Einsamkeit, Alleinsein, und Depression: Nicht nur ein Thema der Depressionshilfe

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Einsamkeit, Alleinsein, und Depression

Veröffentlicht am:

03.02.2026

ein boot an einem stand
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Einsamkeit, Alleinsein und Depression verstehen. Was gegen Einsamkeit tun: Tipps gegen Einsamkeit und Informationen über Kontakt zu anderen Menschen, soziale Beziehungen und wie sich einsame Menschen fühlen.

Einsamkeit oder Alleinsein? Warum Depression nicht die ganze Geschichte erzählt

Über Einsamkeit wird viel geschrieben, meist über ältere Menschen und Depression. Doch diese Verengung verschleiert, was Einsamkeit wirklich ist: ein komplexes psychologisches Phänomen, das Menschen jeden Alters betrifft und nichts mit der Anzahl sozialer Kontakte zu tun haben muss.

Worum es geht:

·         Einsamkeit jenseits der üblichen Klischees,

·         warum manche Menschen mit wenigen Sozialkontakten glücklich sind, und,

·         was die Wissenschaft über chronische Einsamkeit sagt.

Was ist Einsamkeit eigentlich, und was nicht?

Einsamkeit ist keine psychiatrische Erkrankung, sondern ein subjektives Gefühl der Einsamkeit. Der amerikanische Einsamkeitsforscher und Psychologe John Cacioppo definiert Einsamkeit als die Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen. Das ist entscheidend: Nicht die objektive Anzahl von Kontakten bestimmt Einsamkeit, sondern die erlebte Qualität dieser Verbindungen.

Jemand kann täglich mit Dutzenden Menschen interagieren und sich dennoch einsam fühlen, weil diese Kontakte oberflächlich bleiben. Umgekehrt können Menschen mit begrenzten sozialen Kontakten sich verbunden und zufrieden fühlen. Das Empfinden von Einsamkeit ist also hochgradig individuell und kulturell geformt.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Einsamkeit ist ein evolutionär sinnvolles Signal, ähnlich wie Hunger oder Durst. Es signalisiert, dass ein grundlegendes soziales Bedürfnis unerfüllt bleibt. Problematisch wird es erst, wenn das Gefühl chronisch wird und Menschen daran hindert, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen.

Wie unterscheidet man Einsamkeit von bewusstem Alleinsein?

Hier liegt der Kern vieler Missverständnisse: Alleinsein (englisch: solitude) und Einsamkeit (loneliness) sind fundamental verschieden. Alleinsein ist ein objektiver Zustand, man ist physisch allein. Einsamkeit ist ein subjektives Leiden am Mangel an sozialen Beziehungen.

Manche Menschen brauchen viel Alleinsein, um sich zu regenerieren. Introversion beispielsweise beschreibt keine Pathologie, sondern eine Persönlichkeitsdimension. Introvertierte Menschen fühlen sich durch soziale Interaktion schneller erschöpft und benötigen Rückzug zur Erholung. Das hat nichts mit Einsamkeit zu tun.

Der Unterschied zeigt sich in der Qualität des Erlebens: Gesundes Alleinsein lädt auf, schafft Klarheit, fördert Kreativität. Einsamkeit hingegen fühlt sich leer an, erzeugt Grübeln und verstärkt sich oft selbst. Einsame Menschen fühlen sich auch in Gesellschaft isoliert, ein Paradox, das den qualitativen Charakter von Einsamkeit unterstreicht.

Warum fühlen sich manche Menschen chronisch einsam?

Chronische Einsamkeit entsteht, wenn das Gefühl der Einsamkeit zum Dauerzustand wird. Cacioppo und Hawkley haben in ihren Forschungen gezeigt, dass Einsamkeit chronisch werden kann, wenn sie eine selbstverstärkende Dynamik entwickelt. Einsame Menschen interpretieren soziale Signale negativer, ziehen sich zurück, was wiederum zu weniger positiven sozialen Erfahrungen führt.

Diese Spirale hat neurobiologische Grundlagen: Chronische Einsamkeit aktiviert Stresssysteme dauerhaft, verändert die Wahrnehmung sozialer Situationen und erhöht die Wachsamkeit gegenüber sozialen Bedrohungen. Das macht es schwerer, Kontakte zu knüpfen, obwohl genau das helfen würde.

Verschiedene Lebensumstände können Einsamkeit begünstigen: Umzüge, Trennungen, Jobwechsel, die Pandemie (Corona hat Einsamkeit weltweit verstärkt). Doch nicht jeder, der solche Übergänge erlebt, entwickelt chronische Einsamkeit. Entscheidend sind Bewältigungsstrategien und die Fähigkeit, trotz Unsicherheit Kontakt zu anderen Menschen zu suchen.

Ist soziale Isolation dasselbe wie Einsamkeit?

Nein, ein weiterer häufiger Irrtum. Soziale Isolation beschreibt den objektiven Zustand geringer sozialer Einbindung. Man ist sozial isoliert, wenn man wenig Kontakt hat. Man ist einsam, wenn man sich unverbunden fühlt. Beides kann zusammen auftreten, muss es aber nicht.

Es gibt einsame Menschen in der Mitte von Großfamilien und sozial isoliert lebende Menschen, die sich nicht einsam fühlen. Studien von Luhmann, Hawkley und anderen zeigen: Die subjektive Bewertung der sozialen Beziehungen ist wichtiger für die Gesundheit als die reine Anzahl.

Soziale Isolation kann ein Risikofaktor für Einsamkeit sein, besonders wenn sie nicht gewählt ist. Doch gewählter sozialer Rückzug, etwa bei Künstlern, Forschern oder spirituell Praktizierenden, führt nicht zwingend zu Einsamkeitsgefühlen. Der Unterschied liegt in der Autonomie: Wurde der Zustand selbst gewählt oder entstand er durch äußere Umstände?

