KI-Training mit antiquarischen Büchern: Warum KI-Firmen Antiquariate leerkaufen und die Bücher geschreddert werden

KI-Training mit antiquarischen Büchern: Warum KI-Firmen Antiquariate leerkaufen und die Bücher geschreddert werden

KI-Training mit antiquarischen Büchern

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ein krieger mit axt steht in einem altertümlichen raum und schaut auf ein buch

DESCRIPTION: KI-Firmen kaufen antiquarische Bücher als Trainingsdaten, scannen sie ein und vernichten die Exemplare. Was dabei an Kulturgut verschwindet, was der Gerichtsakt gegen Anthropic belegt und warum Walter Benjamin die Struktur des Problems vorweggenommen hat.

Sie zerschneiden die Originale: KI-Firmen kaufen Antiquariate leer

KI-Unternehmen kaufen Antiquariatsbestände auf, trennen die Buchrücken ab, scannen die Seiten und entsorgen die Exemplare. Betroffen sind Kochbücher, Reiseführer, veraltete Fachbücher, und Regionalliteratur. Der Beitrag fragt, was mit dem Exemplar verschwindet, warum Walter Benjamin die Struktur des Vorgangs vorweggenommen hat und was es mit uns macht, wenn Wissen ohne sichtbare Herkunft geliefert wird.

Wie KI-Firmen für das KI-Training Antiquariate leer kaufen

Es beginnt nachts. Um 2.53 Uhr am 30. April 2026 ging bei dem Bielefelder Buchverkäufer Michael Ströter die erste Bestellung ein, dann die nächste, dann die nächste. Immer dasselbe Unternehmen: Zoom Books, eine kanadische Plattform, die sich als Nordamerikas führende Firma für Buchrecycling bezeichnet. Ströter verkauft im Ruhestand hobbymäßig antiquarische Bücher, normalerweise höchstens drei am Tag. Er stornierte.

Die taz hat den Fall im Juni 2026 recherchiert, der SWR hat mit dem Tübinger Antiquar Roger Sonnewald gesprochen, Börsenblatt und BR haben nachgezogen. In Branchenforen und Onlineforen tauschen sich Antiquare aus ganz Deutschland darüber aus; Meldungen über dieselben Großbestellungen kommen aus Bulgarien, Großbritannien, Deutschland und Neuseeland. Anfangs sollte an Adressen in den USA geliefert werden. Inzwischen geht die Ware deutscher Händler an ein Lager im sächsischen Kodersdorf.

Der Ablauf ist industriell und weitgehend automatisiert. Die Bände werden erworben, die Bindung entfernt, die Seiten zugeschnitten, die losen Blöcke durch Einzugsscanner gezogen, die Reste geschreddert oder recycelt. Sonnewald hat im SWR-Gespräch die entscheidende Unterscheidung gemacht: Diebstahl ist das nicht, die Werke werden bezahlt. Verloren geht trotzdem Kulturgut, weil es um große Mengen geht.

Zoom Books selbst bestreitet das Verfahren fürs KI-Training. Man digitalisiere und zerstöre keine Bände, erklärte ein Manager des Unternehmens gegenüber der taz. Über die Abnehmer der gekauften Bände gebe man keine Auskunft.

Anthropic, die Washington Post und der Gerichtsaktdie Gerichtsakte

Für die KI-Firmen selbst ist die Praxis dokumentiert. Ein Gerichtsdokument aus dem US-Verfahren gegen Anthropic beschreibt genau diesen Ablauf: Das Unternehmen habe gedruckte Werke erworben, die Bindungen entfernt, die Seiten zugeschnitten, eingescannt und als durchsuchbare PDF-Dateien gespeichert. Die Washington Post hat den Vorgang Anfang 2026 unter dem Titel „Inside an AI start-up’s plan to scan and dispose of millions of books“ beschrieben.

Der Hintergrund ist ein Rechtsstreit über Trainingsdaten. Anthropic hatte zuvor Millionen Bücher aus dem Netz heruntergeladen, aus sogenannten Schattenbibliotheken, also illegalen Sammlungen auf fremden Servern. Dagegen klagten US-Autoren als Sammelklage. Das Verfahren endete mit einem Vergleich: Das Unternehmen verpflichtete sich zu einer Zahlung von mindestens 1,5 Milliarden US-Dollar, nach Medienberichten rund 3000 Dollar je Buch.

Der Kauf im Antiquariat ist die Antwort auf dieses Urteil. Was rechtmäßig erworben wurde, lässt sich anders verteidigen als das, was aus einer Schattenbibliothek stammt.

Vom Ladenhüter bis zum raren Einzelstück: nach welchen Kriterien gekauft wird

Gesucht werden gebrauchte Bücher mit ISBN-Nummern ab den 1970er Jahren: das alte Sachbuch, das Fachbuch, Romane, Kochbücher, Reiseliteratur, Regionalgeschichte, vergriffene Titel, Ladenhüter. Häufig geht es um zweistellige Stückzahlen günstiger Bände, deren Versandkosten den Warenwert übersteigen. Die ISBN ist dabei kein Zufall, und ihre Rolle geht weiter, als es zunächst aussieht. Nach Recherchen von 404 Media beginnen die Beschäftigten im Amazon-Lager damit, Barcode und ISBN jedes Bandes zu erfassen. Das legt ein Verfahren nahe, das die ISBN-Liste abarbeitet statt nach Themen zu suchen: einmal quer durch alles, was seit den 1970er Jahren mit einer Nummer erschienen ist.

Der Grund für diese Auswahl liegt in einer Erschöpfung.Mangelsituation. Die frei zugänglichen Texte im Netz sind als Trainingsmaterial für KI-Modelle weitgehend abgegrast, und sie sind unsortiert und von durchwachsener Güte. Was fehlt, ist Sprachesind Sprachdokumente, die noch nie digital vorlagvorlagen. Der SRF-Bericht nennt die gesuchten Bereiche: Regionalgeschichte, Sprach-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, also Texte mit historischen Sprachstufen und stilistischen Eigenheiten, die im heutigen Internet fehlen.

