Crazy Rich Asians Analyse: Lacan, Luxusmarken und Satire
Crazy Rich Asians Analyse: Lacan, Luxusmarken und Satire
Crazy Rich Asians Analyse
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DESCRIPTION: Kevin Kwans Bestseller-Trilogie misst mit zweierlei Maß: Sie verspottet Prahler und Neureiche und verschont das alte Geld, wie einst Juvenal. Eine Lektüre mit Lacan und eine Auszählung aller drei Bände zeigen, welchen Wunsch die Bücher bedienen.
Crazy Rich Asians: Singapurs Juvenal
Kevin Kwans Trilogie „Crazy Rich Asians“ (2013), „China Rich Girlfriend“ (2015) und „Rich People Problems“ (2017) erzählt von Menschen, die alles besitzen und unablässig prüfen, wer zählt. Der Verlag vergleicht Kwan mit Jane Austen. Der treffendere Ahnherr ist vielleicht Juvenal, der die Emporkömmlinge Roms im Namen der alten Sitte verspottete. Wie er, misst Kwan mit zweierlei Maß. Mit Jacques Lacans Theorie des Begehrens und einem Distant Reading aller drei Bände lässt sich zeigen, was dieser Spott seinen Lesern anbietet: die Aussicht, von einer Welt, die über Rang entscheidet, eines Tages als zugehörig erkannt zu werden.
Ein Hotel in Mayfair
Der erste Band beginnt mit einer Kränkung. London, 1986: Drei Frauen aus Singapur und Hongkong stehen mit ihren Kindern nass vom Regen in der Lobby eines vornehmen Hotels. Der Manager will von ihrer Reservierung nichts wissen und schickt die Chinesen auf die Straße. Eine Stunde später gehört das Hotel ihrer Familie. Der Kauf verschafft den Frauen eine Suite und verändert ihre Stellung. Die Ordnung, die Gäste nach Herkunft sortiert, bleibt aber bestehen. Lediglich ihre Machtmittel wechseln die Seite.
Die Handlung führt danach an eine Schwelle, die sich mit Geld nicht überwinden lässt. Rachel Chu, Wirtschaftsprofessorin in New York und Tochter einer alleinerziehenden chinesischen Einwanderin, reist mit ihrem Freund Nick Young nach Singapur und erfährt erst dort, dass er Erbe einer der reichsten Familien Asiens ist. Seine Mutter Eleanor und seine Großmutter Shang Su Yi, Herrin des Anwesens Tyersall Park, halten Rachel für eine Erbschleicherin. Im zweiten Band heiratet das Paar, und Rachel findet ihren leiblichen Vater, einen vermögenden chinesischen Politiker. Im dritten stirbt Su Yi, und die Familie streitet um das Haus. Die Trilogie verkaufte sich millionenfach, der Kinofilm von 2018 spielte weltweit 239 Millionen Dollar ein.
Was will diese Welt von mir?
Lacan nennt den Ort der Sprache und der gesellschaftlichen Ordnung den großen Anderen. Familien und Institutionen treten als seine Vertreter auf, sobald sie urteilen, was gilt und wer zählt. Das Begehren entsteht nach Lacan aus der Differenz zwischen dem Bedürfnis, das ein Gegenstand stillen kann, und dem Anspruch, mit dem man von einem anderen Menschen Zuwendung verlangt. Darum beantwortet kein Gegenstand endgültig, was man für den anderen bedeutet. An dieser Stelle steht die Frage „Che vuoi?“, was will der Andere von mir? Auf sie antwortet das Phantasma, eine Szene, die dem Subjekt eine Position gegenüber dem Begehren des Anderen verschafft. Und Lacan hält fest, dass auch die symbolische Ordnung keine letzte Instanz besitzt, die ihre Urteile garantiert. Er schreibt diesen Mangel im Anderen als S(Ⱥ).
Rachel steht vor dieser Frage. Nicks Familie prüft ihre Abstammung, Eleanor lässt ihre Herkunft von einem Privatdetektiv ermitteln, und auf dem Junggesellinnenabschied der Braut findet Rachel einen verstümmelten Fisch in ihrer Tasche, darüber auf dem Spiegel mit Fischblut die Botschaft, sie sei eine Goldgräberin. Was wollen diese Menschen von ihr? Nick könnte ihr alles kaufen. Die Antwort darauf, was sie für seine Familie bedeutet, liegt nicht in seiner Hand. An dieser Frage entscheidet sich, ob die Trilogie den Mangel im Anderen sichtbar macht oder die Hoffnung bewahrt, irgendwo werde echte Zugehörigkeit zuverlässig erkannt. Sie entscheidet sich für die Hoffnung.
