Mechanismen im Gehirn sind ähnlicher als angenommen
Das paradoxe Problem: Bei der Doppeldiagnose können beide Muster gleichzeitig auftreten – ein Zustand, der diagnostisch schwer zu erfassen ist.
Es geht um Muster, nicht um Symptome: Wie fühlt sich der innere Widerspruch zwischen ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen im Alltag an?
Das gleichzeitige Vorliegen schafft ein einzigartiges Erleben: Betroffene beschreiben es oft als „gleichzeitig Gaspedal und Bremse treten“.
Das autistische System verlangt:
· Vorhersehbarkeit
· Struktur und feste Routinen
· Sicherheit durch bekannte Abläufe
· Minimierung von Reizen
Jede Abweichung aktiviert das Stresssystem. Neue Situationen fühlen sich bedrohlich an.
Das ADHS-System verlangt gleichzeitig:
· Dopamin-Kicks durch Neues
· Abwechslung und Spannung
· Stimulation
· Routine wirkt monoton und unerträglich
Der Drang nach Veränderung ist körperlich spürbar.
Ein konkretes Alltagsbeispiel
Morgens: Detaillierter Tagesplan mit festen Zeiten (autistisches Strukturbedürfnis)
Mittags: Plan komplett über den Haufen geworfen, weil etwas Spontanes auftaucht (ADHS-Impulsivität)
Abends: Selbstkritik – „Warum kann ich nicht einmal meinen eigenen Plan einhalten?“
Diese Scham ist typisch. Betroffene verstehen oft selbst nicht, dass ihr Gehirn zwei widersprüchliche Programme gleichzeitig laufen lässt.
Was zeigen aktuelle Studien über das Gehirn?
Neue Forschung des Child Mind Institute liefert bahnbrechende Erkenntnisse.
Die zentrale Studie
Design:
· Über 1.000 Kindern und Jugendlichen
· Untersuchung der Hirnaktivierungsmuster
· Funktionelle MRT-Scans
Das bemerkenswerte Ergebnis: Nicht die formale Diagnose bestimmt die Gehirnsignatur, sondern die Ausprägung der Merkmale.
Gemeinsame Hirnmuster identifiziert
Die Studie fand gemeinsame Aktivierungsmuster:
Besonders betroffen:
· Dorsolateraler präfrontaler Kortex (Exekutivfunktionen)
· Default Mode Network (Selbstreflexion, soziale Interaktion)
· Netzwerke für Aufmerksamkeitssteuerung
· Bereiche für Impulskontrolle
Die genetische Grundlage
Genetische Studien unterstützen diese Befunde:
· 50–70 % der genetischen Risikofaktoren überschneiden sich
· Diese genetische Nähe erklärt das häufige gemeinsame Auftreten
· Bestimmte Gene beeinflussen Dopamin- und Serotoninregulation bei beiden
· Diese neurochemischen Gemeinsamkeiten erklären überlappende Symptome
Wie unterscheiden sich Spezialinteressen von Hyperfokus?
Diese Phänomene ähneln sich äußerlich, doch sie haben unterschiedliche neurologische Grundlagen und Merkmale, die eine Unterscheidung erlauben .
Autistische Spezialinteressen (Monotropismus)
Merkmale:
· Langanhaltend (Jahre bis Jahrzehnte)
· Tiefgehende Beschäftigung mit spezifischen Themen
· Enzyklopädisches Wissen
· Dienen der emotionalen Regulation
· Bieten einen „sicheren Hafen“
Beispiel: 20 Jahre Beschäftigung mit römischer Geschichte, Kenntnis jeder Schlacht, jeder Münzprägung.
ADHS-Hyperfokus
Merkmale:
· Temporärer Zustand intensiver Konzentration
· Tritt bei neuen, stimulierenden Aktivitäten auf
· Zeit und Raum werden vergessen, was häufig bei der Erkrankung ADHS beobachtet wird.
· Endet abrupt, wenn Dopamin nachlässt
· Typisch: Begeisterte Starts, unvollendete Projekte bei Menschen mit Autismus oder ADHS.
Beispiel: Eine Woche obsessive Beschäftigung mit einem neuen Hobby, dann komplettes Desinteresse.
Bei der Doppeldiagnose: Beide gleichzeitig
Das Muster:
· Langfristige Spezialinteressen (z. B. Psychologie) ✓
· Aber: Innerhalb des Themas springt der Fokus ständig
· Diese Woche: Traumatherapie
· Nächste Woche: Neurobiologie
· Übernächste Woche: Diagnostik
Der innere Konflikt:
· Autistischer Teil: Will Tiefe, Meisterschaft, Expertise
· ADHS-Teil: Will anderes, neue Aspekte, Abwechslung
Das Ergebnis: Frustration und das Gefühl, „weder richtig autistisch noch richtig ADHS“ zu sein.
Warum ist die Reizverarbeitung so paradox?
Die sensorische Verarbeitung ist bei dieser Doppeldiagnose besonders widersprüchlich, aber eigentlich logisch.
