Franz von Assisi Krankheit: Stigmata, Lepra, Trachom und Psychose
Franz von Assisi Krankheit: Stigmata, Lepra, Trachom und Psychose
Franz von Assisi Krankheit
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DESCRIPTION: Zum 800. Todestag: Litt Franz von Assisi an Lepra und Trachom, und waren die Stigmata umgedeutete Krankheitszeichen? Eine Pathografie nach den Quellen von Thomas von Celano bis Thomas von Spalato.
Franz von Assisi: Lepra, Trachom und die Psychose eines Heiligen
Franz von Assisi kehrte 1220 schwer krank aus Ägypten zurück, gab die Leitung seines Ordens ab, verbarg Hände und Füße vor fast allen Brüdern und starb 1226 als erster Stigmatisierter der Kirchengeschichte. Die Kirche begeht seinen 800. Todestag mit einem Jubiläumsjahr, das bis zum 10. Januar 2027 dauert. Sein Gedenktag ist der 4. Oktober. Die Beschreibungen seiner Wundmale stammen ausschließlich aus dem Kreis, der seine Heiligsprechung betrieb. Liest man die Quellen mit dem Blick des Arztes, ergeben sich mehr medizinische Lesarten. Lepra kann Veränderungen an Augen, Händen, Füßen und Haut mit einer einzigen Erkrankung erklären. Trachom (auch ägyptische Körnerkrankheit genannt, eine hochansteckende, chronische Bindehautentzündung) bleibt die Alternative für das Augenleiden, und Jugend und Bekehrung lassen sich als bipolare Störung mit psychotischen Episoden lesen. Die Hagiografie hat jedes dieser Zeichen in Heiligkeit übersetzt.
Welche Krankheiten hatte Franz von Assisi?
Franziskus’ frühe Lebensbeschreibungen sind auffällig reich an Krankheit. Thomas von Celano schrieb die erste Vita 1228 und 1229 im Auftrag Gregors IX., der Franziskus persönlich gekannt und gefördert hatte. Er berichtet von einem langen Fieber nach Franziskus’ Gefangenschaft in Perugia, von einem Augenleiden, das ihn nach der Rückkehr aus dem Orient fast erblinden ließ, von einem langen Magen- und Leberleiden, bei dem er viel Blut erbrach, und in den letzten Monaten von einem aufgetriebenen Leib und geschwollenen Beinen und Füßen.
Die Behandlungen der Zeit lassen sich ebenfalls belegen. 1225 ließ Franziskus sich in Fonte Colombo bei Rieti auf Drängen seines Vikars Elias die Schläfen mit dem glühenden Eisen kauterisieren, die übliche Therapie chronischer Augenentzündungen. Am 3. Oktober 1226 starb er an der Portiunkula-Kapelle im Alter von etwa 45 Jahren. Am 16. Juli 1228 sprach ihn Gregor IX. heilig.
Diese Fülle an Angaben zu Krankheiten ist für eine Heiligenvita ungewöhnlich. Thomas brauchte sie, weil das Leiden zum Programm gehörte. Für eine Pathografie ist sie ein Glücksfall, denn wer Krankheit theologisch deuten will, muss sie zuerst beschreiben.
Welchen Angaben der Hagiografen man trauen kann
Alle frühen Viten stammen aus dem Orden oder aus seinem Umfeld. Wer sie medizinisch liest, braucht deshalb eine Regel, welche Angaben als Beobachtung gelten dürfen. Die Geschichtswissenschaft kennt dafür das Kriterium der Peinlichkeit: Was dem Interesse des Verfassers zuwiderläuft, hat er kaum erfunden. Der verschwenderische Jüngling, der Spott und die Steinwürfe der eigenen Stadt, das Einsperren durch den Vater und das schmutzige Gewand im Bericht eines Außenstehenden gehören in diese Gruppe. Sie dienen der Heiligkeit nicht, also stehen sie vermutlich wegen der Erinnerung im Text.
Umgekehrt verlieren Angaben an Gewicht, die genau dem Muster entsprechen, das die Theologie verlangt. Nagelförmige Male, eine Seitenwunde und ein Kruzifix, das spricht, erfüllen die Typologie des zweiten Christus. Hier hat der Hagiograf guten Grund, Einzelheiten zu gestalten. Diese Unterscheidung bestimmt im Folgenden, welche Angaben als Symptom gelesen werden und welche als Deutung.
Das Augenleiden aus Ägypten: Trachom oder Lepra?
Franziskus war 1219 und 1220 im Nildelta, beim Kreuzfahrerheer vor Damiette, und traf Sultan al-Kamil. Ägypten war das klassische Endemiegebiet des Trachoms, der chronischen Chlamydieninfektion des Auges, die Europa noch im 19. Jahrhundert als ägyptische Augenkrankheit kannte. Das Bild in den Quellen passt dazu: jahrelanger Verlauf, Schmerzen, Tränenfluss, ausgeprägte Lichtscheu und eine fortschreitende Erblindung.
Ein Trachom ist allerdings eine Diagnose aus der Geografie. Das Krankheitsbild in den Quellen passt ebenso zur Augenbeteiligung bei Lepra. Lepromatöse Lepra befällt Hornhaut und Regenbogenhaut, sie verursacht Lichtscheu und Schmerzen und kann zur Erblindung führen. Der Lidschluss kann ausfallen, wenn der Gesichtsnerv beteiligt ist. Die Kauterisation der Schläfen hätte bei beiden Krankheiten nichts ausgerichtet.
Damit verschiebt sich die Frage. Hatte Franziskus zwei Krankheiten, eine aus Ägypten und eine aus Umbrien, oder eine einzige, deren Augenbeteiligung man nachträglich der Reise in den Orient zuschrieb? Die zweite Lesart kommt mit einer Erkrankung aus. Entscheiden ließe sich die Frage nur durch Untersuchungen, die bisher niemand vorgenommen hat.
Die Stigmata und die Lepra-Hypothese
Die Lepra-These stammt von der Franziskanerin und Krankenschwester Joanne Schatzlein und dem Internisten Daniel Sulmasy, die sie 1987 in den Franciscan Studies begründeten. Ihr Ausgangspunkt war die Biografie: Franziskus pflegte seit seiner Bekehrung um 1205 Aussätzige, küsste und wusch sie und lebte zeitweise unter ihnen. Im Testament nennt er selbst die Begegnung mit den Aussätzigen als Wendepunkt seines Lebens.
Die Inkubationszeit der Lepra beträgt Jahre bis Jahrzehnte. Eine Ansteckung ab 1205 und eine Manifestation um 1220 liegen genau in diesem Fenster. Lepromatöse Lepra befällt bevorzugt die kühleren Körperstellen, also Hände, Füße, Nase und Ohren, mit Knoten, Geschwüren und Gefühllosigkeit. Sie erklärt Augen und Akren mit einer einzigen Erkrankung. Bei einer klinisch-pathologischen Konferenz der University of Maryland 2019 kamen sowohl die Fachdiskussion als auch zwei computergestützte Diagnosesysteme zum selben Ergebnis: Lepra. Alle drei Urteile beruhen auf demselben Quellenmaterial, als unabhängige Bestätigungen zählen sie deshalb nicht.
Die Theologie der Kreuzigung lieferte die Umdeutung gleich mit. Jesaja 53,4 lautet in der Vulgata: „Et nos putavimus eum quasi leprosum“, wir hielten ihn für einen Aussätzigen. Das Mittelalter las den Gottesknecht als Christus. Wer einen leprösen Heiligen christusförmig machen wollte, musste den Abstand zwischen Aussatz und Passion kaum überbrücken.
