Bessel van der Kolk: Trauma und Kritik im Spiegel der wissenschaftlichen Psychologie für Betroffene
Bessel van der Kolk: Trauma und Kritik im Spiegel der wissenschaftlichen Psychologie für Betroffene
Bessel van der Kolk
Published on:
Mar 24, 2026

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Bessel van der Kolk und seine Ansichten stehen in der Kritik. Welche Thesen van der Kolks müssen als falsch gelten? Wie wurden Opfer durch fehlerhafte Behandlung geschädigt? Was müssen Therapeuten über die Folgen wissenschaftlicher Unehrlichkeit wissen?
Bessel van der Kolk, Trauma und die Psychologie: Was Betroffene wissen sollten
Kaum ein Name hat die Traumadiskussion so nachhaltig geprägt wie der von Bessel van der Kolk. Sein Buch „The Body Keeps the Score“, auf Deutsch unter dem Titel „Verkörperter Schrecken“ erschienen, hat sich weltweit über drei Millionen Mal verkauft und gilt in vielen psychotherapeutischen Ausbildungsprogrammen als Standardwerk. Dieser Artikel betrachtet, was hinter diesem Ruhm steht: wissenschaftliche Fehler und welche Konsequenzen sie zeitigten, und warum die Diskussion für Betroffene so wichtig ist.
Die Kritik an Kolk ist keine oberflächliche Ablehnung populärwissenschaftlicher Vereinfachung. Sie betrifft spezifische Behauptungen, die er in Gerichtssälen, in der Therapie und in der öffentlichen Psychologie gemacht hat und die für viele Menschen falsche Gewissheiten geschaffen haben. Dieser Artikel dient als Beitrag zu einer Debatte, die im deutschsprachigen Raum noch zu selten geführt wird, und die für den Umgang mit klinischen Konzepten und therapeutischen Methoden von erheblicher praktischer Bedeutung ist.
Das Körperspeicher-Modell: Eine Metapher und ihre klinischen Grenzen
van der Kolks zentrale Behauptung ist die These, dass schwere traumatische Erfahrungen, insbesondere solche, die in Kindheit oder Jugend erlitten wurden, dem bewussten Zugang entzogen und stattdessen körperlich gespeichert würden. Der Körper bewahre, was das Bewusstsein nicht erinnern könne. Trauma äußere sich nicht als sprachlich-narrativ zugängliche Erzählung, sondern als körperliche Reaktion, Zittern, Erstarren, ein Zustand, der sich dem Schweigen des sprachlichen Verstehens entzieht.
Diese Vorstellung gibt Menschen eine Sprache für Leiden, das sich dem normalen Ausdruck entzieht, und bietet eine Erklärung für Depression, soziale Schwierigkeiten und Persönlichkeitsprobleme, die scheinbar ohne erkennbare Ursache bestehen. Dass Trauma körperliche und neurobiologische Spuren hinterlässt, ist klinisch gut belegt, das bestreitet niemand ernsthaft. Problematisch ist, was Kolk daraus folgert: dass Erinnerungen an traumatische Erfahrungen nicht nur körperlich nachwirken, sondern stets verdrängt, nur körperlich gespeichert und durch Therapie gezielt wiedergewonnen werden. Dafür fehlen aber wissenschaftliche Belege.
Der These liegt eine Annahme über das Gedächtnis zugrunde, die in der Gedächtnispsychologie als widerlegt gilt: dass hochgradig belastende Erlebnisse systematisch aus dem Bewusstsein verdrängt werden und dennoch intakt, wenn auch unbewusst, im Körper bewahrt bleiben. Van der Kolk entwickelte daraus ein Behandlungsparadigma, das in der klinischen und forensischen Psychologie tiefe Spuren hinterließ.
