Zwangscharakter und zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Was Freud im zwanghaften Menschen sah
Zwangscharakter und zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Was Freud im zwanghaften Menschen sah
Zwangscharakter und zwanghafte Persönlichkeitsstörung
Veröffentlicht am:

DESCRIPTION: Zwangscharakter und zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Merkmale, Ursachen und Freuds Deutung. Warum Ordnung Aggression bewacht und die Leistungsgesellschaft den Typus belohnt.
Zwangscharakter: Warum Ordnung, Zweifel und Kontrolle zusammengehören
Wer „obsessiv" in eine Suchmaschine eingibt, will meistens wissen, ob er oder jemand in seiner Nähe eine Zwangsstörung hat. Freud stellte die Frage anders. Er beschrieb 1908 einen Menschen, der keine Zwangshandlungen ausführt und trotzdem von Ordnung, Sparsamkeit und Zweifel beherrscht wird. Dieser Text folgt dem Begriff des Zwangscharakters von Freud über Abraham bis in die heutigen Klassifikationen und fragt, warum eine Gesellschaft, die Leistung verlangt, genau diesen Typus belohnt.
Drei Eigenschaften und ein Verdacht
In dem kurzen Aufsatz „Charakter und Analerotik" von 1908 beobachtet Freud bei bestimmten Patienten eine Trias von Eigenschaften. Sie sind auffallend ordentlich, sparsam und eigensinnig. Ordentlichkeit meint bei ihnen mehr als Sauberkeit. Sie umfasst Gewissenhaftigkeit und Verlässlichkeit in kleinen Dingen. Die Sparsamkeit kann bis zum Geiz reichen. Der Eigensinn kann in Trotz übergehen.
Freud macht aus der Beobachtung eine Theorie. Er stellt fest, dass diese Menschen in ihrer Kindheit lange mit der Reinlichkeitserziehung gekämpft haben und an der Stuhlentleerung eine ungewöhnliche Lust fanden, besonders am Zurückhalten. Aus dieser frühen Lust, so seine Annahme, werden später Charakterzüge. Das Kind, das nicht hergeben will, wird der Erwachsene, der nicht ausgeben will. Die Gleichsetzung von Geld und Kot, die Freud in anderen Arbeiten vertieft, stammt aus dieser Linie. Sie ist in Märchen, Sprichwörtern und Träumen so verbreitet, dass sie kaum als Behauptung wirkt.
Heute lässt sich die körperliche Herleitung kaum noch halten. Die Beobachtung der Trias hat sich als zählebig erwiesen. Karl Abraham baute sie 1921 zum Bild des analen Charakters aus, und sie taucht in der Beschreibung der zwanghaften Persönlichkeit bis in die aktuellen Handbücher wieder auf.
Woran man einen Zwangscharakter erkennt
Die Merkmale lassen sich in der Sprache der Klassifikation und in der Sprache Freuds beschreiben. Das DSM-5 nennt für die zwanghafte Persönlichkeitsstörung acht Kriterien, von denen vier erfüllt sein müssen: Beschäftigung mit Details, Regeln und Listen, Perfektionismus, der die Aufgabenerfüllung behindert, übermäßige Hingabe an Arbeit auf Kosten von Freizeit und Beziehungen, Rigidität in Fragen von Moral und Ethik, die Unfähigkeit, wertlose Gegenstände wegzuwerfen, Widerwillen gegen das Delegieren, Geiz gegenüber sich selbst und anderen sowie Starrheit und Halsstarrigkeit.
Im Alltag zeigt sich das Verhalten unauffälliger, als die Liste vermuten lässt. Betroffene sortieren die Einkaufsliste nach Gängen, können eine Urlaubsplanung nicht offen lassen und erleben die Verspätung anderer als Kränkung. Sie entscheiden spät, weil jede Entscheidung eine Alternative ausschließt, und sie delegieren ungern, weil niemand die Aufgabe so erledigt, wie sie erledigt werden müsste. Die Störung beginnt nach dem DSM-5 im frühen Erwachsenenalter, die Anlagen reichen weiter zurück.
Wie die Zwangsneurose den Charakter färbt
Der Zwangscharakter ist von der Zwangsneurose zu unterscheiden. Bei der Zwangsneurose beschreibt Freud Symptome: Zwangsgedanken, Zeremonien, Rituale, Kontrollhandlungen. Der Zwangscharakter ist die Weise, wie ein Mensch lebt, auch ohne Symptome im engen Sinn. Beides hängt nach Freud zusammen, weil derselbe Abwehrapparat arbeitet.