Was macht Einsamkeit mit Körper und Psyche?

Das Thema Einsamkeit wird oft mit Depression verknüpft, doch die Verbindung ist komplexer als meist dargestellt. Depression und Einsamkeit können sich gegenseitig verstärken, sind aber nicht identisch. Nicht jeder einsame Mensch ist depressiv, und nicht jede Depression entsteht aus Einsamkeit.

Chronische Einsamkeit wirkt sich negativ auf die körperliche Gesundheit aus. Sie erhöht Entzündungsmarker, beeinträchtigt das Immunsystem und gilt als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Studien zeigen, dass chronische Einsamkeit das Mortalitätsrisiko ähnlich stark erhöht wie Rauchen oder Übergewicht.

Psychologisch führt anhaltende Einsamkeit oft zu negativen Denkmustern, erhöhter Wachsamkeit für soziale Zurückweisung und selbsterfüllenden Prophezeiungen im Sozialleben. Einsame Menschen suchen gleichzeitig nach Verbindung und fürchten sie, ein innerer Konflikt, der professionelle Hilfe erforderlich machen kann.

Warum ist Einsamkeit im Alter anders, aber nicht unvermeidlich?

Einsamkeit im Alter wird oft als unvermeidlich dargestellt. Das ist ein Mythos. Während ältere Menschen bestimmten Risikofaktoren ausgesetzt sind (Verlust von Partnern, abnehmende Mobilität, Renteneintritt), ist Einsamkeit keine automatische Folge des Alterns.

Forschungen von Mor, Palgi und Segel-Karpas zeigen: Die Lebenszufriedenheit hängt nicht linear mit dem Alter zusammen. Viele ältere Menschen berichten von tieferen, bedeutungsvolleren Beziehungen als in jüngeren Jahren. Der Fokus verschiebt sich von Quantität auf Qualität, ein natürlicher Entwicklungsprozess.

Problematisch wird es, wenn strukturelle Faktoren hinzukommen: begrenzte Mobilität, fehlende digitale Kompetenz, gesellschaftliche Marginalisierung. Hier sind systemische Lösungen nötig, nicht nur individuelle Strategien. Organisationen wie die Malteser bieten niedrigschwellige Unterstützung, doch das eigentliche Problem ist oft gesellschaftliche Isolation, nicht individuelles Versagen.

Was kann man konkret gegen Einsamkeit tun?

Die häufigste Empfehlung lautet: „Geh raus, triff Leute!“ Doch für Menschen, die unter Einsamkeit leiden, ist genau das oft die größte Hürde. Die Angst vor Zurückweisung, negative Selbstwahrnehmung und soziale Erschöpfung machen es schwer, sich zu überwinden.

Tipps gegen Einsamkeit sollten realistisch sein: Beginnen Sie klein. Regelmäßiger Kontakt ist wichtiger als große Gesten. Ein wöchentlicher Spaziergang mit einer Person kann mehr bewirken als monatliche Großveranstaltungen. Strukturierte Aktivitäten (Kurse, Vereine, ehrenamtliche Tätigkeit) erleichtern den Einstieg, weil sie einen natürlichen Rahmen bieten.

Wichtig ist auch: Einsamkeit anzukämpfen bedeutet nicht zwingend, mehr Menschen zu treffen. Manchmal geht es darum, bestehende Beziehungen zu vertiefen. Qualität schlägt Quantität. Ein Gespräch Mensch zu Mensch, in dem man sich wirklich gesehen fühlt, kann Berge versetzen.

Wann sollte man professionelle Hilfe suchen?

Wenn Einsamkeit chronisch wird, wenn sie die Lebensqualität massiv einschränkt oder mit anderen psychischen Belastungen einhergeht, ist professionelle Hilfe sinnvoll. Ein Psychologe oder Psychotherapeut kann helfen, die Muster zu erkennen, die Einsamkeit aufrechterhalten.

Verhaltenstherapie hat sich als wirksam erwiesen, besonders kognitive Ansätze, die dysfunktionale Überzeugungen über soziale Situationen bearbeiten. Manchmal geht es nicht darum, mehr Kontakte zu haben, sondern anders über sie zu denken. Die automatischen Annahmen („Ich bin uninteressant“, „Niemand will mich“) sind oft verzerrt.

Auch Depressionshilfe kann relevant sein, wenn sich Einsamkeit und depressive Symptome überlagern. Doch Vorsicht: Nicht jede Einsamkeit ist pathologisch. Manchmal signalisiert sie legitime unerfüllte Bedürfnisse, die nicht mit Medikation, sondern mit Lebensveränderungen beantwortet werden sollten. Wenden Sie sich an eine Ärztin oder einen Arzt, wenn körperliche Erkrankungen hinzukommen.

Gibt es verschiedene Arten von Einsamkeit?

Ja. Die Einsamkeitsforschung unterscheidet verschiedene Formen: emotionale Einsamkeit (Fehlen enger, intimer Bindungen), soziale Einsamkeit (Fehlen eines sozialen Netzwerks) und kollektive Einsamkeit (Fehlen einer Gemeinschaft, zu der man gehört).

Diese Differenzierung ist praktisch wichtig: Wer emotionale Einsamkeit erlebt, braucht nicht mehr Bekanntschaften, sondern tiefere Verbindungen. Wer soziale Einsamkeit spürt, profitiert von Gruppenaktivitäten. Wer kollektive Einsamkeit empfindet, sucht möglicherweise nach ideologischer oder spiritueller Gemeinschaft.

Das erklärt auch, warum Menschen betroffen sind, die „eigentlich alles haben“. Sie mögen sozial gut vernetzt sein, aber die Qualität der Verbindungen entspricht nicht ihren Bedürfnissen. Das Gefühl, niemanden wirklich zu haben, der einen versteht, kann trotz voller Terminkalender entstehen, und ist damit ebenso real wie die Einsamkeit sozial isolierter Personen.