Marken als Signifikanten
Nach eigener Auszählung, deren Regeln am Ende erläutert sind, nennt der erste Band rund 195 Marken, Hotels, Restaurants und Weingüter mit etwa 315 Nennungen, alle 430 Wörter einen Namen. Diese Namen funktionieren als Signifikanten im Sinn Lacans. Eine Goyard-Tasche bedeutet etwas, weil sie keine Louis-Vuitton-Tasche ist. Über Kitty Pong, eine Schauspielerin aus Seifenopern, erfährt man an einer Stelle nur, dass sie im Restaurant mit Gucci-Handtasche, Gucci-Neckholder, in Gucci-Satinshorts und Gucci-Stiefeln aus Python saß. Die Aufzählung ist das Urteil.
Die klügste Szene des Buches spielt in Shenzhen. Eleanor und ihre vermögenden Freundinnen kaufen in einem Hinterhaus „real fakes“, Überschussware aus den Fabriken der Luxushäuser: „They look so real because they practically are real.“ Bei Damen wie ihnen, erklärt Carol Tai, käme niemand auf die Idee, die Tasche sei falsch. Dieselbe Tasche ist am Arm einer Verkäuferin eine Fälschung und an Carols Arm ein Original. Echtheit ist eine Leistung des Anderen. Hier trifft die Satire die Reichen selbst.
Über die drei Bände sinkt die Dichte der Marken von 2,4 über 2,2 auf 1,5 je tausend Wörter, die Wörter für Geld nehmen um 70 Prozent zu. Im Epilog des dritten Bandes steigt die Dichte noch einmal auf 3,3. Bei der Hochzeit wetten die Gäste auf den Designer des Brautkleids und erkennen McQueen: „Sarah Burton does it again!“ Das Kleid selbst bekommt einen Satz. Die Namen ersetzen einfach eine Beschreibung.
Gefühle mit Aufschrift
Kwans Prosa benennt Gefühle selten. Auf tausend Wörter kommen sieben Wörter wie „Angst“, „Scham“ oder „Freude“, in Austens „Emma“ 15,5. Der Wert bleibt in allen drei Bänden gleich, ebenso Satzlänge und Dialoganteil. Das Gefühl wandert in Adverbien und Redeverben. Nick küsst Rachel „jubilantly“, Astrid schlendert „purposefully“ über ein Laufband, und Verben wie „cooed“, „cackled“ und „gushed“ stehen bei Kwan 0,53-mal je tausend Wörter, in „Emma“ 0,07‑mal. Das Adverb hängt an der Geste wie ein Etikett an der Ware. Kwan erzählt im Imaginären, in Posen und Körperhaltungen, und heftet ihnen Signifikanten an, die ihre Bedeutung festlegen.
Die Zählung nach Figuren zeigt, wo das Innenleben fehlt. Su Yi hat im ersten Band die wenigsten benannten Gefühle und die wenigsten Marken um sich. Sie ist im Text der Ort, an dem geurteilt wird, und so versteht Lacan den großen Anderen. Erst im dritten Band, in dem sie stirbt, erhält sie Gefühle. Nick hat in den rund 3.900 Wörtern um ihren Tod sieben Sätze, einer nennt ein Gefühl: „Nicky just stood there, looking stunned.“ Wenig später steht er vor dem Bauzaun am Ort seines liebsten Nudelladens, auf dem „TORY BURCH Opening Summer 2015“ angekündigt ist, und sinkt verzweifelt auf den Gehweg. Er trauert um einen Nudelladen, an dessen Stelle eine Marke tritt. Die Großmutter war im Text immer eher Ort als Mensch.
Zweierlei Maß
Der Spott ergreift jede Stufe des Reichtums, aber hält vor Tyersall Park an, das auf Google Earth ein leerer Fleck ist, ohne Namen am Tor. Nicks Cousine Astrid, die schönste Frau der Trilogie, lehnt im ersten Band den Diamantring ihres Verehrers Charlie ab, „the thirty-nine-carat diamond solitaire he presented as far too vulgar, flinging it onto the slopes“. Ihre Eltern sind entsetzt über „such shameless new money“. Dieselbe Verschwendung heißt bei Astrid Geschmack und bei Charlie neues Geld. Über Aramintas Hochzeitskleid urteilen die Gäste wie über ein Kunstwerk, Kittys Gucci wird verachtet. Beide tragen Marken. Bei der einen spricht der Text von Kennerschaft, bei der anderen von Prahlerei.
