Die Einsamkeitsmaschine: Soziale Isolation, Einsamkeit und Ungleichheit im neoliberalen Kapitalismus

Die Einsamkeitsmaschine: Soziale Isolation, Einsamkeit und Ungleichheit im neoliberalen Kapitalismus

Die Einsamkeitsmaschine

Veröffentlicht am:

18.05.2026

eine lagerhalle, auf langen bänken stehen kleine boxen, in denen menschen sitzen

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Neoliberaler Kapitalismus fördert soziale Isolation, Einsamkeit und Ungleichheit. Sind wir anfällig für Einsamkeit statt kollektiver Stärke?


Einsamkeit, Kapitalismus und Neoliberalismus: Ökonomin Noreena Hertz über soziale Isolation und Ungleichheit

Wie sie es generell gern im Interesse ihres Machtzuwachses tut, hat die Weltgesundheitsorganisation im Juni 2025 Einsamkeit als „globale Gesundheitskrise“ eingestuft. Die Zahlen hinter dieser Verlautbarung sind allerdings beeindruckend: 871.000 Todesfälle pro Jahr, ein Todesfall alle 36 Sekunden; einer von sechs Menschen ist chronisch einsam. Was in den Statistiken auftaucht, ist nicht zufällig; es ist das Produkt einer Wirtschafts- und Sozialordnung, die Vereinzelung systematisch hervorbringt, was sich dem unbestechlichen Auge der WHO bedauerlicherweise entzieht.

Was hat die WHO 2025 zur Einsamkeit veröffentlicht?

Die WHO-Kommission Social Connection, geleitet von Vivek Murthy und Chido Mpemba, legte am 30. Juni 2025 einen umfassenden Bericht vor. Zentrale Zahlen: Zwischen 17 und 21 Prozent der Menschen zwischen 13 und 29 Jahren berichten von chronischer Einsamkeit. Über alle Altersgruppen hinweg gibt fast jede zehnte Person an, sich „regelmäßig oder besonders“ einsam fühlen zu müssen. Bei einigen 65-Jährigen liegt der Wert sogar darüber, weil die Familienbande häufig durch Mobilität und veränderte Erreichbarkeit ausgedünnt sind.

Die WHO spricht von einer „Pandemie“, nicht im engen virologischen Sinn, sondern als gesellschaftliches Phänomen, das von den Corona-Maßnahmen befeuert und nicht etwa beendet wurde. In Befragungen geben rund zwei Drittel der unter 30-Jährigen an, sie hätten sich in den letzten Jahren häufig oder zeitweise einsam gefühlt. In einigen Erhebungen aus den USA und Großbritannien geben 40 Prozent der Erwachsenen an, im vergangenen Monat ein Gefühl der Einsamkeit erlebt zu haben. Murthys Surgeon-General-Bericht von 2023 verglich das Mortalitätsrisiko mit dem von 15 Zigaretten pro Tag.

Konkret: Einsamkeit erhöht das Schlaganfallrisiko um 32 Prozent, das Herz-Kreislauf-Risiko um 29 Prozent und das Demenzrisiko um 50 Prozent. Die gesundheitlichen Effekte sind denen von Adipositas und Bewegungsmangel vergleichbar. Im Mai 2025 verabschiedete die World Health Assembly die erste Resolution, die soziale Verbundenheit als zentrales Gesundheitsthema einstuft.

Warum ist Einsamkeit ein strukturelles und kein individuelles Phänomen?

Die nahegelegte Lesart ist individualistisch: Manche Menschen sind schüchtern, andere haben schlechte Bindungserfahrungen, andere sind digital übersättigt. Diese Faktoren existieren, aber sie erklären die Beschleunigung der letzten 40 Jahre nicht. Studien zeigen, dass die Zahl enger sozialer Beziehungen pro Person in den USA, Großbritannien, Deutschland und Japan seit den 1980er Jahren kontinuierlich gesunken ist. Isolation und Einsamkeit nehmen messbar zu. Wer heute über die eigenen sozialen Beziehungen Auskunft gibt, berichtet häufiger über lockere Kontakte und seltener über tragende Bindungen. Ein einzelner Faktor (Smartphone, Pandemie, Therapie-Skepsis) erklärt diese Entwicklung schwerlich.

Was sich in dieser Zeit aber verändert hat, ist die ökonomische und soziale Architektur. Die Auflösung stabiler Arbeitsverhältnisse, die Erosion der Gewerkschaften, das Schrumpfen kirchlicher und kommunaler Strukturen, die Privatisierung von Versorgungsleistungen sowie die Konkurrenzlogik in Bildung und Beruf. Jede dieser Verschiebungen reduziert die niederschwelligen Begegnungsräume, in denen Beziehungen ohne explizite Verabredung entstehen. Was als individuelles Leid erscheint, ist tatsächlich ein verallgemeinertes, kollektives Symptom.

