Nullo: Kastrationsfantasie und die Entfernung der Genitalien, psychologisch erklärt
Nullo: Kastrationsfantasie und die Entfernung der Genitalien, psychologisch erklärt
Nullo
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DESCRIPTION: Nullo, Kastration und der Wunsch nach Entfernung von Penis und Hoden: Was hinter der Nullo-Szene steckt, Forschungszahlen zu Kastrationswünschen, die Abgrenzung zu Geschlechtsdysphorie und Körperintegritätsdysphorie und die Frage, warum das Verschwinden des Geschlechtszeichens als Lösung erscheint.
Nullo: die glatte Stelle, an der die Genitalien waren
In Foren mit einigen tausend Mitgliedern kreisen Wünsche um die Entfernung äußerer Genitalien. Die Forschung findet dort mindestens drei verschiedene Motive, die einander überlagern, und keine einheitliche Diagnose.
Worum es geht:
· die Zahlen,
· die Abgrenzung gegen Geschlechtsdysphorie und Körperintegritätsdysphorie und
· warum ausgerechnet das Verschwinden eines Körperteils als Versprechen gelesen werden kann.
Was mit Nullo und genital nullification gemeint ist
„Nullo Culture“ ist ein Sammelbegriff für Wünsche, Fantasien, Selbstbeschreibungen und digitale Praktiken, die sich um die Tilgung äußerer Genitalien gruppieren. Der Ausdruck stammt aus der Szene selbst und hat in der Fachliteratur kein Gegenstück; die Forschung spricht von castration interest oder genital ablation und meint damit jeweils enger umrissene Phänomene. Das Zielbild ist ein glatter, merkmalsloser Unterleib.
Auf Reddit beschäftigt sich ein Forum mit rund 2300 Mitgliedern mit der Glansektomie, englisch glansectomy, also der chirurgischen Entfernung der nervenreichen Eichel. Ein zweites Forum mit etwa 3500 Mitgliedern kreist um die Penektomie, englisch penectomy, also die Amputation des Penis. Manche Beiträge schließen die Hoden ein, andere sprechen von der vollständigen Entfernung der äußeren Genitalien, im englischsprachigen Raum genital nullification genannt. Für die meisten Vorbeiscrollenden endet die Reaktion beim Entsetzen. Für die Forschung beginnt dort erst die Frage.
Eine Analyse ist nur dann zu rechtfertigen, wenn sie zunächst Abstand hält: Abstand vom voyeuristischen Material, von den drastischen Fallgeschichten und von der Versuchung, die klinische Bedeutung eines Körperwunsches aus seiner Drastik abzuleiten. Der Gegenstand ist die kulturelle Form, in der ein radikaler Wunsch nach körperlicher Veränderung sagbar, teilbar, bebilderbar und mitunter verkäuflich wird.
Die Zahlen aus der Forschung
Eine im Fachblatt Archives of Sexual Behavior veröffentlichte Untersuchung hat Männer mit Kastrationsinteresse nach ihren Gründen gefragt. Rund 40 Prozent nannten das, was die Forschung als „eunuch calm“ beschreibt: eine erhoffte Ruhe, eine Befreiung von als bedrängend erlebten Sexualtrieben. Etwa 30 Prozent empfanden die Fantasie selbst als erregend. Ein ähnlich großer Anteil nannte kosmetische Gründe, konkret den Wunsch nach einem glatten Erscheinungsbild.
Diese drei Motive schließen einander nicht aus. Ihre Überlagerung ist ein Kennzeichen der Szene, keine Randerscheinung. Wer die Operation anstrebt und wer sich beim Gedanken daran erregt, sind häufig dieselben Menschen.
Ebenso wichtig ist die Größenordnung des Handelns. Eine 2024 in Sexual Medicine veröffentlichte Arbeit fand, dass höchstens vier Prozent tatsächlich eine Genitalablation anstreben. Die Fantasie bleibt für die große Mehrheit Fantasie.
Ein Wort für drei verschiedene Situationen
Die ältere Literatur zu Männern mit ausgeprägtem Interesse daran, sich kastrieren zu lassen, unterscheidet sorgfältig zwischen bloßem Interesse, sexueller Fantasie, einem handlungsleitenden Wunsch nach Eingriffen und bereits kastrierten Männern. Sie findet unterschiedliche biografische, sexuelle und psychologische Profile. Eine gemeinsame Ursache findet sie nicht.
Diese Heterogenität verbietet ein vorschnelles Urteil. Dieselbe körperliche Zielvorstellung kann ganz verschiedene seelische Aufgaben erfüllen: bei dem einen die Dämpfung eines als übergriffig erlebten Triebs, bei dem nächsten eine sexuelle Fantasie, die gerade von ihrer Unerfüllbarkeit lebt, beim dritten eine ästhetische Vorstellung vom eigenen Körper. Eine Einordnung, die alle drei unter dieselbe Diagnose bringt, beruhigt den Betrachter und erklärt nichts.
