Schuldgefühle: Ursachen, Freud und warum die Anständigen sich am schuldigsten fühlen
Schuldgefühle: Ursachen, Freud und warum die Anständigen sich am schuldigsten fühlen
Schuldgefühle
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DESCRIPTION: Schuldgefühle hängen selten an einer Tat. Freud zeigte 1930, dass das Gewissen mit dem Triebverzicht wächst, und Klein und Tangney zeigen, wie Schuld und Liebe zusammenhängen. Ursachen, Kindheit und der Unterschied zur Scham.
Schuldgefühl ohne Schuld: Warum das Gewissen mit dem Verzicht wächst
Wer nach den Ursachen von Schuldgefühlen fragt, meint meistens eine bestimmte Erfahrung: Man fühlt sich schuldig, manchmal, sogar ohne etwas getan zu haben, manchmal weit stärker, als die Tat rechtfertigt. Freud hat dafür eine Erklärung gegeben, die bis heute anstößig wirkt. Das Schuldgefühl wächst mit dem Triebverzicht, und gerade der Anständigste fühlt sich am schuldigsten. Dieser Post folgt dem Gedanken durch Freuds Schriften, ergänzt ihn um Melanie Klein und die Forschung zu Scham und Schuld und fragt, was er über ein Gewissen sagt, das nie zur Ruhe kommt.
Was sind Schuldgefühle?
Schuldgefühl gehört zu den sekundären Emotionen, die auch selbstbezogene Emotionen heißen. Zu dieser Gruppe zählen außerdem Empathie, Verlegenheit, Stolz und Scham. Sie setzen ein Verständnis des eigenen Selbst und der Beziehung zu anderen Menschen voraus. Schuldgefühle entstehen deshalb später als Freude oder Angst, im Alter von zwei bis drei Jahren.
Voraussetzung ist ein wenigstens minimal ausgebildetes Selbstkonzept. Denn wer Schuld empfindet, muss sich als eigenständiges Wesen gegenüber anderen erleben. Hinzu kommt die Verinnerlichung von Werten und Normen. Das Kind bewertet sein eigenes Verhalten an diesem Maßstab und empfindet Schuld, wenn die Handlung diesem Maßstab nicht genügt. Damit steuert das Schuldgefühl das Verhalten, sowohl über äußere Standards als auch über die eigenen inneren.
Schuldgefühle sind also das Erleben, etwas falsch gemacht zu haben oder falsch zu sein, verbunden mit Selbstvorwürfen, Unruhe und dem Drang, etwas gutzumachen. Die Psychologie unterscheidet dabei echte Schuld, der eine Handlung zugrunde liegt, von Schuldgefühlen ohne Anlass. Die Reue über ein Unrecht ist ein menschliches und moralisch wertvolles Erleben. Quälend wird es, wenn es überwältigt, sich durch Wiedergutmachung nicht beruhigt und sich auf Dinge richtet, die man nicht verschuldet hat.
Die Beobachtung: Schuld vor der Tat
In dem kurzen Aufsatz „Die Verbrecher aus Schuldbewusstsein" (1916) beschreibt Freud Menschen, die eine Tat begehen, weil sie sich schuldig fühlen. Das Schuldgefühl war vorher da. Die Tat verschafft ihm einen Anlass und bringt Erleichterung, weil die Schuld nun an etwas haftet. Freud verweist auf Nietzsches bleichen Verbrecher, der der Ausführung seiner Tat gewachsen war, als er sie tat, aber ihr Bild nicht ertrug.
Die Umkehrung ist der Schlüssel: Solches Schuldgefühl braucht keine Schuld. Es tritt auf bei Menschen, etwa nach Kindheitstrauma, die sich für Dinge verantwortlich fühlen, auf die sie keinen Einfluss hatten, für die Stimmung der Eltern, die Trennung, die Krankheit eines Geschwisters. Wer ihnen sagt, sie seien nicht schuld, erreicht wenig, weil sich das Gefühl gar nicht aus der Tatsachenlage speist.
