AuDHS-Bücher erschienen: Band 1 & 2 jetzt auf Amazon

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AuDHS-Bücher erschienen

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Apr 29, 2026

das cover der bücher, AUDHS Arbeitsbuch und AUDHS Handbuch

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Zum Tag des Buches erschienen: Handbuch und Arbeitsbuch zum AuDHS-Hybridantrieb – jetzt auf Amazon für Erwachsene mit Autismus und ADHS.

AuDHS und der Hybridantrieb: Neurobiologie einer Doppeldiagnose

Am 23. April 2026 erschienen AuDHS VERSTEHEN: Der Hybridantrieb Band 1 (Handbuch) und Band 2 (Arbeitsbuch) auf Amazon. Das neurobiologische Kernkonzept beider Bücher: Wenn Autismus und ADHS gleichzeitig vorliegen, entsteht keine einfache Summe, sondern ein ganz eigenständiges Muster – mit eigenen Folgen, die weder in der ADHS-Literatur noch in der Autismus-Forschung vollständig beschrieben sind.

📥 Leseprobe herunterladen: Kapitelauszug aus Band 1 und ein Muster-Arbeitsblatt aus Band 2 (10 Seiten, PDF): AuDHS Leseprobe.pdf

Der Grundkonflikt

Das ADHS-System erzeugt eine chronische Unteraktivierung im dopaminergen System. Die Wiederaufnahme von Dopamin im synaptischen Spalt erfolgt zu schnell, das Gehirn registriert die aktuelle Situation als neuronal irrelevant und verlangt nach Anregung. Bewegung, Neuheit, heranrückende Deadlines oder Tätigkeitswechsel erhöhen den Dopaminspiegel kurzfristig. Deshalb funktioniert Prokrastination bis zur letzten Minute bei vielen ADHS-Systemen überraschend gut: Der Abgabedruck löst das Problem, das fehlende Alltagsstruktur produziert.

Das Autismus-System reagiert mit der entgegengesetzten Strategie. Das Reizverarbeitungssystem filtert Umgebungsreize weniger, reagiert intensiver, braucht länger für Vorhersagen und braucht darum Vorhersehbarkeit. Wenn die Umgebung vorhersehbar ist, sinkt der Reizverarbeitungsaufwand erheblich. Routine ist bei Autismus eine neurobiologische Regulationshilfe.

Bei AuDHS kollidieren beide Anforderungsprofile im selben Nervensystem. Das Autismus-System baut Routinen als Schutzstruktur auf. Das ADHS-System torpediert diese Routinen, weil Wiederholung Langeweile erzeugt. Ein System erstellt einen Plan, um Stabilität zu erzeugen. Das andere System sabotiert diesen Plan, weil Stabilität sich wie Ersticken anfühlt. Beides gleichzeitig ist wie der Hybridantrieb mit zwei grundverschiedenen Motortypen.

Warum AuDHS keine Addition ist

Die folgenreichste Einsicht lautet: AuDHS ist nicht ADHS plus Autismus, sondern das Zusammenspiel zweier Systeme, das Muster erzeugt, die in keiner Einzeldiagnose so beschrieben sind.

Das zeigt sich etwa bei der emotionalen Dysregulation. Bei ADHS entsteht sie aus beeinträchtigter Impulshemmung und verzögerter Emotionsverarbeitung im präfrontalen Kortex. Bei Autismus entsteht sie aus Überreizung, eingeschränkter Binnenwahrnehmung und erschwerter emotionaler Deutung. Bei AuDHS wirken beide Mechanismen gleichzeitig und ohne Ausgleichseffekt: Zurückweisungsempfindlichkeit + Splitting + Hyperfokus + Pattern Matching bis zur Explosion im Meltdown oder zum sprachlosen Freeze und Weinkrampf im Shutdown, je nachdem, welches System zuerst zusammenbricht.