Verhüllte Hände, abgeschirmter Kranker
Thomas von Celano und später Bonaventura berichten übereinstimmend, dass Franziskus die Hände im Ärmel hielt, Strümpfe und Schuhe anzog und die Male nur wenigen Brüdern zeigte. Elias sah sie, Rufinus soll die Seitenwunde nur durch eine List berührt haben. Mit der histrionischen Stigmatisierung späterer Jahrhunderte, die ihre Male vorführt, hat dieses Verhalten nichts gemein.
Die Hagiografen deuteten das Verhüllen als Demut und als Wahrung eines Geheimnisses zwischen Franziskus und Christus. Ein Leprakranker hatte einen handfesteren Grund. Wer im 13. Jahrhundert als aussätzig erkannt wurde, verlor seinen Platz in der Gemeinschaft und wurde abgesondert. Für den Gründer eines Ordens, dessen Ansehen an ihm hing, wäre die Entdeckung das Ende gewesen. Ein Beweis für Lepra ist das Verhüllen damit nicht. Es ist mit ihr vereinbar und hätte in ihr einen sehr praktischen Grund.
Die Chronologie verstärkt diesen Verdacht. 1220 legte Franziskus die Leitung des Ordens nieder, zuerst zugunsten von Petrus Catanii, dann von Elias. Die letzten Jahre verbrachte er im engsten Kreis mit Leo, Rufinus, Angelus und Masseo, oft in Einsiedeleien. Diese Gefährten kontrollierten den Zugang zu ihm, und sie sind zugleich die Hauptzeugen der Male. Die Enttäuschung über die Entwicklung des Ordens ist als Grund für den Rückzug unabhängig belegt. Eine fortschreitende, schambesetzte Krankheit und eine institutionelle Kränkung verstärken einander.
Wer die Wundmale beschrieben hat
Unmittelbar nach dem Tod verkündete Elias als Generalvikar in einem Rundbrief ein neues Wunder: Franziskus habe die Male des Gekreuzigten an seinem Leib gehabt. Thomas schrieb die erste Vita im Auftrag des Papstes, der die Heiligsprechung betrieb und sie keine zwei Jahre nach dem Tod vollzog. Sämtliche Beschreibungen der Male stammen von Parteien.
Damit wird auch das stärkste Argument gegen die Lepra schwächer. Thomas beschreibt fleischige Auswüchse in Form von Nägeln, mit runden Köpfen einerseits und umgebogenen Spitzen andererseits. Das ist exakt die Gestalt, die die Typologie der Kreuzigung verlangt. Ein ulzerierender Lepraknoten an Handteller und Fußsohle ließe sich mit frommem Blick genau so lesen. Belegt sind solche Knoten zwar nicht, aber die Beschreibung schließt sie auch nicht aus.
Die zeitgenössische Reaktion zeigt, wie umstritten die Male waren. Die Kanonisationsbulle Mira circa nos von 1228 erwähnt sie gar nicht erst. Erst 1237 verteidigte Gregor IX. sie in mehreren Bullen gegen Zweifler, darunter den Bischof Robert von Olmütz, der lehrte, nur die Wunden Christi dürften verehrt werden. Die Kirche hat die Stigmata nachträglich durchgesetzt.
Die Seitenwunde und die schmutzige Kutte
Die Seitenwunde gilt als das Mal, das keine Lepra erklärt. Belegt ist bei genauer Lektüre wenig: Blut und Sekret an der Tunika und den Hosen, gesehen und heimlich von den Gefährten gewaschen. Dass sie aus einer einzigen Wunde stammten, ist bereits Deutung.
Thomas von Celano nennt die rechte Seite, das Johannesevangelium nennt in der Kreuzigung keine. Als Herkunft der Lokalisation liegt die Antiphon nahe, Vidi aquam, die nach Ezechiel 47 vom Wasser singt, das an der rechten Seite des Tempels hervorströmt, und die Liturgie auf Christus bezog. Belegen lässt sich dieser Übertragungsweg nicht. Ein Hagiograf, der Blutflecken an einer Kutte sah, wusste aber, wo die Wunde zu sitzen hatte.
Das Material für solche Flecken war reichlich vorhanden. Thomas von Spalato, ein Student aus Split, hörte Franziskus 1222 in Bologna predigen und hielt fest: „Sordidus erat habitus, persona contemptibilis et facies indecora“, schmutzig das Gewand, verächtlich die Erscheinung, unansehnlich das Gesicht. Ein Asket, der seinen Körper Bruder Esel nannte, Pflege verweigerte, sich kaum wusch und die Kleidung nicht wechselte, war beim Alltag der Zeit mit großer Wahrscheinlichkeit von Läusen, Flöhen und Krätze befallen, mit Kratzwunden, Furunkeln und Sekundärinfektionen. Lepromatöse Haut ulzeriert und infiziert sich leicht. Hinzu kamen in der Endphase Bluterbrechen und die Inkontinenz des Schwerkranken. Erklärungsbedürftig wäre bei diesem Kranken also eher eine saubere Kutte.
Bruder Esel: Fasten als Anorexie
Franziskus nannte seinen Körper „Bruder Esel“. Bonaventura überliefert die Anrede: „So, Bruder Esel, so musst du bleiben.“ Der Esel ist das Arbeitstier, das man antreibt, belädt und karg füttert. Franziskus fastete 1224 über die Kirchenregel hinaus, auf dem abgelegenen Felsen von La Verna in der Toskana, etwa vierzig Tage vor dem Michaelsfest. Gekochte Speisen aß er nach Bonaventura überhaupt selten, und wenn er sie sich erlaubte, mischte er Asche darunter.
Löst man dieses Verhalten aus dem religiösen Rahmen, erfüllt es die Kriterien einer Anorexia nervosa nach DSM‑5. Verlangt sind dort ein deutlich niedriges Körpergewicht durch eingeschränkte Nahrungsaufnahme, eine Angst vor Gewichtszunahme oder ein anhaltendes Verhalten, das die Gewichtszunahme verhindert, und eine Störung des Körpererlebens oder eine anhaltende Verkennung, wie ernst das Untergewicht ist. Die Gewichtsphobie ist damit keine Bedingung. Fasten über die Kirchenregel hinaus und Asche im Essen verhindern die Gewichtszunahme. „Bruder Esel" ist die Verkleidung der Essstörung in einer Selbsthass-Formel.
Der Psychiater Sing Lee hat 1995 aus Hongkong Patientinnen beschrieben, die ohne Angst vor dem Dicksein hungerten und ihr Hungern anders begründeten. Er folgerte, die Gewichtsphobie sei eine kulturelle Ausgestaltung der Störung. Der Historiker Rudolph Bell hatte zehn Jahre zuvor in Holy Anorexia das Hungern heiliger Frauen des Spätmittelalters, allen voran Katharinas von Siena, als Anorexie gedeutet. Caroline Walker Bynum hielt ihm 1987 in Holy Feast and Holy Fast entgegen, Nahrung und Verzicht hätten für diese Frauen religiöse Bedeutung gehabt und ihnen Handlungsmacht gegeben. Beide Lesarten schließen einander nicht aus. Für Franziskus gilt, was für den Wahn gilt: Die Störung bedient sich des Materials, das die Kultur bereitstellt.
Nach der franziskanischen Überlieferung bat Franziskus kurz vor seinem Tod Bruder Leib um Verzeihung für die harte Behandlung. Klinisch ist das eine späte Krankheitseinsicht, wie man sie auch bei chronischen Verläufen der Essstörungen kennt.
Das Ende: Bluterbrechen, Bauchwasser, Ödeme
Die letzten Monate beschreibt Thomas von Celano genauer als jede andere Phase der Krankheit. Im Frühjahr 1226 in Siena erbrach Franziskus nach einem langen Magen- und Leberleiden viel Blut. Danach schwollen Bauch, Beine und Füße an. Bluterbrechen, Bauchwassersucht und Beinödeme ergeben zusammen das Bild der portalen Hypertension: Der Druck in der Pfortader steigt, Krampfadern in der Speiseröhre reißen und bluten, und Flüssigkeit sammelt sich im Bauchraum. Die häufigste Ursache ist eine Leberzirrhose, und Thomas nennt die Leber ausdrücklich.
