Hochsensibilität und HSP: was die Forschung zur Highly Sensitive Person Scale zeigt

Hochsensibilität und HSP: was die Forschung zur Highly Sensitive Person Scale zeigt

Hochsensibilität und HSP

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Sechs schwebende weiße Porzellanfragmente eines zerbrochenen Gesichts mit offenem Mund vor schwarzem Hintergrund

DESCRIPTION: Wer sich hochsensibel nennt, beruft sich auf ein seit den 1990er Jahren umstrittenes Konstrukt. Was die Highly Sensitive Person Scale misst, und was mit Narzissmus überlappt.

Hochsensibilität in der Kritik: Forschungslage, HSPS-Faktoren und Narzissmus

Hochsensibilität gilt als angeborene Eigenschaft, bei der alles intensiver ankommt. Geräusche, Gerüche, Kunst, Stimmungen, Kritik, Konflikte und die Überforderung nach einem vollen Tag sollen einer hochsensiblen Persönlichkeit stärker begegnen als anderen Menschen. Die Forschung unterstützt dieses Bild mehr schlecht als recht. Die Skala, mit der Hochsensibilität gemessen wird, zerfällt in Teile, die auf verschiedene Persönlichkeitsmerkmale verweisen. Die verbreitete Vorstellung einer gleichmäßig gesteigerten Wahrnehmung passt kaum zur Funktionsweise des Nervensystems. Und jener Teil der Skala, in dem Überforderung und Schonung des eigenen Nervensystems vorkommen, überlappt deutlich mit dem Begriff des vulnerablen Narzissmus. Damit ist weder die Erschöpfung noch die Reizempfindlichkeit derjenigen bestritten, die sich hochsensibel nennen. Beides kommt vor und kann den Alltag einschränken. Fraglich ist der Name, unter dem sehr verschiedene Zustände zusammengefasst werden. Der Name legt eine angeborene Wahrnehmungsart nahe. Messung, klinische Erfahrung und Alltagssprache führen in verschiedene Richtungen.

Was behauptet das Konstrukt Hochsensibilität?

Elaine Aron führte 1997 den Begriff „sensory processing sensitivity“ ein. Sie beschrieb damit ein angeborenes Temperamentsmerkmal: größere Verarbeitungstiefe, leichtere Übererregung, Empfindlichkeit für feine Unterschiede und stärkere Ansprechbarkeit auf innere wie äußere Reize. Ihr Sachbuch machte aus dem Forschungsbegriff die hochsensible Persönlichkeit, kurz HSP. Die häufig wiederholte Zahl lautet: zwanzig bis dreißig Prozent der Bevölkerung. In keinem Klassifikationssystem ist Hochsensibilität eine Diagnose. Weder ICD noch DSM führen sie. Das schließt ein Persönlichkeitsmerkmal aber nicht aus. Es trennt jedoch die HSP-Selbstbeschreibung von Störungen, für die Kriterien, Verlaufsmuster, Ausschlusskriterien und Symptome definiert sind. Die populäre Fassung hat sich noch weiter von Arons Theorie gelöst. Übrig bleibt eine Aussage über die Reizwahrnehmung: dieselbe Welt, dieselben Kategorien, dieselben Worte, alles um einen Faktor verstärkt. Jemand hört Geräusche, riecht Gerüche, spürt Stimmungen und erlebt Kritik intensiver als andere. Der Inhalt der Wahrnehmung bleibt unverändert. Die Behauptung lautet nicht, dass Aufmerksamkeit anders verteilt, Wichtigkeit anders zugeordnet oder ein Sinneskanal mit einem anderen verknüpft wird. Sie lautet: „Alles kommt stärker an.“ Daran hängt ein Problem. Andere Beschreibungen von Neurodivergenz betreffen immer auch die Form der Verarbeitung. Beim Autismus können sich Aufmerksamkeit, Bedeutungszuweisung und die Verarbeitung sozialer Signale verschieben. Bei Alexithymie ist der Zugang zur eigenen Gefühlslage eingeschränkt. Bei Synästhesie verbinden sich Sinneskanäle, die sonst getrennt bleiben. Hochsensibilität behauptet eine Steigerung, deren Wahrnehmungsinhalte vollständig unauffällig bleiben. Gerade deshalb lässt sie sich so leicht mitteilen: Jeder kennt Lärm, Kritik, Kränkung, Erschöpfung und Rückzug. Die HSP-Erzählung ordnet sie einem einzigen Merkmal zu.

Warum die Rede von allgemeiner Verstärkung nicht passt

Das Nervensystem verfügt über viele Wege, um Reize zu filtern, zu gewichten und ihnen Bedeutung zuzuweisen. Thalamische Filterung, hemmende Interneurone der Großhirnrinde, Noradrenalin und Acetylcholin, Aufmerksamkeit, Erwartung und Gewöhnung greifen dabei ineinander. Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmerz, Innenwahrnehmung und soziale Reize laufen weder über denselben Kanal noch über denselben „Lautstärkeregler“. Die populäre HSP-Sprache fasst diese Vorgänge zu grob. Sie legt eine gleichmäßige Steigerung über sämtliche Sinneskanäle, Gefühle und soziale Signale nahe. Für eine solche Gleichförmigkeit gibt es keine physiologische Entsprechung. Reizverarbeitung hängt von Sinnesmodalität, Situation, Vorerfahrung, Aufmerksamkeit, Schlaf, Stress, Schmerz und Erwartung ab. Wer nach einem Arbeitstag Geräusche kaum erträgt, kann am nächsten Morgen in einem Konzert sitzen. Wer auf Kritik empfindlich reagiert, kann grelles Licht ohne Mühe aushalten. Diese Unterschiede sind erklärungsbedürftig. Der Ausdruck „alles intensiver“ passt einfach nicht. Auch eine stärkere zentrale Reizbarkeit hätte keinen sauberen Überschuss der Reizintensität zur Folge. Mit zunehmender allgemeiner Signalwahrnehmung nimmt das Rauschen zu. Gewöhnung an wiederkehrende Reize kann misslingen, Reize konkurrieren stärker um Aufmerksamkeit, Erholung wird schwieriger. Zustände, in denen Übererregung tatsächlich eine Rolle spielt, sind selten angenehm: Migräne, chronische Schmerzen mit zentraler Sensibilisierung, traumaassoziierte Hyperarousal-Zustände und Reizoffenheit im Autismusspektrum können Licht, Geräusche, Berührung und soziale Nähe gleichermaßen schwer erträglich machen. Sie führen zu Erschöpfung, Vermeidung und Funktionsverlust. Der Einwand richtet sich deshalb gegen das attraktive Bild einer selektiven Reizoffenheit, die zugleich Leiden erklärt, besondere Wahrnehmung verheißt, von den Folgen allgemein erhöhter Erregung aber weitgehend verschont bleibt. Reizoffenheit gibt es, eine Verstärkung einzelner Reizarten ohne Verlust an Filterung, Gewöhnung oder Belastbarkeit hingegen nicht.

Was misst die Highly Sensitive Person Scale?

Hochsensibilität wird meist mit der Highly Sensitive Person Scale, der HSPS, gemessen. Sie ist ein Selbstbeurteilungsfragebogen. Psychometrische Arbeiten haben in ihr wiederholt mehrere Bereiche gefunden. Häufig erscheinen drei Faktoren: - Ease of Excitation: die Neigung, sich durch Anforderungen, Zeitdruck, viele Eindrücke oder Überraschungen rasch überfordert zu fühlen. - Low Sensory Threshold: Empfindlichkeit gegenüber hellem Licht, Lärm, starken Gerüchen, kratzigen Stoffen oder Sirenen. - Aesthetic Sensitivity: Ansprechbarkeit für Kunst, Musik, Natur und feine Eindrücke. Daneben wurden Ein-, Zwei-, Fünf- und Sechs-Faktor-Modelle veröffentlicht. Jenseits technischer Details entsteht, je nachdem, welche Stichprobe untersucht wird und wie die Items modelliert werden, ein anderes Bild. Ein Gesamtwert kann daher zwei völlig verschiedene Profile abbilden: hohe ästhetische Ansprechbarkeit bei geringer Überforderung oder starke Überforderung bei geringer ästhetischer Ansprechbarkeit. Die drei Bereiche weisen auch nach außen in verschiedene Richtungen. Aesthetic Sensitivity hängt deutlich mit Offenheit für Erfahrung zusammen. In den Daten von Jauk und Mitarbeitern liegen die Korrelationen etwa zwischen 0,44 und 0,50. Ease of Excitation und Low Sensory Threshold hängen stärker mit Neurotizismus zusammen. Der Name „Hochsensibilität“ übergeht diese Unterschiede, obwohl die Skala eine stabile Einheit gar nicht erzwingt. Entscheidend ist deshalb, wie ein hoher HSPS-Wert zustande kommt. Kunstempfänglichkeit, körperliche Reizaversion und die Erwartung, von Anforderungen überwältigt zu werden, gehören weder psychologisch noch klinisch notwendig zusammen.

Hochsensibilität und vulnerabler Narzissmus

Emanuel Jauk, Madita Knödler, Julia Frenzel und Philipp Kanske nahmen 2022 eine Frage wieder auf, die Aron und Aron 1997 selbst gestellt hatten: Wie verhält sich Hochsensibilität zu Neurotizismus, Bindung und Narzissmus? Die Studie erschien 2023 im Journal of Clinical Psychology. Sie umfasste eine deutsche Gelegenheitsstichprobe mit 280 Teilnehmern und eine nach Alter, Geschlecht und Ethnie repräsentative britische Stichprobe mit 310 Teilnehmern. Die Zusammenhänge sind deutlich. Die Studie fand eine deutliche Überschneidung zwischen hohen HSPS-Werten und einer vulnerablen, leicht kränkbaren Form von Narzissmus. Sie fand nicht, dass Hochsensibilität „eigentlich Narzissmus“ sei oder ein hoher HSPS-Wert eine narzisstische Persönlichkeitsstörung anzeige.

