Körperkapitalismus: Wie Body Positivity zur Spritze wurde

Körperkapitalismus: Wie Body Positivity zur Spritze wurde

Körperkapitalismus

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Jun 4, 2026

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Abnehmspritze vs. Body Positivity: Lizzo kehrt zur Diät zurück, Novo Nordisk wird wertvollste Firma Europas. Was Body Positivity, GLP-1 und das neue Schönheitsideal verbindet, und wie Körperkapitalismus und Abnehmspritze zur neuen Norm wurden.

Körperkapitalismus: Body Positivity oder Abnehmspritze, Ozempic und das szenische Arrangement des neuen Schönheitsideals

Body Capitalism, Körperkapitalismus, bezeichnet die ökonomische Logik, in der der menschliche Körper als zentrales Verwertungsfeld funktioniert. Body Positivity und Abnehmspritze sind nicht zwei Pole eines moralischen Streits, sondern zwei aufeinanderfolgende Marktphasen derselben Logik. Welche unbewussten Bedürfnisse adressiert die Wegovy-Spritze und warum gerät die strukturkritische Position der Bodypositivity-Bewegung gerade jetzt unter Druck?

Was meint Körperkapitalismus?

Körperkapitalismus oder Body Capitalism ist eine analytische Beschreibung der ökonomischen Position, die der menschliche Körper im Spätkapitalismus einnimmt. Drei Märkte greifen ineinander. Die Lebensmittelindustrie verdient an hyperpalatablen, hochverarbeiteten Produkten, die Sättigungssignale aushelben. Die Pharmaindustrie verdient anschließend an den Folgen: mit GLP-1-Spritzen, mit Diabetes-Medikamenten, mit Folgepräparaten. Die kosmetische und chirurgische Industrie ergänzt durch ästhetische Korrekturen. Drei Profitstufen, ein Körper, ein geschlossener Verwertungszyklus.

Pierre Bourdieu hat in „La Distinction“ (1979) den Körper als Träger sozialer Distinktion beschrieben, als sedimentierte Klassengeschichte, als Habitus. Körperliches Kapital, von Loïc Wacquant in „Body & Soul“ (2004) als eigenständige Kapitalsorte ausgearbeitet, gehört zu den Formen symbolischen Kapitals. Körperkapitalismus ist die ökonomische Vergegenständlichung dieser theoretischen Einsicht: Der Körper ist Investitionsobjekt, Konsumzeichen, Konvertierungsfeld in einem Markt wechselseitiger Anerkennung.

Wie funktioniert die GLP-1-Wirtschaft mit Ozempic und Wegovy?

Ozempic ist der Markenname für Semaglutid, einen GLP-1-Agonisten, ursprünglich als Diabetes-Arzneimittel entwickelt. Wegovy ist die spezifisch für Adipositas-Behandlung zugelassene Variante, seit 2022 in zahlreichen Ländern am Markt. Der Wirkmechanismus hat drei Komponenten: GLP-1 wirkt im Gehirn als Appetitzügler, im Verdauungstrakt durch verlangsamte Magenentleerung, und durch stabilisierten Blutzucker. Studien zeigen Gewichtsverluste von bis zu fünfzehn Prozent innerhalb eines Jahres.

Der Pharmariese Novo Nordisk wurde durch diese Abnehmspritzen zur wertvollsten Firma Europas. Die dänische Wirtschaft wurde messbar von einem einzigen Konzern getragen. Eli Lilly mit Mounjaro (Tirzepatid) produzierte parallel eine vergleichbare Kapital-Story in den USA. Bei Absetzen der Medikamente kehren etwa zwei Drittel des verlorenen Gewichts zurück. Das macht die Spritze zu einer Daueranwendung und damit zu einem Abo-Geschäftsmodell. Eine Spritze, die ein Leben lang verabreicht wird, ist ökonomisch etwas anderes als ein Arzneimittel, das ein Problem heilt.

Was zeigte „Pro und Contra“ am Weltgesundheitstag, eine Randnotiz?