Im zweiten Band wird das Maß zum Lehrplan. Eine Beraterin aus altem Hongkonger Haus verordnet Kitty eine Leseliste: Austens sämtliche Werke, vier Romane Whartons, „Vanity Fair“, „Anna Karenina“ und Trollopes Palliser-Serie, danach eine Prüfung, ob sie „ready to attempt some light Proust“ sei. Kwan kennt den Kanon der Gesellschaftsromane und setzt ihn als Benimmkurs ein. Im dritten Band jagt Kitty im Palast einer malaiischen Sultana einem Titel nach, der den ihrer Stieftochter übertrifft, und erhält die Antwort, Su Yi sei längst Lady Young gewesen „and never even used that title. Alamak, what would Su Yi need a title for?“ Wer einen Titel sucht, ist lächerlich. Wer ihn hat und nicht benutzt, steht über allen.
Satire war in der Geschichte durchaus oft konservativ. Juvenal verspottete Freigelassene und Emporkömmlinge im Namen der alten römischen Sitte. Kwan steht in dieser Linie. Seine Satire ist echt und arbeitet im Dienst des alten Geldes. Mit ihrem doppelten Maß ordnet sie das Begehren ihrer Leser. Das Lachen über die Aufsteiger schafft Distanz, die Bewunderung für das alte Geld hält den Wunsch wach, aufgenommen zu werden. Der Roman zeigt viele Vertreter des Anderen als fehlbar und verschont den Anderen selbst. Den Mangel im Anderen erzählt er nicht.
Das hässliche Entlein
Rachel besteht im ersten Band, weil sie sich richtig verhält. Sie ist klug, bescheiden und unbeeindruckt und wirkt nie wie eine Frau, die Nick als Aufstiegschance benutzt. Darin liegt das Phantasma der Trilogie: Zugehörigkeit erwirbt, wer nicht sichtbar nach ihr verlangt. Man wird gewählt, weil man sich nicht anbiedert, und erhält Zugang, ohne sich als Bewerberin verstehen zu müssen. Darunter liegt eine Märchenformel. Rachel ist Aschenputtel, Eleanor die Stiefmutter, die Erbinnen mit dem Fisch sind die bösen Schwestern, und Aschenputtel wird Prinzessin, weil sie die Tugenden mitbringt, die im Schloss ohnehin gelten. Der zweite Band tauscht das Märchen. Mit dem nachgereichten Vater wird aus Aschenputtel das hässliche Entlein, das von Anfang an ein Schwan war, und Kwan erzählt als Abstammung, was bei Lacan eine Funktion ist: den Namen-des-Vaters, der dem Subjekt seinen Platz in der Ordnung sichert. Im Rückblick verrät Rachels Tugend ihre Herkunft. Die Familie muss ihre Kriterien der sozialen Bewertung gar nicht ändern, weil Rachel ihnen ja von Geburt an entsprach.
Danach hat die Zurückhaltung ihre Aufgabe erfüllt. Im zweiten Band fliegt Rachel im Privatjet der Erbin Colette Bing nach Paris, und ein Kapitel aus ihrem Tagebuch zeigt, wohin die Bescheidenheit geht. Den Frisiertisch der Hotelsuite fotografiert sie „a million pictures … from every angle“. Als eine Begleiterin eine ganze Wand voller Taschen kauft, notiert sie „#OMFG #thisjustgotreal“. Sie bestellt ein Couture-Jackett, und vor Colettes Badezimmer ist ihr Plan erledigt, das eigene Bad in New York neu zu fliesen: „I don’t want it retiled, Nick, I want this!“ Wenige Kapitel später erhebt sie den einzigen Einwand des Bandes. Ein Couture-Kleid, das mehr kostet als die Masernimpfung für tausend Kinder, sei „unconscionable“. Ihre Freundin Peik Lin antwortet mit dem Argument aus dem Kanon der Vermögenden, der Luxus ernähre die Näherinnen. Die Wirtschaftsprofessorin widerspricht nicht, sagt „Okay, point taken“ und macht einen Witz über Mao. Ganz geht Rachel in Paris nicht auf. Gegen Ende der Woche sagt sie beim Abendessen mit Astrid über die Einkaufstouren: „It was fascinating for the first couple of days, but then it just got tedious.“ Nick sagt, er habe „hit my limit with them“. Der Text lässt den Überdruss zu und zieht keine Folgerung daraus. Gegen die These dieses Essays spräche ein Einwand, der etwas verändert. In der Trilogie verändert keiner etwas.
