Hirnaktivität zeigt: So passen Menschen ihr Denken an andere an

Hirnaktivität zeigt: So passen Menschen ihr Denken an andere an

Hirnaktivität

Published on:

Apr 7, 2026

das menschliche gehirn auf schwarzem hintergrund, kein echts gehirn, computer-erzeugtes bild

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Eine neue Studie der Universität Zürich zeigt, wie das Gehirn erkennt, wie ein Gegenüber denkt, und wie es die eigene Strategie laufend anpasst.

Hirnaktivität zeigt, wie Menschen ihr soziales Denken anpassen

Wer kennt das nicht: Man unterhält sich mit jemandem und merkt schnell, ob die andere Person aufmerksam ist, ob sie einen versteht, oder ob sie das Gespräch ganz anders führt als erwartet. Dieses stille Einschätzen des anderen passiert ständig, und geschieht meist, ohne dass man darüber nachdenkt. Eine neue Studie der Universität Zürich hat nun untersucht, was dabei im Gehirn passiert.

Warum es wichtig ist, andere richtig einzuschätzen

Das Erkennen, wie ein Mensch denkt und was er als Nächstes tun wird, ist eine der wichtigsten Fähigkeiten im sozialen Leben. Ob in einer Freundschaft, in der Familie oder bei der Arbeit: Es ist entscheidend, das Gegenüber richtig einzuschätzen.

Manchmal klappt das gut. Man liest die Signale der anderen Person richtig, passt sich an, und das Gespräch oder die Zusammenarbeit läuft rund. Manchmal klappt es nicht. Dann werden Erwartungen enttäuscht: Man dachte, man wisse, wie die andere Person reagiert, und liegt vollkommen falsch.

Genau diesen Moment hat die Studie der Universität Zürich untersucht: Was passiert im Gehirn, wenn jemand merkt, dass eine Neubewertung erforderlich ist, wenn also das bisherige Bild vom Gegenüber nicht mehr stimmt und angepasst werden muss?

Das Experiment: Schere, Stein, Papier als Spiegel sozialen Denkens

Um diese Fragen zu untersuchen, ließen Niklas Buergi, Gökhan Aydogan, Arkady Konovalov und Christian Ruff mehr als 550 Personen ein einfaches Spiel spielen: Schere, Stein, Papier. Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn beim Spiel gegen eine andere Person geht es genau darum, zu erkennen, wie die andere Person denkt. Wer das schnell erkennt, gewinnt öfter.

Das Besondere an diesem Experiment: Die Gegenspieler wechselten ihre Strategie, ohne dass die Teilnehmenden das wussten. Mal spielte der Gegenüber vorhersehbar, mal ausgesprochen durchdacht und strategisch. Die Frage war: Merken die Teilnehmenden diesen Wechsel, und passen sie sich an?

Die Antwort: Die meisten reagieren flexibel. Etwa acht von zehn Teilnehmenden erkannten im Lauf des Spiels, wenn sich die Strategie des Gegenübers verändert hatte, und änderten ihr eigenes Vorgehen entsprechend. Ein Teil brauchte dafür länger, ein anderer Teil war schneller. Diese individuellen Unterschiede waren deutlich messbar.

Was im Gehirn sichtbar wird

Einen Teil der Teilnehmenden untersuchte die Forschungsgruppe gleichzeitig mit einem Hirnscanner. So konnten sie beobachten, welche Gehirnbereiche aktiv waren, während die Teilnehmenden spielten, und vor allem: in welchen Momenten.

Die Studie der Universität Zürich zeigt, dass in dem Moment, in dem jemand sein Bild vom Gegenüber korrigiert, mehrere Bereiche des Gehirns gleichzeitig aktiv werden. Besonders auffällig war dabei ein Bereich an der Seite des Gehirns, der sogenannte temporoparietale Übergang, eine Region, die schon länger mit dem Verstehen anderer Menschen in Verbindung gebracht wird. Zusätzlich waren Bereiche aktiv, die mit Aufmerksamkeit und dem Einschätzen von Situationen zusammenhängen.

Forscher sprechen deshalb nicht von einem einzelnen Mentalisierungszentrum, sondern von einem Zusammenspiel verschiedener Gehirnbereiche: Hirnnetzwerke arbeiten gemeinsam, wenn Menschen ihr Bild von einer anderen Person überarbeiten.