Opfer eines systematischen Irrtums: Die Epidemie der Fehlerinnerungen
In den 1980er- und 1990er-Jahren entstand in den USA eine Welle therapeutisch induzierter Fehlerinnerungen. Opfer dieser Bewegung waren in vielen Fällen Menschen, denen in suggestiver Gruppentherapie falsche Erinnerungen eingeimpft worden waren, und deren Angehörige wurden auf dieser Grundlage strafrechtlich verfolgt.
Van der Kolk spielte in diesem Kontext eine aktive Rolle. Er trat in mehreren Verfahren als Sachverständiger auf und stützte Anklagen, die auf therapeutisch induzierten Erinnerungen basierten. Im Fall Chade v. Gregory (1996) behauptete er dem Gericht gegenüber, die Verdrängungstheorie sei in der Wissenschaft absolut anerkannt. Diese Aussage widersprach aber dem damaligen Forschungsstand. Für die Opfer dieser Prozesse bedeutete das in einigen Fällen die Verurteilung auf der Grundlage von Gedächtnisinhalten, deren Zuverlässigkeit bereits damals ernsthaft bezweifelt wurde.
Die soziale Dynamik dieser Bewegung ist komplex. Sie entwickelte sich in einem kulturellen Klima, das Überlebende von Missbrauch ernst nehmen wollte, und dabei die Erkenntnisse der Gedächtnispsychologie ignorierte. Therapeuten wurden zu Ermittlern, Patienten zu Zeugen, und Behandlung zu einer Form von Beweiserhebung. Die wissenschaftlichen und juristischen Fehler, die dabei begangen wurden, sind heute gut dokumentiert.
Kindheit vor Gericht: Wenn falsche Erinnerungen zu Urteilen werden
Besonders belastend ist der Umgang mit Erinnerungen aus der frühen Kindheit. Autobiografisches Erinnern entwickelt sich erst nach dem dritten Lebensjahr in nennenswertem Ausmaß; Berichte über traumatische Erlebnisse aus den ersten Lebensjahren können keine verlässlichen Faktenerinnerungen darstellen. Sie sind narrative Konstruktionen, die durch soziale Erwartungen, therapeutische Suggestion und wiederholte Bearbeitung entstehen.
In psychotherapeutischen Settings und vor Gericht wurden solche Kindheitserinnerungen dennoch wie Tatsachen behandelt. Ein Klient, der sich in der Therapie an belastende Erlebnisse „erinnert“, erlebt sie psychisch als real. Das macht die Erinnerung nicht wahr. Die Forschung von Elizabeth Loftus, der wichtigsten Quelle auf diesem Gebiet, zeigt, dass suggestiv erzeugte falsche Erinnerungen emotional genauso intensiv erlebt werden wie echte; der Affekt allein ist kein Kriterium für faktische Wahrheit, auch wenn er von van der Kolk so dargestellt wurde.
Für Opfer auf beiden Seiten, die falsch Beschuldigten und die Menschen, denen ein falsches Erlebnisnarrativ implantiert wurde, waren die Folgen hart. Familien zerbrachen, Verurteilungen folgten, und Menschen entwickelten psychische Verletzungen durch Interventionen, die ihnen hätten helfen sollen. Das ist kein Randphänomen der Psychotherapie, es ist ein dokumentiertes strukturelles Versagen. Die Schwierigkeit, die daraus entsteht, betrifft das gesamte Fach: Wie soll man Betroffene auf wissenschaftlicher Grundlage behandeln, wenn die klinische Fähigkeit zur Unterscheidung echter von suggerierten Erinnerungen so begrenzt ist, wie die Forschung zur Lügendetektion zeigt?
Eine Studie ohne Kontrolle: Methodische Fehler mit forensischen Konsequenzen
Das wissenschaftliche Fundament von van der Kolks These ist eine PET-Scan-Studie, in der eine Deaktivierung des Broca-Areals während trauma-assoziierter Stimulation untersucht wurde. Die Analyse dieser Befunde führte zur Schlussfolgerung, traumatische Erinnerungen seien körperlich und nicht-narrativ gespeichert, dem sprachlichen Zugang entzogen. Diese Studie wurde zu einer zentralen Quelle für therapeutische und forensische Beurteilungen psychischer Symptome.