Im dritten Band wehrt sich Rachel zweimal gegen das Drängen der Familie auf ein Kind: „I just snap my fingers and a baby will magically appear?“ Auf der letzten Seite ist sie schwanger. Das Märchen schließt, wie es begann. Aschenputtel erhält den Prinzen, und ihr Nein beugt sich dem Wunsch des Hauses.
Menschen am Rand der Ordnung
An den Rändern meldet sich, was Lacan das Reale nennt, das, was in der Erfüllung des Wunsches nicht aufgeht. Im ersten Band sagt Michael Teo, Astrids Mann aus einfachen Verhältnissen, den einzigen Satz, der den Reichtum selbst angreift: Er könne nicht zusehen, wie diese Leute ein Vermögen für eine Hochzeit ausgeben, während die Hälfte der Welt hungert. Kwan gibt den Satz einem Mann, der im selben Zug eine Affäre erfindet, um sich nicht trennen zu müssen, und die Handlung fragt danach nur noch nach seiner Ehrlichkeit. Rachels Mutter Kerry erzählt spät von einer Ehe mit einem reichen Mann, der sie schlug. Die Geschichte klärt Rachels Herkunft, die Ordnung tastet sie nicht an.
Im zweiten Band erfährt man nebenbei, dass Carlton, Rachels Halbbruder, bei einem Autorennen in London eine junge Frau getötet und eine andere gelähmt hat, „all covered up by the Baos“. Das Kapitel schließt mit einer Fußnote zum Bugatti, mit dem er gerade wieder rasen wollte: „Park one in your garage today for $2.7 million.“ Im dritten Band wechselt Charlies Exfrau Isabel zwischen Ausbrüchen nach der Kränkung durch die Trennung, einer Party für zweihundert Gäste im Zustand einer dysphorischen Manie und zwei wundersamen Genesungen, die erste bei einer Spargelcremesuppe mit Astrid. Ihr Laksa-Wurf auf einem Kirchenbankett ist ein acting out im Sinn Lacans, eine Botschaft vor Publikum an den Anderen. Kwan macht daraus Slapstick.
Das Personal bleibt über alle drei Bände Ausstattung. Der erste Band nennt Dienstboten 236-mal mit ihrer Berufsbezeichnung und nur 28-mal mit einem Namen. Malaien und Inder, zusammen mehr als ein Fünftel der Bevölkerung Singapurs, erscheinen fast nur als Fahrer, Wachleute und Bedienstete. Die Frage, wer im Haus anerkannt wird, verdrängt die Frage, wer das Haus am Laufen hält.
Das Haus vom Symbol zum Brand
Tyersall Park funktioniert wie der Brief in Edgar Allan Poes „Der entwendete Brief“, den Lacan 1956 in einem Seminar gelesen und an den Anfang seiner „Écrits“ gestellt hat. Was im Brief der Königin steht, erfährt man nie. Entscheidend ist, wo er sich befindet, und wer ihn hält, wird von ihm bestimmt. Versteckt ist er an der sichtbarsten Stelle, einem Briefhalter über dem Kamin. Das Haus Tyersall ist auf Google Earth ein leerer Fleck mitten in der Stadt, und alle Figuren ordnen sich danach, wer es hält oder besitzen will. Su Yi hat es von ihrem Vater geerbt und die letzte Klausel des Testaments vermacht „my house in SINGAPORE“ in Prozenten an Sohn, Töchter und zwei Enkel, ohne den Namen zu nennen. Eddie platzt heraus: „You didn’t mention Tyersall Park at all!“ Weitergegeben werden Anteile, der Signifikant bleibt zurück. In derselben Szene erhalten die Bediensteten zum ersten Mal in der Trilogie vollständige Namen, jeweils mit einem Legat, von drei Millionen für die Haushälterin Lee Ah Ling bis zu 250.000 Dollar für den Fahrer Ahmad bin Youssef. Ihre Namen erfährt man erst, als die Herrin ihnen einen Preis gibt.