Die HSPS und Maße für vulnerablen beziehungsweise hypersensitiven Narzissmus hängen aber deutlich zusammen. In zwei unabhängigen Stichproben lagen die Korrelationen zwischen r=.44 und r=.54. Vereinfacht heißt das: Wer auf der Hochsensibilitätsskala hohe Werte erreicht, berichtet im Durchschnitt häufiger auch Merkmale wie Kränkbarkeit, Selbstwertverletzbarkeit, Rückzug nach Kritik und die Erfahrung, von anderen zu wenig berücksichtigt zu werden.

Ein Wert von r=.54 ist in der Persönlichkeitsforschung ein starker Zusammenhang. Er bedeutet jedoch nicht Gleichheit. Rechnet man ihn in gemeinsame Varianz um, ergibt sich r² =.29: Rund 29 Prozent dessen, was beide Skalen messen, fällt zusammen. Etwa 71 Prozent bleiben verschieden. Hochsensibilität und vulnerabler Narzissmus teilen also einen beträchtlichen Bereich, sie erfassen aber auch unterschiedliche Erfahrungen und Verhaltensweisen.

Ein Teil des Zusammenhangs hängt mit Neurotizismus zusammen. Neurotizismus meint hier die allgemeine Neigung, Belastungen, Kritik, Unsicherheit und negative Gefühle stärker zu erleben. Als die Autoren diesen gemeinsamen Faktor statistisch herausrechneten, wurden die Zusammenhänge kleiner, verschwanden aber nicht. Für hypersensitiven Narzissmus lagen sie danach noch bei r=.34 und r=.35, für vulnerablen Narzissmus bei r=.24 und r=.30. Die Überschneidung beruht also teilweise auf allgemeiner emotionaler Verletzlichkeit. Allerdings geht sie nicht vollständig darin auf.

Man kann sich die beiden Skalen als zwei Kreise vorstellen:

·        Der erste Kreis enthält ästhetische Empfänglichkeit, Reizüberforderung, Empfindlichkeit für Licht, Lärm oder Kritik und die Neigung, Situationen als zu viel zu erleben.

·        Der zweite Kreis enthält Kränkbarkeit, Selbstwertverletzbarkeit, Rückzug, Scham und die Erwartung, andere müssten die eigene Verletzlichkeit besonders berücksichtigen.

·        Die Kreise überlappen sichtbar, sind aber nicht deckungsgleich.

Ein hoher HSPS-Wert kann daher sehr Unterschiedliches bedeuten. Bei jemandem kann er vor allem aus der Ansprechbarkeit für Kunst, Musik und Natur entstehen. Bei jemand anderem entsteht er aus rascher Überforderung, Vermeidung und der Erfahrung, durch Kritik oder Anforderungen verletzt zu werden. Gerade das zweite Profil lag in der Studie näher am vulnerablen Narzissmus. Neuere Arbeiten beschreiben entsprechend verschiedene Hochsensibilitätsprofile; hohe Ease of Excitation bei vergleichsweise niedriger ästhetischer Sensitivität war mit vulnerablem und hypersensitivem Narzissmus verbunden.

Korrelation beschreibt also eine Überschneidung von Selbstbeschreibungen und Persönlichkeitsmerkmalen. Sie erlaubt keine Diagnose am Einzelfall und keine Gleichsetzung von Hochsensibilität mit Narzissmus. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung folgt aus einem HSPS-Wert erst recht nicht.

Und die Studie erfasst demnach eine Überlappung von Selbstbeschreibungen und Persönlichkeitsmerkmalen: emotionale Kränkbarkeit, Rückzug, Selbstwertvulnerabilität, Introversion und erhöhte Symptombelastung. Grandioser Narzissmus verschwand weitgehend, sobald der vulnerable Anteil statistisch herausgerechnet wurde. Allgemeines Anspruchsdenken zeigte in der ersten Studie keinen Zusammenhang. Gerade darin liegt die Grenze der Beobachtung. Es geht um einen verletzlichen, beschämbaren, auf Rücksicht angewiesenen Anteil der Selbstwertregulation. Die feindselige, ausbeuterische oder demonstrativ überlegene Seite des Narzissmus wird durch die HSPS nicht berührt.

Der Faktor Ease of Excitation

Die Verbindung zwischen Hochsensibilität und vulnerablem Narzissmus liegt fast vollständig in einem Teil der Skala: Ease of Excitation. Gemeint ist die Neigung, sich rasch überfordert zu fühlen und den Alltag so zu organisieren, dass er belastende Situationen vermeidet.

Hier waren die Zusammenhänge mit hypersensitivem Narzissmus am stärksten: r=.57 in der deutschen und r=.59 in der britischen Stichprobe. Das sind hohe Werte. Menschen mit hohen Werten auf dieser Skala berichteten im Durchschnitt häufiger auch Kränkbarkeit, Selbstwertverletzbarkeit, Rückzug und die Erfahrung, von ihrer Umgebung nicht ausreichend berücksichtigt zu werden.

Bei der Low Sensory Threshold, also Empfindlichkeit gegenüber Lärm, grellem Licht, Gerüchen oder bestimmten Stoffen, lagen die Werte niedriger, aber immer noch deutlich: r=.42 und r=.44.

Bei der Aesthetic Sensitivity, der Ansprechbarkeit für Musik, Kunst, Natur und feine Eindrücke, fielen sie mit r=.23 und r=.30 wesentlich kleiner aus. Der Teil der Hochsensibilität, der mit Kunstempfänglichkeit zu tun hat, hat also weit weniger mit vulnerablem Narzissmus zu tun als der Teil, der Überforderung und Schonung betrifft.

Was das Ankeritem beschreibt

Ein zentrales Item von Ease of Excitation lautet sinngemäß, jemand richte sein Leben mit hoher Priorität so ein, dass belastende und überwältigende Situationen vermieden werden.

Darin steckt mehr als die Aussage: „Lärm stört mich“ oder „Ich nehme Farben und Musik intensiv wahr.“ Der Satz beschreibt eine Lebensführung, die auf der Vermeidung erwarteter Überforderung ausgerichtet ist. Belastende Situationen werden früh erkannt, gemieden oder so verändert, dass sie nicht zu viel fordern. Die eigene Stabilität hängt dann stärker davon ab, wie vorsichtig der Umgang mit der Umgebung ist und wie viel Rücksicht andere nehmen.

Die Autoren sehen darin eine Verbindung von Empfindlichkeit und Selbstbild: Jemand erlebt sich als verletzlich und entwickelt daraus die Erwartung, dass die Umwelt diese Verletzlichkeit berücksichtigen müsse. Das ist keine Charakterdiagnose jeder hochsensiblen Person. Es beschreibt ein Muster, das bei einem Teil der Befragten gehäuft vorkam.

Drei Gruppen statt einer

Die Autoren fassten die Teilnehmer beider Studien in einer latenten Klassenanalyse zusammen. Diese Methode sucht Gruppen mit ähnlichen Antwortmustern, statt alle Menschen mit hohem Gesamtwert über einen Kamm zu scheren.

Gruppe

Anteil

Typisches Profil

Ästhetisch ansprechbare Gruppe

46 %

Hohe Werte für Kunst, Musik und feine Eindrücke; niedrige Narzissmuswerte

Überforderungsgruppe

31 %

Hohe Ease of Excitation; hohe Werte für hypersensitiven und erhöhte Werte für vulnerablen Narzissmus

Gruppe mit niedrig ausgeprägter Empfindlichkeit

23 %

Niedrige Werte in allen untersuchten Bereichen

Der Gesamtwert „hochsensibel“ kann damit mindestens zwei sehr verschiedene Dinge verdecken. Ein Teil der Befragten war vor allem für ästhetische Erfahrungen empfänglich. Ein anderer Teil beschrieb ein Leben, das sich um Überforderung, Kränkung, Erschöpfung und Vermeidung organisiert.

Entitlement Rage

Die HSPS hing auch mit Entitlement Rage zusammen: r=.33 und r=.40. Gemeint ist Ärger, der entsteht, wenn jemand sich um etwas gebracht oder nicht so behandelt fühlt, wie es ihm nach eigener Auffassung zusteht.

Das beweist keine verdeckte Feindseligkeit bei Menschen, die sich als hochsensibel verstehen. Es zeigt eine mögliche Spannung: Wer sich als außergewöhnlich verletzlich erlebt, kann besondere Rücksicht erwarten. Bleibt diese Rücksicht aus, kann Enttäuschung in Ärger umschlagen. Die Studie ordnet diesen Zusammenhang vor allem dem Faktor Ease of Excitation zu; dort lagen die Werte mit Entitlement Rage bei r=.35 und r=.44.

Praktische Unterscheidung

Für den Alltag ist eine Frage hilfreicher als der Streit um das Etikett:

Steht im Vordergrund die Ergriffenheit durch Kunst, Musik, Natur und feine Beobachtungen oder die Erwartung, dass Anforderungen, Kritik, Menschenmengen und Konflikte unerträglich werden?

Beide Erfahrungen können nebeneinander bestehen. Sie beschreiben jedoch unterschiedliches Erleben. Die erste verweist auf ästhetische Empfänglichkeit. Die zweite verweist auf Überforderung, Vermeidung, Selbstwertverletzbarkeit und den Umgang mit Ansprüchen an die Umgebung. Dieses zweite Muster stand in der Studie dem vulnerablen und hypersensitiven Narzissmus näher.

Die seltsame Leichtigkeit der Selbstbeschreibung

Abweichende Wahrnehmung erzeugt Übersetzungsprobleme. Wer Spezialinteressen verfolgt, kann schwer erklären, warum ein Thema alle anderen Anforderungen aus dem Bewusstsein verdrängt. Wer alexithym ist, findet für die eigene Gefühlslage oft keine Worte. Wer soziale Wichtigkeit anders zuordnet als seine Umgebung, stößt auf wiederkehrendes Unverständnis. Die gemeinsame Sprache reicht an manchen Stellen nicht aus. Das ist das bekannte Double-Empathy-Problem.

Seltsamerweise beeinträchtigt Hochsensibilität dieses wechselseitige Verständnis zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen kaum. Ihre Beschreibungen bleiben rückstandslos allgemein verständlich: Geräusche sind zu laut, Konflikte erschöpfen, Kritik trifft tief, Menschenmengen sind anstrengend, Kunst bewegt. Jeder Zuhörer kennt die Erfahrung und kann zustimmen. Zugleich erhält die Erfahrung den Rang einer angeborenen Andersartigkeit.

Die vollständige Verständlichkeit ist keine Widerlegung. Sie erklärt jedoch einen Teil des Erfolgs. Eine Aussage über die Menge des Empfindens entzieht sich dem Vergleich. Niemand kann in die Innenwelt eines anderen treten und prüfen, ob dieselbe Musik, derselbe Geruch oder dieselbe Bemerkung dort um einen bestimmten Faktor stärker ankommt. Die Behauptung bleibt unvergleichlich und damit schwer widerlegbar. Ihre Überzeugungskraft verdankt sie ihrer Verständlichkeit, die sie aber zugleich jeder äußerlichen Beobachtung unzugänglich macht.

Wer wirklich reizempfindlich ist und kaum darüber spricht

Die HSPS hängt auch mit autistischen Merkmalen und mit Alexithymie zusammen. Beide Zusammenhänge sind bei 'Ease of Excitation' und 'Low Sensory Threshold' stärker ausgeprägt als bei 'Aesthetic Sensitivity'. Das lenkt den Blick auf Menschen, deren Reizempfindlichkeit nicht als positive Eigenschaft erscheint, weil ihnen der sprachliche Zugang zum eigenen Erleben fehlt oder erst spät gelingt. Bei Autismus, ADHS und ihrer Kombination können Geräusche, Licht, Berührungen, Texturen, Gerüche und soziale Interaktionen tatsächlich körperlich belastend sein. Die Schwierigkeit besteht dann oft darin, das eigene Erleben zeitnah zu erkennen und mitzuteilen. Jemand merkt erst nach einer Feier, einer Teamsitzung oder einem Einkauf, dass der Körper längst überlastet war. Übrig bleiben konkrete Sätze: Das Licht tut weh. Der Lärm macht krank. Nach zwanzig Minuten in der Menge geht nichts mehr. Über die innere Verwirrung, die verzögerte Gefühlswahrnehmung oder die unverständliche Reaktion lässt sich weit schlechter sprechen. Solche Patienten kommen selten mit dem Wunsch, als hochsensibel anerkannt zu werden. Sie kommen wegen Erschöpfung, sozialer Zusammenbrüche, ständiger Überlastung oder einer Diagnostik, die sie seit Jahren verschieben. Das HSP-Etikett ist sprachlich günstig für jene, die ihr Innenleben flüssig darstellen können. Diejenigen mit der stärksten Abweichung in Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung verfügen über diese Sprache häufig nicht.

Salpêtrière, Plattformen und öffentliche Form

Die Pariser Salpêtrière war im 19. Jahrhundert eine riesige staatliche Anstalt für arme, alte, chronisch und psychisch Kranke. In den 1870er Jahren übernahm dort der Neurologe Jean-Martin Charcot die Leitung einer Abteilung. Charcot war einer der berühmtesten Ärzte Europas. Er wollte zeigen, dass Hysterie keine Täuschung, keine bloße moralische Schwäche und keine ausschließlich weibliche Eigentümlichkeit sei, sondern ein körperlich erkennbares Krankheitsbild mit wiederkehrenden Gesetzen.

Dafür brauchte er sichtbare Formen. Er ließ Anfälle beobachten, in aufeinanderfolgende Phasen gliedern, zeichnen, fotografieren und vor Publikum zeigen. Seine wöchentlichen Leçons du mardi, die Dienstagsvorlesungen, zogen Ärzte, Studenten, Schriftsteller, Künstler und ausländische Besucher an. Patientinnen wurden dort in Krisen vorgeführt, hypnotisiert, befragt und als klinische Fälle erläutert. Die Anstalt war Krankenhaus, Hörsaal, Labor und Bühne zugleich.

Die Fotografien erhielten dabei einen besonderen Rang. Zwischen 1876 und 1880 erschien eine mehrbändige Iconographie photographique de la Salpêtrière. Sie versammelte Fallgeschichten, Bilder und Zeichnungen von Patientinnen, denen bestimmte Phasen eines hysterischen Anfalls zugeschrieben wurden: Erstarrung, Verrenkung, dramatische Körperhaltungen, Ekstase, Angst, Flehen oder Zusammenbruch. Paul Regnard fertigte viele der frühen Aufnahmen an. Albert Londe leitete später das fotografische Atelier der Salpêtrière und wurde einer der Pioniere medizinischer Bewegungsfotografie; er wirkte an der ab 1888 erscheinenden Nouvelle Iconographie de la Salpêtrière mit. [

Georges Didi-Huberman hat diesen Zusammenhang in Die Erfindung der Hysterie beschrieben. Sein Argument lautet, Charcot oder seine Patientinnen hätten Hysterie nicht einfach erfunden, sondern es gab eine Wechselbeziehung: Ärzte entwarfen ein Bild des hysterischen Anfalls, die Patientinnen mussten in einer Institution mit klaren Erwartungen und erheblichen Abhängigkeiten auf dieses Bild reagieren, Fotografien hielten die gelungenen Szenen fest, und die gedruckten Bildserien dienten anschließend als Beweis dafür, dass der Anfall genau diese feste Form habe. Das Bild dokumentierte damit nicht nur eine Krankheit. Es half, die Gestalt hervorzubringen, die es später belegen sollte.

Hysterie verschwand nicht. Ihre körperlichen und Empfindungsveränderungen wurden unter F44 als dissoziative Störungen (Konversionsstörungen), also unter anderem Namen, weitergeführt. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Theatralik und emotionalisierender Beziehungsgestaltung erhielten in ICD-10 die Ziffer F60.4 (histrionische Persönlichkeitsstörung). Die neue ICD-11 strich den zweiten Namen, nicht notwendig alle Phänomene, die einst unter ihm beschrieben wurden.

Auch die Neurasthenie zeigt, dass dieser Vorgang nicht erst mit sozialen Plattformen beginnt. Seit dem späten 19. Jahrhundert bündelte sie Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Angst und Verdauungsbeschwerden unter dem Bild erschöpfter Nerven. George Beard erklärte sie zur Krankheit der Moderne. Telegraf, Zeitung, Großstadt, Wettbewerb und geistige Arbeit hätten die Nervenkraft der fortgeschrittensten Gesellschaften verbraucht. Die Diagnose verlieh gewöhnlichen und schwereren Beschwerden eine Form, in der sie zugleich medizinisch, sozial und kulturell lesbar wurden.

Neurasthenie gab realen Beschwerden eine Sprache und stellte zugleich fest, wer in dieser Sprache als krank erscheinen durfte. Wer überlastet war, durfte sich als Opfer einer Zivilisation verstehen, deren Tempo ihn erschöpfte. Das Leiden wurde dadurch aufgewertet: Es konnte als Folge von Bildung, Arbeit, Sensibilität und Teilnahme an der Moderne gelten. Die Kategorie ordnete Symptome, Selbstbild und gesellschaftlichen Rang in einer einzigen Erzählung gesellschaftlicher Eliten.

Neurasthenie und Hysterie waren aber keine neutralen Namen für zwei Naturtatsachen. Sie waren Erzählungen einer medizinischen Elite über die angemessene Form des Leidens einer gesellschaftlichen Elite. Die Neurasthenie gab dem gebildeten Bürger eine ehrenhafte Sprache für Erschöpfung: Seine Nerven galten als verbraucht, weil er den Anforderungen der modernen Welt besonders ausgesetzt war. Hysterie und ihre Nachfolgerin Histrionie legten die entgegengesetzte Deutung über sichtbaren Affekt, Körper und Auftreten: Hier erschien das Leiden als Übermaß, Theatralik oder fehlende Selbstbeherrschung.

Noch Charcots Hysteriepatientinnen an der Salpêtrière waren allerdings mehrheitlich arme Frauen, und viele seiner männlichen Patienten waren Arbeiter und Handwerker. Die Eliten litten nicht allein. Aber sie verfügten über die Institutionen, Bilder und Begriffe, durch die entschieden wurde, welches Leiden als verfeinerte Nervenschwäche und welches als Hysterie lesbar wurde.

Dieselbe Verteilung ist heute wiederzuerkennen. Die Betroffenen liefern Erschöpfung, Überforderung, Reizbarkeit und Rückzug. Ärzte, Ratgeberautoren, Plattformen, Coaches und Algorithmen liefern die Namen, Bilder und Erzählungen, durch die diese Erfahrung einen sozialen Sinn erhält. Auch Hochsensibilität verbindet Beschwerden mit einer positiven Selbstbeschreibung. Erschöpfung, Überforderung und Reizvermeidung werden als Preis einer besonderen Empfänglichkeit lesbar. Der Unterschied liegt im Vokabular. Die Neurasthenie sprach von verbrauchter Nervenkraft; Hochsensibilität spricht von angeborener Reizoffenheit. Beide Formeln machen ein diffuses Leiden verständlich, geben ihm Würde und liefern eine Erklärung dafür, weshalb gerade der Betroffene an Anforderungen leidet, die andere offenbar aushalten.

Diese Geschichte ist für die Gegenwart deshalb interessant, weil psychisches Leiden immer auch eine öffentliche Form annimmt. Was gezeigt, bestätigt, wiederholt und belohnt wird, erhält eine Gestalt, die andere übernehmen können. Die Salpêtrière liefert gewissermaßen eine analoge historische Form, vergleichbar zu sozialen Plattformen. Sie zeigt, wie Diagnose, Bild, Publikum und Selbstdarstellung einander formen können: Jemand bietet eine Erfahrung in wiedererkennbarer Gestalt an. Andere bestätigen sie, übernehmen Wörter und Gesten, ergänzen eigene Varianten. Der Algorithmus der Plattformen belohnt Fassungen, die Likes, Wiedererkennung und Identifikation auslösen. Die erfolgreiche Formulierung wird Teil einer Kategorie.

Die erfolgreiche Formulierung wird Teil einer Kategorie. Der Unterschied zur Geschichte betrifft die Verteilung der Rollen. Patient, Darsteller, Diagnostiker und Publikum sind heute häufig dieselben Plattformnutzer. Sichtbar wird die kommunikativ erfolgreichste Form. Die biologisch oder klinisch typischste muss dabei nicht sichtbar werden.

Aufklärung zu ADHS und HSP

Zur ADHS existiert eine große Literatur gegen populäre Vorurteile. CHADD, Child Mind Institute, Harvard Health und ADDitude wenden sich gegen die Behauptungen, ADHS sei eine Erfindung der Pharmaindustrie, Folge schlechter Erziehung, Ausdruck von Faulheit oder ein Problem von Jungen. Die Menge solcher Aufklärungstexte beweist für sich nichts.

ADHS-Aufklärung zielt auf die Anerkennung von Beeinträchtigung, Diagnostik, Behandlung und Unterstützung. HSP-Aufklärung sichert den positiven Wert der Empfindsamkeit. Sie versichert, Hochsensibilität sei keine Schwäche, keine Überempfindlichkeit, keine Störung und keine Form des Überreagierens. Empfindlichkeit erscheint als verborgene Stärke. Daraus folgt eine andere Konfliktform. Ein Stigma führt häufig zu Rückzug, weil jede öffentliche Äußerung die abwertende Zuschreibung zu bestätigen scheint. Ein positives Identitätsangebot verlangt Verteidigung, wenn ihm der Status streitig gemacht wird. Deshalb gehört die vorsorgliche Zurückweisung von Überreagieren, Beleidigtsein oder Dramatik zum festen Bestand vieler HSP-Texte.

Wer an Hochsensibilität verdient

Im englischsprachigen Raum bündelt Highly Sensitive Refuge einen Großteil der Reichweite. Das Angebot wird von Jenn Granneman und Andre Sólo geführt. Beide verkaufen zugleich Sachbücher zum Thema. Nach eigenen Angaben erreicht die Seite 1,3 Millionen Leser im Monat. Daneben stehen Persönlichkeitstests, Blogs, Beratungsangebote und Einzelpraxen, deren HSP-Texte der Kundengewinnung dienen.

Im deutschsprachigen Raum hängt am Begriff ein Ausbildungsmarkt. Private Institute und Akademien bieten Zertifikate für HSP-Coaches, Fachberater für Hochsensibilität und Hochsensibilitätstherapeuten an. Wer ein Zertifikat verkauft, braucht eine Kategorie, die fortbesteht und an Anerkennung gewinnt. Daraus folgt keine psychologische Aussage über jeden Anbieter. Es erklärt, warum Texte zur Verteidigung und Verbreitung der Kategorie eine ökonomische Funktion haben. Auffällig bleibt, wer die Kontroverse benennt: Wissenschaftsredaktionen wie Spektrum der Wissenschaft, Quarks und die Apotheken Umschau. Sie verkaufen weder HSP-Tests noch HSP‑Ausbildungen. Ihre Texte sind nicht frei von Vereinfachung. Ihr Geschäftsmodell hängt jedoch nicht an der Stabilisierung des Begriffs.

Was übrig bleibt

Die Beschwerden, die unter dem Etikett Hochsensibilität geschildert werden, lassen sich in bekannten Zusammenhängen prüfen: soziale Angst, ängstlich-vermeidende Züge, Trauma mit Hypervigilanz, depressive Erschöpfung, Migräne, spät erkannter Autismus bei Frauen, ADHS mit emotionaler Dysregulation, AuDHS oder Neurotizismus ohne Krankheitswert. Jede dieser Möglichkeiten verlangt eine andere Frage nach Beginn, Auslöser, Körper, Beziehung und Vermeidung. Bei sozialer Angst richtet sich die Empfindlichkeit häufig auf Bewertung, Kritik, Beschämung und bestimmte Gruppen.

Bei Traumafolgen besitzt sie oft eine erkennbare Bedrohungslogik: Bestimmte Stimmen, Räume, Blicke oder Konstellationen lösen Alarm aus. Sensorische Überreaktivität richtet sich dagegen auf Geräusch, Textur, Licht oder Geruch, besteht oft seit der Kindheit und bleibt von der Frage unabhängig, wer zusieht. Diese Unterscheidung leistet mehr als ein Streit um das Wort Hochsensibilität.

Auch Reizreduktion hat keine einheitliche Bedeutung. Bei sensorischer Überreaktivität kann sie notwendig sein. Bei sozialer Angst und vermeidender Struktur kann sie einen Zustand festschreiben, weil sie kurzfristig entlastet und die erwartete Gefahr unangetastet lässt. Bei Traumafolgen kann Rückzug die Übererregung stabilisieren, wenn er zum dauerhaften Organisationsprinzip wird. Die Entscheidung verlangt deshalb eine präzise Beschreibung dessen, was gemieden wird, wann es begann und was die Vermeidung erhält. Ein Konstrukt ohne eigenen Rest verliert seinen klinischen Gegenstand.

Hochsensibilität bündelt Erfahrungen, die ernst genommen werden müssen. Der Begriff selbst erspart die Arbeit der Unterscheidung. Er macht aus Reizschmerz, Kunstempfänglichkeit, Erschöpfung, brüchigem Selbstwert, sozialer Angst und Überforderung eine Eigenschaft. Das ist seine soziale Stärke und seine theoretische Schwäche.

Das Wichtigste in Kürze

•            Hochsensibilität ist weder in der ICD noch im DSM als Diagnose geführt.

•            Die HSPS bildet keinen eindeutig stabilen Gesamtgegenstand ab. Veröffentlicht wurden Ein-, Zwei-, Drei-, Fünf- und Sechs-Faktor-Lösungen.

•            Aesthetic Sensitivity hängt mit Offenheit für Erfahrung zusammen. Ease of Excitation und Low Sensory Threshold stehen näher am Neurotizismus.

•            Die populäre Vorstellung, sämtliche Reize und Gefühle kämen bei HSP gleichmäßig stärker an, passt kaum zur bereichs- und situationsabhängigen Reizverarbeitung des Nervensystems.

•            In zwei Studien korrelierte die HSPS mit hypersensitivem Narzissmus zu r = .53 und r = .54 sowie mit vulnerablem Narzissmus zu r = .44 und r = .54. Die Zusammenhänge blieben nach Kontrolle für Neurotizismus bestehen.

•            Die Verbindung stammt vor allem aus Ease of Excitation, also aus der Neigung zu Überforderung und Vermeidung.

•            Eine latente Klassenanalyse unterschied eine Gruppe mit ästhetischer Ansprechbarkeit und niedrigen Narzissmuswerten von einer Gruppe mit hoher Übererregbarkeit und erhöhtem vulnerablem Narzissmus.

•            Tatsächliche sensorische Überreaktivität kann bei Autismus, ADHS, AuDHS, Migräne, Schmerzsyndromen oder traumaassoziierter Übererregung auftreten. Das HSP-Etikett ersetzt keine Abklärung.

•            Öffentliche HSP-Erzählungen entstehen im Austausch von Selbstdarstellung, Zustimmung, Wiederholung und Plattformlogik.

•            Reizvermeidung kann bei echter sensorischer Überlastung schützen. Bei Angst und traumabezogener Vermeidung kann sie die Belastung erhalten.

Quellen

·        Aron, E. N., & Aron, A. (1997). Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345–368.

·        Jauk, E., Knödler, M., Frenzel, J., & Kanske, P. (2023). Do highly sensitive persons display hypersensitive narcissism? Similarities and differences in the nomological networks of sensory processing sensitivity and vulnerable narcissism. Journal of Clinical Psychology, 79(1), 228–254.

·        Smolewska, K. A., McCabe, S. B., & Woody, E. Z. (2006). A psychometric evaluation of the Highly Sensitive Person Scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and Big Five. Personality and Individual Differences, 40(6), 1269–1279.

·        Grimen, H. L., & Diseth, Å. (2016). Sensory processing sensitivity: Factors of the Highly Sensitive Person Scale and their relationships to personality traits. Scandinavian Journal of Psychology, 57(4), 304–312.

·        Didi-Huberman, G. (1982). Invention de l’hystérie: Charcot et l’iconographie photographique de la Salpêtrière. Paris: Macula.

·        Spektrum der Wissenschaft. Hochsensibilität: Der Streit um die Feinfühligkeit.

·        Quarks. Hochsensibilität: Gibt es das?

·        Apotheken Umschau. Hochsensibilität: Wie sie sich zeigt und was Betroffenen hilft.

·        Highly Sensitive Refuge. About Us.

·        CHADD. ADHD Myths and Misunderstandings.

·        IEK Berlin. Ausbildung Hochsensibilitätstherapeut und HSP-Coach.


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Hochsensibilität gilt als angeborene Eigenschaft, bei der alles intensiver ankommt. Geräusche, Gerüche, Kunst, Stimmungen, Kritik, Konflikte und die Überforderung nach einem vollen Tag sollen einer hochsensiblen Persönlichkeit stärker begegnen als anderen Menschen. Die Forschung unterstützt dieses Bild mehr schlecht als recht. Die Skala, mit der Hochsensibilität gemessen wird, zerfällt in Teile, die auf verschiedene Persönlichkeitsmerkmale verweisen. Die verbreitete Vorstellung einer gleichmäßig gesteigerten Wahrnehmung passt kaum zur Funktionsweise des Nervensystems. Und jener Teil der Skala, in dem Überforderung und Schonung des eigenen Nervensystems vorkommen, überlappt deutlich mit dem Begriff des vulnerablen Narzissmus. Damit ist weder die Erschöpfung noch die Reizempfindlichkeit derjenigen bestritten, die sich hochsensibel nennen. Beides kommt vor und kann den Alltag einschränken. Fraglich ist der Name, unter dem sehr verschiedene Zustände zusammengefasst werden. Der Name legt eine angeborene Wahrnehmungsart nahe. Messung, klinische Erfahrung und Alltagssprache führen in verschiedene Richtungen.

Was behauptet das Konstrukt Hochsensibilität?

Elaine Aron führte 1997 den Begriff „sensory processing sensitivity“ ein. Sie beschrieb damit ein angeborenes Temperamentsmerkmal: größere Verarbeitungstiefe, leichtere Übererregung, Empfindlichkeit für feine Unterschiede und stärkere Ansprechbarkeit auf innere wie äußere Reize. Ihr Sachbuch machte aus dem Forschungsbegriff die hochsensible Persönlichkeit, kurz HSP. Die häufig wiederholte Zahl lautet: zwanzig bis dreißig Prozent der Bevölkerung. In keinem Klassifikationssystem ist Hochsensibilität eine Diagnose. Weder ICD noch DSM führen sie. Das schließt ein Persönlichkeitsmerkmal aber nicht aus. Es trennt jedoch die HSP-Selbstbeschreibung von Störungen, für die Kriterien, Verlaufsmuster, Ausschlusskriterien und Symptome definiert sind. Die populäre Fassung hat sich noch weiter von Arons Theorie gelöst. Übrig bleibt eine Aussage über die Reizwahrnehmung: dieselbe Welt, dieselben Kategorien, dieselben Worte, alles um einen Faktor verstärkt. Jemand hört Geräusche, riecht Gerüche, spürt Stimmungen und erlebt Kritik intensiver als andere. Der Inhalt der Wahrnehmung bleibt unverändert. Die Behauptung lautet nicht, dass Aufmerksamkeit anders verteilt, Wichtigkeit anders zugeordnet oder ein Sinneskanal mit einem anderen verknüpft wird. Sie lautet: „Alles kommt stärker an.“ Daran hängt ein Problem. Andere Beschreibungen von Neurodivergenz betreffen immer auch die Form der Verarbeitung. Beim Autismus können sich Aufmerksamkeit, Bedeutungszuweisung und die Verarbeitung sozialer Signale verschieben. Bei Alexithymie ist der Zugang zur eigenen Gefühlslage eingeschränkt. Bei Synästhesie verbinden sich Sinneskanäle, die sonst getrennt bleiben. Hochsensibilität behauptet eine Steigerung, deren Wahrnehmungsinhalte vollständig unauffällig bleiben. Gerade deshalb lässt sie sich so leicht mitteilen: Jeder kennt Lärm, Kritik, Kränkung, Erschöpfung und Rückzug. Die HSP-Erzählung ordnet sie einem einzigen Merkmal zu.

Warum die Rede von allgemeiner Verstärkung nicht passt

Das Nervensystem verfügt über viele Wege, um Reize zu filtern, zu gewichten und ihnen Bedeutung zuzuweisen. Thalamische Filterung, hemmende Interneurone der Großhirnrinde, Noradrenalin und Acetylcholin, Aufmerksamkeit, Erwartung und Gewöhnung greifen dabei ineinander. Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmerz, Innenwahrnehmung und soziale Reize laufen weder über denselben Kanal noch über denselben „Lautstärkeregler“. Die populäre HSP-Sprache fasst diese Vorgänge zu grob. Sie legt eine gleichmäßige Steigerung über sämtliche Sinneskanäle, Gefühle und soziale Signale nahe. Für eine solche Gleichförmigkeit gibt es keine physiologische Entsprechung. Reizverarbeitung hängt von Sinnesmodalität, Situation, Vorerfahrung, Aufmerksamkeit, Schlaf, Stress, Schmerz und Erwartung ab. Wer nach einem Arbeitstag Geräusche kaum erträgt, kann am nächsten Morgen in einem Konzert sitzen. Wer auf Kritik empfindlich reagiert, kann grelles Licht ohne Mühe aushalten. Diese Unterschiede sind erklärungsbedürftig. Der Ausdruck „alles intensiver“ passt einfach nicht. Auch eine stärkere zentrale Reizbarkeit hätte keinen sauberen Überschuss der Reizintensität zur Folge. Mit zunehmender allgemeiner Signalwahrnehmung nimmt das Rauschen zu. Gewöhnung an wiederkehrende Reize kann misslingen, Reize konkurrieren stärker um Aufmerksamkeit, Erholung wird schwieriger. Zustände, in denen Übererregung tatsächlich eine Rolle spielt, sind selten angenehm: Migräne, chronische Schmerzen mit zentraler Sensibilisierung, traumaassoziierte Hyperarousal-Zustände und Reizoffenheit im Autismusspektrum können Licht, Geräusche, Berührung und soziale Nähe gleichermaßen schwer erträglich machen. Sie führen zu Erschöpfung, Vermeidung und Funktionsverlust. Der Einwand richtet sich deshalb gegen das attraktive Bild einer selektiven Reizoffenheit, die zugleich Leiden erklärt, besondere Wahrnehmung verheißt, von den Folgen allgemein erhöhter Erregung aber weitgehend verschont bleibt. Reizoffenheit gibt es, eine Verstärkung einzelner Reizarten ohne Verlust an Filterung, Gewöhnung oder Belastbarkeit hingegen nicht.

Was misst die Highly Sensitive Person Scale?

Hochsensibilität wird meist mit der Highly Sensitive Person Scale, der HSPS, gemessen. Sie ist ein Selbstbeurteilungsfragebogen. Psychometrische Arbeiten haben in ihr wiederholt mehrere Bereiche gefunden. Häufig erscheinen drei Faktoren: - Ease of Excitation: die Neigung, sich durch Anforderungen, Zeitdruck, viele Eindrücke oder Überraschungen rasch überfordert zu fühlen. - Low Sensory Threshold: Empfindlichkeit gegenüber hellem Licht, Lärm, starken Gerüchen, kratzigen Stoffen oder Sirenen. - Aesthetic Sensitivity: Ansprechbarkeit für Kunst, Musik, Natur und feine Eindrücke. Daneben wurden Ein-, Zwei-, Fünf- und Sechs-Faktor-Modelle veröffentlicht. Jenseits technischer Details entsteht, je nachdem, welche Stichprobe untersucht wird und wie die Items modelliert werden, ein anderes Bild. Ein Gesamtwert kann daher zwei völlig verschiedene Profile abbilden: hohe ästhetische Ansprechbarkeit bei geringer Überforderung oder starke Überforderung bei geringer ästhetischer Ansprechbarkeit. Die drei Bereiche weisen auch nach außen in verschiedene Richtungen. Aesthetic Sensitivity hängt deutlich mit Offenheit für Erfahrung zusammen. In den Daten von Jauk und Mitarbeitern liegen die Korrelationen etwa zwischen 0,44 und 0,50. Ease of Excitation und Low Sensory Threshold hängen stärker mit Neurotizismus zusammen. Der Name „Hochsensibilität“ übergeht diese Unterschiede, obwohl die Skala eine stabile Einheit gar nicht erzwingt. Entscheidend ist deshalb, wie ein hoher HSPS-Wert zustande kommt. Kunstempfänglichkeit, körperliche Reizaversion und die Erwartung, von Anforderungen überwältigt zu werden, gehören weder psychologisch noch klinisch notwendig zusammen.

Hochsensibilität und vulnerabler Narzissmus

Emanuel Jauk, Madita Knödler, Julia Frenzel und Philipp Kanske nahmen 2022 eine Frage wieder auf, die Aron und Aron 1997 selbst gestellt hatten: Wie verhält sich Hochsensibilität zu Neurotizismus, Bindung und Narzissmus? Die Studie erschien 2023 im Journal of Clinical Psychology. Sie umfasste eine deutsche Gelegenheitsstichprobe mit 280 Teilnehmern und eine nach Alter, Geschlecht und Ethnie repräsentative britische Stichprobe mit 310 Teilnehmern. Die Zusammenhänge sind deutlich. Die Studie fand eine deutliche Überschneidung zwischen hohen HSPS-Werten und einer vulnerablen, leicht kränkbaren Form von Narzissmus. Sie fand nicht, dass Hochsensibilität „eigentlich Narzissmus“ sei oder ein hoher HSPS-Wert eine narzisstische Persönlichkeitsstörung anzeige.

Die HSPS und Maße für vulnerablen beziehungsweise hypersensitiven Narzissmus hängen aber deutlich zusammen. In zwei unabhängigen Stichproben lagen die Korrelationen zwischen r=.44 und r=.54. Vereinfacht heißt das: Wer auf der Hochsensibilitätsskala hohe Werte erreicht, berichtet im Durchschnitt häufiger auch Merkmale wie Kränkbarkeit, Selbstwertverletzbarkeit, Rückzug nach Kritik und die Erfahrung, von anderen zu wenig berücksichtigt zu werden.

Ein Wert von r=.54 ist in der Persönlichkeitsforschung ein starker Zusammenhang. Er bedeutet jedoch nicht Gleichheit. Rechnet man ihn in gemeinsame Varianz um, ergibt sich r² =.29: Rund 29 Prozent dessen, was beide Skalen messen, fällt zusammen. Etwa 71 Prozent bleiben verschieden. Hochsensibilität und vulnerabler Narzissmus teilen also einen beträchtlichen Bereich, sie erfassen aber auch unterschiedliche Erfahrungen und Verhaltensweisen.

Ein Teil des Zusammenhangs hängt mit Neurotizismus zusammen. Neurotizismus meint hier die allgemeine Neigung, Belastungen, Kritik, Unsicherheit und negative Gefühle stärker zu erleben. Als die Autoren diesen gemeinsamen Faktor statistisch herausrechneten, wurden die Zusammenhänge kleiner, verschwanden aber nicht. Für hypersensitiven Narzissmus lagen sie danach noch bei r=.34 und r=.35, für vulnerablen Narzissmus bei r=.24 und r=.30. Die Überschneidung beruht also teilweise auf allgemeiner emotionaler Verletzlichkeit. Allerdings geht sie nicht vollständig darin auf.

Man kann sich die beiden Skalen als zwei Kreise vorstellen:

·        Der erste Kreis enthält ästhetische Empfänglichkeit, Reizüberforderung, Empfindlichkeit für Licht, Lärm oder Kritik und die Neigung, Situationen als zu viel zu erleben.

·        Der zweite Kreis enthält Kränkbarkeit, Selbstwertverletzbarkeit, Rückzug, Scham und die Erwartung, andere müssten die eigene Verletzlichkeit besonders berücksichtigen.

·        Die Kreise überlappen sichtbar, sind aber nicht deckungsgleich.

Ein hoher HSPS-Wert kann daher sehr Unterschiedliches bedeuten. Bei jemandem kann er vor allem aus der Ansprechbarkeit für Kunst, Musik und Natur entstehen. Bei jemand anderem entsteht er aus rascher Überforderung, Vermeidung und der Erfahrung, durch Kritik oder Anforderungen verletzt zu werden. Gerade das zweite Profil lag in der Studie näher am vulnerablen Narzissmus. Neuere Arbeiten beschreiben entsprechend verschiedene Hochsensibilitätsprofile; hohe Ease of Excitation bei vergleichsweise niedriger ästhetischer Sensitivität war mit vulnerablem und hypersensitivem Narzissmus verbunden.

Korrelation beschreibt also eine Überschneidung von Selbstbeschreibungen und Persönlichkeitsmerkmalen. Sie erlaubt keine Diagnose am Einzelfall und keine Gleichsetzung von Hochsensibilität mit Narzissmus. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung folgt aus einem HSPS-Wert erst recht nicht.

Und die Studie erfasst demnach eine Überlappung von Selbstbeschreibungen und Persönlichkeitsmerkmalen: emotionale Kränkbarkeit, Rückzug, Selbstwertvulnerabilität, Introversion und erhöhte Symptombelastung. Grandioser Narzissmus verschwand weitgehend, sobald der vulnerable Anteil statistisch herausgerechnet wurde. Allgemeines Anspruchsdenken zeigte in der ersten Studie keinen Zusammenhang. Gerade darin liegt die Grenze der Beobachtung. Es geht um einen verletzlichen, beschämbaren, auf Rücksicht angewiesenen Anteil der Selbstwertregulation. Die feindselige, ausbeuterische oder demonstrativ überlegene Seite des Narzissmus wird durch die HSPS nicht berührt.

Der Faktor Ease of Excitation

Die Verbindung zwischen Hochsensibilität und vulnerablem Narzissmus liegt fast vollständig in einem Teil der Skala: Ease of Excitation. Gemeint ist die Neigung, sich rasch überfordert zu fühlen und den Alltag so zu organisieren, dass er belastende Situationen vermeidet.

Hier waren die Zusammenhänge mit hypersensitivem Narzissmus am stärksten: r=.57 in der deutschen und r=.59 in der britischen Stichprobe. Das sind hohe Werte. Menschen mit hohen Werten auf dieser Skala berichteten im Durchschnitt häufiger auch Kränkbarkeit, Selbstwertverletzbarkeit, Rückzug und die Erfahrung, von ihrer Umgebung nicht ausreichend berücksichtigt zu werden.

Bei der Low Sensory Threshold, also Empfindlichkeit gegenüber Lärm, grellem Licht, Gerüchen oder bestimmten Stoffen, lagen die Werte niedriger, aber immer noch deutlich: r=.42 und r=.44.

Bei der Aesthetic Sensitivity, der Ansprechbarkeit für Musik, Kunst, Natur und feine Eindrücke, fielen sie mit r=.23 und r=.30 wesentlich kleiner aus. Der Teil der Hochsensibilität, der mit Kunstempfänglichkeit zu tun hat, hat also weit weniger mit vulnerablem Narzissmus zu tun als der Teil, der Überforderung und Schonung betrifft.

Was das Ankeritem beschreibt

Ein zentrales Item von Ease of Excitation lautet sinngemäß, jemand richte sein Leben mit hoher Priorität so ein, dass belastende und überwältigende Situationen vermieden werden.

Darin steckt mehr als die Aussage: „Lärm stört mich“ oder „Ich nehme Farben und Musik intensiv wahr.“ Der Satz beschreibt eine Lebensführung, die auf der Vermeidung erwarteter Überforderung ausgerichtet ist. Belastende Situationen werden früh erkannt, gemieden oder so verändert, dass sie nicht zu viel fordern. Die eigene Stabilität hängt dann stärker davon ab, wie vorsichtig der Umgang mit der Umgebung ist und wie viel Rücksicht andere nehmen.

Die Autoren sehen darin eine Verbindung von Empfindlichkeit und Selbstbild: Jemand erlebt sich als verletzlich und entwickelt daraus die Erwartung, dass die Umwelt diese Verletzlichkeit berücksichtigen müsse. Das ist keine Charakterdiagnose jeder hochsensiblen Person. Es beschreibt ein Muster, das bei einem Teil der Befragten gehäuft vorkam.

Drei Gruppen statt einer

Die Autoren fassten die Teilnehmer beider Studien in einer latenten Klassenanalyse zusammen. Diese Methode sucht Gruppen mit ähnlichen Antwortmustern, statt alle Menschen mit hohem Gesamtwert über einen Kamm zu scheren.

Gruppe

Anteil

Typisches Profil

Ästhetisch ansprechbare Gruppe

46 %

Hohe Werte für Kunst, Musik und feine Eindrücke; niedrige Narzissmuswerte

Überforderungsgruppe

31 %

Hohe Ease of Excitation; hohe Werte für hypersensitiven und erhöhte Werte für vulnerablen Narzissmus

Gruppe mit niedrig ausgeprägter Empfindlichkeit

23 %

Niedrige Werte in allen untersuchten Bereichen

Der Gesamtwert „hochsensibel“ kann damit mindestens zwei sehr verschiedene Dinge verdecken. Ein Teil der Befragten war vor allem für ästhetische Erfahrungen empfänglich. Ein anderer Teil beschrieb ein Leben, das sich um Überforderung, Kränkung, Erschöpfung und Vermeidung organisiert.

Entitlement Rage

Die HSPS hing auch mit Entitlement Rage zusammen: r=.33 und r=.40. Gemeint ist Ärger, der entsteht, wenn jemand sich um etwas gebracht oder nicht so behandelt fühlt, wie es ihm nach eigener Auffassung zusteht.

Das beweist keine verdeckte Feindseligkeit bei Menschen, die sich als hochsensibel verstehen. Es zeigt eine mögliche Spannung: Wer sich als außergewöhnlich verletzlich erlebt, kann besondere Rücksicht erwarten. Bleibt diese Rücksicht aus, kann Enttäuschung in Ärger umschlagen. Die Studie ordnet diesen Zusammenhang vor allem dem Faktor Ease of Excitation zu; dort lagen die Werte mit Entitlement Rage bei r=.35 und r=.44.

Praktische Unterscheidung

Für den Alltag ist eine Frage hilfreicher als der Streit um das Etikett:

Steht im Vordergrund die Ergriffenheit durch Kunst, Musik, Natur und feine Beobachtungen oder die Erwartung, dass Anforderungen, Kritik, Menschenmengen und Konflikte unerträglich werden?

Beide Erfahrungen können nebeneinander bestehen. Sie beschreiben jedoch unterschiedliches Erleben. Die erste verweist auf ästhetische Empfänglichkeit. Die zweite verweist auf Überforderung, Vermeidung, Selbstwertverletzbarkeit und den Umgang mit Ansprüchen an die Umgebung. Dieses zweite Muster stand in der Studie dem vulnerablen und hypersensitiven Narzissmus näher.

Die seltsame Leichtigkeit der Selbstbeschreibung

Abweichende Wahrnehmung erzeugt Übersetzungsprobleme. Wer Spezialinteressen verfolgt, kann schwer erklären, warum ein Thema alle anderen Anforderungen aus dem Bewusstsein verdrängt. Wer alexithym ist, findet für die eigene Gefühlslage oft keine Worte. Wer soziale Wichtigkeit anders zuordnet als seine Umgebung, stößt auf wiederkehrendes Unverständnis. Die gemeinsame Sprache reicht an manchen Stellen nicht aus. Das ist das bekannte Double-Empathy-Problem.

Seltsamerweise beeinträchtigt Hochsensibilität dieses wechselseitige Verständnis zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen kaum. Ihre Beschreibungen bleiben rückstandslos allgemein verständlich: Geräusche sind zu laut, Konflikte erschöpfen, Kritik trifft tief, Menschenmengen sind anstrengend, Kunst bewegt. Jeder Zuhörer kennt die Erfahrung und kann zustimmen. Zugleich erhält die Erfahrung den Rang einer angeborenen Andersartigkeit.

Die vollständige Verständlichkeit ist keine Widerlegung. Sie erklärt jedoch einen Teil des Erfolgs. Eine Aussage über die Menge des Empfindens entzieht sich dem Vergleich. Niemand kann in die Innenwelt eines anderen treten und prüfen, ob dieselbe Musik, derselbe Geruch oder dieselbe Bemerkung dort um einen bestimmten Faktor stärker ankommt. Die Behauptung bleibt unvergleichlich und damit schwer widerlegbar. Ihre Überzeugungskraft verdankt sie ihrer Verständlichkeit, die sie aber zugleich jeder äußerlichen Beobachtung unzugänglich macht.

Wer wirklich reizempfindlich ist und kaum darüber spricht

Die HSPS hängt auch mit autistischen Merkmalen und mit Alexithymie zusammen. Beide Zusammenhänge sind bei 'Ease of Excitation' und 'Low Sensory Threshold' stärker ausgeprägt als bei 'Aesthetic Sensitivity'. Das lenkt den Blick auf Menschen, deren Reizempfindlichkeit nicht als positive Eigenschaft erscheint, weil ihnen der sprachliche Zugang zum eigenen Erleben fehlt oder erst spät gelingt. Bei Autismus, ADHS und ihrer Kombination können Geräusche, Licht, Berührungen, Texturen, Gerüche und soziale Interaktionen tatsächlich körperlich belastend sein. Die Schwierigkeit besteht dann oft darin, das eigene Erleben zeitnah zu erkennen und mitzuteilen. Jemand merkt erst nach einer Feier, einer Teamsitzung oder einem Einkauf, dass der Körper längst überlastet war. Übrig bleiben konkrete Sätze: Das Licht tut weh. Der Lärm macht krank. Nach zwanzig Minuten in der Menge geht nichts mehr. Über die innere Verwirrung, die verzögerte Gefühlswahrnehmung oder die unverständliche Reaktion lässt sich weit schlechter sprechen. Solche Patienten kommen selten mit dem Wunsch, als hochsensibel anerkannt zu werden. Sie kommen wegen Erschöpfung, sozialer Zusammenbrüche, ständiger Überlastung oder einer Diagnostik, die sie seit Jahren verschieben. Das HSP-Etikett ist sprachlich günstig für jene, die ihr Innenleben flüssig darstellen können. Diejenigen mit der stärksten Abweichung in Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung verfügen über diese Sprache häufig nicht.

Salpêtrière, Plattformen und öffentliche Form

Die Pariser Salpêtrière war im 19. Jahrhundert eine riesige staatliche Anstalt für arme, alte, chronisch und psychisch Kranke. In den 1870er Jahren übernahm dort der Neurologe Jean-Martin Charcot die Leitung einer Abteilung. Charcot war einer der berühmtesten Ärzte Europas. Er wollte zeigen, dass Hysterie keine Täuschung, keine bloße moralische Schwäche und keine ausschließlich weibliche Eigentümlichkeit sei, sondern ein körperlich erkennbares Krankheitsbild mit wiederkehrenden Gesetzen.

Dafür brauchte er sichtbare Formen. Er ließ Anfälle beobachten, in aufeinanderfolgende Phasen gliedern, zeichnen, fotografieren und vor Publikum zeigen. Seine wöchentlichen Leçons du mardi, die Dienstagsvorlesungen, zogen Ärzte, Studenten, Schriftsteller, Künstler und ausländische Besucher an. Patientinnen wurden dort in Krisen vorgeführt, hypnotisiert, befragt und als klinische Fälle erläutert. Die Anstalt war Krankenhaus, Hörsaal, Labor und Bühne zugleich.

Die Fotografien erhielten dabei einen besonderen Rang. Zwischen 1876 und 1880 erschien eine mehrbändige Iconographie photographique de la Salpêtrière. Sie versammelte Fallgeschichten, Bilder und Zeichnungen von Patientinnen, denen bestimmte Phasen eines hysterischen Anfalls zugeschrieben wurden: Erstarrung, Verrenkung, dramatische Körperhaltungen, Ekstase, Angst, Flehen oder Zusammenbruch. Paul Regnard fertigte viele der frühen Aufnahmen an. Albert Londe leitete später das fotografische Atelier der Salpêtrière und wurde einer der Pioniere medizinischer Bewegungsfotografie; er wirkte an der ab 1888 erscheinenden Nouvelle Iconographie de la Salpêtrière mit. [

Georges Didi-Huberman hat diesen Zusammenhang in Die Erfindung der Hysterie beschrieben. Sein Argument lautet, Charcot oder seine Patientinnen hätten Hysterie nicht einfach erfunden, sondern es gab eine Wechselbeziehung: Ärzte entwarfen ein Bild des hysterischen Anfalls, die Patientinnen mussten in einer Institution mit klaren Erwartungen und erheblichen Abhängigkeiten auf dieses Bild reagieren, Fotografien hielten die gelungenen Szenen fest, und die gedruckten Bildserien dienten anschließend als Beweis dafür, dass der Anfall genau diese feste Form habe. Das Bild dokumentierte damit nicht nur eine Krankheit. Es half, die Gestalt hervorzubringen, die es später belegen sollte.

Hysterie verschwand nicht. Ihre körperlichen und Empfindungsveränderungen wurden unter F44 als dissoziative Störungen (Konversionsstörungen), also unter anderem Namen, weitergeführt. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Theatralik und emotionalisierender Beziehungsgestaltung erhielten in ICD-10 die Ziffer F60.4 (histrionische Persönlichkeitsstörung). Die neue ICD-11 strich den zweiten Namen, nicht notwendig alle Phänomene, die einst unter ihm beschrieben wurden.

Auch die Neurasthenie zeigt, dass dieser Vorgang nicht erst mit sozialen Plattformen beginnt. Seit dem späten 19. Jahrhundert bündelte sie Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Angst und Verdauungsbeschwerden unter dem Bild erschöpfter Nerven. George Beard erklärte sie zur Krankheit der Moderne. Telegraf, Zeitung, Großstadt, Wettbewerb und geistige Arbeit hätten die Nervenkraft der fortgeschrittensten Gesellschaften verbraucht. Die Diagnose verlieh gewöhnlichen und schwereren Beschwerden eine Form, in der sie zugleich medizinisch, sozial und kulturell lesbar wurden.

Neurasthenie gab realen Beschwerden eine Sprache und stellte zugleich fest, wer in dieser Sprache als krank erscheinen durfte. Wer überlastet war, durfte sich als Opfer einer Zivilisation verstehen, deren Tempo ihn erschöpfte. Das Leiden wurde dadurch aufgewertet: Es konnte als Folge von Bildung, Arbeit, Sensibilität und Teilnahme an der Moderne gelten. Die Kategorie ordnete Symptome, Selbstbild und gesellschaftlichen Rang in einer einzigen Erzählung gesellschaftlicher Eliten.

Neurasthenie und Hysterie waren aber keine neutralen Namen für zwei Naturtatsachen. Sie waren Erzählungen einer medizinischen Elite über die angemessene Form des Leidens einer gesellschaftlichen Elite. Die Neurasthenie gab dem gebildeten Bürger eine ehrenhafte Sprache für Erschöpfung: Seine Nerven galten als verbraucht, weil er den Anforderungen der modernen Welt besonders ausgesetzt war. Hysterie und ihre Nachfolgerin Histrionie legten die entgegengesetzte Deutung über sichtbaren Affekt, Körper und Auftreten: Hier erschien das Leiden als Übermaß, Theatralik oder fehlende Selbstbeherrschung.

Noch Charcots Hysteriepatientinnen an der Salpêtrière waren allerdings mehrheitlich arme Frauen, und viele seiner männlichen Patienten waren Arbeiter und Handwerker. Die Eliten litten nicht allein. Aber sie verfügten über die Institutionen, Bilder und Begriffe, durch die entschieden wurde, welches Leiden als verfeinerte Nervenschwäche und welches als Hysterie lesbar wurde.

Dieselbe Verteilung ist heute wiederzuerkennen. Die Betroffenen liefern Erschöpfung, Überforderung, Reizbarkeit und Rückzug. Ärzte, Ratgeberautoren, Plattformen, Coaches und Algorithmen liefern die Namen, Bilder und Erzählungen, durch die diese Erfahrung einen sozialen Sinn erhält. Auch Hochsensibilität verbindet Beschwerden mit einer positiven Selbstbeschreibung. Erschöpfung, Überforderung und Reizvermeidung werden als Preis einer besonderen Empfänglichkeit lesbar. Der Unterschied liegt im Vokabular. Die Neurasthenie sprach von verbrauchter Nervenkraft; Hochsensibilität spricht von angeborener Reizoffenheit. Beide Formeln machen ein diffuses Leiden verständlich, geben ihm Würde und liefern eine Erklärung dafür, weshalb gerade der Betroffene an Anforderungen leidet, die andere offenbar aushalten.

Diese Geschichte ist für die Gegenwart deshalb interessant, weil psychisches Leiden immer auch eine öffentliche Form annimmt. Was gezeigt, bestätigt, wiederholt und belohnt wird, erhält eine Gestalt, die andere übernehmen können. Die Salpêtrière liefert gewissermaßen eine analoge historische Form, vergleichbar zu sozialen Plattformen. Sie zeigt, wie Diagnose, Bild, Publikum und Selbstdarstellung einander formen können: Jemand bietet eine Erfahrung in wiedererkennbarer Gestalt an. Andere bestätigen sie, übernehmen Wörter und Gesten, ergänzen eigene Varianten. Der Algorithmus der Plattformen belohnt Fassungen, die Likes, Wiedererkennung und Identifikation auslösen. Die erfolgreiche Formulierung wird Teil einer Kategorie.

Die erfolgreiche Formulierung wird Teil einer Kategorie. Der Unterschied zur Geschichte betrifft die Verteilung der Rollen. Patient, Darsteller, Diagnostiker und Publikum sind heute häufig dieselben Plattformnutzer. Sichtbar wird die kommunikativ erfolgreichste Form. Die biologisch oder klinisch typischste muss dabei nicht sichtbar werden.

Aufklärung zu ADHS und HSP

Zur ADHS existiert eine große Literatur gegen populäre Vorurteile. CHADD, Child Mind Institute, Harvard Health und ADDitude wenden sich gegen die Behauptungen, ADHS sei eine Erfindung der Pharmaindustrie, Folge schlechter Erziehung, Ausdruck von Faulheit oder ein Problem von Jungen. Die Menge solcher Aufklärungstexte beweist für sich nichts.

ADHS-Aufklärung zielt auf die Anerkennung von Beeinträchtigung, Diagnostik, Behandlung und Unterstützung. HSP-Aufklärung sichert den positiven Wert der Empfindsamkeit. Sie versichert, Hochsensibilität sei keine Schwäche, keine Überempfindlichkeit, keine Störung und keine Form des Überreagierens. Empfindlichkeit erscheint als verborgene Stärke. Daraus folgt eine andere Konfliktform. Ein Stigma führt häufig zu Rückzug, weil jede öffentliche Äußerung die abwertende Zuschreibung zu bestätigen scheint. Ein positives Identitätsangebot verlangt Verteidigung, wenn ihm der Status streitig gemacht wird. Deshalb gehört die vorsorgliche Zurückweisung von Überreagieren, Beleidigtsein oder Dramatik zum festen Bestand vieler HSP-Texte.

Wer an Hochsensibilität verdient

Im englischsprachigen Raum bündelt Highly Sensitive Refuge einen Großteil der Reichweite. Das Angebot wird von Jenn Granneman und Andre Sólo geführt. Beide verkaufen zugleich Sachbücher zum Thema. Nach eigenen Angaben erreicht die Seite 1,3 Millionen Leser im Monat. Daneben stehen Persönlichkeitstests, Blogs, Beratungsangebote und Einzelpraxen, deren HSP-Texte der Kundengewinnung dienen.

Im deutschsprachigen Raum hängt am Begriff ein Ausbildungsmarkt. Private Institute und Akademien bieten Zertifikate für HSP-Coaches, Fachberater für Hochsensibilität und Hochsensibilitätstherapeuten an. Wer ein Zertifikat verkauft, braucht eine Kategorie, die fortbesteht und an Anerkennung gewinnt. Daraus folgt keine psychologische Aussage über jeden Anbieter. Es erklärt, warum Texte zur Verteidigung und Verbreitung der Kategorie eine ökonomische Funktion haben. Auffällig bleibt, wer die Kontroverse benennt: Wissenschaftsredaktionen wie Spektrum der Wissenschaft, Quarks und die Apotheken Umschau. Sie verkaufen weder HSP-Tests noch HSP‑Ausbildungen. Ihre Texte sind nicht frei von Vereinfachung. Ihr Geschäftsmodell hängt jedoch nicht an der Stabilisierung des Begriffs.

Was übrig bleibt

Die Beschwerden, die unter dem Etikett Hochsensibilität geschildert werden, lassen sich in bekannten Zusammenhängen prüfen: soziale Angst, ängstlich-vermeidende Züge, Trauma mit Hypervigilanz, depressive Erschöpfung, Migräne, spät erkannter Autismus bei Frauen, ADHS mit emotionaler Dysregulation, AuDHS oder Neurotizismus ohne Krankheitswert. Jede dieser Möglichkeiten verlangt eine andere Frage nach Beginn, Auslöser, Körper, Beziehung und Vermeidung. Bei sozialer Angst richtet sich die Empfindlichkeit häufig auf Bewertung, Kritik, Beschämung und bestimmte Gruppen.

Bei Traumafolgen besitzt sie oft eine erkennbare Bedrohungslogik: Bestimmte Stimmen, Räume, Blicke oder Konstellationen lösen Alarm aus. Sensorische Überreaktivität richtet sich dagegen auf Geräusch, Textur, Licht oder Geruch, besteht oft seit der Kindheit und bleibt von der Frage unabhängig, wer zusieht. Diese Unterscheidung leistet mehr als ein Streit um das Wort Hochsensibilität.

Auch Reizreduktion hat keine einheitliche Bedeutung. Bei sensorischer Überreaktivität kann sie notwendig sein. Bei sozialer Angst und vermeidender Struktur kann sie einen Zustand festschreiben, weil sie kurzfristig entlastet und die erwartete Gefahr unangetastet lässt. Bei Traumafolgen kann Rückzug die Übererregung stabilisieren, wenn er zum dauerhaften Organisationsprinzip wird. Die Entscheidung verlangt deshalb eine präzise Beschreibung dessen, was gemieden wird, wann es begann und was die Vermeidung erhält. Ein Konstrukt ohne eigenen Rest verliert seinen klinischen Gegenstand.

Hochsensibilität bündelt Erfahrungen, die ernst genommen werden müssen. Der Begriff selbst erspart die Arbeit der Unterscheidung. Er macht aus Reizschmerz, Kunstempfänglichkeit, Erschöpfung, brüchigem Selbstwert, sozialer Angst und Überforderung eine Eigenschaft. Das ist seine soziale Stärke und seine theoretische Schwäche.

Das Wichtigste in Kürze

•            Hochsensibilität ist weder in der ICD noch im DSM als Diagnose geführt.

•            Die HSPS bildet keinen eindeutig stabilen Gesamtgegenstand ab. Veröffentlicht wurden Ein-, Zwei-, Drei-, Fünf- und Sechs-Faktor-Lösungen.

•            Aesthetic Sensitivity hängt mit Offenheit für Erfahrung zusammen. Ease of Excitation und Low Sensory Threshold stehen näher am Neurotizismus.

•            Die populäre Vorstellung, sämtliche Reize und Gefühle kämen bei HSP gleichmäßig stärker an, passt kaum zur bereichs- und situationsabhängigen Reizverarbeitung des Nervensystems.

•            In zwei Studien korrelierte die HSPS mit hypersensitivem Narzissmus zu r = .53 und r = .54 sowie mit vulnerablem Narzissmus zu r = .44 und r = .54. Die Zusammenhänge blieben nach Kontrolle für Neurotizismus bestehen.

•            Die Verbindung stammt vor allem aus Ease of Excitation, also aus der Neigung zu Überforderung und Vermeidung.

•            Eine latente Klassenanalyse unterschied eine Gruppe mit ästhetischer Ansprechbarkeit und niedrigen Narzissmuswerten von einer Gruppe mit hoher Übererregbarkeit und erhöhtem vulnerablem Narzissmus.

•            Tatsächliche sensorische Überreaktivität kann bei Autismus, ADHS, AuDHS, Migräne, Schmerzsyndromen oder traumaassoziierter Übererregung auftreten. Das HSP-Etikett ersetzt keine Abklärung.

•            Öffentliche HSP-Erzählungen entstehen im Austausch von Selbstdarstellung, Zustimmung, Wiederholung und Plattformlogik.

•            Reizvermeidung kann bei echter sensorischer Überlastung schützen. Bei Angst und traumabezogener Vermeidung kann sie die Belastung erhalten.

Quellen

·        Aron, E. N., & Aron, A. (1997). Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345–368.

·        Jauk, E., Knödler, M., Frenzel, J., & Kanske, P. (2023). Do highly sensitive persons display hypersensitive narcissism? Similarities and differences in the nomological networks of sensory processing sensitivity and vulnerable narcissism. Journal of Clinical Psychology, 79(1), 228–254.

·        Smolewska, K. A., McCabe, S. B., & Woody, E. Z. (2006). A psychometric evaluation of the Highly Sensitive Person Scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and Big Five. Personality and Individual Differences, 40(6), 1269–1279.

·        Grimen, H. L., & Diseth, Å. (2016). Sensory processing sensitivity: Factors of the Highly Sensitive Person Scale and their relationships to personality traits. Scandinavian Journal of Psychology, 57(4), 304–312.

·        Didi-Huberman, G. (1982). Invention de l’hystérie: Charcot et l’iconographie photographique de la Salpêtrière. Paris: Macula.

·        Spektrum der Wissenschaft. Hochsensibilität: Der Streit um die Feinfühligkeit.

·        Quarks. Hochsensibilität: Gibt es das?

·        Apotheken Umschau. Hochsensibilität: Wie sie sich zeigt und was Betroffenen hilft.

·        Highly Sensitive Refuge. About Us.

·        CHADD. ADHD Myths and Misunderstandings.

·        IEK Berlin. Ausbildung Hochsensibilitätstherapeut und HSP-Coach.


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Psychologie Berlin

c./o. AVATARAS Institut

Kalckreuthstr. 16 – 10777 Berlin

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Dienstag, 6.10.2026

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