Babys
Veröffentlicht am:
06.05.2026

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Wie das Unbewusste entsteht: Winnicotts subjektive Welt und Lorenzers Interaktionsformen, Lebensentwürfe und Desymbolisierung im Dialog.
Die Bildung des Unbewussten in der Psychoanalyse: das intersubjektive Werden des Selbst
Wie entsteht das Unbewusste? Wer Donald Winnicotts späte Schriften zur subjektiven und objektiven Realität neben Alfred Lorenzers materialistischer Sozialisationstheorie liest, erhält darauf eine sehr präzise Antwort. Beide Autoren beschreiben denselben Vorgang aus zwei Perspektiven: Winnicott aus Sicht des Säuglings, der vom Wachtraum seiner subjektiven Welt zur Anerkennung einer äußeren Realität findet; Lorenzer aus Sicht der sozial geformten Mutter-Kind-Dyade, in der sich Schicht für Schicht die Interaktionsformen ablagern, aus denen Sprache, Bewusstsein und das Unbewusste hervorgehen. Dieser Beitrag bringt beide Stimmen Schritt für Schritt zusammen.
Was meint die Psychoanalyse mit der Bildung des Unbewussten?
Lorenzer fasst das Unbewusste nicht als verbotenes Reservoir und nicht als bloßen Schatten des Bewusstseins. Es ist für ihn „das aus Sprache Ausgeschlossene“, ein eigenständiger Sinnbereich, ein „nichtsprachliches Praxis- und Sinngefüge“, das in der Leiblichkeit des Menschen wurzelt. „Das Unbewusste ist nicht der Schatten des Bewusstseins“, schreibt er, „es unterliegt nicht dessen Bildungseinflüssen, sondern versteht ‚vorsprachlich‘ nach anderen, eigenen Regeln.“ Es bildet sich in einer eigenen Logik, lange bevor Sprache und Begriff das Kind erreichen.
Daraus folgt eine zentrale Unterscheidung. Lorenzer trennt das systematische Unbewusste, das niemals zur Sprache gekommen ist, vom Verdrängten, das einmal symbolisiert und dann aus der Sprache wieder ausgeschlossen wurde. Das Unbewusste mischt beide. Wer wissen will, wie das Unbewusste entsteht, muss diese beiden Wege getrennt verfolgen, und beide führen durch die Mutter-Kind-Dyade.
Warum beginnt das Unbewusste in der Mutter-Kind-Dyade?
Lorenzer setzt die Bildung des Unbewussten nicht erst mit dem Sprechenlernen, sondern bereits mit der frühesten, teilweise pränatalen Interaktion zwischen Embryo, Säugling und primärer Bezugsperson an. Im Wechselspiel zwischen den Bewegungen des Fötus und der Art, wie die Mutter darauf reagiert, „bildet“ , wie Lorenzer schreibt, sich eine „Einigung auf bestimmte Interaktionsformen in der Mutter-Kind-Dyade“. Diese sind keine bloßen Reflexe; sie sind die ersten Niederschläge sozialer Wirklichkeit im Leib des Kindes.
Entscheidend ist, dass die Mutter selbst immer schon sprachlich sozialisiert wurde. Sie ist Trägerin einer kulturell, historisch und ökonomisch geprägten Lebenspraxis. Ob ein Säugling im Federbett mit Spieluhr einschläft, im Tragetuch den Puls der summenden Mutter spürt oder eng gewickelt in einer schweigsamen Umgebung liegt, ist nicht nur biologisch, sondern auch Ausdruck einer kulturellen Lebensform. Genau hier trifft Winnicotts primäre mütterliche Besorgtheit auf Lorenzer: Die Mutter, „to the baby that she gradually recognises as a fact within her physical frame“, ist nie eine reine Natur. Sie ist die Schleuse, durch die die Gesellschaft in den Körper des Kindes eintritt.