Poe und Lacan müssen den Brief leer lassen. Nur als Signifikant ohne Inhalt kann er gleiten und die Figuren nach seiner Bahn ordnen. Kwans Erzählweise hält diese Leere nicht aus. Sie braucht am Ende einen Inhalt, der das Haus beglaubigt. Das Finale des dritten Bandes beantwortet jede offene Frage mit einer Urkunde. Nick findet in Su Yis Tagebuch einen Brief von Windsor Castle, in dem George VI. ihr dankt, weil Tyersall Park im Krieg britischen Offizieren Zuflucht bot: „Your acts of heroism, too many to recount here, will never be forgotten.“ Der zweite Band hatte sich mit dem Balzac zugeschriebenen Satz „Behind every fortune lies a great crime“ geschmückt. Der dritte antwortet mit dem Dankschreiben eines Königs. Lacans Satz, ein Brief komme immer an seinem Bestimmungsort an, erfüllt sich wörtlich: Der Brief kehrt zu Nick zurück, und was bei Lacan leer bleiben muss, wird verlesen. Der Brief spricht von „acts of heroism“, und der Roman setzt ihn als Beglaubigung des Besitzanspruchs ans Ende.
Tyersall Park wird danach zum „Tyersall Park Hotel and Museum“, einem Boutiquehotel mit Gästevillen von Axel Vervoordt. Daneben entsteht ein Dorf für „artists and middle-income families“, gebaut von der Familie Goh, den Neureichen mit der goldenen Venus aus dem ersten Band. Es ist am ersten Tag ausverkauft, weil niemand „with less than ten million dollars“ sonst ein Haus mit Garten bekomme. Astrid, die Pariser Couture trug und nie darüber sprach, näht auf den Philippinen „Astrid Leong Resort Wear 2016“ aus selbstgewebtem Stoff, „a bamboo cotton, hand-dyed in ocean water“. Das letzte Bild ist Nicks Blick auf das Haus, „alive, reborn“.
Der Bogen der Trilogie führt vom Haus als Symbol zum Haus als Design-Brand. Die Neureichen werden aufgenommen, sobald sie bauen, was das alte Geld will, und einheiraten. Der Große Andere ohne Mangel überlebt, indem er sich in ein Produkt verwandelt, und ein König dankt ihm für sein Heldentum.
Eddie, der ideale Leser
Der Verlag bewarb den ersten Band als „Pride and Prejudice-like send-up“, die Kritik feierte ihn als Satire auf den Materialismus. Lacan nennt den Punkt, an dem ein Signifikant das Gleiten der Bedeutung anhält und eine Kette von Zeichen rückwirkend festlegt, Stepppunkt, (französisch: point de capiton). Es ist ein zentraler Begriff in seiner Psychoanalyse und bezeichnet den Punkt, an dem die freideutenden, unbegrenzt gleitenden Bedeutungen der Sprache durch einen festen Signifikanten (einen „Herrensignifikanten“ wie Gott, Freiheit oder Wahrheit) plötzlich angeheftet und fixiert werden. Auch das Etikett „Satire“ wirkt als ein solcher Stepppunkt. Unter diesem Titel lesen sich 195 Marken und ein Diamant im Schnee als Kritik, und der Wunsch, von der Ordnung des Rangs anerkannt zu werden, erhält den Namen einer Kritik an ihr. Netflix hat den Titel 2023 zur Gattung gemacht und den New Yorker Ableger von „Bling Empire“ mit der Zeile „Meet the Real-Life Crazy Rich Asians“ angekündigt.
Der ideale Leser dieser Bücher ist Eddie Cheng, Nicks Cousin. Er arbeitet bei „Hong Kong’s most prestigious investment bank“ und führt eine Tabelle über das Vermögen seiner Eltern, „diligently updating it every week based on property valuations and then calculating his potential future share“. Er kennt jede seiner mehr als siebzig Uhren und jeden Raum und dessen Einrichter. Seine Wohnung war in „Hong Kong Tattle“ zu sehen, der Gesellschaftszeitschrift, die der Roman nachbildet. Wo Kwan aus Eddies Sicht erzählt, ist der Ton vom übrigen Buch nicht zu unterscheiden: „Here at last was someone with style—the girl was wearing a sleeveless ice-blue Emilia Wickstead jumpsuit, blue suede ankle boots, and casually slung on her shoulder was the sort of handbag that Eddie was sure had a three-year waiting list.“ So schreibt die Trilogie die Welt, als Inventar und Bewertung. Eddies Anteil am Text verdoppelt sich vom ersten zum dritten Band. Er ist das Spiegelbild des Lesers im Imaginären, ein Doppelgänger, über den man lachen darf, um sich in ihm nicht zu erkennen. Der Leser identifiziert sich mit Rachel, aber liest mit Eddies Augen. Das Lachen über Eddie entlastet von der Lächerlichkeit, die Welt wie Eddie zu lesen. Die Trilogie ist eine romantische Komödie für Private-Equity-Berater: Sie bewertet, restrukturiert und verkauft, und am Ende rettet sie das Familienanwesen als Hotel.
