Alkohol als Kulturgut: Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften

Alkohol als Kulturgut: Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften

Alkohol als Kulturgut

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Apr 27, 2026

ein geteiltes bild auf der linken seite sind menschen die zusammen alkohol trinken, auf der rechten ist ein büro

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Alkohol hat eine lange Geschichte. Die soziale Funktion des Trinkens reicht ebenso weit zurück wie über das Mittelalter, und die Kolonialzeit bis in die Gegenwart und wird von der aktuellen Nüchternheitsbewegung systematisch ignoriert. Eine historisch-anthropologische und therapeutische Perspektive auf Alkoholkonsum.

Alkohol als Kulturgut: Historisch-anthropologische und therapeutische Perspektive auf Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften

Auf einem Fundort in der heutigen Türkei, Göbekli Tepe, 11.000 Jahre alt, fanden Archäologen Gärgefäße für gemeinschaftliches Brauen. Es gab also mutmaßlich auch kollektives Trinken. Der Philosoph Edward Slingerland zieht in seinem Buch „Drunk“ (2021) daraus eine Schlussfolgerung, die unbequemer ist als alle Abstinenzdebatten zusammen. Alkohol hat  trotz seiner enthemmenden Wirkung die Menschheitsgeschichte überlebt. Er hat sie mitgeschrieben. Eine historisch-anthropologische und therapeutische Perspektive auf Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften beginnt deshalb nicht mit dem ersten Entzugspatienten, sondern mit der Frage: Was setzt eine vollständig abstinente Gesellschaft aufs Spiel?

Alkohol als Grundnahrungsmittel: Was vor der Abstinenz kam

Alkohol als Kulturgut klingt nach Rechtfertigung. Aber Alkohol ist Kulturgeschichte. Immerhin gehörten damals fermentierte Getränke zu den wenigen hygienisch sicheren Flüssigkeiten. Bier und Wein töteten Krankheitserreger mehr oder weniger zuverlässig ab, anders als das verfügbare Wasser. Alkohol zum Grundnahrungsmittel zu erklären, ist deshalb keine Verharmlosung. Alkohol wurde aus der Not heraus in der frühen Neuzeit überall getrunken: in Tavernen, Privathaushalten, in Klöstern, und auf Arbeitsstätten.

Was Slingerland interessiert, ist aber nicht die Kalorien- oder Hygienefunktion. Es ist die soziale. Alkohol als Grundnahrungsmittel war stets eingebettet in Rituale, die seinen Konsum regulierten und ihn gleichzeitig produktiv machten: Er schuf Vertrauen, erzeugte Gleichheit im Moment des gemeinsamen Trinkens und senkte jene evolutionäre Feindseligkeit gegenüber Fremden, ohne die soziale Kooperation in größerem Maßstab kaum möglich gewesen wäre. Der Historiker Spode und der Drogensoziologe Schmidt-Semisch, dessen Arbeiten im deutschsprachigen Kontext, darunter im Suhrkamp-Verlag erschienene Analysen, prägend wurden, betonen dasselbe: Der soziale Kontext regulierte den Konsum.

Die soziale Rolle in westlichen Gesellschaften war von Beginn an also eine doppelte: Alkohol als Kitt, der Gemeinschaft stiftet, und als Gefahr, sobald der Kitt ohne Rahmen bleibt.

In vino veritas: Warum Trunkenheit historisch als Wahrheitsmedium galt

Ein chinesischer Text auf Bambusstreifen aus dem 4. oder 3. Jahrhundert vor Christus erklärt: Harmonie zwischen Staaten entsteht durch gemeinsames Weintrinken. Der römische Historiker Tacitus berichtet, die germanischen Stämme hätten politische Entscheidungen im Rausch beraten und nüchtern beschlossen, weil beides als notwendig galt. Der Historiker Iain Gately hält fest, dass unangemessene Nüchternheit damals als zutiefst verdächtig galt. Wer kalkulierte, was er sagte, verbarg etwas.

Neurobiologisch hat das eine Grundlage, die Slingerland ausführlich belegt. Alkohol dämpft selektiv den präfrontalen Kortex, jenes Areal, das für strategische Selbstdarstellung, soziale Kalkulation und Impulskontrolle zuständig ist. Was übrig bleibt, ist nicht so leicht inszenierbar. Die Wirkungen des Alkohols in sozialen Kontexten sind deshalb wohl Enthemmung, aber sie stiften auch Authentizität. Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften lassen sich ohne diesen Zusammenhang nicht verstehen.

Trinken als Erkenntnismethode, Gemeinschaften, die eine Vertrauensprüfung brauchten – daraus sind Kontexte entstanden, in denen die Schutzpanzerung fiel. Trinken war ein solcher Kontext, über Jahrtausende und Kulturen hinweg.

Was Alkohol im Gehirn tut: Enthemmung als Sozialtechnologie

Alkohol ist ein GABA-Agonist. Er dämpft, stimuliert aber gleichzeitig das dopaminerge Belohnungssystem. Die Folge ist ein qualitativ veränderter Bewusstseinszustand: Oxytocin wird ausgeschüttet, Endorphine werden freigesetzt, soziale Bindungsbereitschaft steigt. Toleranz gegenüber Fremden wächst, Misstrauen sinkt. Toleranz gegenüber den Wirkungen des Alkohols entsteht bei regelmäßigem Konsum durch neurobiologische Anpassungsvorgänge, und darum geht es Slingerland.

Das Stirnhirn (der präfrontale Kortex) des Menschen ist im Vergleich zu anderen Primaten enorm entwickelt. Es ermöglicht Planung, Selbstkontrolle, strategisches Kalkül, und ist gleichzeitig der Ort des sozialen Misstrauens, der Selbstzensur, der permanenten Selbstbeobachtung. Moderate Alkoholwirkung dämpft genau diesen Apparat. Das produziert eine soziale Bedingung, unter der Kooperation, Kreativität und Vertrauen leichter entstehen, wenn auch keine tiefen philosophischen Wahrheiten – eine Art gesellschaftlich kodierte Enthemmung.

Diese Funktion erklärt, warum Alkohol nicht einfach als Neurotoxin aus der Geschichte verschwand. Ein Gehirn im milden Rausch schafft einen für bestimmte soziale Kontexte optimierten Modus, mit realen Grenzen, die Slingerland ebenso klar benennt.

