Der Phallus als Signifikant in Lacans Theorie des Subjekts und Geschlechts: Warum ein psychoanalytischer Grundbegriff ständig missverstanden wird

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Der Phallus als Signifikant in Lacans Theorie des Subjekts und Geschlechts

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Der Phallus als Signifikant in Lacans Theorie von Subjekt & Geschlecht: wie der Phallus als Signifikant das Begehren prägt. Der Phallus meint bei Lacan einen Signifikanten des Mangels und des Begehrens. Warum die Gleichsetzung mit dem Organ in die Irre führt und was der Begriff über Macht und Verlangen sagt.

Der Phallus bei Lacan: Warum ein psychoanalytischer Grundbegriff ständig missverstanden wird

Kaum ein Begriff der Psychoanalyse wird so zuverlässig falsch gelesen wie der Phallus. Die meisten hören das Wort und denken an ein Organ. Bei Jacques Lacan meint der Phallus einen Signifikanten, ein Zeichen in der Ordnung der Sprache. Mit dem anatomischen Körperteil teilt er nur den Namen. Dieser Beitrag klärt, was Lacan tatsächlich sagt, woher das Missverständnis kommt und warum die Unterscheidung für Klinik und Kulturkritik zählt.

Warum verwechseln so viele den Phallus mit dem Penis?

Das Missverständnis hat eine einfache Wurzel. Das Wort klingt nach Anatomie, und die Alltagssprache kennt den Phallus fast nur als Bild für das männliche Glied. Wer Lacan zum ersten Mal liest, überträgt diese Bedeutung reflexartig auf den Text und landet bei einer Karikatur, in der die Psychoanalyse angeblich alles auf ein Organ zurückführt.

Lacan selbst hat die Verwechslung vorausgesehen und wollte ihr vorbeugen. In seinem Vortrag „Die Bedeutung des Phallus" von 1958 trennt er den Phallus ausdrücklich vom Penis. Der Penis ist ein Stück Körper. Der Phallus ist ein Signifikant, also ein Element der symbolischen Ordnung, das Bedeutung erzeugt, ohne selbst ein Ding zu sein. Diese Trennung ist die Bedingung dafür, dass man Lacan überhaupt verstehen kann.

Der Aufwand lohnt sich, weil an dieser Stelle die ganze Theorie hängt. Liest man den Phallus als Organ, wird Lacans Theorie zum Biologismus, der Geschlechterrollen aus der Körperausstattung ableitet. Liest man den Phallus als Signifikanten, öffnet sich ein Denken über Begehren, Sprache und Macht, das mit Anatomie wenig zu tun hat und Männer wie Frauen gleichermaßen betrifft.

Was heißt „Signifikant" überhaupt?

Der Begriff stammt aus der Sprachwissenschaft von Ferdinand de Saussure. Ein Zeichen besteht dort aus zwei Seiten: dem Signifikanten, also der Lautgestalt oder dem geschriebenen Wort, und dem Signifikat, also der Vorstellung, die es hervorruft. Das Wort „Baum" ist der Signifikant, die Idee eines Baumes das Signifikat. Zwischen beiden gibt es keine natürliche Verbindung, nur eine Konvention der Sprachgemeinschaft.

Lacan verschiebt dieses Modell. Für ihn hat der Signifikant Vorrang. Bedeutung entsteht erst dadurch, dass Signifikanten aufeinander verweisen, ein Wort auf das nächste, ein Zeichen auf ein anderes. Der Mensch kommt in diese Ordnung hinein wie in ein bereits laufendes Netz aus Sprache, Namen und Gesetzen, das Lacan das Symbolische nennt. Das Subjekt wird von diesem Netz geformt, bevor es selbst zu sprechen beginnt.

Der Phallus ist in diesem Rahmen ein besonderer Signifikant. Lacan nennt ihn den privilegierten Signifikanten, weil er die Wirkung des Bedeutens als Ganzes markiert, den Umstand, dass Sprache immer schon Sinn stiftet und zugleich etwas ausschließt. Er steht für den Punkt, an dem Begehren und Sprache sich berühren. Damit benennt er einen logischen Ort in der Struktur. Mit Männlichkeit hat er nichts zu tun.