Soziologisch heißt das: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Bindung verfügbar geworden ist. Wer sich nicht aktiv um eine Freundschaft bemüht, hat keine. Eine ganze Gesellschaft einsam zu machen, ist möglich, ohne dass eine einzelne Stelle dies anordnet. Es genügt, dass die Strukturen, in denen Gemeinschaft früher entstand, sich auflösen. Diese Vereinzelung ist eine Folge des Individualismus, der seit den 1980er Jahren als wirtschaftliches und kulturelles Leitbild durchgesetzt wurde.

Was meint Karl Marx, wenn er von Entfremdung im Kapitalismus spricht?

Marx beschrieb 1844 in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten das Konzept der Entfremdung. Vier Dimensionen sind dort entwickelt: Entfremdung vom Produkt der Arbeit, vom Arbeitsprozess, von der eigenen Gattungsnatur und , für unser Thema entscheidend , vom anderen Menschen. Marx argumentierte: Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, das Menschen primär als Konkurrenten um knappe Ressourcen positioniert, untergräbt systematisch ihre Fähigkeit, sich aufeinander zu beziehen.

Der andere Mensch wird tendenziell zum Mittel: zum Kunden, zur Arbeitskraft, zur Konkurrenz. Die intrinsische, von keinem Tauschzweck überlagerte Beziehung wird zur Ausnahme. Diese Beobachtung war 1844 spekulativ. 2026 wird sie empirisch unterfüttert. Studien zur „Commodification of Friendship“ zeigen, dass selbst Freundschaften zunehmend nach Nutzwert-Logiken bewertet werden: Was bringt mir die Beziehung? Wie viele kann ich pflegen, ohne dass meine Produktivität darunter leidet?

Wo der Profit die strukturelle Logik des Zusammenlebens dominiert, wird das Gemeinwohl zur Restkategorie. Erbärmlich erscheint diese Reduktion vor allem dort, wo sie naturalisiert wird , also als alternativlos verkauft wird. Marx' Begriff der Entfremdung ist heute weniger Theorie als Befund.

Wie verstärkt der Neoliberalismus die Vereinzelung?

Der Neoliberalismus, als politisch-ökonomisches Programm seit Thatcher, und Reagan und in Deutschland verstärkt seit der Schröder-Ära , setzt auf drei Säulen: Privatisierung kollektiver Güter, Deregulierung der Arbeitswelt, Verantwortungsverschiebung vom Staat aufs Individuum. Jede dieser Säulen produziert Vereinzelung. Was vorher gemeinsam organisiert war (Wohnungswirtschaft, Krankenversorgung, Bildung, Rente), wird privatisiert und zu individueller Daseinsfürsorge erklärt. Jeder muss sich „selbst kümmern“.

Deregulierung: Stabile Arbeitsverhältnisse, lange Betriebszugehörigkeit, gewerkschaftliche Strukturen schwinden , wodurch auch die sozialen Räume, die früher Freundschaften produzierten, schwinden. Ein befristeter Arbeitsvertrag jagt den nächsten, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, ausgedehnte Arbeitszeit, und ständige Selbstoptimierung lassen schlicht keine Zeit für Beziehung. Wer aus der Erwerbsspur fällt (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Pflegezeit), erlebt schnell, was es heißt, sozial abgehängt zu werden. Die Zunahme einsamer Lebenslagen folgt direkt dieser Architektur.

Verantwortungsverschiebung: Erfolg wird zur persönlichen Leistung, Misserfolg zur persönlichen Schuld. Wer scheitert, schämt sich und zieht sich zurück. Diese drei Säulen wirken zusammen wie eine Vereinzelungsmaschine. Sie zerstören nicht alle Beziehungen , intakte Familien und enge Freundschaften können resistent sein , aber sie erodieren die Zwischenräume: Vereine, Kollegien, Nachbarschaften, Gewerkschaften, kirchliche Gruppen, Sportvereine. Die WHO nennt diese Räume „intermediäre Institutionen“. Ihre Erosion ist nicht emotional, sondern strukturell zu erklären.

Ökonomin Noreena Hertz und The Lonely Century

Die britische Ökonomin Noreena Hertz hat 2020 mit The Lonely Century den vielleicht radikalsten Beitrag der letzten Jahre vorgelegt. Hertz argumentiert: Einsamkeit ist nicht primär ein persönliches, sondern ein politisch-ökonomisches Phänomen. Sie verknüpft die Daten zu Einsamkeit und Isolation systematisch mit drei Treibern: der Auflösung sozialer Bindungen durch wirtschaftliche Prekarität, der Erosion städtischer Begegnungsräume und einem aggressiven Individualismus, der Wettbewerb auch dort installiert, wo Kooperation funktional wäre.

Hertz arbeitet Daten aus mehreren Ländern aus und zeigt, dass das Gefühl der Einsamkeit nicht zufällig in jenen Gesellschaften am stärksten zunimmt, die sich am tiefsten dem neoliberalen Kapitalismus verschrieben haben: USA, Großbritannien, Teile Mittel- und Osteuropas. Soziale Ungleichheit verstärkt diesen Effekt, weil die ärmeren Bevölkerungsgruppen häufiger aus den verbliebenen sozialen Räumen herausfallen. Parallel verzeichnet sie eine politische Folge: sozial isolierte Menschen sind anfälliger für autoritäre und nationalistische Bewegungen. Das ist ihre eigentlich beunruhigende These: Vereinzelung untergräbt nicht nur Lebensqualität, sondern auch demokratische Stabilität.