In „Zwangshandlungen und Religionsübungen" (1907) vergleicht Freud das private Zeremoniell des Zwangskranken mit religiösen Ritualen. Er sieht in beiden den Verzicht auf Triebe und die Abwehr eines unbewussten Schuldgefühls. Die Zwangsneurose nennt er eine individuelle Religiosität, die Religion eine universelle Zwangsneurose. Die Pointe liegt in der Zirkularität: Das Ritual soll Unheil abwenden und bestätigt mit jeder Wiederholung, dass Unheil droht.
Im Fall des Rattenmanns (1909) zeigt Freud, wie das aussieht. Der junge Jurist Ernst Lanzer quält sich mit der Vorstellung, seinem Vater und seiner Geliebten könne eine grausame Strafe widerfahren, bei der Ratten eine Rolle spielen. Der Vater ist zu diesem Zeitpunkt seit Jahren tot, was die Befürchtung nicht mildert. Lanzer erfindet Gegenmaßnahmen, die ihrerseits Gegenmaßnahmen erfordern. Freud erkennt hinter dem Gedankengebäude eine Ambivalenz: Der Mann liebt seinen Vater und hasst ihn zugleich. Der Hass darf nicht gedacht werden, deshalb wird die Liebe zur Pflicht und die Pflicht zur Qual.
Die Abwehrmechanismen, die Freud in „Hemmung, Symptom und Angst" (1926) und Anna Freud 1936 systematisiert haben, passen zu diesem Bild. Bei der Reaktionsbildung wird ein Impuls in sein Gegenteil verwandelt: Aus dem Wunsch, etwas zu zerstören, wird die Sorge, es zu beschädigen. Beim Isolieren wird ein Gedanke von seinem Affekt getrennt. Beim Ungeschehenmachen soll eine Handlung durch eine zweite rückgängig gemacht werden. Der Zweifel schließlich ist für Freud Ausdruck der Ambivalenz: Wer zugleich liebt und hasst, kann nichts endgültig entscheiden.
Die Ordnung bewacht eine Aggression
Wer die Trias für eine Eigenschaftsliste hält, übersieht ihre Funktion. Ordnung, Sparsamkeit und Eigensinn binden Aggression. Im Eigensinn bleibt der Trotz des Kindes erhalten, das nicht hergeben will. Die Sparsamkeit verweigert das Hergeben und damit die Beziehung. Die Ordnung hält die Welt in einem Zustand, in dem nichts geschehen darf, was die Wut freisetzen könnte.
Die Kontrolle schützt das Ich vor dem eigenen Impuls. Darin liegt das Dilemma des Zwangscharakters: Er erkennt seine Aggression nicht als eigene, weil sie in Tugenden verwandelt worden ist. Er nennt sich gewissenhaft und fürchtet sich dabei, er nennt sich sparsam und versagt sich vieles, er nennt sich gründlich und kann nicht loslassen. Seine Mitmenschen erleben ihn als Mauer. Er selbst erlebt sich als jemand, der sich bemüht.
Die Freude an der Kontrolle gehört dazu. Das Zwanghafte befriedigt, wie Freud zeigt, ein Verlangen. Die Erledigung des Rituals, das makellos geführte Konto, die vollständige Liste verschaffen eine Lust, die im Alltag unauffällig bleibt. Hier liegt die Brücke zum Masochismus: Der Zwangscharakter lebt unter einem strengen Über-Ich, das ihn antreibt und bestraft, und er findet in der Selbstdisziplin eine Genugtuung, die er nicht so nennen würde.
Wie entsteht ein Zwangscharakter?
Freud suchte die Ursache in der frühen Auseinandersetzung um Reinlichkeit und Kontrolle. Abraham verlängerte die Linie in die Zeit, in der das Kind lernt, zu geben und zurückzuhalten. Die heutige Forschung nennt Temperament, Erziehung und genetische Anteile und hält die Entwicklung für mehrfach bedingt. Psychoanalytisch bleibt eine Frage, die kein Fragebogen stellt: In welcher Beziehung musste ein Kind lernen, dass Wut gefährlich ist und Ordnung schützt? In den Lebensgeschichten, die Analytiker beschreiben, taucht oft ein Zuhause auf, in dem Leistung Zuneigung brachte, Gefühle Unruhe stifteten und Fehler Folgen hatten.