Die methodischen Fehler der Studie sind aber schwerwiegend. Es fehlte eine sog. Kontrollgruppe. Ohne Vergleich mit gesunden Probanden oder Menschen mit anderen psychischen Störungen lässt sich ja gar nicht beurteilen, ob das beobachtete Reaktionsmuster spezifisch für traumatische Erinnerungen ist. Das Material zur Provokation stammte von den Teilnehmenden selbst, was im PET-Scan ein Muster der „Zirkularität“ verursachte. Zudem fehlt jeder Vergleich mit intensiven, aber nicht traumatischen Erinnerungen, eine mangelhafte Grundvoraussetzung für eine Analyse, die die Untersuchung spezifischer neuronaler Funktionen beansprucht.
Besonders bedenklich: Die Studie diente trotz dieser Schwierigkeiten als Grundlage für eine klinische Haltung, die in der Psychologie noch immer weitverbreitet ist. Eine ernsthafte Diskussion über ihre Grenzen fand in populären Darstellungen so gut wie gar nicht statt. Das ist ein Fehler im Wissenschaftsbetrieb, der über das Werk van der Kolks hinausweist.
Was Gedächtnisforschung wirklich zeigt
Die empirische Gedächtnisforschung hat die Annahme lückenloser Verdrängung schwerer Traumata widerlegt. Hochgradig emotionale Ereignisse werden in der Regel besser erinnert als neutrale. Was vorkommt, ist das Vergessen mehrdeutiger, unverstandener Erfahrungen aus der Kindheit, auch solcher, die sich dem Kind nicht erschlossen haben und die später durch therapeutische Aufarbeitung im Licht eines traumatischen Narrativs rekonstruiert werden können.
Richard McNally zeigt in „Remembering Trauma“, dass Personen, die schwere Traumata erlitten haben, diese selten zuverlässig vergessen. Die Forschung zur False-Memory-Entstehung belegt zudem, wie psychisch vollständige Fehlerinnerungen durch suggestive Techniken erzeugt werden. Die von Memory-Recovery-Methoden ausgehende Gefahr ist durch tragische Justizirrtümer belegt und keineswegs erfunden.
Forschungsergebnisse zeigen übereinstimmend, dass die Fähigkeit, wahre von falschen Aussagen zu unterscheiden, bei professionell ausgebildeten Therapeuten nicht zuverlässig besser als zufällig ist. Der affektive Gehalt einer Erinnerung, ihre innere Stimmigkeit und die emotionale Reaktion des Erzählenden sind keine verlässlichen diagnostischen Kriterien für die faktische Wahrheit, auch wenn sie als solche verwendet werden.
Trauma als kultureller Spiegel: Bedenken gegen die Deutungshoheit
van der Kolk hat mit wissenschaftlicher Unaufrichtigkeit eine kulturelle Haltung mitgeprägt, in der Depression, soziale Isolation, Beziehungsprobleme und körperliche Beschwerden primär als Traumafolgen betrachtet werden. Diese Rahmung fungiert als Spiegel für kollektive Erschöpfungserfahrungen, sie gibt Leid einen Namen, verleiht ihm Legitimität und verbindet die Persönlichkeit des Menschen mit seiner Biografie auf eine Art, die psychisch entlastend wirkt.
Das Problem ist nicht das Anliegen, sondern die Ausschließlichkeit. Wenn Therapie nur darauf aus ist, körperlich gespeicherte Traumata zu lösen, werden andere Zugänge implizit abgewertet. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze, psychoanalytische Bearbeitung, pharmakologische Behandlung von Störungen – all das tritt in den Hintergrund, wenn das dominante Modell den Körper als Archiv und körperorientierte Techniken als einzigen Weg benutzt, um Traumafolgen zu heilen. In Einklang mit der vorliegenden Forschung ließe sich dagegen vorbringen, dass traumatische Erfahrungen auf vielen Wegen bearbeitet werden können. Die Annahme, ein spezifischer körperorientierter Zugang sei für alle Betroffenen der einzig förderliche, ist klinisch nicht haltbar.