Zum Weltgesundheitstag am 7. April 2026 widmete die Sendung „Pro und Contra“ auf PULS 4 und JOYN ihre Folge der Frage: Abnehmspritze vs. Body Positivity und die aktuelle Debatte um Körpernormen der heutigen Gesellschaft sowie die Zukunft des österreichischen Gesundheitssystems. Im Studio: der Kabarettist Reinhard Nowak (Selbstversuch), der Mediziner Siegfried Meryn (Selbsttest und wissenschaftliche Einordnung), die Body-Positivity-Aktivistin Ina Holub, Naghme Kamaleyan-Schmied als Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer und Rudolf Silvan als Gesundheitssprecher der SPÖ.

Aber solche Diskussionsformate sind für die strukturanalytische Lektüre des Körperkapitalismus zweitrangig. Sie sind Anlass, nicht Argument. Was sie dokumentieren, ist die Verbreitung der Debatte in einer Mainstream-Öffentlichkeit. Was sie nicht leisten, ist die tieferliegende Lektüre der Verwertungslogik. Genau dafür braucht es theoretische Werkzeuge, die jenseits des Diskussionsformats ansetzen.

Welche Position vertritt die Body-Positivity-Bewegung heute?

Die Body-Positivity-Bewegung der 2010er Jahre versprach Körperakzeptanz für alle Körperformen, Sichtbarkeit für dicke Menschen, das Ende der Gewichtsdiskriminierung. Plus-Size-Models wie Ashley Graham wurden zu Symbolen, prominente Stimmen wie Lizzo und Rebel Wilson trugen die Botschaft in Mainstream-Magazinen und auf den Laufstegen. H&M und andere Fashion-Marken erweiterten ihre Größenpaletten. Hashtag-Aktivismus auf TikTok und in sozialen Medien machte übergewichtige Körper in einem Ausmaß sichtbar, das es zuvor nicht gab.

2026 ist die Bewegung in einer Kehrtwende, das Comeback des Schlankheitsimperativs ist messbar. Eine Studie der University of Nevada (2021) zeigte: Erfolgreichste Body-Positivity-Posts zeigen gesunde, junge, weiße Frauen, die Diversität der Körpertypen ist marktkompatibel reduziert. Lizzo hat öffentlich auf Gewichtsreduktion umgestellt, Rebel Wilson eine Diät-Karriere durchlaufen. Die Sichtbarkeit dicker Körper auf Laufstegen ist messbar zurückgegangen. Was als politische Bewegung gegen den Schlankheitswahn begann, wurde von der Modebranche als Marketing-Segment aufgesogen und ist gerade jetzt verwundbar gegenüber dem nächsten Marktsegment: den GLP-1-Konsumentinnen, die nicht mehr als übergewichtig oder von Fettleibigkeit betroffen gelten wollen. Die mediale Erwartungshaltung, die Wegovy als „Wunderspritze“ inszeniert, hat das Klima zusätzlich verschoben.

Was ist Alfred Lorenzers tiefenhermeneutische Kulturanalyse?

kulturelle Symbole, wie Bilder, Klänge, Literatur, Werbung sind „sinnlich-symbolische Interaktionsformen“, in denen sozial nicht zugelassene Erfahrungsweisen unbewusst ausgedrückt werden. Eine Werbung ist nie nur Werbung. Eine Pharma-Kampagne ist nie nur Pharma-Kampagne. Sie ist immer auch ein szenisches Arrangement, das in der frühen Sozialisationsgeschichte des Betrachters Resonanzen aktiviert, Bedürfnisse, die anders schwer zu artikulieren sind.

Was ist das szenische Arrangement der Abnehmspritze?

Wer die Bilder der GLP-1-Spritze in der Werbung tiefenhermeneutisch liest, sieht ein wiederkehrendes szenisches Muster. Eine kleine, kontrollierbare Spritze. Ein schlanker, lächelnder Körper im Sportoutfit. Tageslicht, klare Linien, helle Wohnung. Ruhe, Selbstwirksamkeit, ein Hauch von Privatheit. Was die Werbung szenisch nicht zeigt: die jahrelange Anwendung, die nachlassende Lebensfreude bei Reward-Abflachung, die ökonomischen Bedingungen, unter denen Schlankheit zur Norm wurde, die Rebound-Logik nach Absetzen.

