Zirkularatmung und Bewusstseinserweiterung: Verblüffende Forschungsergebnisse zum Atmen
Zirkularatmung und Bewusstseinserweiterung: Verblüffende Forschungsergebnisse zum Atmen
Zirkularatmung und Bewusstseinserweiterung
Veröffentlicht am:
21.01.2026


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Zirkularatmung: Atmen verändert Bewusstseinszustände, ähnlich wie Psychedelika! Verblüffende Forschungsergebnisse zum bewussten Atmen.
Zirkularatmung und Atemübungen: Kann bewusstes Atmen Ihr Bewusstsein verändern?
Unsere Atmung ist weit mehr als nur die physiologische Versorgung mit Sauerstoff. Sie ist die Brücke zwischen Körper und Psyche. In diesem Artikel tauchen wir tief in die Welt der Atemarbeit ein. Wir beleuchten die faszinierende Technik der Zirkularatmung , von ihren Ursprüngen beim Didgeridoo-Spiel bis hin zu modernen therapeutischen Ansätzen. Erfahren Sie, wie Atmung beeinflusst, was wir fühlen, wie spezielle Atemtechniken das Bewusstsein verändern können und warum es sich lohnt, das Atmen neu zu erlernen, um innere Balance zu finden.
Was verstehen wir eigentlich unter Atmung und wie funktioniert sie?
Atmen ist eine Grundfunktion von Lebewesen. Vom ersten Schrei bis zum letzten Seufzer begleitet uns der Atem. Im Durchschnitt machen wir etwa 12 bis 18 Atemzüge pro Minute, oft ohne es überhaupt zu bemerken. Dieser Prozess wird meist vom autonomen Nervensystem gesteuert, was bedeutet, dass wir nicht darüber nachdenken müssen, um am Leben zu bleiben. Doch genau hier liegt das verborgene Potenzial: Die Atmung ist eine der wenigen Körperfunktionen, die sowohl autonom als auch willentlich kontrolliert werden kann.
Wenn wir einatmen, senkt sich das Zwerchfell, die Lungen füllen sich und Sauerstoff gelangt ins Blut. Beim Ausatmen entspannt sich das Zwerchfell, und verbrauchte Luft, angereichert mit Kohlendioxid, verlässt den Körper. Dieser Gasaustausch ist essenziell für unseren Stoffwechsel. Doch die Art und Weise, wie wir atmen , ob flach in die Brust oder tief in den Bauch (Bauchatmung) , sendet signifikante Signale an unser Gehirn.
Ein ruhiges, tiefes Atemmuster signalisiert dem Körper Sicherheit. Es aktiviert den Parasympathikus, den Teil des Nervensystems, der für Erholung und Verdauung zuständig ist. Hektisches, flaches Atmen hingegen versetzt uns in Alarmbereitschaft. Wenn wir verstehen, wie dieser Mechanismus funktioniert, können wir bewusst eingreifen. Wir können lernen, durch willentlich gesteuerte Atemübungen unseren Zustand von Stress auf Entspannung umzuschalten oder umgekehrt, Energie zu mobilisieren.
Wie kann man bewusst atmen und das Nervensystem steuern?
Bewusst zu atmen bedeutet, die Aufmerksamkeit vom Außen nach Innen zu lenken. Im Alltag atmen wir oft flach und unregelmäßig, was Stresssymptome verstärken kann. Wenn wir jedoch beginnen, bewusst auf unsere Einatmung und Ausatmung zu achten, übernehmen wir das Steuer unseres Nervensystems.
Eine einfache Methode ist, die Atemfrequenz zu verlangsamen. Langsames Atmen (z. B. 6 Atemzüge pro Minute) synchronisiert Herzrate und Hirnwellen. Man nennt dies Kohärenz. Wenn wir üben, den Atem zu verlängern, insbesondere das Ausatmen, aktivieren wir den „Bremshebel“ unseres Körpers, den Vagusnerv.
Aber es gibt auch das Gegenteil: Techniken, die das System aktivieren. Hier kommt oft die Mundatmung ins Spiel, die mehr Luftvolumen transportiert als die Nasenatmung. Solche Techniken werden oft therapeutisch genutzt, um Blockaden zu lösen. Es ist wichtig zu verstehen, dass jede Änderung des Atems einen direkten Effekt auf unsere Physiologie hat. Wir können uns durch den Atem beruhigen, fokussieren oder in energiegeladene Zustände versetzen.
Wo liegen die historischen Ursprünge der Zirkularatmung?
Der Begriff Zirkularatmung wird heute in zwei sehr unterschiedlichen Kontexten verwendet. Ursprünglich beschreibt er eine Technik, die es ermöglicht, einen kontinuierlichen Luftstrom aus dem Mund zu erzeugen, während man gleichzeitig durch die Nase einatmet. Die Ursprünge der Zirkularatmung sind uralt und eng mit dem Instrumentenbau und traditionellem Handwerk verknüpft.
Am bekanntesten ist wohl das Didgeridoo der australischen Aborigines. Um den typischen, ununterbrochenen Bordun-Ton zu erzeugen, nutzen die Spieler diese Technik. Aber auch bei westlichen Blasinstrumenten wird sie eingesetzt. Historisch gesehen war die Technik jedoch nicht nur musikalisch relevant. Im Handwerk nahm die Verwendung der Zirkularatmung früher einen wichtigen Platz ein, beispielsweise bei Goldschmieden oder Glasbläsern, die mit einem Lötrohr eine stetige Flamme aufrechterhalten mussten.
Ein interessantes historisches Detail ist der Wandel dieser Technik im gewerblichen Bereich. Die Verwendung der Zirkularatmung, insbesondere seit der Industrialisierung, ging stark zurück. Speziell seit der Einführung von Flaschengasen und modernen Brennern wurde die Notwendigkeit, einen Luftstrom manuell (bzw. oral) aufrechtzuerhalten, überholt. Während sie im Handwerk fast verschwand, erlebte sie in der Musik eine Renaissance, da sie Solisten auf Instrumenten wie der Oboe oder Klarinette ermöglicht, endlose Phrasen zu spielen, ohne absetzen zu müssen, um Luft zu holen.
Früher behalf man sich in Orchestern anders: Die Bildung von größeren Ensembles und das sogenannte chorische Atmen ermöglichten einen durchgehenden Klangteppich. Beim chorischen Atmen die Musiker einer Stimmgruppe versetzt, sodass nie alle gleichzeitig eine Pause machen. Die Zirkularatmung erlaubt das dem Einzelnen.
Wie lässt sich die Technik der Zirkularatmung üben und erlernen?