Die Loneliness-Forschung im englischsprachigen Raum hat seit Hertz' Buch deutlich an Schärfe gewonnen. Der Begriff Neoliberalismus taucht inzwischen regelmäßig in epidemiologischen Studien zur Einsamkeit auf , etwas, was vor zehn Jahren noch undenkbar war.

Wie zeigt sich die Vereinzelung?

Erstens gibt es die funktional Einsamen: gut versorgt, beruflich erfolgreich, vernetzt im Sinne von „300 LinkedIn-Kontakten“, aber ohne einen Menschen, der morgens fragt, wie es geht. Sie entwickeln oft unspezifische Symptome: Erschöpfung, Schlafstörungen und vage depressives Erleben.

Zweitens die abgehängt Einsamen: Menschen, denen durch Arbeitsverlust, Trennung oder Krankheit die letzten verbliebenen Netze weggebrochen sind. Hier mischt sich Einsamkeit mit Armut. Sie sind in der WHO-Statistik überproportional vertreten  und in der psychotherapeutischen Versorgung unterrepräsentiert, obwohl chronische Einsamkeit hier in eine manifeste psychische Erkrankung umkippen kann, die das Gesundheitssystem dann individualisierend behandelt.

Drittens die Beziehungs-Einsamen: Menschen in funktionierenden Partnerschaften, die innerhalb der Beziehung nicht mehr gesehen werden. Marital Loneliness zeigt, dass das Vorhandensein einer Beziehung Einsamkeit nicht verhindert, wenn die Beziehung selbst entfremdet ist. Emotionaler Nähe fehlt es, obwohl die äußere Form der Bindung intakt erscheint.

Reichen Discord-Gruppen und Co-Working-Spaces gegen Einsamkeit?

Die kurze Antwort: Nein, nicht ohne tiefere strukturelle Veränderung. Discord, Slack-Communities, und Coworking-Spaces sind sogenannte weak ties. Sie sind nicht wertlos. Mark Granovetter zeigte bereits 1973, dass schwache Verbindungen wichtig sind für Information, Karriere, und kulturelle Diversität. Aber sie ersetzen keine starken sozialen Bindungen: Menschen, die einen kennen, mit denen man Krisen teilt, die anwesend sind, wenn sich die eigene Welt verändert.

Die Einsamkeitsmaschine schafft eine Welt voller schwacher Netzwerke und immer schwächerer Bindungen. Ein TikTok-Account mit 50.000 Followern ersetzt keinen einzigen Menschen, der wirklich da ist. Diese Substitutions-Illusion ist eine der bittersten Erfahrungen unserer Zeit: Manche Menschen sind exzessiv im Netzwerken aktiv und gleichzeitig zutiefst einsam , darunter besonders einsame junge Erwachsene und ältere Alleinstehende.

Was hilft, sind nicht mehr Apps. Was hilft, sind wiederkehrende, niederschwellige, gemeinsame Räume: der gleiche Sportverein zweimal die Woche, die gleiche Chorprobe, der Stammtisch ohne Programm. Das langweilige, nicht Instagram-fähige Beieinander. Genau dort entsteht Gemeinschaft, und genau dort lässt sich der Vereinzelung praktisch entfliehen.

Welche Rolle spielen Smartphones, Social Media und digitale Mobilität?

Die Smartphone-Debatte wird oft als monokausale Erklärung gehandelt. Das ist verkürzt. Smartphones sind nicht die Ursache der Einsamkeit , aber sie sind ein Beschleuniger, der die strukturellen Bedingungen verschärft. Drei Mechanismen lassen sich nachweisen.

Erstens Phubbing: Die Aufmerksamkeitskonkurrenz zwischen Geräten und anwesenden Menschen führt dazu, dass selbst geteilte Räume nicht mehr „gemeinsam“ sind. Wenn beim Abendessen zwei Menschen ihre Smartphones nutzen, sind sie körperlich beieinander, mental anderswo.

Zweitens: Verzerrung sozialer Vergleiche: Wer durch Instagram scrollt, sieht das ausgestellte Leben anderer und stellt es mit seinem eigenen in Kontrast. Der so erzeugte relative Mangel ist eine eigene Quelle der Einsamkeit.

Drittens: Pseudokontakt und parasoziale Beziehungen mit Influencern, KI-Companions, und Chatbots geben kurzfristig Trost, ohne die Bindungsfähigkeit zu trainieren.

Allerdings: Smartphone-Verbote bei Jugendlichen führen in Studien nicht zu signifikant geringerer Einsamkeit. Die Wirkungsketten sind subtiler , und ohne die strukturelle Ebene (Vereinzelung durch ökonomische Bedingungen) bleibt der Smartphone-Effekt, isoliert betrachtet, überschätzt. Mobilität und ständige Erreichbarkeit wirken in dieselbe Richtung: Wer ständig erreichbar ist, ist nirgendwo ganz präsent.

