Collien Fernandes spricht: Die Empörung um Vorwürfe gegen Ex-Mann im Blick der Psychoanalyse

Collien Fernandes spricht: Die Empörung um Vorwürfe gegen Ex-Mann im Blick der Psychoanalyse

Collien Fernandes

Published on:

Apr 9, 2026

viele menschen in dunklen mänteln schauen auf den schatten eines mannes

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Collien Fernandes spricht: Psychoanalyse im Fokus. Empörung als Ware, hier wegen der Vorwürfe gegen Ex-Mann. Was steckt hinter dem Konflikt?

Weil alle Männer Schweine sind: Psychoanalyse einer Empörungsmaschinerie um Schauspielerin Collien Fernandes und ihre Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann

Collien Fernandes spricht über Vorwürfe gegen Ex-Mann Christian Ulmen, und Deutschland dreht durch. Was passiert, wenn fehlerhafte Berichterstattung kollektive Projektionsdynamiken freisetzt?

Ein Fall, eine Welle, eine Maschine

Als der Spiegel im März 2026 über die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen berichtete, dauerte es keine 48 Stunden, bis aus einem Beziehungskonflikt ein nationales Ereignis geworden war. Tausende Menschen versammelten sich vor dem Brandenburger Tor. Politikerinnen, wie Saskia Esken, und Ricarda Lang, gaben Statements ab. Luisa Neubauer rief vom Podium: „Männer können froh sein, dass wir einfach nur Gleichberechtigung wollen. Und nicht Vergeltung.“ Großer Applaus.

Collien Fernandes spricht über das, was sie als jahrelange digitale Gewalt durch ihren Ex-Mann erlebt hat. Das ist ihr gutes Recht, und die Vorwürfe gegen den Ex-Mann Christian Ulmen sind ernst zu nehmen. Aber was dann folgte, hatte mit dem Fall selbst nur noch wenig zu tun.

Tagesschau, Zeit, Süddeutsche Zeitung und mehrere Funke-Titel mussten ihre Berichterstattung nachträglich korrigieren: Frühere Versionen hatten den Eindruck erweckt, Ulmen habe Deepfake-Pornos mit seiner Ex-Frau erstellt und verbreitet, was so nicht stimmte. Christian Ulmen ließ über seine Anwälte mitteilen, es handle sich um „unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung“. Bemerkenswert dabei: Gegen den Hauptvorwurf, die Erstellung von Fake-Accounts im Namen seiner Ex-Frau, geht Ulmen juristisch nicht vor.

Die Fakten sind also komplex, ungeklärt, juristisch unentschieden. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Empörungsmaschine lief trotzdem auf Hochtouren. Und das ist psychoanalytisch hochinteressant, nicht wegen des Falls, sondern unseretwegen.

Die Szene: Was wir wirklich sehen, wenn wir hinschauen

Alfred Lorenzer, Psychoanalytiker und Sozialtheoretiker, entwickelte den Begriff der Szene als analytische Einheit: ein verdichtetes Interaktionsmuster, das unbewusste Bedeutungen trägt und frühe Beziehungserfahrungen reaktiviert. Eine Szene ist nie nur das, was sie zeigt. Sie ist immer auch das, was durch sie gelebt wird: affektiv, vorbewusst, kollektiv.

Was am Brandenburger Tor stattfand, war eine solche Szene. Nicht primär eine politische Kundgebung, sondern ein kollektives Ritual mit fest verteilten Rollen: Täter, Opfer, Gemeinschaft der Gerechten. Der Inhalt der Vorwürfe, ihre Stichhaltigkeit, ihre rechtliche Einordnung, der Unterschied zwischen Deepfakes und Fake-Profilen, spielte keine Rolle mehr. Die Szene hatte ihr eigenes Drehbuch.

Susanne Langner nannte dieses Schauspiel ein präsentatives Symbol: nicht begriffliches Denken, sondern szenisches Erleben, das sich rationaler Reflexion entzieht wie ein religiöses Ritual oder ein Mythos. Man fühlt die Wahrheit der Szene, ohne sie zu denken. Das erklärt, warum Korrekturen der Berichterstattung die Empörungswelle nicht aufhalten konnten: Korrekturen sind diskursiv, die Szene ist affektiv. Zwei verschiedene Register.

Die Empörungsgemeinschaft und das Problem der Ambivalenz

Theodor W. Adorno beschrieb den autoritären Charakter, eine psychische Struktur, die Ambivalenz nicht aushält und sich durch starre Gut-Böse-Spaltung entlastet. Wichtig: Das ist keine Theorie über Extremisten. Es ist eine Theorie über ein verbreitetes psychisches Funktionsniveau, das unter emotionalem Druck aktiviert wird.