Alkohol als sozialer Klebstoff: Was Göbekli Tepe und Tacitus gemeinsam haben

Alkohol als Kulturgut bedeutet konkret: Er hat historisch Gemeinschaft gestiftet. Göbekli Tepe zeigt, dass kollektives Brauen sozialer Kooperation vorausging, nicht folgte. Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften spiegeln genau diese Ur-Funktion wider: gemeinsames Trinken als Statuseinebnung, als Signal der Verletzlichkeitsbereitschaft, als Ritual der Zugehörigkeit.

Bewegungen zur Mäßigung des Alkoholkonsums und ihre modernen Nachfolger, die Sober-Curious-Bewegung, der Dry January, die alkoholfreie Bar, unterschätzen systematisch, was mit dem Ritual verschwindet. Alkohol als Grundnahrungsmittel wurde von Spode und anderen Historikern als Teil eines sozialen Ökosystems beschrieben, in dem Vertrauen rituell erzeugt und sogar vergöttert wurde, wie im Dyonysoskult. Wenn dieses Ritual wegfällt, ohne dass etwas funktional Äquivalentes an seine Stelle tritt, entsteht, wie so oft in der neoliberalen westlichen Welt, keine nüchternere Gemeinschaft. Es entsteht eine isoliertere, um ein Symbol ärmere, für Leistungs- und Selbstoptimierungswahn sowie Warenästhetik verführbare Ansammlung von Individuen.

Die Epidemiologie der Einsamkeit in westlichen Gesellschaften ist alarmierend. Alkohol und insbesondere sein gemeinschaftlicher Konsum lieferten geschichtlich einen Schutz vor sozialer Isolation. Wer beides gleichzeitig streicht – die Kneipe und das Ritual –, verursacht Kosten, die in keiner Public-Health-Statistik auftauchen.

Alkoholkonsum vom Mittelalter über die Kolonialzeit: Die Schattenseite der Kulturgutthese

Eine Kulturanalyse des Alkohols darf aber auch seine dunkle Geschichte nicht überspringen. Vom Mittelalter über die Kolonialzeit bis in die Gegenwart war Alkohol auch Machtinstrument. Alkohol wurde gegen Waffen eingetauscht; Europa lieferte den Sklavenhändlern Schnaps als Tauschmittel für menschliche Körper. Kaffee und Zuckerrohr sowie die neuen Genussmittel bauten Kolonialwirtschaften auf, die eine globale Ungleichheit strukturierten, in der Alkohol die koloniale Kontrolle mitermöglichte. Die Kolonialzeit bis in die Gegenwart trägt diese Geschichte fort: Für viele indigene Bevölkerungsgruppen  ist exzessiver Alkoholkonsum kein Kulturerbe, sondern eine den kolonialen Verhältnissen geschuldete Verwundung.

In Europa selbst veränderte die Industrialisierung die Trinkmuster grundlegend. Destillate verbreiteten sich in der westlichen Welt, soziale Kontrolle entfiel, Alkohol wurde zunehmend außerhalb der Rituale konsumiert, die ihn historisch reguliert hatten. So lassen sich Pendelbewegungen durch die gesamte Kulturgeschichte des Trinkens verfolgen: Phasen kollektiver Enthemmung, gefolgt von moralisierender Reaktion. Alkoholkonsummengen sanken deutlich in Kriegszeiten, in der Zeit des Ersten Weltkrieges durch staatliche Rationierung, um danach umso stärker zu steigen. Dass soziale Unterschiede bei der Entstehung und dem Verlauf von Alkoholproblemen eine entscheidende Rolle spielen, war damals eine politisch unbequeme Aussage. Das ist sie heute noch.

Slingerland kennt diese Schattenseite. Sein Argument ist nicht, dass Alkohol gut ist. Es ist, dass Alkohol komplex ist, und  eine Gesellschaft, die ihn rein als Risikofaktor behandelt, die falsche Frage stellt.

Degenerationstheorien und Bewegungen zur Mäßigung: Wenn Moral zur Diagnose wird

Bevor das 19. Jahrhundert den Trinker als biologische Kategorie erfand, hatte er eine ältere Herkunft. Foucault zeigt in seiner Geschichte des Wahnsinns, dass Trunksucht, Wahnsinn, sittliche Verwahrlosung und Armut bis zur Aufklärung kaum voneinander getrennt wurden. Sie bildeten ein gemeinsames Feld des Unreinen, das die vormoderne Gesellschaft in Armenhäusern, Zuchthäusern und später im klassischen Irrenhaus verwaltete. Wer trank und verarmte, wer verarmte und den Verstand verlor, wer den Verstand verlor und verwahrloste, verriet für die voraufklärerische Wahrnehmung Erscheinungen desselben moralischen Zerfalls. Der Trinker war Insasse, Armer und Irrer zugleich. Eine Diagnose brauchte er nicht. Er brauchte polizeiliche Maßregelung und Verwahrung.

Die Aufklärung trennte diese Kategorien. Sie beseitigte aber die moralische Wertung dabei nicht. Sie übersetzte sie in neue Register. Vernunft wurde zum Maßstab, und wer chronisch trank, galt in einem neuen, medizinisch sanktionierten Sinne als vernunftunfähig.

Degenerationstheorien im 19. Jahrhundert dachten diesen Schritt konsequent zu Ende: Trunksucht wurde zur erblichen Entartung. Die Degenerationstheorie nahm dabei an, dass der Trinker seine Minderwertigkeit an seine Kinder weitergebe, was schließlich zu ausgeprägten Verfallserscheinungen im Erbgut ganzer Familien führe.

Degenerationsideen finden sich darum noch in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“, der den Verfall einer Bürgerfamilie schildert, als Ausdruck erblicher Erschöpfung, mit Trunksucht als Symptom. Mediziner Eugen Fischer und andere festigten das Bild des Trinkers als biologisch minderwertig. Erst das 20. Jahrhundert begann, den schlecht definierten Begriff der Willensschwäche durch neurobiologische Modelle zu ersetzen. Aus dem „Gegenstand“ gesundheitspolizeilicher Verwahrung wurde die psychiatrische Diagnose.

Bewegungen zur Mäßigung des Alkoholkonsums entstanden genau in diesem Klima. Meist religiös und konservativ gerahmt, verbanden sie Sucht und Armut als moralisches Doppelproblem.