ADHS: Unterempfindlichkeit
· Das Gehirn sucht aktiv nach Stimulation
· Reize werden gebraucht, um das dopaminerge System zu aktivieren
· Zu wenig Input führt zu Unruhe
Autismus: Überempfindlichkeit
· Reize werden intensiver wahrgenommen
· Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Berührungen
· Schnelle Überwältigung möglich
· Reizfilter-Schwäche: Alles kommt ungefiltert durch
Bei Betroffenen: beide gleichzeitig
Morgens:
· Intensive Reize nötig (laute Musik, Bewegung, multiple Bildschirme)
· Das ADHS-Gehirn fährt hoch
Mittags:
· Sensorischer Overload
· Bürogeräusche, grelles Licht, Gespräche werden unerträglich
· Reizfilter-Schwäche lässt alles ungefiltert durch
Die Ironie: Strategien für ADHS (mehr Stimulation) verschlimmern die Überempfindlichkeit, während Reizreduktion die Unterstimulation verstärkt.
Das permanente Dilemma: Nie im „richtigen“ Zustand – entweder unterstimuliert und unruhig ODER überstimuliert und überfordert.
Wie wirken sich ADHS und Autismus auf Routinen aus?
Routinen Routinen und Genauigkeit sind für autistische Menschen wichtig – für Menschen mit ADHS eine Qual.
Warum Autisten Routinen brauchen
Funktionen von Routinen:
· Reduzieren Unsicherheit bei Menschen mit Autismus und ADHS.
· Bieten Vorhersehbarkeit
· Schonen kognitive Ressourcen
· Sind neurologische Notwendigkeit, keine Marotte
Typische Rituale:
· Morgenabläufe in fester Reihenfolge
· Immer derselbe Arbeitsweg
· Gleichbleibende Essenszeiten
Reaktion auf Abweichungen: Stress, manchmal Meltdowns.
Warum ADHS-Betroffene Routinen hassen
Das Problem:
· Unteraktives dopaminerges System rebelliert gegen Monotonie
· Jeden Tag dasselbe = unerträglich
· Aufmerksamkeit schweift ab
· Schritte werden „vergessen“
· Ständiges „Optimieren“ zerstört die Struktur
Realität: Das Einhalten erfordert bei ADHS enorme Willenskraft.
Das tägliche Dilemma bei der Doppeldiagnose
Der Konflikt:
· Betroffene wissen: Sie brauchen Routinen zum Funktionieren
· Gleichzeitig: Ein Teil rebelliert gegen diese Strukturen
Das Ergebnis:
· Ständige Schuldgefühle: „Warum kann ich nicht einmal eine simple Routine einhalten?“
· Chronische Erschöpfung durch inneren Kampf
· Entwicklung von „flexiblen Routinen“ als Kompromiss (feste Zeiten, wechselnde Inhalte)
Was bedeutet die Doppeldiagnose für soziale Beziehungen?
Soziale Interaktion ist besonders komplex, da beide neurologischen Profile unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringen.
Autistische Herausforderungen
Schwierigkeiten:
· Mimik und Gestik müssen bewusst „gelernt“ werden
· Blickkontakt ist anstrengend
· Small Talk erscheint unlogisch
· Implizite soziale Signale sind verwirrend
Folge: Viele entwickeln Masking-Strategien (enorm erschöpfend).
ADHS-Herausforderungen
Typische Muster:
· Impulsivität führt zu unüberlegten Äußerungen
· Unterbrechungen (sonst ist der Gedanke weg)
· Zu schnelles Teilen persönlicher Informationen
· Begrenzte Aufmerksamkeitsspanne in Gesprächen
Das paradoxe Muster bei beiden
Die Dynamik:
Phase 1: ADHS-Impulsivität treibt in soziale Situationen
· „Das klingt interessant!“
· Spontane Zusagen
· Anfängliche Begeisterung
Phase 2: Autistische Komponente erlebt Überforderung
· Während oder nach der Situation
· Social Hangover: Tage- oder wochenlange Erschöpfung
Das Problem: Freunde verstehen die Inkonsistenz nicht
· „Letzte Woche warst du super aktiv“
· „Jetzt meldest du dich gar nicht mehr“
Das Resultat: „Feast or Famine“-Dynamik führt zu Missverständnissen und manchmal Isolation.
Wie ist die Emotionsregulation beeinträchtigt?
Die Emotionsregulation ist bei beiden betroffen – bei der Doppeldiagnose potenziert sich die Schwierigkeit.
ADHS: Emotionale Dysregulation
Merkmale:
· Gefühle treten plötzlich und intensiv auf
· Schnelle Schwankungen
· Kritik fühlt sich existenziell an
· Begeisterung ist grenzenlos
· Frustration führt zu Wutausbrüchen
· Rejection Sensitive Dysphoria (RSD)
Autismus: Gefühlsblindheit und verzögerte Verarbeitung
Merkmale:
· Schwierigkeiten, gespürte Emotionen zu benennen
· Verzögerte emotionale Verarbeitung
· Ereignis passiert – Bedeutung wird erst Stunden/Tage später klar
· Äußerlich ruhig – innerlich überfordert
Die Kombination bei beiden
Das Muster:
Unmittelbar: Intensive Emotionen (kann nicht einordnen, warum)
Nach Ereignis: „Emotional Hangover“ – verzögerte Verarbeitung bringt volle Wirkung erst Tage später
Beispiel: stressiges Meeting
· Sofort: Überwältigung
· Frage: War es Inhalt? Lautstärke? Kritik?
· Drei Tage später: emotionaler Zusammenbruch
Das Problem: Unvorhersehbare emotionale Belastung beeinträchtigt Lebensqualität stark.
Welche Lösungsansätze gibt es?
Ein professionelles Coaching erfordert einen integrativen Ansatz einschließlich Therapie für Begleiterkrankungen.