Alkohol als Ursache ist bei diesem Asketen auszuschließen. Näher liegt wieder Ägypten. Im Nildelta ist die Bilharziose seit der Antike verbreitet, ihre Spuren finden sich schon in Mumien. Die Eier von Schistosoma mansoni setzen sich in der Leber fest, das Gewebe um die Äste der Pfortader vernarbt, und es entstehen Krampfadern und Blutungen, während die Leber ihre Arbeit lange weiter leistet. Ein Jahr im Delta und sechs Jahre bis zum Tod sind für eine so schwere Vernarbung allerdings knapp.
Die Lepra-Hypothese bietet eine zweite Erklärung. Die lepromatöse Lepra führt nicht selten zu einer sekundären Amyloidose, die Niere und Leber befällt. Über ein nephrotisches Syndrom erzeugt sie Ödeme und Bauchwasser. Dann erklärte eine einzige Grunderkrankung Augen, Hände, Füße, Haut und das Ende. Das Bluterbrechen bräuchte in dieser Lesart aber eine eigene Ursache, etwa ein Magengeschwür.
Eine dritte Lesart kommt ohne Lebererkrankung aus. Die Mangelernährung führt über Jahre zu Eiweißmangel, und Eiweißmangel erzeugt Ödeme und Bauchwasser. Ein Magengeschwür erklärt das Blut. Manesh, Schatzlein, Mackowiak und Kollegen führen in ihrer Fallkonferenz von 2021 das Ulkus unter den Kandidaten und deuten die Schwellungen als Nephrose.
Sicher ist das klinische Bild. Thomas beschreibt einen Mann mit krankem Magen und kranker Leber, der Blut erbricht und anschwillt. Dieses Ende brauchte keine Erklärung aus dem Himmel.
Die Gebeine von Assisi: selektiv untersucht
Elias ließ den Leichnam 1230 bei der Überführung in die neue Basilika so tief verbergen, dass er bis 1818 verschollen blieb. Eine unabhängige Untersuchung der Weichteile gab es nie. 1978 öffnete eine päpstliche Kommission den Sarkophag, unter Beteiligung des Anatomen Nicolò Miani von der Università Cattolica del Sacro Cuore. Sie beschrieb die vorgefundenen Knochenteile einzeln, dazu Münzen und Körner aus der Zeit, und bestätigte die Echtheit. Seither liegen die Gebeine in einem mit Stickstoff gefüllten Behälter. 2015 folgte eine weitere Untersuchung, wieder mit dem Ziel der Authentifizierung.
Eine publizierte paläopathologische Auswertung auf Lepra ist nicht bekannt. Gesucht werden müssten nach den typischen Knochenveränderungen: Abbau des Oberkiefers und der Nasenöffnung, Verlust der vorderen Nasenstachel, Auflösung der Fingerendglieder und Zehen. Die Untersucher stellten beide Male die Kirche selbst. Vom 22. Februar bis 22. März 2026 lagen die Gebeine zum 800. Todesjahr erstmals öffentlich in der Unterkirche aus. Der Sprecher des Sacro Convento deutete ihren beschädigten und abgenutzten Zustand als Zeichen, dass Franziskus alles gegeben habe. Fromme Deutung, statt forensischer Untersuchung: Das ist die Linie seit Thomas von Celano.
Ein zweiter Zugang wäre sogar noch leichter. In Assisi und Cortona liegen Tuniken, die Franziskus zugeschrieben werden. Textilien lassen sich auf Blutreste, Läuse und Nissen und auf Erreger-DNA untersuchen, und Mycobacterium leprae ist sogar in archäologischem Material nachweisbar. Eine veröffentlichte Untersuchung der Tuniken mit dieser Fragestellung gibt es allerdings ebenso wenig.
Der Traum vom Rittertum
Die Krankengeschichte beginnt lange vor Ägypten. Franziskus kam 1181 oder 1182 als Sohn des reichen Tuchhändlers Pietro di Bernardone zur Welt und wurde auf den Namen Giovanni getauft. Der Vater war bei der Geburt auf Handelsreise in Frankreich und nannte ihn nach seiner Rückkehr Francesco. Nach dem eigenen Zeugnis des Thomas war der Sohn ein verschwenderischer Anführer der Jugend von Assisi. Er wollte Ritter werden. In den italienischen Kommunen um 1200 war das für einen Kaufmannssohn denkbar, denn wer ein Pferd stellen konnte, diente der Kommune zu Pferd. Franziskus ritt 1202 bei Collestrada in der Reiterei Assisis gegen Perugia.
Die militärische Ausbildung des Adels begann allerdings in der Kindheit, als Page und Knappe in einem adligen Haushalt. Der Kaufmannssohn kaufte sich Rüstung und Pferd und hatte das Kämpfen zu Pferd nie gelernt. Fechtschulen außerhalb der Adelshäuser sind erst später greifbar, London verbot sie 1285. Die Schlacht bei Collestrada endete mit einer Niederlage und für Franziskus mit rund einem Jahr Gefangenschaft.
Bemerkenswert ist sein Verhalten in der Haft. Die Legende der drei Gefährten lässt ihn dort heiter sein und den klagenden Mitgefangenen sagen, die ganze Welt werde ihn noch verehren. 1205 folgte der zweite Anlauf, ein Zug nach Apulien in prunkvoller Ausrüstung, die er aber kurz vor dem Aufbruch einem verarmten Ritter schenkte. In Spoleto träumte er von einem Saal voller Waffen, die für ihn und seine Ritter bestimmt seien, und kehrte am nächsten Tag um. Verschwenderischer Aufwand, impulsive Freigebigkeit, ein grandioses Vorhaben und sein abrupter Abbruch ergeben das Bild einer expansiven Phase der Manie.
Das sprechende Kreuz von San Damiano
Auf die expansive Phase folgte die Bekehrungskrise. Franziskus zog sich zurück, verbrachte Wochen in einer Höhle und kam abgemagert und verwahrlost zurück. Die Leute von Assisi hielten ihn für verrückt und bewarfen ihn mit Dreck und Steinen. Sein Vater sperrte ihn ein. Franziskus verschleuderte kostbare Stoffe des Vaters in Foligno, um eine verfallene Kirche zu bezahlen, und als der Vater ihn 1206 vor das Gericht des Bischofs zog, zog Franziskus sich nackt aus und gab ihm die Kleider zurück.
In diese Zeit fällt die berühmteste Szene: Das Kruzifix von San Damiano soll ihn beim Namen gerufen und ihm aufgetragen haben, sein Haus wiederherzustellen. Franziskus nahm den Auftrag wörtlich, bettelte Steine und mauerte eigenhändig San Damiano, San Pietro und die Portiuncula wieder auf. Die Lesart als Reform der Gesamtkirche ist die spätere Deutung der Hagiografen. Das sprechende Kreuz erscheint allerdings erst in der zweiten Vita des Thomas aus den 1240er Jahren und in der Dreigefährtenlegende. In der ersten Vita und im Testament des Franziskus fehlt es.
Ist die Szene echt, spricht viel für eine akustische Halluzination. Die organischen Mitursachen, die der nächste Abschnitt nennt, bleiben dabei als Ursache wahrscheinlich. Und selbst kulturelle Kongruenz religiöser Inhalte schützt nicht vor dieser Einordnung. Wahninhalte entstammen immer dem Material, das die Kultur bereitstellt: Wer nicht religiös aufwächst, hört keine Stimme Christi. Geteilt war im 13. Jahrhundert die Annahme, Gott könne sprechen. Die Gewissheit, ein bemaltes Holzkreuz rede zu einem selbst und erteile einen Bauauftrag, war idiosynkratisch, und die eigene Stadt sah das ebenso.