Wie kam Freud zum Phallus? Ödipus und Kastration

Um Lacan zu verstehen, muss man zu Sigmund Freud zurückgehen. Freud beschreibt im Ödipuskomplex eine frühe Konstellation, in der das Kind den einen Elternteil begehrt und den anderen als Rivalen erlebt. Aufgelöst wird diese Spannung durch die Kastrationsdrohung: Das Kind gibt seine unmittelbaren Wünsche auf, verinnerlicht das Verbot und bildet ein Über-Ich aus. Aus dem Konflikt entsteht die moralische Instanz.

Freud stellte den Phallus ins Zentrum dieser Entwicklung. In seinem Denken dreht sich die frühe kindliche Sexualität um die Frage, wer den Phallus hat und wer nicht. Die Wahrnehmung des anatomischen Unterschieds löst nach Freud beim Jungen Kastrationsangst aus und beim Mädchen den sogenannten Penisneid, ein Gefühl des Mangels angesichts des fehlenden Organs.

An dieser Stelle ist historische Vorsicht geboten. Freud hat den Penisneid als biologische Tatsache formuliert, und schon seine Zeitgenossin Karen Horney hat dem energisch widersprochen. Horney argumentierte, dass Freud die Verhältnisse einer männlich dominierten Gesellschaft für Natur hielt. Was er als Neid auf ein Organ deutete, sei tatsächlich der Wunsch nach den Rechten und der Freiheit, die Männern zugestanden wurden. Ihr Aufsatz „Die Flucht aus der Weiblichkeit" von 1926 warf der frühen Psychoanalyse eine phallozentrische Schlagseite vor, weil ihre Begründer Männer waren. Diese berechtigte Kritik gehört zu jeder redlichen Darstellung des Themas.

Lacans Wendung: der Phallus als Signifikant des Mangels

Lacan nimmt Horneys Einwand auf, indem er Freuds Begriff aus der Biologie herauslöst. Der Phallus verliert bei ihm jede Bindung an ein konkretes Organ und wird zum Signifikanten des Mangels. Damit ändert sich alles. Der Mangel, um den es geht, betrifft jeden sprechenden Menschen, weil jeder Mensch durch den Eintritt in die Sprache etwas verliert.

Dieser Verlust lässt sich so beschreiben. Solange das Kleinkind noch keine Sprache hat, erlebt es sich als ungetrennt von der Mutter, in einer Fülle ohne Fehl. Sobald es zu sprechen beginnt, tritt zwischen es und die Welt das Wort. Jeder Wunsch muss nun durch Sprache hindurch, muss benannt und an andere gerichtet werden. In diesem Durchgang geht die ursprüngliche Fülle verloren. Der Phallus ist der Signifikant, der genau diesen Verlust bezeichnet, das Loch, das die Sprache in das Sein reißt.

Deshalb ist der Phallus bei Lacan Zeichen von Mangel und Begehren in einem. Er steht für etwas, das fehlt, und weil es fehlt, entsteht Begehren. Man begehrt, weil man nicht vollständig ist. Der Phallus markiert die Stelle, an der die Vollständigkeit verlorengegangen ist, und hält das Begehren dadurch in Bewegung. Ohne diesen Mangel gäbe es kein Verlangen, nur Sättigung und Stillstand.

„Den Phallus haben" oder „der Phallus sein" – was bedeutet der Unterschied?

Lacan führt eine feine Unterscheidung ein, die seine Trennung von der Anatomie besonders deutlich macht. Er spricht davon, den Phallus zu haben und der Phallus zu sein. Beide Positionen sind Weisen, sich zum Signifikanten des Begehrens zu verhalten, und keine ist an ein Geschlecht gebunden. Niemand hat den Phallus wirklich. Er ist ein Signifikant, den man weder besitzen noch verlieren kann.