Damit erledigt sich auch die beruhigende Annahme, es gehe nur um Wegwerfware. Am 18. August 2026 hat 404 Media ein Ergebnis veröffentlicht, das die Frage anders stellt: Gemeinsam mit einem Buchhändler legten die Journalisten einen AirTag in ein seltenes Buch, das als Teil einer Sammelbestellung verschickt wurde. Der Sender meldete sich aus einem Amazon-Lager in Las Vegas, in dem Bücher nach Angaben des Berichts auseinandergenommen und gescannt werden. Amazon äußerte sich zur Recherche nicht, teilte aber mit, man kaufe Bücher über kommerzielle Kanäle, um die eigenen Produkte und Dienste zu verbessern.

Zwei Dinge ändern sich damit. Erstens ist einer der Abnehmer bekannt, über die Zoom Books keine Auskunft geben wollte. Zweitens schützt Seltenheit ein Exemplar offenbar nicht vor Zerstörung. Der Wert, den der Antiquariatshandel einem Buch zuschreibt, und der Wert, den ein Trainingsdatensatz ihm zuschreibt, haben nichts miteinander zu tun: Für das Modell zählt, dass der Text neu ist, nicht dass das Exemplar rar ist. Ein Band, von dem es weltweit noch zwölf Stück gibt, ist unter dieser Rechnung genauso viel wert wie einer von zwölftausend.

Der Ladenhüter wird zur begehrten Ware, weil ihn nie jemand hochgeladen hat. Sein Wert liegt in seiner Unsichtbarkeit. Für den Handel kehrt sich damit eine alte Rechnung um: Was bisher als Altpapier endete, findet plötzlich einen Abnehmer, und zwar genau deshalb, weil es niemand lesen will. Wie das Lager sich selbst sieht, verrät sein Logo: ein Tyrannosaurus rex, der ansetzt, ein Buch zu zerlegen. Aus internen Diskussionen der Beschäftigten geht laut 404 Media hervor, dass dem Standort zwischenzeitlich der Nachschub auszugehen drohte und die Belegschaft mit einer Schließung rechnete. Nachschub kam.

Ströter beschreibt das mit gemischten Gefühlen: Er werde seine Ladenhüter los, zuletzt ein Buch aus den siebziger Jahren über Fernseherziehung in Kinderheimen. Aktuell sei so etwas nicht mehr, und dem Stand der Wissenschaft entspreche es auch nicht. Er wünsche sich eine Debatte darüber, mit welchem Material künstliche Intelligenz eigentlich trainiert wird.

Fair Use im US-Recht: Warum die Bücher vernichtet werden

Warum wird das Exemplar anschließend zerstört? Die Antwort liegt im US-amerikanischen Urheberrecht. Wer digitale Texte im Netz kopiert, riskiert Schadensersatzklagen. Der physische Kauf mit anschließender Vernichtung nach dem Einlesen gilt in der Branche als Versuch, sich auf das Fair-Use-Prinzip zu berufen. Es erlaubt die Nutzung geschützten Materials ohne ausdrückliche Erlaubnis, sofern sie der Bildung und der Anregung geistiger Produktion dient.

Ob diese Rechnung aufgeht, ist offen. Wer ein Buch kauft, erwirbt das Exemplar. Die Verwertungsrechte am Text bleiben beim Urheber; das Urheberrecht erlischt durch den Kauf nicht. Solange die Gerichte nicht entschieden haben, bleibt der Vorgang eine Grauzone.

Die Zerstörung ist dabei kein Nebeneffekt der Digitalisierung. Sie ist ihr rechtlicher Zweck. Ein Exemplar, das nicht mehr existiert, kann nicht als unerlaubte Vervielfältigung ins Feld geführt werden. Der Schredder gehört zur Rechtskonstruktion.

Verlust von Kulturgut: Was beim Scannen verschwindet

Die Dramatisierung liegt nahe und führt in die Irre. Hier brennt keine zweite Bibliothek von Alexandria. Das Wissen verschwindet nicht, der Text bleibt erhalten. Er bleibt allerdings in einer Form erhalten, die von seinem Träger, seinen Urhebern, seinen Lesern und seiner Geschichte abgelöst ist.

Das Buch wird gekauft, ohne gelesen zu werden. Es wird als Rohstoff gekauft.

Mit dem Exemplar können Dinge verschwinden, die der Scan nicht mitnimmt: Auflagenvarianten, Widmungen, Randnotizen, Besitzspuren, Bibliotheksstempel, Eselsohren an genau den Stellen, an denen jemand einmal hängengeblieben ist. Und die schlichte Möglichkeit, dass jemand dieses Buch in zwanzig Jahren noch einmal aufschlägt.

Benjamin und die Konservendose

Walter Benjamin hat die Struktur dieses Problems lange vor den Sprachmodellen beschrieben. In der Kleinen Geschichte der Photographie kritisiert er technische Bilder, die den Dingen eine suggestive, scheinbar selbstverständliche Bedeutung verleihen, während die Verhältnisse unsichtbar bleiben, in denen diese Dinge stehen. Die Fotografie könne aus einer Konservendose etwas Kosmisches machen und dabei die menschlichen Beziehungen verschweigen, die an ihr hängen.

Für ein Sprachmodell lässt sich das übersetzen. Es liefert sprachlich plausible, oft eindrucksvoll formulierte Antworten. Es zeigt dabei nicht, aus welchen Büchern, Arbeitsleistungen, Konflikten, Rechtsverhältnissen und materiellen Überlieferungen seine sprachliche Kompetenz hervorgegangen ist. Wissen erscheint als verfügbar, anonym und ohne Zusammenhang.