Wachtraum und Allmacht: Winnicotts Bild des subjektiven Anfangs
Winnicott schildert den Anfang ungeschminkt: Der Säugling lebt „in a dream world while awake“. Er nimmt die Welt nicht als objektives Gegenüber wahr, sondern als Verlängerung seiner inneren Vorgänge. Hunger und Brust, Erregung und Antwort, Innen und Außen sind ein einziges, ungetrenntes Geschehen. Die Allmacht, von der Winnicott spricht, ist keine pathologische Größe, sondern eine kurze, kostbare Möglichkeit: Wenn die Brust auftaucht, sobald sich der Hunger meldet, entsteht im Säugling der Eindruck, er habe sie selbst hervorgebracht.
Diese subjektive Welt ist nichts, was man dem Kind später korrigieren müsste. Sie ist, mit Winnicott gesprochen, die Wiege, in der das werdende Selbst zuerst zu sich selbst kommt. Aus Lorenzers Sicht ist sie zugleich der Ort, an dem die ersten Interaktionsformen, sensomotorisch und organismisch, in den Leib eingeschrieben werden. Subjektive Allmacht und objektive Sozialisation sind hier kein Widerspruch: Sie sind dasselbe Geschehen aus zwei Beobachterperspektiven.
Bestimmte Interaktionsformen: Wenn der Leib zur sozialisierten Natur wird
Die unterste Schicht von Lorenzers Modell sind die „bestimmten Interaktionsformen“, die sich als sensomotorisch-organismische Formeln in den Leib des Kindes einschreiben. Sie organisieren, wie Lorenzer im Anschluss an Freud zeigt, „die Empfindsamkeit und Erogenität des kindlichen Leibes“. Die Lippen werden zur erogenen Zone, weil sich ein bestimmtes Stillgeschehen wiederholt – mit Wärme, Geruch, Pulsfrequenz und Hautkontakt. So entsteht eine „Hermeneutik des Leibes“, eine Grammatik des Körpers, die nicht von außen aufgepfropft, sondern in der Wiederholung erlebter Szenen gewachsen ist.
Diese Formeln sind das, was Lorenzer als „sozialisierte Natur“ bezeichnet. Der Trieb ist bei ihm kein Instinkt, sondern der Niederschlag früherer Interaktionsformen, der zu deren Wiederholung drängt. Er entspricht damit genau jener Schicht, die Winnicott als Boden des subjektiven Erlebens beschreibt, und doch ist er von Anfang an gesellschaftlich geprägt. Die scheinbar reine Natur des Säuglingsleibes ist immer schon Niederschlag einer ganz konkreten Mutterpraxis und damit einer ganz konkreten kulturellen Lebenswelt.
Wie wird aus körperlichem Bedarf ein Bedürfnis?
Lorenzers feinste Beobachtung an dieser Stelle ist die Unterscheidung zwischen Bedarf und Bedürfnis. Der Säugling kommt mit einem diffusen Körperbedarf zur Welt: Hunger, Wärme, Nähe, Spannungsabfuhr. Erst durch die wiederholte, in einer bestimmten kulturellen Form gegebene Antwort der Bezugsperson wird dieser Bedarf zu einem konkreten Bedürfnis. „Der Bedarf, der in der realen Situation seine Stillung gefunden hat, wird in der Interaktionsform zum Anspruch, die Befriedigung in einer spezifisch einsozialisierten Weise zu erhalten“ (Lorenzer 1992, S. 88).
Damit ist gesagt, was der psychoanalytischen Tradition oft zu kurz kommt: Wir wünschen nicht abstrakt. Wir wünschen, so wie wir an unseren Wünschen gebaut wurden. Die einsozialisierten Lebensentwürfe, die hier entstehen, sind die Form, in der wir später lieben, schlafen, essen, kämpfen und uns trösten. Was Winnicott die Erfahrung der „primären Beziehung“ nennt, ist für Lorenzer der Ort, an dem diese Lebensentwürfe leiblich Gestalt annehmen und zugleich die Wurzel jener affektiven Wünsche und Aversionen, die das spätere Leben tragen.
Wie verbinden Übergangsobjekt und präsentative Symbolik die Schichten?