Dasselbe gilt für die exekutiven Funktionen. ADHS beeinträchtigt Initiierung, Arbeitsgedächtnis und Zeitwahrnehmung. Autismus beeinträchtigt kognitive Flexibilität und Aufgabenwechsel. Bei AuDHS sind beide Bereiche beeinträchtigt, und die Kompensationsstrategien für die eine Seite erzeugen für die andere neue Probleme: Starre Tagesstruktur stabilisiert das autistische System, wird aber durch den ADHS-bedingten Dopaminabfall bei Wiederholung aufgegeben, bevor sie sich setzen kann.

Wie beide Systeme sich gegenseitig verbergen

Bis zur DSM-5-Revision 2013 schloss das Klassifikationssystem eine Simultandiagnose ausdrücklich aus. Die Realität hatte das schon damals widerlegt. Aktuelle Studien zeigen inzwischen, dass 50 bis 70 Prozent der Betroffenen mit ADHS-Diagnose relevante autistische Merkmale aufweisen, und umgekehrt. Dennoch wirkt das diagnostische Ausschlussdenken nach: Viele Kliniker suchen nach der dominanten Diagnose statt nach dem vollständigen System.

Das eigentliche Problem ist das systematische gegenseitige Maskieren. Das ADHS-System überdeckt autistische Merkmale durch Impulsivität und soziale Spontaneität, der Betroffene wirkt geselliger, weniger starr, weniger typisch autistisch. Das Autismus-System überdeckt ADHS-Merkmale durch rigide Kompensationsstrukturen, der Betroffene wirkt organisierter und ruhiger, als das ADHS-System vermuten ließe.

Das Ergebnis ist die typische AuDHS-Biografie: Viele neurodivergente Menschen erhalten keine korrekte Diagnose, was zu Stigmatisierung, fehlender Unterstützung und finanzieller Belastung führt. Besonders problematisch ist die Fehlinterpretation von Autismus bei weiblich gelesenen Personen, POC und marginalisierten Gruppen. Die fehlende Sensibilität von Schulen, Behörden und Gesundheitssystem verschärft die Situation zusätzlich. Die Folgen sind jahrzehntelanges Funktionieren unter hohem Aufwand, Spätdiagnose im Erwachsenenalter, häufig ausgelöst durch den Zusammenbruch einer Lebensstruktur, die die Kompensation bisher getragen hatte: Studium, Partnerschaft, Routine. Wenn der äußere Rahmen wegfällt, bricht die Kompensation zusammen, und das neurobiologische System wird unübersehbar deutlich.

Warum das Masking bei AuDHS doppelt erschöpft

Masking bezeichnet das automatisierte Unterdrücken neurodivergenter Verhaltensweisen unter sozialem Anpassungsdruck. Bei AuDHS läuft dieser Prozess auf zwei Ebenen gleichzeitig ab.

Das autistische Masking erfordert anhaltende kognitive Kontrolle: Blickkontakt aufrechterhalten, soziale Skripte in Echtzeit abrufen, Stimming unterdrücken, Reaktionen normieren. Das ADHS-Masking greift auf dieselben Ressourcen zu: Impulsivität bremsen, Aufmerksamkeit künstlich stabilisieren, innere Unruhe nach innen verlagern. Beide Prozesse belasten dasselbe kognitive Kontrollsystem, gleichzeitig, ohne Priorisierung.

Besonders folgenschwer ist dabei die Verzögerung des Zusammenbruchs. Das ADHS-System überlagert autistische Erschöpfungssignale durch Stimulationssuche. Die Warnsignale, die bei einem reinen Autismus-System frühzeitig auf drohende Überlastung hinweisen würden, werden durch ADHS-Aktivierung überspielt. Der Zusammenbruch, Shutdown, Meltdown oder beides ineinander, kommt oft ohne subjektiv wahrnehmbare Vorwarnung. Die Handlungsmöglichkeit, rechtzeitig gegenzusteuern, schrumpft auf null, genau dann, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Was wie Unberechenbarkeit aussieht, ist Neurobiologie.

Was passiert, wenn nur eine Diagnose behandelt wird?

Das ist der Bereich, in dem das AuDHS-System die größten therapeutischen Fallen stellt.