Die klinisch brauchbare Frage lautet deshalb immer: Welche Funktion hat der Wunsch im jeweiligen Leben? Ist er episodisch oder anhaltend, quälend oder lustvoll, symbolisch gedacht oder handlungsdrängend? Ist er in ein Selbstverständnis eingebaut, oder soll er einen unlösbar gewordenen Konflikt am Körper abrupt beenden? Bestehen Selbstgefährdung, Druck durch andere, finanzielle Ausbeutung oder ein unkontrollierbarer Impuls zur irreversiblen Handlung?
Warum die Abgrenzung zur Geschlechtsdysphorie wichtig ist
Geschlechtsdysphorie beschreibt klinisch bedeutsames Leiden im Zusammenhang mit einer Inkongruenz zwischen dem erlebten Geschlecht und dem bei Geburt zugeschriebenen Geschlecht. Die deutsche S3-Leitlinie behandelt Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit als eigenständigen Beratungs-, Diagnostik- und Behandlungszusammenhang.
Ein Wunsch nach Entfernung von Genitalien lässt sich daraus nicht ableiten. Umgekehrt beweist eine genitalbezogene Ablehnung keine Geschlechtsdysphorie. Wer eine vollständige geschlechtliche Neutralisierung anstrebt, artikuliert damit keinen Übergang in ein anderes binäres Geschlecht. Diese Männer wollen auch keine weibliche Anatomie. Sie wollen an dieser Stelle nichts.
Daraus folgt allerdings ebenso wenig, dass nicht-binäre oder transgeschlechtliche Lebensweisen unter das Stichwort Nullo fallen dürften. Eine solche Gleichsetzung würde geschlechtliche Selbstbestimmung in eine Sprache des Mangels und der Verstümmelung zurückübersetzen.
Körperintegritätsdysphorie und ihre Grenzen
Ähnlich irreführend wäre es, diese Erfahrungen pauschal als Körperintegritätsdysphorie zu lesen. Dieses seltene, im ICD-11 verzeichnete Zustandsbild ist durch einen anhaltenden Wunsch nach einer erheblichen Behinderung gekennzeichnet, etwa nach Amputation einer Gliedmaße, Blindheit oder Lähmung, verbunden mit starkem Unbehagen gegenüber der gegenwärtigen körperlichen Unversehrtheit.
Die klassischen Beschreibungen beziehen sich auf Gliedmaßen und Lähmung. Sie bilden keine allgemeine Theorie jedes fremd empfundenen Körperteils. Die Forschungslage zu Entstehung und Häufigkeit bleibt dünn.
Es gibt Einzelfälle, in denen eine genitalbezogene Inkongruenz des Körperschemas differenzialdiagnostisch zählt; die Forschung hat dafür den Ausdruck „male-to-eunuch gender dysphoria“ geprägt. Das berechtigt nicht dazu, eine Subkultur in eine klinische Kategorie zu verwandeln. Zwischen dem Erleben eines Körperteils als nicht zugehörig, einer sexuell aufgeladenen Verlustfantasie, einer geschlechtlichen Selbstbeschreibung und dem Wunsch nach einer realen Operation liegen erhebliche Unterschiede.
Kastration und Kastrationsangst in der Psychoanalyse
Erst nach diesen Abgrenzungen kommt die psychoanalytische Frage. Sie zielt nicht auf die verborgene Wahrheit einzelner Menschen. Sie zielt auf die kulturelle Fantasie, die dort sichtbar wird, wo Kastration als Versprechen erscheint statt als Angstbild.
In der psychoanalytischen Tradition meint Kastration nicht die reale Schädigung eines Organs. Sie steht für die Grenze eines ungeteilten Genießens, für die Einsicht, dass niemand über Körper, Begehren und den anderen vollständig verfügt. Als symbolische Figur markiert sie Verlust, Begrenzung und den Eintritt in eine Ordnung, in der immer etwas fehlt.
Freud hat die Kastrationsangst im Zusammenhang mit dem Ödipuskonflikt beschrieben, als Drohung, die das Kind zur Aufgabe seiner Ansprüche bewegt. Lacan hat den Begriff von der Anatomie gelöst. Der Phallus ist bei ihm ein Signifikant, der Mangel und Begehren organisiert, und kein Organ. Kastration heißt dann, dass niemand ihn besitzt.
Vor diesem Hintergrund wird die Fantasie lesbar. Sie nimmt eine Drohung und macht daraus ein Angebot.
Eine kulturelle Lektüre der Szene kann daran anschließen, solange sie Symbolisches und Reales auseinanderhält. Genau an dieser Nahtstelle wird die Szene interessant: Sie nimmt eine Figur beim Wort, die als Figur gemeint war.
Das Versprechen der Null
Die zugespitzte Fantasie lautet: Wenn das Geschlechtszeichen verschwindet, wird endlich Ruhe sein. Wenn der Trieb lokalisiert und beseitigt ist, verstummt die Forderung des anderen. Wenn der Körper glatt wird, verschwindet auch sein Rätsel.
Die Null verspricht in dieser Logik keine bloße Abwesenheit. Sie verspricht Reinheit, Kontrolle, Erlösung von Ambivalenz und eine endgültige Lösung des Konflikts. Der Wunsch nach der erhofften Ruhe, den rund 40 Prozent der Befragten nennen, ist der klarste Ausdruck davon.
