Autismus-Spektrum: Stress, Kommunikation und Verarbeitung von Emotionen

Autismus-Spektrum: Stress, Kommunikation und Verarbeitung von Emotionen

Autismus-Spektrum

Published on:

Mar 23, 2026

Muskulöser Mann in mittelalterlicher Rüstung und Helm steht in einer alten steinernen Gasse

DESCRIPTION:

Autismus-Spektrum und Sprechen unter Stress: Kommunikation und Emotionsregulierung. Sprachschwierigkeiten und autistisches Erleben.

 AuDHS – wenn sich Autismus und ADHS begegnen: Verarbeitung, Stress und Kommunikation im autistischen Spektrum

Willkommen in unserem spezialisierten Themenbereich für AuDHS. Wenn Menschen mit Autismus und ADHS gleichzeitig leben, entsteht ein innerer Spagat, der oft erst spät erkannt wird.

Hier finden Sie Informationen zur Neurodivergenz und zur Verarbeitung von Emotionen, Orientierungshilfen zur AuDHS-Diagnose für Erwachsene sowie Antworten auf die Frage, warum Sie oft zwischen innerer Unruhe und dem Bedürfnis nach Struktur schwanken. Wir beleuchten das Paradoxon aus Reizüberflutung und Langeweile im autistischen Spektrum.🧠 EIN HINWEIS ZU UNSEREM DESIGN (NEUROINKLUSIVES LESEN)

Wir wissen, dass lange Texte für neurodivergente Gehirne oft anstrengend sind. Deshalb ist dieser Blog AuDHS-freundlich gestaltet:

·         TL;DR (Too Long; Didn't Read): Am Anfang jedes Artikels finden Sie eine kurze Zusammenfassung.

·         Scannbarkeit: Fettdruck für Kernbegriffe und Bullet Points, die wichtigsten Infos auf einen Blick.

·         Klarheit: Keine Textwüsten. Kurze, verdauliche Absätze.

TL;DR

·         Viele Betroffene verlieren im direkten Gespräch den Zugriff auf Sprache, obwohl sie schriftlich präzise kommunizieren. Dahinter steckt ein neurobiologisches Symptom.

·         Stress beeinträchtigt die sprachliche Verarbeitung direkt, über das Stress-System des Gehirns.

·         Die Verarbeitung von Emotionen und sozialen Signalen läuft bei autistischen Menschen auf einem anderen Weg.

·         Scripted Communication (vorbereitete Kommunikation) ist eine wirksame Strategie, angewandte Selbstkenntnis.

Autismus-Spektrum-Störung und ADHS: was das Gehirn betrifft

Autismus ist keine Krankheit. Es ist eine neurologische Entwicklungsvariante, eine Entwicklungsstörung im klinischen Sinne, die die Wahrnehmung, die Verarbeitung von Informationen und die soziale Interaktion betrifft.

Die Autismus-Spektrum-Störung (englisch: Autism Spectrum Disorder, kurz ASD) ist im DSM-5, dem international gebräuchlichen Diagnosemanual, als Störung der sozialen Kommunikation und des Verhaltens definiert. Das Spektrum ist breit: Autistisch zu sein, kann sich sehr unterschiedlich ausdrücken.

Wenn gleichzeitig ADHS vorliegt, also das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssystem aktiv ist , spricht man von AuDHS. Diese Kombination betrifft nach aktuellen Schätzungen aus der Entwicklungspsychologie einen erheblichen Anteil der diagnostizierten Erwachsenen. WAS DAS DSM-5 UND DIE ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE DAZU SAGEN

Bis zur DSM-5-Revision 2013 schlossen sich die beiden Diagnosen gegenseitig aus. Inzwischen ist anerkannt: Autismus und ADHS können gleichzeitig auftreten, mit spezifischen Wechselwirkungen, die eine individuelle Diagnose erfordern.

Aus klinischer Sicht, und das betonen Forschende aus der Entwicklungspsychologie wie aus der klinischen Psychologie gleichermaßen, ist eine differenzierte Einzel-Diagnostik nach klar definierten Kriterien wichtig, um Betroffene angemessen zu unterstützen.

Warum das Spektrum so breit ist

Autismus ist keine einheitliche Kategorie mit festen Grenzen. Kein Autist gleicht dem anderen. Die Kombination aus individuellen Stärken, Schwierigkeiten und Umfeldbedingungen macht jeden Fall einzigartig.