Der Typus, den die Leistungsgesellschaft belohnt
Hier wird der Begriff gesellschaftlich. Max Weber beschrieb in „Die protestantische Ethik und der ‚Geist' des Kapitalismus" (1904/05) den Berufsmenschen, der Askese in den Alltag hineinbringt, Zeit als Kapital behandelt und im Erfolg ein Zeichen der Erwählung sucht. Norman O. Brown deutete in „Life Against Death" (1959) die Geldwirtschaft mit Freud als Sublimierung analer Lust. Man muss keine der beiden Thesen teilen, um zu sehen, dass der Zwangscharakter in der Arbeitswelt gut zurechtkommt. Er ist pünktlich, zuverlässig und detailgenau. Er arbeitet länger, als verlangt wird, und macht sich selbst zur Kontrollinstanz.
Die Zahlen zum Perfektionismus passen dazu. Thomas Curran und Andrew Hill werteten 2019 in der Zeitschrift Psychological Bulletin 164 Stichproben mit 41.641 Studierenden aus den USA, Kanada und Großbritannien aus, erhoben zwischen 1989 und 2016. Alle drei Dimensionen des Perfektionismus nahmen über den Zeitraum zu: der selbstbezogene, der fremdbezogene und der sozial vorgeschriebene. Am stärksten stieg der sozial vorgeschriebene, also der Eindruck, dass andere makellose Leistungen erwarten. Die Studie erfasst Studierende und keinen Querschnitt der Bevölkerung, und Perfektionismus ist kein Synonym für Zwangscharakter. Sie zeigt aber, dass die Anforderungen, mit denen der Zwangscharakter sich identifiziert, zu einer allgemeinen Erwartung geworden sind.
Das Belohnungssystem hält, bis es kippt. Der Zwangscharakter erhält Anerkennung für das, was ihn bindet. Sobald die Ordnung nicht mehr ausreicht, die Aggression zu bewachen, tritt sie anders auf: als Erschöpfung, als Grübeln, als Zwangsgedanke, der gegen den eigenen Willen kommt. Die Zwangsstörung ist in diesem Sinn der Zusammenbruch einer Abwehr, die lange funktioniert hat.
Was die Klassifikationen aus dem Begriff gemacht haben
Die psychiatrischen Handbücher haben Freuds Begriff in ein Merkmalsinventar übersetzt. Das DSM-5 führt die zwanghafte Persönlichkeitsstörung (Obsessive-Compulsive Personality Disorder) mit Kriterien wie Perfektionismus, der die Aufgabenerfüllung behindert, übermäßiger Hingabe an Arbeit, Rigidität und Geiz. Die Häufigkeit in der Allgemeinbevölkerung gibt das Handbuch mit etwa zwei bis acht Prozent an. Die ICD-10 spricht von der anankastischen Persönlichkeitsstörung (F60.5). Die ICD-11 verzichtet auf einzelne Persönlichkeitsstörungen und beschreibt Anankastie als Ausprägungsmerkmal, bei dem Perfektionismus und emotionale Einengung im Mittelpunkt stehen.
Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung gehört im DSM-5 zu Cluster C, gemeinsam mit der ängstlich-vermeidenden und der dependenten Persönlichkeitsstörung. Insgesamt kennt das DSM-5 zehn Persönlichkeitsstörungen. Die ICD-10 führt acht spezifische (F60.0 bis F60.7), darunter die paranoide, schizoide, dissoziale, emotional instabile, histrionische, anankastische, ängstliche und abhängige. „Anankastisch” leitet sich vom griechischen anánke ab und bedeutet Zwang oder Notwendigkeit.
Diese Übersetzung bringt Messbarkeit. Sie verliert die Frage, die Freud interessierte: Wofür dient das alles? Ein Kriterienkatalog sagt, dass ein Mensch an Regeln klammert. Er sagt nicht, welche Regung durch die Regeln in Schach gehalten wird. Die Theorie der Abwehr, die Freud und Anna Freud entwickelten, beantwortet gerade diese Frage, und sie ist dem Zwangscharakter angemessener als jede Aufzählung seiner Merkmale.
Zwangscharakter und Zwangsstörung
Die beiden Begriffe werden oft vermischt. Die Zwangsstörung (ICD-10 F42) ist durch Zwangsgedanken und Zwangshandlungen definiert, die der Betroffene als quälend und sinnlos erlebt. Der Zwangscharakter dagegen erlebt seine Ordnung als vernünftig, und die Umgebung leidet mehr als er selbst. Ein Mensch kann beides haben, und viele Menschen mit Zwangsstörung besitzen keinen zwanghaften Charakter. Die Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil sie zwei verschiedene Fragen stellt. Bei der Zwangsstörung fragt man nach dem Symptom und seiner Funktion. Beim Zwangscharakter fragt man nach der Lebensform.