Was diese Bewegungen der Mäßigung übersehen haben: Eine Gesellschaft, die Trinken primär als Schwäche rahmt, versteht seine Stärken nicht. Alkohol als Kulturgut und Alkohol als Sucht sind zwei verschiedene Phänomene. Eine Kulturanalyse muss verlangen, beides auseinanderzuhalten.

Prohibition: Das Experiment, das Slingerland recht gab

Das aussagefähigste Gesellschaftsexperiment zu Slingerlands These liefert die amerikanische Prohibition. Die Prohibition scheiterte nicht einfach logistisch. Sie scheiterte anthropologisch. Die Mafia verdiente erheblich, soziale Trinkrituale verlagerten sich in den kriminellen Untergrund, Alkoholkonsummengen sanken zwar zu Beginn, um danach unkontrolliert zu steigen, nun ohne die sozialen Rahmungen, die früher Exzesse reguliert hatten.

Das Verbot von Alkohol hatte einen weiteren Effekt, den Slingerland implizit beschreibt: Es zerstörte die Gemeinschaftsfunktion des Trinkens, ohne etwas an ihre Stelle zu setzen. Der Zusammenbruch des Aktienmarktes 1929 beschleunigte das politische Ende: Damals wurde diskutiert, ob Einkommensteuern eingeführt werden sollten oder ob die Alkoholsteuer den Staatshaushalt sanieren könnte. Letztere Idee setzte sich durch. Die Wiederlegalisierung war gar kein kultureller Lernprozess, sie war fiskalische Notwendigkeit. Was sie trotzdem belegte: Alkohol und insbesondere seine soziale Funktion konnten nicht verboten werden. Gesellschaftliches Trinkverhalten verlagert sich unter Verboten, verfällt, verliert seine regulierende Einbettung. Die Vorstellung, Verbot oder Moralisieren könnten ersetzen, was soziale Architektur leisten muss, erwies sich als Illusion.

Samuel Pearson, Thomas Sutton und das Delirium tremens

Daneben steht eine medizinische Entdeckung, die das Bild des Trinkers für immer veränderte. Eine Komplikation eines Alkoholentzugs ist, unbehandelt, das tödliche Delirium tremens, genauer gesagt: das entsprechende Vollbild mit Krampfanfällen, Halluzinationen und Kreislaufversagen. Eine plötzliche Unterbrechung des süchtigen Alkoholkonsums bedeutete für viele Menschen im 19. Jahrhundert: sterben. Auch heute ist es noch eine lebensbedrohliche Erkrankung.

Von britischen Ärzten Samuel Pearson und Thomas Sutton, unabhängig voneinander, erstmalig beschrieben, gelang damit eine eindeutig medizinische Rahmung von grundlegender Bedeutung: der Nachweis, dass schweres Delirium tremens ein medizinischer, kein moralischer Notfall ist . (Die zeitgleiche, unabhängige Parallelentdeckung zeigt dabei, wie verbreitet diese Zustände in der medizinischen Praxis damals waren.)

Entzugssymptomatik bewies, dass Alkohol, nicht moralische Rechtschaffenheit und Willen, sondern das Gehirn veränderte. Kommt es zum Entzug, reagiert das Nervensystem mit Überaktivität bis hin zum schweren Delir. Das Konzept der Abhängigkeit schuf eine biologische Grundlage.

Begriff der Sucht und Alkoholabhängigkeit: Der lange Weg zur Diagnose

Der Begriff der Alkoholabhängigkeit fand aber erst 1968 formal Eingang in das diagnostische System der American Psychiatric Association. Die World Health Organization folgte. Jellinek hatte mit seinem Konzept „of alcoholism“ bereits 1960 die Grundlage gelegt: das Krankheitsmodell der Abhängigkeit, das Kontrollverlust als klinisches Merkmal definierte, nicht als Charakterschwäche.

Das vielen modernen Suchttheorien zugrundeliegende Konzept der Abhängigkeit trennte seitdem „körperliche Drogenabhängigkeit“ von der „psychischen“ Abhängigkeit , eine Dichotomie, die Schmidt-Semisch kritisch analysierte. Kontrollminderung im Umgang mit Alkohol, klinisch das zentrale Abhängigkeitsmerkmal, beschreibt neurobiologisch die Folge dieser Adaptation: Das mesolimbische System priorisiert das Suchtgedächtnis. Entscheidend ist: Alkoholabhängigkeit ist neurobiologisch verankert. Die sogenannten Homöostase führen zu Anpassungsvorgängen, die das Suchtgedächtnis stabilisieren. Einflüsse im Mutterleib durch Alkohol, das fetale Alkoholsyndrom, belegen die biologische Wirkmacht des Stoffs auf das sich entwickelnde Gehirn. Bei betroffenen Kindern führen diese Schäden zu lebenslangen Einschränkungen.

Allerdings: Das Krankheitsmodell der Alkoholabhängigkeit löst Slingerlands Frage nicht auf. Dass manche Menschen alkoholabhängig werden, sagt nichts darüber, was gemeinschaftliches Trinken für alle anderen leistet. Stigmatisierung und Diskriminierung betroffener Personen entstehen genau dort, wo dieser Unterschied verschwimmt, und wo die Gesellschaft ihren Umgang mit Alkohol insgesamt am Extremfall ausrichtet.

Was die abstinente Gesellschaft übersieht: Slingerlands eigentliche These

Die Sober-Curious-Bewegung, der Dry January, die alkoholfreie Bar: Sie sind kulturell legitim und gesundheitspolitisch nachvollziehbar. Slingerlands Argument richtet sich nicht gegen die individuelle Entscheidung zur Abstinenz. Es richtet sich gegen die strukturelle Illusion, eine Gesellschaft werde sozialer, wenn sie nüchterner wird.

Einschätzung des Alkoholgebrauchs in westlichen Gesellschaften erfordert deshalb den Blick auf das, was wegfällt. Das gemeinsame Trinkritual erzeugte Vertrauen, emotionale Gleichheit und Enthemmung unter sozialer Kontrolle. Kulturgut, eine historisch-anthropologische und therapeutische Perspektive, fragt: Womit wird das ersetzt? Bis heute gibt es keine skalierbare, kulturübergreifende Antwort.