Das Unbehagen in der Kultur: Der Preis des Fortschritts
Im „Unbehagen in der Kultur" (1930) macht Freud das Schuldgefühl zum Hauptproblem der Kulturentwicklung. Die Kultur verlangt Triebverzicht. Aggression, die nicht gegen andere ausgelebt werden darf, wird nach innen gewendet und vom Über-Ich übernommen, das sie gegen das Ich richtet. Das Gewissen stellt in dieser Sicht die verinnerlichte Aggression dar. Je mehr Verzicht, desto mehr Aggression im Inneren und desto strenger das Gewissen.
Freud beschreibt zwei Quellen des Schuldgefühls. Die erste ist die Angst vor der äußeren Autorität, vor Liebesverlust und Strafe. Die zweite ist die Angst vor dem Über-Ich, die auch dann besteht, wenn niemand zusieht. Auf dieser Stufe hilft es nicht mehr, Verbotenes zu verbergen. Das Gewissen weiß es ohnehin, und es kennt auch den Wunsch, der nur gedacht wurde. Deshalb gibt es Schuldgefühle für Gedanken, und deshalb gilt Freuds paradoxe Beobachtung, dass gerade die Heiligen sich als Sünder bezeichnen: Jeder Verzicht stärkt das Über-Ich, das den Verzicht verlangt hat.
Freud fasst die Konsequenz in einem Satz, der zu den Kernsätzen der Schrift zählt: Der Preis für den Kulturfortschritt werde in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt. Man kann die These für überzogen halten. Sie bietet aber eine Erklärung dafür, warum Wohlstand und Sicherheit das Schuldgefühl nicht verringern.
Woher die Strenge kommt
Bei der Frage nach der Kindheit nimmt Freud eine überraschende Wendung. Nach ihm speist sich die Strenge des Über-Ichs aus der eigenen Aggression des Kindes gegen die Autorität, die es hindert. Das Kind, das auf Verbote wütend ist und die Wut nicht äußern darf, wendet sie gegen sich. Deshalb können auch milde Eltern ein strenges Gewissen hervorbringen, und deshalb leiden Menschen aus liebevollen Familien unter Schuldgefühlen, die sie sich nicht erklären können.
Das entlastet die Eltern und fordert zugleich eine genauere Frage. Gewissen entsteht in der Spannung zwischen Liebe und Aggression. Wo ein Kind Wut nicht erleben darf, weil die Eltern sie nicht aushalten, bleibt sie ungesagt und kehrt als Gewissensstrenge wieder. Familien, in denen Wut verboten ist, sorgen dafür, dass Kinder sich schuldig fühlen, wenn sie ärgerlich sind.
Wie dieser Mechanismus zum moralischen Masochismus führt, hat der Blog an anderer Stelle beschrieben. Das unbewusste Schuldgefühl verlangt Strafe, und der Mensch richtet sein Leben so ein, dass sie eintritt.
Neurotische Schuldgefühle und Selbstvorwürfe
Freud nennt ein Schuldgefühl, dessen Quelle der Betroffene nicht kennt, unbewusst. In „Das Ich und das Es” (1923) beschreibt er Patienten, die sich schlechter fühlen, wenn es ihnen besser geht, und führt das auf ein unbewusstes Strafbedürfnis zurück. Die Selbstvorwürfe sind in diesem Fall die Oberfläche: Sie benennen eine Verfehlung, die der Betroffene sucht, um das Gefühl zu erklären. Grübelschleifen entstehen, weil die Erklärung nie ausreicht. Wer sich ständig schuldig fühlt, prüft sein Verhalten auf Fehler, findet immer einen und ist trotzdem nicht erleichtert.
Klein: Schuld als Ausdruck der Liebe
Melanie Klein hat Freuds Beschreibung in eine andere Richtung gedreht. In ihren Arbeiten zur depressiven Position (1935, 1940) beschreibt sie das Schuldgefühl als Folge der Liebe. Das Kind erkennt, dass die Mutter, die es hasste und angriff, dieselbe ist, die es liebt und braucht. Aus dieser Erkenntnis entsteht Sorge um sie und der Wunsch, wiedergutzumachen, was in der Fantasie zerstört wurde. Schuld im Sinne Kleins verweist auf die Fähigkeit, ein Gegenüber ganz zu sehen und Verantwortung für die eigene Aggression zu übernehmen.