Warum Standardtherapien nicht ausreichen
Das Problem einseitiger Ansätze: ADHS und ASS sind keine „Störungen“ oder „Komorbiditäten“, sondern Muster.
Nur ADHS-Fokus:
· Medikation (Stimulanzien wie Methylphenidat) kann Aufmerksamkeit verbessern
· Aber: Kann Überempfindlichkeit verschlimmern
Nur Autismus-Fokus:
· Strikte Routinen, Reizreduktion helfen einem Teil
· Aber: Verstärken Unterstimulation beim anderen
Was Studien zeigen
Eine umfassende Studie zeigt: Multimodaler Ansatz ist am erfolgreichsten.
Die multimodale Strategie
Medikamentös:
· Wo erforderlich, sorgfältig angepasste Stimulanzien-Therapie
· Kombiniert mit angstlösenden oder stabilisierenden Medikamenten
· Wichtig: Schrittweise Einstellung
· Betroffene mit „beiden Störungen“ reagieren oft empfindlicher
Coaching:
· Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie (klare Protokolle = Struktur)
· Kombiniert mit achtsamkeitsbasierten Techniken (Flexibilität)
· Zur Emotionsregulation
Diagnostik:
· Beide erfassen
· Viele Erwachsene erhalten erst spät die Diagnose von ADHS und ASS. Diagnose
Entscheidend: Hilfe muss professionell geschult sein und sich in beide neurologischen Profile hineinversetzen.
Wie können Betroffene im Alltag umgehen?
Der Schlüssel: Nicht eine Seite unterdrücken, sondern beide als legitime Teile der Symptome von AUDHS akzeptieren.
Das „Permission Framework“
Kern-Idee: Sich selbst die Erlaubnis geben, widersprüchlich zu sein.
Beispiele:
· Heute Menschen treffen wollen UND morgen alle Verabredungen absagen ✓
· Routinen brauchen UND sie manchmal brechen müssen ✓
· Stimulation suchen UND Reizschutz benötigen ✓
Konkrete Hybrid-Strategien
Body Doubling:
· Gemeinsam arbeiten ohne Interaktionspflicht
· Gibt Stimulation ohne soziale Überforderung
Kontrollierte Reize:
· Noise-Cancelling-Kopfhörer mit weißem Rauschen
· Blockiert Umgebungsreize (autistischer Schutz)
· Gibt kontrollierte Stimulation (ADHS-Bedarf)
Flexible Routinen:
· Feste Zeiten + wechselnde Inhalte
· Kompromiss zwischen beiden
Energiemanagement
Vorbeugende Pausen und Snacks:
· Nach stimulierenden Ereignissen Erholungszeit und regelmäßige Snacks einplanen
· Auch wenn man sich noch gut fühlt
· Der Crash kommt verzögert
Externalisierung:
· Visuelle Timer für Routinen
· Checklisten statt Gedächtnis
· Automatisierung, wo möglich
Kommunikation in Beziehungen
Wichtig: Klare Kommunikation
Beispiel-Formulierung:
· „Ich habe Phasen mit unterschiedlichen Bedürfnissen“
· „Das ist mein neurologisches Profil“
· „Nicht: Ablehnung oder Charakterschwäche“
Ziel: Menschen, die verstehen, können betroffenen Menschen echte Unterstützung bieten und Lebensqualität erheblich verbessern.
Zusammenfassung: Die wichtigsten Punkte
Häufigkeit & Genetik
• Gemeinsames Auftreten ist häufig bei Menschen mit Autismus oder ADHS: 30–80 % der Menschen, bei denen Autismus nachgewiesen wurde, erfüllen auch ADHS-Kriterien, ebenso tritt ADHS in 40–50 % der Situationen auch mit autistischen Merkmalen auf – das ist selten ein Zufall, sondern hat genetische .
• Genetische Überschneidung: 50–70 % der genetischen Faktoren sind bei ADHS und Autismus identisch
• Lange übersehen: Bis 2013 (DSM-5) durften in der Medizin beide nicht gleichzeitig diagnostiziert werden
Neurobiologie
• Gemeinsame Hirnmuster: Forschung identifiziert ähnliche Aktivierung in Netzwerken für Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle und soziale Interaktion
• Das Gehirn entwickelt sich ähnlich: Bei beiden sind vergleichbare Bereiche betroffen
Alltagserleben
• Gaspedal-Bremse-Konflikt: Strukturbedürfnis trifft auf Stimulationshunger – ein permanenter innerer Widerspruch
• Spezialinteressen + Hyperfokus: Langfristige tiefe Interessen mit wechselnden Fokuspunkten – verwirrt Betroffene („Bin ich überhaupt richtig autistisch / ADHS?“)
• Paradoxe Reizverarbeitung: Gleichzeitiger Bedarf nach Stimulation UND Tendenz zur Überflutung – nie im „richtigen“ Zustand
Herausforderungen
• Routinen-Dilemma: Ein Teil braucht Struktur, der andere empfindet sie als monoton und schwer einhaltbar
• „Feast or Famine“ sozial: Impulsivität treibt in soziale Situationen, Erschöpfung folgt – führt zu Missverständnissen
• Doppelte Emotionsdysregulation: Intensität + Alexithymie + verzögerte Verarbeitung = „Emotional Hangovers“ Tage nach Ereignissen
Behandlung & Umgang
• Integrierte Behandlung nötig: Professionelle Ansätze müssen beide gleichwertig adressieren – einseitig führt zu Misserfolg
• Hybrid-Strategien funktionieren: flexible Routinen, kontrollierte Stimulation, Body Doubling
• Permission Framework: Widersprüchliche Bedürfnisse als neurologisch begründet anerkennen – reduziert Schuldgefühle
• Selbstakzeptanz ist der Schlüssel: Nicht „reparieren“, sondern beide Teile als legitim akzeptieren
Zukünftige Themen:
· „Bin ich betroffen? Die Herausforderung der AuDHS-Diagnostik“
· Differenzialdiagnostik: Warum es oft schwer ist, beides zu erkennen.