Die Empörungsgemeinschaft rund um den Fall Collien Fernandes zeigt diese Struktur exemplarisch. Der Mann, nicht Christian Ulmen allein, sondern der Mann als Kategorie, wird zum Träger des Bösen. Wer fragt, ob Vorwürfe gegen den Exmann auch bewiesen sein müssen, macht sich verdächtig. Wer differenziert, ist Komplize.

In feministischen Medien erschienen Beiträge, in denen Frauen berichteten, nach diesem Fall nicht mehr mit Männern leben zu wollen, Kontakte abzubrechen, im Zölibat zu bleiben. Das ist keine politische Analyse. Das ist Gruppenregression, der affektive Zusammenschluss einer Gemeinschaft, die ihren Zusammenhalt durch kollektiven Ausschluss herstellt.

Adorno würde fragen: Was leistet diese Spaltung psychisch? Die Antwort: Sie entlastet. Solange der Täter klar außen ist, und mit ihm alle Männer als potenzielle Täter, muss man die Komplexität des Eigenen nicht anschauen. Kein Widerspruch, keine Grauzone, keine Unsicherheit. Nur absolute Gewissheit.

Das Begehren der Empörung und der Genuss des Gerecht-Seins

Jacques Lacan hat uns gelehrt, dass Begehren nie das ist, was es vorgibt zu sein. Was die Empörungswelle offiziell begehrte, war Gerechtigkeit. Was sie tatsächlich produzierte, war etwas anderes: jouissance, ein Genuss jenseits des Lustprinzips, der sich als moralischer Eifer tarnt.

Der Satz von der Bühne am Brandenburger Tor: „Männer können froh sein, dass wir einfach nur Gleichberechtigung wollen. Und nicht Vergeltung“ ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Er ist semantisch eine Beruhigung. Affektiv ist er eine Drohung. Und er genießt sich: Die Sprecherin genießt die Macht, Vergeltung üben zu können, wenn sie nur wollte. Das ist keine Kritik an ihr als Person, es ist eine Beschreibung dessen, was in Momenten kollektiver Empörung mit Sprache passiert.

Lacan nennt das die Struktur des Begehrens: Es richtet sich nicht auf das reale Objekt, den konkreten Fall, die konkreten Vorwürfe, sondern auf das, was das Objekt verspricht: vollständige moralische Eindeutigkeit, vollständige Identität als Gerechte. Dieses Versprechen kann nie eingelöst werden. Also braucht es den nächsten Fall. Und den übernächsten. Die Empörungsmaschine ist ein Perpetuum mobile des unerfüllbaren Begehrens.

Die Ware Empörung und der Spiegel-Aufmacher

Wolfgang Fritz Haug beschrieb in seiner Kritik der Warenästhetik, wie Waren durch ihr sinnlich-ästhetisches Versprechen wirken, nicht durch ihren tatsächlichen Gebrauchswert. Das Versprechen übertrifft immer das, was eingelöst wird. Genau deshalb konsumiert man weiter.

Der Spiegel-Aufmacher „Du hast mich virtuell vergewaltigt“ ist eine Ware in diesem Sinne. Sein ästhetisches Versprechen: vollständige moralische Klarheit, identifizierter Täter, eindeutiges Opfer. Der Spiegel publiziert regelmäßig wohlwollende Artikel zur NGO HateAid. Im Fernandes-Kontext dankte HateAid auf Instagram explizit dem Spiegel-Team. Das ist kein Skandal, aber es zeigt, dass hier ein Netzwerk aus Medien, NGOs und aktivistischen Bündnissen operiert, das gemeinsame Interessen hat: Aufmerksamkeit, politischen Einfluss, Gesetzgebung.

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig kündigte unmittelbar im Nachgang öffentlich strengere Gesetze zum Schutz vor Deepfakes an, obwohl Deepfakes gar nicht der Kernvorwurf waren. Der Gebrauchswert, also tatsächlicher Schutz für tatsächliche Betroffene, trat hinter den Tauschwert zurück: politische Sichtbarkeit, Gesetzgebungsimpulse, Demonstrationserfolg.

43.000 namenlose Berliner Frauen mit vergleichbaren Gewalterfahrungen wurden dabei nicht zu Content. Sie haben keine Prominenz, die als ästhetischer Mehrwert verwertbar wäre. Nicht jeder Schmerz hat Marktwert.