„Obsessiv" ist ein Anglizismus, den das Deutsche nicht braucht. Es hat Zwangsgedanken für Gedanken, die sich aufdrängen, und zwanghaft für den Charakter. Die englische Sprache fasst beides in „obsessive", und die Übernahme des Wortes vermischt es auch im Deutschen. Die Folge ist, dass man jede Gründlichkeit als Zwang deutet oder die Charakterfrage übersieht und nur die Störung sieht. Der Mensch, der seit Jahren in seiner Ordnung lebt und nicht weiß, wovor sie ihn schützt, kommt in beiden Lesarten nicht vor.
Behandlung: Wann Therapie sinnvoll ist
Menschen mit Zwangscharakter kommen selten wegen der Ordnung in Behandlung. Sie kommen wegen Erschöpfung, Depression, Beziehungskonflikten oder körperlicher Beschwerden, oder weil ein Partner die Starrheit nicht mehr erträgt. Der Leidensdruck entsteht an den Folgen der Kontrolle. Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung wird psychotherapeutisch behandelt, tiefenpsychologisch, psychoanalytisch oder verhaltenstherapeutisch. Medikamente kommen bei Begleiterkrankungen wie Depression in Frage. In der psychoanalytischen Arbeit geht es darum, die Funktion der Kontrolle zu verstehen, die Aggression hinter der Ordnung zugänglich zu machen und Entscheidungen auszuhalten, die nicht perfekt abgesichert sind. Die Prognose verbessert sich, sobald Betroffene ihre Starrheit als Problem erkennen.
Was die Kontrolle kostet
Nach Freuds Lesart hat Ordnung eine Funktion: Sie hält Angst vor dem eigenen Impuls in Schach, und diese Funktion kostet. Der Zwangscharakter bezahlt mit Spontaneität, mit Nähe und mit der Fähigkeit, eine Entscheidung stehen zu lassen. Er gewinnt Verlässlichkeit, Ansehen und das Gefühl, dass nichts passiert. Eine Gesellschaft, die Kontrolle für eine Tugend hält, nimmt diesen Handel gern an, und sie bemerkt seinen Preis erst, wenn die Abwehr versagt.
Das Wichtigste in Kürze
• Freud beschrieb 1908 eine Trias von Eigenschaften: ordentlich, sparsam, eigensinnig.
• Abraham baute sie 1921 zum Bild des analen Charakters aus. Die körperliche Herleitung gilt heute als überholt, die Beobachtung der Trias hat sich gehalten.
• Ordnung, Sparsamkeit und Eigensinn binden nach Freud eine Aggression, die der Betroffene nicht als eigene erkennt.
• Der Zwangscharakter erlebt seine Ordnung als vernünftig, die Zwangsstörung erlebt der Betroffene als quälend und sinnlos.
• DSM-5 und ICD führen den Typus als zwanghafte oder anankastische Persönlichkeitsstörung. Die Kriterienlisten sagen, was ein Mensch tut, und lassen offen, wofür er es tut.
• Die Leistungsgesellschaft belohnt den Typus, bis die Abwehr versagt und die Aggression als Erschöpfung, Grübeln oder Zwangsgedanke wiederkehrt.
• Betroffene suchen Therapie meist wegen Erschöpfung, Depression oder Beziehungskonflikten.
Quellen und Weiterlesen
Freud, S. (1907): Zwangshandlungen und Religionsübungen.
Freud, S. (1908): Charakter und Analerotik.
Freud, S. (1909): Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose.
Freud, S. (1926): Hemmung, Symptom und Angst.
Freud, A. (1936): Das Ich und die Abwehrmechanismen.
Abraham, K. (1921): Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter.
Weber, M. (1904/05): Die protestantische Ethik und der „Geist” des Kapitalismus.
Brown, N. O. (1959): Life Against Death.
Curran, T. und Hill, A. P. (2019): Perfectionism is increasing over time. Psychological Bulletin 145(4), 410 bis 429. https://doi.org/10.1037/bul0000138
American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Auflage.
WHO (2019): ICD-11, 6D11.5 Anankastia.
Verwandte Artikel
DESCRIPTION: Zwangscharakter und zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Merkmale, Ursachen und Freuds Deutung. Warum Ordnung Aggression bewacht und die Leistungsgesellschaft den Typus belohnt.