Welche gesellschaftlichen Faktoren verstärken Einsamkeit?

Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles Problem. Moderne Lebensformen, hohe Mobilität, Individualisierung digitale Kommunikation, verändern die Struktur sozialer Beziehungen. Menschen ziehen für Jobs um, Familien leben verstreut, Nachbarschaften verlieren an Bedeutung.

Die Pandemie hat gezeigt, wie fragil soziale Strukturen sind. Plötzlich waren Menschen gezwungen, sich zurückziehen zu müssen, und viele merkten, wie dünn ihr soziales Netz tatsächlich war. Doch dass Einsamkeit zugenommen hat, liegt nicht nur an Corona, sondern an langfristigen Trends der Atomisierung.

Gleichzeitig gibt es Gegenbewegungen: Community-Projekte, Co-Living-Spaces, neue Formen ehrenamtlichen Engagements. Einsamkeit gibt es schon immer, doch die Formen ändern sich. Moderne Einsamkeit ist oft paradox: digital hypervernetzt und zugleich tief isoliert. Die Herausforderung ist, authentische Verbindungen in einer Welt zu schaffen, die auf Performance und Selbstoptimierung ausgerichtet ist.

Was können wir von der Einsamkeitsforschung lernen?

Die Forschung zu Einsamkeit hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Wir verstehen heute besser, dass Einsamkeit ein multidimensionales Phänomen ist: biologisch, psychologisch, sozial. Sie ist weder rein subjektiv noch rein objektiv, sondern entsteht im Zusammenspiel beider Ebenen.

Wichtig ist die Erkenntnis: Einsamkeit ist behandelbar. Sie ist kein unveränderliches Schicksal, sondern ein veränderbarer Zustand. Doch die Lösungen sind individuell verschieden. Was dem einen hilft (mehr soziale Aktivitäten), kann den anderen überfordern. Neues zu lernen, sich ehrenamtlich zu engagieren, alte Hobbys wiederzuentdecken – all das kann helfen, aber nur, wenn es zur Person passt.

Die Forschung zeigt auch: Über Einsamkeit zu sprechen hilft. Sie zu enttabuisieren, als normale menschliche Erfahrung anzuerkennen, nimmt ihr die Scham. Jemanden zum Reden zu haben, ohne sich rechtfertigen zu müssen, ist oft der erste Schritt aus der Isolation. Mehr Informationen und Unterstützung zu finden, ist heute einfacher als je zuvor, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Das Wichtigste zusammengefasst

Einsamkeit ist nicht gleich Alleinsein: Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, Alleinsein ein objektiver Zustand. Beides kann unabhängig voneinander existieren.

Qualität schlägt Quantität: Nicht die Anzahl sozialer Kontakte bestimmt Einsamkeit, sondern deren Qualität und wie gut sie den eigenen Bedürfnissen entsprechen.

Chronische Einsamkeit ist ein Risikofaktor: Sie erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden, beeinträchtigt das Immunsystem und kann psychisches Leiden verstärken, ist aber keine Erkrankung an sich.

Einsamkeit hat viele Gesichter: Emotionale, soziale und kollektive Einsamkeit erfordern unterschiedliche Lösungsansätze.

Professionelle Hilfe ist keine Schwäche: Wenn Einsamkeit schmerzhaft wird, kann Unterstützung durch einen Psychotherapeuten helfen.

Gesellschaftliche Strukturen spielen eine Rolle: Einsamkeit ist nicht nur individuell verschuldet, sondern auch durch moderne Lebensformen und fehlende Gemeinschaftsstrukturen bedingt.

Einsamkeit ist veränderbar: Mit den richtigen Strategien, von ehrenamtlicher Tätigkeit über tiefere Verbindungen bis zur therapeutischen Unterstützung, lässt sich Einsamkeit überwinden.

Hilfe zu suchen ist der erste Schritt: Ob durch Organisationen wie die Malteser, durch Gespräche mit Vertrauten oder durch professionelle Unterstützung – niemand muss Einsamkeit allein durchstehen.


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Über Einsamkeit wird viel geschrieben, meist über ältere Menschen und Depression. Doch diese Verengung verschleiert, was Einsamkeit wirklich ist: ein komplexes psychologisches Phänomen, das Menschen jeden Alters betrifft und nichts mit der Anzahl sozialer Kontakte zu tun haben muss.

Worum es geht:

·         Einsamkeit jenseits der üblichen Klischees,

·         warum manche Menschen mit wenigen Sozialkontakten glücklich sind, und,

·         was die Wissenschaft über chronische Einsamkeit sagt.

Was ist Einsamkeit eigentlich, und was nicht?

Einsamkeit ist keine psychiatrische Erkrankung, sondern ein subjektives Gefühl der Einsamkeit. Der amerikanische Einsamkeitsforscher und Psychologe John Cacioppo definiert Einsamkeit als die Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen. Das ist entscheidend: Nicht die objektive Anzahl von Kontakten bestimmt Einsamkeit, sondern die erlebte Qualität dieser Verbindungen.

Jemand kann täglich mit Dutzenden Menschen interagieren und sich dennoch einsam fühlen, weil diese Kontakte oberflächlich bleiben. Umgekehrt können Menschen mit begrenzten sozialen Kontakten sich verbunden und zufrieden fühlen. Das Empfinden von Einsamkeit ist also hochgradig individuell und kulturell geformt.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Einsamkeit ist ein evolutionär sinnvolles Signal, ähnlich wie Hunger oder Durst. Es signalisiert, dass ein grundlegendes soziales Bedürfnis unerfüllt bleibt. Problematisch wird es erst, wenn das Gefühl chronisch wird und Menschen daran hindert, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen.