Institutioneller Ausschluss und ungebrochene Medienpräsenz
Die dokumentierten Konsequenzen für van der Kolk sind bemerkenswert – und bemerkenswert folgenlos für seine öffentliche Wirkung. Im Jahr 1996 stellte eine Untersuchung der Harvard Medical School fest, dass seine enge Forschungsmitarbeiterin Danya Vardi Daten gefälscht hatte. In einer anschließenden Anhörung gab van der Kolk an, von der Fälschung „von Anfang an“ gewusst zu haben – obwohl er Vardis Forschung zuvor in höchsten Tönen gelobt und sie als Co-Autorin in Gerichtsgutachten eingesetzt hatte. Kurz nach dieser Anhörung endete seine Affiliation mit Harvard. In einem Justizsystem, in dem Sachverständigengutachten die Grundlage von Strafurteilen sind, ist das wissentlich Einreichen gefälschter Forschungsdaten als Beweismittel ein schwerwiegender Rechtsverstoß – unabhängig davon, ob er strafrechtlich verfolgt wurde oder nicht. Van der Kolk wurde in der Folge aus einer Reihe von Gerichtsverfahren, in denen er als Sachverständiger für die Anklage aufgetreten war, entlassen. 2018 wurde er als ärztlicher Direktor des Trauma Centers am Justice Resource Institute (JRI) in Brookline, Massachusetts, der Institution, die er selbst 35 Jahre zuvor gegründet hatte, nach Beschwerden wegen Einschüchterung und Schaffung eines feindseligen Arbeitsklimas gefeuert. Die Institutsleitung erklärte öffentlich, sein Verhalten sei als Mobbing einzustufen und habe Mitarbeitende entwertet. Van der Kolk selbst bezeichnete seine Entlassung als „traumatisches Ereignis“. 2024 erteilte ihm das Omega Institute for Holistic Studies in New York nach Berichten über antisemitische Äußerungen während eines Workshops – er soll Israelis mit Nazis verglichen haben – Hausverbot und schloss ihn von künftigen Lehrveranstaltungen aus. Trotz dieser institutionellen Ausschlüsse – aus dem akademischen Gutachterbetrieb, aus seiner eigenen klinischen Institution, aus einem der prominentesten Wellness-Retreat-Zentren der USA – steht „The Body Keeps the Score“ seit über 365 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Van der Kolk tourt weiterhin durch Podcasts, Social-Media-Kanäle und therapeutische Fortbildungsformate, in denen die institutionellen und wissenschaftlichen Vorgeschichten seiner Arbeit kaum thematisiert werden. Dieses Muster – institutionelle Disqualifikation einerseits, unkritische Popularisierung andererseits – ist selbst ein kulturdiagnostischer Befund: Es zeigt, wie wenig Wissenschaft und Aufmerksamkeitsökonomie digitaler Plattformen miteinander kommunizieren.
Zweifel als wissenschaftlich aufrichtige Haltung
Was bleibt? Ein einflussreiches Werk, dessen Grundannahmen in wesentlichen Teilen nicht durch kontrollierte Forschung gestützt werden, und das in forensischen Kontexten Schäden angerichtet hat, die für viele Opfer kaum rückgängig zu machen sind.
Dieser Artikel versteht sich nicht als pauschale Ablehnung der körperzentrierten Traumaforschung. Er benennt Bedenken, die einer ernsthaften Auseinandersetzung bedürfen. Die psychotherapeutische Praxis braucht verlässliche Quellen und Transparenz über die Grenzen ihrer Evidenzbasis. Das Schweigen über methodische Fehler ist kein Akt wissenschaftlicher Loyalität, es ist eine Bedrohung für die Glaubwürdigkeit des gesamten Fachs.