Zwangscharakter: Warum Ordnung, Zweifel und Kontrolle zusammengehören
Wer „obsessiv" in eine Suchmaschine eingibt, will meistens wissen, ob er oder jemand in seiner Nähe eine Zwangsstörung hat. Freud stellte die Frage anders. Er beschrieb 1908 einen Menschen, der keine Zwangshandlungen ausführt und trotzdem von Ordnung, Sparsamkeit und Zweifel beherrscht wird. Dieser Text folgt dem Begriff des Zwangscharakters von Freud über Abraham bis in die heutigen Klassifikationen und fragt, warum eine Gesellschaft, die Leistung verlangt, genau diesen Typus belohnt.
Drei Eigenschaften und ein Verdacht
In dem kurzen Aufsatz „Charakter und Analerotik" von 1908 beobachtet Freud bei bestimmten Patienten eine Trias von Eigenschaften. Sie sind auffallend ordentlich, sparsam und eigensinnig. Ordentlichkeit meint bei ihnen mehr als Sauberkeit. Sie umfasst Gewissenhaftigkeit und Verlässlichkeit in kleinen Dingen. Die Sparsamkeit kann bis zum Geiz reichen. Der Eigensinn kann in Trotz übergehen.
Freud macht aus der Beobachtung eine Theorie. Er stellt fest, dass diese Menschen in ihrer Kindheit lange mit der Reinlichkeitserziehung gekämpft haben und an der Stuhlentleerung eine ungewöhnliche Lust fanden, besonders am Zurückhalten. Aus dieser frühen Lust, so seine Annahme, werden später Charakterzüge. Das Kind, das nicht hergeben will, wird der Erwachsene, der nicht ausgeben will. Die Gleichsetzung von Geld und Kot, die Freud in anderen Arbeiten vertieft, stammt aus dieser Linie. Sie ist in Märchen, Sprichwörtern und Träumen so verbreitet, dass sie kaum als Behauptung wirkt.
Heute lässt sich die körperliche Herleitung kaum noch halten. Die Beobachtung der Trias hat sich als zählebig erwiesen. Karl Abraham baute sie 1921 zum Bild des analen Charakters aus, und sie taucht in der Beschreibung der zwanghaften Persönlichkeit bis in die aktuellen Handbücher wieder auf.
Woran man einen Zwangscharakter erkennt
Die Merkmale lassen sich in der Sprache der Klassifikation und in der Sprache Freuds beschreiben. Das DSM-5 nennt für die zwanghafte Persönlichkeitsstörung acht Kriterien, von denen vier erfüllt sein müssen: Beschäftigung mit Details, Regeln und Listen, Perfektionismus, der die Aufgabenerfüllung behindert, übermäßige Hingabe an Arbeit auf Kosten von Freizeit und Beziehungen, Rigidität in Fragen von Moral und Ethik, die Unfähigkeit, wertlose Gegenstände wegzuwerfen, Widerwillen gegen das Delegieren, Geiz gegenüber sich selbst und anderen sowie Starrheit und Halsstarrigkeit.
Im Alltag zeigt sich das Verhalten unauffälliger, als die Liste vermuten lässt. Betroffene sortieren die Einkaufsliste nach Gängen, können eine Urlaubsplanung nicht offen lassen und erleben die Verspätung anderer als Kränkung. Sie entscheiden spät, weil jede Entscheidung eine Alternative ausschließt, und sie delegieren ungern, weil niemand die Aufgabe so erledigt, wie sie erledigt werden müsste. Die Störung beginnt nach dem DSM-5 im frühen Erwachsenenalter, die Anlagen reichen weiter zurück.
Wie die Zwangsneurose den Charakter färbt
Der Zwangscharakter ist von der Zwangsneurose zu unterscheiden. Bei der Zwangsneurose beschreibt Freud Symptome: Zwangsgedanken, Zeremonien, Rituale, Kontrollhandlungen. Der Zwangscharakter ist die Weise, wie ein Mensch lebt, auch ohne Symptome im engen Sinn. Beides hängt nach Freud zusammen, weil derselbe Abwehrapparat arbeitet.
In „Zwangshandlungen und Religionsübungen" (1907) vergleicht Freud das private Zeremoniell des Zwangskranken mit religiösen Ritualen. Er sieht in beiden den Verzicht auf Triebe und die Abwehr eines unbewussten Schuldgefühls. Die Zwangsneurose nennt er eine individuelle Religiosität, die Religion eine universelle Zwangsneurose. Die Pointe liegt in der Zirkularität: Das Ritual soll Unheil abwenden und bestätigt mit jeder Wiederholung, dass Unheil droht.