Die technische Zirkularatmung lässt sich anhand einfacher Hilfsmittel trainieren. Das Prinzip ist physikalisch simpel, aber koordinativ anspruchsvoll: Bei dieser Technik speichert der Blasende Luft in den aufgeblähten Wangen. Während er diese Luft mit der Wangenmuskulatur aus dem Mund drückt, atmet er blitzschnell durch die Nase neue Luft ein.
Man kann dies gut mit einem Strohhalm in einem Wasserglas erlernen. Ziel ist es, das Blubbern im Wasser konstant zu halten, auch während man durch die Nase einatmet. Der kritische Moment ist der Übergang: Das Herausdrücken der Luft aus den Wangen bei gleichzeitiger Einatmung durch die Nase erfordert eine Entkoppelung von Gaumensegel und Zungenmuskulatur.
Nicht alle Instrumente sind gleich gut geeignet für die Zirkularatmung. Instrumente mit hohem Blaswiderstand (wie Oboe oder Trompete) erleichtern den Vorgang, da der Gegendruck hilft, die Luft in den Wangen zu „parken“. Instrumente wie die Querflöte oder Blockflöte haben wenig Widerstand; hier entweicht die Luft sehr schnell. Sie weisen ein brauchbares Gegendruckverhalten nur bedingt auf. Bei Instrumenten mit sehr gutmütigem Gegendruckverhalten fällt die Technik darum leichter; bei der Querflöte ist es eine Meisterleistung. Ein Anzeichen von mangelnder Kontrolle wäre hier, wenn der Ton beim Einatmen wackelt oder abbricht. Wer diese Technik beherrscht, trennt die Atmung und die nötigen Bewegungsabläufe im Mundraum fast vollständig voneinander ab.
Ist Zirkularatmung mehr als nur eine Technik für Musiker?
In den vergangenen Jahren, und verstärkt in den vergangenen zwei Jahrzehnten, hat sich der Begriff gewandelt. Wenn wir heute im therapeutischen Kontext oder im Yoga von Zirkularatmung (engl. Circular Breathing) sprechen, meinen wir oft das sogenannte High Ventilation Breathwork oder „verbundenes Atmen“. Hierbei geht es nicht um das Speichern von Luft in den Wangen, sondern um einen lückenlosen Atemrhythmus: Einatmen und Ausatmen gehen fließend ineinander über, ohne Pausen.
Ein Wiederaufleben erfuhr die Zirkularatmung in dieser Form durch Pioniere der Atemarbeit wie Stanislav Grof (holotropes Atmen) oder Leonard Orr (Rebirthing). Hier wird das Atmen als Werkzeug zur Selbsterforschung genutzt. Diese Form der Atemarbeit wird praktiziert, um emotionale Blockaden zu lösen und Einsichten zu erlangen.
Es ist wichtig, diese beiden Definitionen zu unterscheiden. Während der Musiker die Zirkularatmung für einen äußerlichen Zweck (den unendlichen Ton) nutzt, nutzen Psychotherapie oder Selbsterfahrung das verbundene Atmen für einen innerlichen Prozess. Die Technik der Zirkularatmung lässt sich also in zwei vollkommen unterschiedlichen Richtungen anwenden: einmal für die Kunst im Außen, einmal für die Heilung im Innen.
Wie beeinflusst die Atmung den Körper und den Blutdruck?
Bei der therapeutischen Zirkularatmung (verbundenes Atmen) atmen wir oft schneller und tiefer als gewohnt. Dieses schnelle Atmen führt zu einer physiologischen Kettenreaktion. Durch die erhöhte Ventilation wird mehr Kohlendioxid abgeatmet, als der Körper im Stoffwechsel produziert. Der Kohlendioxidspiegel im Blut sinkt (Hypokapnie).
Dies mag verrückt klingen, aber obwohl der Sauerstoffgehalt im Blut meist ohnehin bei fast 100 % liegt und durch das viele Atmen hoch bleibt, führt der Mangel an CO₂ dazu, dass sich die Blutgefäße verengen. Zudem bindet sich der Sauerstoff fester an das Hämoglobin (Bohr-Effekt) und wird schlechter an das Gewebe abgegeben.
Die Auswirkung ist spürbar: Viele Menschen erleben ein Kribbeln in den Händen oder im Gesicht. Oft sinken Herzfrequenz und Blutdruck verblüffenderweise nicht, sondern der Körper gerät in einen sympathischen Aktivierungszustand , eine Art kontrollierten Stress. Dies ist gewollt, um das System „aufzurütteln“. Es ist beeindruckend, wie rein mechanisches Atmen biochemische Prozesse in Gang setzt, die wir sonst nur aus Extremsituationen kennen.
Kann man durch Atemarbeit das Bewusstsein verändern?
Ja, das ist einer der Hauptgründe, warum Menschen diese intensiven Atemtechniken aufsuchen. Das Ziel ist oft, das Bewusstsein verändern zu wollen, ohne Substanzen einzunehmen. Wenn durch die oben beschriebene Hyperventilation (im kontrollierten Rahmen) der CO₂‑Spiegel sinkt, verändert sich die Durchblutung im Gehirn.
Studien zeigen, dass insbesondere die Aktivität im sogenannten „Default Mode Network“ (DMN), dem Ruhezustandsnetzwerk unseres Gehirns, das für das Grübeln und das Ego zuständig ist , heruntergefahren wird. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen Veränderungen der Durchblutung in der rechten Amygdala (unserem Angstzentrum) und dem vorderen Hippocampus (zuständig für Gedächtnis und Emotionen).
Durch die verringerte Aktivität des „kritischen Verstandes“ (DMN) können Inhalte aus dem Unbewussten an die Oberfläche kommen. Das unbewusste Material, seien es verdrängte Erinnerungen oder Emotionen, wird zugänglich. Man könnte sagen, die Brücke zwischen Körper und Geist wird durchlässiger. In diesem Zustand berichten Praktizierende oft von visuellen Erscheinungen, tiefen emotionalen Durchbrüchen oder spirituellen Erlebnissen. Der veränderte Blutfluss und die neurochemischen Veränderungen schaffen einen Zustand erhöhter Plastizität, in dem alte Muster überschrieben werden können.
Welche Rolle spielen Atemtechniken therapeutisch bei Stress?
Therapeutisch eingesetzt, sind Atemübungen ein mächtiges Instrument. Im klinischen Kontext in Berlin und weltweit wird Atemarbeit oft unterstützend bei Angststörungen, Depressionen oder Trauma eingesetzt. Doch Vorsicht: Während sanfte Techniken (langes Ausatmen) beruhigen, dient das intensive zirkuläre Atmen der Konfrontation.