Auf der mittleren Ebene treten die Interaktionsformen aus dem rein Organismischen heraus, ohne schon Sprache zu sein. Lorenzer bezeichnet diese Schicht als präsentativ-symbolisch oder sinnlich-symbolisch. Mimik, Stimme, Blick, Berührung, Spiel und früheste Bilder werden als affektiv getönte, ganzheitliche Gestalten erlebt und beantwortet. Hier entstehen Symbole, die bereits Bedeutung tragen, aber dem Unbewussten näher stehen als die Sprachfiguren, weil „das Symbol hier noch Teil desselben sinnlich-unmittelbaren Interaktionsfeldes ist, zu dem auch die symbolisierte Interaktion mit der Mutter gehört“ (Lorenzer 1981a, S. 159).
Dies ist exakt der Ort von Winnicotts Übergangsobjekt. Das Kuscheltier, der Tuchzipfel, die Einschlafgeste sind keine Sprachzeichen, aber sie haben Bedeutung. Sie sind, in Winnicotts Worten, eine „intermediate position“, weder ganz innen noch ganz außen. Lorenzers präsentativ-symbolische Interaktionsform und Winnicotts intermediärer Raum beschreiben dasselbe Phänomen aus zwei Theoriesprachen. Aus dieser Schicht erwachsen später das Spiel, die Kunst, der Traum, die Liebesbeziehung, alles, was Bedeutung trägt, ohne sich in Sätze auflösen zu lassen.
Was leistet die diskursiv-symbolische Schicht, und wo stößt sie an Grenzen?
Mit dem Spracherwerb tritt das Kind in die diskursiv-symbolische, also sprachsymbolische Schicht ein. Die früher leiblich gespürten Muster werden an Worte gebunden, mitteilbar und prüfbar. Erst hier konstituiert sich die objektive Welt im vollen Sinne: ein Anderer mit eigenen Wünschen und Grenzen, eine Realität, die Widerstand leistet. Dieser Schritt entspricht Winnicotts Übergang vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip; das Kind erkennt, dass die Welt sich nicht nur seinem Wunsch fügt.
Doch Sprache übersetzt niemals restlos. Lorenzer betont, dass jede Übersetzung eines leiblichen Impulses in Sprache „Unstimmiges abschneidet“. Die diskursiv-symbolische Schicht überschreibt die früheren nicht; sie legt sich nur über sie. Unter der Sprache arbeiten die organismischen und präsentativ-symbolischen Formen weiter und liefern Stoff, Druck und Eigensinn. Genau in dem, was die Sprache nicht aufnimmt, und in dem, was sie aufnehmen würde, aber unter sozialem Druck nicht aufnehmen darf, beginnt die Bildung des Unbewussten.
Wie entsteht das systematische Unbewusste?
Hier wird Lorenzers entscheidender Schnitt deutlich. Er unterscheidet zwei Wege, auf denen Unbewusstes entsteht. Der erste Weg ist der des systematischen Unbewussten: Eine Interaktionsform wurde nie in die Sprache übersetzt. Sie blieb auf der organismischen oder präsentativ-symbolischen Ebene und fand keinen Anschluss an die Sprachgemeinschaft. Sie wirkt im Leib weiter, drängt zur Wiederholung und enthält, wie Lorenzer schreibt, „überschüssige lebenspraktische Figuren“, Stoff für Fantasie, Kunst und das Verlangen nach gesellschaftlicher Veränderung.
Der zweite Weg ist der des Verdrängten: Eine Interaktionsform war einmal sprachlich erschlossen, wurde jedoch unter dem Druck familiärer und gesellschaftlicher Normen aus der Sprache heraus wieder ausgeschlossen. Die Verbindung zwischen leiblichem Impuls und Wort wird gekappt; der Inhalt wirkt fortan unbewusst. Erst beide Wege zusammen – das systematisch Nie-Symbolisierte und das einmal Symbolisierte und dann Desymbolisierte – ergeben jenes „Gegensystem zum herrschenden Bewusstsein der Sprachgemeinschaft“, von dem Lorenzer spricht. Die Bildung des Unbewussten ist damit kein einmaliger Akt, sondern das fortwährende Schicksal von Symbolisierungen, die gelingen, scheitern oder rückgängig gemacht werden.