Klein unterscheidet damit zwei Formen. Die verfolgende Schuld ist Angst vor Strafe durch ein grausames inneres Objekt. Die depressive Schuld ist Sorge um das beschädigte Objekt und führt zur Wiedergutmachung. Die erste lähmt, die zweite kann etwas bewegen. Beide fühlen sich ähnlich an, haben aber unterschiedliche Quellen. Wer sich nach einem Streit schuldig fühlt und anruft, handelt aus der letzteren Art der Schuld. Wer sich schuldig fühlt, ohne etwas tun zu können, wird Opfer der ersteren.
Menschen, die immer die Schuld bei anderen suchen
Das Gegenstück zum übermäßigen Schuldgefühl ist die Abwehr der Schuld. Die Psychoanalyse nennt den Vorgang Projektion: Der eigene unerträgliche Anteil wird im anderen gesehen und dort bekämpft. In Familien übernimmt oft ein Mitglied die Rolle, die Schuld für alle zu übernehmen, und der Blog hat das als Sündenbock der Familie beschrieben. Das ständige Schuldigsein und das ständige Beschuldigen regeln dieselbe Frage: wohin mit der Aggression.
Scham und Schuld
Die Forschung zu moralischen Emotionen trennt Scham und Schuld nach dem Gegenstand. June Tangney, Jeff Stuewig und Debra Mashek fassten 2007 im Annual Review of Psychology zusammen, dass Scham sich auf das ganze Selbst bezieht (ich bin schlecht) und Schuld auf ein Verhalten (ich habe etwas Schlechtes getan). Schuld geht in dieser Literatur häufiger mit Wiedergutmachung und Entschuldigung einher, Scham häufiger mit Rückzug, Verbergen und Abwehr. Die Unterscheidung geht auf Helen Block Lewis (1971) zurück. Die Ergebnisse stammen aus vielen Studien, die Messung stützt sich meist auf Selbstauskünfte.
Für Schuldgefühle ohne Schuld ist die Unterscheidung aufschlussreich. Sie legt nahe, dass manches, was als Schuld erlebt wird, Scham ist: Man fühlt sich schlecht, weil man sich selbst für unzulänglich hält, und die Handlung liefert nur den Anlass. Das Verhältnis beider Affekte behandelt ein eigener Text zu Scham und Schuld.
Schuldgefühle loswerden: Was hilft
Der erste Schritt besteht darin, den Anlass zu prüfen. Gibt es eine Handlung, die Schaden angerichtet hat, hilft Wiedergutmachung: ein Gespräch, eine Entschuldigung, eine Korrektur. Dann hat das Gefühl seine Funktion erfüllt und lässt nach. Fehlt ein Anlass oder bleibt das Gefühl nach der Wiedergutmachung bestehen, liegt die Quelle im Über-Ich. Dort helfen Argumente wenig, und Aufarbeitung ist angezeigt. Die kognitive Verhaltenstherapie arbeitet an den Gedanken und Glaubenssätzen, die Schuld erzeugen. Die psychoanalytische Therapie fragt, welche Wut das Gewissen bewacht und in welcher Beziehung es so streng wurde.
Was das Schuldgefühl bedeutet
Gegen den Ratschlag, Schuldgefühle seien ein Denkfehler, der sich durch Einsicht korrigieren lasse, spricht die Beobachtung, dass Schuld unabhängig von der Tatsachenlage entsteht. Wer sich schuldig fühlt, wird durch Argumente selten erleichtert. Das Gefühl hat eine Funktion im seelischen Haushalt: Es bindet Aggression, es sichert die Verbindung zu Autoritäten, und es verleiht eine verdeckte Größe, denn wer an allem schuld ist, hat auch über alles Macht. Wer nach der Ursache von Schuldgefühlen fragt, sucht deshalb den Zusammenhang, in dem sie nützlich wurden.