· Masking (Kompensation): Wie hohe Intelligenz oder soziale Anpassung die Symptome jahrelang verstecken können.
· Der Diagnose-Weg: Was Betroffene erwarten können (Interview, Fragebögen, Fremdanamnese).
· „Die übersehene Gruppe: AuDHS bei Frauen und weiblich sozialisierten Personen“
· Das „brave“ Kind: Warum Mädchen oft später diagnostiziert werden (Internalisierung statt Störung des Unterrichts).
· Emotionale Dysregulation: Verwechslungsgefahr mit Borderline oder bipolarer Störung.
· Hormonelle Einflüsse: Wie der Zyklus die Symptomatik beeinflussen kann.
· „Ordnung im Chaos: Coachingansätze und Coping-Strategien“
· Psychotherapie: Verhaltenstherapie, Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT).
· Medikamente: Ein kurzer Abriss darüber, wie Stimulanzien auf ein autistisches Gehirn wirken können (manchmal werden autistische Züge sichtbarer, wenn das ADHS behandelt wird).
· Strukturhilfen: visuelle Pläne, Noise-Cancelling, Energiemanagement (Löffel-Theorie).
· „Kein Defizit: Die Superkräfte von AuDHS“
· Deep Dive: Die Fähigkeit, komplexe Systeme extrem schnell zu verstehen.
· Gerechtigkeitssinn: Das starke Bedürfnis nach Fairness und Wahrheit.
· Kreativität: Out-of-the-box Denken durch die neurodivergente Vernetzung.
Weitere Artikel im AuDHS-Themenhub:
DESCRIPTION:
Autismus und ADHS gleichzeitig? Der Hybridmodus bei AuDHS erklärt: wie sich die gar nicht seltene Kombination anfühlt. Forschung zu Komorbidität, Diagnose und Gehirn bei beiden Mustern.
Gar nicht so selten: Gaspedal und Bremse zugleich im Gehirn – mehr als Symptome: wie sich ADHS und Autismus auf einmal anfühlen
Willkommen in unserem spezialisierten Themenbereich für AuDHS. Immer mehr Menschen erkennen sich in dem Gefühl wieder, Autismus und ADHS gleichzeitig in sich zu tragen – ein innerer Spagat, der oft erst spät erkannt wird.
Hier finden Sie fundierte Informationen zur Neurodivergenz, Orientierungshilfen für die ADHS-Diagnostik für Erwachsene und Antworten auf die Frage, warum Sie oft zwischen innerer Unruhe und dem Bedürfnis nach Struktur schwanken. Wir beleuchten das Paradoxon aus Reizüberflutung und Langeweile und erklären die Hintergründe der Autismus-Spektrum-Störung und die Komorbidität ADHS.
🧠 Ein Hinweis zu unserem Design (neuroinklusives Lesen)
Wir wissen, dass lange Texte für neurodivergente Gehirne oft anstrengend sind. Deshalb ist dieser Blog „ADHS-freundlich“ gestaltet:
– TL;DR (Too Long; Didn’t Read): Sie finden am Anfang jedes Artikels eine kurze Zusammenfassung.
– Scannbarkeit: Wir nutzen Fettdruck für Kernbegriffe und viele Bullet Points, damit Sie die wichtigsten Infos auf einen Blick erfassen.
– Klarheit: Wir vermeiden Textwüsten und setzen auf kurze, verdauliche Absätze.
TL;DR – Das Wichtigste in Kürze
✓ 50–70 % der autistischen Menschen haben auch ADHS – das gemeinsame Auftreten ist alles andere als selten
✓ Das „Gaspedal-Bremse-Phänomen“: Autismus will Struktur und Ruhe, ADHS braucht Stimulation und Abwechslung – beide laufen gleichzeitig
✓ Lange übersehen: Die „Symptome“ von ADHS und Autismus sind oft ähnlich. Bis 2013 durften beide Diagnosen nicht gleichzeitig gestellt werden
✓ Genetische Überlappung: 50–70 % der genetischen Faktoren sind bei ADHS und Autismus identisch
✓ Praktische Lösungen: „Hybrid-Strategien“ wie flexible Routinen, kontrollierte Reize und das „Permission Framework“ helfen im Alltag von Menschen mit ADHS und ASS.
Sie haben eine ADHS- oder Autismus-Diagnose und trotzdem passen manche Beschreibungen nicht? Das ist alles andere als selten: Studien zeigen, dass bis zu 50–70 % der autistischen Menschen auch ADHS haben. Diese Doppeldiagnose schafft ein einzigartiges neurologisches Profil.
Worum es geht:
· Wie sich das gleichzeitige Auftreten im Alltag anfühlt,
· warum diese Kombination so häufig übersehen wird,
· Erkenntnisse aktueller Forschung zu Autismus-Spektrum-Störungen,
· gemeinsame Mechanismen im Gehirn, und,
· wie Betroffene mit widersprüchlichen Bedürfnissen umgehen können.