Das erklärt, warum viele Betroffene jahrelang keine Diagnose erhalten: Ihre Schwierigkeiten passen nicht in das Bild, das neurotypische Menschen, und oft auch Fachleute, von Autismus haben.

Verarbeitung: wie das autistische Gehirn Sprache und Signale aufnimmt

Das autistische Gehirn verarbeitet Reize anders. Das gilt für akustische Signale, für Körpersprache, für Gestik und für Gesichtsausdrücke, und besonders für Sprache unter Zeitdruck.

Was in sozialen Situationen passiert

Ein direktes Gespräch stellt gleichzeitig viele Anforderungen. Betroffene müssen:

·         Gesprochene Sprache verarbeiten, oft langsam, Satz für Satz

·         Mimik und Tonfall des Gegenübers interpretieren

·         Gleichzeitig eine eigene Antwort formulieren

·         Den richtigen Zeitpunkt zum Sprechen wahrnehmen

·         Das eigene Stressniveau regulieren

Das Autismus-System verarbeitet viele Informationen gründlicher, aber ungefiltert. In sozialen Interaktionen reicht das verfügbare Zeitfenster schlicht nicht aus. Das Ergebnis: Sprachliche Reaktionen kommen verzögert oder gar nicht.

Die Rolle von Amygdala und Gyrus temporalis superior

Neurowissenschaftliche Studien haben zwei Hirnregionen als besonders wichtig erwiesen:

·         Die Amygdala, zuständig für die emotionale Bewertung von Situationen und die Einleitung der Stressreaktion. Bei autistischen Menschen zeigt die Amygdala eine veränderte Aktivierung in sozialen Situationen.

·         Der Gyrus temporalis superior, eine Region des Schläfenlappens, die bei der Verarbeitung von Sprache, Stimmen und sozialen Signalen eine wesentliche Rolle spielt. Hier ist die Konnektivität bei autistischen Gehirnen oft beeinträchtigt.

Die Folge: Soziale Situationen werden vom Nervensystem schneller als bedrohlich bewertet, auch wenn objektiv keine Gefahr besteht. Das Stress-System springt an. Die sprachliche Fähigkeit sinkt.

KURZ ERKLÄRT

Wenn Betroffene berichten, dass ihnen „die Worte fehlen“, beschreiben sie eine neurobiologische Reaktion . Das Gehirn ist im Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Sprache ist dann eingeschränkt verfügbar.

Warum Schreiben leichter fällt

Schriftliche Kommunikation gibt dem Gehirn, was es braucht: Zeit und Kontrolle.

·         Kein simultaner Stress durch Augenkontakt oder nonverbale Signale

·         Die sprachliche Verarbeitung kann sequenziell statt gleichzeitig ablaufen

·         Formulierungen können geprüft werden, bevor sie das Umfeld erreichen

Schreiben ist für viele autistische Menschen die zuverlässigere Art, zu kommunizieren. Diese Stärke verdient Anerkennung.

Emotionale Verarbeitung: zwischen Empfinden und Ausdrücken

Viele Autistinnen und Autisten empfinden intensiv. Die Verbindung zwischen Empfinden und sprachlichem Ausdruck ist jedoch oft erschwert.

Überforderung als Symptom

Die Verarbeitung von Emotionen verläuft bei autistischen Menschen anders als bei neurotypischen Menschen. Emotionale Zustände werden oft:

·         Verzögert erkannt, das eigene Empfinden wird erst im Nachhinein bewusst

·         Schwer benannt, es fehlen die sprachlichen Kategorien für das, was man gerade fühlt

·         Komplex erlebt, mehrere Emotionen gleichzeitig, die schwer zu trennen sind

·         Körperlich statt sprachlich ausgedrückt, Rückzug, Bewegung, Stimmming

Hinzu kommt: In sozialen Interaktionen müssen Betroffene gleichzeitig reagieren und verarbeiten. Das ist oft eine Überforderung, auch wenn von außen nichts davon zu sehen ist.

Zwischenmenschliche Kommunikation und Missverständnisse

Wenn autistische Menschen nicht angemessen auf einen Gesichtsausdruck reagieren oder eine soziale Situation anders wahrnehmen als erwartet, entstehen zwischenmenschliche Missverständnisse. Der Grund liegt in unterschiedlichen Verarbeitungswegen.