Für Betroffene und Opfer bedeutet das: Skepsis gegenüber therapeutischen Angeboten, die auf nicht validierten Methoden basieren, ist kluge Vorsicht. Wer Zweifel an populären Traumanarrativen äußert, handelt im Interesse Betroffener.
Weiterführende Literatur: Richard J. McNally, „Remembering Trauma“ (2003); Mark Pendergrast, „The Repressed Memory Epidemic“ (2017); Elizabeth Loftus & Katherine Ketcham, „The Myth of Repressed Memory“ (1994); Timothy R. Levine, „Duped“ (2019); Paul McHugh, „Try to Remember“ (2008).
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Kaum ein Name hat die Traumadiskussion so nachhaltig geprägt wie der von Bessel van der Kolk. Sein Buch „The Body Keeps the Score“, auf Deutsch unter dem Titel „Verkörperter Schrecken“ erschienen, hat sich weltweit über drei Millionen Mal verkauft und gilt in vielen psychotherapeutischen Ausbildungsprogrammen als Standardwerk. Dieser Artikel betrachtet, was hinter diesem Ruhm steht: wissenschaftliche Fehler und welche Konsequenzen sie zeitigten, und warum die Diskussion für Betroffene so wichtig ist.
Die Kritik an Kolk ist keine oberflächliche Ablehnung populärwissenschaftlicher Vereinfachung. Sie betrifft spezifische Behauptungen, die er in Gerichtssälen, in der Therapie und in der öffentlichen Psychologie gemacht hat und die für viele Menschen falsche Gewissheiten geschaffen haben. Dieser Artikel dient als Beitrag zu einer Debatte, die im deutschsprachigen Raum noch zu selten geführt wird, und die für den Umgang mit klinischen Konzepten und therapeutischen Methoden von erheblicher praktischer Bedeutung ist.
Das Körperspeicher-Modell: Eine Metapher und ihre klinischen Grenzen
van der Kolks zentrale Behauptung ist die These, dass schwere traumatische Erfahrungen, insbesondere solche, die in Kindheit oder Jugend erlitten wurden, dem bewussten Zugang entzogen und stattdessen körperlich gespeichert würden. Der Körper bewahre, was das Bewusstsein nicht erinnern könne. Trauma äußere sich nicht als sprachlich-narrativ zugängliche Erzählung, sondern als körperliche Reaktion, Zittern, Erstarren, ein Zustand, der sich dem Schweigen des sprachlichen Verstehens entzieht.
Diese Vorstellung gibt Menschen eine Sprache für Leiden, das sich dem normalen Ausdruck entzieht, und bietet eine Erklärung für Depression, soziale Schwierigkeiten und Persönlichkeitsprobleme, die scheinbar ohne erkennbare Ursache bestehen. Dass Trauma körperliche und neurobiologische Spuren hinterlässt, ist klinisch gut belegt, das bestreitet niemand ernsthaft. Problematisch ist, was Kolk daraus folgert: dass Erinnerungen an traumatische Erfahrungen nicht nur körperlich nachwirken, sondern stets verdrängt, nur körperlich gespeichert und durch Therapie gezielt wiedergewonnen werden. Dafür fehlen aber wissenschaftliche Belege.
Der These liegt eine Annahme über das Gedächtnis zugrunde, die in der Gedächtnispsychologie als widerlegt gilt: dass hochgradig belastende Erlebnisse systematisch aus dem Bewusstsein verdrängt werden und dennoch intakt, wenn auch unbewusst, im Körper bewahrt bleiben. Van der Kolk entwickelte daraus ein Behandlungsparadigma, das in der klinischen und forensischen Psychologie tiefe Spuren hinterließ.
Opfer eines systematischen Irrtums: Die Epidemie der Fehlerinnerungen
In den 1980er- und 1990er-Jahren entstand in den USA eine Welle therapeutisch induzierter Fehlerinnerungen. Opfer dieser Bewegung waren in vielen Fällen Menschen, denen in suggestiver Gruppentherapie falsche Erinnerungen eingeimpft worden waren, und deren Angehörige wurden auf dieser Grundlage strafrechtlich verfolgt.