Stimulanzien (Methylphenidat, Lisdexamfetamin) reduzieren bei ADHS den Stimulationsdruck und verbessern die exekutive Regulation. Bei AuDHS hat das eine bekannte, aber in der Versorgungspraxis zu wenig beachtete Nebenwirkung: Wenn das ADHS-System leiser wird, tritt das autistische System prominenter in den Vordergrund. Reizempfindlichkeit, soziale Erschöpfung und kognitive Rigidität werden sichtbarer, weil die ADHS-getriebene Überaktivierung weggefallen ist, die sie bisher überdeckt hat. Betroffene erleben die Medikation als Verschlechterung, obwohl das ADHS-System korrekt behandelt wird. Dieses Unmasking wird ohne Kenntnis des AuDHS-Rahmens regelmäßig als Behandlungsversagen fehlinterpretiert.

Der umgekehrte Fall ist ebenso folgenreich. Verhaltenstherapeutische Strukturinterventionen für Autismus, Routineaufbau, Reiz-Regulierungspläne, Umgebungsoptimierung, werden durch das ADHS-System systematisch unterlaufen. Strukturen, die das autistische Nervensystem stabilisieren würden, erzeugen nach kurzer Zeit Dopaminabfall und werden aufgegeben, bevor sie wirken können. Betroffene interpretieren das als mangelnde Disziplin. Es ist ein neurobiologischer Systemkonflikt.

Warum Frauen mit AuDHS so oft jahrelang falsch behandelt werden

AuDHS bei Frauen ist eines der am stärksten unterdiagnostizierten Muster in der psychiatrischen Versorgung, nicht weil Frauen seltener betroffen wären, sondern weil ihre Symptompräsentation weniger den historischen Diagnosekriterien entspricht, die überwiegend an männlichen Stichproben entwickelt wurden.

Das autistische System bei Frauen äußert sich häufig als intensive soziale Aufmerksamkeit, ausgeprägte Empathiefähigkeit auf der Oberfläche und hoch entwickelte Imitationsstrategien – Merkmale, die das System aktiv verbergen. Das ADHS-System bei Frauen manifestiert sich öfter internalisierend (innere Unruhe, emotionale Dysregulation, Grübeln) als externalisierend (Hyperaktivität, Impulshandlungen). Beide Systeme maskieren sich gegenseitig und entsprechen dem, was kulturell von Frauen erwartet wird: still sein. Angepasst sein. Funktionieren.

Die diagnostischen Konsequenzen sind schwerwiegend. Hyperfokus-Phasen werden als Bipolare Störung fehlgedeutet, autistische Shutdowns als depressive Episoden. Die Folge sind Jahre mit Mood Stabilizern oder atypischen Antipsychotika, die weder das dopaminerge Defizit noch die Reizverarbeitungsproblematik adressieren. Stimulanzien werden bei einer Borderline- oder Bipolar-Diagnose oft gar nicht erst erwogen. Das AuDHS-System bleibt unbehandelt.

Was lässt sich aus der Spätdiagnose machen?

Die meisten Erwachsenen, die heute eine AuDHS-Diagnose erhalten, haben jahrzehntelang in einem System gelebt, das ihr neurobiologisches System nicht kannte. Sie haben Erklärungen für sich entwickelt, die auf Charakter, Willenskraft und persönlichem Versagen basieren: Ich bin faul. Ich bin unzuverlässig. Ich bin zu empfindlich. Ich bin sozial unfähig.

Diese Erklärungen sind falsch. Sie beschreiben die Konsequenzen eines neurobiologischen Systems, für das keine adäquate Beschreibungssprache zur Verfügung stand. Die Diagnose ändert die Vergangenheit nicht, aber sie ändert, wie man sie lesen kann.