Damit steht die Szene in einer Reihe mit Trends, die dieser Blog bereits behandelt hat. Looksmaxxing und selbst Bone Smashing versprechen die Lösung eines sozialen Problems durch Eingriff in den Körper. Bigorexie verspricht Sicherheit durch Muskelmasse. Die Nullo-Fantasie folgt derselben Bewegung, verzichtet aber auf die Ausrede der Schönheit. Sie verspricht die Stilllegung des Körpers an einer bestimmten Stelle.
Wenn der Verlust selbst zum Genuss wird
Hier liegt der Widerspruch, an dem die Fantasie kenntlich wird. Die Tilgung des Geschlechtszeichens kann selbst zum Gegenstand intensiven Genießens werden. Der Verlust wird vorgestellt, wiederholt, erzählt, gezeigt, kommentiert und begehrt. Dass etwa 30 Prozent der Befragten die Fantasie erregend finden, gehört zur Sache und ist kein Randbefund.
Eine solche Fantasie kann deshalb eine Verdichtung des Begehrens sein: Es richtet sich auf den Ort, an dem seine eigene Bedingung buchstäblich gemacht werden soll, also das Fehlen, die Grenze, die Nichtverfügbarkeit. Wer den Beitrag zum Jouissance-Begriff kennt, erkennt die Bewegung wieder. Menschen halten an dem fest, was ihnen schadet, weil die Wiederholung einen Gewinn abwirft, der sich in der Sprache des Wohlbefindens nicht ausdrücken lässt.
Es geht also um die Deutung von Diskursen und Fantasiestrukturen, jenseits von Diagnosen ihrer Träger.
Die Plattform macht aus dem Verschwinden ein Zeichen
Die digitale Form verändert die Fantasie. Was früher in privaten Vorstellungen, Briefwechseln oder abseitigen erotischen Sammlungen zirkulierte, lässt sich heute als Suchbegriff, Profil, Bild, Video, Kommentar und Gemeinschaft organisieren. Das Internet erzeugt den Wunsch nicht. Es liefert ihm Kategorien, ein Publikum und wechselseitige Verstärkung.
Damit rückt der Blick des anderen ins Zentrum. Die behauptete Erledigung des Geschlechtszeichens entkommt der sozialen Bühne nicht. Sie kann im Gegenteil zur besonderen Sichtbarkeit werden: Der Körper, der geschlechtlich neutral sein möchte, wird als Ausnahme benannt, abgebildet und anerkannt. Wer sich in diesen Foren als Nullo bezeichnet, gehört damit zu den Nullos, also zu einer Gruppe mit eigenem Namen. Das Verschwinden erzeugt ein neues Zeichen. Aus der Null wird ein Emblem.
Der Fall Marius Gustavson: Wo die Fantasie in Gewalt kippt
Was geschieht, wenn die medizinische Sicherung wegfällt, hat 2024 ein Londoner Gerichtsverfahren gezeigt. Der in Norwegen geborene Marius Gustavson, der sich selbst „eunuch maker“ nannte, wurde zu einer Mindeststrafe von 22 Jahren verurteilt. Er hatte eine Bezahlwebsite betrieben, auf der Abonnenten für bis zu 100 Pfund im Jahr Live-Kastrationen und Penektomien verfolgen konnten, viele davon unter unsterilen Bedingungen in seiner Londoner Wohnung durchgeführt. Die Seite zog über 22.000 Abonnenten an und erwirtschaftete rund 300.000 Pfund, bevor die Behörden sie schlossen.
Der Dokumentarfilmer Marcel Theroux, der freiwillige Eunuchen für einen Film über den Fall befragt hat, beschrieb bei seinen Gesprächspartnern deutliche Zeichen echter seelischer Not. Sie hätten nach einem Ausweg aus ihren Konflikten gesucht, und genau das habe sie für Gustavson angreifbar gemacht, der sich als Lösung anbot.
Der medizinische Rahmen ist eng. Kein seriöser Chirurg führt eine elektive Penektomie oder Glansektomie ohne medizinische Notwendigkeit durch, etwa bei Peniskarzinom, von dem in Großbritannien jährlich rund 820 neue Fälle auftreten. Wer sich außerhalb eines sterilen Operationssaals chirurgisch etwas entfernen lässt, riskiert Sepsis, schweren Blutverlust und den Tod. Wird ein Organ unsteril amputiert, ist die Infektion der Regelfall.
Körperverletzung: Was das Strafrecht zur Einwilligung sagt
Der Fall Gustavson wirft die Frage auf, warum eine Einwilligung hier nicht schützt. Wer den Eingriff wollte und ihn ausdrücklich verlangte, hat schließlich zugestimmt.
Das deutsche Strafrecht beantwortet das über § 228 StGB. Eine Körperverletzung mit Einwilligung bleibt rechtswidrig, wenn die Tat trotz der Einwilligung gegen die guten Sitten verstößt. Die Rechtsprechung stellt dabei auf Art und Gewicht der Verletzung ab, außerdem auf die konkrete Gefahr für Leib und Leben. Ein irreversibler Eingriff ohne medizinische Indikation, unter unsterilen Bedingungen und von einem Laien ausgeführt, fällt regelmäßig darunter. Die Einwilligung macht ihn nicht straflos.