Van der Kolk spielte in diesem Kontext eine aktive Rolle. Er trat in mehreren Verfahren als Sachverständiger auf und stützte Anklagen, die auf therapeutisch induzierten Erinnerungen basierten. Im Fall Chade v. Gregory (1996) behauptete er dem Gericht gegenüber, die Verdrängungstheorie sei in der Wissenschaft absolut anerkannt. Diese Aussage widersprach aber dem damaligen Forschungsstand. Für die Opfer dieser Prozesse bedeutete das in einigen Fällen die Verurteilung auf der Grundlage von Gedächtnisinhalten, deren Zuverlässigkeit bereits damals ernsthaft bezweifelt wurde.
Die soziale Dynamik dieser Bewegung ist komplex. Sie entwickelte sich in einem kulturellen Klima, das Überlebende von Missbrauch ernst nehmen wollte, und dabei die Erkenntnisse der Gedächtnispsychologie ignorierte. Therapeuten wurden zu Ermittlern, Patienten zu Zeugen, und Behandlung zu einer Form von Beweiserhebung. Die wissenschaftlichen und juristischen Fehler, die dabei begangen wurden, sind heute gut dokumentiert.
Kindheit vor Gericht: Wenn falsche Erinnerungen zu Urteilen werden
Besonders belastend ist der Umgang mit Erinnerungen aus der frühen Kindheit. Autobiografisches Erinnern entwickelt sich erst nach dem dritten Lebensjahr in nennenswertem Ausmaß; Berichte über traumatische Erlebnisse aus den ersten Lebensjahren können keine verlässlichen Faktenerinnerungen darstellen. Sie sind narrative Konstruktionen, die durch soziale Erwartungen, therapeutische Suggestion und wiederholte Bearbeitung entstehen.
In psychotherapeutischen Settings und vor Gericht wurden solche Kindheitserinnerungen dennoch wie Tatsachen behandelt. Ein Klient, der sich in der Therapie an belastende Erlebnisse „erinnert“, erlebt sie psychisch als real. Das macht die Erinnerung nicht wahr. Die Forschung von Elizabeth Loftus, der wichtigsten Quelle auf diesem Gebiet, zeigt, dass suggestiv erzeugte falsche Erinnerungen emotional genauso intensiv erlebt werden wie echte; der Affekt allein ist kein Kriterium für faktische Wahrheit, auch wenn er von van der Kolk so dargestellt wurde.
Für Opfer auf beiden Seiten, die falsch Beschuldigten und die Menschen, denen ein falsches Erlebnisnarrativ implantiert wurde, waren die Folgen hart. Familien zerbrachen, Verurteilungen folgten, und Menschen entwickelten psychische Verletzungen durch Interventionen, die ihnen hätten helfen sollen. Das ist kein Randphänomen der Psychotherapie, es ist ein dokumentiertes strukturelles Versagen. Die Schwierigkeit, die daraus entsteht, betrifft das gesamte Fach: Wie soll man Betroffene auf wissenschaftlicher Grundlage behandeln, wenn die klinische Fähigkeit zur Unterscheidung echter von suggerierten Erinnerungen so begrenzt ist, wie die Forschung zur Lügendetektion zeigt?
Eine Studie ohne Kontrolle: Methodische Fehler mit forensischen Konsequenzen
Das wissenschaftliche Fundament von van der Kolks These ist eine PET-Scan-Studie, in der eine Deaktivierung des Broca-Areals während trauma-assoziierter Stimulation untersucht wurde. Die Analyse dieser Befunde führte zur Schlussfolgerung, traumatische Erinnerungen seien körperlich und nicht-narrativ gespeichert, dem sprachlichen Zugang entzogen. Diese Studie wurde zu einer zentralen Quelle für therapeutische und forensische Beurteilungen psychischer Symptome.