Wie reagiert die Gesellschaft auf eine kollektive Krise?

Mit individualisierten Antworten, wie sie die WHO aus naheliegenden Gründen liefert. Krankenkassen erstatten Therapiestunden, nicht Vereinsmitgliedschaften. Hausärzte können Antidepressiva verschreiben, nicht Vereinsamungsstrukturen ändern. Die Antwort des Systems auf eine kollektive Verletzung ist eine individuelle Behandlung der Verletzten, ein Modell, das die Last vom Strukturellen auf die einzelnen Menschen verschiebt. Auch viele Psychologen erleben sich in dieser Logik überlastet und teils machtlos: Sie sehen Tag für Tag die Folgen, ohne dass die Strukturen sich ändern.

Das ist nicht zynisch gemeint. Es ist ein realer Engpass. Auch die WHO-Empfehlungen 2025 bleiben in dieser Logik: bessere Beratung, mehr Aufklärung, Sensibilisierung von Hausärztinnen. Die strukturelle Dimension , Wohnpolitik, Arbeitszeitpolitik, gemeinschaftliche Infrastruktur , kommt vor, wird aber kaum operationalisiert. Eine politische Sprache, die das Gemeinwohl über den Profit stellt, fehlt fast vollständig.

In Deutschland gibt es seit 2023 eine „Strategie gegen Einsamkeit“ des Bundesfamilienministeriums. Sie ist hilflos, nicht einmal gut gemeint, aber sie nennt 111 Maßnahmen, die meisten davon Aufklärungs- und Vernetzungsprojekte. Die ökonomische Einsamkeitsmaschine wird nicht angetastet. Die Alternativlosigkeit des wirtschaftlichen Rahmens wird nicht infrage gestellt.

Was kann man individuell trotzdem tun?

Der Rat zu „mehr sozialen Kontakten“ ist oberflächlich und trifft zudem oft auf Menschen, deren Lebenslogik (Arbeitsbelastung, Mietkosten, Pflegeverpflichtungen) gar keine Kontakte mehr zulässt. Realistischer sind Schutz der bestehenden Bindungen, Rückbau überlastender Verpflichtungen, eine verlässliche wöchentliche Routine mit Menschen. Psychologisch zentral ist die Wiederherstellung eines minimalen Resonanzraums.

Investieren in die langfristigen Bindungen. Der Buchclub, der jeden Monat stattfindet. Der Spaziergang mit der gleichen Nachbarin am Sonntag. Die Anrufroutine mit der Schwester. Diese Bindungen sind vielleicht nicht aufregend, aber wichtig. Sie sind das Gegenteil der Hochglanz-Vernetzung  und das, was die WHO eigentlich meint, wenn sie social connection sagt. Soziale Bindung ist kein Luxus. Sie ist ein menschliches Grundbedürfnis. Das menschliche Bedürfnis nach verlässlicher Nähe gehört zu den wenigen Konstanten, die sich nicht durch Produktivität oder Konsum kompensieren lassen.

Politisch: Engagement in Strukturen, die Beziehung ermöglichen. Mietergemeinschaften, Gewerkschaften, Quartiersräte, Vereine. Diese Strukturen waren historisch genau die Räume, in denen Beziehung neben dem Inhalt entstand. Sie wieder zu stärken ist die kollektive Antwort auf eine kollektive Krise , und sie verlangt politische Teilhabe, nicht nur individuelle Selbstfürsorge. Wer Einsamkeit ernst nimmt, muss am Wirtschaftssystem mitansetzen, nicht nur am Einzelnen.

Zusammenfassung

·         WHO Juni 2025: Einsamkeit als „globale Gesundheitskrise“. 871.000 Tote pro Jahr, einer von sechs Menschen chronisch einsam, in einigen Befragungen 40 Prozent mit Einsamkeitserfahrung im letzten Monat.

·         Strukturelle Ursachen: Die Beschleunigung der letzten 40 Jahre ist nicht individuell, sondern ökonomisch-sozial erklärbar , Erosion der intermediären Institutionen.

·         Marx' Entfremdungs-Theorie: empirisch unterfüttert , Beziehungen werden zunehmend nach Nutzwert bewertet; Profit dominiert das Gemeinwohl.

·         Neoliberalismus: drei Säulen produzieren Vereinzelung , Privatisierung, Deregulierung der Arbeitswelt, Verantwortungs-Individualisierung. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und befristete Arbeitsverträge verschärfen das Problem.

·         Noreena Hertz, The Lonely Century: verknüpft Einsamkeit und Isolation systematisch mit neoliberalem Kapitalismus und warnt vor politischen Folgen (Anfälligkeit für nationalistische Bewegungen).

·         Drei Alltagstypen: funktional einsame, abgehängte einsame, beziehungs-einsame Menschen.

·         Weak ties ersetzen keine starken Bindungen (Granovetter 1973); Netzwerke ohne echte Bindung tragen nicht.

·         Smartphone-Effekt: Beschleuniger, nicht Ursache. Phubbing, Vergleichsverzerrung, Pseudokontakt.