Dazu kommt die ärztliche Seite. Eine Amputation gesunder Organe ohne Indikation ist berufsrechtlich nicht gedeckt. Genau diese Lücke zwischen dem Wunsch und dem, was ein Arzt tun darf, füllt der informelle Anbieter. Der Markt entsteht dort, wo Menschen mit einem echten Leidensdruck keinen legalen Ansprechpartner finden und deshalb bei jemandem landen, der keine Fragen stellt.
Was tatsächlich das Problem ist
An dieser Stelle verschiebt sich die ethische Frage. Ein nichtnormativer Wunsch als solcher ist kein Problem. Kritisch wird, was Urteilsfähigkeit, Freiwilligkeit oder körperliche Unversehrtheit gefährdet: irreversible Eingriffe ohne medizinische Sicherung, Selbstverletzung, das Ausnutzen von Abhängigkeit, Gruppendruck sowie die bezahlte Produktion und Verbreitung von Gewaltbildern.
Die moralische Kritik richtet sich daher auf Handlungen und Beziehungen: Zwang, Täuschung, Abhängigkeit, fehlende medizinische Absicherung, Gefährdung und wirtschaftliche Aneignung. Zum Problem wird nicht eine Abweichung von der Geschlechternorm, vielmehr die Möglichkeit, dass ein körperbezogenes Leiden zur Ware wird und ein verletzlicher Körper zum Material fremden Genießens.
Die Pflicht, niemanden vorzuführen
Ein Text über diese Szene kann sie analysieren, oder er kann sie vorführen, sobald das drastische Detail die Sprache antreibt, sobald Menschen auf Genitalien und Eingriffe verkürzt werden oder klinische Ungewissheit durch eine elegant klingende Theorie ersetzt wird.
Angemessen ist eine doppelte Zurückhaltung. Sie verweigert die beschämende Pathologisierung von Transidentität, nicht-binären Lebensformen, Asexualität und ungewöhnlichen Fantasien. Sie verweigert ebenso die Verklärung von Selbstschädigung, irreversiblen Eingriffen und der Gewaltwirtschaft digitaler Plattformen.
„Nullo Culture“ ist also kein Name für ein Schauspiel am Rand der Gesellschaft. Der Ausdruck bezeichnet eine Gegenwartsformation, in der Körperbild, Geschlecht, Trieb, digitale Sichtbarkeit und Markt ineinandergreifen. Ihre Analyse beginnt mit der Frage, welche gesellschaftlichen und medialen Bedingungen den radikalen Verlust als Lösung, als Bild und als Genuss verfügbar machen.
Das Wichtigste in Kürze
„Nullo“ ist ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Wünsche rund um die Entfernung äußerer Genitalien und keine Diagnose. Die betreffenden Foren haben einige tausend Mitglieder.
Die Forschung findet mindestens drei Motive, die sich überlagern: erhoffte Ruhe und Befreiung vom Sexualtrieb (rund 40 Prozent), sexuelle Erregung durch die Fantasie selbst (rund 30 Prozent) und kosmetische Gründe.
Höchstens vier Prozent streben laut einer Arbeit von 2024 eine tatsächliche Genitalablation an. Für die meisten bleibt es Fantasie.
Geschlechtsdysphorie ist etwas anderes. Der Wunsch nach geschlechtlicher Neutralisierung ist kein Wunsch nach einem Übergang in ein anderes Geschlecht.
Körperintegritätsdysphorie ist im ICD-11 verzeichnet, bezieht sich klassisch aber auf Gliedmaßen und Lähmung. Sie taugt nicht als Sammeldiagnose für eine Subkultur.
Psychoanalytisch gelesen verspricht die Tilgung des Geschlechtszeichens Ruhe, Kontrolle und ein Ende der Ambivalenz. Der vorgestellte Verlust kann dabei selbst zum Genuss werden.
Die Plattform verwandelt das angestrebte Verschwinden in besondere Sichtbarkeit. Aus der Null wird ein Emblem.
Der dokumentierte Londoner Fall zeigt, wo die Szene in Gewalt und Ausbeutung kippt: über 22.000 zahlende Abonnenten, rund 300.000 Pfund Umsatz, 22 Jahre Mindeststrafe.
Die Einwilligung schützt strafrechtlich nicht: Nach § 228 StGB bleibt eine Körperverletzung rechtswidrig, wenn sie trotz Zustimmung gegen die guten Sitten verstößt. Ein Laieneingriff ohne Indikation fällt regelmäßig darunter.
Kritikwürdig sind Zwang, Täuschung, Abhängigkeit, fehlende medizinische Sicherung und die Vermarktung von Gewaltbildern. Nicht die Abweichung von einer Norm.