Strategien, die helfen können, diese Lücke zu schließen:

·         Explizite Kommunikation: Gefühle benennen statt nonverbal ausdrücken

·         Nachfragen als Methode: „Was meinst du damit?“ statt interpretieren

·         Kontakten über Schrift, wenn das Gespräch zu komplex wird

·         Verarbeitungszeit einfordern, und das im Umfeld kommunizieren

Diese Fähigkeit zur expliziten Kommunikation lässt sich durch bewusste Selbstkenntnis und individuelle Strategien verbessern.

Scripted Communication: Sätze vorbereiten, Stress reduzieren

Scripts, vorbereitete Sätze, bedeutet: Gespräche im Voraus strukturieren. Mit vorbereiteten Formulierungen, Einstiegen und Antworten für wiederkehrende Situationen.

Das klingt vielleicht nach Täuschung. Es ist das Gegenteil: Es ist eine spezifische Methode der Stressreduktion, angepasst an die Verarbeitungsweise des AuDHS-Systems.

Was Scripted Communication ist

·          Sätze für wiederkehrende Situationen vorbereiten (Telefonate, Begrüßungen, Konflikte, Absagen)

·          Kernaussagen vor wichtigen Gesprächen schriftlich festhalten

·          Fragen vor Arztbesuchen oder Behördengängen notieren

·         Im Unterschied zu Masking (dem Verbergen autistischer Merkmale) spart Scripted Communication Energie, sie kostet keine

Warum diese Methode bei AuDHS besonders wirksam ist

Das ADHS-System erschwert Planung und Abruf unter Druck. Das Autismus-System braucht mehr Verarbeitungszeit. Beide zusammen machen spontane verbale Kommunikation besonders aufwendig. Scripted Communication kompensiert genau diese Kombination:

·         Die kognitive Planung erfolgt außerhalb der Stresssituation

·         Im Gespräch sinkt die Last, Abruf ersetzt das Formulieren in Echtzeit

·         Betroffene gewinnen Handlungsfähigkeit in Situationen, die sonst überwältigend wären

BEISPIEL: TELEFONGESPRÄCHE

Schreiben Sie vor dem Anruf auf: wer Sie sind, was Sie möchten und die zwei bis drei wahrscheinlichsten Rückfragen. Legen Sie das Blatt vor sich hin. Das Gehirn muss dann nicht mehr gleichzeitig abrufen und reagieren.

BEISPIEL: ÜBERWÄLTIGENDE SITUATIONEN

Bereiten Sie einen Ausstiegssatz vor: „Ich brauche kurz eine Pause, ich melde mich gleich wieder.“ Das gibt Ihnen Kontrolle, ohne erklären zu müssen.

BEISPIEL: KONFLIKTE

Formulieren Sie im Voraus einen Eröffnungssatz: „Ich möchte etwas ansprechen, das mich beschäftigt.“ Das reicht, um ins Gespräch zu kommen, ohne dass das Stress-System den Wortabruf blockiert.

Scripted Communication weiterentwickeln

·         Eine persönliche Bibliothek anlegen, digital oder auf Karten

·         Nach Gesprächen reflektieren: Was hat funktioniert? Was nicht?

·         Zwischen Routinesituationen (feste Skripts) und Einzelsituationen (individuelle Vorbereitung) unterscheiden

·         Vertraute Personen einbeziehen, das reduziert Missverständnisse im Umfeld

 

ZUR EINORDNUNG

Viele Menschen bereiten wichtige Gespräche vor. Bei AuDHS ist Scripted Communication oft eine notwendige Voraussetzung für gleichberechtigte Teilhabe an Kommunikation, und das Nervensystem lässt sich mit der richtigen Strategie unterstützen.

Was Sie mitnehmen können

·         Sprachliche Schwierigkeiten im Gespräch sind bei AuDHS neurobiologisch begründet.

·         Stress aktiviert das Alarmsystem des Gehirns. Sprache ist dann eingeschränkt verfügbar.

·         Schreiben als Kommunikationskanal ist vollwertig, und für viele Autistinnen und Autisten die zuverlässigere Wahl.

·         Scripted Communication hilft dort, wo das AuDHS-System unter Druck gerät. Vorbereitung ist angewandte Selbstkenntnis.

·         Diese Stärken lassen sich bewusst ausbauen, mit individueller Unterstützung, die das Spektrum ernst nimmt.

Erlauben Sie sich, Gespräche vorzubereiten. Es sind die Bedingungen, unter denen Ihre Kommunikation funktioniert.