·         Systemische Antwort: individualisiert, nicht strukturell. WHO-Empfehlungen bleiben unterhalb der wirtschaftspolitischen Ebene.

·         Individuell: Schutz bestehender Bindungen, verlässliche Routinen, soziale Bindung als Grundbedürfnis ernst nehmen, politisch in Strukturen engagieren, die Bindung ermöglichen.


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Wie sie es generell gern im Interesse ihres Machtzuwachses tut, hat die Weltgesundheitsorganisation im Juni 2025 Einsamkeit als „globale Gesundheitskrise“ eingestuft. Die Zahlen hinter dieser Verlautbarung sind allerdings beeindruckend: 871.000 Todesfälle pro Jahr, ein Todesfall alle 36 Sekunden; einer von sechs Menschen ist chronisch einsam. Was in den Statistiken auftaucht, ist nicht zufällig; es ist das Produkt einer Wirtschafts- und Sozialordnung, die Vereinzelung systematisch hervorbringt, was sich dem unbestechlichen Auge der WHO bedauerlicherweise entzieht.

Was hat die WHO 2025 zur Einsamkeit veröffentlicht?

Die WHO-Kommission Social Connection, geleitet von Vivek Murthy und Chido Mpemba, legte am 30. Juni 2025 einen umfassenden Bericht vor. Zentrale Zahlen: Zwischen 17 und 21 Prozent der Menschen zwischen 13 und 29 Jahren berichten von chronischer Einsamkeit. Über alle Altersgruppen hinweg gibt fast jede zehnte Person an, sich „regelmäßig oder besonders“ einsam fühlen zu müssen. Bei einigen 65-Jährigen liegt der Wert sogar darüber, weil die Familienbande häufig durch Mobilität und veränderte Erreichbarkeit ausgedünnt sind.

Die WHO spricht von einer „Pandemie“, nicht im engen virologischen Sinn, sondern als gesellschaftliches Phänomen, das von den Corona-Maßnahmen befeuert und nicht etwa beendet wurde. In Befragungen geben rund zwei Drittel der unter 30-Jährigen an, sie hätten sich in den letzten Jahren häufig oder zeitweise einsam gefühlt. In einigen Erhebungen aus den USA und Großbritannien geben 40 Prozent der Erwachsenen an, im vergangenen Monat ein Gefühl der Einsamkeit erlebt zu haben. Murthys Surgeon-General-Bericht von 2023 verglich das Mortalitätsrisiko mit dem von 15 Zigaretten pro Tag.

Konkret: Einsamkeit erhöht das Schlaganfallrisiko um 32 Prozent, das Herz-Kreislauf-Risiko um 29 Prozent und das Demenzrisiko um 50 Prozent. Die gesundheitlichen Effekte sind denen von Adipositas und Bewegungsmangel vergleichbar. Im Mai 2025 verabschiedete die World Health Assembly die erste Resolution, die soziale Verbundenheit als zentrales Gesundheitsthema einstuft.

Warum ist Einsamkeit ein strukturelles und kein individuelles Phänomen?

Die nahegelegte Lesart ist individualistisch: Manche Menschen sind schüchtern, andere haben schlechte Bindungserfahrungen, andere sind digital übersättigt. Diese Faktoren existieren, aber sie erklären die Beschleunigung der letzten 40 Jahre nicht. Studien zeigen, dass die Zahl enger sozialer Beziehungen pro Person in den USA, Großbritannien, Deutschland und Japan seit den 1980er Jahren kontinuierlich gesunken ist. Isolation und Einsamkeit nehmen messbar zu. Wer heute über die eigenen sozialen Beziehungen Auskunft gibt, berichtet häufiger über lockere Kontakte und seltener über tragende Bindungen. Ein einzelner Faktor (Smartphone, Pandemie, Therapie-Skepsis) erklärt diese Entwicklung schwerlich.

Was sich in dieser Zeit aber verändert hat, ist die ökonomische und soziale Architektur. Die Auflösung stabiler Arbeitsverhältnisse, die Erosion der Gewerkschaften, das Schrumpfen kirchlicher und kommunaler Strukturen, die Privatisierung von Versorgungsleistungen sowie die Konkurrenzlogik in Bildung und Beruf. Jede dieser Verschiebungen reduziert die niederschwelligen Begegnungsräume, in denen Beziehungen ohne explizite Verabredung entstehen. Was als individuelles Leid erscheint, ist tatsächlich ein verallgemeinertes, kollektives Symptom.

Soziologisch heißt das: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Bindung verfügbar geworden ist. Wer sich nicht aktiv um eine Freundschaft bemüht, hat keine. Eine ganze Gesellschaft einsam zu machen, ist möglich, ohne dass eine einzelne Stelle dies anordnet. Es genügt, dass die Strukturen, in denen Gemeinschaft früher entstand, sich auflösen. Diese Vereinzelung ist eine Folge des Individualismus, der seit den 1980er Jahren als wirtschaftliches und kulturelles Leitbild durchgesetzt wurde.

Was meint Karl Marx, wenn er von Entfremdung im Kapitalismus spricht?