Quellen
Castration Interests: Motivations and Characteristics – Archives of Sexual Behavior (PMC)
Voluntary Castration: Prevalence and Correlates – Archives of Sexual Behavior
Body Integrity Dysphoria: Übersicht und ICD-11-Einordnung (PMC)
S3-Leitlinie Geschlechtsdysphorie: Diagnostik, Beratung, Behandlung – AWMF
London: Mitglieder mutmaßlicher Kastrationsgruppe vor Gericht – stern
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Nullo: die glatte Stelle, an der die Genitalien waren
In Foren mit einigen tausend Mitgliedern kreisen Wünsche um die Entfernung äußerer Genitalien. Die Forschung findet dort mindestens drei verschiedene Motive, die einander überlagern, und keine einheitliche Diagnose.
Worum es geht:
· die Zahlen,
· die Abgrenzung gegen Geschlechtsdysphorie und Körperintegritätsdysphorie und
· warum ausgerechnet das Verschwinden eines Körperteils als Versprechen gelesen werden kann.
Was mit Nullo und genital nullification gemeint ist
„Nullo Culture“ ist ein Sammelbegriff für Wünsche, Fantasien, Selbstbeschreibungen und digitale Praktiken, die sich um die Tilgung äußerer Genitalien gruppieren. Der Ausdruck stammt aus der Szene selbst und hat in der Fachliteratur kein Gegenstück; die Forschung spricht von castration interest oder genital ablation und meint damit jeweils enger umrissene Phänomene. Das Zielbild ist ein glatter, merkmalsloser Unterleib.
Auf Reddit beschäftigt sich ein Forum mit rund 2300 Mitgliedern mit der Glansektomie, englisch glansectomy, also der chirurgischen Entfernung der nervenreichen Eichel. Ein zweites Forum mit etwa 3500 Mitgliedern kreist um die Penektomie, englisch penectomy, also die Amputation des Penis. Manche Beiträge schließen die Hoden ein, andere sprechen von der vollständigen Entfernung der äußeren Genitalien, im englischsprachigen Raum genital nullification genannt. Für die meisten Vorbeiscrollenden endet die Reaktion beim Entsetzen. Für die Forschung beginnt dort erst die Frage.
Eine Analyse ist nur dann zu rechtfertigen, wenn sie zunächst Abstand hält: Abstand vom voyeuristischen Material, von den drastischen Fallgeschichten und von der Versuchung, die klinische Bedeutung eines Körperwunsches aus seiner Drastik abzuleiten. Der Gegenstand ist die kulturelle Form, in der ein radikaler Wunsch nach körperlicher Veränderung sagbar, teilbar, bebilderbar und mitunter verkäuflich wird.
Die Zahlen aus der Forschung
Eine im Fachblatt Archives of Sexual Behavior veröffentlichte Untersuchung hat Männer mit Kastrationsinteresse nach ihren Gründen gefragt. Rund 40 Prozent nannten das, was die Forschung als „eunuch calm“ beschreibt: eine erhoffte Ruhe, eine Befreiung von als bedrängend erlebten Sexualtrieben. Etwa 30 Prozent empfanden die Fantasie selbst als erregend. Ein ähnlich großer Anteil nannte kosmetische Gründe, konkret den Wunsch nach einem glatten Erscheinungsbild.
Diese drei Motive schließen einander nicht aus. Ihre Überlagerung ist ein Kennzeichen der Szene, keine Randerscheinung. Wer die Operation anstrebt und wer sich beim Gedanken daran erregt, sind häufig dieselben Menschen.
Ebenso wichtig ist die Größenordnung des Handelns. Eine 2024 in Sexual Medicine veröffentlichte Arbeit fand, dass höchstens vier Prozent tatsächlich eine Genitalablation anstreben. Die Fantasie bleibt für die große Mehrheit Fantasie.
Ein Wort für drei verschiedene Situationen
Die ältere Literatur zu Männern mit ausgeprägtem Interesse daran, sich kastrieren zu lassen, unterscheidet sorgfältig zwischen bloßem Interesse, sexueller Fantasie, einem handlungsleitenden Wunsch nach Eingriffen und bereits kastrierten Männern. Sie findet unterschiedliche biografische, sexuelle und psychologische Profile. Eine gemeinsame Ursache findet sie nicht.
Diese Heterogenität verbietet ein vorschnelles Urteil. Dieselbe körperliche Zielvorstellung kann ganz verschiedene seelische Aufgaben erfüllen: bei dem einen die Dämpfung eines als übergriffig erlebten Triebs, bei dem nächsten eine sexuelle Fantasie, die gerade von ihrer Unerfüllbarkeit lebt, beim dritten eine ästhetische Vorstellung vom eigenen Körper. Eine Einordnung, die alle drei unter dieselbe Diagnose bringt, beruhigt den Betrachter und erklärt nichts.
Die klinisch brauchbare Frage lautet deshalb immer: Welche Funktion hat der Wunsch im jeweiligen Leben? Ist er episodisch oder anhaltend, quälend oder lustvoll, symbolisch gedacht oder handlungsdrängend? Ist er in ein Selbstverständnis eingebaut, oder soll er einen unlösbar gewordenen Konflikt am Körper abrupt beenden? Bestehen Selbstgefährdung, Druck durch andere, finanzielle Ausbeutung oder ein unkontrollierbarer Impuls zur irreversiblen Handlung?