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Autismus-Spektrum und Sprechen unter Stress: Kommunikation und Emotionsregulierung. Sprachschwierigkeiten und autistisches Erleben.

 AuDHS – wenn sich Autismus und ADHS begegnen: Verarbeitung, Stress und Kommunikation im autistischen Spektrum

Willkommen in unserem spezialisierten Themenbereich für AuDHS. Wenn Menschen mit Autismus und ADHS gleichzeitig leben, entsteht ein innerer Spagat, der oft erst spät erkannt wird.

Hier finden Sie Informationen zur Neurodivergenz und zur Verarbeitung von Emotionen, Orientierungshilfen zur AuDHS-Diagnose für Erwachsene sowie Antworten auf die Frage, warum Sie oft zwischen innerer Unruhe und dem Bedürfnis nach Struktur schwanken. Wir beleuchten das Paradoxon aus Reizüberflutung und Langeweile im autistischen Spektrum.🧠 EIN HINWEIS ZU UNSEREM DESIGN (NEUROINKLUSIVES LESEN)

Wir wissen, dass lange Texte für neurodivergente Gehirne oft anstrengend sind. Deshalb ist dieser Blog AuDHS-freundlich gestaltet:

·         TL;DR (Too Long; Didn't Read): Am Anfang jedes Artikels finden Sie eine kurze Zusammenfassung.

·         Scannbarkeit: Fettdruck für Kernbegriffe und Bullet Points, die wichtigsten Infos auf einen Blick.

·         Klarheit: Keine Textwüsten. Kurze, verdauliche Absätze.

TL;DR

·         Viele Betroffene verlieren im direkten Gespräch den Zugriff auf Sprache, obwohl sie schriftlich präzise kommunizieren. Dahinter steckt ein neurobiologisches Symptom.

·         Stress beeinträchtigt die sprachliche Verarbeitung direkt, über das Stress-System des Gehirns.

·         Die Verarbeitung von Emotionen und sozialen Signalen läuft bei autistischen Menschen auf einem anderen Weg.

·         Scripted Communication (vorbereitete Kommunikation) ist eine wirksame Strategie, angewandte Selbstkenntnis.

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Autismus ist keine Krankheit. Es ist eine neurologische Entwicklungsvariante, eine Entwicklungsstörung im klinischen Sinne, die die Wahrnehmung, die Verarbeitung von Informationen und die soziale Interaktion betrifft.

Die Autismus-Spektrum-Störung (englisch: Autism Spectrum Disorder, kurz ASD) ist im DSM-5, dem international gebräuchlichen Diagnosemanual, als Störung der sozialen Kommunikation und des Verhaltens definiert. Das Spektrum ist breit: Autistisch zu sein, kann sich sehr unterschiedlich ausdrücken.

Wenn gleichzeitig ADHS vorliegt, also das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssystem aktiv ist , spricht man von AuDHS. Diese Kombination betrifft nach aktuellen Schätzungen aus der Entwicklungspsychologie einen erheblichen Anteil der diagnostizierten Erwachsenen. WAS DAS DSM-5 UND DIE ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE DAZU SAGEN

Bis zur DSM-5-Revision 2013 schlossen sich die beiden Diagnosen gegenseitig aus. Inzwischen ist anerkannt: Autismus und ADHS können gleichzeitig auftreten, mit spezifischen Wechselwirkungen, die eine individuelle Diagnose erfordern.

Aus klinischer Sicht, und das betonen Forschende aus der Entwicklungspsychologie wie aus der klinischen Psychologie gleichermaßen, ist eine differenzierte Einzel-Diagnostik nach klar definierten Kriterien wichtig, um Betroffene angemessen zu unterstützen.

Warum das Spektrum so breit ist

Autismus ist keine einheitliche Kategorie mit festen Grenzen. Kein Autist gleicht dem anderen. Die Kombination aus individuellen Stärken, Schwierigkeiten und Umfeldbedingungen macht jeden Fall einzigartig.

Das erklärt, warum viele Betroffene jahrelang keine Diagnose erhalten: Ihre Schwierigkeiten passen nicht in das Bild, das neurotypische Menschen, und oft auch Fachleute, von Autismus haben.

Verarbeitung: wie das autistische Gehirn Sprache und Signale aufnimmt

Das autistische Gehirn verarbeitet Reize anders. Das gilt für akustische Signale, für Körpersprache, für Gestik und für Gesichtsausdrücke, und besonders für Sprache unter Zeitdruck.