Viele Menschen speichern Stress und Trauma auch körperlich. Ein chronisch angespanntes Zwerchfell oder eine flache Brustatmung sind körperliche Manifestationen von psychischem Stress. Durch das intensive Atmen wird der Körper mit Energie geflutet. Dies kann zu einer kathartischen Entladung führen , sei es durch Weinen, Lachen oder Zittern.
Dieser Prozess hilft, die „Ladung“ aus dem Nervensystem zu nehmen. Nach einer intensiven Sitzung folgt meist eine lange Phase der tiefen Entspannung, in der das parasympathische System übernimmt. Die positiven Effekte reichen von einem Gefühl der Leichtigkeit über reduzierte Ängstlichkeit bis hin zu einem tieferen Verständnis der eigenen Psyche. Es ist eine Arbeit an der Basis: Körper und Psyche werden gleichermaßen adressiert.
Was passiert, wenn man zu heftig und oberflächlich atmet?
Trotz der vielen Vorteile ist Vorsicht geboten. Wenn beim heftigen, flachen Atmen zu viel Kohlendioxid zu schnell abgeatmet wird, kommt es zur Hyperventilation mit Tetanie, der berühmten „Pfötchenstellung“ der Hände (Krämpfe). Das ist harmlos und umkehrbar, sobald man normal atmet. Es ist aber beängstigend.
Schwierig wird es, wenn jemand in Panik gerät oder bei Retraumatisierung, weil zu viel Material aus dem Unterbewusstsein hochkommt, das sich nicht integrieren lässt. Daher sollte intensive Atemarbeit (wie holotropes Atmen oder Rebirthing) nur unter Anleitung erfahrener Therapeuten praktiziert werden.
Auch bei Vorerkrankungen (Herz-Kreislauf, Epilepsie, Schwangerschaft) ist Vorsicht geboten. Die starke körperliche Reaktion, der Anstieg (und spätere Abfall) von Blutdruck und Herzfrequenz, sind eine Belastung für den Körper. Mangelnde Kontrolle der Atmung im Alltag (chronische Hyperventilation) ist ein Krankheitsbild, während die bewusste, zeitlich begrenzte Anwendung ein Heilmittel sein kann.
Wie finde ich durch Atemübungen innere Balance?
Nicht immer muss es die intensive, bewusstseinsverändernde Session sein. Für die tägliche innere Balance reichen oft schon wenige Minuten. Einfache Atemtechniken wie die 4-7-8-Atmung (4 Sekunden einatmen, 7 halten, 8 ausatmen) oder das Box-Breathing wirken Wunder.
Indem wir bewusst Pausen im Alltag nutzen, um auf unseren Atem zu achten, verankern wir uns im Hier und Jetzt. Wir bemerken schneller, wenn wir gestresst sind (flacher Atem), und können dagegen steuern. Das tiefe Einatmen und vor allem das vollständige Ausatmen signalisiert dem Körper: „Es ist alles okay.“
Bewusstes Atemen steigert das Selbstvertrauen. Wir sind unseren Gefühlen und Zuständen nicht hilflos ausgeliefert. Wir haben ein Werkzeug direkt unter unserer Nase. Ob wir nun die technische Zirkularatmung lernen wollen, um Didgeridoo zu spielen, oder ob wir therapeutisches Atmen nutzen, um alte Wunden zu heilen: Der Atem ist der Schlüssel. Er ist die Konstante, die uns begleitet, und das Medium, durch das wir uns selbst regulieren können.
Das Wichtigste auf einen Blick
Dualität des Begriffs: Zirkularatmung meint technisch das kontinuierliche Blasen (Musik), therapeutisch oft das verbundene Atmen ohne Pausen.
Physiologie: Schnelles Atmen senkt den CO₂-Spiegel, verändert den pH-Wert und die Durchblutung im Gehirn (Hyperventilation).
Gehirn: Die Aktivität im „Default Mode Network“ sinkt, was das Bewusstsein verändern und Bewusstseinszustände wie bei Meditation oder Trance auslösen kann.
Technik: Musikalische Zirkularatmung nutzt die Wangen als Blasebalg (Luftvorrat), während durch die Nase geatmet wird (z. B. Didgeridoo, Querflöte).
Therapie: Atemarbeit wirkt als Brücke zwischen Körper und Psyche, kann Emotionen lösen und bei Stress helfen.
Sicherheit: Intensive Techniken sollten aufgrund starker körperlicher Reaktionen (Blutdruck, Schwindel) nur unter Anleitung und bei guter Gesundheit geübt werden.
Alltag: Bewusstes Atmen (langes Ausatmen) aktiviert den Parasympathikus und sorgt für innere Balance.
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Unsere Atmung ist weit mehr als nur die physiologische Versorgung mit Sauerstoff. Sie ist die Brücke zwischen Körper und Psyche. In diesem Artikel tauchen wir tief in die Welt der Atemarbeit ein. Wir beleuchten die faszinierende Technik der Zirkularatmung , von ihren Ursprüngen beim Didgeridoo-Spiel bis hin zu modernen therapeutischen Ansätzen. Erfahren Sie, wie Atmung beeinflusst, was wir fühlen, wie spezielle Atemtechniken das Bewusstsein verändern können und warum es sich lohnt, das Atmen neu zu erlernen, um innere Balance zu finden.
Was verstehen wir eigentlich unter Atmung und wie funktioniert sie?
Atmen ist eine Grundfunktion von Lebewesen. Vom ersten Schrei bis zum letzten Seufzer begleitet uns der Atem. Im Durchschnitt machen wir etwa 12 bis 18 Atemzüge pro Minute, oft ohne es überhaupt zu bemerken. Dieser Prozess wird meist vom autonomen Nervensystem gesteuert, was bedeutet, dass wir nicht darüber nachdenken müssen, um am Leben zu bleiben. Doch genau hier liegt das verborgene Potenzial: Die Atmung ist eine der wenigen Körperfunktionen, die sowohl autonom als auch willentlich kontrolliert werden kann.
Wenn wir einatmen, senkt sich das Zwerchfell, die Lungen füllen sich und Sauerstoff gelangt ins Blut. Beim Ausatmen entspannt sich das Zwerchfell, und verbrauchte Luft, angereichert mit Kohlendioxid, verlässt den Körper. Dieser Gasaustausch ist essenziell für unseren Stoffwechsel. Doch die Art und Weise, wie wir atmen , ob flach in die Brust oder tief in den Bauch (Bauchatmung) , sendet signifikante Signale an unser Gehirn.