Lorenzer würde fragen: Welche Bedürfnis-Konstellation wird hier angesprochen, die in den Sozialisationserfahrungen der Käuferin angelegt ist? Die Antwort ist nicht: „Die Käuferin will schlank sein.“ Die Antwort lautet: Die Spritze verspricht eine Form von Kontrolle über den eigenen Körper, die seit der Kindheit fehlte, eine Versöhnung mit der Norm, die das ganze Leben über als feindselig erfahren wurde. Die Spritze ist ein Symbol für die Lösbarkeit dessen, was als unlösbar erschien.

Welche sinnlich-symbolischen Interaktionsformen werden adressiert?

Die Body-Positivity-Bewegung adressierte eine andere Interaktionsform, die der Anerkennung als Vorbedingung. „Du bist gut, wie Du bist“, war ihre szenische Geste. Eine Geste, die in den Sozialisationserfahrungen vieler Frauen tatsächlich fehlte und deren Adressierung politisch wirksam war. Diese Geste konnte aber nur funktionieren, solange sie nicht als Marktprodukt wahrgenommen wurde. Sobald Body Positivity zur Plus-Size-Marketing-Kategorie wurde, verlor sie ihre szenische Tiefe, sie wurde zum Werbe-Versprechen wie jedes andere.

Die Abnehmspritze adressiert eine entgegengesetzte Interaktionsform, die der Selbstwirksamkeit über pharmakologische Interventionen. „Du kannst Dich selbst verändern“, ist ihre szenische Geste. Diese Geste hat in einer neoliberalen Sozialisation eine lange Vorgeschichte: Selbstoptimierung als Pflicht, individuelle Verantwortung als Maßstab, Marktangebot als Lösungsweg. Die Spritze erfüllt szenisch, was die Selbsthilfe-Industrie versprochen hat: eine konkret eingreifende Maßnahme, deren Erfolg messbar ist. Genau diese Messbarkeit ist die latente Bedeutungs-Schicht.

Wie hängt das mit dem neuen Schönheitsideal Heroin-Chic zusammen?

Parallel zur Abnehmspritze kehrt das Schönheitsideal der späten 1990er Jahre zurück: Dünnsein als ästhetische Norm. Extreme Schlankheit, blasse Haut, dunkle Augenringe, die „Heroin-Chic-Ära“, benannt nach den Modelfotografien von Kate Moss und der Werbeästhetik jener Zeit. Aus der Soziologie und Gender Studies an der Universität München kommen vorsichtige Einordnungen: Die „Fat-Acceptance“-Welle der 2010er war eine brüchige Errungenschaft, die der Neuauflage des Dünn-Imperativs nichts entgegenzusetzen hatte, sobald die Pharma-Industrie ein einfaches Mittel anbot. In der Modebranche, von Vogue über H&M bis zu Hochglanzmagazinen und ihren Laufstegen, hat das ästhetische Pendel sichtbar zurückgeschwungen, zurück zu den Schönheitsidealen einer ausgemergelten Figur. Plus-Size-Models verschwinden aus den Kampagnen.

„Es ist nur Mode.“, verkennt das Wesen dieser Entwicklung. Die blasse Haut und die dunklen Augenringe transportieren in der westlichen Bildgeschichte ein bestimmtes Set von Assoziationen: Leiden als Würde, Selbstaufgabe als Tiefe, Schmalheit als Kontrolle. Die Heroin-Chic-Wiederkehr ist die ästhetische Begleitmusik einer Generation, deren Erschöpfungserfahrungen in einer Modeästhetik symbolische Form finden. Die Abnehmspritze produziert pharmakologisch, was die Modefotografie ästhetisch zelebriert. Beide arbeiten am selben szenischen Repertoire.