Was in sozialen Situationen passiert

Ein direktes Gespräch stellt gleichzeitig viele Anforderungen. Betroffene müssen:

·         Gesprochene Sprache verarbeiten, oft langsam, Satz für Satz

·         Mimik und Tonfall des Gegenübers interpretieren

·         Gleichzeitig eine eigene Antwort formulieren

·         Den richtigen Zeitpunkt zum Sprechen wahrnehmen

·         Das eigene Stressniveau regulieren

Das Autismus-System verarbeitet viele Informationen gründlicher, aber ungefiltert. In sozialen Interaktionen reicht das verfügbare Zeitfenster schlicht nicht aus. Das Ergebnis: Sprachliche Reaktionen kommen verzögert oder gar nicht.

Die Rolle von Amygdala und Gyrus temporalis superior

Neurowissenschaftliche Studien haben zwei Hirnregionen als besonders wichtig erwiesen:

·         Die Amygdala, zuständig für die emotionale Bewertung von Situationen und die Einleitung der Stressreaktion. Bei autistischen Menschen zeigt die Amygdala eine veränderte Aktivierung in sozialen Situationen.

·         Der Gyrus temporalis superior, eine Region des Schläfenlappens, die bei der Verarbeitung von Sprache, Stimmen und sozialen Signalen eine wesentliche Rolle spielt. Hier ist die Konnektivität bei autistischen Gehirnen oft beeinträchtigt.

Die Folge: Soziale Situationen werden vom Nervensystem schneller als bedrohlich bewertet, auch wenn objektiv keine Gefahr besteht. Das Stress-System springt an. Die sprachliche Fähigkeit sinkt.

KURZ ERKLÄRT

Wenn Betroffene berichten, dass ihnen „die Worte fehlen“, beschreiben sie eine neurobiologische Reaktion . Das Gehirn ist im Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Sprache ist dann eingeschränkt verfügbar.

Warum Schreiben leichter fällt

Schriftliche Kommunikation gibt dem Gehirn, was es braucht: Zeit und Kontrolle.

·         Kein simultaner Stress durch Augenkontakt oder nonverbale Signale

·         Die sprachliche Verarbeitung kann sequenziell statt gleichzeitig ablaufen

·         Formulierungen können geprüft werden, bevor sie das Umfeld erreichen

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Emotionale Verarbeitung: zwischen Empfinden und Ausdrücken

Viele Autistinnen und Autisten empfinden intensiv. Die Verbindung zwischen Empfinden und sprachlichem Ausdruck ist jedoch oft erschwert.

Überforderung als Symptom

Die Verarbeitung von Emotionen verläuft bei autistischen Menschen anders als bei neurotypischen Menschen. Emotionale Zustände werden oft:

·         Verzögert erkannt, das eigene Empfinden wird erst im Nachhinein bewusst

·         Schwer benannt, es fehlen die sprachlichen Kategorien für das, was man gerade fühlt

·         Komplex erlebt, mehrere Emotionen gleichzeitig, die schwer zu trennen sind

·         Körperlich statt sprachlich ausgedrückt, Rückzug, Bewegung, Stimmming

Hinzu kommt: In sozialen Interaktionen müssen Betroffene gleichzeitig reagieren und verarbeiten. Das ist oft eine Überforderung, auch wenn von außen nichts davon zu sehen ist.

Zwischenmenschliche Kommunikation und Missverständnisse

Wenn autistische Menschen nicht angemessen auf einen Gesichtsausdruck reagieren oder eine soziale Situation anders wahrnehmen als erwartet, entstehen zwischenmenschliche Missverständnisse. Der Grund liegt in unterschiedlichen Verarbeitungswegen.

Strategien, die helfen können, diese Lücke zu schließen:

·         Explizite Kommunikation: Gefühle benennen statt nonverbal ausdrücken

·         Nachfragen als Methode: „Was meinst du damit?“ statt interpretieren

·         Kontakten über Schrift, wenn das Gespräch zu komplex wird

·         Verarbeitungszeit einfordern, und das im Umfeld kommunizieren

Diese Fähigkeit zur expliziten Kommunikation lässt sich durch bewusste Selbstkenntnis und individuelle Strategien verbessern.