Die männliche Position im Sinne Lacans richtet sich darauf aus, den Phallus zu haben. Sie tritt auf, als verfüge sie über das, was Begehren erregt, und muss diesen Schein ständig aufrechterhalten. Genau darin liegt ihre Schwäche, denn der Besitz ist eine Fiktion. Der Mann inszeniert eine Fülle, die er nicht hat, und lebt in der Angst, als Hochstapler entlarvt zu werden. Lacans Formulierungen zielen hier auf die Brüchigkeit männlicher Selbstdarstellung.

Die weibliche Position richtet sich darauf aus, der Phallus zu sein, also das zu verkörpern, was der andere begehrt. Frauen nehmen in dieser Logik den Platz des begehrten Objekts ein und werden zum Zeichen, auf das sich das Verlangen des anderen richtet. Beide Positionen sind Masken über demselben Mangel. Lacan beschreibt damit zwei strukturelle Antworten auf die Frage, wie man mit dem eigenen Ungenügen umgeht. Wesenszüge von Männern und Frauen meint er damit nicht.

Warum ist Begehren immer das Begehren des Anderen?

Ein Satz zieht sich durch Lacans Werk: Das Begehren des Menschen ist das Begehren des Anderen. Er meint das in mehreren Bedeutungen zugleich. Zum einen begehren wir, was ein anderer begehrt. Kinder wollen das Spielzeug, das gerade ein anderes Kind in der Hand hält. Der Wert eines Objekts hängt am Blick der anderen, nicht an seiner Eigenschaft.

Zum anderen begehren wir, vom Anderen begehrt zu werden. Die tiefere Frage hinter jedem Verlangen lautet, was der Andere in uns sieht und ob wir für ihn zählen. Der Große Andere ist bei Lacan die symbolische Ordnung selbst, das Feld aus Sprache, Kultur und Gesetz, in das wir hineinsprechen. Unser Begehren formt sich an dem, was dieses Feld uns als begehrenswert vorgibt.

Der Phallus ist der Signifikant, um den dieses Begehren kreist. Er ist der privilegierte Signifikant des Begehrens des Anderen, der Punkt, an dem sich die Wünsche ordnen. Weil niemand ihn besitzt, bleibt die Frage nach ihm offen, und das Begehren findet keine Ruhe. Diese Struktur erklärt, warum Menschen selten bekommen, was sie zu wollen glauben, und warum der Gegenstand des Verlangens sich immer wieder verschiebt.

Was hat der Name-des-Vaters damit zu tun?

Der Eintritt in die symbolische Ordnung braucht bei Lacan eine Instanz, die Grenzen setzt. Diese Instanz nennt er den Namen-des-Vaters. Gemeint ist ein Signifikant, der das Gesetz repräsentiert, allen voran das Inzestverbot. Ein realer Vater aus Fleisch und Blut ist damit nicht gemeint. Der Name-des-Vaters trennt das Kind aus der engen Bindung an die Mutter heraus und weist ihm einen Platz in der Ordnung der Generationen und Namen zu.

Diese Trennung ist die symbolische Kastration. Lacan versteht darunter den Verzicht, der mit dem Sprechen einhergeht, keinen körperlichen Vorgang. Das Kind gibt die Fantasie auf, alles für die Mutter zu sein und ihren Mangel zu füllen. Es akzeptiert, dass es begrenzt ist, dass es Regeln unterliegt und dass sein Begehren nie ganz erfüllt wird. Dieser Verzicht ist der Preis für den Eintritt in Sprache und Gesetz.

Die symbolische Kastration ist damit ein Gewinn, der als Verlust erscheint. Wer sie durchläuft, wird zum Subjekt, das sprechen, begehren und mit anderen leben kann. Bleibt der Name-des-Vaters aus, fehlt nach Lacan der Bezugspunkt, an dem sich die Ordnung festmacht, was er mit schweren psychischen Strukturen wie der Psychose in Verbindung bringt. Der Phallus und der Name-des-Vaters gehören eng zusammen, weil beide den Ort markieren, an dem das Gesetz in das Begehren eingreift.