Durch Diskriminierung Betroffener tragen die aktuellen Debatten unbeabsichtigt dazu bei, Alkohol ausschließlich als Pathologie zu rahmen. Stigmatisierung und Diskriminierung betroffener Personen sind real und schwerwiegend. Aber Alkohol und insbesondere seine sozialen Funktionen verschwinden nicht durch Stigmatisierung. Sie verlagern sich, in weniger sichtbare, weniger rituell gebundene, weniger kontrollierte Kontexte. Im Umgang westlicher Gesellschaften mit Alkohol wird diese Verschiebung gerade vollzogen, ohne dass jemand fragt, was dabei verloren geht.

Trinkriten und die latente Bedeutung der Trinkhandlung

Mehr als Entzugsbegleitung und Rückfallprävention sind Antworten auf Fragen nach latenten Bedeutungen notwendig, nach sinnlich-symbolischen Interaktionsformen, jenen leiblich verankerten, vorsprachlichen Handlungsmustern, in denen sich Bedürfnis, Beziehung und kulturelle Einbettung zugleich ausdrücken.

Auch das Trinkritual ist eine solche sinnlich-symbolische Interaktionsform. Das gemeinsame Heben des Glases, der erste Schluck in Gesellschaft, das Ritual des Zuprostens: Das alles transportiert, wie zu sehen war, unausgesprochene Bedeutungen, die weit über den Alkohol hinausgehen: Zugehörigkeit, Vertrauen, die vorübergehende Aufhebung der sozialen Schutzpanzerung, die Bereitschaft zur gemeinsamen Verletzlichkeit. Slingerland beschreibt diese Funktion evolutionsanthropologisch. Lorenzer würde sagen: Das Trinken ist eine kulturelle Szene, in der die sinnliche Erfahrung des Körpers und die symbolische Ordnung der Gemeinschaft unlösbar verschränkt sind.

Was Lorenzer dergestalt als sinnlich-symbolische Interaktionsform analysiert, ist in Göbekli Tepe 11.000 Jahre alt. Die Fermentationsgefäße, die Archäologen dort fanden, belegen keine individuellen Trinksitten, sondern eine kollektive Szene: Menschen kamen zusammen, um gemeinsam zu brauen und zu trinken. Die Trinkhandlung war hier in ihrer reinsten Form sinnlich-symbolische Interaktionsform, leiblich konkret im geteilten Trunk, symbolisch aufgeladen durch das, was sie stiftete: die Möglichkeit, mit Fremden in Vertrauen zu treten. Der oben erwähnte chinesische Bambustext aus dem 4. Jahrhundert vor Christus bringt diese latente Bedeutung auf den Begriff: Harmonie zwischen Staaten entsteht durch gemeinsames Weintrinken. Was Lorenzer als impliziten Bedeutungsgehalt einer kulturellen Szene beschreiben würde, ist hier explizite politische Theorie. Trinkriten sind Symbolisierungsleistungen, und das war bereits in der Vorgeschichte der Fall.

Wo findet nun die Desymbolisierung statt? Nicht in der Alkoholabhängigkeit. Sie findet in der Werbekommunikation statt. Aperol Spritz, Hugo, Negroni – die zeitgenössische Alkoholwerbung operiert exakt nach einem bestimmten Mechanismus: Die Interaktionsform spaltet sich. Die sinnliche Seite wird zum sprachlos werdenden Klischee: das Bildmaterial der sonnigen Terrasse, der lachenden Menschen, des orangefarbenen Glases im Gegenlicht. Es reproduziert die Oberfläche der gemeinschaftlichen Szene, ohne den sozialen Prozess dahinter zu enthalten. Gleichzeitig entstehen emotional abgekoppelte hohle Sprachfiguren: „Aperol Spritz“ signalisiert Leichtigkeit, Geselligkeit, Sommerfreiheit, Bedeutungen, die von keiner konkreten sozialen Erfahrung mehr getragen werden. Die Sprache des Marktes verwaltet, was die leibliche Szene nicht mehr liefert.

Wolfgang Fritz Haugs Begriff der Warenästhetik trifft sich hier präzise mit Lorenzers Desymbolisierungskonzept. Das Versprechen der Ware, kaufe diesen Aperol und kaufe dich in die Wärme dieser Szene ein, ist Ersatzbefriedigung unter falschem Namen. Die Rationalisierung lautet: Ich trinke, weil ich genieße, weil es Sommer ist, weil ich dazugehöre. Was unter diesem Namen angeboten wird, ist das leere Bild eines Zustands, den kein Getränk herstellen kann. Göbekli Tepe und der chinesische Bambustext zeigen, was das Original war: eine leiblich-kollektive Szene, in der Vertrauen tatsächlich entstand. Die Negroni-Werbung zeigt nur noch deren Klischee.

Für den Umgang mit Alkohol ergibt sich daraus auch eine spezifische Frage, die über Auslöser und Rückfallsituationen hinausgeht: Was hat das Trinken einmal bedeutet, bevor die Werbung es definierte und es zur Störung wurde? Welche sinnlich-symbolischen Szenen, welche latenten Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Authentizität, Enthemmung, konnten auf keinem anderen Weg erreicht werden? Es war Interaktionsform in einer sozialen Szene, deren Bedeutung die Warenästhetik längst desymbolisiert hat.

Alkohol hat eine tausendjährige Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht, und eine symbolische Tiefe, die älter ist als jedes Therapiemodell. Eine Gesellschaft, die beides vergisst, behandelt die falsche Frage. Sie fragt, wie sie das Trinken abschafft. Slingerlands Frage ist die unbequemere: Was schafft sie ab, wenn sie es abschafft?

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte

·         Alkohol als Kulturgut hat eine Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht; die historische Variabilität seines Konsums zeigt, dass Trinken immer sozial eingebettet war, und reguliert wurde durch den Kontext, nicht den Stoff.

·         In vino veritas hat eine neurobiologische Grundlage: Die Wirkungen des Alkohols auf den präfrontalen Kortex erzeugen Authentizität und soziale Bindung, eine Funktion, die Slingerland als historisch unterschätzten Zivilisationsbeitrag rekonstruiert.

·         Der soziale Kontext des Alkoholkonsums war stets das eigentliche Regulativ.

·         Der Begriff der Sucht und das Konzept der Abhängigkeit wurden erst 1968 formal anerkannt durch die American Psychiatric Association und die World Health Organization; das Konzept „Alkoholismus“ von Jellinek ersetzte den schlecht definierten Begriff der Willensschwäche.