Wie spiegelt sich Körperkapitalismus im männlichen Looksmaxxing?

Die männliche Variante des Körperkapitalismus hat 2026 eine sichtbar tödlichen Höhepunkt erreicht. Der zwanzigjährige Looksmaxxing-Influencer Clavicular (Braden Peters) brach im April live nach einer mutmaßlichen Pentastack-Überdosis zusammen; jahrelange Anabolika-Anwendung hatte ihn mit zwanzig zugungsunfähig gemacht. Der Bodybuilder Bostin Loyd starb bereits am 25.02.2022 an Nierenversagen, ausgelöst durch das Peptid Adabotid. Während Frauen Wegovy abonnieren, kaufen Männer Steroide, Peptide und Pentastacks. Beide Pfade folgen derselben, zum Teil tödlichen Verwertungslogik.

Beide Pfade sind Komplementär-Inszenierungen. Looksmaxxing zeigt szenisch die männliche Bedürniskonstellation: Anerkennung durch messbare körperliche Überlegenheit, Kontrolle über die eigene Genetik, Sieg über das, was die Pubertät versagte. Die Abnehmspritze zeigt szenisch die weibliche Komplementärfigur: Anerkennung über Schmalheit, Kontrolle über das Stoffwechsel-Erleben, Versöhnung mit der Norm, die seit Mädchenzeit galt. Beide Inszenierungen sind ökonomisch hochproduktiv. Beide sind in ihrer Sozialisationshintergründigkeit verletzlich. (Natürlich wenden nicht nur Frauen GLP-1-Agonisten and, und nicht nur Männer Steroide und dergleichen.)

Was bedeuten diese Trends?

Patienten, die GLP-1 nehmen, berichten häufig nicht nur von körperlichen, sondern auch von psychischen Veränderungen. Manche erleben die Spritze als Befreiung vom dauernden Essensgedanken. Andere berichten über eine Abflachung des Lebens, dessen Reichtum sich nicht nur aus Essen speist, aber doch teilweise.

Die Frage ist nicht, ob die Spritze „gut“ oder „schlecht“ ist. Die Frage ist, welche Funktion sie im individuellen Lebensentwurf erfüllt, und welche Bedürfnisse möglicherweise unbearbeitet bleiben.

Zusammenfassung

·         Körperkapitalismus bezeichnet die ökonomische Logik, in der der menschliche Körper als zentrales Verwertungsfeld dient. Lebensmittelindustrie, Pharma, und Kosmetik bilden einen geschlossenen Verwertungs-Zyklus.

·         Bourdieus „La Distinction“ (1979) und Wacquants „Body & Soul“ (2004) liefern die theoretische Grundlage: Körper als symbolisches Kapital.

·         Ozempic (Semaglutid) und Wegovy von Pharmariese Novo Nordisk sind GLP-1-Agonisten, ursprünglich Diabetes-Arzneimittel; bis zu 15 % Gewichtsverlust im ersten Jahr.

·         Bei Absetzen kehrt etwa zwei Drittel des Gewichts zurück, Abo-Geschäftsmodell statt Heilung.

·         Body Positivity der 2010er Jahre versprach Sichtbarkeit dicker Menschen, Plus-Size-Models, Körperakzeptanz; 2026 in der Kehrtwende.

·         „Pro und Contra“ am Weltgesundheitstag 2026 (Reinhard Nowak, Siegfried Meryn, Ina Holub, Naghme Kamaleyan-Schmied, Rudolf Silvan) als zeitlicher Anlass, strukturanalytisch eine Randnotiz, nicht das Argument.

·         Sinnlich-symbolische Interaktionsformen: Die Spritze verspricht Kontrolle, die seit der Kindheit fehlte; Bodypositivity adressierte Anerkennung als Vorbedingung.

·         Heroin-Chic-Ära kehrt zurück (blasse Haut, dunkle Augenringe, ausgemergelte Figur), Modefotografie zelebriert ästhetisch, was die Spritze pharmakologisch produziert.