Der Phallus als Zeichen von Macht und Mangel zugleich

Die Kulturgeschichte ist voll von aufragenden Bauwerken, die Macht behaupten. Obelisken auf zentralen Plätzen, Türme, Denkmäler, Statussymbole, die Höhe und Härte zur Schau stellen. Man liest sie leicht als phallische Zeichen, und in gewisser Weise stimmt das. Sie behaupten Fülle, Potenz und Verfügung über die Umgebung.

Lacans Lektüre fügt eine zweite Ebene hinzu. Das Monument behauptet Macht, gerade weil es einen Mangel überdecken muss. Es zeigt einen Besitz, den niemand wirklich hat, und je lauter die Behauptung, desto größer die Leere darunter. Statussymbole funktionieren nach derselben Logik. Sie sollen bezeugen, dass ihr Träger das Begehren der anderen auf sich zieht, und verraten damit die Abhängigkeit von genau diesem fremden Blick.

Darin liegt die Doppelnatur des phallischen Zeichens. Es ist Zeichen von Macht und von Mangel zugleich, weil die Machtgeste den Mangel voraussetzt, den sie verdeckt. Wer diese Struktur einmal erkannt hat, sieht sie in vielen Feldern wieder, in der Politik der starken Auftritte, in der Ökonomie des Prestiges, in der Selbstdarstellung auf sozialen Plattformen. Die Psychoanalyse liefert hier ein Werkzeug, um hinter die Fassade der Stärke zu schauen.

Das Wichtigste in Kürze

•             Der Phallus meint bei Lacan einen Signifikanten, ein Element der Sprachordnung. Mit dem anatomischen Organ teilt er nur den Namen.

•             Als Signifikant des Mangels bezeichnet er den Verlust, den jeder Mensch durch den Eintritt in die Sprache erleidet. Aus diesem Mangel entsteht Begehren.

•             Freud stellte den Phallus über Ödipuskomplex, Kastration und Penisneid ins Zentrum. Karen Horney kritisierte den Penisneid früh als Deutung gesellschaftlicher Ungleichheit als Natur.

•             Lacan löst den Begriff aus der Biologie: Er betrifft Männer wie Frauen und beschreibt eine logische Struktur, keine Körperausstattung.

•             „Den Phallus haben" und „der Phallus sein" sind zwei Positionen zum Begehren, nicht zwei Geschlechter. Beide sind Masken über demselben Mangel.

•             Das Begehren ist immer das Begehren des Anderen. Wir wollen, was andere wollen, und wollen von ihnen begehrt werden.

•             Der Name-des-Vaters steht für das Gesetz. Die symbolische Kastration ist der Verzicht, mit dem das Kind zum sprechenden Subjekt wird.

•             Kulturell ist der Phallus Zeichen von Macht und Mangel zugleich: Die Machtgeste verdeckt die Leere, die sie voraussetzt.

Quellen

•             No Subject – Encyclopedia of Lacanian Psychoanalysis: The Signification of the Phallus. https://nosubject.com/The_Signification_of_the_Phallus

•             No Subject – Encyclopedia of Lacanian Psychoanalysis: Phallus. https://nosubject.com/Phallus

•             Cahiers pour l’Analyse (Kingston University): Phallus. https://cahiers.kingston.ac.uk/concepts/phallus.html

•             London School of Economics (eprints): Lacan, the meaning of the phallus and the ‘sexed’ subject. https://eprints.lse.ac.uk/960/1/Lacanthemeaning.pdf

•             Lacan entziffern: Der Phallus als Signifikant der (geopferten) Jouissance. https://lacan-entziffern.de/phallus/phallus/

•             Lacan entziffern: Der imaginäre und der symbolische Phallus (1957–1959). https://lacan-entziffern.de/kastration/lrstll/

•             Wikipedia: Name-des-Vaters. https://de.wikipedia.org/wiki/Name-des-Vaters

•             The British Psychological Society: Sigmund Freud and penis envy – a failure of courage? https://www.bps.org.uk/psychologist/sigmund-freud-and-penis-envy-failure-courage

•             Wikipedia: Penis envy (Karen Horney, womb envy, Flight from Womanhood). https://en.wikipedia.org/wiki/Penis_envy


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Der Phallus als Signifikant in Lacans Theorie von Subjekt & Geschlecht: wie der Phallus als Signifikant das Begehren prägt. Der Phallus meint bei Lacan einen Signifikanten des Mangels und des Begehrens. Warum die Gleichsetzung mit dem Organ in die Irre führt und was der Begriff über Macht und Verlangen sagt.