Im Fall des Rattenmanns (1909) zeigt Freud, wie das aussieht. Der junge Jurist Ernst Lanzer quält sich mit der Vorstellung, seinem Vater und seiner Geliebten könne eine grausame Strafe widerfahren, bei der Ratten eine Rolle spielen. Der Vater ist zu diesem Zeitpunkt seit Jahren tot, was die Befürchtung nicht mildert. Lanzer erfindet Gegenmaßnahmen, die ihrerseits Gegenmaßnahmen erfordern. Freud erkennt hinter dem Gedankengebäude eine Ambivalenz: Der Mann liebt seinen Vater und hasst ihn zugleich. Der Hass darf nicht gedacht werden, deshalb wird die Liebe zur Pflicht und die Pflicht zur Qual.
Die Abwehrmechanismen, die Freud in „Hemmung, Symptom und Angst" (1926) und Anna Freud 1936 systematisiert haben, passen zu diesem Bild. Bei der Reaktionsbildung wird ein Impuls in sein Gegenteil verwandelt: Aus dem Wunsch, etwas zu zerstören, wird die Sorge, es zu beschädigen. Beim Isolieren wird ein Gedanke von seinem Affekt getrennt. Beim Ungeschehenmachen soll eine Handlung durch eine zweite rückgängig gemacht werden. Der Zweifel schließlich ist für Freud Ausdruck der Ambivalenz: Wer zugleich liebt und hasst, kann nichts endgültig entscheiden.
Die Ordnung bewacht eine Aggression
Wer die Trias für eine Eigenschaftsliste hält, übersieht ihre Funktion. Ordnung, Sparsamkeit und Eigensinn binden Aggression. Im Eigensinn bleibt der Trotz des Kindes erhalten, das nicht hergeben will. Die Sparsamkeit verweigert das Hergeben und damit die Beziehung. Die Ordnung hält die Welt in einem Zustand, in dem nichts geschehen darf, was die Wut freisetzen könnte.
Die Kontrolle schützt das Ich vor dem eigenen Impuls. Darin liegt das Dilemma des Zwangscharakters: Er erkennt seine Aggression nicht als eigene, weil sie in Tugenden verwandelt worden ist. Er nennt sich gewissenhaft und fürchtet sich dabei, er nennt sich sparsam und versagt sich vieles, er nennt sich gründlich und kann nicht loslassen. Seine Mitmenschen erleben ihn als Mauer. Er selbst erlebt sich als jemand, der sich bemüht.
Die Freude an der Kontrolle gehört dazu. Das Zwanghafte befriedigt, wie Freud zeigt, ein Verlangen. Die Erledigung des Rituals, das makellos geführte Konto, die vollständige Liste verschaffen eine Lust, die im Alltag unauffällig bleibt. Hier liegt die Brücke zum Masochismus: Der Zwangscharakter lebt unter einem strengen Über-Ich, das ihn antreibt und bestraft, und er findet in der Selbstdisziplin eine Genugtuung, die er nicht so nennen würde.
Wie entsteht ein Zwangscharakter?
Freud suchte die Ursache in der frühen Auseinandersetzung um Reinlichkeit und Kontrolle. Abraham verlängerte die Linie in die Zeit, in der das Kind lernt, zu geben und zurückzuhalten. Die heutige Forschung nennt Temperament, Erziehung und genetische Anteile und hält die Entwicklung für mehrfach bedingt. Psychoanalytisch bleibt eine Frage, die kein Fragebogen stellt: In welcher Beziehung musste ein Kind lernen, dass Wut gefährlich ist und Ordnung schützt? In den Lebensgeschichten, die Analytiker beschreiben, taucht oft ein Zuhause auf, in dem Leistung Zuneigung brachte, Gefühle Unruhe stifteten und Fehler Folgen hatten.
Der Typus, den die Leistungsgesellschaft belohnt
Hier wird der Begriff gesellschaftlich. Max Weber beschrieb in „Die protestantische Ethik und der ‚Geist' des Kapitalismus" (1904/05) den Berufsmenschen, der Askese in den Alltag hineinbringt, Zeit als Kapital behandelt und im Erfolg ein Zeichen der Erwählung sucht. Norman O. Brown deutete in „Life Against Death" (1959) die Geldwirtschaft mit Freud als Sublimierung analer Lust. Man muss keine der beiden Thesen teilen, um zu sehen, dass der Zwangscharakter in der Arbeitswelt gut zurechtkommt. Er ist pünktlich, zuverlässig und detailgenau. Er arbeitet länger, als verlangt wird, und macht sich selbst zur Kontrollinstanz.