Scripted Communication: Sätze vorbereiten, Stress reduzieren

Scripts, vorbereitete Sätze, bedeutet: Gespräche im Voraus strukturieren. Mit vorbereiteten Formulierungen, Einstiegen und Antworten für wiederkehrende Situationen.

Das klingt vielleicht nach Täuschung. Es ist das Gegenteil: Es ist eine spezifische Methode der Stressreduktion, angepasst an die Verarbeitungsweise des AuDHS-Systems.

Was Scripted Communication ist

·          Sätze für wiederkehrende Situationen vorbereiten (Telefonate, Begrüßungen, Konflikte, Absagen)

·          Kernaussagen vor wichtigen Gesprächen schriftlich festhalten

·          Fragen vor Arztbesuchen oder Behördengängen notieren

·         Im Unterschied zu Masking (dem Verbergen autistischer Merkmale) spart Scripted Communication Energie, sie kostet keine

Warum diese Methode bei AuDHS besonders wirksam ist

Das ADHS-System erschwert Planung und Abruf unter Druck. Das Autismus-System braucht mehr Verarbeitungszeit. Beide zusammen machen spontane verbale Kommunikation besonders aufwendig. Scripted Communication kompensiert genau diese Kombination:

·         Die kognitive Planung erfolgt außerhalb der Stresssituation

·         Im Gespräch sinkt die Last, Abruf ersetzt das Formulieren in Echtzeit

·         Betroffene gewinnen Handlungsfähigkeit in Situationen, die sonst überwältigend wären

BEISPIEL: TELEFONGESPRÄCHE

Schreiben Sie vor dem Anruf auf: wer Sie sind, was Sie möchten und die zwei bis drei wahrscheinlichsten Rückfragen. Legen Sie das Blatt vor sich hin. Das Gehirn muss dann nicht mehr gleichzeitig abrufen und reagieren.

BEISPIEL: ÜBERWÄLTIGENDE SITUATIONEN

Bereiten Sie einen Ausstiegssatz vor: „Ich brauche kurz eine Pause, ich melde mich gleich wieder.“ Das gibt Ihnen Kontrolle, ohne erklären zu müssen.

BEISPIEL: KONFLIKTE

Formulieren Sie im Voraus einen Eröffnungssatz: „Ich möchte etwas ansprechen, das mich beschäftigt.“ Das reicht, um ins Gespräch zu kommen, ohne dass das Stress-System den Wortabruf blockiert.

Scripted Communication weiterentwickeln

·         Eine persönliche Bibliothek anlegen, digital oder auf Karten

·         Nach Gesprächen reflektieren: Was hat funktioniert? Was nicht?

·         Zwischen Routinesituationen (feste Skripts) und Einzelsituationen (individuelle Vorbereitung) unterscheiden

·         Vertraute Personen einbeziehen, das reduziert Missverständnisse im Umfeld

 

ZUR EINORDNUNG

Viele Menschen bereiten wichtige Gespräche vor. Bei AuDHS ist Scripted Communication oft eine notwendige Voraussetzung für gleichberechtigte Teilhabe an Kommunikation, und das Nervensystem lässt sich mit der richtigen Strategie unterstützen.

Was Sie mitnehmen können

·         Sprachliche Schwierigkeiten im Gespräch sind bei AuDHS neurobiologisch begründet.

·         Stress aktiviert das Alarmsystem des Gehirns. Sprache ist dann eingeschränkt verfügbar.

·         Schreiben als Kommunikationskanal ist vollwertig, und für viele Autistinnen und Autisten die zuverlässigere Wahl.

·         Scripted Communication hilft dort, wo das AuDHS-System unter Druck gerät. Vorbereitung ist angewandte Selbstkenntnis.

·         Diese Stärken lassen sich bewusst ausbauen, mit individueller Unterstützung, die das Spektrum ernst nimmt.

Erlauben Sie sich, Gespräche vorzubereiten. Es sind die Bedingungen, unter denen Ihre Kommunikation funktioniert.


VERWANDTE ARTIKEL:

AUDHS – Autismus und ADHS: Reizsuche und Reizoffenheit im Alltag

Masking bei Autismus, ADHS und AuDHS – Anpassung in der neurotypischen Welt

ADHS und Autismus – Diagnostik im Spektrum der Neurodiversität

„Hybrid“-Modus – Wenn ADHS Autismus maskiert und umgekehrt

Autismus und das Double-Empathie-Problem – Autisten sind nicht gedankenblind oder unempathisch

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2026

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Thursday, 4/2/2026

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