Der Phallus bei Lacan: Warum ein psychoanalytischer Grundbegriff ständig missverstanden wird

Kaum ein Begriff der Psychoanalyse wird so zuverlässig falsch gelesen wie der Phallus. Die meisten hören das Wort und denken an ein Organ. Bei Jacques Lacan meint der Phallus einen Signifikanten, ein Zeichen in der Ordnung der Sprache. Mit dem anatomischen Körperteil teilt er nur den Namen. Dieser Beitrag klärt, was Lacan tatsächlich sagt, woher das Missverständnis kommt und warum die Unterscheidung für Klinik und Kulturkritik zählt.

Warum verwechseln so viele den Phallus mit dem Penis?

Das Missverständnis hat eine einfache Wurzel. Das Wort klingt nach Anatomie, und die Alltagssprache kennt den Phallus fast nur als Bild für das männliche Glied. Wer Lacan zum ersten Mal liest, überträgt diese Bedeutung reflexartig auf den Text und landet bei einer Karikatur, in der die Psychoanalyse angeblich alles auf ein Organ zurückführt.

Lacan selbst hat die Verwechslung vorausgesehen und wollte ihr vorbeugen. In seinem Vortrag „Die Bedeutung des Phallus" von 1958 trennt er den Phallus ausdrücklich vom Penis. Der Penis ist ein Stück Körper. Der Phallus ist ein Signifikant, also ein Element der symbolischen Ordnung, das Bedeutung erzeugt, ohne selbst ein Ding zu sein. Diese Trennung ist die Bedingung dafür, dass man Lacan überhaupt verstehen kann.

Der Aufwand lohnt sich, weil an dieser Stelle die ganze Theorie hängt. Liest man den Phallus als Organ, wird Lacans Theorie zum Biologismus, der Geschlechterrollen aus der Körperausstattung ableitet. Liest man den Phallus als Signifikanten, öffnet sich ein Denken über Begehren, Sprache und Macht, das mit Anatomie wenig zu tun hat und Männer wie Frauen gleichermaßen betrifft.

Was heißt „Signifikant" überhaupt?

Der Begriff stammt aus der Sprachwissenschaft von Ferdinand de Saussure. Ein Zeichen besteht dort aus zwei Seiten: dem Signifikanten, also der Lautgestalt oder dem geschriebenen Wort, und dem Signifikat, also der Vorstellung, die es hervorruft. Das Wort „Baum" ist der Signifikant, die Idee eines Baumes das Signifikat. Zwischen beiden gibt es keine natürliche Verbindung, nur eine Konvention der Sprachgemeinschaft.

Lacan verschiebt dieses Modell. Für ihn hat der Signifikant Vorrang. Bedeutung entsteht erst dadurch, dass Signifikanten aufeinander verweisen, ein Wort auf das nächste, ein Zeichen auf ein anderes. Der Mensch kommt in diese Ordnung hinein wie in ein bereits laufendes Netz aus Sprache, Namen und Gesetzen, das Lacan das Symbolische nennt. Das Subjekt wird von diesem Netz geformt, bevor es selbst zu sprechen beginnt.

Der Phallus ist in diesem Rahmen ein besonderer Signifikant. Lacan nennt ihn den privilegierten Signifikanten, weil er die Wirkung des Bedeutens als Ganzes markiert, den Umstand, dass Sprache immer schon Sinn stiftet und zugleich etwas ausschließt. Er steht für den Punkt, an dem Begehren und Sprache sich berühren. Damit benennt er einen logischen Ort in der Struktur. Mit Männlichkeit hat er nichts zu tun.