Sprachzerstörung und Bildungshemmung: zwei Wege der Desymbolisierung
Lorenzer beschreibt zwei klinisch sehr unterschiedliche Formen der Desymbolisierung. Auf der diskursiv-symbolischen Ebene spricht er von Sprachzerstörung: Eine Interaktionsform war in Worte gefasst, wird jedoch abgespalten. Die „Persönlichkeitsdeformation läuft als Trennung von sinnlicher Erfahrung (einsozialisierten Interaktionsformen) und Bewusstsein (Sprachfiguren) ab“. Die Person spricht weiter, oft sogar perfekt, aber das, was sie sagt, hat den Kontakt zum Leib verloren.
Schwerwiegender und tiefgreifender ist die Bildungshemmung der präsentativ-symbolischen Interaktionsformen. Wo Werbung, Kulturindustrie, mechanische Spielzeuge und stereotype Bilder das Kind mit „kitschigen ästhetischen Schablonen“ kurzschließen, kann sich die mittlere Schicht gar nicht erst voll ausbilden. Die Folge ist eine Verkürzung der Erlebnisbereiche, die noch tiefer geht als die Sprachzerstörung. Hier wird nicht nur ein Sprachzugang gekappt; hier wird die symbolische Brücke zwischen Leib und Welt von vornherein nicht gebaut.
Falsches Ich: Wo Winnicotts und Lorenzers Begriffe einander begegnen
Winnicotts Begriff des falschen Selbst und Lorenzers Begriff des „falschen Ich“ beschreiben dieselbe klinische Gestalt aus zwei verschiedenen Perspektiven. Winnicott sieht ein Kind, dessen Umgebung zu früh, zu fordernd oder zu wenig haltgebender war; das Kind passt sich an, baut eine Oberfläche, die den Anforderungen genügt, und schneidet die eigene Lebendigkeit ab. Lorenzer sieht eine Person, die dem „Diktat objektivistischer Zeichensysteme“ folgt, „überaus gut funktioniert“, aber „frei ist von der Bürde sinnlicher Erfahrung“. Beide Autoren beschreiben einen Preis: Die Anpassung gelingt, weil bestimmte Interaktionsformen aus der Symbolisierung herausgeschnitten werden.
So gesehen ist das falsche Selbst kein psychologisches Defektbild, sondern das klinische Gesicht eines Sozialisationsschicksals. Was im falschen Selbst zum Schweigen kommt, sind genau jene Lebensentwürfe, die in der frühen Mutter-Kind-Dyade leiblich angelegt wurden, aber im Übergang zur Sprache und zur Gesellschaft keinen Symbolisierungsweg fanden. Das Unbewusste ist nicht das Andere des Selbst; es ist das eigene, herausgeschnittene Material des Selbst.
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
· Das Unbewusste ist nach Lorenzer „das aus Sprache Ausgeschlossene“, nicht der Schatten des Bewusstseins, sondern ein eigenständiges, leibgebundenes Sinngefüge.
· Es bildet sich nicht erst mit der Sprache, sondern beginnt in der Mutter-Kind-Dyade, in der die „Einigung auf bestimmte Interaktionsformen“ stattfindet.
· Die Mutter ist immer schon sprachlich sozialisiert; durch ihre Praxis tritt die Gesellschaft in den Leib des Kindes ein, lange bevor das erste Wort fällt.
· Lorenzer unterscheidet drei Schichten: bestimmte (sensomotorisch-organismische), präsentativ-symbolische und diskursiv-symbolische Interaktionsformen. Sie verzahnen sich präzise mit Winnicotts Wachtraum, Übergangsobjekt und Übergang zum Realitätsprinzip.
· Aus körperlichem Bedarf wird in der Interaktionsform ein Bedürfnis; Triebe sind in dieser Sicht „sozialisierte Natur“ und tragen die einsozialisierten Lebensentwürfe.
· Die Bildung des Unbewussten verläuft auf zwei Wegen: das systematische Unbewusste aus nie symbolisierten Interaktionsformen und das Verdrängte aus desymbolisierten Sprachsymbolen.
· Sprachzerstörung trennt Sprache von leiblicher Erfahrung; die Bildungshemmung der präsentativen Symbolik schneidet noch tiefer und verarmt die Welt der bedeutungsvollen Bilder.