Wie unterscheidet man Einsamkeit von bewusstem Alleinsein?

Hier liegt der Kern vieler Missverständnisse: Alleinsein (englisch: solitude) und Einsamkeit (loneliness) sind fundamental verschieden. Alleinsein ist ein objektiver Zustand, man ist physisch allein. Einsamkeit ist ein subjektives Leiden am Mangel an sozialen Beziehungen.

Manche Menschen brauchen viel Alleinsein, um sich zu regenerieren. Introversion beispielsweise beschreibt keine Pathologie, sondern eine Persönlichkeitsdimension. Introvertierte Menschen fühlen sich durch soziale Interaktion schneller erschöpft und benötigen Rückzug zur Erholung. Das hat nichts mit Einsamkeit zu tun.

Der Unterschied zeigt sich in der Qualität des Erlebens: Gesundes Alleinsein lädt auf, schafft Klarheit, fördert Kreativität. Einsamkeit hingegen fühlt sich leer an, erzeugt Grübeln und verstärkt sich oft selbst. Einsame Menschen fühlen sich auch in Gesellschaft isoliert, ein Paradox, das den qualitativen Charakter von Einsamkeit unterstreicht.

Warum fühlen sich manche Menschen chronisch einsam?

Chronische Einsamkeit entsteht, wenn das Gefühl der Einsamkeit zum Dauerzustand wird. Cacioppo und Hawkley haben in ihren Forschungen gezeigt, dass Einsamkeit chronisch werden kann, wenn sie eine selbstverstärkende Dynamik entwickelt. Einsame Menschen interpretieren soziale Signale negativer, ziehen sich zurück, was wiederum zu weniger positiven sozialen Erfahrungen führt.

Diese Spirale hat neurobiologische Grundlagen: Chronische Einsamkeit aktiviert Stresssysteme dauerhaft, verändert die Wahrnehmung sozialer Situationen und erhöht die Wachsamkeit gegenüber sozialen Bedrohungen. Das macht es schwerer, Kontakte zu knüpfen, obwohl genau das helfen würde.

Verschiedene Lebensumstände können Einsamkeit begünstigen: Umzüge, Trennungen, Jobwechsel, die Pandemie (Corona hat Einsamkeit weltweit verstärkt). Doch nicht jeder, der solche Übergänge erlebt, entwickelt chronische Einsamkeit. Entscheidend sind Bewältigungsstrategien und die Fähigkeit, trotz Unsicherheit Kontakt zu anderen Menschen zu suchen.

Ist soziale Isolation dasselbe wie Einsamkeit?

Nein, ein weiterer häufiger Irrtum. Soziale Isolation beschreibt den objektiven Zustand geringer sozialer Einbindung. Man ist sozial isoliert, wenn man wenig Kontakt hat. Man ist einsam, wenn man sich unverbunden fühlt. Beides kann zusammen auftreten, muss es aber nicht.

Es gibt einsame Menschen in der Mitte von Großfamilien und sozial isoliert lebende Menschen, die sich nicht einsam fühlen. Studien von Luhmann, Hawkley und anderen zeigen: Die subjektive Bewertung der sozialen Beziehungen ist wichtiger für die Gesundheit als die reine Anzahl.

Soziale Isolation kann ein Risikofaktor für Einsamkeit sein, besonders wenn sie nicht gewählt ist. Doch gewählter sozialer Rückzug, etwa bei Künstlern, Forschern oder spirituell Praktizierenden, führt nicht zwingend zu Einsamkeitsgefühlen. Der Unterschied liegt in der Autonomie: Wurde der Zustand selbst gewählt oder entstand er durch äußere Umstände?

Was macht Einsamkeit mit Körper und Psyche?

Das Thema Einsamkeit wird oft mit Depression verknüpft, doch die Verbindung ist komplexer als meist dargestellt. Depression und Einsamkeit können sich gegenseitig verstärken, sind aber nicht identisch. Nicht jeder einsame Mensch ist depressiv, und nicht jede Depression entsteht aus Einsamkeit.

Chronische Einsamkeit wirkt sich negativ auf die körperliche Gesundheit aus. Sie erhöht Entzündungsmarker, beeinträchtigt das Immunsystem und gilt als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Studien zeigen, dass chronische Einsamkeit das Mortalitätsrisiko ähnlich stark erhöht wie Rauchen oder Übergewicht.

Psychologisch führt anhaltende Einsamkeit oft zu negativen Denkmustern, erhöhter Wachsamkeit für soziale Zurückweisung und selbsterfüllenden Prophezeiungen im Sozialleben. Einsame Menschen suchen gleichzeitig nach Verbindung und fürchten sie, ein innerer Konflikt, der professionelle Hilfe erforderlich machen kann.

Warum ist Einsamkeit im Alter anders, aber nicht unvermeidlich?

Einsamkeit im Alter wird oft als unvermeidlich dargestellt. Das ist ein Mythos. Während ältere Menschen bestimmten Risikofaktoren ausgesetzt sind (Verlust von Partnern, abnehmende Mobilität, Renteneintritt), ist Einsamkeit keine automatische Folge des Alterns.

Forschungen von Mor, Palgi und Segel-Karpas zeigen: Die Lebenszufriedenheit hängt nicht linear mit dem Alter zusammen. Viele ältere Menschen berichten von tieferen, bedeutungsvolleren Beziehungen als in jüngeren Jahren. Der Fokus verschiebt sich von Quantität auf Qualität, ein natürlicher Entwicklungsprozess.

Problematisch wird es, wenn strukturelle Faktoren hinzukommen: begrenzte Mobilität, fehlende digitale Kompetenz, gesellschaftliche Marginalisierung. Hier sind systemische Lösungen nötig, nicht nur individuelle Strategien. Organisationen wie die Malteser bieten niedrigschwellige Unterstützung, doch das eigentliche Problem ist oft gesellschaftliche Isolation, nicht individuelles Versagen.