Die Frage nach der Ursache in der Kindheit führt damit zu einer Beschreibung von Beziehungen. In Familien, die Wut nicht ertragen, wird Schuld zum Ersatz für ihren Ausdruck. In Familien, in denen ein Kind die Verantwortung für das Befinden der Eltern übernimmt, wird Schuld zur Pflicht. In Gesellschaften, die Leistung belohnen und Aggression untersagen, wird Schuld zum Dauerzustand der Fleißigen. Freuds Gedanke geht über das Individuum hinaus: Die Schuld, die ein Einzelner empfindet, ist zugleich ein Zeichen für die Anforderungen, unter denen er lebt.
Das Wichtigste in Kürze
• Das Schuldgefühl braucht keine Schuld, es sucht eine (Freud 1916).
• Nach Freud wächst das Gewissen mit dem Triebverzicht, und der Anständigste fühlt sich am schuldigsten (1930).
• Die Strenge des Über-Ichs speist sich aus der Aggression des Kindes, deshalb bringen auch milde Eltern strenge Gewissen hervor.
• Klein unterscheidet verfolgende Schuld (Angst vor Strafe) und depressive Schuld (Sorge um das beschädigte Objekt mit Wiedergutmachung).
• Scham bezieht sich auf das ganze Selbst, Schuld auf ein Verhalten (Tangney 2007).
• Wiedergutmachung beendet berechtigte Schuld. Bei unbewusster Schuld hilft Psychotherapie.
• Ständiges Schuldigsein und ständiges Beschuldigen anderer regeln dieselbe Frage: wohin mit der Aggression.
Quellen und Weiterlesen
Degé, F. (2022): Emotionen, sekundäre. In: Dorsch Lexikon der Psychologie, Hogrefe. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/emotionen-sekundaereFreud, S. (1916): Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit (darin: Die Verbrecher aus Schuldbewusstsein).
Freud, S. (1923): Das Ich und das Es.
Freud, S. (1924): Das ökonomische Problem des Masochismus.
Freud, S. (1930): Das Unbehagen in der Kultur, Kapitel VII und VIII.
Klein, M. (1935): A contribution to the psychogenesis of manic-depressive states.
Klein, M. (1940): Mourning and its relation to manic-depressive states.
Lewis, H. B. (1971): Shame and Guilt in Neurosis.
Tangney, J. P., Stuewig, J. und Mashek, D. J. (2007): Moral emotions and moral behavior. Annual Review of Psychology 58, 345 bis 372. https://doi.org/10.1146/annurev.psych.56.091103.070145
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DESCRIPTION: Schuldgefühle hängen selten an einer Tat. Freud zeigte 1930, dass das Gewissen mit dem Triebverzicht wächst, und Klein und Tangney zeigen, wie Schuld und Liebe zusammenhängen. Ursachen, Kindheit und der Unterschied zur Scham.
Schuldgefühl ohne Schuld: Warum das Gewissen mit dem Verzicht wächst
Wer nach den Ursachen von Schuldgefühlen fragt, meint meistens eine bestimmte Erfahrung: Man fühlt sich schuldig, manchmal, sogar ohne etwas getan zu haben, manchmal weit stärker, als die Tat rechtfertigt. Freud hat dafür eine Erklärung gegeben, die bis heute anstößig wirkt. Das Schuldgefühl wächst mit dem Triebverzicht, und gerade der Anständigste fühlt sich am schuldigsten. Dieser Post folgt dem Gedanken durch Freuds Schriften, ergänzt ihn um Melanie Klein und die Forschung zu Scham und Schuld und fragt, was er über ein Gewissen sagt, das nie zur Ruhe kommt.
Was sind Schuldgefühle?
Schuldgefühl gehört zu den sekundären Emotionen, die auch selbstbezogene Emotionen heißen. Zu dieser Gruppe zählen außerdem Empathie, Verlegenheit, Stolz und Scham. Sie setzen ein Verständnis des eigenen Selbst und der Beziehung zu anderen Menschen voraus. Schuldgefühle entstehen deshalb später als Freude oder Angst, im Alter von zwei bis drei Jahren.