Der geschredderte Buchkörper ist das genaue Bild dafür. Der Text lebt als statistisches Material weiter, das Exemplar als Ding verschwindet.

Es geht nicht um die Aura der Einzigartigkeit

Benjamin taugt schlecht als Kronzeuge für eine Verklärung des Buches. In Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit beschreibt er das Verkümmern der Aura, ohne es zu bedauern. Die Reproduktion konnte für ihn neue Formen kollektiver Erfahrung und politischer Aneignung eröffnen. Wer ihn zum Bewahrer sakraler Einzigartigkeit macht, liest ihn falsch.

Seine Frage lautet anders. Sie lautet: Wer verfügt über die Technik, was wird aus dem kulturellen Material gemacht, und welche gesellschaftlichen Beziehungen werden dabei sichtbar oder unsichtbar?

Genau daran entscheidet sich der Fall. Nicht daran, dass gescannt wird. Sondern daran, dass am Ende ein Datenbestand in privater Hand liegt, dessen Herkunft im selben Vorgang unkenntlich gemacht wurde, in dem sie verwertet wurde.

Was mit jedem zerstörten Exemplar untergeht

Die psychologisch interessante Seite betrifft die Widmung. Ein gebrauchtes Buch trägt Spuren von jemandem, der vor uns da war. Die Handschrift auf dem Vorsatzblatt, das Datum, der Name, der angestrichene Absatz: Das sind Belege dafür, dass ein anderer Mensch diesen Text in der Hand hatte und wichtig genug fand, ihn zu verschenken oder zu markieren.

Donald Winnicott hat für solche Dinge den Begriff des Übergangsobjekts geprägt: Der Teddy, die Decke, das abgegriffene Tuch halten die Verbindung zu jemandem aufrecht, der gerade nicht da ist. Winnicotts Punkt war, dass diese Objekte weder ganz zur Außenwelt noch ganz zur Innenwelt gehören; sie besetzen einen dritten Bereich, in dem Kultur überhaupt erst entsteht.

Ein gebrauchtes Buch besetzt denselben Bereich. Der Text gehört allen, das Exemplar hat einer besessen, und die Anstreichung auf Seite 112 ist die Spur einer fremden Aufmerksamkeit. Wer antiquarisch kauft, kauft beides.

Der Scan nimmt den Text mit. Die Spuren voriger Nutzer wandern in den Container.

Der Antiquar, der Antiquariatsmarkt und die Lagerzeit

Sonnewald hat im SWR eine Bemerkung gemacht, die leicht zu überhören ist: Antiquarische Bücher brauchen teilweise eine gewisse Lagerzeit, um begehrt zu sein. Was heute Ladenhüter ist, kann in dreißig Jahren Quelle sein.

Der Satz beschreibt einen Wert, den keine Verkaufsstatistik erfasst. Welche Bestände einmal gebraucht werden, entscheidet sich an Fragen, die zum Zeitpunkt des Einkaufs niemand stellt. Betriebsanleitungen der 1970er Jahre wurden für die Technikgeschichte wichtig, Reiseführer für die Tourismusforschung, Kochbücher für die Ernährungsgeschichte. Keines dieser Fächer hätte beim Erscheinen einen Grund genannt, die Bände aufzuheben.

Genau das passiert gerade wieder, nur unter umgekehrtem Vorzeichen. Die Bücher sind begehrt geworden, weil eine Technik sie brauchte, die es beim Druck noch nicht gab. Der Unterschied zu jeder früheren Nachfrage: Diesmal wird der Bestand beim Gebrauch vernichtet.

Google Books und der Schredder: der Unterschied beim Digitalisieren

Der Einwand liegt nahe: Bücher wurden schon einmal massenhaft gescannt. Google Books hat ab 2004 Millionen Bände digitalisiert, größtenteils aus Bibliotheken, und darüber jahrelange Rechtsstreitigkeiten geführt.

Zwei Unterschiede zählen. Erstens blieben die Bücher damals in den Bibliotheken. Sie wurden aufgeschlagen, fotografiert und zurückgestellt. Zweitens war das Ziel ein durchsuchbarer Katalog, der auf das Exemplar zurückverweist: Wer eine Fundstelle sah, bekam die Angabe, in welchem Buch sie steht, und konnte es bestellen.

Der jetzige Vorgang kehrt beides um. Das Exemplar verschwindet, und am Ende steht ein Modell, dessen Antworten die Quelle nicht mehr nennen. Der Scan von 2004 machte Bücher auffindbar. Der Scan von 2026 verwandelt Bücher in Leerstellen.

Wissen ohne sichtbare Herkunft

Die Wirkung auf den Nutzer ist die eigentliche Frage. Ein Modell antwortet in glatter, zusammenhängender Sprache. Es nennt unaufgefordert keine Quelle, es zeigt keine Rechnung, es räumt selten ein, woher es etwas hat.

Diese Form der Auskunft ähnelt weniger einem Nachschlagewerk als einer Auskunft aus einer Instanz, die nichts erklären muss. Wer diesem Blog folgt, kennt das Argument aus dem Beitrag über die KI als säkulares Orakel: Der leere Thron bleibt selten leer. Sprache ohne angebbare Herkunft lädt dazu ein, ihr Autorität zuzuschreiben, die niemand vergeben hat.

Der Vorgang in den Antiquariaten zeigt, woraus diese Sprache gemacht ist. Die Herkunft wird dabei physisch beseitigt.

Was der Vorgang mit dem Lesen macht

Die Kränkung, die viele bei dieser Nachricht empfinden, hat einen erkennbaren Grund. Wer liest, unterstellt jemanden am anderen Ende. Ein Satz ist die Spur einer Anstrengung: Jemand hat um diese Formulierung gerungen, etwas verworfen, sich für ein Wort entschieden. Diese Unterstellung trägt das Lesen, auch dort, wo der Verfasser lange tot ist.