Was kann man konkret gegen Einsamkeit tun?

Die häufigste Empfehlung lautet: „Geh raus, triff Leute!“ Doch für Menschen, die unter Einsamkeit leiden, ist genau das oft die größte Hürde. Die Angst vor Zurückweisung, negative Selbstwahrnehmung und soziale Erschöpfung machen es schwer, sich zu überwinden.

Tipps gegen Einsamkeit sollten realistisch sein: Beginnen Sie klein. Regelmäßiger Kontakt ist wichtiger als große Gesten. Ein wöchentlicher Spaziergang mit einer Person kann mehr bewirken als monatliche Großveranstaltungen. Strukturierte Aktivitäten (Kurse, Vereine, ehrenamtliche Tätigkeit) erleichtern den Einstieg, weil sie einen natürlichen Rahmen bieten.

Wichtig ist auch: Einsamkeit anzukämpfen bedeutet nicht zwingend, mehr Menschen zu treffen. Manchmal geht es darum, bestehende Beziehungen zu vertiefen. Qualität schlägt Quantität. Ein Gespräch Mensch zu Mensch, in dem man sich wirklich gesehen fühlt, kann Berge versetzen.

Wann sollte man professionelle Hilfe suchen?

Wenn Einsamkeit chronisch wird, wenn sie die Lebensqualität massiv einschränkt oder mit anderen psychischen Belastungen einhergeht, ist professionelle Hilfe sinnvoll. Ein Psychologe oder Psychotherapeut kann helfen, die Muster zu erkennen, die Einsamkeit aufrechterhalten.

Verhaltenstherapie hat sich als wirksam erwiesen, besonders kognitive Ansätze, die dysfunktionale Überzeugungen über soziale Situationen bearbeiten. Manchmal geht es nicht darum, mehr Kontakte zu haben, sondern anders über sie zu denken. Die automatischen Annahmen („Ich bin uninteressant“, „Niemand will mich“) sind oft verzerrt.

Auch Depressionshilfe kann relevant sein, wenn sich Einsamkeit und depressive Symptome überlagern. Doch Vorsicht: Nicht jede Einsamkeit ist pathologisch. Manchmal signalisiert sie legitime unerfüllte Bedürfnisse, die nicht mit Medikation, sondern mit Lebensveränderungen beantwortet werden sollten. Wenden Sie sich an eine Ärztin oder einen Arzt, wenn körperliche Erkrankungen hinzukommen.

Gibt es verschiedene Arten von Einsamkeit?

Ja. Die Einsamkeitsforschung unterscheidet verschiedene Formen: emotionale Einsamkeit (Fehlen enger, intimer Bindungen), soziale Einsamkeit (Fehlen eines sozialen Netzwerks) und kollektive Einsamkeit (Fehlen einer Gemeinschaft, zu der man gehört).

Diese Differenzierung ist praktisch wichtig: Wer emotionale Einsamkeit erlebt, braucht nicht mehr Bekanntschaften, sondern tiefere Verbindungen. Wer soziale Einsamkeit spürt, profitiert von Gruppenaktivitäten. Wer kollektive Einsamkeit empfindet, sucht möglicherweise nach ideologischer oder spiritueller Gemeinschaft.

Das erklärt auch, warum Menschen betroffen sind, die „eigentlich alles haben“. Sie mögen sozial gut vernetzt sein, aber die Qualität der Verbindungen entspricht nicht ihren Bedürfnissen. Das Gefühl, niemanden wirklich zu haben, der einen versteht, kann trotz voller Terminkalender entstehen, und ist damit ebenso real wie die Einsamkeit sozial isolierter Personen.

Welche gesellschaftlichen Faktoren verstärken Einsamkeit?

Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles Problem. Moderne Lebensformen, hohe Mobilität, Individualisierung digitale Kommunikation, verändern die Struktur sozialer Beziehungen. Menschen ziehen für Jobs um, Familien leben verstreut, Nachbarschaften verlieren an Bedeutung.

Die Pandemie hat gezeigt, wie fragil soziale Strukturen sind. Plötzlich waren Menschen gezwungen, sich zurückziehen zu müssen, und viele merkten, wie dünn ihr soziales Netz tatsächlich war. Doch dass Einsamkeit zugenommen hat, liegt nicht nur an Corona, sondern an langfristigen Trends der Atomisierung.

Gleichzeitig gibt es Gegenbewegungen: Community-Projekte, Co-Living-Spaces, neue Formen ehrenamtlichen Engagements. Einsamkeit gibt es schon immer, doch die Formen ändern sich. Moderne Einsamkeit ist oft paradox: digital hypervernetzt und zugleich tief isoliert. Die Herausforderung ist, authentische Verbindungen in einer Welt zu schaffen, die auf Performance und Selbstoptimierung ausgerichtet ist.

Was können wir von der Einsamkeitsforschung lernen?

Die Forschung zu Einsamkeit hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Wir verstehen heute besser, dass Einsamkeit ein multidimensionales Phänomen ist: biologisch, psychologisch, sozial. Sie ist weder rein subjektiv noch rein objektiv, sondern entsteht im Zusammenspiel beider Ebenen.

Wichtig ist die Erkenntnis: Einsamkeit ist behandelbar. Sie ist kein unveränderliches Schicksal, sondern ein veränderbarer Zustand. Doch die Lösungen sind individuell verschieden. Was dem einen hilft (mehr soziale Aktivitäten), kann den anderen überfordern. Neues zu lernen, sich ehrenamtlich zu engagieren, alte Hobbys wiederzuentdecken – all das kann helfen, aber nur, wenn es zur Person passt.