Warum die Abgrenzung zur Geschlechtsdysphorie wichtig ist
Geschlechtsdysphorie beschreibt klinisch bedeutsames Leiden im Zusammenhang mit einer Inkongruenz zwischen dem erlebten Geschlecht und dem bei Geburt zugeschriebenen Geschlecht. Die deutsche S3-Leitlinie behandelt Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit als eigenständigen Beratungs-, Diagnostik- und Behandlungszusammenhang.
Ein Wunsch nach Entfernung von Genitalien lässt sich daraus nicht ableiten. Umgekehrt beweist eine genitalbezogene Ablehnung keine Geschlechtsdysphorie. Wer eine vollständige geschlechtliche Neutralisierung anstrebt, artikuliert damit keinen Übergang in ein anderes binäres Geschlecht. Diese Männer wollen auch keine weibliche Anatomie. Sie wollen an dieser Stelle nichts.
Daraus folgt allerdings ebenso wenig, dass nicht-binäre oder transgeschlechtliche Lebensweisen unter das Stichwort Nullo fallen dürften. Eine solche Gleichsetzung würde geschlechtliche Selbstbestimmung in eine Sprache des Mangels und der Verstümmelung zurückübersetzen.
Körperintegritätsdysphorie und ihre Grenzen
Ähnlich irreführend wäre es, diese Erfahrungen pauschal als Körperintegritätsdysphorie zu lesen. Dieses seltene, im ICD-11 verzeichnete Zustandsbild ist durch einen anhaltenden Wunsch nach einer erheblichen Behinderung gekennzeichnet, etwa nach Amputation einer Gliedmaße, Blindheit oder Lähmung, verbunden mit starkem Unbehagen gegenüber der gegenwärtigen körperlichen Unversehrtheit.
Die klassischen Beschreibungen beziehen sich auf Gliedmaßen und Lähmung. Sie bilden keine allgemeine Theorie jedes fremd empfundenen Körperteils. Die Forschungslage zu Entstehung und Häufigkeit bleibt dünn.
Es gibt Einzelfälle, in denen eine genitalbezogene Inkongruenz des Körperschemas differenzialdiagnostisch zählt; die Forschung hat dafür den Ausdruck „male-to-eunuch gender dysphoria“ geprägt. Das berechtigt nicht dazu, eine Subkultur in eine klinische Kategorie zu verwandeln. Zwischen dem Erleben eines Körperteils als nicht zugehörig, einer sexuell aufgeladenen Verlustfantasie, einer geschlechtlichen Selbstbeschreibung und dem Wunsch nach einer realen Operation liegen erhebliche Unterschiede.
Kastration und Kastrationsangst in der Psychoanalyse
Erst nach diesen Abgrenzungen kommt die psychoanalytische Frage. Sie zielt nicht auf die verborgene Wahrheit einzelner Menschen. Sie zielt auf die kulturelle Fantasie, die dort sichtbar wird, wo Kastration als Versprechen erscheint statt als Angstbild.
In der psychoanalytischen Tradition meint Kastration nicht die reale Schädigung eines Organs. Sie steht für die Grenze eines ungeteilten Genießens, für die Einsicht, dass niemand über Körper, Begehren und den anderen vollständig verfügt. Als symbolische Figur markiert sie Verlust, Begrenzung und den Eintritt in eine Ordnung, in der immer etwas fehlt.
Freud hat die Kastrationsangst im Zusammenhang mit dem Ödipuskonflikt beschrieben, als Drohung, die das Kind zur Aufgabe seiner Ansprüche bewegt. Lacan hat den Begriff von der Anatomie gelöst. Der Phallus ist bei ihm ein Signifikant, der Mangel und Begehren organisiert, und kein Organ. Kastration heißt dann, dass niemand ihn besitzt.
Vor diesem Hintergrund wird die Fantasie lesbar. Sie nimmt eine Drohung und macht daraus ein Angebot.
Eine kulturelle Lektüre der Szene kann daran anschließen, solange sie Symbolisches und Reales auseinanderhält. Genau an dieser Nahtstelle wird die Szene interessant: Sie nimmt eine Figur beim Wort, die als Figur gemeint war.
Das Versprechen der Null
Die zugespitzte Fantasie lautet: Wenn das Geschlechtszeichen verschwindet, wird endlich Ruhe sein. Wenn der Trieb lokalisiert und beseitigt ist, verstummt die Forderung des anderen. Wenn der Körper glatt wird, verschwindet auch sein Rätsel.
Die Null verspricht in dieser Logik keine bloße Abwesenheit. Sie verspricht Reinheit, Kontrolle, Erlösung von Ambivalenz und eine endgültige Lösung des Konflikts. Der Wunsch nach der erhofften Ruhe, den rund 40 Prozent der Befragten nennen, ist der klarste Ausdruck davon.