Wie kam Freud zum Phallus? Ödipus und Kastration

Um Lacan zu verstehen, muss man zu Sigmund Freud zurückgehen. Freud beschreibt im Ödipuskomplex eine frühe Konstellation, in der das Kind den einen Elternteil begehrt und den anderen als Rivalen erlebt. Aufgelöst wird diese Spannung durch die Kastrationsdrohung: Das Kind gibt seine unmittelbaren Wünsche auf, verinnerlicht das Verbot und bildet ein Über-Ich aus. Aus dem Konflikt entsteht die moralische Instanz.

Freud stellte den Phallus ins Zentrum dieser Entwicklung. In seinem Denken dreht sich die frühe kindliche Sexualität um die Frage, wer den Phallus hat und wer nicht. Die Wahrnehmung des anatomischen Unterschieds löst nach Freud beim Jungen Kastrationsangst aus und beim Mädchen den sogenannten Penisneid, ein Gefühl des Mangels angesichts des fehlenden Organs.

An dieser Stelle ist historische Vorsicht geboten. Freud hat den Penisneid als biologische Tatsache formuliert, und schon seine Zeitgenossin Karen Horney hat dem energisch widersprochen. Horney argumentierte, dass Freud die Verhältnisse einer männlich dominierten Gesellschaft für Natur hielt. Was er als Neid auf ein Organ deutete, sei tatsächlich der Wunsch nach den Rechten und der Freiheit, die Männern zugestanden wurden. Ihr Aufsatz „Die Flucht aus der Weiblichkeit" von 1926 warf der frühen Psychoanalyse eine phallozentrische Schlagseite vor, weil ihre Begründer Männer waren. Diese berechtigte Kritik gehört zu jeder redlichen Darstellung des Themas.

Lacans Wendung: der Phallus als Signifikant des Mangels

Lacan nimmt Horneys Einwand auf, indem er Freuds Begriff aus der Biologie herauslöst. Der Phallus verliert bei ihm jede Bindung an ein konkretes Organ und wird zum Signifikanten des Mangels. Damit ändert sich alles. Der Mangel, um den es geht, betrifft jeden sprechenden Menschen, weil jeder Mensch durch den Eintritt in die Sprache etwas verliert.

Dieser Verlust lässt sich so beschreiben. Solange das Kleinkind noch keine Sprache hat, erlebt es sich als ungetrennt von der Mutter, in einer Fülle ohne Fehl. Sobald es zu sprechen beginnt, tritt zwischen es und die Welt das Wort. Jeder Wunsch muss nun durch Sprache hindurch, muss benannt und an andere gerichtet werden. In diesem Durchgang geht die ursprüngliche Fülle verloren. Der Phallus ist der Signifikant, der genau diesen Verlust bezeichnet, das Loch, das die Sprache in das Sein reißt.

Deshalb ist der Phallus bei Lacan Zeichen von Mangel und Begehren in einem. Er steht für etwas, das fehlt, und weil es fehlt, entsteht Begehren. Man begehrt, weil man nicht vollständig ist. Der Phallus markiert die Stelle, an der die Vollständigkeit verlorengegangen ist, und hält das Begehren dadurch in Bewegung. Ohne diesen Mangel gäbe es kein Verlangen, nur Sättigung und Stillstand.

„Den Phallus haben" oder „der Phallus sein" – was bedeutet der Unterschied?

Lacan führt eine feine Unterscheidung ein, die seine Trennung von der Anatomie besonders deutlich macht. Er spricht davon, den Phallus zu haben und der Phallus zu sein. Beide Positionen sind Weisen, sich zum Signifikanten des Begehrens zu verhalten, und keine ist an ein Geschlecht gebunden. Niemand hat den Phallus wirklich. Er ist ein Signifikant, den man weder besitzen noch verlieren kann.