Das ist der Ausgangspunkt der beiden Bände AuDHS VERSTEHEN. Beide Bücher stellen eine Sprache bereit, für die Mechanismen, die das eigene Nervensystem antreiben, für die Erschöpfungskosten des Maskings, für die strukturellen Grenzen, die neurobiologisch bedingt sind und nichts mit Willen zu tun haben. Auf dieser Grundlage lassen sich Alltagsentscheidungen treffen, die das eigene System berücksichtigen, statt es zu ignorieren.

Band 1 und Band 2 sind seit dem 23. April 2026 auf Amazon erhältlich.

AUDHS VERSTEHEN: Band 1, Das Handbuch für Erwachsene mit Autismus und ADHS – Der Hybridantrieb

AUDHS VERSTEHEN: Band 2, Das Arbeitsbuch für Erwachsene mit Autismus und ADHS – Der Hybridantrieb


Zusammenfassung

  • AuDHS bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von Autismus und ADHS, offiziell anerkannt seit der DSM-5-Revision 2013; Prävalenzschätzungen: 50–70 % Überlappung in klinischen Stichproben

  • Der Hybridantrieb beschreibt den strukturellen Konflikt zweier Regulationsstrategien in einem Nervensystem: Reizdämpfung durch Vorhersehbarkeit (Autismus-System) gegen Stimulationssuche durch Neuheit (ADHS-System)

  • Emergente Muster: Emotionale Dysregulation aus zwei simultanen Quellen, doppelte exekutive Beeinträchtigung, wechselseitig sabotierende Kompensationsstrategien

  • Masking bei AuDHS belastet ein einziges kognitives Kontrollsystem mit zwei parallelen Anforderungen; der Erschöpfungszusammenbruch kommt durch ADHS-Überspielung ohne subjektive Vorwarnung

  • Stimulanzien-Unmasking und Strukturinterventions-Sabotage sind typische Behandlungsfallen bei partieller Diagnose

  • Frauen sind durch doppelte Maskierung und inkompatible Diagnosekriterien besonders von Fehldiagnosen (Borderline, bipolare Störung) betroffen

  • Band 1 (Handbuch, 24 Kapitel) und Band 2 (Arbeitsbuch, 77 Arbeitsblätter) erscheinen am 23. April 2026 auf Amazon KDP


Kostenlose Leseprobe des Buchs "AUDHS VERSTEHEN: Band 2, Das Arbeitsbuch für Erwachsene mit Autismus und ADHS – Der Hybridantrieb" jetzt kostenlos herunterladen


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Zum Tag des Buches erschienen: Handbuch und Arbeitsbuch zum AuDHS-Hybridantrieb – jetzt auf Amazon für Erwachsene mit Autismus und ADHS.

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Am 23. April 2026 erschienen AuDHS VERSTEHEN: Der Hybridantrieb Band 1 (Handbuch) und Band 2 (Arbeitsbuch) auf Amazon. Das neurobiologische Kernkonzept beider Bücher: Wenn Autismus und ADHS gleichzeitig vorliegen, entsteht keine einfache Summe, sondern ein ganz eigenständiges Muster – mit eigenen Folgen, die weder in der ADHS-Literatur noch in der Autismus-Forschung vollständig beschrieben sind.

📥 Leseprobe herunterladen: Kapitelauszug aus Band 1 und ein Muster-Arbeitsblatt aus Band 2 (10 Seiten, PDF): AuDHS Leseprobe.pdf

Der Grundkonflikt

Das ADHS-System erzeugt eine chronische Unteraktivierung im dopaminergen System. Die Wiederaufnahme von Dopamin im synaptischen Spalt erfolgt zu schnell, das Gehirn registriert die aktuelle Situation als neuronal irrelevant und verlangt nach Anregung. Bewegung, Neuheit, heranrückende Deadlines oder Tätigkeitswechsel erhöhen den Dopaminspiegel kurzfristig. Deshalb funktioniert Prokrastination bis zur letzten Minute bei vielen ADHS-Systemen überraschend gut: Der Abgabedruck löst das Problem, das fehlende Alltagsstruktur produziert.