Die Forschung zeigt auch: Über Einsamkeit zu sprechen hilft. Sie zu enttabuisieren, als normale menschliche Erfahrung anzuerkennen, nimmt ihr die Scham. Jemanden zum Reden zu haben, ohne sich rechtfertigen zu müssen, ist oft der erste Schritt aus der Isolation. Mehr Informationen und Unterstützung zu finden, ist heute einfacher als je zuvor, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Das Wichtigste zusammengefasst

Einsamkeit ist nicht gleich Alleinsein: Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, Alleinsein ein objektiver Zustand. Beides kann unabhängig voneinander existieren.

Qualität schlägt Quantität: Nicht die Anzahl sozialer Kontakte bestimmt Einsamkeit, sondern deren Qualität und wie gut sie den eigenen Bedürfnissen entsprechen.

Chronische Einsamkeit ist ein Risikofaktor: Sie erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden, beeinträchtigt das Immunsystem und kann psychisches Leiden verstärken, ist aber keine Erkrankung an sich.

Einsamkeit hat viele Gesichter: Emotionale, soziale und kollektive Einsamkeit erfordern unterschiedliche Lösungsansätze.

Professionelle Hilfe ist keine Schwäche: Wenn Einsamkeit schmerzhaft wird, kann Unterstützung durch einen Psychotherapeuten helfen.

Gesellschaftliche Strukturen spielen eine Rolle: Einsamkeit ist nicht nur individuell verschuldet, sondern auch durch moderne Lebensformen und fehlende Gemeinschaftsstrukturen bedingt.

Einsamkeit ist veränderbar: Mit den richtigen Strategien, von ehrenamtlicher Tätigkeit über tiefere Verbindungen bis zur therapeutischen Unterstützung, lässt sich Einsamkeit überwinden.

Hilfe zu suchen ist der erste Schritt: Ob durch Organisationen wie die Malteser, durch Gespräche mit Vertrauten oder durch professionelle Unterstützung – niemand muss Einsamkeit allein durchstehen.


VERWANDTE ARTIKEL:

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Einsamkeit, Alleinsein und Depression verstehen. Was gegen Einsamkeit tun: Tipps gegen Einsamkeit und Informationen über Kontakt zu anderen Menschen, soziale Beziehungen und wie sich einsame Menschen fühlen.

Einsamkeit oder Alleinsein? Warum Depression nicht die ganze Geschichte erzählt

Über Einsamkeit wird viel geschrieben, meist über ältere Menschen und Depression. Doch diese Verengung verschleiert, was Einsamkeit wirklich ist: ein komplexes psychologisches Phänomen, das Menschen jeden Alters betrifft und nichts mit der Anzahl sozialer Kontakte zu tun haben muss.

Worum es geht:

·         Einsamkeit jenseits der üblichen Klischees,

·         warum manche Menschen mit wenigen Sozialkontakten glücklich sind, und,

·         was die Wissenschaft über chronische Einsamkeit sagt.

Was ist Einsamkeit eigentlich, und was nicht?

Einsamkeit ist keine psychiatrische Erkrankung, sondern ein subjektives Gefühl der Einsamkeit. Der amerikanische Einsamkeitsforscher und Psychologe John Cacioppo definiert Einsamkeit als die Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen. Das ist entscheidend: Nicht die objektive Anzahl von Kontakten bestimmt Einsamkeit, sondern die erlebte Qualität dieser Verbindungen.

Jemand kann täglich mit Dutzenden Menschen interagieren und sich dennoch einsam fühlen, weil diese Kontakte oberflächlich bleiben. Umgekehrt können Menschen mit begrenzten sozialen Kontakten sich verbunden und zufrieden fühlen. Das Empfinden von Einsamkeit ist also hochgradig individuell und kulturell geformt.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Einsamkeit ist ein evolutionär sinnvolles Signal, ähnlich wie Hunger oder Durst. Es signalisiert, dass ein grundlegendes soziales Bedürfnis unerfüllt bleibt. Problematisch wird es erst, wenn das Gefühl chronisch wird und Menschen daran hindert, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen.

Wie unterscheidet man Einsamkeit von bewusstem Alleinsein?

Hier liegt der Kern vieler Missverständnisse: Alleinsein (englisch: solitude) und Einsamkeit (loneliness) sind fundamental verschieden. Alleinsein ist ein objektiver Zustand, man ist physisch allein. Einsamkeit ist ein subjektives Leiden am Mangel an sozialen Beziehungen.

Manche Menschen brauchen viel Alleinsein, um sich zu regenerieren. Introversion beispielsweise beschreibt keine Pathologie, sondern eine Persönlichkeitsdimension. Introvertierte Menschen fühlen sich durch soziale Interaktion schneller erschöpft und benötigen Rückzug zur Erholung. Das hat nichts mit Einsamkeit zu tun.

Der Unterschied zeigt sich in der Qualität des Erlebens: Gesundes Alleinsein lädt auf, schafft Klarheit, fördert Kreativität. Einsamkeit hingegen fühlt sich leer an, erzeugt Grübeln und verstärkt sich oft selbst. Einsame Menschen fühlen sich auch in Gesellschaft isoliert, ein Paradox, das den qualitativen Charakter von Einsamkeit unterstreicht.

Warum fühlen sich manche Menschen chronisch einsam?

Chronische Einsamkeit entsteht, wenn das Gefühl der Einsamkeit zum Dauerzustand wird. Cacioppo und Hawkley haben in ihren Forschungen gezeigt, dass Einsamkeit chronisch werden kann, wenn sie eine selbstverstärkende Dynamik entwickelt. Einsame Menschen interpretieren soziale Signale negativer, ziehen sich zurück, was wiederum zu weniger positiven sozialen Erfahrungen führt.

Diese Spirale hat neurobiologische Grundlagen: Chronische Einsamkeit aktiviert Stresssysteme dauerhaft, verändert die Wahrnehmung sozialer Situationen und erhöht die Wachsamkeit gegenüber sozialen Bedrohungen. Das macht es schwerer, Kontakte zu knüpfen, obwohl genau das helfen würde.