Voraussetzung ist ein wenigstens minimal ausgebildetes Selbstkonzept. Denn wer Schuld empfindet, muss sich als eigenständiges Wesen gegenüber anderen erleben. Hinzu kommt die Verinnerlichung von Werten und Normen. Das Kind bewertet sein eigenes Verhalten an diesem Maßstab und empfindet Schuld, wenn die Handlung diesem Maßstab nicht genügt. Damit steuert das Schuldgefühl das Verhalten, sowohl über äußere Standards als auch über die eigenen inneren.
Schuldgefühle sind also das Erleben, etwas falsch gemacht zu haben oder falsch zu sein, verbunden mit Selbstvorwürfen, Unruhe und dem Drang, etwas gutzumachen. Die Psychologie unterscheidet dabei echte Schuld, der eine Handlung zugrunde liegt, von Schuldgefühlen ohne Anlass. Die Reue über ein Unrecht ist ein menschliches und moralisch wertvolles Erleben. Quälend wird es, wenn es überwältigt, sich durch Wiedergutmachung nicht beruhigt und sich auf Dinge richtet, die man nicht verschuldet hat.
Die Beobachtung: Schuld vor der Tat
In dem kurzen Aufsatz „Die Verbrecher aus Schuldbewusstsein" (1916) beschreibt Freud Menschen, die eine Tat begehen, weil sie sich schuldig fühlen. Das Schuldgefühl war vorher da. Die Tat verschafft ihm einen Anlass und bringt Erleichterung, weil die Schuld nun an etwas haftet. Freud verweist auf Nietzsches bleichen Verbrecher, der der Ausführung seiner Tat gewachsen war, als er sie tat, aber ihr Bild nicht ertrug.
Die Umkehrung ist der Schlüssel: Solches Schuldgefühl braucht keine Schuld. Es tritt auf bei Menschen, etwa nach Kindheitstrauma, die sich für Dinge verantwortlich fühlen, auf die sie keinen Einfluss hatten, für die Stimmung der Eltern, die Trennung, die Krankheit eines Geschwisters. Wer ihnen sagt, sie seien nicht schuld, erreicht wenig, weil sich das Gefühl gar nicht aus der Tatsachenlage speist.
Das Unbehagen in der Kultur: Der Preis des Fortschritts
Im „Unbehagen in der Kultur" (1930) macht Freud das Schuldgefühl zum Hauptproblem der Kulturentwicklung. Die Kultur verlangt Triebverzicht. Aggression, die nicht gegen andere ausgelebt werden darf, wird nach innen gewendet und vom Über-Ich übernommen, das sie gegen das Ich richtet. Das Gewissen stellt in dieser Sicht die verinnerlichte Aggression dar. Je mehr Verzicht, desto mehr Aggression im Inneren und desto strenger das Gewissen.
Freud beschreibt zwei Quellen des Schuldgefühls. Die erste ist die Angst vor der äußeren Autorität, vor Liebesverlust und Strafe. Die zweite ist die Angst vor dem Über-Ich, die auch dann besteht, wenn niemand zusieht. Auf dieser Stufe hilft es nicht mehr, Verbotenes zu verbergen. Das Gewissen weiß es ohnehin, und es kennt auch den Wunsch, der nur gedacht wurde. Deshalb gibt es Schuldgefühle für Gedanken, und deshalb gilt Freuds paradoxe Beobachtung, dass gerade die Heiligen sich als Sünder bezeichnen: Jeder Verzicht stärkt das Über-Ich, das den Verzicht verlangt hat.
Freud fasst die Konsequenz in einem Satz, der zu den Kernsätzen der Schrift zählt: Der Preis für den Kulturfortschritt werde in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt. Man kann die These für überzogen halten. Sie bietet aber eine Erklärung dafür, warum Wohlstand und Sicherheit das Schuldgefühl nicht verringern.