Ein Sprachmodell liefert Sätze, ohne dass jemand um sie gerungen hätte. Die Anstrengung liegt in den Trainingsdaten, also bei denen, die geschrieben haben, deren Namen aber nicht mitgeliefert werden. Was ankommt, hat die Form persönlicher Rede und keinen Autor.

Für den Leser ist das eine ungewohnte Lage. Man kann einem Text widersprechen, weil man annimmt, dass eine bestimmte Auffassung dahintersteht. Bei einer Antwort ohne Autor gibt es niemanden, dem der Widerspruch gälte. Übrig bleibt die Wahl zwischen Übernahme und Ablehnung, und das ist ärmer als jede Zwiesprache mit einem Buch.

Der Schredder macht diese Lage anschaulich. Er beseitigt genau das, woran man ablesen konnte, dass jemand vor uns hier gewesen ist.

Was daraus folgt

Digitalisierung erhält Texte, die sonst zerfielen, und macht sie zugänglich für Menschen, die nie in ein Tübinger Antiquariat kommen. Ein Verbot des Scannens folgt aus alldem nicht.

Die brauchbare Frage lautet, wer erfahren darf, woraus ein Modell besteht. Hier gibt es bereits zwei Antworten, und sie liegen weit auseinander.

Der EU-AI-Act verlangt von den Anbietern Transparenz über die Trainingsdaten. Offenlegen müssen sie diese aber nicht im Einzelnen; es genügt eine, so der Wortlaut, hinreichend detaillierte Zusammenfassung. Was das heißt, werden Gerichte klären müssen. Bis dahin bleibt die Auskunftspflicht eine Formel.

Dass es anders geht, zeigt das Schweizer Modell Apertus. Seine Entwickler haben die Trainingsdaten offengelegt. Wer wissen will, welche Texte in diesem Modell stecken, kann nachsehen. Bei den kommerziellen Anbietern kann das niemand, auch kein Gericht, ohne Verfahren.

Wie belastbar diese Auskunftslage ist, zeigt der Weg, auf dem das Amazon-Lager bekannt wurde. Es brauchte einen Buchhändler, der bereit war, einen Peilsender in eine Sendung zu legen, und Journalisten, die das Signal verfolgten. Was in einem Modell steckt, erfährt die Öffentlichkeit derzeit über AirTags.

Damit verschiebt sich die Frage vom Kulturgut zur Verfügung. Ob ein Kochbuch aus dem Jahr 1978 den Schredder wert war, lässt sich diskutieren. Was nach der Vernichtung niemand nachprüfen kann, ist die Richtigkeit der Entscheidung, wenn das Kochbuch erstmal zerstört ist.

Die Bibliothek von Alexandria ging in Flammen auf. Die Bibliothek der gesamten Welt wird jetzt zerlegt, gescannt, vernichtet und in proprietäre KI-Modelle überführt.

Das Wichtigste in Kürze

  • KI-Firmen kaufen seit 2026 für das KI-Training Bestände im deutschsprachigen Raum auf; Händler melden Großbestellungen des kanadisch-amerikanischen Unternehmens Zoom Books.

  • Die Bände werden aufgeschnitten, gescannt und danach entsorgt oder recycelt.

  • Gesucht sind ISBN-Titel ab den 1970er Jahren: Fachbücher, Kochbücher, Reiseliteratur, Regionalgeschichte. Ihr Wert liegt darin, dass sie nie digitalisiert wurden.

  • Seltenheit schützt nicht. 404 Media verfolgte im August 2026 ein seltenes Buch per AirTag bis in ein Amazon-Lager in Las Vegas, in dem Bücher zerlegt und gescannt werden. Beschäftigte erfassen dort Barcode und ISBN, was auf ein systematisches Abarbeiten der ISBN-Liste hindeutet.

  • Die Vernichtung dient dem Versuch, sich auf das US-amerikanische Fair-Use-Prinzip zu berufen. Der Schredder ist Teil der Rechtskonstruktion.

  • Der Text bleibt als statistisches Material erhalten. Verloren gehen Auflagenvarianten, Widmungen, Randnotizen, Besitzspuren und die Möglichkeit einer späteren Lektüre.

  • Walter Benjamin hat die Struktur beschrieben: Technik kann Dingen Bedeutung verleihen und zugleich die Verhältnisse unsichtbar machen, in denen sie stehen.

  • Benjamin verteidigte keine sakrale Aura. Seine Frage galt der Verfügung über die Technik und der Sichtbarkeit gesellschaftlicher Beziehungen.

  • Gebrauchte Bücher tragen die Spuren früherer Leser: Widmungen, Anstreichungen, Besitzvermerke. Der Scan nimmt den Text und lässt diese Spuren im Container.

  • Google Books ließ die Bücher in den Bibliotheken und verwies auf die Fundstelle. Der jetzige Vorgang beseitigt das Exemplar und liefert Antworten ohne Quellenangabe.

  • Lesen unterstellt jemanden am anderen Ende. Ein Modell liefert die Form persönlicher Rede ohne Absender, dem man widersprechen könnte.

  • Ein Gerichtsdokument aus dem Verfahren gegen Anthropic belegt das Verfahren: Bindungen entfernt, Seiten zugeschnitten, eingescannt, als durchsuchbare PDF gespeichert. Der Vergleich mit US-Autoren kostete mindestens 1,5 Milliarden Dollar.

  • Die deutschen Lieferungen gehen inzwischen an ein Lager im sächsischen Kodersdorf. Zoom Books bestreitet, Bücher zu digitalisieren und zu zerstören, und nennt keine Abnehmer.