Eine neuronale Spur sozialen Denkens

Das Forschungsteam ging noch einen Schritt weiter. Mithilfe eines Berechnungsmodells und statistischer Lernverfahren versuchten sie, allein aus den Gehirndaten  vorherzusagen, wann eine Person ihr Bild vom Gegenüber stark veränderte, und wann kaum.

Das gelang mit bemerkenswerter Genauigkeit. Die Hirnaktivität zeigt in diesen Momenten ein so charakteristisches Muster, dass es zuverlässig erkannt werden konnte, auch bei Personen, deren Gehirndaten beim Training des Modells nicht verwendet wurden.

Die Fähigkeit, das eigene soziale Urteil laufend anzupassen, ist in den genannten Hirnarealen messbar, sagt Niklas Bürgi, Co-Erstautor der Studie. Das Muster war dabei nicht auf eine einzige Region beschränkt, sondern verteilte sich über mehrere Bereiche, was zeigt, dass soziales Denken ein fortlaufender Anpassungsprozess im gesamten Gehirn ist.

Warum manche sich schneller anpassen

Nicht alle Teilnehmenden passten sich gleich schnell an. Manche erkannten den Strategiewechsel des Gegenübers sofort, andere brauchen deutlich länger. Diese Unterschiede zeigten sich nicht nur im Spielergebnis, sondern auch im Gehirn.

Bei Personen, die schneller und treffsicherer auf die andere Person reagierten, arbeiteten die beteiligten Gehirnbereiche enger zusammen. Die Verbindung zwischen ihnen war stärker. Bei Personen, die mehr Zeit brauchten, war diese Verbindung weniger ausgeprägt.

Das legt nahe, dass die individuelle Fähigkeit, einen anderen Menschen richtig einzuschätzen, weniger von einzelnen Gehirnregionen abhängt als von der Qualität ihrer Zusammenarbeit, erklärt Gökhan Aydogan, Mitautor der Studie.

Was das Spielen mit dem Alltag zu tun hat

Ein berechtigter Einwand: Was sagt ein Spielexperiment über das echte soziale Leben aus? Die Forschungsgruppe hat diesen Punkt bedacht. Das Spielszenario wurde so gewählt, dass es dem Alltag ähnlicher ist als typische Laboraufgaben. Es gibt keine vorgegebenen richtigen Antworten. Es gibt echte Ungewissheit. Und der Gegenüber verhält sich wirklich unterschiedlich, nicht nach einem festen Skript.

Soziale Interaktion bedeutet immer, dass man mit jemandem zu tun hat, dessen Denken sich verändert, sagt Ruff, leitender Autor der Studie. Unser Experiment bildet genau das ab: die Notwendigkeit, laufend zu lernen, wie ein Mensch gerade tickt.

Mögliche Bedeutung für psychische Erkrankungen

Die Studie der Universität Zürich zeigt zudem, dass das gefundene Muster bei einer zweiten, unabhängigen Gruppe von Teilnehmenden wieder auftrat, obwohl diese Gruppe anders zusammengesetzt war, mit mehr Frauen, älteren Teilnehmenden und unterschiedlichen Bildungshintergründen.

Das ist für eine mögliche klinische Anwendung relevant. Bei bestimmten psychischen Erkrankungen, zum Beispiel bei Autismus oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen, fällt es schwerer, andere Menschen richtig einzuschätzen. Ob das beschriebene Gehirnmuster in diesen Gruppen anders aussieht, und ob sich daraus Hinweise für gezielte Unterstützung ableiten lassen, ist eine Frage für künftige Forschung. Arkady Konovalov, Mitautor der Studie, betont: „Wir erkennen oft gut, wann jemand sehr gut oder sehr schlecht darin ist, andere einzuschätzen. Was wir noch nicht wissen: wie wir dabei gezielt helfen können.“

Was die Studie bedeutet, und was sie offenlässt

Das, was in diesem Experiment gemessen wurde, ist eine Form sozialen Lernens: Das Gehirn beobachtet, vergleicht, korrigiert. Es ist kein einmaliger Vorgang, sondern ein laufendes Geschehen, Schritt für Schritt, Runde für Runde.

Wie dieses Lernen in wirklich belastenden sozialen Situationen abläuft, wenn Angst, Scham oder Misstrauen im Spiel sind – darüber sagt diese Studie noch nichts. Aber sie legt ein Fundament: Sie zeigt, wo und wie das Gehirn mit der Aufgabe beginnt, die für soziales Leben zentral ist, den anderen zu verstehen.