·         Männliche Variante (Looksmaxxing, Clavicular, Bostin Loyd) als komplementäre szenische Inszenierung mit eigener Mortalitäts-Spitze.


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Abnehmspritze vs. Body Positivity: Lizzo kehrt zur Diät zurück, Novo Nordisk wird wertvollste Firma Europas. Was Body Positivity, GLP-1 und das neue Schönheitsideal verbindet, und wie Körperkapitalismus und Abnehmspritze zur neuen Norm wurden.

Körperkapitalismus: Body Positivity oder Abnehmspritze, Ozempic und das szenische Arrangement des neuen Schönheitsideals

Body Capitalism, Körperkapitalismus, bezeichnet die ökonomische Logik, in der der menschliche Körper als zentrales Verwertungsfeld funktioniert. Body Positivity und Abnehmspritze sind nicht zwei Pole eines moralischen Streits, sondern zwei aufeinanderfolgende Marktphasen derselben Logik. Welche unbewussten Bedürfnisse adressiert die Wegovy-Spritze und warum gerät die strukturkritische Position der Bodypositivity-Bewegung gerade jetzt unter Druck?

Was meint Körperkapitalismus?

Körperkapitalismus oder Body Capitalism ist eine analytische Beschreibung der ökonomischen Position, die der menschliche Körper im Spätkapitalismus einnimmt. Drei Märkte greifen ineinander. Die Lebensmittelindustrie verdient an hyperpalatablen, hochverarbeiteten Produkten, die Sättigungssignale aushelben. Die Pharmaindustrie verdient anschließend an den Folgen: mit GLP-1-Spritzen, mit Diabetes-Medikamenten, mit Folgepräparaten. Die kosmetische und chirurgische Industrie ergänzt durch ästhetische Korrekturen. Drei Profitstufen, ein Körper, ein geschlossener Verwertungszyklus.

Pierre Bourdieu hat in „La Distinction“ (1979) den Körper als Träger sozialer Distinktion beschrieben, als sedimentierte Klassengeschichte, als Habitus. Körperliches Kapital, von Loïc Wacquant in „Body & Soul“ (2004) als eigenständige Kapitalsorte ausgearbeitet, gehört zu den Formen symbolischen Kapitals. Körperkapitalismus ist die ökonomische Vergegenständlichung dieser theoretischen Einsicht: Der Körper ist Investitionsobjekt, Konsumzeichen, Konvertierungsfeld in einem Markt wechselseitiger Anerkennung.

Wie funktioniert die GLP-1-Wirtschaft mit Ozempic und Wegovy?

Ozempic ist der Markenname für Semaglutid, einen GLP-1-Agonisten, ursprünglich als Diabetes-Arzneimittel entwickelt. Wegovy ist die spezifisch für Adipositas-Behandlung zugelassene Variante, seit 2022 in zahlreichen Ländern am Markt. Der Wirkmechanismus hat drei Komponenten: GLP-1 wirkt im Gehirn als Appetitzügler, im Verdauungstrakt durch verlangsamte Magenentleerung, und durch stabilisierten Blutzucker. Studien zeigen Gewichtsverluste von bis zu fünfzehn Prozent innerhalb eines Jahres.

Der Pharmariese Novo Nordisk wurde durch diese Abnehmspritzen zur wertvollsten Firma Europas. Die dänische Wirtschaft wurde messbar von einem einzigen Konzern getragen. Eli Lilly mit Mounjaro (Tirzepatid) produzierte parallel eine vergleichbare Kapital-Story in den USA. Bei Absetzen der Medikamente kehren etwa zwei Drittel des verlorenen Gewichts zurück. Das macht die Spritze zu einer Daueranwendung und damit zu einem Abo-Geschäftsmodell. Eine Spritze, die ein Leben lang verabreicht wird, ist ökonomisch etwas anderes als ein Arzneimittel, das ein Problem heilt.

Was zeigte „Pro und Contra“ am Weltgesundheitstag, eine Randnotiz?