Damit steht die Szene in einer Reihe mit Trends, die dieser Blog bereits behandelt hat. Looksmaxxing und selbst Bone Smashing versprechen die Lösung eines sozialen Problems durch Eingriff in den Körper. Bigorexie verspricht Sicherheit durch Muskelmasse. Die Nullo-Fantasie folgt derselben Bewegung, verzichtet aber auf die Ausrede der Schönheit. Sie verspricht die Stilllegung des Körpers an einer bestimmten Stelle.
Wenn der Verlust selbst zum Genuss wird
Hier liegt der Widerspruch, an dem die Fantasie kenntlich wird. Die Tilgung des Geschlechtszeichens kann selbst zum Gegenstand intensiven Genießens werden. Der Verlust wird vorgestellt, wiederholt, erzählt, gezeigt, kommentiert und begehrt. Dass etwa 30 Prozent der Befragten die Fantasie erregend finden, gehört zur Sache und ist kein Randbefund.
Eine solche Fantasie kann deshalb eine Verdichtung des Begehrens sein: Es richtet sich auf den Ort, an dem seine eigene Bedingung buchstäblich gemacht werden soll, also das Fehlen, die Grenze, die Nichtverfügbarkeit. Wer den Beitrag zum Jouissance-Begriff kennt, erkennt die Bewegung wieder. Menschen halten an dem fest, was ihnen schadet, weil die Wiederholung einen Gewinn abwirft, der sich in der Sprache des Wohlbefindens nicht ausdrücken lässt.
Es geht also um die Deutung von Diskursen und Fantasiestrukturen, jenseits von Diagnosen ihrer Träger.
Die Plattform macht aus dem Verschwinden ein Zeichen
Die digitale Form verändert die Fantasie. Was früher in privaten Vorstellungen, Briefwechseln oder abseitigen erotischen Sammlungen zirkulierte, lässt sich heute als Suchbegriff, Profil, Bild, Video, Kommentar und Gemeinschaft organisieren. Das Internet erzeugt den Wunsch nicht. Es liefert ihm Kategorien, ein Publikum und wechselseitige Verstärkung.
Damit rückt der Blick des anderen ins Zentrum. Die behauptete Erledigung des Geschlechtszeichens entkommt der sozialen Bühne nicht. Sie kann im Gegenteil zur besonderen Sichtbarkeit werden: Der Körper, der geschlechtlich neutral sein möchte, wird als Ausnahme benannt, abgebildet und anerkannt. Wer sich in diesen Foren als Nullo bezeichnet, gehört damit zu den Nullos, also zu einer Gruppe mit eigenem Namen. Das Verschwinden erzeugt ein neues Zeichen. Aus der Null wird ein Emblem.
Der Fall Marius Gustavson: Wo die Fantasie in Gewalt kippt
Was geschieht, wenn die medizinische Sicherung wegfällt, hat 2024 ein Londoner Gerichtsverfahren gezeigt. Der in Norwegen geborene Marius Gustavson, der sich selbst „eunuch maker“ nannte, wurde zu einer Mindeststrafe von 22 Jahren verurteilt. Er hatte eine Bezahlwebsite betrieben, auf der Abonnenten für bis zu 100 Pfund im Jahr Live-Kastrationen und Penektomien verfolgen konnten, viele davon unter unsterilen Bedingungen in seiner Londoner Wohnung durchgeführt. Die Seite zog über 22.000 Abonnenten an und erwirtschaftete rund 300.000 Pfund, bevor die Behörden sie schlossen.
Der Dokumentarfilmer Marcel Theroux, der freiwillige Eunuchen für einen Film über den Fall befragt hat, beschrieb bei seinen Gesprächspartnern deutliche Zeichen echter seelischer Not. Sie hätten nach einem Ausweg aus ihren Konflikten gesucht, und genau das habe sie für Gustavson angreifbar gemacht, der sich als Lösung anbot.
Der medizinische Rahmen ist eng. Kein seriöser Chirurg führt eine elektive Penektomie oder Glansektomie ohne medizinische Notwendigkeit durch, etwa bei Peniskarzinom, von dem in Großbritannien jährlich rund 820 neue Fälle auftreten. Wer sich außerhalb eines sterilen Operationssaals chirurgisch etwas entfernen lässt, riskiert Sepsis, schweren Blutverlust und den Tod. Wird ein Organ unsteril amputiert, ist die Infektion der Regelfall.
Körperverletzung: Was das Strafrecht zur Einwilligung sagt
Der Fall Gustavson wirft die Frage auf, warum eine Einwilligung hier nicht schützt. Wer den Eingriff wollte und ihn ausdrücklich verlangte, hat schließlich zugestimmt.
Das deutsche Strafrecht beantwortet das über § 228 StGB. Eine Körperverletzung mit Einwilligung bleibt rechtswidrig, wenn die Tat trotz der Einwilligung gegen die guten Sitten verstößt. Die Rechtsprechung stellt dabei auf Art und Gewicht der Verletzung ab, außerdem auf die konkrete Gefahr für Leib und Leben. Ein irreversibler Eingriff ohne medizinische Indikation, unter unsterilen Bedingungen und von einem Laien ausgeführt, fällt regelmäßig darunter. Die Einwilligung macht ihn nicht straflos.