Bipolare Störung, Schizophrenie oder Hirnorganik?
Die Krise fällt in das Hauptmanifestationsalter psychotischer Erkrankungen, Franziskus war 23 oder 24 Jahre alt. Organische Mitursachen sind nicht auszuschließen. Ein Jahr Gefangenschaft, eine anschließende monatelange fieberhafte Erkrankung und später exzessives Fasten machen ein hirnorganisches Psychosyndrom nach Infektion oder Mangelernährung zu einer ernsthaften Differenzialdiagnose.
Die paranoid-halluzinatorische Schizophrenie hat das Alter und die Halluzination für sich. Gegen sie sprechen die eigenen Texte des Franziskus: zwei Regeln, das Testament, Briefe, der Sonnengesang und die Chartula für Leo in seiner Handschrift. Sie zeigen keine formalen Denkstörungen. Verfolgungsideen fehlen in allen Quellen. Ein sogenanntes Residuum fehlt ebenso. Franziskus führte zwanzig Jahre lang einen Orden mit Tausenden Brüdern und verhandelte mit Kurie und Sultan.
Als Hypothese passt eine bipolare Störung mit psychotischen Merkmalen am besten. Größenideen und Verschwendung in der Jugend, Größenideen schon in der Haft, die expansive Phase vor Spoleto, eine manisch-psychotische Bekehrungskrise mit stimmungskongruenten religiösen Inhalten und Enthemmung bis zur öffentlichen Entblößung, danach lange Phasen von Rückzug, Verzweiflung und Krankheitsgefühl nach 1220. Die späten Visionen bis zum Seraph auf La Verna 1224 fallen in Zeiten von Fasten, Schlafentzug, Fieber und vermutlich fortgeschrittener körperlicher Krankheit. Episodendauer und Abgrenzung vom Ausgangsniveau lassen sich aus Quellen des 13. Jahrhunderts nicht rekonstruieren. Die Diagnose bleibt deshalb, wie jede retrospektive Diagnose, eine begründete Hypothese.
Eine Pathografie in Daten
· um 1200 bis 1202: verschwenderischer Lebensstil, der Wunsch, über das Rittertum aufzusteigen
· 1202 bis 1203: Niederlage bei Collestrada, rund ein Jahr Haft in Perugia, Äußerungen von Größe
· 1204: langwierige fieberhafte Erkrankung, Rückzug
· 1205: prunkvoll ausgerüsteter Zug nach Apulien, Traum von Spoleto, sofortige Umkehr
· 1205 bis 1206: Bekehrungskrise, Stimme des Kruzifixes (späte Quelle), Veruntreuung väterlicher Ware, öffentliche Entblößung, sozialer Ausschluss
· ab etwa 1205: Pflege von Aussätzigen
· 1206 bis 1220: Stabilisierung im religiösen Rahmen, hohe Leistungsfähigkeit
· 1219 bis 1220: Ägypten und Heiliges Land, Beginn des Augenleidens
· ab 1220: Rücktritt, Rückzug, verhüllte Hände und Füße
· 1224: Visionen auf La Verna, erste Male
· 1225: Kauterisation in Fonte Colombo
· 1226: in Siena Bluterbrechen nach langem Magen- und Leberleiden, danach Bauchwasser und Ödeme der Beine, Tod am 3. Oktober, Rundbrief des Elias
· 1228: Heiligsprechung, Bulle ohne Stigmata
· 1237: päpstliche Bullen gegen die Zweifler
Die Daten lassen sich zu einer Krankengeschichte fügen: eine bipolare Störung mit psychotischen Episoden als Grundlinie, organische Mitursachen in der Krise von 1204 bis 1206 und in der Endphase, eine mögliche Lepra als körperliche Grunderkrankung der letzten Jahre. Die Hagiografie hat aus dem Größenwahn eine Berufung gemacht, aus der Halluzination eine Offenbarung und aus den Geschwüren eines Aussätzigen die Wundmale Christi. Prüfen ließe sich der körperliche Teil an den Gebeinen und an den Tuniken. Die psychiatrische Hypothese bleibt davon unberührt, sie lässt sich nur an den Texten prüfen. Veranlasst hat die Untersuchung bisher niemand, und die Hüter der Reliquien haben wenig Anlass, damit anzufangen. Sie leben seit acht Jahrhunderten gut davon, dass Krankheit an diesem Körper als Gnade gilt.
Das Wichtigste in Kürze
• Angaben, die dem Interesse der Hagiografen zuwiderlaufen, haben höheren Quellenwert als solche, die die Christus-Typologie erfüllen.
• Franziskus kehrte 1220 mit einem Augenleiden aus Ägypten zurück. Trachom ist die geografisch naheliegende Diagnose, die Augenbeteiligung bei Lepra erklärt das Bild ebenso.
• Schatzlein und Sulmasy begründeten 1987 die Lepra-Hypothese. Ansteckung bei der Pflege Aussätziger ab 1205 und Manifestation um 1220 passen zur langen Inkubationszeit.
• Franziskus verbarg Hände und Füße und ließ nur wenige Gefährten an sich heran. Das ist mit Lepra vereinbar, für einen Leprakranken war es Schutz vor Absonderung.
• Alle Beschreibungen der Stigmata stammen aus dem Kreis, der die Heiligsprechung betrieb. Die Kanonisationsbulle von 1228 nennt keine Wundmale, erst 1237 setzte Gregor IX. sie gegen Zweifler durch.
• Die Lage der Seitenwunde rechts folgt vermutlich der Liturgie. Blutflecken an einer verschmutzten Kutte erklären sich bei Ungeziefer, Hautinfektionen und Bluterbrechen ohne Wunder.
• Die Gebeine wurden 1978 und 2015 auf ihre Echtheit untersucht. Eine Auswertung auf Lepra ist nicht veröffentlicht, ebenso wenig eine Prüfung der Tuniken auf Blut, Läuse oder Erreger-DNA.
• Jugend und Bekehrung zeigen Größenideen, Verschwendung, eine expansive Phase, eine akustische Halluzination und Enthemmung. Als Hypothese passt eine bipolare Störung mit psychotischen Merkmalen am besten.
• Thomas von Celano beschreibt in der Endphase ein Leberleiden mit Bluterbrechen, Bauchwasser und Beinödemen. Das entspricht einer portalen Hypertension. Als Ursachen kommen eine Zirrhose, eine Bilharziose aus dem Nildelta oder eine Amyloidose bei Lepra infrage, ohne Lebererkrankung auch Magengeschwür und Hungerödem.
• Das Fasten des Franziskus erfüllt unabhängig vom religiösen Rahmen die DSM-5-Kriterien einer Anorexia nervosa. Eine Gewichtsphobie verlangt das DSM-5 nicht. „Bruder Esel" benennt die Verkennung des Untergewichts.
• Kulturelle Kongruenz entlastet religiöse Inhalte nicht. Jeder Wahn bedient sich des Materials seiner Kultur.