Zur Methode
Die Zahlen stammen aus einer Auszählung der englischen Volltexte aller drei Bände (je rund 135.000 Wörter). Gezählt wurden Marken, Hotels, Restaurants und Weingüter über eine Liste von Namen, Wörter für Gefühle über rund 150 Wortstämme, Verben des Sagens mit folgendem Adverb auf „‑ly“ sowie Sätze, die eine Figur beim Namen nennen. Dieselben Zähllisten liefen über drei Romane Austens, über Chesterton und Melville. Die Zahlen messen also den Wortgebrauch. Sie dienen dazu, Szenen zu finden, und das Argument stützt sich auf die Lektüre dieser Szenen. Die Auszählung entstand mit einem KI-Assistenten (Claude, Anthropic), jede auffällige Zahl wurde an der Romanstelle geprüft. Zählungen dieser Art kennt die Literaturwissenschaft als Stilometrie und als Distant Reading im Sinne Franco Morettis. Neu ist die möglich gewordene Verbindung beider Lektüren in einem Arbeitsgang. Wortlisten, Regeln und alle Tabellen stehen im Methodenanhang, Beitrag und Anhang stehen als PDF zum Download bereit.
Das Wichtigste in Kürze
• Kwan misst mit zweierlei Maß. Verschwendung heißt bei Astrid Geschmack und bei Charlie neues Geld. Er steht damit in der konservativen Linie Juvenals.
• Marken funktionieren als Signifikanten. In allen drei Bänden benennt Kwan Gefühle halb so oft wie Austen und verlegt sie in Adverbien. Su Yi, die Matriarchin, ist der Ort des Urteils.
• Rachels Phantasma lautet: aufgenommen werden, ohne darum zu werben. In Paris schwärmt sie von Couture und Hotelbädern, ihr Einwand gegen den Luxus bleibt unbeantwortet, und ihr Nein zum Kind endet als Schwangerschaft.
• Michael, Kerry, die Tote aus London, Isabel und das Personal zeigen die Kosten der Ordnung. Kwan hakt sie als Episoden ab.
• Das Finale verwandelt Tyersall Park in ein Boutiquehotel, ein Brief von George VI. bescheinigt der Familie Heldentum. Die Trilogie führt vom Haus als Symbol zum Haus als Design-Brand.
• Der ideale Leser ist der lächerliche Eddie Cheng. Das Etikett „Satire“ wirkt als Stepppunkt und lässt den Katalog als vermeintliche Kritik lesen.
Glossar: Lacans Begriffe
Begriff | Bedeutung |
|---|---|
Imaginäres | Ordnung der Bilder und Identifizierungen, hervorgegangen aus dem Spiegelstadium. |
Symbolisches | Ordnung der Sprache, Regeln und gesellschaftlichen Positionen. |
Reales | Was sich der Erfassung durch Sprache und Bilder entzieht und als unaufgelöster Rest wiederkehrt. |
Großer Anderer | Ort der Sprache und der symbolischen Ordnung. Menschen und Institutionen können als seine Vertreter auftreten. |
Signifikant | Sprachliches Element, dessen Wert sich aus dem Abstand zu anderen Elementen ergibt. |
Begehren | Entsteht aus der Differenz zwischen Anspruch und Bedürfnis. Kein Gegenstand befriedigt es endgültig. |
„Che vuoi?“ | „Was willst du?“ Die Frage nach dem Begehren des Anderen und der eigenen Position darin. |
Phantasma ($ ◇ a) | Szene, die dem Subjekt eine Position gegenüber dem Begehren des Anderen gibt. |
Mangel im Anderen, S(Ⱥ) | Die symbolische Ordnung besitzt keine letzte Garantie ihrer Geltung. |
Name-des-Vaters | Signifikant, der dem Subjekt seinen Platz in der symbolischen Ordnung sichert. |
Stepppunkt | Punkt, an dem ein Signifikant das Gleiten der Bedeutung anhält und eine Kette rückwirkend festlegt. |
Acting out | Inszenierung vor Publikum, die sich an den Anderen richtet (Seminar X). |
Der entwendete Brief | Lacans Lektüre von Poes Erzählung (1956): Der Brief bestimmt die Subjekte durch seine Stellung, sein Inhalt bleibt unbekannt. Ein Brief kommt immer an seinem Bestimmungsort an. |
Quellen
· Kevin Kwan: Crazy Rich Asians. Doubleday 2013; China Rich Girlfriend. Doubleday 2015; Rich People Problems. Doubleday 2017. Eigene Zählung an den Volltexten
· Vergleichstexte aus dem NLTK-Gutenberg-Korpus (Austen, Chesterton, Melville)
· Jacques Lacan: Écrits. Seuil 1966, darin „Das Seminar über ‚Der entwendete Brief‘“ (1956), „Das Spiegelstadium“ (1949), „Die Bedeutung des Phallus“ (1958), „Von einer Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht“ (1958), „Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens“ (1960)
· Jacques Lacan: Le Séminaire, Livre III. Les psychoses. Seuil 1981; Livre VI. Le désir et son interprétation. La Martinière 2013; Livre X. L’angoisse. Seuil 2004
· Stanford Encyclopedia of Philosophy: Jacques Lacan
· Jacques Cazotte: Le Diable amoureux. 1772
· Edgar Allan Poe: The Purloined Letter. 1844
· Juvenal: Satiren. Um 100 bis 130 n. Chr.