  • Die entscheidenden Fragen sind Verteilungsfragen: öffentlicher oder geschlossener Bestand, Vernichtung als Rechtsfolge, Information der Urheber, Entscheidungsmacht über das Entbehrliche.

Quellen


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DESCRIPTION: KI-Firmen kaufen antiquarische Bücher als Trainingsdaten, scannen sie ein und vernichten die Exemplare. Was dabei an Kulturgut verschwindet, was der Gerichtsakt gegen Anthropic belegt und warum Walter Benjamin die Struktur des Problems vorweggenommen hat.

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KI-Unternehmen kaufen Antiquariatsbestände auf, trennen die Buchrücken ab, scannen die Seiten und entsorgen die Exemplare. Betroffen sind Kochbücher, Reiseführer, veraltete Fachbücher, und Regionalliteratur. Der Beitrag fragt, was mit dem Exemplar verschwindet, warum Walter Benjamin die Struktur des Vorgangs vorweggenommen hat und was es mit uns macht, wenn Wissen ohne sichtbare Herkunft geliefert wird.

Wie KI-Firmen für das KI-Training Antiquariate leer kaufen

Es beginnt nachts. Um 2.53 Uhr am 30. April 2026 ging bei dem Bielefelder Buchverkäufer Michael Ströter die erste Bestellung ein, dann die nächste, dann die nächste. Immer dasselbe Unternehmen: Zoom Books, eine kanadische Plattform, die sich als Nordamerikas führende Firma für Buchrecycling bezeichnet. Ströter verkauft im Ruhestand hobbymäßig antiquarische Bücher, normalerweise höchstens drei am Tag. Er stornierte.

Die taz hat den Fall im Juni 2026 recherchiert, der SWR hat mit dem Tübinger Antiquar Roger Sonnewald gesprochen, Börsenblatt und BR haben nachgezogen. In Branchenforen und Onlineforen tauschen sich Antiquare aus ganz Deutschland darüber aus; Meldungen über dieselben Großbestellungen kommen aus Bulgarien, Großbritannien, Deutschland und Neuseeland. Anfangs sollte an Adressen in den USA geliefert werden. Inzwischen geht die Ware deutscher Händler an ein Lager im sächsischen Kodersdorf.

Der Ablauf ist industriell und weitgehend automatisiert. Die Bände werden erworben, die Bindung entfernt, die Seiten zugeschnitten, die losen Blöcke durch Einzugsscanner gezogen, die Reste geschreddert oder recycelt. Sonnewald hat im SWR-Gespräch die entscheidende Unterscheidung gemacht: Diebstahl ist das nicht, die Werke werden bezahlt. Verloren geht trotzdem Kulturgut, weil es um große Mengen geht.

Zoom Books selbst bestreitet das Verfahren fürs KI-Training. Man digitalisiere und zerstöre keine Bände, erklärte ein Manager des Unternehmens gegenüber der taz. Über die Abnehmer der gekauften Bände gebe man keine Auskunft.

Anthropic, die Washington Post und der Gerichtsaktdie Gerichtsakte

Für die KI-Firmen selbst ist die Praxis dokumentiert. Ein Gerichtsdokument aus dem US-Verfahren gegen Anthropic beschreibt genau diesen Ablauf: Das Unternehmen habe gedruckte Werke erworben, die Bindungen entfernt, die Seiten zugeschnitten, eingescannt und als durchsuchbare PDF-Dateien gespeichert. Die Washington Post hat den Vorgang Anfang 2026 unter dem Titel „Inside an AI start-up’s plan to scan and dispose of millions of books“ beschrieben.

Der Hintergrund ist ein Rechtsstreit über Trainingsdaten. Anthropic hatte zuvor Millionen Bücher aus dem Netz heruntergeladen, aus sogenannten Schattenbibliotheken, also illegalen Sammlungen auf fremden Servern. Dagegen klagten US-Autoren als Sammelklage. Das Verfahren endete mit einem Vergleich: Das Unternehmen verpflichtete sich zu einer Zahlung von mindestens 1,5 Milliarden US-Dollar, nach Medienberichten rund 3000 Dollar je Buch.

Der Kauf im Antiquariat ist die Antwort auf dieses Urteil. Was rechtmäßig erworben wurde, lässt sich anders verteidigen als das, was aus einer Schattenbibliothek stammt.

Vom Ladenhüter bis zum raren Einzelstück: nach welchen Kriterien gekauft wird

Gesucht werden gebrauchte Bücher mit ISBN-Nummern ab den 1970er Jahren: das alte Sachbuch, das Fachbuch, Romane, Kochbücher, Reiseliteratur, Regionalgeschichte, vergriffene Titel, Ladenhüter. Häufig geht es um zweistellige Stückzahlen günstiger Bände, deren Versandkosten den Warenwert übersteigen. Die ISBN ist dabei kein Zufall, und ihre Rolle geht weiter, als es zunächst aussieht. Nach Recherchen von 404 Media beginnen die Beschäftigten im Amazon-Lager damit, Barcode und ISBN jedes Bandes zu erfassen. Das legt ein Verfahren nahe, das die ISBN-Liste abarbeitet statt nach Themen zu suchen: einmal quer durch alles, was seit den 1970er Jahren mit einer Nummer erschienen ist.

Der Grund für diese Auswahl liegt in einer Erschöpfung.Mangelsituation. Die frei zugänglichen Texte im Netz sind als Trainingsmaterial für KI-Modelle weitgehend abgegrast, und sie sind unsortiert und von durchwachsener Güte. Was fehlt, ist Sprachesind Sprachdokumente, die noch nie digital vorlagvorlagen. Der SRF-Bericht nennt die gesuchten Bereiche: Regionalgeschichte, Sprach-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, also Texte mit historischen Sprachstufen und stilistischen Eigenheiten, die im heutigen Internet fehlen.