Die männliche Position im Sinne Lacans richtet sich darauf aus, den Phallus zu haben. Sie tritt auf, als verfüge sie über das, was Begehren erregt, und muss diesen Schein ständig aufrechterhalten. Genau darin liegt ihre Schwäche, denn der Besitz ist eine Fiktion. Der Mann inszeniert eine Fülle, die er nicht hat, und lebt in der Angst, als Hochstapler entlarvt zu werden. Lacans Formulierungen zielen hier auf die Brüchigkeit männlicher Selbstdarstellung.

Die weibliche Position richtet sich darauf aus, der Phallus zu sein, also das zu verkörpern, was der andere begehrt. Frauen nehmen in dieser Logik den Platz des begehrten Objekts ein und werden zum Zeichen, auf das sich das Verlangen des anderen richtet. Beide Positionen sind Masken über demselben Mangel. Lacan beschreibt damit zwei strukturelle Antworten auf die Frage, wie man mit dem eigenen Ungenügen umgeht. Wesenszüge von Männern und Frauen meint er damit nicht.

Warum ist Begehren immer das Begehren des Anderen?

Ein Satz zieht sich durch Lacans Werk: Das Begehren des Menschen ist das Begehren des Anderen. Er meint das in mehreren Bedeutungen zugleich. Zum einen begehren wir, was ein anderer begehrt. Kinder wollen das Spielzeug, das gerade ein anderes Kind in der Hand hält. Der Wert eines Objekts hängt am Blick der anderen, nicht an seiner Eigenschaft.

Zum anderen begehren wir, vom Anderen begehrt zu werden. Die tiefere Frage hinter jedem Verlangen lautet, was der Andere in uns sieht und ob wir für ihn zählen. Der Große Andere ist bei Lacan die symbolische Ordnung selbst, das Feld aus Sprache, Kultur und Gesetz, in das wir hineinsprechen. Unser Begehren formt sich an dem, was dieses Feld uns als begehrenswert vorgibt.

Der Phallus ist der Signifikant, um den dieses Begehren kreist. Er ist der privilegierte Signifikant des Begehrens des Anderen, der Punkt, an dem sich die Wünsche ordnen. Weil niemand ihn besitzt, bleibt die Frage nach ihm offen, und das Begehren findet keine Ruhe. Diese Struktur erklärt, warum Menschen selten bekommen, was sie zu wollen glauben, und warum der Gegenstand des Verlangens sich immer wieder verschiebt.

Was hat der Name-des-Vaters damit zu tun?

Der Eintritt in die symbolische Ordnung braucht bei Lacan eine Instanz, die Grenzen setzt. Diese Instanz nennt er den Namen-des-Vaters. Gemeint ist ein Signifikant, der das Gesetz repräsentiert, allen voran das Inzestverbot. Ein realer Vater aus Fleisch und Blut ist damit nicht gemeint. Der Name-des-Vaters trennt das Kind aus der engen Bindung an die Mutter heraus und weist ihm einen Platz in der Ordnung der Generationen und Namen zu.

Diese Trennung ist die symbolische Kastration. Lacan versteht darunter den Verzicht, der mit dem Sprechen einhergeht, keinen körperlichen Vorgang. Das Kind gibt die Fantasie auf, alles für die Mutter zu sein und ihren Mangel zu füllen. Es akzeptiert, dass es begrenzt ist, dass es Regeln unterliegt und dass sein Begehren nie ganz erfüllt wird. Dieser Verzicht ist der Preis für den Eintritt in Sprache und Gesetz.

Die symbolische Kastration ist damit ein Gewinn, der als Verlust erscheint. Wer sie durchläuft, wird zum Subjekt, das sprechen, begehren und mit anderen leben kann. Bleibt der Name-des-Vaters aus, fehlt nach Lacan der Bezugspunkt, an dem sich die Ordnung festmacht, was er mit schweren psychischen Strukturen wie der Psychose in Verbindung bringt. Der Phallus und der Name-des-Vaters gehören eng zusammen, weil beide den Ort markieren, an dem das Gesetz in das Begehren eingreift.