Ein ruhiges, tiefes Atemmuster signalisiert dem Körper Sicherheit. Es aktiviert den Parasympathikus, den Teil des Nervensystems, der für Erholung und Verdauung zuständig ist. Hektisches, flaches Atmen hingegen versetzt uns in Alarmbereitschaft. Wenn wir verstehen, wie dieser Mechanismus funktioniert, können wir bewusst eingreifen. Wir können lernen, durch willentlich gesteuerte Atemübungen unseren Zustand von Stress auf Entspannung umzuschalten oder umgekehrt, Energie zu mobilisieren.
Wie kann man bewusst atmen und das Nervensystem steuern?
Bewusst zu atmen bedeutet, die Aufmerksamkeit vom Außen nach Innen zu lenken. Im Alltag atmen wir oft flach und unregelmäßig, was Stresssymptome verstärken kann. Wenn wir jedoch beginnen, bewusst auf unsere Einatmung und Ausatmung zu achten, übernehmen wir das Steuer unseres Nervensystems.
Eine einfache Methode ist, die Atemfrequenz zu verlangsamen. Langsames Atmen (z. B. 6 Atemzüge pro Minute) synchronisiert Herzrate und Hirnwellen. Man nennt dies Kohärenz. Wenn wir üben, den Atem zu verlängern, insbesondere das Ausatmen, aktivieren wir den „Bremshebel“ unseres Körpers, den Vagusnerv.
Aber es gibt auch das Gegenteil: Techniken, die das System aktivieren. Hier kommt oft die Mundatmung ins Spiel, die mehr Luftvolumen transportiert als die Nasenatmung. Solche Techniken werden oft therapeutisch genutzt, um Blockaden zu lösen. Es ist wichtig zu verstehen, dass jede Änderung des Atems einen direkten Effekt auf unsere Physiologie hat. Wir können uns durch den Atem beruhigen, fokussieren oder in energiegeladene Zustände versetzen.
Wo liegen die historischen Ursprünge der Zirkularatmung?
Der Begriff Zirkularatmung wird heute in zwei sehr unterschiedlichen Kontexten verwendet. Ursprünglich beschreibt er eine Technik, die es ermöglicht, einen kontinuierlichen Luftstrom aus dem Mund zu erzeugen, während man gleichzeitig durch die Nase einatmet. Die Ursprünge der Zirkularatmung sind uralt und eng mit dem Instrumentenbau und traditionellem Handwerk verknüpft.
Am bekanntesten ist wohl das Didgeridoo der australischen Aborigines. Um den typischen, ununterbrochenen Bordun-Ton zu erzeugen, nutzen die Spieler diese Technik. Aber auch bei westlichen Blasinstrumenten wird sie eingesetzt. Historisch gesehen war die Technik jedoch nicht nur musikalisch relevant. Im Handwerk nahm die Verwendung der Zirkularatmung früher einen wichtigen Platz ein, beispielsweise bei Goldschmieden oder Glasbläsern, die mit einem Lötrohr eine stetige Flamme aufrechterhalten mussten.
Ein interessantes historisches Detail ist der Wandel dieser Technik im gewerblichen Bereich. Die Verwendung der Zirkularatmung, insbesondere seit der Industrialisierung, ging stark zurück. Speziell seit der Einführung von Flaschengasen und modernen Brennern wurde die Notwendigkeit, einen Luftstrom manuell (bzw. oral) aufrechtzuerhalten, überholt. Während sie im Handwerk fast verschwand, erlebte sie in der Musik eine Renaissance, da sie Solisten auf Instrumenten wie der Oboe oder Klarinette ermöglicht, endlose Phrasen zu spielen, ohne absetzen zu müssen, um Luft zu holen.
Früher behalf man sich in Orchestern anders: Die Bildung von größeren Ensembles und das sogenannte chorische Atmen ermöglichten einen durchgehenden Klangteppich. Beim chorischen Atmen die Musiker einer Stimmgruppe versetzt, sodass nie alle gleichzeitig eine Pause machen. Die Zirkularatmung erlaubt das dem Einzelnen.
Wie lässt sich die Technik der Zirkularatmung üben und erlernen?
Die technische Zirkularatmung lässt sich anhand einfacher Hilfsmittel trainieren. Das Prinzip ist physikalisch simpel, aber koordinativ anspruchsvoll: Bei dieser Technik speichert der Blasende Luft in den aufgeblähten Wangen. Während er diese Luft mit der Wangenmuskulatur aus dem Mund drückt, atmet er blitzschnell durch die Nase neue Luft ein.
Man kann dies gut mit einem Strohhalm in einem Wasserglas erlernen. Ziel ist es, das Blubbern im Wasser konstant zu halten, auch während man durch die Nase einatmet. Der kritische Moment ist der Übergang: Das Herausdrücken der Luft aus den Wangen bei gleichzeitiger Einatmung durch die Nase erfordert eine Entkoppelung von Gaumensegel und Zungenmuskulatur.
Nicht alle Instrumente sind gleich gut geeignet für die Zirkularatmung. Instrumente mit hohem Blaswiderstand (wie Oboe oder Trompete) erleichtern den Vorgang, da der Gegendruck hilft, die Luft in den Wangen zu „parken“. Instrumente wie die Querflöte oder Blockflöte haben wenig Widerstand; hier entweicht die Luft sehr schnell. Sie weisen ein brauchbares Gegendruckverhalten nur bedingt auf. Bei Instrumenten mit sehr gutmütigem Gegendruckverhalten fällt die Technik darum leichter; bei der Querflöte ist es eine Meisterleistung. Ein Anzeichen von mangelnder Kontrolle wäre hier, wenn der Ton beim Einatmen wackelt oder abbricht. Wer diese Technik beherrscht, trennt die Atmung und die nötigen Bewegungsabläufe im Mundraum fast vollständig voneinander ab.
Ist Zirkularatmung mehr als nur eine Technik für Musiker?
In den vergangenen Jahren, und verstärkt in den vergangenen zwei Jahrzehnten, hat sich der Begriff gewandelt. Wenn wir heute im therapeutischen Kontext oder im Yoga von Zirkularatmung (engl. Circular Breathing) sprechen, meinen wir oft das sogenannte High Ventilation Breathwork oder „verbundenes Atmen“. Hierbei geht es nicht um das Speichern von Luft in den Wangen, sondern um einen lückenlosen Atemrhythmus: Einatmen und Ausatmen gehen fließend ineinander über, ohne Pausen.