Die Zahlen zum Perfektionismus passen dazu. Thomas Curran und Andrew Hill werteten 2019 in der Zeitschrift Psychological Bulletin 164 Stichproben mit 41.641 Studierenden aus den USA, Kanada und Großbritannien aus, erhoben zwischen 1989 und 2016. Alle drei Dimensionen des Perfektionismus nahmen über den Zeitraum zu: der selbstbezogene, der fremdbezogene und der sozial vorgeschriebene. Am stärksten stieg der sozial vorgeschriebene, also der Eindruck, dass andere makellose Leistungen erwarten. Die Studie erfasst Studierende und keinen Querschnitt der Bevölkerung, und Perfektionismus ist kein Synonym für Zwangscharakter. Sie zeigt aber, dass die Anforderungen, mit denen der Zwangscharakter sich identifiziert, zu einer allgemeinen Erwartung geworden sind.
Das Belohnungssystem hält, bis es kippt. Der Zwangscharakter erhält Anerkennung für das, was ihn bindet. Sobald die Ordnung nicht mehr ausreicht, die Aggression zu bewachen, tritt sie anders auf: als Erschöpfung, als Grübeln, als Zwangsgedanke, der gegen den eigenen Willen kommt. Die Zwangsstörung ist in diesem Sinn der Zusammenbruch einer Abwehr, die lange funktioniert hat.
Was die Klassifikationen aus dem Begriff gemacht haben
Die psychiatrischen Handbücher haben Freuds Begriff in ein Merkmalsinventar übersetzt. Das DSM-5 führt die zwanghafte Persönlichkeitsstörung (Obsessive-Compulsive Personality Disorder) mit Kriterien wie Perfektionismus, der die Aufgabenerfüllung behindert, übermäßiger Hingabe an Arbeit, Rigidität und Geiz. Die Häufigkeit in der Allgemeinbevölkerung gibt das Handbuch mit etwa zwei bis acht Prozent an. Die ICD-10 spricht von der anankastischen Persönlichkeitsstörung (F60.5). Die ICD-11 verzichtet auf einzelne Persönlichkeitsstörungen und beschreibt Anankastie als Ausprägungsmerkmal, bei dem Perfektionismus und emotionale Einengung im Mittelpunkt stehen.
Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung gehört im DSM-5 zu Cluster C, gemeinsam mit der ängstlich-vermeidenden und der dependenten Persönlichkeitsstörung. Insgesamt kennt das DSM-5 zehn Persönlichkeitsstörungen. Die ICD-10 führt acht spezifische (F60.0 bis F60.7), darunter die paranoide, schizoide, dissoziale, emotional instabile, histrionische, anankastische, ängstliche und abhängige. „Anankastisch” leitet sich vom griechischen anánke ab und bedeutet Zwang oder Notwendigkeit.
Diese Übersetzung bringt Messbarkeit. Sie verliert die Frage, die Freud interessierte: Wofür dient das alles? Ein Kriterienkatalog sagt, dass ein Mensch an Regeln klammert. Er sagt nicht, welche Regung durch die Regeln in Schach gehalten wird. Die Theorie der Abwehr, die Freud und Anna Freud entwickelten, beantwortet gerade diese Frage, und sie ist dem Zwangscharakter angemessener als jede Aufzählung seiner Merkmale.
Zwangscharakter und Zwangsstörung
Die beiden Begriffe werden oft vermischt. Die Zwangsstörung (ICD-10 F42) ist durch Zwangsgedanken und Zwangshandlungen definiert, die der Betroffene als quälend und sinnlos erlebt. Der Zwangscharakter dagegen erlebt seine Ordnung als vernünftig, und die Umgebung leidet mehr als er selbst. Ein Mensch kann beides haben, und viele Menschen mit Zwangsstörung besitzen keinen zwanghaften Charakter. Die Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil sie zwei verschiedene Fragen stellt. Bei der Zwangsstörung fragt man nach dem Symptom und seiner Funktion. Beim Zwangscharakter fragt man nach der Lebensform.
„Obsessiv" ist ein Anglizismus, den das Deutsche nicht braucht. Es hat Zwangsgedanken für Gedanken, die sich aufdrängen, und zwanghaft für den Charakter. Die englische Sprache fasst beides in „obsessive", und die Übernahme des Wortes vermischt es auch im Deutschen. Die Folge ist, dass man jede Gründlichkeit als Zwang deutet oder die Charakterfrage übersieht und nur die Störung sieht. Der Mensch, der seit Jahren in seiner Ordnung lebt und nicht weiß, wovor sie ihn schützt, kommt in beiden Lesarten nicht vor.