Damit erledigt sich auch die beruhigende Annahme, es gehe nur um Wegwerfware. Am 18. August 2026 hat 404 Media ein Ergebnis veröffentlicht, das die Frage anders stellt: Gemeinsam mit einem Buchhändler legten die Journalisten einen AirTag in ein seltenes Buch, das als Teil einer Sammelbestellung verschickt wurde. Der Sender meldete sich aus einem Amazon-Lager in Las Vegas, in dem Bücher nach Angaben des Berichts auseinandergenommen und gescannt werden. Amazon äußerte sich zur Recherche nicht, teilte aber mit, man kaufe Bücher über kommerzielle Kanäle, um die eigenen Produkte und Dienste zu verbessern.

Zwei Dinge ändern sich damit. Erstens ist einer der Abnehmer bekannt, über die Zoom Books keine Auskunft geben wollte. Zweitens schützt Seltenheit ein Exemplar offenbar nicht vor Zerstörung. Der Wert, den der Antiquariatshandel einem Buch zuschreibt, und der Wert, den ein Trainingsdatensatz ihm zuschreibt, haben nichts miteinander zu tun: Für das Modell zählt, dass der Text neu ist, nicht dass das Exemplar rar ist. Ein Band, von dem es weltweit noch zwölf Stück gibt, ist unter dieser Rechnung genauso viel wert wie einer von zwölftausend.

Der Ladenhüter wird zur begehrten Ware, weil ihn nie jemand hochgeladen hat. Sein Wert liegt in seiner Unsichtbarkeit. Für den Handel kehrt sich damit eine alte Rechnung um: Was bisher als Altpapier endete, findet plötzlich einen Abnehmer, und zwar genau deshalb, weil es niemand lesen will. Wie das Lager sich selbst sieht, verrät sein Logo: ein Tyrannosaurus rex, der ansetzt, ein Buch zu zerlegen. Aus internen Diskussionen der Beschäftigten geht laut 404 Media hervor, dass dem Standort zwischenzeitlich der Nachschub auszugehen drohte und die Belegschaft mit einer Schließung rechnete. Nachschub kam.

Ströter beschreibt das mit gemischten Gefühlen: Er werde seine Ladenhüter los, zuletzt ein Buch aus den siebziger Jahren über Fernseherziehung in Kinderheimen. Aktuell sei so etwas nicht mehr, und dem Stand der Wissenschaft entspreche es auch nicht. Er wünsche sich eine Debatte darüber, mit welchem Material künstliche Intelligenz eigentlich trainiert wird.

Fair Use im US-Recht: Warum die Bücher vernichtet werden

Warum wird das Exemplar anschließend zerstört? Die Antwort liegt im US-amerikanischen Urheberrecht. Wer digitale Texte im Netz kopiert, riskiert Schadensersatzklagen. Der physische Kauf mit anschließender Vernichtung nach dem Einlesen gilt in der Branche als Versuch, sich auf das Fair-Use-Prinzip zu berufen. Es erlaubt die Nutzung geschützten Materials ohne ausdrückliche Erlaubnis, sofern sie der Bildung und der Anregung geistiger Produktion dient.

Ob diese Rechnung aufgeht, ist offen. Wer ein Buch kauft, erwirbt das Exemplar. Die Verwertungsrechte am Text bleiben beim Urheber; das Urheberrecht erlischt durch den Kauf nicht. Solange die Gerichte nicht entschieden haben, bleibt der Vorgang eine Grauzone.

Die Zerstörung ist dabei kein Nebeneffekt der Digitalisierung. Sie ist ihr rechtlicher Zweck. Ein Exemplar, das nicht mehr existiert, kann nicht als unerlaubte Vervielfältigung ins Feld geführt werden. Der Schredder gehört zur Rechtskonstruktion.

Verlust von Kulturgut: Was beim Scannen verschwindet

Die Dramatisierung liegt nahe und führt in die Irre. Hier brennt keine zweite Bibliothek von Alexandria. Das Wissen verschwindet nicht, der Text bleibt erhalten. Er bleibt allerdings in einer Form erhalten, die von seinem Träger, seinen Urhebern, seinen Lesern und seiner Geschichte abgelöst ist.

Das Buch wird gekauft, ohne gelesen zu werden. Es wird als Rohstoff gekauft.

Mit dem Exemplar können Dinge verschwinden, die der Scan nicht mitnimmt: Auflagenvarianten, Widmungen, Randnotizen, Besitzspuren, Bibliotheksstempel, Eselsohren an genau den Stellen, an denen jemand einmal hängengeblieben ist. Und die schlichte Möglichkeit, dass jemand dieses Buch in zwanzig Jahren noch einmal aufschlägt.

Benjamin und die Konservendose

Walter Benjamin hat die Struktur dieses Problems lange vor den Sprachmodellen beschrieben. In der Kleinen Geschichte der Photographie kritisiert er technische Bilder, die den Dingen eine suggestive, scheinbar selbstverständliche Bedeutung verleihen, während die Verhältnisse unsichtbar bleiben, in denen diese Dinge stehen. Die Fotografie könne aus einer Konservendose etwas Kosmisches machen und dabei die menschlichen Beziehungen verschweigen, die an ihr hängen.

Für ein Sprachmodell lässt sich das übersetzen. Es liefert sprachlich plausible, oft eindrucksvoll formulierte Antworten. Es zeigt dabei nicht, aus welchen Büchern, Arbeitsleistungen, Konflikten, Rechtsverhältnissen und materiellen Überlieferungen seine sprachliche Kompetenz hervorgegangen ist. Wissen erscheint als verfügbar, anonym und ohne Zusammenhang.

Der geschredderte Buchkörper ist das genaue Bild dafür. Der Text lebt als statistisches Material weiter, das Exemplar als Ding verschwindet.