Quellen
· Gregor IX., Mira circa nos, Bulle zur Heiligsprechung 1228 (EWTN)
· Thomas von Celano, Erste und Zweite Vita des heiligen Franziskus (Medieval Sourcebook, Fordham)
· Thomas von Celano, Das Kruzifix von San Damiano, Vita secunda 10 f. (Vatikan)
· Rudolph M. Bell, Holy Anorexia, Chicago: University of Chicago Press 1985
· Caroline Walker Bynum, Holy Feast and Holy Fast. The Religious Significance of Food to Medieval Women, Berkeley: University of California Press 1987
· Thomas von Spalato und seine Beschreibung des Franziskus in Bologna 1222
· Joanne Schatzlein und Daniel P. Sulmasy, Francis the Leper, Neuausgabe der Studie von 1987
· Historical Clinicopathological Conference 2019: Francis of Assisi, University of Maryland
· Rundschreiben der vier franziskanischen Generalminister zur Untersuchung von 1978 (EWTN)
· Gebeine des Franz von Assisi erstmals öffentlich ausgestellt (ORF, 2026)
· Rămășițele Sfântului Francisc de Assisi, Untersuchungen 1978 und 2015 (Agerpres, 2026)
· Santuario Francescano Fonte Colombo, Kauterisation 1225 (FAI)
· Gallenga et al., Why the SAFE-S Strategy for Trachoma?, Pathogens 12 (2023)
· Statuta Civitatis London, 13 Edw. I (1285), Verbot der Fechtschulen
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Franziskus’ frühe Lebensbeschreibungen sind auffällig reich an Krankheit. Thomas von Celano schrieb die erste Vita 1228 und 1229 im Auftrag Gregors IX., der Franziskus persönlich gekannt und gefördert hatte. Er berichtet von einem langen Fieber nach Franziskus’ Gefangenschaft in Perugia, von einem Augenleiden, das ihn nach der Rückkehr aus dem Orient fast erblinden ließ, von einem langen Magen- und Leberleiden, bei dem er viel Blut erbrach, und in den letzten Monaten von einem aufgetriebenen Leib und geschwollenen Beinen und Füßen.
Die Behandlungen der Zeit lassen sich ebenfalls belegen. 1225 ließ Franziskus sich in Fonte Colombo bei Rieti auf Drängen seines Vikars Elias die Schläfen mit dem glühenden Eisen kauterisieren, die übliche Therapie chronischer Augenentzündungen. Am 3. Oktober 1226 starb er an der Portiunkula-Kapelle im Alter von etwa 45 Jahren. Am 16. Juli 1228 sprach ihn Gregor IX. heilig.
Diese Fülle an Angaben zu Krankheiten ist für eine Heiligenvita ungewöhnlich. Thomas brauchte sie, weil das Leiden zum Programm gehörte. Für eine Pathografie ist sie ein Glücksfall, denn wer Krankheit theologisch deuten will, muss sie zuerst beschreiben.
Welchen Angaben der Hagiografen man trauen kann
Alle frühen Viten stammen aus dem Orden oder aus seinem Umfeld. Wer sie medizinisch liest, braucht deshalb eine Regel, welche Angaben als Beobachtung gelten dürfen. Die Geschichtswissenschaft kennt dafür das Kriterium der Peinlichkeit: Was dem Interesse des Verfassers zuwiderläuft, hat er kaum erfunden. Der verschwenderische Jüngling, der Spott und die Steinwürfe der eigenen Stadt, das Einsperren durch den Vater und das schmutzige Gewand im Bericht eines Außenstehenden gehören in diese Gruppe. Sie dienen der Heiligkeit nicht, also stehen sie vermutlich wegen der Erinnerung im Text.
Umgekehrt verlieren Angaben an Gewicht, die genau dem Muster entsprechen, das die Theologie verlangt. Nagelförmige Male, eine Seitenwunde und ein Kruzifix, das spricht, erfüllen die Typologie des zweiten Christus. Hier hat der Hagiograf guten Grund, Einzelheiten zu gestalten. Diese Unterscheidung bestimmt im Folgenden, welche Angaben als Symptom gelesen werden und welche als Deutung.
Das Augenleiden aus Ägypten: Trachom oder Lepra?
Franziskus war 1219 und 1220 im Nildelta, beim Kreuzfahrerheer vor Damiette, und traf Sultan al-Kamil. Ägypten war das klassische Endemiegebiet des Trachoms, der chronischen Chlamydieninfektion des Auges, die Europa noch im 19. Jahrhundert als ägyptische Augenkrankheit kannte. Das Bild in den Quellen passt dazu: jahrelanger Verlauf, Schmerzen, Tränenfluss, ausgeprägte Lichtscheu und eine fortschreitende Erblindung.
Ein Trachom ist allerdings eine Diagnose aus der Geografie. Das Krankheitsbild in den Quellen passt ebenso zur Augenbeteiligung bei Lepra. Lepromatöse Lepra befällt Hornhaut und Regenbogenhaut, sie verursacht Lichtscheu und Schmerzen und kann zur Erblindung führen. Der Lidschluss kann ausfallen, wenn der Gesichtsnerv beteiligt ist. Die Kauterisation der Schläfen hätte bei beiden Krankheiten nichts ausgerichtet.
Damit verschiebt sich die Frage. Hatte Franziskus zwei Krankheiten, eine aus Ägypten und eine aus Umbrien, oder eine einzige, deren Augenbeteiligung man nachträglich der Reise in den Orient zuschrieb? Die zweite Lesart kommt mit einer Erkrankung aus. Entscheiden ließe sich die Frage nur durch Untersuchungen, die bisher niemand vorgenommen hat.
Die Stigmata und die Lepra-Hypothese
Die Lepra-These stammt von der Franziskanerin und Krankenschwester Joanne Schatzlein und dem Internisten Daniel Sulmasy, die sie 1987 in den Franciscan Studies begründeten. Ihr Ausgangspunkt war die Biografie: Franziskus pflegte seit seiner Bekehrung um 1205 Aussätzige, küsste und wusch sie und lebte zeitweise unter ihnen. Im Testament nennt er selbst die Begegnung mit den Aussätzigen als Wendepunkt seines Lebens.
Die Inkubationszeit der Lepra beträgt Jahre bis Jahrzehnte. Eine Ansteckung ab 1205 und eine Manifestation um 1220 liegen genau in diesem Fenster. Lepromatöse Lepra befällt bevorzugt die kühleren Körperstellen, also Hände, Füße, Nase und Ohren, mit Knoten, Geschwüren und Gefühllosigkeit. Sie erklärt Augen und Akren mit einer einzigen Erkrankung. Bei einer klinisch-pathologischen Konferenz der University of Maryland 2019 kamen sowohl die Fachdiskussion als auch zwei computergestützte Diagnosesysteme zum selben Ergebnis: Lepra. Alle drei Urteile beruhen auf demselben Quellenmaterial, als unabhängige Bestätigungen zählen sie deshalb nicht.
Die Theologie der Kreuzigung lieferte die Umdeutung gleich mit. Jesaja 53,4 lautet in der Vulgata: „Et nos putavimus eum quasi leprosum“, wir hielten ihn für einen Aussätzigen. Das Mittelalter las den Gottesknecht als Christus. Wer einen leprösen Heiligen christusförmig machen wollte, musste den Abstand zwischen Aussatz und Passion kaum überbrücken.
Verhüllte Hände, abgeschirmter Kranker
Thomas von Celano und später Bonaventura berichten übereinstimmend, dass Franziskus die Hände im Ärmel hielt, Strümpfe und Schuhe anzog und die Male nur wenigen Brüdern zeigte. Elias sah sie, Rufinus soll die Seitenwunde nur durch eine List berührt haben. Mit der histrionischen Stigmatisierung späterer Jahrhunderte, die ihre Male vorführt, hat dieses Verhalten nichts gemein.
Die Hagiografen deuteten das Verhüllen als Demut und als Wahrung eines Geheimnisses zwischen Franziskus und Christus. Ein Leprakranker hatte einen handfesteren Grund. Wer im 13. Jahrhundert als aussätzig erkannt wurde, verlor seinen Platz in der Gemeinschaft und wurde abgesondert. Für den Gründer eines Ordens, dessen Ansehen an ihm hing, wäre die Entdeckung das Ende gewesen. Ein Beweis für Lepra ist das Verhüllen damit nicht. Es ist mit ihr vereinbar und hätte in ihr einen sehr praktischen Grund.