Behandlung: Wann Therapie sinnvoll ist
Menschen mit Zwangscharakter kommen selten wegen der Ordnung in Behandlung. Sie kommen wegen Erschöpfung, Depression, Beziehungskonflikten oder körperlicher Beschwerden, oder weil ein Partner die Starrheit nicht mehr erträgt. Der Leidensdruck entsteht an den Folgen der Kontrolle. Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung wird psychotherapeutisch behandelt, tiefenpsychologisch, psychoanalytisch oder verhaltenstherapeutisch. Medikamente kommen bei Begleiterkrankungen wie Depression in Frage. In der psychoanalytischen Arbeit geht es darum, die Funktion der Kontrolle zu verstehen, die Aggression hinter der Ordnung zugänglich zu machen und Entscheidungen auszuhalten, die nicht perfekt abgesichert sind. Die Prognose verbessert sich, sobald Betroffene ihre Starrheit als Problem erkennen.
Was die Kontrolle kostet
Nach Freuds Lesart hat Ordnung eine Funktion: Sie hält Angst vor dem eigenen Impuls in Schach, und diese Funktion kostet. Der Zwangscharakter bezahlt mit Spontaneität, mit Nähe und mit der Fähigkeit, eine Entscheidung stehen zu lassen. Er gewinnt Verlässlichkeit, Ansehen und das Gefühl, dass nichts passiert. Eine Gesellschaft, die Kontrolle für eine Tugend hält, nimmt diesen Handel gern an, und sie bemerkt seinen Preis erst, wenn die Abwehr versagt.
Das Wichtigste in Kürze
• Freud beschrieb 1908 eine Trias von Eigenschaften: ordentlich, sparsam, eigensinnig.
• Abraham baute sie 1921 zum Bild des analen Charakters aus. Die körperliche Herleitung gilt heute als überholt, die Beobachtung der Trias hat sich gehalten.
• Ordnung, Sparsamkeit und Eigensinn binden nach Freud eine Aggression, die der Betroffene nicht als eigene erkennt.
• Der Zwangscharakter erlebt seine Ordnung als vernünftig, die Zwangsstörung erlebt der Betroffene als quälend und sinnlos.
• DSM-5 und ICD führen den Typus als zwanghafte oder anankastische Persönlichkeitsstörung. Die Kriterienlisten sagen, was ein Mensch tut, und lassen offen, wofür er es tut.
• Die Leistungsgesellschaft belohnt den Typus, bis die Abwehr versagt und die Aggression als Erschöpfung, Grübeln oder Zwangsgedanke wiederkehrt.
• Betroffene suchen Therapie meist wegen Erschöpfung, Depression oder Beziehungskonflikten.
Quellen und Weiterlesen
Freud, S. (1907): Zwangshandlungen und Religionsübungen.
Freud, S. (1908): Charakter und Analerotik.
Freud, S. (1909): Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose.
Freud, S. (1926): Hemmung, Symptom und Angst.
Freud, A. (1936): Das Ich und die Abwehrmechanismen.
Abraham, K. (1921): Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter.
Weber, M. (1904/05): Die protestantische Ethik und der „Geist” des Kapitalismus.
Brown, N. O. (1959): Life Against Death.
Curran, T. und Hill, A. P. (2019): Perfectionism is increasing over time. Psychological Bulletin 145(4), 410 bis 429. https://doi.org/10.1037/bul0000138
American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Auflage.
WHO (2019): ICD-11, 6D11.5 Anankastia.
Verwandte Artikel
Newsletter
Möchten Sie informiert werden, wenn ich einen neuen Blogbeitrag veröffentliche? Tragen Sie sich gern hier ein.
Klicken Sie auf „Kostenlos abonnieren“, wenn Sie meine Datenschutzerklärung gelesen und akzeptiert haben. Ihre Einwilligung können Sie jederzeit widerrufen.
Newsletter
Möchten Sie informiert werden, wenn ich einen neuen Blogbeitrag veröffentliche? Tragen Sie sich gern hier ein.
Klicken Sie auf „Kostenlos abonnieren“, wenn Sie meine Datenschutzerklärung gelesen und akzeptiert haben. Ihre Einwilligung können Sie jederzeit widerrufen.