Es geht nicht um die Aura der Einzigartigkeit

Benjamin taugt schlecht als Kronzeuge für eine Verklärung des Buches. In Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit beschreibt er das Verkümmern der Aura, ohne es zu bedauern. Die Reproduktion konnte für ihn neue Formen kollektiver Erfahrung und politischer Aneignung eröffnen. Wer ihn zum Bewahrer sakraler Einzigartigkeit macht, liest ihn falsch.

Seine Frage lautet anders. Sie lautet: Wer verfügt über die Technik, was wird aus dem kulturellen Material gemacht, und welche gesellschaftlichen Beziehungen werden dabei sichtbar oder unsichtbar?

Genau daran entscheidet sich der Fall. Nicht daran, dass gescannt wird. Sondern daran, dass am Ende ein Datenbestand in privater Hand liegt, dessen Herkunft im selben Vorgang unkenntlich gemacht wurde, in dem sie verwertet wurde.

Was mit jedem zerstörten Exemplar untergeht

Die psychologisch interessante Seite betrifft die Widmung. Ein gebrauchtes Buch trägt Spuren von jemandem, der vor uns da war. Die Handschrift auf dem Vorsatzblatt, das Datum, der Name, der angestrichene Absatz: Das sind Belege dafür, dass ein anderer Mensch diesen Text in der Hand hatte und wichtig genug fand, ihn zu verschenken oder zu markieren.

Donald Winnicott hat für solche Dinge den Begriff des Übergangsobjekts geprägt: Der Teddy, die Decke, das abgegriffene Tuch halten die Verbindung zu jemandem aufrecht, der gerade nicht da ist. Winnicotts Punkt war, dass diese Objekte weder ganz zur Außenwelt noch ganz zur Innenwelt gehören; sie besetzen einen dritten Bereich, in dem Kultur überhaupt erst entsteht.

Ein gebrauchtes Buch besetzt denselben Bereich. Der Text gehört allen, das Exemplar hat einer besessen, und die Anstreichung auf Seite 112 ist die Spur einer fremden Aufmerksamkeit. Wer antiquarisch kauft, kauft beides.

Der Scan nimmt den Text mit. Die Spuren voriger Nutzer wandern in den Container.

Der Antiquar, der Antiquariatsmarkt und die Lagerzeit

Sonnewald hat im SWR eine Bemerkung gemacht, die leicht zu überhören ist: Antiquarische Bücher brauchen teilweise eine gewisse Lagerzeit, um begehrt zu sein. Was heute Ladenhüter ist, kann in dreißig Jahren Quelle sein.

Der Satz beschreibt einen Wert, den keine Verkaufsstatistik erfasst. Welche Bestände einmal gebraucht werden, entscheidet sich an Fragen, die zum Zeitpunkt des Einkaufs niemand stellt. Betriebsanleitungen der 1970er Jahre wurden für die Technikgeschichte wichtig, Reiseführer für die Tourismusforschung, Kochbücher für die Ernährungsgeschichte. Keines dieser Fächer hätte beim Erscheinen einen Grund genannt, die Bände aufzuheben.

Genau das passiert gerade wieder, nur unter umgekehrtem Vorzeichen. Die Bücher sind begehrt geworden, weil eine Technik sie brauchte, die es beim Druck noch nicht gab. Der Unterschied zu jeder früheren Nachfrage: Diesmal wird der Bestand beim Gebrauch vernichtet.

Google Books und der Schredder: der Unterschied beim Digitalisieren

Der Einwand liegt nahe: Bücher wurden schon einmal massenhaft gescannt. Google Books hat ab 2004 Millionen Bände digitalisiert, größtenteils aus Bibliotheken, und darüber jahrelange Rechtsstreitigkeiten geführt.

Zwei Unterschiede zählen. Erstens blieben die Bücher damals in den Bibliotheken. Sie wurden aufgeschlagen, fotografiert und zurückgestellt. Zweitens war das Ziel ein durchsuchbarer Katalog, der auf das Exemplar zurückverweist: Wer eine Fundstelle sah, bekam die Angabe, in welchem Buch sie steht, und konnte es bestellen.

Der jetzige Vorgang kehrt beides um. Das Exemplar verschwindet, und am Ende steht ein Modell, dessen Antworten die Quelle nicht mehr nennen. Der Scan von 2004 machte Bücher auffindbar. Der Scan von 2026 verwandelt Bücher in Leerstellen.

Wissen ohne sichtbare Herkunft

Die Wirkung auf den Nutzer ist die eigentliche Frage. Ein Modell antwortet in glatter, zusammenhängender Sprache. Es nennt unaufgefordert keine Quelle, es zeigt keine Rechnung, es räumt selten ein, woher es etwas hat.

Diese Form der Auskunft ähnelt weniger einem Nachschlagewerk als einer Auskunft aus einer Instanz, die nichts erklären muss. Wer diesem Blog folgt, kennt das Argument aus dem Beitrag über die KI als säkulares Orakel: Der leere Thron bleibt selten leer. Sprache ohne angebbare Herkunft lädt dazu ein, ihr Autorität zuzuschreiben, die niemand vergeben hat.

Der Vorgang in den Antiquariaten zeigt, woraus diese Sprache gemacht ist. Die Herkunft wird dabei physisch beseitigt.

Was der Vorgang mit dem Lesen macht

Die Kränkung, die viele bei dieser Nachricht empfinden, hat einen erkennbaren Grund. Wer liest, unterstellt jemanden am anderen Ende. Ein Satz ist die Spur einer Anstrengung: Jemand hat um diese Formulierung gerungen, etwas verworfen, sich für ein Wort entschieden. Diese Unterstellung trägt das Lesen, auch dort, wo der Verfasser lange tot ist.