· Winnicotts falsches Selbst und Lorenzers „falsches Ich“ beschreiben denselben Vorgang: die Anpassung an ein soziales Zeichensystem auf Kosten der nicht symbolisierten Lebensentwürfe.
· Therapie heißt vor diesem Hintergrund, abgeschnittene Symbolisierungswege so weit wie möglich wieder gangbar zu machen, damit das Unbewusste neu in den Dialog mit dem Leib und der Sprachgemeinschaft treten kann.
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Was meint die Psychoanalyse mit der Bildung des Unbewussten?
Lorenzer fasst das Unbewusste nicht als verbotenes Reservoir und nicht als bloßen Schatten des Bewusstseins. Es ist für ihn „das aus Sprache Ausgeschlossene“, ein eigenständiger Sinnbereich, ein „nichtsprachliches Praxis- und Sinngefüge“, das in der Leiblichkeit des Menschen wurzelt. „Das Unbewusste ist nicht der Schatten des Bewusstseins“, schreibt er, „es unterliegt nicht dessen Bildungseinflüssen, sondern versteht ‚vorsprachlich‘ nach anderen, eigenen Regeln.“ Es bildet sich in einer eigenen Logik, lange bevor Sprache und Begriff das Kind erreichen.
Daraus folgt eine zentrale Unterscheidung. Lorenzer trennt das systematische Unbewusste, das niemals zur Sprache gekommen ist, vom Verdrängten, das einmal symbolisiert und dann aus der Sprache wieder ausgeschlossen wurde. Das Unbewusste mischt beide. Wer wissen will, wie das Unbewusste entsteht, muss diese beiden Wege getrennt verfolgen, und beide führen durch die Mutter-Kind-Dyade.
Warum beginnt das Unbewusste in der Mutter-Kind-Dyade?
Lorenzer setzt die Bildung des Unbewussten nicht erst mit dem Sprechenlernen, sondern bereits mit der frühesten, teilweise pränatalen Interaktion zwischen Embryo, Säugling und primärer Bezugsperson an. Im Wechselspiel zwischen den Bewegungen des Fötus und der Art, wie die Mutter darauf reagiert, „bildet“ , wie Lorenzer schreibt, sich eine „Einigung auf bestimmte Interaktionsformen in der Mutter-Kind-Dyade“. Diese sind keine bloßen Reflexe; sie sind die ersten Niederschläge sozialer Wirklichkeit im Leib des Kindes.
Entscheidend ist, dass die Mutter selbst immer schon sprachlich sozialisiert wurde. Sie ist Trägerin einer kulturell, historisch und ökonomisch geprägten Lebenspraxis. Ob ein Säugling im Federbett mit Spieluhr einschläft, im Tragetuch den Puls der summenden Mutter spürt oder eng gewickelt in einer schweigsamen Umgebung liegt, ist nicht nur biologisch, sondern auch Ausdruck einer kulturellen Lebensform. Genau hier trifft Winnicotts primäre mütterliche Besorgtheit auf Lorenzer: Die Mutter, „to the baby that she gradually recognises as a fact within her physical frame“, ist nie eine reine Natur. Sie ist die Schleuse, durch die die Gesellschaft in den Körper des Kindes eintritt.
Wachtraum und Allmacht: Winnicotts Bild des subjektiven Anfangs
Winnicott schildert den Anfang ungeschminkt: Der Säugling lebt „in a dream world while awake“. Er nimmt die Welt nicht als objektives Gegenüber wahr, sondern als Verlängerung seiner inneren Vorgänge. Hunger und Brust, Erregung und Antwort, Innen und Außen sind ein einziges, ungetrenntes Geschehen. Die Allmacht, von der Winnicott spricht, ist keine pathologische Größe, sondern eine kurze, kostbare Möglichkeit: Wenn die Brust auftaucht, sobald sich der Hunger meldet, entsteht im Säugling der Eindruck, er habe sie selbst hervorgebracht.