Die Chronologie verstärkt diesen Verdacht. 1220 legte Franziskus die Leitung des Ordens nieder, zuerst zugunsten von Petrus Catanii, dann von Elias. Die letzten Jahre verbrachte er im engsten Kreis mit Leo, Rufinus, Angelus und Masseo, oft in Einsiedeleien. Diese Gefährten kontrollierten den Zugang zu ihm, und sie sind zugleich die Hauptzeugen der Male. Die Enttäuschung über die Entwicklung des Ordens ist als Grund für den Rückzug unabhängig belegt. Eine fortschreitende, schambesetzte Krankheit und eine institutionelle Kränkung verstärken einander.
Wer die Wundmale beschrieben hat
Unmittelbar nach dem Tod verkündete Elias als Generalvikar in einem Rundbrief ein neues Wunder: Franziskus habe die Male des Gekreuzigten an seinem Leib gehabt. Thomas schrieb die erste Vita im Auftrag des Papstes, der die Heiligsprechung betrieb und sie keine zwei Jahre nach dem Tod vollzog. Sämtliche Beschreibungen der Male stammen von Parteien.
Damit wird auch das stärkste Argument gegen die Lepra schwächer. Thomas beschreibt fleischige Auswüchse in Form von Nägeln, mit runden Köpfen einerseits und umgebogenen Spitzen andererseits. Das ist exakt die Gestalt, die die Typologie der Kreuzigung verlangt. Ein ulzerierender Lepraknoten an Handteller und Fußsohle ließe sich mit frommem Blick genau so lesen. Belegt sind solche Knoten zwar nicht, aber die Beschreibung schließt sie auch nicht aus.
Die zeitgenössische Reaktion zeigt, wie umstritten die Male waren. Die Kanonisationsbulle Mira circa nos von 1228 erwähnt sie gar nicht erst. Erst 1237 verteidigte Gregor IX. sie in mehreren Bullen gegen Zweifler, darunter den Bischof Robert von Olmütz, der lehrte, nur die Wunden Christi dürften verehrt werden. Die Kirche hat die Stigmata nachträglich durchgesetzt.
Die Seitenwunde und die schmutzige Kutte
Die Seitenwunde gilt als das Mal, das keine Lepra erklärt. Belegt ist bei genauer Lektüre wenig: Blut und Sekret an der Tunika und den Hosen, gesehen und heimlich von den Gefährten gewaschen. Dass sie aus einer einzigen Wunde stammten, ist bereits Deutung.
Thomas von Celano nennt die rechte Seite, das Johannesevangelium nennt in der Kreuzigung keine. Als Herkunft der Lokalisation liegt die Antiphon nahe, Vidi aquam, die nach Ezechiel 47 vom Wasser singt, das an der rechten Seite des Tempels hervorströmt, und die Liturgie auf Christus bezog. Belegen lässt sich dieser Übertragungsweg nicht. Ein Hagiograf, der Blutflecken an einer Kutte sah, wusste aber, wo die Wunde zu sitzen hatte.
Das Material für solche Flecken war reichlich vorhanden. Thomas von Spalato, ein Student aus Split, hörte Franziskus 1222 in Bologna predigen und hielt fest: „Sordidus erat habitus, persona contemptibilis et facies indecora“, schmutzig das Gewand, verächtlich die Erscheinung, unansehnlich das Gesicht. Ein Asket, der seinen Körper Bruder Esel nannte, Pflege verweigerte, sich kaum wusch und die Kleidung nicht wechselte, war beim Alltag der Zeit mit großer Wahrscheinlichkeit von Läusen, Flöhen und Krätze befallen, mit Kratzwunden, Furunkeln und Sekundärinfektionen. Lepromatöse Haut ulzeriert und infiziert sich leicht. Hinzu kamen in der Endphase Bluterbrechen und die Inkontinenz des Schwerkranken. Erklärungsbedürftig wäre bei diesem Kranken also eher eine saubere Kutte.
Bruder Esel: Fasten als Anorexie
Franziskus nannte seinen Körper „Bruder Esel“. Bonaventura überliefert die Anrede: „So, Bruder Esel, so musst du bleiben.“ Der Esel ist das Arbeitstier, das man antreibt, belädt und karg füttert. Franziskus fastete 1224 über die Kirchenregel hinaus, auf dem abgelegenen Felsen von La Verna in der Toskana, etwa vierzig Tage vor dem Michaelsfest. Gekochte Speisen aß er nach Bonaventura überhaupt selten, und wenn er sie sich erlaubte, mischte er Asche darunter.
Löst man dieses Verhalten aus dem religiösen Rahmen, erfüllt es die Kriterien einer Anorexia nervosa nach DSM‑5. Verlangt sind dort ein deutlich niedriges Körpergewicht durch eingeschränkte Nahrungsaufnahme, eine Angst vor Gewichtszunahme oder ein anhaltendes Verhalten, das die Gewichtszunahme verhindert, und eine Störung des Körpererlebens oder eine anhaltende Verkennung, wie ernst das Untergewicht ist. Die Gewichtsphobie ist damit keine Bedingung. Fasten über die Kirchenregel hinaus und Asche im Essen verhindern die Gewichtszunahme. „Bruder Esel" ist die Verkleidung der Essstörung in einer Selbsthass-Formel.
Der Psychiater Sing Lee hat 1995 aus Hongkong Patientinnen beschrieben, die ohne Angst vor dem Dicksein hungerten und ihr Hungern anders begründeten. Er folgerte, die Gewichtsphobie sei eine kulturelle Ausgestaltung der Störung. Der Historiker Rudolph Bell hatte zehn Jahre zuvor in Holy Anorexia das Hungern heiliger Frauen des Spätmittelalters, allen voran Katharinas von Siena, als Anorexie gedeutet. Caroline Walker Bynum hielt ihm 1987 in Holy Feast and Holy Fast entgegen, Nahrung und Verzicht hätten für diese Frauen religiöse Bedeutung gehabt und ihnen Handlungsmacht gegeben. Beide Lesarten schließen einander nicht aus. Für Franziskus gilt, was für den Wahn gilt: Die Störung bedient sich des Materials, das die Kultur bereitstellt.
Nach der franziskanischen Überlieferung bat Franziskus kurz vor seinem Tod Bruder Leib um Verzeihung für die harte Behandlung. Klinisch ist das eine späte Krankheitseinsicht, wie man sie auch bei chronischen Verläufen der Essstörungen kennt.
Das Ende: Bluterbrechen, Bauchwasser, Ödeme
Die letzten Monate beschreibt Thomas von Celano genauer als jede andere Phase der Krankheit. Im Frühjahr 1226 in Siena erbrach Franziskus nach einem langen Magen- und Leberleiden viel Blut. Danach schwollen Bauch, Beine und Füße an. Bluterbrechen, Bauchwassersucht und Beinödeme ergeben zusammen das Bild der portalen Hypertension: Der Druck in der Pfortader steigt, Krampfadern in der Speiseröhre reißen und bluten, und Flüssigkeit sammelt sich im Bauchraum. Die häufigste Ursache ist eine Leberzirrhose, und Thomas nennt die Leber ausdrücklich.
Alkohol als Ursache ist bei diesem Asketen auszuschließen. Näher liegt wieder Ägypten. Im Nildelta ist die Bilharziose seit der Antike verbreitet, ihre Spuren finden sich schon in Mumien. Die Eier von Schistosoma mansoni setzen sich in der Leber fest, das Gewebe um die Äste der Pfortader vernarbt, und es entstehen Krampfadern und Blutungen, während die Leber ihre Arbeit lange weiter leistet. Ein Jahr im Delta und sechs Jahre bis zum Tod sind für eine so schwere Vernarbung allerdings knapp.