Ein Wiederaufleben erfuhr die Zirkularatmung in dieser Form durch Pioniere der Atemarbeit wie Stanislav Grof (holotropes Atmen) oder Leonard Orr (Rebirthing). Hier wird das Atmen als Werkzeug zur Selbsterforschung genutzt. Diese Form der Atemarbeit wird praktiziert, um emotionale Blockaden zu lösen und Einsichten zu erlangen.
Es ist wichtig, diese beiden Definitionen zu unterscheiden. Während der Musiker die Zirkularatmung für einen äußerlichen Zweck (den unendlichen Ton) nutzt, nutzen Psychotherapie oder Selbsterfahrung das verbundene Atmen für einen innerlichen Prozess. Die Technik der Zirkularatmung lässt sich also in zwei vollkommen unterschiedlichen Richtungen anwenden: einmal für die Kunst im Außen, einmal für die Heilung im Innen.
Wie beeinflusst die Atmung den Körper und den Blutdruck?
Bei der therapeutischen Zirkularatmung (verbundenes Atmen) atmen wir oft schneller und tiefer als gewohnt. Dieses schnelle Atmen führt zu einer physiologischen Kettenreaktion. Durch die erhöhte Ventilation wird mehr Kohlendioxid abgeatmet, als der Körper im Stoffwechsel produziert. Der Kohlendioxidspiegel im Blut sinkt (Hypokapnie).
Dies mag verrückt klingen, aber obwohl der Sauerstoffgehalt im Blut meist ohnehin bei fast 100 % liegt und durch das viele Atmen hoch bleibt, führt der Mangel an CO₂ dazu, dass sich die Blutgefäße verengen. Zudem bindet sich der Sauerstoff fester an das Hämoglobin (Bohr-Effekt) und wird schlechter an das Gewebe abgegeben.
Die Auswirkung ist spürbar: Viele Menschen erleben ein Kribbeln in den Händen oder im Gesicht. Oft sinken Herzfrequenz und Blutdruck verblüffenderweise nicht, sondern der Körper gerät in einen sympathischen Aktivierungszustand , eine Art kontrollierten Stress. Dies ist gewollt, um das System „aufzurütteln“. Es ist beeindruckend, wie rein mechanisches Atmen biochemische Prozesse in Gang setzt, die wir sonst nur aus Extremsituationen kennen.
Kann man durch Atemarbeit das Bewusstsein verändern?
Ja, das ist einer der Hauptgründe, warum Menschen diese intensiven Atemtechniken aufsuchen. Das Ziel ist oft, das Bewusstsein verändern zu wollen, ohne Substanzen einzunehmen. Wenn durch die oben beschriebene Hyperventilation (im kontrollierten Rahmen) der CO₂‑Spiegel sinkt, verändert sich die Durchblutung im Gehirn.
Studien zeigen, dass insbesondere die Aktivität im sogenannten „Default Mode Network“ (DMN), dem Ruhezustandsnetzwerk unseres Gehirns, das für das Grübeln und das Ego zuständig ist , heruntergefahren wird. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen Veränderungen der Durchblutung in der rechten Amygdala (unserem Angstzentrum) und dem vorderen Hippocampus (zuständig für Gedächtnis und Emotionen).
Durch die verringerte Aktivität des „kritischen Verstandes“ (DMN) können Inhalte aus dem Unbewussten an die Oberfläche kommen. Das unbewusste Material, seien es verdrängte Erinnerungen oder Emotionen, wird zugänglich. Man könnte sagen, die Brücke zwischen Körper und Geist wird durchlässiger. In diesem Zustand berichten Praktizierende oft von visuellen Erscheinungen, tiefen emotionalen Durchbrüchen oder spirituellen Erlebnissen. Der veränderte Blutfluss und die neurochemischen Veränderungen schaffen einen Zustand erhöhter Plastizität, in dem alte Muster überschrieben werden können.
Welche Rolle spielen Atemtechniken therapeutisch bei Stress?
Therapeutisch eingesetzt, sind Atemübungen ein mächtiges Instrument. Im klinischen Kontext in Berlin und weltweit wird Atemarbeit oft unterstützend bei Angststörungen, Depressionen oder Trauma eingesetzt. Doch Vorsicht: Während sanfte Techniken (langes Ausatmen) beruhigen, dient das intensive zirkuläre Atmen der Konfrontation.
Viele Menschen speichern Stress und Trauma auch körperlich. Ein chronisch angespanntes Zwerchfell oder eine flache Brustatmung sind körperliche Manifestationen von psychischem Stress. Durch das intensive Atmen wird der Körper mit Energie geflutet. Dies kann zu einer kathartischen Entladung führen , sei es durch Weinen, Lachen oder Zittern.
Dieser Prozess hilft, die „Ladung“ aus dem Nervensystem zu nehmen. Nach einer intensiven Sitzung folgt meist eine lange Phase der tiefen Entspannung, in der das parasympathische System übernimmt. Die positiven Effekte reichen von einem Gefühl der Leichtigkeit über reduzierte Ängstlichkeit bis hin zu einem tieferen Verständnis der eigenen Psyche. Es ist eine Arbeit an der Basis: Körper und Psyche werden gleichermaßen adressiert.
Was passiert, wenn man zu heftig und oberflächlich atmet?
Trotz der vielen Vorteile ist Vorsicht geboten. Wenn beim heftigen, flachen Atmen zu viel Kohlendioxid zu schnell abgeatmet wird, kommt es zur Hyperventilation mit Tetanie, der berühmten „Pfötchenstellung“ der Hände (Krämpfe). Das ist harmlos und umkehrbar, sobald man normal atmet. Es ist aber beängstigend.
Schwierig wird es, wenn jemand in Panik gerät oder bei Retraumatisierung, weil zu viel Material aus dem Unterbewusstsein hochkommt, das sich nicht integrieren lässt. Daher sollte intensive Atemarbeit (wie holotropes Atmen oder Rebirthing) nur unter Anleitung erfahrener Therapeuten praktiziert werden.
Auch bei Vorerkrankungen (Herz-Kreislauf, Epilepsie, Schwangerschaft) ist Vorsicht geboten. Die starke körperliche Reaktion, der Anstieg (und spätere Abfall) von Blutdruck und Herzfrequenz, sind eine Belastung für den Körper. Mangelnde Kontrolle der Atmung im Alltag (chronische Hyperventilation) ist ein Krankheitsbild, während die bewusste, zeitlich begrenzte Anwendung ein Heilmittel sein kann.
Wie finde ich durch Atemübungen innere Balance?
Nicht immer muss es die intensive, bewusstseinsverändernde Session sein. Für die tägliche innere Balance reichen oft schon wenige Minuten. Einfache Atemtechniken wie die 4-7-8-Atmung (4 Sekunden einatmen, 7 halten, 8 ausatmen) oder das Box-Breathing wirken Wunder.