Zum Weltgesundheitstag am 7. April 2026 widmete die Sendung „Pro und Contra“ auf PULS 4 und JOYN ihre Folge der Frage: Abnehmspritze vs. Body Positivity und die aktuelle Debatte um Körpernormen der heutigen Gesellschaft sowie die Zukunft des österreichischen Gesundheitssystems. Im Studio: der Kabarettist Reinhard Nowak (Selbstversuch), der Mediziner Siegfried Meryn (Selbsttest und wissenschaftliche Einordnung), die Body-Positivity-Aktivistin Ina Holub, Naghme Kamaleyan-Schmied als Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer und Rudolf Silvan als Gesundheitssprecher der SPÖ.

Aber solche Diskussionsformate sind für die strukturanalytische Lektüre des Körperkapitalismus zweitrangig. Sie sind Anlass, nicht Argument. Was sie dokumentieren, ist die Verbreitung der Debatte in einer Mainstream-Öffentlichkeit. Was sie nicht leisten, ist die tieferliegende Lektüre der Verwertungslogik. Genau dafür braucht es theoretische Werkzeuge, die jenseits des Diskussionsformats ansetzen.

Welche Position vertritt die Body-Positivity-Bewegung heute?

Die Body-Positivity-Bewegung der 2010er Jahre versprach Körperakzeptanz für alle Körperformen, Sichtbarkeit für dicke Menschen, das Ende der Gewichtsdiskriminierung. Plus-Size-Models wie Ashley Graham wurden zu Symbolen, prominente Stimmen wie Lizzo und Rebel Wilson trugen die Botschaft in Mainstream-Magazinen und auf den Laufstegen. H&M und andere Fashion-Marken erweiterten ihre Größenpaletten. Hashtag-Aktivismus auf TikTok und in sozialen Medien machte übergewichtige Körper in einem Ausmaß sichtbar, das es zuvor nicht gab.

2026 ist die Bewegung in einer Kehrtwende, das Comeback des Schlankheitsimperativs ist messbar. Eine Studie der University of Nevada (2021) zeigte: Erfolgreichste Body-Positivity-Posts zeigen gesunde, junge, weiße Frauen, die Diversität der Körpertypen ist marktkompatibel reduziert. Lizzo hat öffentlich auf Gewichtsreduktion umgestellt, Rebel Wilson eine Diät-Karriere durchlaufen. Die Sichtbarkeit dicker Körper auf Laufstegen ist messbar zurückgegangen. Was als politische Bewegung gegen den Schlankheitswahn begann, wurde von der Modebranche als Marketing-Segment aufgesogen und ist gerade jetzt verwundbar gegenüber dem nächsten Marktsegment: den GLP-1-Konsumentinnen, die nicht mehr als übergewichtig oder von Fettleibigkeit betroffen gelten wollen. Die mediale Erwartungshaltung, die Wegovy als „Wunderspritze“ inszeniert, hat das Klima zusätzlich verschoben.

Was ist Alfred Lorenzers tiefenhermeneutische Kulturanalyse?

kulturelle Symbole, wie Bilder, Klänge, Literatur, Werbung sind „sinnlich-symbolische Interaktionsformen“, in denen sozial nicht zugelassene Erfahrungsweisen unbewusst ausgedrückt werden. Eine Werbung ist nie nur Werbung. Eine Pharma-Kampagne ist nie nur Pharma-Kampagne. Sie ist immer auch ein szenisches Arrangement, das in der frühen Sozialisationsgeschichte des Betrachters Resonanzen aktiviert, Bedürfnisse, die anders schwer zu artikulieren sind.

Was ist das szenische Arrangement der Abnehmspritze?

Wer die Bilder der GLP-1-Spritze in der Werbung tiefenhermeneutisch liest, sieht ein wiederkehrendes szenisches Muster. Eine kleine, kontrollierbare Spritze. Ein schlanker, lächelnder Körper im Sportoutfit. Tageslicht, klare Linien, helle Wohnung. Ruhe, Selbstwirksamkeit, ein Hauch von Privatheit. Was die Werbung szenisch nicht zeigt: die jahrelange Anwendung, die nachlassende Lebensfreude bei Reward-Abflachung, die ökonomischen Bedingungen, unter denen Schlankheit zur Norm wurde, die Rebound-Logik nach Absetzen.