Diese subjektive Welt ist nichts, was man dem Kind später korrigieren müsste. Sie ist, mit Winnicott gesprochen, die Wiege, in der das werdende Selbst zuerst zu sich selbst kommt. Aus Lorenzers Sicht ist sie zugleich der Ort, an dem die ersten Interaktionsformen, sensomotorisch und organismisch, in den Leib eingeschrieben werden. Subjektive Allmacht und objektive Sozialisation sind hier kein Widerspruch: Sie sind dasselbe Geschehen aus zwei Beobachterperspektiven.
Bestimmte Interaktionsformen: Wenn der Leib zur sozialisierten Natur wird
Die unterste Schicht von Lorenzers Modell sind die „bestimmten Interaktionsformen“, die sich als sensomotorisch-organismische Formeln in den Leib des Kindes einschreiben. Sie organisieren, wie Lorenzer im Anschluss an Freud zeigt, „die Empfindsamkeit und Erogenität des kindlichen Leibes“. Die Lippen werden zur erogenen Zone, weil sich ein bestimmtes Stillgeschehen wiederholt – mit Wärme, Geruch, Pulsfrequenz und Hautkontakt. So entsteht eine „Hermeneutik des Leibes“, eine Grammatik des Körpers, die nicht von außen aufgepfropft, sondern in der Wiederholung erlebter Szenen gewachsen ist.
Diese Formeln sind das, was Lorenzer als „sozialisierte Natur“ bezeichnet. Der Trieb ist bei ihm kein Instinkt, sondern der Niederschlag früherer Interaktionsformen, der zu deren Wiederholung drängt. Er entspricht damit genau jener Schicht, die Winnicott als Boden des subjektiven Erlebens beschreibt, und doch ist er von Anfang an gesellschaftlich geprägt. Die scheinbar reine Natur des Säuglingsleibes ist immer schon Niederschlag einer ganz konkreten Mutterpraxis und damit einer ganz konkreten kulturellen Lebenswelt.
Wie wird aus körperlichem Bedarf ein Bedürfnis?
Lorenzers feinste Beobachtung an dieser Stelle ist die Unterscheidung zwischen Bedarf und Bedürfnis. Der Säugling kommt mit einem diffusen Körperbedarf zur Welt: Hunger, Wärme, Nähe, Spannungsabfuhr. Erst durch die wiederholte, in einer bestimmten kulturellen Form gegebene Antwort der Bezugsperson wird dieser Bedarf zu einem konkreten Bedürfnis. „Der Bedarf, der in der realen Situation seine Stillung gefunden hat, wird in der Interaktionsform zum Anspruch, die Befriedigung in einer spezifisch einsozialisierten Weise zu erhalten“ (Lorenzer 1992, S. 88).
Damit ist gesagt, was der psychoanalytischen Tradition oft zu kurz kommt: Wir wünschen nicht abstrakt. Wir wünschen, so wie wir an unseren Wünschen gebaut wurden. Die einsozialisierten Lebensentwürfe, die hier entstehen, sind die Form, in der wir später lieben, schlafen, essen, kämpfen und uns trösten. Was Winnicott die Erfahrung der „primären Beziehung“ nennt, ist für Lorenzer der Ort, an dem diese Lebensentwürfe leiblich Gestalt annehmen und zugleich die Wurzel jener affektiven Wünsche und Aversionen, die das spätere Leben tragen.
Wie verbinden Übergangsobjekt und präsentative Symbolik die Schichten?
Auf der mittleren Ebene treten die Interaktionsformen aus dem rein Organismischen heraus, ohne schon Sprache zu sein. Lorenzer bezeichnet diese Schicht als präsentativ-symbolisch oder sinnlich-symbolisch. Mimik, Stimme, Blick, Berührung, Spiel und früheste Bilder werden als affektiv getönte, ganzheitliche Gestalten erlebt und beantwortet. Hier entstehen Symbole, die bereits Bedeutung tragen, aber dem Unbewussten näher stehen als die Sprachfiguren, weil „das Symbol hier noch Teil desselben sinnlich-unmittelbaren Interaktionsfeldes ist, zu dem auch die symbolisierte Interaktion mit der Mutter gehört“ (Lorenzer 1981a, S. 159).