Das Autismus-System reagiert mit der entgegengesetzten Strategie. Das Reizverarbeitungssystem filtert Umgebungsreize weniger, reagiert intensiver, braucht länger für Vorhersagen und braucht darum Vorhersehbarkeit. Wenn die Umgebung vorhersehbar ist, sinkt der Reizverarbeitungsaufwand erheblich. Routine ist bei Autismus eine neurobiologische Regulationshilfe.

Bei AuDHS kollidieren beide Anforderungsprofile im selben Nervensystem. Das Autismus-System baut Routinen als Schutzstruktur auf. Das ADHS-System torpediert diese Routinen, weil Wiederholung Langeweile erzeugt. Ein System erstellt einen Plan, um Stabilität zu erzeugen. Das andere System sabotiert diesen Plan, weil Stabilität sich wie Ersticken anfühlt. Beides gleichzeitig ist wie der Hybridantrieb mit zwei grundverschiedenen Motortypen.

Warum AuDHS keine Addition ist

Die folgenreichste Einsicht lautet: AuDHS ist nicht ADHS plus Autismus, sondern das Zusammenspiel zweier Systeme, das Muster erzeugt, die in keiner Einzeldiagnose so beschrieben sind.

Das zeigt sich etwa bei der emotionalen Dysregulation. Bei ADHS entsteht sie aus beeinträchtigter Impulshemmung und verzögerter Emotionsverarbeitung im präfrontalen Kortex. Bei Autismus entsteht sie aus Überreizung, eingeschränkter Binnenwahrnehmung und erschwerter emotionaler Deutung. Bei AuDHS wirken beide Mechanismen gleichzeitig und ohne Ausgleichseffekt: Zurückweisungsempfindlichkeit + Splitting + Hyperfokus + Pattern Matching bis zur Explosion im Meltdown oder zum sprachlosen Freeze und Weinkrampf im Shutdown, je nachdem, welches System zuerst zusammenbricht.

Dasselbe gilt für die exekutiven Funktionen. ADHS beeinträchtigt Initiierung, Arbeitsgedächtnis und Zeitwahrnehmung. Autismus beeinträchtigt kognitive Flexibilität und Aufgabenwechsel. Bei AuDHS sind beide Bereiche beeinträchtigt, und die Kompensationsstrategien für die eine Seite erzeugen für die andere neue Probleme: Starre Tagesstruktur stabilisiert das autistische System, wird aber durch den ADHS-bedingten Dopaminabfall bei Wiederholung aufgegeben, bevor sie sich setzen kann.

Wie beide Systeme sich gegenseitig verbergen

Bis zur DSM-5-Revision 2013 schloss das Klassifikationssystem eine Simultandiagnose ausdrücklich aus. Die Realität hatte das schon damals widerlegt. Aktuelle Studien zeigen inzwischen, dass 50 bis 70 Prozent der Betroffenen mit ADHS-Diagnose relevante autistische Merkmale aufweisen, und umgekehrt. Dennoch wirkt das diagnostische Ausschlussdenken nach: Viele Kliniker suchen nach der dominanten Diagnose statt nach dem vollständigen System.

Das eigentliche Problem ist das systematische gegenseitige Maskieren. Das ADHS-System überdeckt autistische Merkmale durch Impulsivität und soziale Spontaneität, der Betroffene wirkt geselliger, weniger starr, weniger typisch autistisch. Das Autismus-System überdeckt ADHS-Merkmale durch rigide Kompensationsstrukturen, der Betroffene wirkt organisierter und ruhiger, als das ADHS-System vermuten ließe.

Das Ergebnis ist die typische AuDHS-Biografie: Viele neurodivergente Menschen erhalten keine korrekte Diagnose, was zu Stigmatisierung, fehlender Unterstützung und finanzieller Belastung führt. Besonders problematisch ist die Fehlinterpretation von Autismus bei weiblich gelesenen Personen, POC und marginalisierten Gruppen. Die fehlende Sensibilität von Schulen, Behörden und Gesundheitssystem verschärft die Situation zusätzlich. Die Folgen sind jahrzehntelanges Funktionieren unter hohem Aufwand, Spätdiagnose im Erwachsenenalter, häufig ausgelöst durch den Zusammenbruch einer Lebensstruktur, die die Kompensation bisher getragen hatte: Studium, Partnerschaft, Routine. Wenn der äußere Rahmen wegfällt, bricht die Kompensation zusammen, und das neurobiologische System wird unübersehbar deutlich.