Verschiedene Lebensumstände können Einsamkeit begünstigen: Umzüge, Trennungen, Jobwechsel, die Pandemie (Corona hat Einsamkeit weltweit verstärkt). Doch nicht jeder, der solche Übergänge erlebt, entwickelt chronische Einsamkeit. Entscheidend sind Bewältigungsstrategien und die Fähigkeit, trotz Unsicherheit Kontakt zu anderen Menschen zu suchen.

Ist soziale Isolation dasselbe wie Einsamkeit?

Nein, ein weiterer häufiger Irrtum. Soziale Isolation beschreibt den objektiven Zustand geringer sozialer Einbindung. Man ist sozial isoliert, wenn man wenig Kontakt hat. Man ist einsam, wenn man sich unverbunden fühlt. Beides kann zusammen auftreten, muss es aber nicht.

Es gibt einsame Menschen in der Mitte von Großfamilien und sozial isoliert lebende Menschen, die sich nicht einsam fühlen. Studien von Luhmann, Hawkley und anderen zeigen: Die subjektive Bewertung der sozialen Beziehungen ist wichtiger für die Gesundheit als die reine Anzahl.

Soziale Isolation kann ein Risikofaktor für Einsamkeit sein, besonders wenn sie nicht gewählt ist. Doch gewählter sozialer Rückzug, etwa bei Künstlern, Forschern oder spirituell Praktizierenden, führt nicht zwingend zu Einsamkeitsgefühlen. Der Unterschied liegt in der Autonomie: Wurde der Zustand selbst gewählt oder entstand er durch äußere Umstände?

Was macht Einsamkeit mit Körper und Psyche?

Das Thema Einsamkeit wird oft mit Depression verknüpft, doch die Verbindung ist komplexer als meist dargestellt. Depression und Einsamkeit können sich gegenseitig verstärken, sind aber nicht identisch. Nicht jeder einsame Mensch ist depressiv, und nicht jede Depression entsteht aus Einsamkeit.

Chronische Einsamkeit wirkt sich negativ auf die körperliche Gesundheit aus. Sie erhöht Entzündungsmarker, beeinträchtigt das Immunsystem und gilt als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Studien zeigen, dass chronische Einsamkeit das Mortalitätsrisiko ähnlich stark erhöht wie Rauchen oder Übergewicht.

Psychologisch führt anhaltende Einsamkeit oft zu negativen Denkmustern, erhöhter Wachsamkeit für soziale Zurückweisung und selbsterfüllenden Prophezeiungen im Sozialleben. Einsame Menschen suchen gleichzeitig nach Verbindung und fürchten sie, ein innerer Konflikt, der professionelle Hilfe erforderlich machen kann.

Warum ist Einsamkeit im Alter anders, aber nicht unvermeidlich?

Einsamkeit im Alter wird oft als unvermeidlich dargestellt. Das ist ein Mythos. Während ältere Menschen bestimmten Risikofaktoren ausgesetzt sind (Verlust von Partnern, abnehmende Mobilität, Renteneintritt), ist Einsamkeit keine automatische Folge des Alterns.

Forschungen von Mor, Palgi und Segel-Karpas zeigen: Die Lebenszufriedenheit hängt nicht linear mit dem Alter zusammen. Viele ältere Menschen berichten von tieferen, bedeutungsvolleren Beziehungen als in jüngeren Jahren. Der Fokus verschiebt sich von Quantität auf Qualität, ein natürlicher Entwicklungsprozess.

Problematisch wird es, wenn strukturelle Faktoren hinzukommen: begrenzte Mobilität, fehlende digitale Kompetenz, gesellschaftliche Marginalisierung. Hier sind systemische Lösungen nötig, nicht nur individuelle Strategien. Organisationen wie die Malteser bieten niedrigschwellige Unterstützung, doch das eigentliche Problem ist oft gesellschaftliche Isolation, nicht individuelles Versagen.

Was kann man konkret gegen Einsamkeit tun?

Die häufigste Empfehlung lautet: „Geh raus, triff Leute!“ Doch für Menschen, die unter Einsamkeit leiden, ist genau das oft die größte Hürde. Die Angst vor Zurückweisung, negative Selbstwahrnehmung und soziale Erschöpfung machen es schwer, sich zu überwinden.

Tipps gegen Einsamkeit sollten realistisch sein: Beginnen Sie klein. Regelmäßiger Kontakt ist wichtiger als große Gesten. Ein wöchentlicher Spaziergang mit einer Person kann mehr bewirken als monatliche Großveranstaltungen. Strukturierte Aktivitäten (Kurse, Vereine, ehrenamtliche Tätigkeit) erleichtern den Einstieg, weil sie einen natürlichen Rahmen bieten.

Wichtig ist auch: Einsamkeit anzukämpfen bedeutet nicht zwingend, mehr Menschen zu treffen. Manchmal geht es darum, bestehende Beziehungen zu vertiefen. Qualität schlägt Quantität. Ein Gespräch Mensch zu Mensch, in dem man sich wirklich gesehen fühlt, kann Berge versetzen.

Wann sollte man professionelle Hilfe suchen?

Wenn Einsamkeit chronisch wird, wenn sie die Lebensqualität massiv einschränkt oder mit anderen psychischen Belastungen einhergeht, ist professionelle Hilfe sinnvoll. Ein Psychologe oder Psychotherapeut kann helfen, die Muster zu erkennen, die Einsamkeit aufrechterhalten.

Verhaltenstherapie hat sich als wirksam erwiesen, besonders kognitive Ansätze, die dysfunktionale Überzeugungen über soziale Situationen bearbeiten. Manchmal geht es nicht darum, mehr Kontakte zu haben, sondern anders über sie zu denken. Die automatischen Annahmen („Ich bin uninteressant“, „Niemand will mich“) sind oft verzerrt.