Indem wir bewusst Pausen im Alltag nutzen, um auf unseren Atem zu achten, verankern wir uns im Hier und Jetzt. Wir bemerken schneller, wenn wir gestresst sind (flacher Atem), und können dagegen steuern. Das tiefe Einatmen und vor allem das vollständige Ausatmen signalisiert dem Körper: „Es ist alles okay.“
Bewusstes Atemen steigert das Selbstvertrauen. Wir sind unseren Gefühlen und Zuständen nicht hilflos ausgeliefert. Wir haben ein Werkzeug direkt unter unserer Nase. Ob wir nun die technische Zirkularatmung lernen wollen, um Didgeridoo zu spielen, oder ob wir therapeutisches Atmen nutzen, um alte Wunden zu heilen: Der Atem ist der Schlüssel. Er ist die Konstante, die uns begleitet, und das Medium, durch das wir uns selbst regulieren können.
Das Wichtigste auf einen Blick
Dualität des Begriffs: Zirkularatmung meint technisch das kontinuierliche Blasen (Musik), therapeutisch oft das verbundene Atmen ohne Pausen.
Physiologie: Schnelles Atmen senkt den CO₂-Spiegel, verändert den pH-Wert und die Durchblutung im Gehirn (Hyperventilation).
Gehirn: Die Aktivität im „Default Mode Network“ sinkt, was das Bewusstsein verändern und Bewusstseinszustände wie bei Meditation oder Trance auslösen kann.
Technik: Musikalische Zirkularatmung nutzt die Wangen als Blasebalg (Luftvorrat), während durch die Nase geatmet wird (z. B. Didgeridoo, Querflöte).
Therapie: Atemarbeit wirkt als Brücke zwischen Körper und Psyche, kann Emotionen lösen und bei Stress helfen.
Sicherheit: Intensive Techniken sollten aufgrund starker körperlicher Reaktionen (Blutdruck, Schwindel) nur unter Anleitung und bei guter Gesundheit geübt werden.
Alltag: Bewusstes Atmen (langes Ausatmen) aktiviert den Parasympathikus und sorgt für innere Balance.
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Zirkularatmung: Atmen verändert Bewusstseinszustände, ähnlich wie Psychedelika! Verblüffende Forschungsergebnisse zum bewussten Atmen.
Zirkularatmung und Atemübungen: Kann bewusstes Atmen Ihr Bewusstsein verändern?
Unsere Atmung ist weit mehr als nur die physiologische Versorgung mit Sauerstoff. Sie ist die Brücke zwischen Körper und Psyche. In diesem Artikel tauchen wir tief in die Welt der Atemarbeit ein. Wir beleuchten die faszinierende Technik der Zirkularatmung , von ihren Ursprüngen beim Didgeridoo-Spiel bis hin zu modernen therapeutischen Ansätzen. Erfahren Sie, wie Atmung beeinflusst, was wir fühlen, wie spezielle Atemtechniken das Bewusstsein verändern können und warum es sich lohnt, das Atmen neu zu erlernen, um innere Balance zu finden.
Was verstehen wir eigentlich unter Atmung und wie funktioniert sie?
Atmen ist eine Grundfunktion von Lebewesen. Vom ersten Schrei bis zum letzten Seufzer begleitet uns der Atem. Im Durchschnitt machen wir etwa 12 bis 18 Atemzüge pro Minute, oft ohne es überhaupt zu bemerken. Dieser Prozess wird meist vom autonomen Nervensystem gesteuert, was bedeutet, dass wir nicht darüber nachdenken müssen, um am Leben zu bleiben. Doch genau hier liegt das verborgene Potenzial: Die Atmung ist eine der wenigen Körperfunktionen, die sowohl autonom als auch willentlich kontrolliert werden kann.
Wenn wir einatmen, senkt sich das Zwerchfell, die Lungen füllen sich und Sauerstoff gelangt ins Blut. Beim Ausatmen entspannt sich das Zwerchfell, und verbrauchte Luft, angereichert mit Kohlendioxid, verlässt den Körper. Dieser Gasaustausch ist essenziell für unseren Stoffwechsel. Doch die Art und Weise, wie wir atmen , ob flach in die Brust oder tief in den Bauch (Bauchatmung) , sendet signifikante Signale an unser Gehirn.
Ein ruhiges, tiefes Atemmuster signalisiert dem Körper Sicherheit. Es aktiviert den Parasympathikus, den Teil des Nervensystems, der für Erholung und Verdauung zuständig ist. Hektisches, flaches Atmen hingegen versetzt uns in Alarmbereitschaft. Wenn wir verstehen, wie dieser Mechanismus funktioniert, können wir bewusst eingreifen. Wir können lernen, durch willentlich gesteuerte Atemübungen unseren Zustand von Stress auf Entspannung umzuschalten oder umgekehrt, Energie zu mobilisieren.
Wie kann man bewusst atmen und das Nervensystem steuern?
Bewusst zu atmen bedeutet, die Aufmerksamkeit vom Außen nach Innen zu lenken. Im Alltag atmen wir oft flach und unregelmäßig, was Stresssymptome verstärken kann. Wenn wir jedoch beginnen, bewusst auf unsere Einatmung und Ausatmung zu achten, übernehmen wir das Steuer unseres Nervensystems.
Eine einfache Methode ist, die Atemfrequenz zu verlangsamen. Langsames Atmen (z. B. 6 Atemzüge pro Minute) synchronisiert Herzrate und Hirnwellen. Man nennt dies Kohärenz. Wenn wir üben, den Atem zu verlängern, insbesondere das Ausatmen, aktivieren wir den „Bremshebel“ unseres Körpers, den Vagusnerv.
Aber es gibt auch das Gegenteil: Techniken, die das System aktivieren. Hier kommt oft die Mundatmung ins Spiel, die mehr Luftvolumen transportiert als die Nasenatmung. Solche Techniken werden oft therapeutisch genutzt, um Blockaden zu lösen. Es ist wichtig zu verstehen, dass jede Änderung des Atems einen direkten Effekt auf unsere Physiologie hat. Wir können uns durch den Atem beruhigen, fokussieren oder in energiegeladene Zustände versetzen.
Wo liegen die historischen Ursprünge der Zirkularatmung?
Der Begriff Zirkularatmung wird heute in zwei sehr unterschiedlichen Kontexten verwendet. Ursprünglich beschreibt er eine Technik, die es ermöglicht, einen kontinuierlichen Luftstrom aus dem Mund zu erzeugen, während man gleichzeitig durch die Nase einatmet. Die Ursprünge der Zirkularatmung sind uralt und eng mit dem Instrumentenbau und traditionellem Handwerk verknüpft.