Dies ist exakt der Ort von Winnicotts Übergangsobjekt. Das Kuscheltier, der Tuchzipfel, die Einschlafgeste sind keine Sprachzeichen, aber sie haben Bedeutung. Sie sind, in Winnicotts Worten, eine „intermediate position“, weder ganz innen noch ganz außen. Lorenzers präsentativ-symbolische Interaktionsform und Winnicotts intermediärer Raum beschreiben dasselbe Phänomen aus zwei Theoriesprachen. Aus dieser Schicht erwachsen später das Spiel, die Kunst, der Traum, die Liebesbeziehung, alles, was Bedeutung trägt, ohne sich in Sätze auflösen zu lassen.
Was leistet die diskursiv-symbolische Schicht, und wo stößt sie an Grenzen?
Mit dem Spracherwerb tritt das Kind in die diskursiv-symbolische, also sprachsymbolische Schicht ein. Die früher leiblich gespürten Muster werden an Worte gebunden, mitteilbar und prüfbar. Erst hier konstituiert sich die objektive Welt im vollen Sinne: ein Anderer mit eigenen Wünschen und Grenzen, eine Realität, die Widerstand leistet. Dieser Schritt entspricht Winnicotts Übergang vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip; das Kind erkennt, dass die Welt sich nicht nur seinem Wunsch fügt.
Doch Sprache übersetzt niemals restlos. Lorenzer betont, dass jede Übersetzung eines leiblichen Impulses in Sprache „Unstimmiges abschneidet“. Die diskursiv-symbolische Schicht überschreibt die früheren nicht; sie legt sich nur über sie. Unter der Sprache arbeiten die organismischen und präsentativ-symbolischen Formen weiter und liefern Stoff, Druck und Eigensinn. Genau in dem, was die Sprache nicht aufnimmt, und in dem, was sie aufnehmen würde, aber unter sozialem Druck nicht aufnehmen darf, beginnt die Bildung des Unbewussten.
Wie entsteht das systematische Unbewusste?
Hier wird Lorenzers entscheidender Schnitt deutlich. Er unterscheidet zwei Wege, auf denen Unbewusstes entsteht. Der erste Weg ist der des systematischen Unbewussten: Eine Interaktionsform wurde nie in die Sprache übersetzt. Sie blieb auf der organismischen oder präsentativ-symbolischen Ebene und fand keinen Anschluss an die Sprachgemeinschaft. Sie wirkt im Leib weiter, drängt zur Wiederholung und enthält, wie Lorenzer schreibt, „überschüssige lebenspraktische Figuren“, Stoff für Fantasie, Kunst und das Verlangen nach gesellschaftlicher Veränderung.
Der zweite Weg ist der des Verdrängten: Eine Interaktionsform war einmal sprachlich erschlossen, wurde jedoch unter dem Druck familiärer und gesellschaftlicher Normen aus der Sprache heraus wieder ausgeschlossen. Die Verbindung zwischen leiblichem Impuls und Wort wird gekappt; der Inhalt wirkt fortan unbewusst. Erst beide Wege zusammen – das systematisch Nie-Symbolisierte und das einmal Symbolisierte und dann Desymbolisierte – ergeben jenes „Gegensystem zum herrschenden Bewusstsein der Sprachgemeinschaft“, von dem Lorenzer spricht. Die Bildung des Unbewussten ist damit kein einmaliger Akt, sondern das fortwährende Schicksal von Symbolisierungen, die gelingen, scheitern oder rückgängig gemacht werden.
Sprachzerstörung und Bildungshemmung: zwei Wege der Desymbolisierung
Lorenzer beschreibt zwei klinisch sehr unterschiedliche Formen der Desymbolisierung. Auf der diskursiv-symbolischen Ebene spricht er von Sprachzerstörung: Eine Interaktionsform war in Worte gefasst, wird jedoch abgespalten. Die „Persönlichkeitsdeformation läuft als Trennung von sinnlicher Erfahrung (einsozialisierten Interaktionsformen) und Bewusstsein (Sprachfiguren) ab“. Die Person spricht weiter, oft sogar perfekt, aber das, was sie sagt, hat den Kontakt zum Leib verloren.