·         Eine gesellschaftliche Perspektive auf den Alkoholkonsum erfordert die Frage nach dessen Funktion.


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Alkohol hat eine lange Geschichte. Die soziale Funktion des Trinkens reicht ebenso weit zurück wie über das Mittelalter, und die Kolonialzeit bis in die Gegenwart und wird von der aktuellen Nüchternheitsbewegung systematisch ignoriert. Eine historisch-anthropologische und therapeutische Perspektive auf Alkoholkonsum.

Alkohol als Kulturgut: Historisch-anthropologische und therapeutische Perspektive auf Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften

Auf einem Fundort in der heutigen Türkei, Göbekli Tepe, 11.000 Jahre alt, fanden Archäologen Gärgefäße für gemeinschaftliches Brauen. Es gab also mutmaßlich auch kollektives Trinken. Der Philosoph Edward Slingerland zieht in seinem Buch „Drunk“ (2021) daraus eine Schlussfolgerung, die unbequemer ist als alle Abstinenzdebatten zusammen. Alkohol hat  trotz seiner enthemmenden Wirkung die Menschheitsgeschichte überlebt. Er hat sie mitgeschrieben. Eine historisch-anthropologische und therapeutische Perspektive auf Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften beginnt deshalb nicht mit dem ersten Entzugspatienten, sondern mit der Frage: Was setzt eine vollständig abstinente Gesellschaft aufs Spiel?

Alkohol als Grundnahrungsmittel: Was vor der Abstinenz kam

Alkohol als Kulturgut klingt nach Rechtfertigung. Aber Alkohol ist Kulturgeschichte. Immerhin gehörten damals fermentierte Getränke zu den wenigen hygienisch sicheren Flüssigkeiten. Bier und Wein töteten Krankheitserreger mehr oder weniger zuverlässig ab, anders als das verfügbare Wasser. Alkohol zum Grundnahrungsmittel zu erklären, ist deshalb keine Verharmlosung. Alkohol wurde aus der Not heraus in der frühen Neuzeit überall getrunken: in Tavernen, Privathaushalten, in Klöstern, und auf Arbeitsstätten.

Was Slingerland interessiert, ist aber nicht die Kalorien- oder Hygienefunktion. Es ist die soziale. Alkohol als Grundnahrungsmittel war stets eingebettet in Rituale, die seinen Konsum regulierten und ihn gleichzeitig produktiv machten: Er schuf Vertrauen, erzeugte Gleichheit im Moment des gemeinsamen Trinkens und senkte jene evolutionäre Feindseligkeit gegenüber Fremden, ohne die soziale Kooperation in größerem Maßstab kaum möglich gewesen wäre. Der Historiker Spode und der Drogensoziologe Schmidt-Semisch, dessen Arbeiten im deutschsprachigen Kontext, darunter im Suhrkamp-Verlag erschienene Analysen, prägend wurden, betonen dasselbe: Der soziale Kontext regulierte den Konsum.

Die soziale Rolle in westlichen Gesellschaften war von Beginn an also eine doppelte: Alkohol als Kitt, der Gemeinschaft stiftet, und als Gefahr, sobald der Kitt ohne Rahmen bleibt.

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Ein chinesischer Text auf Bambusstreifen aus dem 4. oder 3. Jahrhundert vor Christus erklärt: Harmonie zwischen Staaten entsteht durch gemeinsames Weintrinken. Der römische Historiker Tacitus berichtet, die germanischen Stämme hätten politische Entscheidungen im Rausch beraten und nüchtern beschlossen, weil beides als notwendig galt. Der Historiker Iain Gately hält fest, dass unangemessene Nüchternheit damals als zutiefst verdächtig galt. Wer kalkulierte, was er sagte, verbarg etwas.

Neurobiologisch hat das eine Grundlage, die Slingerland ausführlich belegt. Alkohol dämpft selektiv den präfrontalen Kortex, jenes Areal, das für strategische Selbstdarstellung, soziale Kalkulation und Impulskontrolle zuständig ist. Was übrig bleibt, ist nicht so leicht inszenierbar. Die Wirkungen des Alkohols in sozialen Kontexten sind deshalb wohl Enthemmung, aber sie stiften auch Authentizität. Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften lassen sich ohne diesen Zusammenhang nicht verstehen.

Trinken als Erkenntnismethode, Gemeinschaften, die eine Vertrauensprüfung brauchten – daraus sind Kontexte entstanden, in denen die Schutzpanzerung fiel. Trinken war ein solcher Kontext, über Jahrtausende und Kulturen hinweg.

Was Alkohol im Gehirn tut: Enthemmung als Sozialtechnologie

Alkohol ist ein GABA-Agonist. Er dämpft, stimuliert aber gleichzeitig das dopaminerge Belohnungssystem. Die Folge ist ein qualitativ veränderter Bewusstseinszustand: Oxytocin wird ausgeschüttet, Endorphine werden freigesetzt, soziale Bindungsbereitschaft steigt. Toleranz gegenüber Fremden wächst, Misstrauen sinkt. Toleranz gegenüber den Wirkungen des Alkohols entsteht bei regelmäßigem Konsum durch neurobiologische Anpassungsvorgänge, und darum geht es Slingerland.

Das Stirnhirn (der präfrontale Kortex) des Menschen ist im Vergleich zu anderen Primaten enorm entwickelt. Es ermöglicht Planung, Selbstkontrolle, strategisches Kalkül, und ist gleichzeitig der Ort des sozialen Misstrauens, der Selbstzensur, der permanenten Selbstbeobachtung. Moderate Alkoholwirkung dämpft genau diesen Apparat. Das produziert eine soziale Bedingung, unter der Kooperation, Kreativität und Vertrauen leichter entstehen, wenn auch keine tiefen philosophischen Wahrheiten – eine Art gesellschaftlich kodierte Enthemmung.

Diese Funktion erklärt, warum Alkohol nicht einfach als Neurotoxin aus der Geschichte verschwand. Ein Gehirn im milden Rausch schafft einen für bestimmte soziale Kontexte optimierten Modus, mit realen Grenzen, die Slingerland ebenso klar benennt.