Die Lepra-Hypothese bietet eine zweite Erklärung. Die lepromatöse Lepra führt nicht selten zu einer sekundären Amyloidose, die Niere und Leber befällt. Über ein nephrotisches Syndrom erzeugt sie Ödeme und Bauchwasser. Dann erklärte eine einzige Grunderkrankung Augen, Hände, Füße, Haut und das Ende. Das Bluterbrechen bräuchte in dieser Lesart aber eine eigene Ursache, etwa ein Magengeschwür.
Eine dritte Lesart kommt ohne Lebererkrankung aus. Die Mangelernährung führt über Jahre zu Eiweißmangel, und Eiweißmangel erzeugt Ödeme und Bauchwasser. Ein Magengeschwür erklärt das Blut. Manesh, Schatzlein, Mackowiak und Kollegen führen in ihrer Fallkonferenz von 2021 das Ulkus unter den Kandidaten und deuten die Schwellungen als Nephrose.
Sicher ist das klinische Bild. Thomas beschreibt einen Mann mit krankem Magen und kranker Leber, der Blut erbricht und anschwillt. Dieses Ende brauchte keine Erklärung aus dem Himmel.
Die Gebeine von Assisi: selektiv untersucht
Elias ließ den Leichnam 1230 bei der Überführung in die neue Basilika so tief verbergen, dass er bis 1818 verschollen blieb. Eine unabhängige Untersuchung der Weichteile gab es nie. 1978 öffnete eine päpstliche Kommission den Sarkophag, unter Beteiligung des Anatomen Nicolò Miani von der Università Cattolica del Sacro Cuore. Sie beschrieb die vorgefundenen Knochenteile einzeln, dazu Münzen und Körner aus der Zeit, und bestätigte die Echtheit. Seither liegen die Gebeine in einem mit Stickstoff gefüllten Behälter. 2015 folgte eine weitere Untersuchung, wieder mit dem Ziel der Authentifizierung.
Eine publizierte paläopathologische Auswertung auf Lepra ist nicht bekannt. Gesucht werden müssten nach den typischen Knochenveränderungen: Abbau des Oberkiefers und der Nasenöffnung, Verlust der vorderen Nasenstachel, Auflösung der Fingerendglieder und Zehen. Die Untersucher stellten beide Male die Kirche selbst. Vom 22. Februar bis 22. März 2026 lagen die Gebeine zum 800. Todesjahr erstmals öffentlich in der Unterkirche aus. Der Sprecher des Sacro Convento deutete ihren beschädigten und abgenutzten Zustand als Zeichen, dass Franziskus alles gegeben habe. Fromme Deutung, statt forensischer Untersuchung: Das ist die Linie seit Thomas von Celano.
Ein zweiter Zugang wäre sogar noch leichter. In Assisi und Cortona liegen Tuniken, die Franziskus zugeschrieben werden. Textilien lassen sich auf Blutreste, Läuse und Nissen und auf Erreger-DNA untersuchen, und Mycobacterium leprae ist sogar in archäologischem Material nachweisbar. Eine veröffentlichte Untersuchung der Tuniken mit dieser Fragestellung gibt es allerdings ebenso wenig.
Der Traum vom Rittertum
Die Krankengeschichte beginnt lange vor Ägypten. Franziskus kam 1181 oder 1182 als Sohn des reichen Tuchhändlers Pietro di Bernardone zur Welt und wurde auf den Namen Giovanni getauft. Der Vater war bei der Geburt auf Handelsreise in Frankreich und nannte ihn nach seiner Rückkehr Francesco. Nach dem eigenen Zeugnis des Thomas war der Sohn ein verschwenderischer Anführer der Jugend von Assisi. Er wollte Ritter werden. In den italienischen Kommunen um 1200 war das für einen Kaufmannssohn denkbar, denn wer ein Pferd stellen konnte, diente der Kommune zu Pferd. Franziskus ritt 1202 bei Collestrada in der Reiterei Assisis gegen Perugia.
Die militärische Ausbildung des Adels begann allerdings in der Kindheit, als Page und Knappe in einem adligen Haushalt. Der Kaufmannssohn kaufte sich Rüstung und Pferd und hatte das Kämpfen zu Pferd nie gelernt. Fechtschulen außerhalb der Adelshäuser sind erst später greifbar, London verbot sie 1285. Die Schlacht bei Collestrada endete mit einer Niederlage und für Franziskus mit rund einem Jahr Gefangenschaft.
Bemerkenswert ist sein Verhalten in der Haft. Die Legende der drei Gefährten lässt ihn dort heiter sein und den klagenden Mitgefangenen sagen, die ganze Welt werde ihn noch verehren. 1205 folgte der zweite Anlauf, ein Zug nach Apulien in prunkvoller Ausrüstung, die er aber kurz vor dem Aufbruch einem verarmten Ritter schenkte. In Spoleto träumte er von einem Saal voller Waffen, die für ihn und seine Ritter bestimmt seien, und kehrte am nächsten Tag um. Verschwenderischer Aufwand, impulsive Freigebigkeit, ein grandioses Vorhaben und sein abrupter Abbruch ergeben das Bild einer expansiven Phase der Manie.
Das sprechende Kreuz von San Damiano
Auf die expansive Phase folgte die Bekehrungskrise. Franziskus zog sich zurück, verbrachte Wochen in einer Höhle und kam abgemagert und verwahrlost zurück. Die Leute von Assisi hielten ihn für verrückt und bewarfen ihn mit Dreck und Steinen. Sein Vater sperrte ihn ein. Franziskus verschleuderte kostbare Stoffe des Vaters in Foligno, um eine verfallene Kirche zu bezahlen, und als der Vater ihn 1206 vor das Gericht des Bischofs zog, zog Franziskus sich nackt aus und gab ihm die Kleider zurück.
In diese Zeit fällt die berühmteste Szene: Das Kruzifix von San Damiano soll ihn beim Namen gerufen und ihm aufgetragen haben, sein Haus wiederherzustellen. Franziskus nahm den Auftrag wörtlich, bettelte Steine und mauerte eigenhändig San Damiano, San Pietro und die Portiuncula wieder auf. Die Lesart als Reform der Gesamtkirche ist die spätere Deutung der Hagiografen. Das sprechende Kreuz erscheint allerdings erst in der zweiten Vita des Thomas aus den 1240er Jahren und in der Dreigefährtenlegende. In der ersten Vita und im Testament des Franziskus fehlt es.
Ist die Szene echt, spricht viel für eine akustische Halluzination. Die organischen Mitursachen, die der nächste Abschnitt nennt, bleiben dabei als Ursache wahrscheinlich. Und selbst kulturelle Kongruenz religiöser Inhalte schützt nicht vor dieser Einordnung. Wahninhalte entstammen immer dem Material, das die Kultur bereitstellt: Wer nicht religiös aufwächst, hört keine Stimme Christi. Geteilt war im 13. Jahrhundert die Annahme, Gott könne sprechen. Die Gewissheit, ein bemaltes Holzkreuz rede zu einem selbst und erteile einen Bauauftrag, war idiosynkratisch, und die eigene Stadt sah das ebenso.
Bipolare Störung, Schizophrenie oder Hirnorganik?
Die Krise fällt in das Hauptmanifestationsalter psychotischer Erkrankungen, Franziskus war 23 oder 24 Jahre alt. Organische Mitursachen sind nicht auszuschließen. Ein Jahr Gefangenschaft, eine anschließende monatelange fieberhafte Erkrankung und später exzessives Fasten machen ein hirnorganisches Psychosyndrom nach Infektion oder Mangelernährung zu einer ernsthaften Differenzialdiagnose.