Massenpsychologie der Selbstentlastung und die Trauerverweigerung

Alexander Mitscherlich beschrieb, wie kollektive Schuldabwehr funktioniert: nicht durch Leugnung, sondern durch Verschiebung. Man empört sich über das Fremde, um sich nicht dem Eigenen stellen zu müssen. Der Affekt ist echt, aber er ist fehlgeleitet.

Was vermeidet die Empörungsgemeinschaft in diesem Fall? Das Strukturelle: dass digitale Gewalt gegen Frauen verbreitet ist und die Rechtslage tatsächlich unzureichend ist, beides unabhängig davon, was Christian Ulmen getan oder nicht getan hat. Diese strukturelle Auseinandersetzung wäre mühsam, langwierig, ohne emotionalen Höhepunkt. Der prominente Fall mit identifiziertem Täter und bekannter Schauspielerin liefert stattdessen: eine Szene, eine Katharsis, das Gefühl, gehandelt zu haben, und das Gefühl, auf der Seite des Guten mit dabei gewesen zu sein.

Mitscherlich würde sagen: Echte Trauerarbeit, psychisch wie politisch, ist langsam und ohne Applaus. Die Empörungsszene ist schnell, laut und gemeinschaftsstiftend. Sie gibt das Gefühl, etwas getan zu haben. Sie ist, im psychoanalytischen Sinne, eine Abwehr gegen die Betroffenheit, die sie vorgibt zu erzeugen.

Was therapeutisch aufgearbeitet werden müsste, und was nicht

Der Satz „therapeutisch aufarbeiten“ fällt in Debatten wie dieser gerne, meist als Zumutung an Betroffene. Aber vielleicht stellt sich die Frage anders: Was müsste kollektiv aufgearbeitet werden?

Collien Fernandes spricht öffentlich über das, was sie erlebt hat. Das verdient Respekt, unabhängig davon, wie die Vorwürfe gegen den Ex-Mann Christian Ulmen juristisch ausgehen. Auch die Frage nach Gesetzeslücken bei digitaler Gewalt ist legitim und dringend. Das bestreitet niemand.

Was die psychoanalytische Sozialpsychologie bestreitet, ist die Logik, die aus einem ungeklärten Einzelfall innerhalb von 48 Stunden ein Urteil über ein ganzes Geschlecht destilliert. Diese Logik schützt keine Frauen. Sie erzeugt Gemeinschaft durch Ausschluss, eine Form von Zusammenhalt, die psychologisch verständlich und politisch gefährlich ist.

Denn sie immunisiert sich gegen Korrekturen. Als große Medien ihre fehlerhaften Berichte zurückzogen und korrigierten, änderte das an der Empörungswelle nichts. Die Szene war bereits aufgeführt. Das Urteil war gefällt.

Das ist kein Feminismus. Das ist eine kollektive Projektion mit feministischem Etikett. Der Unterschied ist psychologisch relevant und politisch entscheidend.


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Als der Spiegel im März 2026 über die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen berichtete, dauerte es keine 48 Stunden, bis aus einem Beziehungskonflikt ein nationales Ereignis geworden war. Tausende Menschen versammelten sich vor dem Brandenburger Tor. Politikerinnen, wie Saskia Esken, und Ricarda Lang, gaben Statements ab. Luisa Neubauer rief vom Podium: „Männer können froh sein, dass wir einfach nur Gleichberechtigung wollen. Und nicht Vergeltung.“ Großer Applaus.

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Die Fakten sind also komplex, ungeklärt, juristisch unentschieden. Es gilt die Unschuldsvermutung.

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Was am Brandenburger Tor stattfand, war eine solche Szene. Nicht primär eine politische Kundgebung, sondern ein kollektives Ritual mit fest verteilten Rollen: Täter, Opfer, Gemeinschaft der Gerechten. Der Inhalt der Vorwürfe, ihre Stichhaltigkeit, ihre rechtliche Einordnung, der Unterschied zwischen Deepfakes und Fake-Profilen, spielte keine Rolle mehr. Die Szene hatte ihr eigenes Drehbuch.

Susanne Langner nannte dieses Schauspiel ein präsentatives Symbol: nicht begriffliches Denken, sondern szenisches Erleben, das sich rationaler Reflexion entzieht wie ein religiöses Ritual oder ein Mythos. Man fühlt die Wahrheit der Szene, ohne sie zu denken. Das erklärt, warum Korrekturen der Berichterstattung die Empörungswelle nicht aufhalten konnten: Korrekturen sind diskursiv, die Szene ist affektiv. Zwei verschiedene Register.