Marx beschrieb 1844 in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten das Konzept der Entfremdung. Vier Dimensionen sind dort entwickelt: Entfremdung vom Produkt der Arbeit, vom Arbeitsprozess, von der eigenen Gattungsnatur und , für unser Thema entscheidend , vom anderen Menschen. Marx argumentierte: Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, das Menschen primär als Konkurrenten um knappe Ressourcen positioniert, untergräbt systematisch ihre Fähigkeit, sich aufeinander zu beziehen.

Der andere Mensch wird tendenziell zum Mittel: zum Kunden, zur Arbeitskraft, zur Konkurrenz. Die intrinsische, von keinem Tauschzweck überlagerte Beziehung wird zur Ausnahme. Diese Beobachtung war 1844 spekulativ. 2026 wird sie empirisch unterfüttert. Studien zur „Commodification of Friendship“ zeigen, dass selbst Freundschaften zunehmend nach Nutzwert-Logiken bewertet werden: Was bringt mir die Beziehung? Wie viele kann ich pflegen, ohne dass meine Produktivität darunter leidet?

Wo der Profit die strukturelle Logik des Zusammenlebens dominiert, wird das Gemeinwohl zur Restkategorie. Erbärmlich erscheint diese Reduktion vor allem dort, wo sie naturalisiert wird , also als alternativlos verkauft wird. Marx' Begriff der Entfremdung ist heute weniger Theorie als Befund.

Wie verstärkt der Neoliberalismus die Vereinzelung?

Der Neoliberalismus, als politisch-ökonomisches Programm seit Thatcher, und Reagan und in Deutschland verstärkt seit der Schröder-Ära , setzt auf drei Säulen: Privatisierung kollektiver Güter, Deregulierung der Arbeitswelt, Verantwortungsverschiebung vom Staat aufs Individuum. Jede dieser Säulen produziert Vereinzelung. Was vorher gemeinsam organisiert war (Wohnungswirtschaft, Krankenversorgung, Bildung, Rente), wird privatisiert und zu individueller Daseinsfürsorge erklärt. Jeder muss sich „selbst kümmern“.

Deregulierung: Stabile Arbeitsverhältnisse, lange Betriebszugehörigkeit, gewerkschaftliche Strukturen schwinden , wodurch auch die sozialen Räume, die früher Freundschaften produzierten, schwinden. Ein befristeter Arbeitsvertrag jagt den nächsten, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, ausgedehnte Arbeitszeit, und ständige Selbstoptimierung lassen schlicht keine Zeit für Beziehung. Wer aus der Erwerbsspur fällt (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Pflegezeit), erlebt schnell, was es heißt, sozial abgehängt zu werden. Die Zunahme einsamer Lebenslagen folgt direkt dieser Architektur.

Verantwortungsverschiebung: Erfolg wird zur persönlichen Leistung, Misserfolg zur persönlichen Schuld. Wer scheitert, schämt sich und zieht sich zurück. Diese drei Säulen wirken zusammen wie eine Vereinzelungsmaschine. Sie zerstören nicht alle Beziehungen , intakte Familien und enge Freundschaften können resistent sein , aber sie erodieren die Zwischenräume: Vereine, Kollegien, Nachbarschaften, Gewerkschaften, kirchliche Gruppen, Sportvereine. Die WHO nennt diese Räume „intermediäre Institutionen“. Ihre Erosion ist nicht emotional, sondern strukturell zu erklären.

Ökonomin Noreena Hertz und The Lonely Century

Die britische Ökonomin Noreena Hertz hat 2020 mit The Lonely Century den vielleicht radikalsten Beitrag der letzten Jahre vorgelegt. Hertz argumentiert: Einsamkeit ist nicht primär ein persönliches, sondern ein politisch-ökonomisches Phänomen. Sie verknüpft die Daten zu Einsamkeit und Isolation systematisch mit drei Treibern: der Auflösung sozialer Bindungen durch wirtschaftliche Prekarität, der Erosion städtischer Begegnungsräume und einem aggressiven Individualismus, der Wettbewerb auch dort installiert, wo Kooperation funktional wäre.

Hertz arbeitet Daten aus mehreren Ländern aus und zeigt, dass das Gefühl der Einsamkeit nicht zufällig in jenen Gesellschaften am stärksten zunimmt, die sich am tiefsten dem neoliberalen Kapitalismus verschrieben haben: USA, Großbritannien, Teile Mittel- und Osteuropas. Soziale Ungleichheit verstärkt diesen Effekt, weil die ärmeren Bevölkerungsgruppen häufiger aus den verbliebenen sozialen Räumen herausfallen. Parallel verzeichnet sie eine politische Folge: sozial isolierte Menschen sind anfälliger für autoritäre und nationalistische Bewegungen. Das ist ihre eigentlich beunruhigende These: Vereinzelung untergräbt nicht nur Lebensqualität, sondern auch demokratische Stabilität.