Ein Sprachmodell liefert Sätze, ohne dass jemand um sie gerungen hätte. Die Anstrengung liegt in den Trainingsdaten, also bei denen, die geschrieben haben, deren Namen aber nicht mitgeliefert werden. Was ankommt, hat die Form persönlicher Rede und keinen Autor.

Für den Leser ist das eine ungewohnte Lage. Man kann einem Text widersprechen, weil man annimmt, dass eine bestimmte Auffassung dahintersteht. Bei einer Antwort ohne Autor gibt es niemanden, dem der Widerspruch gälte. Übrig bleibt die Wahl zwischen Übernahme und Ablehnung, und das ist ärmer als jede Zwiesprache mit einem Buch.

Der Schredder macht diese Lage anschaulich. Er beseitigt genau das, woran man ablesen konnte, dass jemand vor uns hier gewesen ist.

Was daraus folgt

Digitalisierung erhält Texte, die sonst zerfielen, und macht sie zugänglich für Menschen, die nie in ein Tübinger Antiquariat kommen. Ein Verbot des Scannens folgt aus alldem nicht.

Die brauchbare Frage lautet, wer erfahren darf, woraus ein Modell besteht. Hier gibt es bereits zwei Antworten, und sie liegen weit auseinander.

Der EU-AI-Act verlangt von den Anbietern Transparenz über die Trainingsdaten. Offenlegen müssen sie diese aber nicht im Einzelnen; es genügt eine, so der Wortlaut, hinreichend detaillierte Zusammenfassung. Was das heißt, werden Gerichte klären müssen. Bis dahin bleibt die Auskunftspflicht eine Formel.

Dass es anders geht, zeigt das Schweizer Modell Apertus. Seine Entwickler haben die Trainingsdaten offengelegt. Wer wissen will, welche Texte in diesem Modell stecken, kann nachsehen. Bei den kommerziellen Anbietern kann das niemand, auch kein Gericht, ohne Verfahren.

Wie belastbar diese Auskunftslage ist, zeigt der Weg, auf dem das Amazon-Lager bekannt wurde. Es brauchte einen Buchhändler, der bereit war, einen Peilsender in eine Sendung zu legen, und Journalisten, die das Signal verfolgten. Was in einem Modell steckt, erfährt die Öffentlichkeit derzeit über AirTags.

Damit verschiebt sich die Frage vom Kulturgut zur Verfügung. Ob ein Kochbuch aus dem Jahr 1978 den Schredder wert war, lässt sich diskutieren. Was nach der Vernichtung niemand nachprüfen kann, ist die Richtigkeit der Entscheidung, wenn das Kochbuch erstmal zerstört ist.

Die Bibliothek von Alexandria ging in Flammen auf. Die Bibliothek der gesamten Welt wird jetzt zerlegt, gescannt, vernichtet und in proprietäre KI-Modelle überführt.

Das Wichtigste in Kürze

  • KI-Firmen kaufen seit 2026 für das KI-Training Bestände im deutschsprachigen Raum auf; Händler melden Großbestellungen des kanadisch-amerikanischen Unternehmens Zoom Books.

  • Die Bände werden aufgeschnitten, gescannt und danach entsorgt oder recycelt.

  • Gesucht sind ISBN-Titel ab den 1970er Jahren: Fachbücher, Kochbücher, Reiseliteratur, Regionalgeschichte. Ihr Wert liegt darin, dass sie nie digitalisiert wurden.

  • Seltenheit schützt nicht. 404 Media verfolgte im August 2026 ein seltenes Buch per AirTag bis in ein Amazon-Lager in Las Vegas, in dem Bücher zerlegt und gescannt werden. Beschäftigte erfassen dort Barcode und ISBN, was auf ein systematisches Abarbeiten der ISBN-Liste hindeutet.

  • Die Vernichtung dient dem Versuch, sich auf das US-amerikanische Fair-Use-Prinzip zu berufen. Der Schredder ist Teil der Rechtskonstruktion.

  • Der Text bleibt als statistisches Material erhalten. Verloren gehen Auflagenvarianten, Widmungen, Randnotizen, Besitzspuren und die Möglichkeit einer späteren Lektüre.

  • Walter Benjamin hat die Struktur beschrieben: Technik kann Dingen Bedeutung verleihen und zugleich die Verhältnisse unsichtbar machen, in denen sie stehen.

  • Benjamin verteidigte keine sakrale Aura. Seine Frage galt der Verfügung über die Technik und der Sichtbarkeit gesellschaftlicher Beziehungen.

  • Gebrauchte Bücher tragen die Spuren früherer Leser: Widmungen, Anstreichungen, Besitzvermerke. Der Scan nimmt den Text und lässt diese Spuren im Container.

  • Google Books ließ die Bücher in den Bibliotheken und verwies auf die Fundstelle. Der jetzige Vorgang beseitigt das Exemplar und liefert Antworten ohne Quellenangabe.

  • Lesen unterstellt jemanden am anderen Ende. Ein Modell liefert die Form persönlicher Rede ohne Absender, dem man widersprechen könnte.

  • Ein Gerichtsdokument aus dem Verfahren gegen Anthropic belegt das Verfahren: Bindungen entfernt, Seiten zugeschnitten, eingescannt, als durchsuchbare PDF gespeichert. Der Vergleich mit US-Autoren kostete mindestens 1,5 Milliarden Dollar.

  • Die deutschen Lieferungen gehen inzwischen an ein Lager im sächsischen Kodersdorf. Zoom Books bestreitet, Bücher zu digitalisieren und zu zerstören, und nennt keine Abnehmer.

  • Die entscheidenden Fragen sind Verteilungsfragen: öffentlicher oder geschlossener Bestand, Vernichtung als Rechtsfolge, Information der Urheber, Entscheidungsmacht über das Entbehrliche.

Quellen


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