Am bekanntesten ist wohl das Didgeridoo der australischen Aborigines. Um den typischen, ununterbrochenen Bordun-Ton zu erzeugen, nutzen die Spieler diese Technik. Aber auch bei westlichen Blasinstrumenten wird sie eingesetzt. Historisch gesehen war die Technik jedoch nicht nur musikalisch relevant. Im Handwerk nahm die Verwendung der Zirkularatmung früher einen wichtigen Platz ein, beispielsweise bei Goldschmieden oder Glasbläsern, die mit einem Lötrohr eine stetige Flamme aufrechterhalten mussten.
Ein interessantes historisches Detail ist der Wandel dieser Technik im gewerblichen Bereich. Die Verwendung der Zirkularatmung, insbesondere seit der Industrialisierung, ging stark zurück. Speziell seit der Einführung von Flaschengasen und modernen Brennern wurde die Notwendigkeit, einen Luftstrom manuell (bzw. oral) aufrechtzuerhalten, überholt. Während sie im Handwerk fast verschwand, erlebte sie in der Musik eine Renaissance, da sie Solisten auf Instrumenten wie der Oboe oder Klarinette ermöglicht, endlose Phrasen zu spielen, ohne absetzen zu müssen, um Luft zu holen.
Früher behalf man sich in Orchestern anders: Die Bildung von größeren Ensembles und das sogenannte chorische Atmen ermöglichten einen durchgehenden Klangteppich. Beim chorischen Atmen die Musiker einer Stimmgruppe versetzt, sodass nie alle gleichzeitig eine Pause machen. Die Zirkularatmung erlaubt das dem Einzelnen.
Wie lässt sich die Technik der Zirkularatmung üben und erlernen?
Die technische Zirkularatmung lässt sich anhand einfacher Hilfsmittel trainieren. Das Prinzip ist physikalisch simpel, aber koordinativ anspruchsvoll: Bei dieser Technik speichert der Blasende Luft in den aufgeblähten Wangen. Während er diese Luft mit der Wangenmuskulatur aus dem Mund drückt, atmet er blitzschnell durch die Nase neue Luft ein.
Man kann dies gut mit einem Strohhalm in einem Wasserglas erlernen. Ziel ist es, das Blubbern im Wasser konstant zu halten, auch während man durch die Nase einatmet. Der kritische Moment ist der Übergang: Das Herausdrücken der Luft aus den Wangen bei gleichzeitiger Einatmung durch die Nase erfordert eine Entkoppelung von Gaumensegel und Zungenmuskulatur.
Nicht alle Instrumente sind gleich gut geeignet für die Zirkularatmung. Instrumente mit hohem Blaswiderstand (wie Oboe oder Trompete) erleichtern den Vorgang, da der Gegendruck hilft, die Luft in den Wangen zu „parken“. Instrumente wie die Querflöte oder Blockflöte haben wenig Widerstand; hier entweicht die Luft sehr schnell. Sie weisen ein brauchbares Gegendruckverhalten nur bedingt auf. Bei Instrumenten mit sehr gutmütigem Gegendruckverhalten fällt die Technik darum leichter; bei der Querflöte ist es eine Meisterleistung. Ein Anzeichen von mangelnder Kontrolle wäre hier, wenn der Ton beim Einatmen wackelt oder abbricht. Wer diese Technik beherrscht, trennt die Atmung und die nötigen Bewegungsabläufe im Mundraum fast vollständig voneinander ab.
Ist Zirkularatmung mehr als nur eine Technik für Musiker?
In den vergangenen Jahren, und verstärkt in den vergangenen zwei Jahrzehnten, hat sich der Begriff gewandelt. Wenn wir heute im therapeutischen Kontext oder im Yoga von Zirkularatmung (engl. Circular Breathing) sprechen, meinen wir oft das sogenannte High Ventilation Breathwork oder „verbundenes Atmen“. Hierbei geht es nicht um das Speichern von Luft in den Wangen, sondern um einen lückenlosen Atemrhythmus: Einatmen und Ausatmen gehen fließend ineinander über, ohne Pausen.
Ein Wiederaufleben erfuhr die Zirkularatmung in dieser Form durch Pioniere der Atemarbeit wie Stanislav Grof (holotropes Atmen) oder Leonard Orr (Rebirthing). Hier wird das Atmen als Werkzeug zur Selbsterforschung genutzt. Diese Form der Atemarbeit wird praktiziert, um emotionale Blockaden zu lösen und Einsichten zu erlangen.
Es ist wichtig, diese beiden Definitionen zu unterscheiden. Während der Musiker die Zirkularatmung für einen äußerlichen Zweck (den unendlichen Ton) nutzt, nutzen Psychotherapie oder Selbsterfahrung das verbundene Atmen für einen innerlichen Prozess. Die Technik der Zirkularatmung lässt sich also in zwei vollkommen unterschiedlichen Richtungen anwenden: einmal für die Kunst im Außen, einmal für die Heilung im Innen.
Wie beeinflusst die Atmung den Körper und den Blutdruck?
Bei der therapeutischen Zirkularatmung (verbundenes Atmen) atmen wir oft schneller und tiefer als gewohnt. Dieses schnelle Atmen führt zu einer physiologischen Kettenreaktion. Durch die erhöhte Ventilation wird mehr Kohlendioxid abgeatmet, als der Körper im Stoffwechsel produziert. Der Kohlendioxidspiegel im Blut sinkt (Hypokapnie).
Dies mag verrückt klingen, aber obwohl der Sauerstoffgehalt im Blut meist ohnehin bei fast 100 % liegt und durch das viele Atmen hoch bleibt, führt der Mangel an CO₂ dazu, dass sich die Blutgefäße verengen. Zudem bindet sich der Sauerstoff fester an das Hämoglobin (Bohr-Effekt) und wird schlechter an das Gewebe abgegeben.
Die Auswirkung ist spürbar: Viele Menschen erleben ein Kribbeln in den Händen oder im Gesicht. Oft sinken Herzfrequenz und Blutdruck verblüffenderweise nicht, sondern der Körper gerät in einen sympathischen Aktivierungszustand , eine Art kontrollierten Stress. Dies ist gewollt, um das System „aufzurütteln“. Es ist beeindruckend, wie rein mechanisches Atmen biochemische Prozesse in Gang setzt, die wir sonst nur aus Extremsituationen kennen.
Kann man durch Atemarbeit das Bewusstsein verändern?