Die Loneliness-Forschung im englischsprachigen Raum hat seit Hertz' Buch deutlich an Schärfe gewonnen. Der Begriff Neoliberalismus taucht inzwischen regelmäßig in epidemiologischen Studien zur Einsamkeit auf , etwas, was vor zehn Jahren noch undenkbar war.

Wie zeigt sich die Vereinzelung?

Erstens gibt es die funktional Einsamen: gut versorgt, beruflich erfolgreich, vernetzt im Sinne von „300 LinkedIn-Kontakten“, aber ohne einen Menschen, der morgens fragt, wie es geht. Sie entwickeln oft unspezifische Symptome: Erschöpfung, Schlafstörungen und vage depressives Erleben.

Zweitens die abgehängt Einsamen: Menschen, denen durch Arbeitsverlust, Trennung oder Krankheit die letzten verbliebenen Netze weggebrochen sind. Hier mischt sich Einsamkeit mit Armut. Sie sind in der WHO-Statistik überproportional vertreten  und in der psychotherapeutischen Versorgung unterrepräsentiert, obwohl chronische Einsamkeit hier in eine manifeste psychische Erkrankung umkippen kann, die das Gesundheitssystem dann individualisierend behandelt.

Drittens die Beziehungs-Einsamen: Menschen in funktionierenden Partnerschaften, die innerhalb der Beziehung nicht mehr gesehen werden. Marital Loneliness zeigt, dass das Vorhandensein einer Beziehung Einsamkeit nicht verhindert, wenn die Beziehung selbst entfremdet ist. Emotionaler Nähe fehlt es, obwohl die äußere Form der Bindung intakt erscheint.

Reichen Discord-Gruppen und Co-Working-Spaces gegen Einsamkeit?

Die kurze Antwort: Nein, nicht ohne tiefere strukturelle Veränderung. Discord, Slack-Communities, und Coworking-Spaces sind sogenannte weak ties. Sie sind nicht wertlos. Mark Granovetter zeigte bereits 1973, dass schwache Verbindungen wichtig sind für Information, Karriere, und kulturelle Diversität. Aber sie ersetzen keine starken sozialen Bindungen: Menschen, die einen kennen, mit denen man Krisen teilt, die anwesend sind, wenn sich die eigene Welt verändert.

Die Einsamkeitsmaschine schafft eine Welt voller schwacher Netzwerke und immer schwächerer Bindungen. Ein TikTok-Account mit 50.000 Followern ersetzt keinen einzigen Menschen, der wirklich da ist. Diese Substitutions-Illusion ist eine der bittersten Erfahrungen unserer Zeit: Manche Menschen sind exzessiv im Netzwerken aktiv und gleichzeitig zutiefst einsam , darunter besonders einsame junge Erwachsene und ältere Alleinstehende.

Was hilft, sind nicht mehr Apps. Was hilft, sind wiederkehrende, niederschwellige, gemeinsame Räume: der gleiche Sportverein zweimal die Woche, die gleiche Chorprobe, der Stammtisch ohne Programm. Das langweilige, nicht Instagram-fähige Beieinander. Genau dort entsteht Gemeinschaft, und genau dort lässt sich der Vereinzelung praktisch entfliehen.

Welche Rolle spielen Smartphones, Social Media und digitale Mobilität?

Die Smartphone-Debatte wird oft als monokausale Erklärung gehandelt. Das ist verkürzt. Smartphones sind nicht die Ursache der Einsamkeit , aber sie sind ein Beschleuniger, der die strukturellen Bedingungen verschärft. Drei Mechanismen lassen sich nachweisen.

Erstens Phubbing: Die Aufmerksamkeitskonkurrenz zwischen Geräten und anwesenden Menschen führt dazu, dass selbst geteilte Räume nicht mehr „gemeinsam“ sind. Wenn beim Abendessen zwei Menschen ihre Smartphones nutzen, sind sie körperlich beieinander, mental anderswo.

Zweitens: Verzerrung sozialer Vergleiche: Wer durch Instagram scrollt, sieht das ausgestellte Leben anderer und stellt es mit seinem eigenen in Kontrast. Der so erzeugte relative Mangel ist eine eigene Quelle der Einsamkeit.

Drittens: Pseudokontakt und parasoziale Beziehungen mit Influencern, KI-Companions, und Chatbots geben kurzfristig Trost, ohne die Bindungsfähigkeit zu trainieren.

Allerdings: Smartphone-Verbote bei Jugendlichen führen in Studien nicht zu signifikant geringerer Einsamkeit. Die Wirkungsketten sind subtiler , und ohne die strukturelle Ebene (Vereinzelung durch ökonomische Bedingungen) bleibt der Smartphone-Effekt, isoliert betrachtet, überschätzt. Mobilität und ständige Erreichbarkeit wirken in dieselbe Richtung: Wer ständig erreichbar ist, ist nirgendwo ganz präsent.

Wie reagiert die Gesellschaft auf eine kollektive Krise?