Alkohol als sozialer Klebstoff: Was Göbekli Tepe und Tacitus gemeinsam haben

Alkohol als Kulturgut bedeutet konkret: Er hat historisch Gemeinschaft gestiftet. Göbekli Tepe zeigt, dass kollektives Brauen sozialer Kooperation vorausging, nicht folgte. Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften spiegeln genau diese Ur-Funktion wider: gemeinsames Trinken als Statuseinebnung, als Signal der Verletzlichkeitsbereitschaft, als Ritual der Zugehörigkeit.

Bewegungen zur Mäßigung des Alkoholkonsums und ihre modernen Nachfolger, die Sober-Curious-Bewegung, der Dry January, die alkoholfreie Bar, unterschätzen systematisch, was mit dem Ritual verschwindet. Alkohol als Grundnahrungsmittel wurde von Spode und anderen Historikern als Teil eines sozialen Ökosystems beschrieben, in dem Vertrauen rituell erzeugt und sogar vergöttert wurde, wie im Dyonysoskult. Wenn dieses Ritual wegfällt, ohne dass etwas funktional Äquivalentes an seine Stelle tritt, entsteht, wie so oft in der neoliberalen westlichen Welt, keine nüchternere Gemeinschaft. Es entsteht eine isoliertere, um ein Symbol ärmere, für Leistungs- und Selbstoptimierungswahn sowie Warenästhetik verführbare Ansammlung von Individuen.

Die Epidemiologie der Einsamkeit in westlichen Gesellschaften ist alarmierend. Alkohol und insbesondere sein gemeinschaftlicher Konsum lieferten geschichtlich einen Schutz vor sozialer Isolation. Wer beides gleichzeitig streicht – die Kneipe und das Ritual –, verursacht Kosten, die in keiner Public-Health-Statistik auftauchen.

Alkoholkonsum vom Mittelalter über die Kolonialzeit: Die Schattenseite der Kulturgutthese

Eine Kulturanalyse des Alkohols darf aber auch seine dunkle Geschichte nicht überspringen. Vom Mittelalter über die Kolonialzeit bis in die Gegenwart war Alkohol auch Machtinstrument. Alkohol wurde gegen Waffen eingetauscht; Europa lieferte den Sklavenhändlern Schnaps als Tauschmittel für menschliche Körper. Kaffee und Zuckerrohr sowie die neuen Genussmittel bauten Kolonialwirtschaften auf, die eine globale Ungleichheit strukturierten, in der Alkohol die koloniale Kontrolle mitermöglichte. Die Kolonialzeit bis in die Gegenwart trägt diese Geschichte fort: Für viele indigene Bevölkerungsgruppen  ist exzessiver Alkoholkonsum kein Kulturerbe, sondern eine den kolonialen Verhältnissen geschuldete Verwundung.

In Europa selbst veränderte die Industrialisierung die Trinkmuster grundlegend. Destillate verbreiteten sich in der westlichen Welt, soziale Kontrolle entfiel, Alkohol wurde zunehmend außerhalb der Rituale konsumiert, die ihn historisch reguliert hatten. So lassen sich Pendelbewegungen durch die gesamte Kulturgeschichte des Trinkens verfolgen: Phasen kollektiver Enthemmung, gefolgt von moralisierender Reaktion. Alkoholkonsummengen sanken deutlich in Kriegszeiten, in der Zeit des Ersten Weltkrieges durch staatliche Rationierung, um danach umso stärker zu steigen. Dass soziale Unterschiede bei der Entstehung und dem Verlauf von Alkoholproblemen eine entscheidende Rolle spielen, war damals eine politisch unbequeme Aussage. Das ist sie heute noch.

Slingerland kennt diese Schattenseite. Sein Argument ist nicht, dass Alkohol gut ist. Es ist, dass Alkohol komplex ist, und  eine Gesellschaft, die ihn rein als Risikofaktor behandelt, die falsche Frage stellt.

Degenerationstheorien und Bewegungen zur Mäßigung: Wenn Moral zur Diagnose wird

Bevor das 19. Jahrhundert den Trinker als biologische Kategorie erfand, hatte er eine ältere Herkunft. Foucault zeigt in seiner Geschichte des Wahnsinns, dass Trunksucht, Wahnsinn, sittliche Verwahrlosung und Armut bis zur Aufklärung kaum voneinander getrennt wurden. Sie bildeten ein gemeinsames Feld des Unreinen, das die vormoderne Gesellschaft in Armenhäusern, Zuchthäusern und später im klassischen Irrenhaus verwaltete. Wer trank und verarmte, wer verarmte und den Verstand verlor, wer den Verstand verlor und verwahrloste, verriet für die voraufklärerische Wahrnehmung Erscheinungen desselben moralischen Zerfalls. Der Trinker war Insasse, Armer und Irrer zugleich. Eine Diagnose brauchte er nicht. Er brauchte polizeiliche Maßregelung und Verwahrung.

Die Aufklärung trennte diese Kategorien. Sie beseitigte aber die moralische Wertung dabei nicht. Sie übersetzte sie in neue Register. Vernunft wurde zum Maßstab, und wer chronisch trank, galt in einem neuen, medizinisch sanktionierten Sinne als vernunftunfähig.

Degenerationstheorien im 19. Jahrhundert dachten diesen Schritt konsequent zu Ende: Trunksucht wurde zur erblichen Entartung. Die Degenerationstheorie nahm dabei an, dass der Trinker seine Minderwertigkeit an seine Kinder weitergebe, was schließlich zu ausgeprägten Verfallserscheinungen im Erbgut ganzer Familien führe.

Degenerationsideen finden sich darum noch in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“, der den Verfall einer Bürgerfamilie schildert, als Ausdruck erblicher Erschöpfung, mit Trunksucht als Symptom. Mediziner Eugen Fischer und andere festigten das Bild des Trinkers als biologisch minderwertig. Erst das 20. Jahrhundert begann, den schlecht definierten Begriff der Willensschwäche durch neurobiologische Modelle zu ersetzen. Aus dem „Gegenstand“ gesundheitspolizeilicher Verwahrung wurde die psychiatrische Diagnose.

Bewegungen zur Mäßigung des Alkoholkonsums entstanden genau in diesem Klima. Meist religiös und konservativ gerahmt, verbanden sie Sucht und Armut als moralisches Doppelproblem.

Was diese Bewegungen der Mäßigung übersehen haben: Eine Gesellschaft, die Trinken primär als Schwäche rahmt, versteht seine Stärken nicht. Alkohol als Kulturgut und Alkohol als Sucht sind zwei verschiedene Phänomene. Eine Kulturanalyse muss verlangen, beides auseinanderzuhalten.