Quellenangabe: Buergi, N., Aydogan, G., Konovalov, A. & Ruff, C. C. (2026). A neural signature of adaptive mentalization. Nature Neuroscience. DOI: 10.1038/s41593-026-02219-x


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Was im Gehirn sichtbar wird

Einen Teil der Teilnehmenden untersuchte die Forschungsgruppe gleichzeitig mit einem Hirnscanner. So konnten sie beobachten, welche Gehirnbereiche aktiv waren, während die Teilnehmenden spielten, und vor allem: in welchen Momenten.

Die Studie der Universität Zürich zeigt, dass in dem Moment, in dem jemand sein Bild vom Gegenüber korrigiert, mehrere Bereiche des Gehirns gleichzeitig aktiv werden. Besonders auffällig war dabei ein Bereich an der Seite des Gehirns, der sogenannte temporoparietale Übergang, eine Region, die schon länger mit dem Verstehen anderer Menschen in Verbindung gebracht wird. Zusätzlich waren Bereiche aktiv, die mit Aufmerksamkeit und dem Einschätzen von Situationen zusammenhängen.

Forscher sprechen deshalb nicht von einem einzelnen Mentalisierungszentrum, sondern von einem Zusammenspiel verschiedener Gehirnbereiche: Hirnnetzwerke arbeiten gemeinsam, wenn Menschen ihr Bild von einer anderen Person überarbeiten.

Eine neuronale Spur sozialen Denkens

Das Forschungsteam ging noch einen Schritt weiter. Mithilfe eines Berechnungsmodells und statistischer Lernverfahren versuchten sie, allein aus den Gehirndaten  vorherzusagen, wann eine Person ihr Bild vom Gegenüber stark veränderte, und wann kaum.

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Nicht alle Teilnehmenden passten sich gleich schnell an. Manche erkannten den Strategiewechsel des Gegenübers sofort, andere brauchen deutlich länger. Diese Unterschiede zeigten sich nicht nur im Spielergebnis, sondern auch im Gehirn.

Bei Personen, die schneller und treffsicherer auf die andere Person reagierten, arbeiteten die beteiligten Gehirnbereiche enger zusammen. Die Verbindung zwischen ihnen war stärker. Bei Personen, die mehr Zeit brauchten, war diese Verbindung weniger ausgeprägt.

Das legt nahe, dass die individuelle Fähigkeit, einen anderen Menschen richtig einzuschätzen, weniger von einzelnen Gehirnregionen abhängt als von der Qualität ihrer Zusammenarbeit, erklärt Gökhan Aydogan, Mitautor der Studie.

Was das Spielen mit dem Alltag zu tun hat

Ein berechtigter Einwand: Was sagt ein Spielexperiment über das echte soziale Leben aus? Die Forschungsgruppe hat diesen Punkt bedacht. Das Spielszenario wurde so gewählt, dass es dem Alltag ähnlicher ist als typische Laboraufgaben. Es gibt keine vorgegebenen richtigen Antworten. Es gibt echte Ungewissheit. Und der Gegenüber verhält sich wirklich unterschiedlich, nicht nach einem festen Skript.

Soziale Interaktion bedeutet immer, dass man mit jemandem zu tun hat, dessen Denken sich verändert, sagt Ruff, leitender Autor der Studie. Unser Experiment bildet genau das ab: die Notwendigkeit, laufend zu lernen, wie ein Mensch gerade tickt.

Mögliche Bedeutung für psychische Erkrankungen

Die Studie der Universität Zürich zeigt zudem, dass das gefundene Muster bei einer zweiten, unabhängigen Gruppe von Teilnehmenden wieder auftrat, obwohl diese Gruppe anders zusammengesetzt war, mit mehr Frauen, älteren Teilnehmenden und unterschiedlichen Bildungshintergründen.

Das ist für eine mögliche klinische Anwendung relevant. Bei bestimmten psychischen Erkrankungen, zum Beispiel bei Autismus oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen, fällt es schwerer, andere Menschen richtig einzuschätzen. Ob das beschriebene Gehirnmuster in diesen Gruppen anders aussieht, und ob sich daraus Hinweise für gezielte Unterstützung ableiten lassen, ist eine Frage für künftige Forschung. Arkady Konovalov, Mitautor der Studie, betont: „Wir erkennen oft gut, wann jemand sehr gut oder sehr schlecht darin ist, andere einzuschätzen. Was wir noch nicht wissen: wie wir dabei gezielt helfen können.“

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