Komorbidität – wie häufig treten ADHS und Autismus-Spektrum-Störung gemeinsam auf?
Das gemeinsame Auftreten ist keineswegs eine Seltenheit. Lange Zeit galt die Lehrmeinung, dass beide einander ausschließen. Diese Annahme war jedoch falsch.
Aktuelle Zahlen:
· 30–80 % der autistischen Menschen erfüllen auch die Kriterien für ADHS
· 20–50 % der Menschen mit ADHS zeigen ausgeprägte autistische Züge
· Die Prävalenz wurde jahrzehntelang unterschätzt
Warum ist das gemeinsame Vorkommen so häufig?
Genetische Gründe spielen eine zentrale Rolle:
· Erblichkeit bei beiden liegt bei etwa 70–80 %
· In Familien mit ADHS-Betroffenen tritt Autismus häufiger auf
· Etwa 50–70 % der genetischen Varianten überschneiden sich
· Das Gehirn entwickelt sich bei beiden in ähnlichen Bereichen unterschiedlich
Besonders betroffen: Regionen für Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle und soziale Interaktion.
Das Problem der späten Diagnose
Bemerkenswert ist die Geschlechterverteilung:
· Bei Jungen wird häufig früher diagnostiziert
· Bei Mädchen und Frauen bleiben beide oft unerkannt
· Im Erwachsenenalter holen viele Betroffene ihre Diagnose nach
· Manchmal erst im vierten oder fünften Lebensjahr, wenn psychische Begleitprobleme sie in die Praxis führen
Die späte Diagnostik ist besonders im Erwachsenenbereich ein Problem, da Kompensationsstrategien die Symptome maskieren.
Bemerkenswert: Warum wurde das häufige gemeinsame Auftreten der „beiden Störungsbilder“ so lange übersehen?
Die Überschneidung wurde jahrzehntelang systematisch unterschätzt. Forscher beobachteten schon lange, dass viele Betroffene beide neurologischen Profile aufweisen – doch das Diagnosesystem erlaubte das nicht.
Die historische diagnostische Sperre
Bis 2013 (DSM-5):
· Beide Diagnosen durften offiziell nicht gleichzeitig gestellt werden
· Eine diagnostische Regel, die der individuellen Realität widersprach
· Dass ADHS und Autismus gemeinsam existieren können, wurde ignoriert
Scheinbar unterschiedliche Symptombilder
Auf den ersten Blick scheinen beide sehr verschieden:
ADHS zeigt:
· Aufmerksamkeitsprobleme
· Impulsivität
· Hyperaktivität
· Suche nach Stimulation
Autismus zeigt:
· Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen
· Repetitive Verhaltensweisen
· Rituale und Routinen
· Überempfindlichkeit gegenüber Reizen (wie Geräuschen)
· Bevorzugung vorhersehbarer Abläufe
Die verborgenen Gemeinsamkeiten
Studien zeigen mehr Gemeinsamkeiten als gedacht:
· Sowohl ADHS als auch Autismus betreffen die Exekutivfunktionen
· Beide zeigen Besonderheiten in der Reizverarbeitung
· Beide haben genetische Grundlagen mit starker Überlappung
· Die neurologischen Mechanismen im Gehirn sind ähnlicher als angenommen
Das paradoxe Problem: Bei der Doppeldiagnose können beide Muster gleichzeitig auftreten – ein Zustand, der diagnostisch schwer zu erfassen ist.
Es geht um Muster, nicht um Symptome: Wie fühlt sich der innere Widerspruch zwischen ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen im Alltag an?
Das gleichzeitige Vorliegen schafft ein einzigartiges Erleben: Betroffene beschreiben es oft als „gleichzeitig Gaspedal und Bremse treten“.
Das autistische System verlangt:
· Vorhersehbarkeit
· Struktur und feste Routinen
· Sicherheit durch bekannte Abläufe
· Minimierung von Reizen
Jede Abweichung aktiviert das Stresssystem. Neue Situationen fühlen sich bedrohlich an.
Das ADHS-System verlangt gleichzeitig:
· Dopamin-Kicks durch Neues
· Abwechslung und Spannung
· Stimulation
· Routine wirkt monoton und unerträglich
Der Drang nach Veränderung ist körperlich spürbar.
Ein konkretes Alltagsbeispiel
Morgens: Detaillierter Tagesplan mit festen Zeiten (autistisches Strukturbedürfnis)
Mittags: Plan komplett über den Haufen geworfen, weil etwas Spontanes auftaucht (ADHS-Impulsivität)
Abends: Selbstkritik – „Warum kann ich nicht einmal meinen eigenen Plan einhalten?“
Diese Scham ist typisch. Betroffene verstehen oft selbst nicht, dass ihr Gehirn zwei widersprüchliche Programme gleichzeitig laufen lässt.
Was zeigen aktuelle Studien über das Gehirn?
Neue Forschung des Child Mind Institute liefert bahnbrechende Erkenntnisse.
Die zentrale Studie
Design:
· Über 1.000 Kindern und Jugendlichen
· Untersuchung der Hirnaktivierungsmuster
· Funktionelle MRT-Scans
Das bemerkenswerte Ergebnis: Nicht die formale Diagnose bestimmt die Gehirnsignatur, sondern die Ausprägung der Merkmale.