Prohibition: Das Experiment, das Slingerland recht gab

Das aussagefähigste Gesellschaftsexperiment zu Slingerlands These liefert die amerikanische Prohibition. Die Prohibition scheiterte nicht einfach logistisch. Sie scheiterte anthropologisch. Die Mafia verdiente erheblich, soziale Trinkrituale verlagerten sich in den kriminellen Untergrund, Alkoholkonsummengen sanken zwar zu Beginn, um danach unkontrolliert zu steigen, nun ohne die sozialen Rahmungen, die früher Exzesse reguliert hatten.

Das Verbot von Alkohol hatte einen weiteren Effekt, den Slingerland implizit beschreibt: Es zerstörte die Gemeinschaftsfunktion des Trinkens, ohne etwas an ihre Stelle zu setzen. Der Zusammenbruch des Aktienmarktes 1929 beschleunigte das politische Ende: Damals wurde diskutiert, ob Einkommensteuern eingeführt werden sollten oder ob die Alkoholsteuer den Staatshaushalt sanieren könnte. Letztere Idee setzte sich durch. Die Wiederlegalisierung war gar kein kultureller Lernprozess, sie war fiskalische Notwendigkeit. Was sie trotzdem belegte: Alkohol und insbesondere seine soziale Funktion konnten nicht verboten werden. Gesellschaftliches Trinkverhalten verlagert sich unter Verboten, verfällt, verliert seine regulierende Einbettung. Die Vorstellung, Verbot oder Moralisieren könnten ersetzen, was soziale Architektur leisten muss, erwies sich als Illusion.

Samuel Pearson, Thomas Sutton und das Delirium tremens

Daneben steht eine medizinische Entdeckung, die das Bild des Trinkers für immer veränderte. Eine Komplikation eines Alkoholentzugs ist, unbehandelt, das tödliche Delirium tremens, genauer gesagt: das entsprechende Vollbild mit Krampfanfällen, Halluzinationen und Kreislaufversagen. Eine plötzliche Unterbrechung des süchtigen Alkoholkonsums bedeutete für viele Menschen im 19. Jahrhundert: sterben. Auch heute ist es noch eine lebensbedrohliche Erkrankung.

Von britischen Ärzten Samuel Pearson und Thomas Sutton, unabhängig voneinander, erstmalig beschrieben, gelang damit eine eindeutig medizinische Rahmung von grundlegender Bedeutung: der Nachweis, dass schweres Delirium tremens ein medizinischer, kein moralischer Notfall ist . (Die zeitgleiche, unabhängige Parallelentdeckung zeigt dabei, wie verbreitet diese Zustände in der medizinischen Praxis damals waren.)

Entzugssymptomatik bewies, dass Alkohol, nicht moralische Rechtschaffenheit und Willen, sondern das Gehirn veränderte. Kommt es zum Entzug, reagiert das Nervensystem mit Überaktivität bis hin zum schweren Delir. Das Konzept der Abhängigkeit schuf eine biologische Grundlage.

Begriff der Sucht und Alkoholabhängigkeit: Der lange Weg zur Diagnose

Der Begriff der Alkoholabhängigkeit fand aber erst 1968 formal Eingang in das diagnostische System der American Psychiatric Association. Die World Health Organization folgte. Jellinek hatte mit seinem Konzept „of alcoholism“ bereits 1960 die Grundlage gelegt: das Krankheitsmodell der Abhängigkeit, das Kontrollverlust als klinisches Merkmal definierte, nicht als Charakterschwäche.

Das vielen modernen Suchttheorien zugrundeliegende Konzept der Abhängigkeit trennte seitdem „körperliche Drogenabhängigkeit“ von der „psychischen“ Abhängigkeit , eine Dichotomie, die Schmidt-Semisch kritisch analysierte. Kontrollminderung im Umgang mit Alkohol, klinisch das zentrale Abhängigkeitsmerkmal, beschreibt neurobiologisch die Folge dieser Adaptation: Das mesolimbische System priorisiert das Suchtgedächtnis. Entscheidend ist: Alkoholabhängigkeit ist neurobiologisch verankert. Die sogenannten Homöostase führen zu Anpassungsvorgängen, die das Suchtgedächtnis stabilisieren. Einflüsse im Mutterleib durch Alkohol, das fetale Alkoholsyndrom, belegen die biologische Wirkmacht des Stoffs auf das sich entwickelnde Gehirn. Bei betroffenen Kindern führen diese Schäden zu lebenslangen Einschränkungen.

Allerdings: Das Krankheitsmodell der Alkoholabhängigkeit löst Slingerlands Frage nicht auf. Dass manche Menschen alkoholabhängig werden, sagt nichts darüber, was gemeinschaftliches Trinken für alle anderen leistet. Stigmatisierung und Diskriminierung betroffener Personen entstehen genau dort, wo dieser Unterschied verschwimmt, und wo die Gesellschaft ihren Umgang mit Alkohol insgesamt am Extremfall ausrichtet.

Was die abstinente Gesellschaft übersieht: Slingerlands eigentliche These

Die Sober-Curious-Bewegung, der Dry January, die alkoholfreie Bar: Sie sind kulturell legitim und gesundheitspolitisch nachvollziehbar. Slingerlands Argument richtet sich nicht gegen die individuelle Entscheidung zur Abstinenz. Es richtet sich gegen die strukturelle Illusion, eine Gesellschaft werde sozialer, wenn sie nüchterner wird.

Einschätzung des Alkoholgebrauchs in westlichen Gesellschaften erfordert deshalb den Blick auf das, was wegfällt. Das gemeinsame Trinkritual erzeugte Vertrauen, emotionale Gleichheit und Enthemmung unter sozialer Kontrolle. Kulturgut, eine historisch-anthropologische und therapeutische Perspektive, fragt: Womit wird das ersetzt? Bis heute gibt es keine skalierbare, kulturübergreifende Antwort.