Die paranoid-halluzinatorische Schizophrenie hat das Alter und die Halluzination für sich. Gegen sie sprechen die eigenen Texte des Franziskus: zwei Regeln, das Testament, Briefe, der Sonnengesang und die Chartula für Leo in seiner Handschrift. Sie zeigen keine formalen Denkstörungen. Verfolgungsideen fehlen in allen Quellen. Ein sogenanntes Residuum fehlt ebenso. Franziskus führte zwanzig Jahre lang einen Orden mit Tausenden Brüdern und verhandelte mit Kurie und Sultan.
Als Hypothese passt eine bipolare Störung mit psychotischen Merkmalen am besten. Größenideen und Verschwendung in der Jugend, Größenideen schon in der Haft, die expansive Phase vor Spoleto, eine manisch-psychotische Bekehrungskrise mit stimmungskongruenten religiösen Inhalten und Enthemmung bis zur öffentlichen Entblößung, danach lange Phasen von Rückzug, Verzweiflung und Krankheitsgefühl nach 1220. Die späten Visionen bis zum Seraph auf La Verna 1224 fallen in Zeiten von Fasten, Schlafentzug, Fieber und vermutlich fortgeschrittener körperlicher Krankheit. Episodendauer und Abgrenzung vom Ausgangsniveau lassen sich aus Quellen des 13. Jahrhunderts nicht rekonstruieren. Die Diagnose bleibt deshalb, wie jede retrospektive Diagnose, eine begründete Hypothese.
Eine Pathografie in Daten
· um 1200 bis 1202: verschwenderischer Lebensstil, der Wunsch, über das Rittertum aufzusteigen
· 1202 bis 1203: Niederlage bei Collestrada, rund ein Jahr Haft in Perugia, Äußerungen von Größe
· 1204: langwierige fieberhafte Erkrankung, Rückzug
· 1205: prunkvoll ausgerüsteter Zug nach Apulien, Traum von Spoleto, sofortige Umkehr
· 1205 bis 1206: Bekehrungskrise, Stimme des Kruzifixes (späte Quelle), Veruntreuung väterlicher Ware, öffentliche Entblößung, sozialer Ausschluss
· ab etwa 1205: Pflege von Aussätzigen
· 1206 bis 1220: Stabilisierung im religiösen Rahmen, hohe Leistungsfähigkeit
· 1219 bis 1220: Ägypten und Heiliges Land, Beginn des Augenleidens
· ab 1220: Rücktritt, Rückzug, verhüllte Hände und Füße
· 1224: Visionen auf La Verna, erste Male
· 1225: Kauterisation in Fonte Colombo
· 1226: in Siena Bluterbrechen nach langem Magen- und Leberleiden, danach Bauchwasser und Ödeme der Beine, Tod am 3. Oktober, Rundbrief des Elias
· 1228: Heiligsprechung, Bulle ohne Stigmata
· 1237: päpstliche Bullen gegen die Zweifler
Die Daten lassen sich zu einer Krankengeschichte fügen: eine bipolare Störung mit psychotischen Episoden als Grundlinie, organische Mitursachen in der Krise von 1204 bis 1206 und in der Endphase, eine mögliche Lepra als körperliche Grunderkrankung der letzten Jahre. Die Hagiografie hat aus dem Größenwahn eine Berufung gemacht, aus der Halluzination eine Offenbarung und aus den Geschwüren eines Aussätzigen die Wundmale Christi. Prüfen ließe sich der körperliche Teil an den Gebeinen und an den Tuniken. Die psychiatrische Hypothese bleibt davon unberührt, sie lässt sich nur an den Texten prüfen. Veranlasst hat die Untersuchung bisher niemand, und die Hüter der Reliquien haben wenig Anlass, damit anzufangen. Sie leben seit acht Jahrhunderten gut davon, dass Krankheit an diesem Körper als Gnade gilt.
Das Wichtigste in Kürze
• Angaben, die dem Interesse der Hagiografen zuwiderlaufen, haben höheren Quellenwert als solche, die die Christus-Typologie erfüllen.
• Franziskus kehrte 1220 mit einem Augenleiden aus Ägypten zurück. Trachom ist die geografisch naheliegende Diagnose, die Augenbeteiligung bei Lepra erklärt das Bild ebenso.
• Schatzlein und Sulmasy begründeten 1987 die Lepra-Hypothese. Ansteckung bei der Pflege Aussätziger ab 1205 und Manifestation um 1220 passen zur langen Inkubationszeit.
• Franziskus verbarg Hände und Füße und ließ nur wenige Gefährten an sich heran. Das ist mit Lepra vereinbar, für einen Leprakranken war es Schutz vor Absonderung.
• Alle Beschreibungen der Stigmata stammen aus dem Kreis, der die Heiligsprechung betrieb. Die Kanonisationsbulle von 1228 nennt keine Wundmale, erst 1237 setzte Gregor IX. sie gegen Zweifler durch.
• Die Lage der Seitenwunde rechts folgt vermutlich der Liturgie. Blutflecken an einer verschmutzten Kutte erklären sich bei Ungeziefer, Hautinfektionen und Bluterbrechen ohne Wunder.
• Die Gebeine wurden 1978 und 2015 auf ihre Echtheit untersucht. Eine Auswertung auf Lepra ist nicht veröffentlicht, ebenso wenig eine Prüfung der Tuniken auf Blut, Läuse oder Erreger-DNA.
• Jugend und Bekehrung zeigen Größenideen, Verschwendung, eine expansive Phase, eine akustische Halluzination und Enthemmung. Als Hypothese passt eine bipolare Störung mit psychotischen Merkmalen am besten.
• Thomas von Celano beschreibt in der Endphase ein Leberleiden mit Bluterbrechen, Bauchwasser und Beinödemen. Das entspricht einer portalen Hypertension. Als Ursachen kommen eine Zirrhose, eine Bilharziose aus dem Nildelta oder eine Amyloidose bei Lepra infrage, ohne Lebererkrankung auch Magengeschwür und Hungerödem.
• Das Fasten des Franziskus erfüllt unabhängig vom religiösen Rahmen die DSM-5-Kriterien einer Anorexia nervosa. Eine Gewichtsphobie verlangt das DSM-5 nicht. „Bruder Esel" benennt die Verkennung des Untergewichts.
• Kulturelle Kongruenz entlastet religiöse Inhalte nicht. Jeder Wahn bedient sich des Materials seiner Kultur.
Quellen
· Gregor IX., Mira circa nos, Bulle zur Heiligsprechung 1228 (EWTN)
· Thomas von Celano, Erste und Zweite Vita des heiligen Franziskus (Medieval Sourcebook, Fordham)
· Thomas von Celano, Das Kruzifix von San Damiano, Vita secunda 10 f. (Vatikan)
· Rudolph M. Bell, Holy Anorexia, Chicago: University of Chicago Press 1985
· Caroline Walker Bynum, Holy Feast and Holy Fast. The Religious Significance of Food to Medieval Women, Berkeley: University of California Press 1987
· Thomas von Spalato und seine Beschreibung des Franziskus in Bologna 1222
· Joanne Schatzlein und Daniel P. Sulmasy, Francis the Leper, Neuausgabe der Studie von 1987
· Historical Clinicopathological Conference 2019: Francis of Assisi, University of Maryland
· Rundschreiben der vier franziskanischen Generalminister zur Untersuchung von 1978 (EWTN)
· Gebeine des Franz von Assisi erstmals öffentlich ausgestellt (ORF, 2026)
· Rămășițele Sfântului Francisc de Assisi, Untersuchungen 1978 und 2015 (Agerpres, 2026)
· Santuario Francescano Fonte Colombo, Kauterisation 1225 (FAI)
· Gallenga et al., Why the SAFE-S Strategy for Trachoma?, Pathogens 12 (2023)
· Statuta Civitatis London, 13 Edw. I (1285), Verbot der Fechtschulen
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