Dazu kommt die ärztliche Seite. Eine Amputation gesunder Organe ohne Indikation ist berufsrechtlich nicht gedeckt. Genau diese Lücke zwischen dem Wunsch und dem, was ein Arzt tun darf, füllt der informelle Anbieter. Der Markt entsteht dort, wo Menschen mit einem echten Leidensdruck keinen legalen Ansprechpartner finden und deshalb bei jemandem landen, der keine Fragen stellt.
Was tatsächlich das Problem ist
An dieser Stelle verschiebt sich die ethische Frage. Ein nichtnormativer Wunsch als solcher ist kein Problem. Kritisch wird, was Urteilsfähigkeit, Freiwilligkeit oder körperliche Unversehrtheit gefährdet: irreversible Eingriffe ohne medizinische Sicherung, Selbstverletzung, das Ausnutzen von Abhängigkeit, Gruppendruck sowie die bezahlte Produktion und Verbreitung von Gewaltbildern.
Die moralische Kritik richtet sich daher auf Handlungen und Beziehungen: Zwang, Täuschung, Abhängigkeit, fehlende medizinische Absicherung, Gefährdung und wirtschaftliche Aneignung. Zum Problem wird nicht eine Abweichung von der Geschlechternorm, vielmehr die Möglichkeit, dass ein körperbezogenes Leiden zur Ware wird und ein verletzlicher Körper zum Material fremden Genießens.
Die Pflicht, niemanden vorzuführen
Ein Text über diese Szene kann sie analysieren, oder er kann sie vorführen, sobald das drastische Detail die Sprache antreibt, sobald Menschen auf Genitalien und Eingriffe verkürzt werden oder klinische Ungewissheit durch eine elegant klingende Theorie ersetzt wird.
Angemessen ist eine doppelte Zurückhaltung. Sie verweigert die beschämende Pathologisierung von Transidentität, nicht-binären Lebensformen, Asexualität und ungewöhnlichen Fantasien. Sie verweigert ebenso die Verklärung von Selbstschädigung, irreversiblen Eingriffen und der Gewaltwirtschaft digitaler Plattformen.
„Nullo Culture“ ist also kein Name für ein Schauspiel am Rand der Gesellschaft. Der Ausdruck bezeichnet eine Gegenwartsformation, in der Körperbild, Geschlecht, Trieb, digitale Sichtbarkeit und Markt ineinandergreifen. Ihre Analyse beginnt mit der Frage, welche gesellschaftlichen und medialen Bedingungen den radikalen Verlust als Lösung, als Bild und als Genuss verfügbar machen.
Das Wichtigste in Kürze
„Nullo“ ist ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Wünsche rund um die Entfernung äußerer Genitalien und keine Diagnose. Die betreffenden Foren haben einige tausend Mitglieder.
Die Forschung findet mindestens drei Motive, die sich überlagern: erhoffte Ruhe und Befreiung vom Sexualtrieb (rund 40 Prozent), sexuelle Erregung durch die Fantasie selbst (rund 30 Prozent) und kosmetische Gründe.
Höchstens vier Prozent streben laut einer Arbeit von 2024 eine tatsächliche Genitalablation an. Für die meisten bleibt es Fantasie.
Geschlechtsdysphorie ist etwas anderes. Der Wunsch nach geschlechtlicher Neutralisierung ist kein Wunsch nach einem Übergang in ein anderes Geschlecht.
Körperintegritätsdysphorie ist im ICD-11 verzeichnet, bezieht sich klassisch aber auf Gliedmaßen und Lähmung. Sie taugt nicht als Sammeldiagnose für eine Subkultur.
Psychoanalytisch gelesen verspricht die Tilgung des Geschlechtszeichens Ruhe, Kontrolle und ein Ende der Ambivalenz. Der vorgestellte Verlust kann dabei selbst zum Genuss werden.
Die Plattform verwandelt das angestrebte Verschwinden in besondere Sichtbarkeit. Aus der Null wird ein Emblem.
Der dokumentierte Londoner Fall zeigt, wo die Szene in Gewalt und Ausbeutung kippt: über 22.000 zahlende Abonnenten, rund 300.000 Pfund Umsatz, 22 Jahre Mindeststrafe.
Die Einwilligung schützt strafrechtlich nicht: Nach § 228 StGB bleibt eine Körperverletzung rechtswidrig, wenn sie trotz Zustimmung gegen die guten Sitten verstößt. Ein Laieneingriff ohne Indikation fällt regelmäßig darunter.
Kritikwürdig sind Zwang, Täuschung, Abhängigkeit, fehlende medizinische Sicherung und die Vermarktung von Gewaltbildern. Nicht die Abweichung von einer Norm.
Quellen
Castration Interests: Motivations and Characteristics – Archives of Sexual Behavior (PMC)
Voluntary Castration: Prevalence and Correlates – Archives of Sexual Behavior
Body Integrity Dysphoria: Übersicht und ICD-11-Einordnung (PMC)
S3-Leitlinie Geschlechtsdysphorie: Diagnostik, Beratung, Behandlung – AWMF
London: Mitglieder mutmaßlicher Kastrationsgruppe vor Gericht – stern
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