Die methodischen Fehler der Studie sind aber schwerwiegend. Es fehlte eine sog. Kontrollgruppe. Ohne Vergleich mit gesunden Probanden oder Menschen mit anderen psychischen Störungen lässt sich ja gar nicht beurteilen, ob das beobachtete Reaktionsmuster spezifisch für traumatische Erinnerungen ist. Das Material zur Provokation stammte von den Teilnehmenden selbst, was im PET-Scan ein Muster der „Zirkularität“ verursachte. Zudem fehlt jeder Vergleich mit intensiven, aber nicht traumatischen Erinnerungen, eine mangelhafte Grundvoraussetzung für eine Analyse, die die Untersuchung spezifischer neuronaler Funktionen beansprucht.
Besonders bedenklich: Die Studie diente trotz dieser Schwierigkeiten als Grundlage für eine klinische Haltung, die in der Psychologie noch immer weitverbreitet ist. Eine ernsthafte Diskussion über ihre Grenzen fand in populären Darstellungen so gut wie gar nicht statt. Das ist ein Fehler im Wissenschaftsbetrieb, der über das Werk van der Kolks hinausweist.
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Richard McNally zeigt in „Remembering Trauma“, dass Personen, die schwere Traumata erlitten haben, diese selten zuverlässig vergessen. Die Forschung zur False-Memory-Entstehung belegt zudem, wie psychisch vollständige Fehlerinnerungen durch suggestive Techniken erzeugt werden. Die von Memory-Recovery-Methoden ausgehende Gefahr ist durch tragische Justizirrtümer belegt und keineswegs erfunden.
Forschungsergebnisse zeigen übereinstimmend, dass die Fähigkeit, wahre von falschen Aussagen zu unterscheiden, bei professionell ausgebildeten Therapeuten nicht zuverlässig besser als zufällig ist. Der affektive Gehalt einer Erinnerung, ihre innere Stimmigkeit und die emotionale Reaktion des Erzählenden sind keine verlässlichen diagnostischen Kriterien für die faktische Wahrheit, auch wenn sie als solche verwendet werden.
Trauma als kultureller Spiegel: Bedenken gegen die Deutungshoheit
van der Kolk hat mit wissenschaftlicher Unaufrichtigkeit eine kulturelle Haltung mitgeprägt, in der Depression, soziale Isolation, Beziehungsprobleme und körperliche Beschwerden primär als Traumafolgen betrachtet werden. Diese Rahmung fungiert als Spiegel für kollektive Erschöpfungserfahrungen, sie gibt Leid einen Namen, verleiht ihm Legitimität und verbindet die Persönlichkeit des Menschen mit seiner Biografie auf eine Art, die psychisch entlastend wirkt.
Das Problem ist nicht das Anliegen, sondern die Ausschließlichkeit. Wenn Therapie nur darauf aus ist, körperlich gespeicherte Traumata zu lösen, werden andere Zugänge implizit abgewertet. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze, psychoanalytische Bearbeitung, pharmakologische Behandlung von Störungen – all das tritt in den Hintergrund, wenn das dominante Modell den Körper als Archiv und körperorientierte Techniken als einzigen Weg benutzt, um Traumafolgen zu heilen. In Einklang mit der vorliegenden Forschung ließe sich dagegen vorbringen, dass traumatische Erfahrungen auf vielen Wegen bearbeitet werden können. Die Annahme, ein spezifischer körperorientierter Zugang sei für alle Betroffenen der einzig förderliche, ist klinisch nicht haltbar.