· Honoré de Balzac: Le Père Goriot. 1835
· Penguin Random House: Crazy Rich Asians
· NPR: Crazy Rich Asians, Lives of the 0.001 Percent (2013)
· The Hollywood Reporter: Startwochenende
· Netflix Tudum: Bling Empire New York
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Crazy Rich Asians: Singapurs Juvenal
Kevin Kwans Trilogie „Crazy Rich Asians“ (2013), „China Rich Girlfriend“ (2015) und „Rich People Problems“ (2017) erzählt von Menschen, die alles besitzen und unablässig prüfen, wer zählt. Der Verlag vergleicht Kwan mit Jane Austen. Der treffendere Ahnherr ist vielleicht Juvenal, der die Emporkömmlinge Roms im Namen der alten Sitte verspottete. Wie er, misst Kwan mit zweierlei Maß. Mit Jacques Lacans Theorie des Begehrens und einem Distant Reading aller drei Bände lässt sich zeigen, was dieser Spott seinen Lesern anbietet: die Aussicht, von einer Welt, die über Rang entscheidet, eines Tages als zugehörig erkannt zu werden.
Ein Hotel in Mayfair
Der erste Band beginnt mit einer Kränkung. London, 1986: Drei Frauen aus Singapur und Hongkong stehen mit ihren Kindern nass vom Regen in der Lobby eines vornehmen Hotels. Der Manager will von ihrer Reservierung nichts wissen und schickt die Chinesen auf die Straße. Eine Stunde später gehört das Hotel ihrer Familie. Der Kauf verschafft den Frauen eine Suite und verändert ihre Stellung. Die Ordnung, die Gäste nach Herkunft sortiert, bleibt aber bestehen. Lediglich ihre Machtmittel wechseln die Seite.
Die Handlung führt danach an eine Schwelle, die sich mit Geld nicht überwinden lässt. Rachel Chu, Wirtschaftsprofessorin in New York und Tochter einer alleinerziehenden chinesischen Einwanderin, reist mit ihrem Freund Nick Young nach Singapur und erfährt erst dort, dass er Erbe einer der reichsten Familien Asiens ist. Seine Mutter Eleanor und seine Großmutter Shang Su Yi, Herrin des Anwesens Tyersall Park, halten Rachel für eine Erbschleicherin. Im zweiten Band heiratet das Paar, und Rachel findet ihren leiblichen Vater, einen vermögenden chinesischen Politiker. Im dritten stirbt Su Yi, und die Familie streitet um das Haus. Die Trilogie verkaufte sich millionenfach, der Kinofilm von 2018 spielte weltweit 239 Millionen Dollar ein.
Was will diese Welt von mir?
Lacan nennt den Ort der Sprache und der gesellschaftlichen Ordnung den großen Anderen. Familien und Institutionen treten als seine Vertreter auf, sobald sie urteilen, was gilt und wer zählt. Das Begehren entsteht nach Lacan aus der Differenz zwischen dem Bedürfnis, das ein Gegenstand stillen kann, und dem Anspruch, mit dem man von einem anderen Menschen Zuwendung verlangt. Darum beantwortet kein Gegenstand endgültig, was man für den anderen bedeutet. An dieser Stelle steht die Frage „Che vuoi?“, was will der Andere von mir? Auf sie antwortet das Phantasma, eine Szene, die dem Subjekt eine Position gegenüber dem Begehren des Anderen verschafft. Und Lacan hält fest, dass auch die symbolische Ordnung keine letzte Instanz besitzt, die ihre Urteile garantiert. Er schreibt diesen Mangel im Anderen als S(Ⱥ).