Warum das Masking bei AuDHS doppelt erschöpft

Masking bezeichnet das automatisierte Unterdrücken neurodivergenter Verhaltensweisen unter sozialem Anpassungsdruck. Bei AuDHS läuft dieser Prozess auf zwei Ebenen gleichzeitig ab.

Das autistische Masking erfordert anhaltende kognitive Kontrolle: Blickkontakt aufrechterhalten, soziale Skripte in Echtzeit abrufen, Stimming unterdrücken, Reaktionen normieren. Das ADHS-Masking greift auf dieselben Ressourcen zu: Impulsivität bremsen, Aufmerksamkeit künstlich stabilisieren, innere Unruhe nach innen verlagern. Beide Prozesse belasten dasselbe kognitive Kontrollsystem, gleichzeitig, ohne Priorisierung.

Besonders folgenschwer ist dabei die Verzögerung des Zusammenbruchs. Das ADHS-System überlagert autistische Erschöpfungssignale durch Stimulationssuche. Die Warnsignale, die bei einem reinen Autismus-System frühzeitig auf drohende Überlastung hinweisen würden, werden durch ADHS-Aktivierung überspielt. Der Zusammenbruch, Shutdown, Meltdown oder beides ineinander, kommt oft ohne subjektiv wahrnehmbare Vorwarnung. Die Handlungsmöglichkeit, rechtzeitig gegenzusteuern, schrumpft auf null, genau dann, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Was wie Unberechenbarkeit aussieht, ist Neurobiologie.

Was passiert, wenn nur eine Diagnose behandelt wird?

Das ist der Bereich, in dem das AuDHS-System die größten therapeutischen Fallen stellt.

Stimulanzien (Methylphenidat, Lisdexamfetamin) reduzieren bei ADHS den Stimulationsdruck und verbessern die exekutive Regulation. Bei AuDHS hat das eine bekannte, aber in der Versorgungspraxis zu wenig beachtete Nebenwirkung: Wenn das ADHS-System leiser wird, tritt das autistische System prominenter in den Vordergrund. Reizempfindlichkeit, soziale Erschöpfung und kognitive Rigidität werden sichtbarer, weil die ADHS-getriebene Überaktivierung weggefallen ist, die sie bisher überdeckt hat. Betroffene erleben die Medikation als Verschlechterung, obwohl das ADHS-System korrekt behandelt wird. Dieses Unmasking wird ohne Kenntnis des AuDHS-Rahmens regelmäßig als Behandlungsversagen fehlinterpretiert.

Der umgekehrte Fall ist ebenso folgenreich. Verhaltenstherapeutische Strukturinterventionen für Autismus, Routineaufbau, Reiz-Regulierungspläne, Umgebungsoptimierung, werden durch das ADHS-System systematisch unterlaufen. Strukturen, die das autistische Nervensystem stabilisieren würden, erzeugen nach kurzer Zeit Dopaminabfall und werden aufgegeben, bevor sie wirken können. Betroffene interpretieren das als mangelnde Disziplin. Es ist ein neurobiologischer Systemkonflikt.

Warum Frauen mit AuDHS so oft jahrelang falsch behandelt werden

AuDHS bei Frauen ist eines der am stärksten unterdiagnostizierten Muster in der psychiatrischen Versorgung, nicht weil Frauen seltener betroffen wären, sondern weil ihre Symptompräsentation weniger den historischen Diagnosekriterien entspricht, die überwiegend an männlichen Stichproben entwickelt wurden.