Durch Diskriminierung Betroffener tragen die aktuellen Debatten unbeabsichtigt dazu bei, Alkohol ausschließlich als Pathologie zu rahmen. Stigmatisierung und Diskriminierung betroffener Personen sind real und schwerwiegend. Aber Alkohol und insbesondere seine sozialen Funktionen verschwinden nicht durch Stigmatisierung. Sie verlagern sich, in weniger sichtbare, weniger rituell gebundene, weniger kontrollierte Kontexte. Im Umgang westlicher Gesellschaften mit Alkohol wird diese Verschiebung gerade vollzogen, ohne dass jemand fragt, was dabei verloren geht.

Trinkriten und die latente Bedeutung der Trinkhandlung

Mehr als Entzugsbegleitung und Rückfallprävention sind Antworten auf Fragen nach latenten Bedeutungen notwendig, nach sinnlich-symbolischen Interaktionsformen, jenen leiblich verankerten, vorsprachlichen Handlungsmustern, in denen sich Bedürfnis, Beziehung und kulturelle Einbettung zugleich ausdrücken.

Auch das Trinkritual ist eine solche sinnlich-symbolische Interaktionsform. Das gemeinsame Heben des Glases, der erste Schluck in Gesellschaft, das Ritual des Zuprostens: Das alles transportiert, wie zu sehen war, unausgesprochene Bedeutungen, die weit über den Alkohol hinausgehen: Zugehörigkeit, Vertrauen, die vorübergehende Aufhebung der sozialen Schutzpanzerung, die Bereitschaft zur gemeinsamen Verletzlichkeit. Slingerland beschreibt diese Funktion evolutionsanthropologisch. Lorenzer würde sagen: Das Trinken ist eine kulturelle Szene, in der die sinnliche Erfahrung des Körpers und die symbolische Ordnung der Gemeinschaft unlösbar verschränkt sind.

Was Lorenzer dergestalt als sinnlich-symbolische Interaktionsform analysiert, ist in Göbekli Tepe 11.000 Jahre alt. Die Fermentationsgefäße, die Archäologen dort fanden, belegen keine individuellen Trinksitten, sondern eine kollektive Szene: Menschen kamen zusammen, um gemeinsam zu brauen und zu trinken. Die Trinkhandlung war hier in ihrer reinsten Form sinnlich-symbolische Interaktionsform, leiblich konkret im geteilten Trunk, symbolisch aufgeladen durch das, was sie stiftete: die Möglichkeit, mit Fremden in Vertrauen zu treten. Der oben erwähnte chinesische Bambustext aus dem 4. Jahrhundert vor Christus bringt diese latente Bedeutung auf den Begriff: Harmonie zwischen Staaten entsteht durch gemeinsames Weintrinken. Was Lorenzer als impliziten Bedeutungsgehalt einer kulturellen Szene beschreiben würde, ist hier explizite politische Theorie. Trinkriten sind Symbolisierungsleistungen, und das war bereits in der Vorgeschichte der Fall.

Wo findet nun die Desymbolisierung statt? Nicht in der Alkoholabhängigkeit. Sie findet in der Werbekommunikation statt. Aperol Spritz, Hugo, Negroni – die zeitgenössische Alkoholwerbung operiert exakt nach einem bestimmten Mechanismus: Die Interaktionsform spaltet sich. Die sinnliche Seite wird zum sprachlos werdenden Klischee: das Bildmaterial der sonnigen Terrasse, der lachenden Menschen, des orangefarbenen Glases im Gegenlicht. Es reproduziert die Oberfläche der gemeinschaftlichen Szene, ohne den sozialen Prozess dahinter zu enthalten. Gleichzeitig entstehen emotional abgekoppelte hohle Sprachfiguren: „Aperol Spritz“ signalisiert Leichtigkeit, Geselligkeit, Sommerfreiheit, Bedeutungen, die von keiner konkreten sozialen Erfahrung mehr getragen werden. Die Sprache des Marktes verwaltet, was die leibliche Szene nicht mehr liefert.

Wolfgang Fritz Haugs Begriff der Warenästhetik trifft sich hier präzise mit Lorenzers Desymbolisierungskonzept. Das Versprechen der Ware, kaufe diesen Aperol und kaufe dich in die Wärme dieser Szene ein, ist Ersatzbefriedigung unter falschem Namen. Die Rationalisierung lautet: Ich trinke, weil ich genieße, weil es Sommer ist, weil ich dazugehöre. Was unter diesem Namen angeboten wird, ist das leere Bild eines Zustands, den kein Getränk herstellen kann. Göbekli Tepe und der chinesische Bambustext zeigen, was das Original war: eine leiblich-kollektive Szene, in der Vertrauen tatsächlich entstand. Die Negroni-Werbung zeigt nur noch deren Klischee.

Für den Umgang mit Alkohol ergibt sich daraus auch eine spezifische Frage, die über Auslöser und Rückfallsituationen hinausgeht: Was hat das Trinken einmal bedeutet, bevor die Werbung es definierte und es zur Störung wurde? Welche sinnlich-symbolischen Szenen, welche latenten Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Authentizität, Enthemmung, konnten auf keinem anderen Weg erreicht werden? Es war Interaktionsform in einer sozialen Szene, deren Bedeutung die Warenästhetik längst desymbolisiert hat.

Alkohol hat eine tausendjährige Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht, und eine symbolische Tiefe, die älter ist als jedes Therapiemodell. Eine Gesellschaft, die beides vergisst, behandelt die falsche Frage. Sie fragt, wie sie das Trinken abschafft. Slingerlands Frage ist die unbequemere: Was schafft sie ab, wenn sie es abschafft?

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte

·         Alkohol als Kulturgut hat eine Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht; die historische Variabilität seines Konsums zeigt, dass Trinken immer sozial eingebettet war, und reguliert wurde durch den Kontext, nicht den Stoff.

·         In vino veritas hat eine neurobiologische Grundlage: Die Wirkungen des Alkohols auf den präfrontalen Kortex erzeugen Authentizität und soziale Bindung, eine Funktion, die Slingerland als historisch unterschätzten Zivilisationsbeitrag rekonstruiert.

·         Der soziale Kontext des Alkoholkonsums war stets das eigentliche Regulativ.

·         Der Begriff der Sucht und das Konzept der Abhängigkeit wurden erst 1968 formal anerkannt durch die American Psychiatric Association und die World Health Organization; das Konzept „Alkoholismus“ von Jellinek ersetzte den schlecht definierten Begriff der Willensschwäche.

·         Eine gesellschaftliche Perspektive auf den Alkoholkonsum erfordert die Frage nach dessen Funktion.


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