Ja, das ist einer der Hauptgründe, warum Menschen diese intensiven Atemtechniken aufsuchen. Das Ziel ist oft, das Bewusstsein verändern zu wollen, ohne Substanzen einzunehmen. Wenn durch die oben beschriebene Hyperventilation (im kontrollierten Rahmen) der CO₂‑Spiegel sinkt, verändert sich die Durchblutung im Gehirn.
Studien zeigen, dass insbesondere die Aktivität im sogenannten „Default Mode Network“ (DMN), dem Ruhezustandsnetzwerk unseres Gehirns, das für das Grübeln und das Ego zuständig ist , heruntergefahren wird. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen Veränderungen der Durchblutung in der rechten Amygdala (unserem Angstzentrum) und dem vorderen Hippocampus (zuständig für Gedächtnis und Emotionen).
Durch die verringerte Aktivität des „kritischen Verstandes“ (DMN) können Inhalte aus dem Unbewussten an die Oberfläche kommen. Das unbewusste Material, seien es verdrängte Erinnerungen oder Emotionen, wird zugänglich. Man könnte sagen, die Brücke zwischen Körper und Geist wird durchlässiger. In diesem Zustand berichten Praktizierende oft von visuellen Erscheinungen, tiefen emotionalen Durchbrüchen oder spirituellen Erlebnissen. Der veränderte Blutfluss und die neurochemischen Veränderungen schaffen einen Zustand erhöhter Plastizität, in dem alte Muster überschrieben werden können.
Welche Rolle spielen Atemtechniken therapeutisch bei Stress?
Therapeutisch eingesetzt, sind Atemübungen ein mächtiges Instrument. Im klinischen Kontext in Berlin und weltweit wird Atemarbeit oft unterstützend bei Angststörungen, Depressionen oder Trauma eingesetzt. Doch Vorsicht: Während sanfte Techniken (langes Ausatmen) beruhigen, dient das intensive zirkuläre Atmen der Konfrontation.
Viele Menschen speichern Stress und Trauma auch körperlich. Ein chronisch angespanntes Zwerchfell oder eine flache Brustatmung sind körperliche Manifestationen von psychischem Stress. Durch das intensive Atmen wird der Körper mit Energie geflutet. Dies kann zu einer kathartischen Entladung führen , sei es durch Weinen, Lachen oder Zittern.
Dieser Prozess hilft, die „Ladung“ aus dem Nervensystem zu nehmen. Nach einer intensiven Sitzung folgt meist eine lange Phase der tiefen Entspannung, in der das parasympathische System übernimmt. Die positiven Effekte reichen von einem Gefühl der Leichtigkeit über reduzierte Ängstlichkeit bis hin zu einem tieferen Verständnis der eigenen Psyche. Es ist eine Arbeit an der Basis: Körper und Psyche werden gleichermaßen adressiert.
Was passiert, wenn man zu heftig und oberflächlich atmet?
Trotz der vielen Vorteile ist Vorsicht geboten. Wenn beim heftigen, flachen Atmen zu viel Kohlendioxid zu schnell abgeatmet wird, kommt es zur Hyperventilation mit Tetanie, der berühmten „Pfötchenstellung“ der Hände (Krämpfe). Das ist harmlos und umkehrbar, sobald man normal atmet. Es ist aber beängstigend.
Schwierig wird es, wenn jemand in Panik gerät oder bei Retraumatisierung, weil zu viel Material aus dem Unterbewusstsein hochkommt, das sich nicht integrieren lässt. Daher sollte intensive Atemarbeit (wie holotropes Atmen oder Rebirthing) nur unter Anleitung erfahrener Therapeuten praktiziert werden.
Auch bei Vorerkrankungen (Herz-Kreislauf, Epilepsie, Schwangerschaft) ist Vorsicht geboten. Die starke körperliche Reaktion, der Anstieg (und spätere Abfall) von Blutdruck und Herzfrequenz, sind eine Belastung für den Körper. Mangelnde Kontrolle der Atmung im Alltag (chronische Hyperventilation) ist ein Krankheitsbild, während die bewusste, zeitlich begrenzte Anwendung ein Heilmittel sein kann.
Wie finde ich durch Atemübungen innere Balance?
Nicht immer muss es die intensive, bewusstseinsverändernde Session sein. Für die tägliche innere Balance reichen oft schon wenige Minuten. Einfache Atemtechniken wie die 4-7-8-Atmung (4 Sekunden einatmen, 7 halten, 8 ausatmen) oder das Box-Breathing wirken Wunder.
Indem wir bewusst Pausen im Alltag nutzen, um auf unseren Atem zu achten, verankern wir uns im Hier und Jetzt. Wir bemerken schneller, wenn wir gestresst sind (flacher Atem), und können dagegen steuern. Das tiefe Einatmen und vor allem das vollständige Ausatmen signalisiert dem Körper: „Es ist alles okay.“
Bewusstes Atemen steigert das Selbstvertrauen. Wir sind unseren Gefühlen und Zuständen nicht hilflos ausgeliefert. Wir haben ein Werkzeug direkt unter unserer Nase. Ob wir nun die technische Zirkularatmung lernen wollen, um Didgeridoo zu spielen, oder ob wir therapeutisches Atmen nutzen, um alte Wunden zu heilen: Der Atem ist der Schlüssel. Er ist die Konstante, die uns begleitet, und das Medium, durch das wir uns selbst regulieren können.
Das Wichtigste auf einen Blick
Dualität des Begriffs: Zirkularatmung meint technisch das kontinuierliche Blasen (Musik), therapeutisch oft das verbundene Atmen ohne Pausen.
Physiologie: Schnelles Atmen senkt den CO₂-Spiegel, verändert den pH-Wert und die Durchblutung im Gehirn (Hyperventilation).
Gehirn: Die Aktivität im „Default Mode Network“ sinkt, was das Bewusstsein verändern und Bewusstseinszustände wie bei Meditation oder Trance auslösen kann.
Technik: Musikalische Zirkularatmung nutzt die Wangen als Blasebalg (Luftvorrat), während durch die Nase geatmet wird (z. B. Didgeridoo, Querflöte).
Therapie: Atemarbeit wirkt als Brücke zwischen Körper und Psyche, kann Emotionen lösen und bei Stress helfen.
Sicherheit: Intensive Techniken sollten aufgrund starker körperlicher Reaktionen (Blutdruck, Schwindel) nur unter Anleitung und bei guter Gesundheit geübt werden.
Alltag: Bewusstes Atmen (langes Ausatmen) aktiviert den Parasympathikus und sorgt für innere Balance.
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