Schwerwiegender und tiefgreifender ist die Bildungshemmung der präsentativ-symbolischen Interaktionsformen. Wo Werbung, Kulturindustrie, mechanische Spielzeuge und stereotype Bilder das Kind mit „kitschigen ästhetischen Schablonen“ kurzschließen, kann sich die mittlere Schicht gar nicht erst voll ausbilden. Die Folge ist eine Verkürzung der Erlebnisbereiche, die noch tiefer geht als die Sprachzerstörung. Hier wird nicht nur ein Sprachzugang gekappt; hier wird die symbolische Brücke zwischen Leib und Welt von vornherein nicht gebaut.
Falsches Ich: Wo Winnicotts und Lorenzers Begriffe einander begegnen
Winnicotts Begriff des falschen Selbst und Lorenzers Begriff des „falschen Ich“ beschreiben dieselbe klinische Gestalt aus zwei verschiedenen Perspektiven. Winnicott sieht ein Kind, dessen Umgebung zu früh, zu fordernd oder zu wenig haltgebender war; das Kind passt sich an, baut eine Oberfläche, die den Anforderungen genügt, und schneidet die eigene Lebendigkeit ab. Lorenzer sieht eine Person, die dem „Diktat objektivistischer Zeichensysteme“ folgt, „überaus gut funktioniert“, aber „frei ist von der Bürde sinnlicher Erfahrung“. Beide Autoren beschreiben einen Preis: Die Anpassung gelingt, weil bestimmte Interaktionsformen aus der Symbolisierung herausgeschnitten werden.
So gesehen ist das falsche Selbst kein psychologisches Defektbild, sondern das klinische Gesicht eines Sozialisationsschicksals. Was im falschen Selbst zum Schweigen kommt, sind genau jene Lebensentwürfe, die in der frühen Mutter-Kind-Dyade leiblich angelegt wurden, aber im Übergang zur Sprache und zur Gesellschaft keinen Symbolisierungsweg fanden. Das Unbewusste ist nicht das Andere des Selbst; es ist das eigene, herausgeschnittene Material des Selbst.
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
· Das Unbewusste ist nach Lorenzer „das aus Sprache Ausgeschlossene“, nicht der Schatten des Bewusstseins, sondern ein eigenständiges, leibgebundenes Sinngefüge.
· Es bildet sich nicht erst mit der Sprache, sondern beginnt in der Mutter-Kind-Dyade, in der die „Einigung auf bestimmte Interaktionsformen“ stattfindet.
· Die Mutter ist immer schon sprachlich sozialisiert; durch ihre Praxis tritt die Gesellschaft in den Leib des Kindes ein, lange bevor das erste Wort fällt.
· Lorenzer unterscheidet drei Schichten: bestimmte (sensomotorisch-organismische), präsentativ-symbolische und diskursiv-symbolische Interaktionsformen. Sie verzahnen sich präzise mit Winnicotts Wachtraum, Übergangsobjekt und Übergang zum Realitätsprinzip.
· Aus körperlichem Bedarf wird in der Interaktionsform ein Bedürfnis; Triebe sind in dieser Sicht „sozialisierte Natur“ und tragen die einsozialisierten Lebensentwürfe.
· Die Bildung des Unbewussten verläuft auf zwei Wegen: das systematische Unbewusste aus nie symbolisierten Interaktionsformen und das Verdrängte aus desymbolisierten Sprachsymbolen.
· Sprachzerstörung trennt Sprache von leiblicher Erfahrung; die Bildungshemmung der präsentativen Symbolik schneidet noch tiefer und verarmt die Welt der bedeutungsvollen Bilder.
· Winnicotts falsches Selbst und Lorenzers „falsches Ich“ beschreiben denselben Vorgang: die Anpassung an ein soziales Zeichensystem auf Kosten der nicht symbolisierten Lebensentwürfe.
· Therapie heißt vor diesem Hintergrund, abgeschnittene Symbolisierungswege so weit wie möglich wieder gangbar zu machen, damit das Unbewusste neu in den Dialog mit dem Leib und der Sprachgemeinschaft treten kann.
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