Gemeinsame Hirnmuster identifiziert
Die Studie fand gemeinsame Aktivierungsmuster:
Besonders betroffen:
· Dorsolateraler präfrontaler Kortex (Exekutivfunktionen)
· Default Mode Network (Selbstreflexion, soziale Interaktion)
· Netzwerke für Aufmerksamkeitssteuerung
· Bereiche für Impulskontrolle
Die genetische Grundlage
Genetische Studien unterstützen diese Befunde:
· 50–70 % der genetischen Risikofaktoren überschneiden sich
· Diese genetische Nähe erklärt das häufige gemeinsame Auftreten
· Bestimmte Gene beeinflussen Dopamin- und Serotoninregulation bei beiden
· Diese neurochemischen Gemeinsamkeiten erklären überlappende Symptome
Wie unterscheiden sich Spezialinteressen von Hyperfokus?
Diese Phänomene ähneln sich äußerlich, doch sie haben unterschiedliche neurologische Grundlagen und Merkmale, die eine Unterscheidung erlauben .
Autistische Spezialinteressen (Monotropismus)
Merkmale:
· Langanhaltend (Jahre bis Jahrzehnte)
· Tiefgehende Beschäftigung mit spezifischen Themen
· Enzyklopädisches Wissen
· Dienen der emotionalen Regulation
· Bieten einen „sicheren Hafen“
Beispiel: 20 Jahre Beschäftigung mit römischer Geschichte, Kenntnis jeder Schlacht, jeder Münzprägung.
ADHS-Hyperfokus
Merkmale:
· Temporärer Zustand intensiver Konzentration
· Tritt bei neuen, stimulierenden Aktivitäten auf
· Zeit und Raum werden vergessen, was häufig bei der Erkrankung ADHS beobachtet wird.
· Endet abrupt, wenn Dopamin nachlässt
· Typisch: Begeisterte Starts, unvollendete Projekte bei Menschen mit Autismus oder ADHS.
Beispiel: Eine Woche obsessive Beschäftigung mit einem neuen Hobby, dann komplettes Desinteresse.
Bei der Doppeldiagnose: Beide gleichzeitig
Das Muster:
· Langfristige Spezialinteressen (z. B. Psychologie) ✓
· Aber: Innerhalb des Themas springt der Fokus ständig
· Diese Woche: Traumatherapie
· Nächste Woche: Neurobiologie
· Übernächste Woche: Diagnostik
Der innere Konflikt:
· Autistischer Teil: Will Tiefe, Meisterschaft, Expertise
· ADHS-Teil: Will anderes, neue Aspekte, Abwechslung
Das Ergebnis: Frustration und das Gefühl, „weder richtig autistisch noch richtig ADHS“ zu sein.
Warum ist die Reizverarbeitung so paradox?
Die sensorische Verarbeitung ist bei dieser Doppeldiagnose besonders widersprüchlich, aber eigentlich logisch.
ADHS: Unterempfindlichkeit
· Das Gehirn sucht aktiv nach Stimulation
· Reize werden gebraucht, um das dopaminerge System zu aktivieren
· Zu wenig Input führt zu Unruhe
Autismus: Überempfindlichkeit
· Reize werden intensiver wahrgenommen
· Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Berührungen
· Schnelle Überwältigung möglich
· Reizfilter-Schwäche: Alles kommt ungefiltert durch
Bei Betroffenen: beide gleichzeitig
Morgens:
· Intensive Reize nötig (laute Musik, Bewegung, multiple Bildschirme)
· Das ADHS-Gehirn fährt hoch
Mittags:
· Sensorischer Overload
· Bürogeräusche, grelles Licht, Gespräche werden unerträglich
· Reizfilter-Schwäche lässt alles ungefiltert durch
Die Ironie: Strategien für ADHS (mehr Stimulation) verschlimmern die Überempfindlichkeit, während Reizreduktion die Unterstimulation verstärkt.
Das permanente Dilemma: Nie im „richtigen“ Zustand – entweder unterstimuliert und unruhig ODER überstimuliert und überfordert.
Wie wirken sich ADHS und Autismus auf Routinen aus?
Routinen Routinen und Genauigkeit sind für autistische Menschen wichtig – für Menschen mit ADHS eine Qual.
Warum Autisten Routinen brauchen
Funktionen von Routinen:
· Reduzieren Unsicherheit bei Menschen mit Autismus und ADHS.
· Bieten Vorhersehbarkeit
· Schonen kognitive Ressourcen
· Sind neurologische Notwendigkeit, keine Marotte
Typische Rituale:
· Morgenabläufe in fester Reihenfolge
· Immer derselbe Arbeitsweg
· Gleichbleibende Essenszeiten
Reaktion auf Abweichungen: Stress, manchmal Meltdowns.
Warum ADHS-Betroffene Routinen hassen
Das Problem:
· Unteraktives dopaminerges System rebelliert gegen Monotonie
· Jeden Tag dasselbe = unerträglich
· Aufmerksamkeit schweift ab
· Schritte werden „vergessen“
· Ständiges „Optimieren“ zerstört die Struktur
Realität: Das Einhalten erfordert bei ADHS enorme Willenskraft.
Das tägliche Dilemma bei der Doppeldiagnose
Der Konflikt:
· Betroffene wissen: Sie brauchen Routinen zum Funktionieren
· Gleichzeitig: Ein Teil rebelliert gegen diese Strukturen
Das Ergebnis:
· Ständige Schuldgefühle: „Warum kann ich nicht einmal eine simple Routine einhalten?“
· Chronische Erschöpfung durch inneren Kampf
· Entwicklung von „flexiblen Routinen“ als Kompromiss (feste Zeiten, wechselnde Inhalte)
Was bedeutet die Doppeldiagnose für soziale Beziehungen?