Woher die Strenge kommt
Bei der Frage nach der Kindheit nimmt Freud eine überraschende Wendung. Nach ihm speist sich die Strenge des Über-Ichs aus der eigenen Aggression des Kindes gegen die Autorität, die es hindert. Das Kind, das auf Verbote wütend ist und die Wut nicht äußern darf, wendet sie gegen sich. Deshalb können auch milde Eltern ein strenges Gewissen hervorbringen, und deshalb leiden Menschen aus liebevollen Familien unter Schuldgefühlen, die sie sich nicht erklären können.
Das entlastet die Eltern und fordert zugleich eine genauere Frage. Gewissen entsteht in der Spannung zwischen Liebe und Aggression. Wo ein Kind Wut nicht erleben darf, weil die Eltern sie nicht aushalten, bleibt sie ungesagt und kehrt als Gewissensstrenge wieder. Familien, in denen Wut verboten ist, sorgen dafür, dass Kinder sich schuldig fühlen, wenn sie ärgerlich sind.
Wie dieser Mechanismus zum moralischen Masochismus führt, hat der Blog an anderer Stelle beschrieben. Das unbewusste Schuldgefühl verlangt Strafe, und der Mensch richtet sein Leben so ein, dass sie eintritt.
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Freud nennt ein Schuldgefühl, dessen Quelle der Betroffene nicht kennt, unbewusst. In „Das Ich und das Es” (1923) beschreibt er Patienten, die sich schlechter fühlen, wenn es ihnen besser geht, und führt das auf ein unbewusstes Strafbedürfnis zurück. Die Selbstvorwürfe sind in diesem Fall die Oberfläche: Sie benennen eine Verfehlung, die der Betroffene sucht, um das Gefühl zu erklären. Grübelschleifen entstehen, weil die Erklärung nie ausreicht. Wer sich ständig schuldig fühlt, prüft sein Verhalten auf Fehler, findet immer einen und ist trotzdem nicht erleichtert.
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Melanie Klein hat Freuds Beschreibung in eine andere Richtung gedreht. In ihren Arbeiten zur depressiven Position (1935, 1940) beschreibt sie das Schuldgefühl als Folge der Liebe. Das Kind erkennt, dass die Mutter, die es hasste und angriff, dieselbe ist, die es liebt und braucht. Aus dieser Erkenntnis entsteht Sorge um sie und der Wunsch, wiedergutzumachen, was in der Fantasie zerstört wurde. Schuld im Sinne Kleins verweist auf die Fähigkeit, ein Gegenüber ganz zu sehen und Verantwortung für die eigene Aggression zu übernehmen.
Klein unterscheidet damit zwei Formen. Die verfolgende Schuld ist Angst vor Strafe durch ein grausames inneres Objekt. Die depressive Schuld ist Sorge um das beschädigte Objekt und führt zur Wiedergutmachung. Die erste lähmt, die zweite kann etwas bewegen. Beide fühlen sich ähnlich an, haben aber unterschiedliche Quellen. Wer sich nach einem Streit schuldig fühlt und anruft, handelt aus der letzteren Art der Schuld. Wer sich schuldig fühlt, ohne etwas tun zu können, wird Opfer der ersteren.
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Scham und Schuld
Die Forschung zu moralischen Emotionen trennt Scham und Schuld nach dem Gegenstand. June Tangney, Jeff Stuewig und Debra Mashek fassten 2007 im Annual Review of Psychology zusammen, dass Scham sich auf das ganze Selbst bezieht (ich bin schlecht) und Schuld auf ein Verhalten (ich habe etwas Schlechtes getan). Schuld geht in dieser Literatur häufiger mit Wiedergutmachung und Entschuldigung einher, Scham häufiger mit Rückzug, Verbergen und Abwehr. Die Unterscheidung geht auf Helen Block Lewis (1971) zurück. Die Ergebnisse stammen aus vielen Studien, die Messung stützt sich meist auf Selbstauskünfte.
Für Schuldgefühle ohne Schuld ist die Unterscheidung aufschlussreich. Sie legt nahe, dass manches, was als Schuld erlebt wird, Scham ist: Man fühlt sich schlecht, weil man sich selbst für unzulänglich hält, und die Handlung liefert nur den Anlass. Das Verhältnis beider Affekte behandelt ein eigener Text zu Scham und Schuld.