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Theodor W. Adorno beschrieb den autoritären Charakter, eine psychische Struktur, die Ambivalenz nicht aushält und sich durch starre Gut-Böse-Spaltung entlastet. Wichtig: Das ist keine Theorie über Extremisten. Es ist eine Theorie über ein verbreitetes psychisches Funktionsniveau, das unter emotionalem Druck aktiviert wird.

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Adorno würde fragen: Was leistet diese Spaltung psychisch? Die Antwort: Sie entlastet. Solange der Täter klar außen ist, und mit ihm alle Männer als potenzielle Täter, muss man die Komplexität des Eigenen nicht anschauen. Kein Widerspruch, keine Grauzone, keine Unsicherheit. Nur absolute Gewissheit.

Das Begehren der Empörung und der Genuss des Gerecht-Seins

Jacques Lacan hat uns gelehrt, dass Begehren nie das ist, was es vorgibt zu sein. Was die Empörungswelle offiziell begehrte, war Gerechtigkeit. Was sie tatsächlich produzierte, war etwas anderes: jouissance, ein Genuss jenseits des Lustprinzips, der sich als moralischer Eifer tarnt.

Der Satz von der Bühne am Brandenburger Tor: „Männer können froh sein, dass wir einfach nur Gleichberechtigung wollen. Und nicht Vergeltung“ ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Er ist semantisch eine Beruhigung. Affektiv ist er eine Drohung. Und er genießt sich: Die Sprecherin genießt die Macht, Vergeltung üben zu können, wenn sie nur wollte. Das ist keine Kritik an ihr als Person, es ist eine Beschreibung dessen, was in Momenten kollektiver Empörung mit Sprache passiert.

Lacan nennt das die Struktur des Begehrens: Es richtet sich nicht auf das reale Objekt, den konkreten Fall, die konkreten Vorwürfe, sondern auf das, was das Objekt verspricht: vollständige moralische Eindeutigkeit, vollständige Identität als Gerechte. Dieses Versprechen kann nie eingelöst werden. Also braucht es den nächsten Fall. Und den übernächsten. Die Empörungsmaschine ist ein Perpetuum mobile des unerfüllbaren Begehrens.

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Alexander Mitscherlich beschrieb, wie kollektive Schuldabwehr funktioniert: nicht durch Leugnung, sondern durch Verschiebung. Man empört sich über das Fremde, um sich nicht dem Eigenen stellen zu müssen. Der Affekt ist echt, aber er ist fehlgeleitet.

Was vermeidet die Empörungsgemeinschaft in diesem Fall? Das Strukturelle: dass digitale Gewalt gegen Frauen verbreitet ist und die Rechtslage tatsächlich unzureichend ist, beides unabhängig davon, was Christian Ulmen getan oder nicht getan hat. Diese strukturelle Auseinandersetzung wäre mühsam, langwierig, ohne emotionalen Höhepunkt. Der prominente Fall mit identifiziertem Täter und bekannter Schauspielerin liefert stattdessen: eine Szene, eine Katharsis, das Gefühl, gehandelt zu haben, und das Gefühl, auf der Seite des Guten mit dabei gewesen zu sein.

Mitscherlich würde sagen: Echte Trauerarbeit, psychisch wie politisch, ist langsam und ohne Applaus. Die Empörungsszene ist schnell, laut und gemeinschaftsstiftend. Sie gibt das Gefühl, etwas getan zu haben. Sie ist, im psychoanalytischen Sinne, eine Abwehr gegen die Betroffenheit, die sie vorgibt zu erzeugen.

Was therapeutisch aufgearbeitet werden müsste, und was nicht

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Collien Fernandes spricht öffentlich über das, was sie erlebt hat. Das verdient Respekt, unabhängig davon, wie die Vorwürfe gegen den Ex-Mann Christian Ulmen juristisch ausgehen. Auch die Frage nach Gesetzeslücken bei digitaler Gewalt ist legitim und dringend. Das bestreitet niemand.

Was die psychoanalytische Sozialpsychologie bestreitet, ist die Logik, die aus einem ungeklärten Einzelfall innerhalb von 48 Stunden ein Urteil über ein ganzes Geschlecht destilliert. Diese Logik schützt keine Frauen. Sie erzeugt Gemeinschaft durch Ausschluss, eine Form von Zusammenhalt, die psychologisch verständlich und politisch gefährlich ist.

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