Soziale Interaktion ist besonders komplex, da beide neurologischen Profile unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringen.
Autistische Herausforderungen
Schwierigkeiten:
· Mimik und Gestik müssen bewusst „gelernt“ werden
· Blickkontakt ist anstrengend
· Small Talk erscheint unlogisch
· Implizite soziale Signale sind verwirrend
Folge: Viele entwickeln Masking-Strategien (enorm erschöpfend).
ADHS-Herausforderungen
Typische Muster:
· Impulsivität führt zu unüberlegten Äußerungen
· Unterbrechungen (sonst ist der Gedanke weg)
· Zu schnelles Teilen persönlicher Informationen
· Begrenzte Aufmerksamkeitsspanne in Gesprächen
Das paradoxe Muster bei beiden
Die Dynamik:
Phase 1: ADHS-Impulsivität treibt in soziale Situationen
· „Das klingt interessant!“
· Spontane Zusagen
· Anfängliche Begeisterung
Phase 2: Autistische Komponente erlebt Überforderung
· Während oder nach der Situation
· Social Hangover: Tage- oder wochenlange Erschöpfung
Das Problem: Freunde verstehen die Inkonsistenz nicht
· „Letzte Woche warst du super aktiv“
· „Jetzt meldest du dich gar nicht mehr“
Das Resultat: „Feast or Famine“-Dynamik führt zu Missverständnissen und manchmal Isolation.
Wie ist die Emotionsregulation beeinträchtigt?
Die Emotionsregulation ist bei beiden betroffen – bei der Doppeldiagnose potenziert sich die Schwierigkeit.
ADHS: Emotionale Dysregulation
Merkmale:
· Gefühle treten plötzlich und intensiv auf
· Schnelle Schwankungen
· Kritik fühlt sich existenziell an
· Begeisterung ist grenzenlos
· Frustration führt zu Wutausbrüchen
· Rejection Sensitive Dysphoria (RSD)
Autismus: Gefühlsblindheit und verzögerte Verarbeitung
Merkmale:
· Schwierigkeiten, gespürte Emotionen zu benennen
· Verzögerte emotionale Verarbeitung
· Ereignis passiert – Bedeutung wird erst Stunden/Tage später klar
· Äußerlich ruhig – innerlich überfordert
Die Kombination bei beiden
Das Muster:
Unmittelbar: Intensive Emotionen (kann nicht einordnen, warum)
Nach Ereignis: „Emotional Hangover“ – verzögerte Verarbeitung bringt volle Wirkung erst Tage später
Beispiel: stressiges Meeting
· Sofort: Überwältigung
· Frage: War es Inhalt? Lautstärke? Kritik?
· Drei Tage später: emotionaler Zusammenbruch
Das Problem: Unvorhersehbare emotionale Belastung beeinträchtigt Lebensqualität stark.
Welche Lösungsansätze gibt es?
Ein professionelles Coaching erfordert einen integrativen Ansatz einschließlich Therapie für Begleiterkrankungen.
Warum Standardtherapien nicht ausreichen
Das Problem einseitiger Ansätze: ADHS und ASS sind keine „Störungen“ oder „Komorbiditäten“, sondern Muster.
Nur ADHS-Fokus:
· Medikation (Stimulanzien wie Methylphenidat) kann Aufmerksamkeit verbessern
· Aber: Kann Überempfindlichkeit verschlimmern
Nur Autismus-Fokus:
· Strikte Routinen, Reizreduktion helfen einem Teil
· Aber: Verstärken Unterstimulation beim anderen
Was Studien zeigen
Eine umfassende Studie zeigt: Multimodaler Ansatz ist am erfolgreichsten.
Die multimodale Strategie
Medikamentös:
· Wo erforderlich, sorgfältig angepasste Stimulanzien-Therapie
· Kombiniert mit angstlösenden oder stabilisierenden Medikamenten
· Wichtig: Schrittweise Einstellung
· Betroffene mit „beiden Störungen“ reagieren oft empfindlicher
Coaching:
· Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie (klare Protokolle = Struktur)
· Kombiniert mit achtsamkeitsbasierten Techniken (Flexibilität)
· Zur Emotionsregulation
Diagnostik:
· Beide erfassen
· Viele Erwachsene erhalten erst spät die Diagnose von ADHS und ASS. Diagnose
Entscheidend: Hilfe muss professionell geschult sein und sich in beide neurologischen Profile hineinversetzen.
Wie können Betroffene im Alltag umgehen?
Der Schlüssel: Nicht eine Seite unterdrücken, sondern beide als legitime Teile der Symptome von AUDHS akzeptieren.
Das „Permission Framework“
Kern-Idee: Sich selbst die Erlaubnis geben, widersprüchlich zu sein.