Schuldgefühle loswerden: Was hilft
Der erste Schritt besteht darin, den Anlass zu prüfen. Gibt es eine Handlung, die Schaden angerichtet hat, hilft Wiedergutmachung: ein Gespräch, eine Entschuldigung, eine Korrektur. Dann hat das Gefühl seine Funktion erfüllt und lässt nach. Fehlt ein Anlass oder bleibt das Gefühl nach der Wiedergutmachung bestehen, liegt die Quelle im Über-Ich. Dort helfen Argumente wenig, und Aufarbeitung ist angezeigt. Die kognitive Verhaltenstherapie arbeitet an den Gedanken und Glaubenssätzen, die Schuld erzeugen. Die psychoanalytische Therapie fragt, welche Wut das Gewissen bewacht und in welcher Beziehung es so streng wurde.
Was das Schuldgefühl bedeutet
Gegen den Ratschlag, Schuldgefühle seien ein Denkfehler, der sich durch Einsicht korrigieren lasse, spricht die Beobachtung, dass Schuld unabhängig von der Tatsachenlage entsteht. Wer sich schuldig fühlt, wird durch Argumente selten erleichtert. Das Gefühl hat eine Funktion im seelischen Haushalt: Es bindet Aggression, es sichert die Verbindung zu Autoritäten, und es verleiht eine verdeckte Größe, denn wer an allem schuld ist, hat auch über alles Macht. Wer nach der Ursache von Schuldgefühlen fragt, sucht deshalb den Zusammenhang, in dem sie nützlich wurden.
Die Frage nach der Ursache in der Kindheit führt damit zu einer Beschreibung von Beziehungen. In Familien, die Wut nicht ertragen, wird Schuld zum Ersatz für ihren Ausdruck. In Familien, in denen ein Kind die Verantwortung für das Befinden der Eltern übernimmt, wird Schuld zur Pflicht. In Gesellschaften, die Leistung belohnen und Aggression untersagen, wird Schuld zum Dauerzustand der Fleißigen. Freuds Gedanke geht über das Individuum hinaus: Die Schuld, die ein Einzelner empfindet, ist zugleich ein Zeichen für die Anforderungen, unter denen er lebt.
Das Wichtigste in Kürze
• Das Schuldgefühl braucht keine Schuld, es sucht eine (Freud 1916).
• Nach Freud wächst das Gewissen mit dem Triebverzicht, und der Anständigste fühlt sich am schuldigsten (1930).
• Die Strenge des Über-Ichs speist sich aus der Aggression des Kindes, deshalb bringen auch milde Eltern strenge Gewissen hervor.
• Klein unterscheidet verfolgende Schuld (Angst vor Strafe) und depressive Schuld (Sorge um das beschädigte Objekt mit Wiedergutmachung).
• Scham bezieht sich auf das ganze Selbst, Schuld auf ein Verhalten (Tangney 2007).
• Wiedergutmachung beendet berechtigte Schuld. Bei unbewusster Schuld hilft Psychotherapie.
• Ständiges Schuldigsein und ständiges Beschuldigen anderer regeln dieselbe Frage: wohin mit der Aggression.
Quellen und Weiterlesen
Degé, F. (2022): Emotionen, sekundäre. In: Dorsch Lexikon der Psychologie, Hogrefe. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/emotionen-sekundaereFreud, S. (1916): Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit (darin: Die Verbrecher aus Schuldbewusstsein).
Freud, S. (1923): Das Ich und das Es.
Freud, S. (1924): Das ökonomische Problem des Masochismus.
Freud, S. (1930): Das Unbehagen in der Kultur, Kapitel VII und VIII.
Klein, M. (1935): A contribution to the psychogenesis of manic-depressive states.
Klein, M. (1940): Mourning and its relation to manic-depressive states.
Lewis, H. B. (1971): Shame and Guilt in Neurosis.
Tangney, J. P., Stuewig, J. und Mashek, D. J. (2007): Moral emotions and moral behavior. Annual Review of Psychology 58, 345 bis 372. https://doi.org/10.1146/annurev.psych.56.091103.070145
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