Auch Depressionshilfe kann relevant sein, wenn sich Einsamkeit und depressive Symptome überlagern. Doch Vorsicht: Nicht jede Einsamkeit ist pathologisch. Manchmal signalisiert sie legitime unerfüllte Bedürfnisse, die nicht mit Medikation, sondern mit Lebensveränderungen beantwortet werden sollten. Wenden Sie sich an eine Ärztin oder einen Arzt, wenn körperliche Erkrankungen hinzukommen.

Gibt es verschiedene Arten von Einsamkeit?

Ja. Die Einsamkeitsforschung unterscheidet verschiedene Formen: emotionale Einsamkeit (Fehlen enger, intimer Bindungen), soziale Einsamkeit (Fehlen eines sozialen Netzwerks) und kollektive Einsamkeit (Fehlen einer Gemeinschaft, zu der man gehört).

Diese Differenzierung ist praktisch wichtig: Wer emotionale Einsamkeit erlebt, braucht nicht mehr Bekanntschaften, sondern tiefere Verbindungen. Wer soziale Einsamkeit spürt, profitiert von Gruppenaktivitäten. Wer kollektive Einsamkeit empfindet, sucht möglicherweise nach ideologischer oder spiritueller Gemeinschaft.

Das erklärt auch, warum Menschen betroffen sind, die „eigentlich alles haben“. Sie mögen sozial gut vernetzt sein, aber die Qualität der Verbindungen entspricht nicht ihren Bedürfnissen. Das Gefühl, niemanden wirklich zu haben, der einen versteht, kann trotz voller Terminkalender entstehen, und ist damit ebenso real wie die Einsamkeit sozial isolierter Personen.

Welche gesellschaftlichen Faktoren verstärken Einsamkeit?

Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles Problem. Moderne Lebensformen, hohe Mobilität, Individualisierung digitale Kommunikation, verändern die Struktur sozialer Beziehungen. Menschen ziehen für Jobs um, Familien leben verstreut, Nachbarschaften verlieren an Bedeutung.

Die Pandemie hat gezeigt, wie fragil soziale Strukturen sind. Plötzlich waren Menschen gezwungen, sich zurückziehen zu müssen, und viele merkten, wie dünn ihr soziales Netz tatsächlich war. Doch dass Einsamkeit zugenommen hat, liegt nicht nur an Corona, sondern an langfristigen Trends der Atomisierung.

Gleichzeitig gibt es Gegenbewegungen: Community-Projekte, Co-Living-Spaces, neue Formen ehrenamtlichen Engagements. Einsamkeit gibt es schon immer, doch die Formen ändern sich. Moderne Einsamkeit ist oft paradox: digital hypervernetzt und zugleich tief isoliert. Die Herausforderung ist, authentische Verbindungen in einer Welt zu schaffen, die auf Performance und Selbstoptimierung ausgerichtet ist.

Was können wir von der Einsamkeitsforschung lernen?

Die Forschung zu Einsamkeit hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Wir verstehen heute besser, dass Einsamkeit ein multidimensionales Phänomen ist: biologisch, psychologisch, sozial. Sie ist weder rein subjektiv noch rein objektiv, sondern entsteht im Zusammenspiel beider Ebenen.

Wichtig ist die Erkenntnis: Einsamkeit ist behandelbar. Sie ist kein unveränderliches Schicksal, sondern ein veränderbarer Zustand. Doch die Lösungen sind individuell verschieden. Was dem einen hilft (mehr soziale Aktivitäten), kann den anderen überfordern. Neues zu lernen, sich ehrenamtlich zu engagieren, alte Hobbys wiederzuentdecken – all das kann helfen, aber nur, wenn es zur Person passt.

Die Forschung zeigt auch: Über Einsamkeit zu sprechen hilft. Sie zu enttabuisieren, als normale menschliche Erfahrung anzuerkennen, nimmt ihr die Scham. Jemanden zum Reden zu haben, ohne sich rechtfertigen zu müssen, ist oft der erste Schritt aus der Isolation. Mehr Informationen und Unterstützung zu finden, ist heute einfacher als je zuvor, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Das Wichtigste zusammengefasst

Einsamkeit ist nicht gleich Alleinsein: Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, Alleinsein ein objektiver Zustand. Beides kann unabhängig voneinander existieren.

Qualität schlägt Quantität: Nicht die Anzahl sozialer Kontakte bestimmt Einsamkeit, sondern deren Qualität und wie gut sie den eigenen Bedürfnissen entsprechen.

Chronische Einsamkeit ist ein Risikofaktor: Sie erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden, beeinträchtigt das Immunsystem und kann psychisches Leiden verstärken, ist aber keine Erkrankung an sich.

Einsamkeit hat viele Gesichter: Emotionale, soziale und kollektive Einsamkeit erfordern unterschiedliche Lösungsansätze.

Professionelle Hilfe ist keine Schwäche: Wenn Einsamkeit schmerzhaft wird, kann Unterstützung durch einen Psychotherapeuten helfen.

Gesellschaftliche Strukturen spielen eine Rolle: Einsamkeit ist nicht nur individuell verschuldet, sondern auch durch moderne Lebensformen und fehlende Gemeinschaftsstrukturen bedingt.

Einsamkeit ist veränderbar: Mit den richtigen Strategien, von ehrenamtlicher Tätigkeit über tiefere Verbindungen bis zur therapeutischen Unterstützung, lässt sich Einsamkeit überwinden.

Hilfe zu suchen ist der erste Schritt: Ob durch Organisationen wie die Malteser, durch Gespräche mit Vertrauten oder durch professionelle Unterstützung – niemand muss Einsamkeit allein durchstehen.


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