Lorenzer würde fragen: Welche Bedürfnis-Konstellation wird hier angesprochen, die in den Sozialisationserfahrungen der Käuferin angelegt ist? Die Antwort ist nicht: „Die Käuferin will schlank sein.“ Die Antwort lautet: Die Spritze verspricht eine Form von Kontrolle über den eigenen Körper, die seit der Kindheit fehlte, eine Versöhnung mit der Norm, die das ganze Leben über als feindselig erfahren wurde. Die Spritze ist ein Symbol für die Lösbarkeit dessen, was als unlösbar erschien.

Welche sinnlich-symbolischen Interaktionsformen werden adressiert?

Die Body-Positivity-Bewegung adressierte eine andere Interaktionsform, die der Anerkennung als Vorbedingung. „Du bist gut, wie Du bist“, war ihre szenische Geste. Eine Geste, die in den Sozialisationserfahrungen vieler Frauen tatsächlich fehlte und deren Adressierung politisch wirksam war. Diese Geste konnte aber nur funktionieren, solange sie nicht als Marktprodukt wahrgenommen wurde. Sobald Body Positivity zur Plus-Size-Marketing-Kategorie wurde, verlor sie ihre szenische Tiefe, sie wurde zum Werbe-Versprechen wie jedes andere.

Die Abnehmspritze adressiert eine entgegengesetzte Interaktionsform, die der Selbstwirksamkeit über pharmakologische Interventionen. „Du kannst Dich selbst verändern“, ist ihre szenische Geste. Diese Geste hat in einer neoliberalen Sozialisation eine lange Vorgeschichte: Selbstoptimierung als Pflicht, individuelle Verantwortung als Maßstab, Marktangebot als Lösungsweg. Die Spritze erfüllt szenisch, was die Selbsthilfe-Industrie versprochen hat: eine konkret eingreifende Maßnahme, deren Erfolg messbar ist. Genau diese Messbarkeit ist die latente Bedeutungs-Schicht.

Wie hängt das mit dem neuen Schönheitsideal Heroin-Chic zusammen?

Parallel zur Abnehmspritze kehrt das Schönheitsideal der späten 1990er Jahre zurück: Dünnsein als ästhetische Norm. Extreme Schlankheit, blasse Haut, dunkle Augenringe, die „Heroin-Chic-Ära“, benannt nach den Modelfotografien von Kate Moss und der Werbeästhetik jener Zeit. Aus der Soziologie und Gender Studies an der Universität München kommen vorsichtige Einordnungen: Die „Fat-Acceptance“-Welle der 2010er war eine brüchige Errungenschaft, die der Neuauflage des Dünn-Imperativs nichts entgegenzusetzen hatte, sobald die Pharma-Industrie ein einfaches Mittel anbot. In der Modebranche, von Vogue über H&M bis zu Hochglanzmagazinen und ihren Laufstegen, hat das ästhetische Pendel sichtbar zurückgeschwungen, zurück zu den Schönheitsidealen einer ausgemergelten Figur. Plus-Size-Models verschwinden aus den Kampagnen.

„Es ist nur Mode.“, verkennt das Wesen dieser Entwicklung. Die blasse Haut und die dunklen Augenringe transportieren in der westlichen Bildgeschichte ein bestimmtes Set von Assoziationen: Leiden als Würde, Selbstaufgabe als Tiefe, Schmalheit als Kontrolle. Die Heroin-Chic-Wiederkehr ist die ästhetische Begleitmusik einer Generation, deren Erschöpfungserfahrungen in einer Modeästhetik symbolische Form finden. Die Abnehmspritze produziert pharmakologisch, was die Modefotografie ästhetisch zelebriert. Beide arbeiten am selben szenischen Repertoire.

Wie spiegelt sich Körperkapitalismus im männlichen Looksmaxxing?