Beispiele:
· Heute Menschen treffen wollen UND morgen alle Verabredungen absagen ✓
· Routinen brauchen UND sie manchmal brechen müssen ✓
· Stimulation suchen UND Reizschutz benötigen ✓
Konkrete Hybrid-Strategien
Body Doubling:
· Gemeinsam arbeiten ohne Interaktionspflicht
· Gibt Stimulation ohne soziale Überforderung
Kontrollierte Reize:
· Noise-Cancelling-Kopfhörer mit weißem Rauschen
· Blockiert Umgebungsreize (autistischer Schutz)
· Gibt kontrollierte Stimulation (ADHS-Bedarf)
Flexible Routinen:
· Feste Zeiten + wechselnde Inhalte
· Kompromiss zwischen beiden
Energiemanagement
Vorbeugende Pausen und Snacks:
· Nach stimulierenden Ereignissen Erholungszeit und regelmäßige Snacks einplanen
· Auch wenn man sich noch gut fühlt
· Der Crash kommt verzögert
Externalisierung:
· Visuelle Timer für Routinen
· Checklisten statt Gedächtnis
· Automatisierung, wo möglich
Kommunikation in Beziehungen
Wichtig: Klare Kommunikation
Beispiel-Formulierung:
· „Ich habe Phasen mit unterschiedlichen Bedürfnissen“
· „Das ist mein neurologisches Profil“
· „Nicht: Ablehnung oder Charakterschwäche“
Ziel: Menschen, die verstehen, können betroffenen Menschen echte Unterstützung bieten und Lebensqualität erheblich verbessern.
Zusammenfassung: Die wichtigsten Punkte
Häufigkeit & Genetik
• Gemeinsames Auftreten ist häufig bei Menschen mit Autismus oder ADHS: 30–80 % der Menschen, bei denen Autismus nachgewiesen wurde, erfüllen auch ADHS-Kriterien, ebenso tritt ADHS in 40–50 % der Situationen auch mit autistischen Merkmalen auf – das ist selten ein Zufall, sondern hat genetische .
• Genetische Überschneidung: 50–70 % der genetischen Faktoren sind bei ADHS und Autismus identisch
• Lange übersehen: Bis 2013 (DSM-5) durften in der Medizin beide nicht gleichzeitig diagnostiziert werden
Neurobiologie
• Gemeinsame Hirnmuster: Forschung identifiziert ähnliche Aktivierung in Netzwerken für Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle und soziale Interaktion
• Das Gehirn entwickelt sich ähnlich: Bei beiden sind vergleichbare Bereiche betroffen
Alltagserleben
• Gaspedal-Bremse-Konflikt: Strukturbedürfnis trifft auf Stimulationshunger – ein permanenter innerer Widerspruch
• Spezialinteressen + Hyperfokus: Langfristige tiefe Interessen mit wechselnden Fokuspunkten – verwirrt Betroffene („Bin ich überhaupt richtig autistisch / ADHS?“)
• Paradoxe Reizverarbeitung: Gleichzeitiger Bedarf nach Stimulation UND Tendenz zur Überflutung – nie im „richtigen“ Zustand
Herausforderungen
• Routinen-Dilemma: Ein Teil braucht Struktur, der andere empfindet sie als monoton und schwer einhaltbar
• „Feast or Famine“ sozial: Impulsivität treibt in soziale Situationen, Erschöpfung folgt – führt zu Missverständnissen
• Doppelte Emotionsdysregulation: Intensität + Alexithymie + verzögerte Verarbeitung = „Emotional Hangovers“ Tage nach Ereignissen
Behandlung & Umgang
• Integrierte Behandlung nötig: Professionelle Ansätze müssen beide gleichwertig adressieren – einseitig führt zu Misserfolg
• Hybrid-Strategien funktionieren: flexible Routinen, kontrollierte Stimulation, Body Doubling
• Permission Framework: Widersprüchliche Bedürfnisse als neurologisch begründet anerkennen – reduziert Schuldgefühle
• Selbstakzeptanz ist der Schlüssel: Nicht „reparieren“, sondern beide Teile als legitim akzeptieren
Zukünftige Themen:
· „Bin ich betroffen? Die Herausforderung der AuDHS-Diagnostik“
· Differenzialdiagnostik: Warum es oft schwer ist, beides zu erkennen.
· Masking (Kompensation): Wie hohe Intelligenz oder soziale Anpassung die Symptome jahrelang verstecken können.
· Der Diagnose-Weg: Was Betroffene erwarten können (Interview, Fragebögen, Fremdanamnese).
· „Die übersehene Gruppe: AuDHS bei Frauen und weiblich sozialisierten Personen“
· Das „brave“ Kind: Warum Mädchen oft später diagnostiziert werden (Internalisierung statt Störung des Unterrichts).
· Emotionale Dysregulation: Verwechslungsgefahr mit Borderline oder bipolarer Störung.
· Hormonelle Einflüsse: Wie der Zyklus die Symptomatik beeinflussen kann.
· „Ordnung im Chaos: Coachingansätze und Coping-Strategien“
· Psychotherapie: Verhaltenstherapie, Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT).
· Medikamente: Ein kurzer Abriss darüber, wie Stimulanzien auf ein autistisches Gehirn wirken können (manchmal werden autistische Züge sichtbarer, wenn das ADHS behandelt wird).
· Strukturhilfen: visuelle Pläne, Noise-Cancelling, Energiemanagement (Löffel-Theorie).
· „Kein Defizit: Die Superkräfte von AuDHS“
· Deep Dive: Die Fähigkeit, komplexe Systeme extrem schnell zu verstehen.
· Gerechtigkeitssinn: Das starke Bedürfnis nach Fairness und Wahrheit.
· Kreativität: Out-of-the-box Denken durch die neurodivergente Vernetzung.
Weitere Artikel im AuDHS-Themenhub: