Jacques Lacan, Psychoanalyse und Subjekt: Suizid und die fundamentale Ethik der Psychoanalyse
Jacques Lacan, Psychoanalyse und Subjekt: Suizid und die fundamentale Ethik der Psychoanalyse
Jacques Lacan, Psychoanalyse und Subjekt
Veröffentlicht am:
01.04.2026

DESCRIPTION:
Jacques Lacan: Psychoanalyse, Subjekt und die fundamentale Ethik des Suizids. Erkundung des Lacan’schen Subjekts im Kontext der Selbsttötung.
Jacques Lacan und der Suizid: Das Begehren des Subjekts als fundamentaler Triumph. Eine Lektüre zur Ethik in der Psychoanalyse
Lacan versteht Suizid nicht einfach als Versagen des Lebenstriebs, sondern – in seiner Theorie von Begehren und Todestrieb – als extremen, radikal zerstörerischen Akt, in dem das Subjekt ein letztes Mal selbstbestimmt Stellung bezieht.
In der kanonischen Freud-Lektüre erscheint der Suizid zunächst als Manifestation des Todestriebs, als Sieg des Thanatos über den Eros, als endgültige Niederlage des Lebendigen. Sigmund Freud selbst beschrieb in Trauer und Melancholie (1917) den Suizid als Folge einer sadistischen Wendung gegen das eigene Ich, gegen ein internalisiertes Objekt, das gehasst wird. Diese Lesart ist strukturell plausibel, aber für Jacques Lacan unzureichend, ja geradezu umgekehrt.
Lacan liest den Suizid, insbesondere den des Besiegten, des Subjekts, das aufgibt, nicht als Perversion des Instinkts, sondern als seine reinste Bekräftigung. Schon in seinem Rom-Vortrag von 1953 beschreibt Lacan die Möglichkeit, dass ein suizidaler Rückzug des ‚Besiegten‘ nicht nur als Niederlage, sondern als letzter, radikal destruktiver Umweg des Begehrens verstanden werden kann, in dem dieses Begehren in der Form einer Verneinung noch einmal seinen ‚Triumph‘ behauptet. Im Anschluss an Lacans Akttheorie lässt sich der Suizid also nicht als Versagen eines Lebenstriebs lesen, sondern als Vollzug eines radikalen Begehrens, das die Grenze des Symbolischen überschreitet. Was meint das konkret? Und warum ist Sprache, das Symbolische, das Entscheidende dabei?
Das Subjekt zwischen Begehren und symbolischer Ordnung
Um Lacans Argumentation nachzuvollziehen, müssen wir zunächst seine Konzeption des Subjekts rekonstruieren. Für Lacan, und das ist ein fundamentaler Unterschied zum humanistischen Psychologieverständnis, ist das Subjekt nicht Autor seiner selbst. Es entsteht im Feld der Sprache, wird durch den Signifikanten konstituiert und in die symbolische Ordnung eingeworfen, bevor es über sich verfügen kann.
Das Subjekt ist strukturell gespalten, durchgestrichen (le sujet barré): Es ist nicht identisch mit sich selbst, weil sein Begehren immer schon vom Anderen kommt. Das Begehren des Subjekts ist, in einer der bekanntesten lacanschen Formeln, das Begehren des Anderen. Es ist entlehnt, verschoben, niemals eigentlich das »eigene Begehren«, sondern immer schon durch Bedeutungsträger der symbolischen Ordnung hindurchgegangen.
Das hat eine unmittelbare Folge für das Verständnis von Suizidalität: Das suizidale Subjekt ist kein biologisches Wesen, das einen »Instinkt« verliert oder dessen Selbsterhaltungstrieb versagt. Es ist ein Sprechwesen (parlêtre), das in einem besonderen Verhältnis zur symbolischen Ordnung steht, und das in seiner radikalsten Geste genau dieses Verhältnis neu verhandelt.
Die symbolische Ordnung als Eros des Signifikanten
Lacan bezeichnet die symbolische Ordnung an jener Stelle als den »Eros des Symbols«, eine eigentümliche, fast paradoxe Formulierung. Eros bezeichnet hier nicht Libido im schlichten Sinne, sondern die bindende, sammelnde, zusammenhaltende Funktion der Sprache. Der Bedeutungsträger (Signifikant) verbindet, knüpft Bedeutungen zusammen, integriert das Subjekt in gesellschaftliche Strukturen, Narrative, Identitäten.
Diese aggregierende Funktion der symbolischen Ordnung ist zugleich verführerisch und beunruhigend: Sie macht aus den Einzelnen eine Herde, indem sie sie einhegt, einreiht und normiert. Die symbolische Ordnung nivelliert Unterschiede, glättet Brüche und schreibt verbindliche Formen des ‚Normalen‘ fest. Sie ist das Medium, durch das das Subjekt seinen Ort in der Welt erhält, aber um den Preis, sich dem imaginären Spiegelstadium, den Identifikationen, den gesellschaftlich sanktionierten Phantasmen anzupassen.
Das suizidale Subjekt, und hierin liegt der Kern von Lacans Analyse, entzieht sich dieser nivellierenden Kraft. Es »stiehlt«, so Lacan, sein prekäres Leben aus den Aggregationen des symbolischen Eros. Das ist keine passive Flucht: Es ist ein aktiver, strukturierter Rückzug aus der Konformität des Sprechens, aus dem Appell des Anderen.
Denegation als fundamentaler Akt des Begehrens
Der entscheidende Begriff ist die Denegation (frz. dénégation, dt. auch »Verneinung« im freudschen Sinne). Bei Freud bezeichnet Verneinung jenen Mechanismus, durch den ein verdrängter Inhalt in die Aussage eingeht, indem er zugleich negiert wird: »Das ist nicht meine Mutter«, und gerade dadurch bekräftigt wird.
Bei Lacan erhält die Denegation im Kontext des Suizids eine radikalere Bedeutung. Der Suizid des Besiegten ist kein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit im landläufigen Sinne. Er ist eine Form der Verneinung der symbolischen Ordnung selbst – eine Verweigerung, die genau dadurch die Wahrheit des Begehrens freisetzt. Das Begehren, das durch die symbolische Ordnung verschüttet, verschoben, normiert wurde, tritt in seiner letzten Negation rein hervor.
Das ist das Paradoxon, das Lacans Analyse so fundamental macht: Das Subjekt bekräftigt sein Begehren in der Selbstvernichtung. Der Triumph liegt nicht darin, dass es überlebt oder siegt, sondern darin, dass es sich dem Eros des Signifikanten entzieht, und damit zeigt, dass das Begehren sich nicht restlos domestizieren lässt.
Lacans Analyse verweist damit direkt auf ein Thema, das später im Seminar VII (Die Ethik der Psychoanalyse, 1959–60) ausführlich entfaltet wird: die Frage, ob der Analytiker dem Subjekt ermöglichen kann, nicht von seinem Begehren abzulassen.
In der lacanianischen Literatur findet sich die Formel, Suizid sei »der einzige vollständig gelungene Akt des Subjekts«, ein Akt, in dem das Subjekt sich der Dialektik von Forderung des Anderen und symbolischer Vermittlung entzieht. Diese Formulierung ist eine interpretative These, kein dogmatischer Lehrsatz.
Lacans Topologie: RSI und die Positionierung des Suizids
Lacans späteres Denken, insbesondere das von 1975–1976, dem Seminar Le sinthome, entwickelt die Topologie des Realen, Symbolischen und Imaginären (RSI) weiter. Diese Trias erlaubt eine präzisere Verortung des suizidalen Aktes.
Im Imaginären: Der Suizid ist Akt der Rivalität mit seinem Bild. Lacan beschreibt, wie das suizidale Subjekt sich mit dem Anderen identifiziert, indem es diesen Anderen in seiner »wesentlichen Metamorphose« einfriert. Das suizidale Subjekt macht den Anderen zur Statue, zum Schatten. Es ist eine Geste der Ichfunktion, die sich durch radikale Negation konstituiert. Die Theorie des Spiegelstadiums ist hier direkt angesprochen: Das Ich entsteht durch Identifikation mit einem Bild, das zugleich fremd und belebend ist; der Suizid zerstört dieses Bild, indem er es für den Anderen als dauernde Spur hinterlässt.
Im Symbolischen: Der Suizid ist eine Maldición sin palabras, ein Fluch ohne Worte. Das ist die linguistische Präzision, die Lacan interessiert: Der suizidale Akt ist keine Aussage, kein Symptom im üblichen Sinne, kein unbewusstes Begehren, das sich in ein Signifikantenspiel einschreibt. Er ist der Kollaps des Signifikanten, das Heraustreten aus der symbolischen Ordnung, bevor das Sprechen wieder einsetzt. Der Fluch ohne Worte ist mächtiger als jedes Wort, gerade weil er außerhalb der Symbolisierung liegt.
Im Realen: Der Suizid markiert das Reale als das Unmögliche. Lacan schreibt, in einer Formulierung, die erst im Kontext der Grundbegriffe der Psychoanalyse (Seminar XI, 1964) volle Tiefe entfaltet –, dass das Begehren niemals aufhört, sich einzuschreiben. Das Reale ist das, was die Symbolisierung verfehlt. Der Suizid ist jener Akt, durch den das Subjekt das Reale buchstäblich verkörpert, anstatt es im Symptom aufzulösen.
Suizid als klinische Kategorie wird im Seminar VII nicht systematisch entfaltet; die Ethik-Seminare erarbeiten vielmehr die Paradoxie einer Ethik des Begehrens bis an den Rand des Todes, aus der dann im post-lacanianischen Diskurs eine spezifische Akttheorie des Suizids entwickelt wurde.
Was Analyse erkennen muss
Lacan beendet seinen Abschnitt mit einer klaren Forderung, die ebenso ethisch wie technisch ist: Wir müssen Sinn erkennen, weil wir es mit ihm zu tun bekommen. Verständnis darf den Suizid nicht als bloß biologisches Versagen, als »Rückfall« oder »Behandlungsfehler« lesen. Noch darf sie ihn moralisieren.
Was der Analysand in der suizidalen Position spricht, auch wenn er verstummt, auch wenn er im Fluch ohne Worte endet, ist eine fundamentale Wahrheit über sein Begehren. Und diese Wahrheit ernst zu nehmen, bedeutet speziell für den Analytiker: die Ethik der Psychoanalyse anzuwenden. Das Seminar VII macht deutlich, dass das analytische Ziel nicht die Anpassung an die Realität ist, nicht die Reintegration in den Eros des Signifikanten –, sondern die Begegnung mit dem eigenen Begehren.
Das bedeutet: Der Analytiker, der einem Analysanden begegnet, der suizidale Impulse artikuliert, muss hören, was dieser Impuls sagt. Nicht nur, welche Gefahr er anzeigt, sondern welche Wahrheit über das unbewusste Begehren er trägt. Diese Haltung unterscheidet die psychoanalytische Praxis fundamental von einer rein sicherheitsorientierten Krisenintervention, auch wenn Letztere ihre eigenständige Berechtigung hat.
Lacan lesen heute: Suizid zwischen Ethik und Struktur
Wer Jacques Lacan in seiner vollen Wirkung lesen will, muss der Versuchung widerstehen, seine Kategorien zu psychologisieren. Das Begehren ist kein Wunsch im alltagssprachlichen Sinne, kein Wunsch des Subjekts nach etwas Bestimmtem. Es ist strukturell: der Motor, der das Subjekt in Bewegung hält, das X, das nie vollständig befriedigt wird.
Der Suizid ist, in Lacans Lesart, jener extremste Moment, in dem das Begehren sichtbar wird, weil es alle anderen Hüllen abwirft. Er ist deshalb kein Kontrollverlust, kein Ausfall der Psyche, sondern, und das bleibt provokant, ein Akt höchster, wenn auch selbstzerstörerischer Subjektkonstitution.
Das ist kein Plädoyer für den Selbstmord. Es ist eine Aufforderung an alle, psychoanalytisch zu hören, was dieser Akt sagt, wenn man das Subjekt ernst nimmt. Nur eine Analyse, die die strukturelle Logik des Begehrens versteht, kann dem lacan’schen Subjekt in seiner extremsten Krise begegnen: nicht normierend, nicht moralisierend, sondern auf der Seite dessen, was an Wahrheit in ihm steckt.
Suizid wäre dann, lacanianisch gelesen, jener passage à l’acte, in dem das Subjekt aus der symbolischen Szene herausfällt und den Todestrieb als unbewusste Wahrheit des Begehrens realisiert; eine Lesart, die die Ethik der Psychoanalyse nicht normativ bejaht, sondern die Paradoxie des Begehrens bis zu ihrem äußersten Rand verfolgt.
Und das ist die fundamental-ethische Leistung von Lacans Ansatz, der ihn von Deleuze, von der Systemtheorie, von der Verhaltenspsychologie abhebt: Er fragt nie, was jemand will, sondern was sein Begehren sagt, auch noch im letzten Schweigen.
Dieser Artikel bezieht sich auf Lacans frühen Text »Funktion und Feld der Sprache und des Sprechens in der Psychoanalyse« (1953) sowie auf das Seminar VII (Ethik der Psychoanalyse, 1959–60) und das Seminar XI (Grundbegriffe der Psychoanalyse, 1964).
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Lacan versteht Suizid nicht einfach als Versagen des Lebenstriebs, sondern – in seiner Theorie von Begehren und Todestrieb – als extremen, radikal zerstörerischen Akt, in dem das Subjekt ein letztes Mal selbstbestimmt Stellung bezieht.
In der kanonischen Freud-Lektüre erscheint der Suizid zunächst als Manifestation des Todestriebs, als Sieg des Thanatos über den Eros, als endgültige Niederlage des Lebendigen. Sigmund Freud selbst beschrieb in Trauer und Melancholie (1917) den Suizid als Folge einer sadistischen Wendung gegen das eigene Ich, gegen ein internalisiertes Objekt, das gehasst wird. Diese Lesart ist strukturell plausibel, aber für Jacques Lacan unzureichend, ja geradezu umgekehrt.
Lacan liest den Suizid, insbesondere den des Besiegten, des Subjekts, das aufgibt, nicht als Perversion des Instinkts, sondern als seine reinste Bekräftigung. Schon in seinem Rom-Vortrag von 1953 beschreibt Lacan die Möglichkeit, dass ein suizidaler Rückzug des ‚Besiegten‘ nicht nur als Niederlage, sondern als letzter, radikal destruktiver Umweg des Begehrens verstanden werden kann, in dem dieses Begehren in der Form einer Verneinung noch einmal seinen ‚Triumph‘ behauptet. Im Anschluss an Lacans Akttheorie lässt sich der Suizid also nicht als Versagen eines Lebenstriebs lesen, sondern als Vollzug eines radikalen Begehrens, das die Grenze des Symbolischen überschreitet. Was meint das konkret? Und warum ist Sprache, das Symbolische, das Entscheidende dabei?
Das Subjekt zwischen Begehren und symbolischer Ordnung
Um Lacans Argumentation nachzuvollziehen, müssen wir zunächst seine Konzeption des Subjekts rekonstruieren. Für Lacan, und das ist ein fundamentaler Unterschied zum humanistischen Psychologieverständnis, ist das Subjekt nicht Autor seiner selbst. Es entsteht im Feld der Sprache, wird durch den Signifikanten konstituiert und in die symbolische Ordnung eingeworfen, bevor es über sich verfügen kann.
Das Subjekt ist strukturell gespalten, durchgestrichen (le sujet barré): Es ist nicht identisch mit sich selbst, weil sein Begehren immer schon vom Anderen kommt. Das Begehren des Subjekts ist, in einer der bekanntesten lacanschen Formeln, das Begehren des Anderen. Es ist entlehnt, verschoben, niemals eigentlich das »eigene Begehren«, sondern immer schon durch Bedeutungsträger der symbolischen Ordnung hindurchgegangen.
Das hat eine unmittelbare Folge für das Verständnis von Suizidalität: Das suizidale Subjekt ist kein biologisches Wesen, das einen »Instinkt« verliert oder dessen Selbsterhaltungstrieb versagt. Es ist ein Sprechwesen (parlêtre), das in einem besonderen Verhältnis zur symbolischen Ordnung steht, und das in seiner radikalsten Geste genau dieses Verhältnis neu verhandelt.
Die symbolische Ordnung als Eros des Signifikanten
Lacan bezeichnet die symbolische Ordnung an jener Stelle als den »Eros des Symbols«, eine eigentümliche, fast paradoxe Formulierung. Eros bezeichnet hier nicht Libido im schlichten Sinne, sondern die bindende, sammelnde, zusammenhaltende Funktion der Sprache. Der Bedeutungsträger (Signifikant) verbindet, knüpft Bedeutungen zusammen, integriert das Subjekt in gesellschaftliche Strukturen, Narrative, Identitäten.
Diese aggregierende Funktion der symbolischen Ordnung ist zugleich verführerisch und beunruhigend: Sie macht aus den Einzelnen eine Herde, indem sie sie einhegt, einreiht und normiert. Die symbolische Ordnung nivelliert Unterschiede, glättet Brüche und schreibt verbindliche Formen des ‚Normalen‘ fest. Sie ist das Medium, durch das das Subjekt seinen Ort in der Welt erhält, aber um den Preis, sich dem imaginären Spiegelstadium, den Identifikationen, den gesellschaftlich sanktionierten Phantasmen anzupassen.
Das suizidale Subjekt, und hierin liegt der Kern von Lacans Analyse, entzieht sich dieser nivellierenden Kraft. Es »stiehlt«, so Lacan, sein prekäres Leben aus den Aggregationen des symbolischen Eros. Das ist keine passive Flucht: Es ist ein aktiver, strukturierter Rückzug aus der Konformität des Sprechens, aus dem Appell des Anderen.
Denegation als fundamentaler Akt des Begehrens
Der entscheidende Begriff ist die Denegation (frz. dénégation, dt. auch »Verneinung« im freudschen Sinne). Bei Freud bezeichnet Verneinung jenen Mechanismus, durch den ein verdrängter Inhalt in die Aussage eingeht, indem er zugleich negiert wird: »Das ist nicht meine Mutter«, und gerade dadurch bekräftigt wird.
Bei Lacan erhält die Denegation im Kontext des Suizids eine radikalere Bedeutung. Der Suizid des Besiegten ist kein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit im landläufigen Sinne. Er ist eine Form der Verneinung der symbolischen Ordnung selbst – eine Verweigerung, die genau dadurch die Wahrheit des Begehrens freisetzt. Das Begehren, das durch die symbolische Ordnung verschüttet, verschoben, normiert wurde, tritt in seiner letzten Negation rein hervor.
Das ist das Paradoxon, das Lacans Analyse so fundamental macht: Das Subjekt bekräftigt sein Begehren in der Selbstvernichtung. Der Triumph liegt nicht darin, dass es überlebt oder siegt, sondern darin, dass es sich dem Eros des Signifikanten entzieht, und damit zeigt, dass das Begehren sich nicht restlos domestizieren lässt.
Lacans Analyse verweist damit direkt auf ein Thema, das später im Seminar VII (Die Ethik der Psychoanalyse, 1959–60) ausführlich entfaltet wird: die Frage, ob der Analytiker dem Subjekt ermöglichen kann, nicht von seinem Begehren abzulassen.
In der lacanianischen Literatur findet sich die Formel, Suizid sei »der einzige vollständig gelungene Akt des Subjekts«, ein Akt, in dem das Subjekt sich der Dialektik von Forderung des Anderen und symbolischer Vermittlung entzieht. Diese Formulierung ist eine interpretative These, kein dogmatischer Lehrsatz.
Lacans Topologie: RSI und die Positionierung des Suizids
Lacans späteres Denken, insbesondere das von 1975–1976, dem Seminar Le sinthome, entwickelt die Topologie des Realen, Symbolischen und Imaginären (RSI) weiter. Diese Trias erlaubt eine präzisere Verortung des suizidalen Aktes.
Im Imaginären: Der Suizid ist Akt der Rivalität mit seinem Bild. Lacan beschreibt, wie das suizidale Subjekt sich mit dem Anderen identifiziert, indem es diesen Anderen in seiner »wesentlichen Metamorphose« einfriert. Das suizidale Subjekt macht den Anderen zur Statue, zum Schatten. Es ist eine Geste der Ichfunktion, die sich durch radikale Negation konstituiert. Die Theorie des Spiegelstadiums ist hier direkt angesprochen: Das Ich entsteht durch Identifikation mit einem Bild, das zugleich fremd und belebend ist; der Suizid zerstört dieses Bild, indem er es für den Anderen als dauernde Spur hinterlässt.
Im Symbolischen: Der Suizid ist eine Maldición sin palabras, ein Fluch ohne Worte. Das ist die linguistische Präzision, die Lacan interessiert: Der suizidale Akt ist keine Aussage, kein Symptom im üblichen Sinne, kein unbewusstes Begehren, das sich in ein Signifikantenspiel einschreibt. Er ist der Kollaps des Signifikanten, das Heraustreten aus der symbolischen Ordnung, bevor das Sprechen wieder einsetzt. Der Fluch ohne Worte ist mächtiger als jedes Wort, gerade weil er außerhalb der Symbolisierung liegt.
Im Realen: Der Suizid markiert das Reale als das Unmögliche. Lacan schreibt, in einer Formulierung, die erst im Kontext der Grundbegriffe der Psychoanalyse (Seminar XI, 1964) volle Tiefe entfaltet –, dass das Begehren niemals aufhört, sich einzuschreiben. Das Reale ist das, was die Symbolisierung verfehlt. Der Suizid ist jener Akt, durch den das Subjekt das Reale buchstäblich verkörpert, anstatt es im Symptom aufzulösen.
Suizid als klinische Kategorie wird im Seminar VII nicht systematisch entfaltet; die Ethik-Seminare erarbeiten vielmehr die Paradoxie einer Ethik des Begehrens bis an den Rand des Todes, aus der dann im post-lacanianischen Diskurs eine spezifische Akttheorie des Suizids entwickelt wurde.
Was Analyse erkennen muss
Lacan beendet seinen Abschnitt mit einer klaren Forderung, die ebenso ethisch wie technisch ist: Wir müssen Sinn erkennen, weil wir es mit ihm zu tun bekommen. Verständnis darf den Suizid nicht als bloß biologisches Versagen, als »Rückfall« oder »Behandlungsfehler« lesen. Noch darf sie ihn moralisieren.
Was der Analysand in der suizidalen Position spricht, auch wenn er verstummt, auch wenn er im Fluch ohne Worte endet, ist eine fundamentale Wahrheit über sein Begehren. Und diese Wahrheit ernst zu nehmen, bedeutet speziell für den Analytiker: die Ethik der Psychoanalyse anzuwenden. Das Seminar VII macht deutlich, dass das analytische Ziel nicht die Anpassung an die Realität ist, nicht die Reintegration in den Eros des Signifikanten –, sondern die Begegnung mit dem eigenen Begehren.
Das bedeutet: Der Analytiker, der einem Analysanden begegnet, der suizidale Impulse artikuliert, muss hören, was dieser Impuls sagt. Nicht nur, welche Gefahr er anzeigt, sondern welche Wahrheit über das unbewusste Begehren er trägt. Diese Haltung unterscheidet die psychoanalytische Praxis fundamental von einer rein sicherheitsorientierten Krisenintervention, auch wenn Letztere ihre eigenständige Berechtigung hat.
Lacan lesen heute: Suizid zwischen Ethik und Struktur
Wer Jacques Lacan in seiner vollen Wirkung lesen will, muss der Versuchung widerstehen, seine Kategorien zu psychologisieren. Das Begehren ist kein Wunsch im alltagssprachlichen Sinne, kein Wunsch des Subjekts nach etwas Bestimmtem. Es ist strukturell: der Motor, der das Subjekt in Bewegung hält, das X, das nie vollständig befriedigt wird.
Der Suizid ist, in Lacans Lesart, jener extremste Moment, in dem das Begehren sichtbar wird, weil es alle anderen Hüllen abwirft. Er ist deshalb kein Kontrollverlust, kein Ausfall der Psyche, sondern, und das bleibt provokant, ein Akt höchster, wenn auch selbstzerstörerischer Subjektkonstitution.
Das ist kein Plädoyer für den Selbstmord. Es ist eine Aufforderung an alle, psychoanalytisch zu hören, was dieser Akt sagt, wenn man das Subjekt ernst nimmt. Nur eine Analyse, die die strukturelle Logik des Begehrens versteht, kann dem lacan’schen Subjekt in seiner extremsten Krise begegnen: nicht normierend, nicht moralisierend, sondern auf der Seite dessen, was an Wahrheit in ihm steckt.
Suizid wäre dann, lacanianisch gelesen, jener passage à l’acte, in dem das Subjekt aus der symbolischen Szene herausfällt und den Todestrieb als unbewusste Wahrheit des Begehrens realisiert; eine Lesart, die die Ethik der Psychoanalyse nicht normativ bejaht, sondern die Paradoxie des Begehrens bis zu ihrem äußersten Rand verfolgt.
Und das ist die fundamental-ethische Leistung von Lacans Ansatz, der ihn von Deleuze, von der Systemtheorie, von der Verhaltenspsychologie abhebt: Er fragt nie, was jemand will, sondern was sein Begehren sagt, auch noch im letzten Schweigen.
Dieser Artikel bezieht sich auf Lacans frühen Text »Funktion und Feld der Sprache und des Sprechens in der Psychoanalyse« (1953) sowie auf das Seminar VII (Ethik der Psychoanalyse, 1959–60) und das Seminar XI (Grundbegriffe der Psychoanalyse, 1964).
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