Der Phallus als Zeichen von Macht und Mangel zugleich

Die Kulturgeschichte ist voll von aufragenden Bauwerken, die Macht behaupten. Obelisken auf zentralen Plätzen, Türme, Denkmäler, Statussymbole, die Höhe und Härte zur Schau stellen. Man liest sie leicht als phallische Zeichen, und in gewisser Weise stimmt das. Sie behaupten Fülle, Potenz und Verfügung über die Umgebung.

Lacans Lektüre fügt eine zweite Ebene hinzu. Das Monument behauptet Macht, gerade weil es einen Mangel überdecken muss. Es zeigt einen Besitz, den niemand wirklich hat, und je lauter die Behauptung, desto größer die Leere darunter. Statussymbole funktionieren nach derselben Logik. Sie sollen bezeugen, dass ihr Träger das Begehren der anderen auf sich zieht, und verraten damit die Abhängigkeit von genau diesem fremden Blick.

Darin liegt die Doppelnatur des phallischen Zeichens. Es ist Zeichen von Macht und von Mangel zugleich, weil die Machtgeste den Mangel voraussetzt, den sie verdeckt. Wer diese Struktur einmal erkannt hat, sieht sie in vielen Feldern wieder, in der Politik der starken Auftritte, in der Ökonomie des Prestiges, in der Selbstdarstellung auf sozialen Plattformen. Die Psychoanalyse liefert hier ein Werkzeug, um hinter die Fassade der Stärke zu schauen.

Das Wichtigste in Kürze

•             Der Phallus meint bei Lacan einen Signifikanten, ein Element der Sprachordnung. Mit dem anatomischen Organ teilt er nur den Namen.

•             Als Signifikant des Mangels bezeichnet er den Verlust, den jeder Mensch durch den Eintritt in die Sprache erleidet. Aus diesem Mangel entsteht Begehren.

•             Freud stellte den Phallus über Ödipuskomplex, Kastration und Penisneid ins Zentrum. Karen Horney kritisierte den Penisneid früh als Deutung gesellschaftlicher Ungleichheit als Natur.

•             Lacan löst den Begriff aus der Biologie: Er betrifft Männer wie Frauen und beschreibt eine logische Struktur, keine Körperausstattung.

•             „Den Phallus haben" und „der Phallus sein" sind zwei Positionen zum Begehren, nicht zwei Geschlechter. Beide sind Masken über demselben Mangel.

•             Das Begehren ist immer das Begehren des Anderen. Wir wollen, was andere wollen, und wollen von ihnen begehrt werden.

•             Der Name-des-Vaters steht für das Gesetz. Die symbolische Kastration ist der Verzicht, mit dem das Kind zum sprechenden Subjekt wird.

•             Kulturell ist der Phallus Zeichen von Macht und Mangel zugleich: Die Machtgeste verdeckt die Leere, die sie voraussetzt.

Quellen

•             No Subject – Encyclopedia of Lacanian Psychoanalysis: The Signification of the Phallus. https://nosubject.com/The_Signification_of_the_Phallus

•             No Subject – Encyclopedia of Lacanian Psychoanalysis: Phallus. https://nosubject.com/Phallus

•             Cahiers pour l’Analyse (Kingston University): Phallus. https://cahiers.kingston.ac.uk/concepts/phallus.html

•             London School of Economics (eprints): Lacan, the meaning of the phallus and the ‘sexed’ subject. https://eprints.lse.ac.uk/960/1/Lacanthemeaning.pdf

•             Lacan entziffern: Der Phallus als Signifikant der (geopferten) Jouissance. https://lacan-entziffern.de/phallus/phallus/

•             Lacan entziffern: Der imaginäre und der symbolische Phallus (1957–1959). https://lacan-entziffern.de/kastration/lrstll/

•             Wikipedia: Name-des-Vaters. https://de.wikipedia.org/wiki/Name-des-Vaters

•             The British Psychological Society: Sigmund Freud and penis envy – a failure of courage? https://www.bps.org.uk/psychologist/sigmund-freud-and-penis-envy-failure-courage

•             Wikipedia: Penis envy (Karen Horney, womb envy, Flight from Womanhood). https://en.wikipedia.org/wiki/Penis_envy


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