Mit individualisierten Antworten, wie sie die WHO aus naheliegenden Gründen liefert. Krankenkassen erstatten Therapiestunden, nicht Vereinsmitgliedschaften. Hausärzte können Antidepressiva verschreiben, nicht Vereinsamungsstrukturen ändern. Die Antwort des Systems auf eine kollektive Verletzung ist eine individuelle Behandlung der Verletzten, ein Modell, das die Last vom Strukturellen auf die einzelnen Menschen verschiebt. Auch viele Psychologen erleben sich in dieser Logik überlastet und teils machtlos: Sie sehen Tag für Tag die Folgen, ohne dass die Strukturen sich ändern.

Das ist nicht zynisch gemeint. Es ist ein realer Engpass. Auch die WHO-Empfehlungen 2025 bleiben in dieser Logik: bessere Beratung, mehr Aufklärung, Sensibilisierung von Hausärztinnen. Die strukturelle Dimension , Wohnpolitik, Arbeitszeitpolitik, gemeinschaftliche Infrastruktur , kommt vor, wird aber kaum operationalisiert. Eine politische Sprache, die das Gemeinwohl über den Profit stellt, fehlt fast vollständig.

In Deutschland gibt es seit 2023 eine „Strategie gegen Einsamkeit“ des Bundesfamilienministeriums. Sie ist hilflos, nicht einmal gut gemeint, aber sie nennt 111 Maßnahmen, die meisten davon Aufklärungs- und Vernetzungsprojekte. Die ökonomische Einsamkeitsmaschine wird nicht angetastet. Die Alternativlosigkeit des wirtschaftlichen Rahmens wird nicht infrage gestellt.

Was kann man individuell trotzdem tun?

Der Rat zu „mehr sozialen Kontakten“ ist oberflächlich und trifft zudem oft auf Menschen, deren Lebenslogik (Arbeitsbelastung, Mietkosten, Pflegeverpflichtungen) gar keine Kontakte mehr zulässt. Realistischer sind Schutz der bestehenden Bindungen, Rückbau überlastender Verpflichtungen, eine verlässliche wöchentliche Routine mit Menschen. Psychologisch zentral ist die Wiederherstellung eines minimalen Resonanzraums.

Investieren in die langfristigen Bindungen. Der Buchclub, der jeden Monat stattfindet. Der Spaziergang mit der gleichen Nachbarin am Sonntag. Die Anrufroutine mit der Schwester. Diese Bindungen sind vielleicht nicht aufregend, aber wichtig. Sie sind das Gegenteil der Hochglanz-Vernetzung  und das, was die WHO eigentlich meint, wenn sie social connection sagt. Soziale Bindung ist kein Luxus. Sie ist ein menschliches Grundbedürfnis. Das menschliche Bedürfnis nach verlässlicher Nähe gehört zu den wenigen Konstanten, die sich nicht durch Produktivität oder Konsum kompensieren lassen.

Politisch: Engagement in Strukturen, die Beziehung ermöglichen. Mietergemeinschaften, Gewerkschaften, Quartiersräte, Vereine. Diese Strukturen waren historisch genau die Räume, in denen Beziehung neben dem Inhalt entstand. Sie wieder zu stärken ist die kollektive Antwort auf eine kollektive Krise , und sie verlangt politische Teilhabe, nicht nur individuelle Selbstfürsorge. Wer Einsamkeit ernst nimmt, muss am Wirtschaftssystem mitansetzen, nicht nur am Einzelnen.

Zusammenfassung

·         WHO Juni 2025: Einsamkeit als „globale Gesundheitskrise“. 871.000 Tote pro Jahr, einer von sechs Menschen chronisch einsam, in einigen Befragungen 40 Prozent mit Einsamkeitserfahrung im letzten Monat.

·         Strukturelle Ursachen: Die Beschleunigung der letzten 40 Jahre ist nicht individuell, sondern ökonomisch-sozial erklärbar , Erosion der intermediären Institutionen.

·         Marx' Entfremdungs-Theorie: empirisch unterfüttert , Beziehungen werden zunehmend nach Nutzwert bewertet; Profit dominiert das Gemeinwohl.

·         Neoliberalismus: drei Säulen produzieren Vereinzelung , Privatisierung, Deregulierung der Arbeitswelt, Verantwortungs-Individualisierung. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und befristete Arbeitsverträge verschärfen das Problem.

·         Noreena Hertz, The Lonely Century: verknüpft Einsamkeit und Isolation systematisch mit neoliberalem Kapitalismus und warnt vor politischen Folgen (Anfälligkeit für nationalistische Bewegungen).

·         Drei Alltagstypen: funktional einsame, abgehängte einsame, beziehungs-einsame Menschen.

·         Weak ties ersetzen keine starken Bindungen (Granovetter 1973); Netzwerke ohne echte Bindung tragen nicht.

·         Smartphone-Effekt: Beschleuniger, nicht Ursache. Phubbing, Vergleichsverzerrung, Pseudokontakt.

·         Systemische Antwort: individualisiert, nicht strukturell. WHO-Empfehlungen bleiben unterhalb der wirtschaftspolitischen Ebene.

·         Individuell: Schutz bestehender Bindungen, verlässliche Routinen, soziale Bindung als Grundbedürfnis ernst nehmen, politisch in Strukturen engagieren, die Bindung ermöglichen.


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