Das autistische System bei Frauen äußert sich häufig als intensive soziale Aufmerksamkeit, ausgeprägte Empathiefähigkeit auf der Oberfläche und hoch entwickelte Imitationsstrategien – Merkmale, die das System aktiv verbergen. Das ADHS-System bei Frauen manifestiert sich öfter internalisierend (innere Unruhe, emotionale Dysregulation, Grübeln) als externalisierend (Hyperaktivität, Impulshandlungen). Beide Systeme maskieren sich gegenseitig und entsprechen dem, was kulturell von Frauen erwartet wird: still sein. Angepasst sein. Funktionieren.

Die diagnostischen Konsequenzen sind schwerwiegend. Hyperfokus-Phasen werden als Bipolare Störung fehlgedeutet, autistische Shutdowns als depressive Episoden. Die Folge sind Jahre mit Mood Stabilizern oder atypischen Antipsychotika, die weder das dopaminerge Defizit noch die Reizverarbeitungsproblematik adressieren. Stimulanzien werden bei einer Borderline- oder Bipolar-Diagnose oft gar nicht erst erwogen. Das AuDHS-System bleibt unbehandelt.

Was lässt sich aus der Spätdiagnose machen?

Die meisten Erwachsenen, die heute eine AuDHS-Diagnose erhalten, haben jahrzehntelang in einem System gelebt, das ihr neurobiologisches System nicht kannte. Sie haben Erklärungen für sich entwickelt, die auf Charakter, Willenskraft und persönlichem Versagen basieren: Ich bin faul. Ich bin unzuverlässig. Ich bin zu empfindlich. Ich bin sozial unfähig.

Diese Erklärungen sind falsch. Sie beschreiben die Konsequenzen eines neurobiologischen Systems, für das keine adäquate Beschreibungssprache zur Verfügung stand. Die Diagnose ändert die Vergangenheit nicht, aber sie ändert, wie man sie lesen kann.

Das ist der Ausgangspunkt der beiden Bände AuDHS VERSTEHEN. Beide Bücher stellen eine Sprache bereit, für die Mechanismen, die das eigene Nervensystem antreiben, für die Erschöpfungskosten des Maskings, für die strukturellen Grenzen, die neurobiologisch bedingt sind und nichts mit Willen zu tun haben. Auf dieser Grundlage lassen sich Alltagsentscheidungen treffen, die das eigene System berücksichtigen, statt es zu ignorieren.

Band 1 und Band 2 sind seit dem 23. April 2026 auf Amazon erhältlich.

AUDHS VERSTEHEN: Band 1, Das Handbuch für Erwachsene mit Autismus und ADHS – Der Hybridantrieb

AUDHS VERSTEHEN: Band 2, Das Arbeitsbuch für Erwachsene mit Autismus und ADHS – Der Hybridantrieb


Zusammenfassung

  • AuDHS bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von Autismus und ADHS, offiziell anerkannt seit der DSM-5-Revision 2013; Prävalenzschätzungen: 50–70 % Überlappung in klinischen Stichproben

  • Der Hybridantrieb beschreibt den strukturellen Konflikt zweier Regulationsstrategien in einem Nervensystem: Reizdämpfung durch Vorhersehbarkeit (Autismus-System) gegen Stimulationssuche durch Neuheit (ADHS-System)

  • Emergente Muster: Emotionale Dysregulation aus zwei simultanen Quellen, doppelte exekutive Beeinträchtigung, wechselseitig sabotierende Kompensationsstrategien

  • Masking bei AuDHS belastet ein einziges kognitives Kontrollsystem mit zwei parallelen Anforderungen; der Erschöpfungszusammenbruch kommt durch ADHS-Überspielung ohne subjektive Vorwarnung

  • Stimulanzien-Unmasking und Strukturinterventions-Sabotage sind typische Behandlungsfallen bei partieller Diagnose

  • Frauen sind durch doppelte Maskierung und inkompatible Diagnosekriterien besonders von Fehldiagnosen (Borderline, bipolare Störung) betroffen

  • Band 1 (Handbuch, 24 Kapitel) und Band 2 (Arbeitsbuch, 77 Arbeitsblätter) erscheinen am 23. April 2026 auf Amazon KDP


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