Die männliche Variante des Körperkapitalismus hat 2026 eine sichtbar tödlichen Höhepunkt erreicht. Der zwanzigjährige Looksmaxxing-Influencer Clavicular (Braden Peters) brach im April live nach einer mutmaßlichen Pentastack-Überdosis zusammen; jahrelange Anabolika-Anwendung hatte ihn mit zwanzig zugungsunfähig gemacht. Der Bodybuilder Bostin Loyd starb bereits am 25.02.2022 an Nierenversagen, ausgelöst durch das Peptid Adabotid. Während Frauen Wegovy abonnieren, kaufen Männer Steroide, Peptide und Pentastacks. Beide Pfade folgen derselben, zum Teil tödlichen Verwertungslogik.

Beide Pfade sind Komplementär-Inszenierungen. Looksmaxxing zeigt szenisch die männliche Bedürniskonstellation: Anerkennung durch messbare körperliche Überlegenheit, Kontrolle über die eigene Genetik, Sieg über das, was die Pubertät versagte. Die Abnehmspritze zeigt szenisch die weibliche Komplementärfigur: Anerkennung über Schmalheit, Kontrolle über das Stoffwechsel-Erleben, Versöhnung mit der Norm, die seit Mädchenzeit galt. Beide Inszenierungen sind ökonomisch hochproduktiv. Beide sind in ihrer Sozialisationshintergründigkeit verletzlich. (Natürlich wenden nicht nur Frauen GLP-1-Agonisten and, und nicht nur Männer Steroide und dergleichen.)

Was bedeuten diese Trends?

Patienten, die GLP-1 nehmen, berichten häufig nicht nur von körperlichen, sondern auch von psychischen Veränderungen. Manche erleben die Spritze als Befreiung vom dauernden Essensgedanken. Andere berichten über eine Abflachung des Lebens, dessen Reichtum sich nicht nur aus Essen speist, aber doch teilweise.

Die Frage ist nicht, ob die Spritze „gut“ oder „schlecht“ ist. Die Frage ist, welche Funktion sie im individuellen Lebensentwurf erfüllt, und welche Bedürfnisse möglicherweise unbearbeitet bleiben.

Zusammenfassung

·         Körperkapitalismus bezeichnet die ökonomische Logik, in der der menschliche Körper als zentrales Verwertungsfeld dient. Lebensmittelindustrie, Pharma, und Kosmetik bilden einen geschlossenen Verwertungs-Zyklus.

·         Bourdieus „La Distinction“ (1979) und Wacquants „Body & Soul“ (2004) liefern die theoretische Grundlage: Körper als symbolisches Kapital.

·         Ozempic (Semaglutid) und Wegovy von Pharmariese Novo Nordisk sind GLP-1-Agonisten, ursprünglich Diabetes-Arzneimittel; bis zu 15 % Gewichtsverlust im ersten Jahr.

·         Bei Absetzen kehrt etwa zwei Drittel des Gewichts zurück, Abo-Geschäftsmodell statt Heilung.

·         Body Positivity der 2010er Jahre versprach Sichtbarkeit dicker Menschen, Plus-Size-Models, Körperakzeptanz; 2026 in der Kehrtwende.

·         „Pro und Contra“ am Weltgesundheitstag 2026 (Reinhard Nowak, Siegfried Meryn, Ina Holub, Naghme Kamaleyan-Schmied, Rudolf Silvan) als zeitlicher Anlass, strukturanalytisch eine Randnotiz, nicht das Argument.

·         Sinnlich-symbolische Interaktionsformen: Die Spritze verspricht Kontrolle, die seit der Kindheit fehlte; Bodypositivity adressierte Anerkennung als Vorbedingung.

·         Heroin-Chic-Ära kehrt zurück (blasse Haut, dunkle Augenringe, ausgemergelte Figur), Modefotografie zelebriert ästhetisch, was die Spritze pharmakologisch produziert.

·         Männliche Variante (Looksmaxxing, Clavicular, Bostin Loyd) als komplementäre szenische Inszenierung mit eigener Mortalitäts-Spitze.


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