Institutioneller Ausschluss und ungebrochene Medienpräsenz
Die dokumentierten Konsequenzen für van der Kolk sind bemerkenswert – und bemerkenswert folgenlos für seine öffentliche Wirkung. Im Jahr 1996 stellte eine Untersuchung der Harvard Medical School fest, dass seine enge Forschungsmitarbeiterin Danya Vardi Daten gefälscht hatte. In einer anschließenden Anhörung gab van der Kolk an, von der Fälschung „von Anfang an“ gewusst zu haben – obwohl er Vardis Forschung zuvor in höchsten Tönen gelobt und sie als Co-Autorin in Gerichtsgutachten eingesetzt hatte. Kurz nach dieser Anhörung endete seine Affiliation mit Harvard. In einem Justizsystem, in dem Sachverständigengutachten die Grundlage von Strafurteilen sind, ist das wissentlich Einreichen gefälschter Forschungsdaten als Beweismittel ein schwerwiegender Rechtsverstoß – unabhängig davon, ob er strafrechtlich verfolgt wurde oder nicht. Van der Kolk wurde in der Folge aus einer Reihe von Gerichtsverfahren, in denen er als Sachverständiger für die Anklage aufgetreten war, entlassen. 2018 wurde er als ärztlicher Direktor des Trauma Centers am Justice Resource Institute (JRI) in Brookline, Massachusetts, der Institution, die er selbst 35 Jahre zuvor gegründet hatte, nach Beschwerden wegen Einschüchterung und Schaffung eines feindseligen Arbeitsklimas gefeuert. Die Institutsleitung erklärte öffentlich, sein Verhalten sei als Mobbing einzustufen und habe Mitarbeitende entwertet. Van der Kolk selbst bezeichnete seine Entlassung als „traumatisches Ereignis“. 2024 erteilte ihm das Omega Institute for Holistic Studies in New York nach Berichten über antisemitische Äußerungen während eines Workshops – er soll Israelis mit Nazis verglichen haben – Hausverbot und schloss ihn von künftigen Lehrveranstaltungen aus. Trotz dieser institutionellen Ausschlüsse – aus dem akademischen Gutachterbetrieb, aus seiner eigenen klinischen Institution, aus einem der prominentesten Wellness-Retreat-Zentren der USA – steht „The Body Keeps the Score“ seit über 365 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Van der Kolk tourt weiterhin durch Podcasts, Social-Media-Kanäle und therapeutische Fortbildungsformate, in denen die institutionellen und wissenschaftlichen Vorgeschichten seiner Arbeit kaum thematisiert werden. Dieses Muster – institutionelle Disqualifikation einerseits, unkritische Popularisierung andererseits – ist selbst ein kulturdiagnostischer Befund: Es zeigt, wie wenig Wissenschaft und Aufmerksamkeitsökonomie digitaler Plattformen miteinander kommunizieren.
Zweifel als wissenschaftlich aufrichtige Haltung
Was bleibt? Ein einflussreiches Werk, dessen Grundannahmen in wesentlichen Teilen nicht durch kontrollierte Forschung gestützt werden, und das in forensischen Kontexten Schäden angerichtet hat, die für viele Opfer kaum rückgängig zu machen sind.
Dieser Artikel versteht sich nicht als pauschale Ablehnung der körperzentrierten Traumaforschung. Er benennt Bedenken, die einer ernsthaften Auseinandersetzung bedürfen. Die psychotherapeutische Praxis braucht verlässliche Quellen und Transparenz über die Grenzen ihrer Evidenzbasis. Das Schweigen über methodische Fehler ist kein Akt wissenschaftlicher Loyalität, es ist eine Bedrohung für die Glaubwürdigkeit des gesamten Fachs.
Für Betroffene und Opfer bedeutet das: Skepsis gegenüber therapeutischen Angeboten, die auf nicht validierten Methoden basieren, ist kluge Vorsicht. Wer Zweifel an populären Traumanarrativen äußert, handelt im Interesse Betroffener.
Weiterführende Literatur: Richard J. McNally, „Remembering Trauma“ (2003); Mark Pendergrast, „The Repressed Memory Epidemic“ (2017); Elizabeth Loftus & Katherine Ketcham, „The Myth of Repressed Memory“ (1994); Timothy R. Levine, „Duped“ (2019); Paul McHugh, „Try to Remember“ (2008).
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