Rachel steht vor dieser Frage. Nicks Familie prüft ihre Abstammung, Eleanor lässt ihre Herkunft von einem Privatdetektiv ermitteln, und auf dem Junggesellinnenabschied der Braut findet Rachel einen verstümmelten Fisch in ihrer Tasche, darüber auf dem Spiegel mit Fischblut die Botschaft, sie sei eine Goldgräberin. Was wollen diese Menschen von ihr? Nick könnte ihr alles kaufen. Die Antwort darauf, was sie für seine Familie bedeutet, liegt nicht in seiner Hand. An dieser Frage entscheidet sich, ob die Trilogie den Mangel im Anderen sichtbar macht oder die Hoffnung bewahrt, irgendwo werde echte Zugehörigkeit zuverlässig erkannt. Sie entscheidet sich für die Hoffnung.
Marken als Signifikanten
Nach eigener Auszählung, deren Regeln am Ende erläutert sind, nennt der erste Band rund 195 Marken, Hotels, Restaurants und Weingüter mit etwa 315 Nennungen, alle 430 Wörter einen Namen. Diese Namen funktionieren als Signifikanten im Sinn Lacans. Eine Goyard-Tasche bedeutet etwas, weil sie keine Louis-Vuitton-Tasche ist. Über Kitty Pong, eine Schauspielerin aus Seifenopern, erfährt man an einer Stelle nur, dass sie im Restaurant mit Gucci-Handtasche, Gucci-Neckholder, in Gucci-Satinshorts und Gucci-Stiefeln aus Python saß. Die Aufzählung ist das Urteil.
Die klügste Szene des Buches spielt in Shenzhen. Eleanor und ihre vermögenden Freundinnen kaufen in einem Hinterhaus „real fakes“, Überschussware aus den Fabriken der Luxushäuser: „They look so real because they practically are real.“ Bei Damen wie ihnen, erklärt Carol Tai, käme niemand auf die Idee, die Tasche sei falsch. Dieselbe Tasche ist am Arm einer Verkäuferin eine Fälschung und an Carols Arm ein Original. Echtheit ist eine Leistung des Anderen. Hier trifft die Satire die Reichen selbst.
Über die drei Bände sinkt die Dichte der Marken von 2,4 über 2,2 auf 1,5 je tausend Wörter, die Wörter für Geld nehmen um 70 Prozent zu. Im Epilog des dritten Bandes steigt die Dichte noch einmal auf 3,3. Bei der Hochzeit wetten die Gäste auf den Designer des Brautkleids und erkennen McQueen: „Sarah Burton does it again!“ Das Kleid selbst bekommt einen Satz. Die Namen ersetzen einfach eine Beschreibung.
Gefühle mit Aufschrift
Kwans Prosa benennt Gefühle selten. Auf tausend Wörter kommen sieben Wörter wie „Angst“, „Scham“ oder „Freude“, in Austens „Emma“ 15,5. Der Wert bleibt in allen drei Bänden gleich, ebenso Satzlänge und Dialoganteil. Das Gefühl wandert in Adverbien und Redeverben. Nick küsst Rachel „jubilantly“, Astrid schlendert „purposefully“ über ein Laufband, und Verben wie „cooed“, „cackled“ und „gushed“ stehen bei Kwan 0,53-mal je tausend Wörter, in „Emma“ 0,07‑mal. Das Adverb hängt an der Geste wie ein Etikett an der Ware. Kwan erzählt im Imaginären, in Posen und Körperhaltungen, und heftet ihnen Signifikanten an, die ihre Bedeutung festlegen.
Die Zählung nach Figuren zeigt, wo das Innenleben fehlt. Su Yi hat im ersten Band die wenigsten benannten Gefühle und die wenigsten Marken um sich. Sie ist im Text der Ort, an dem geurteilt wird, und so versteht Lacan den großen Anderen. Erst im dritten Band, in dem sie stirbt, erhält sie Gefühle. Nick hat in den rund 3.900 Wörtern um ihren Tod sieben Sätze, einer nennt ein Gefühl: „Nicky just stood there, looking stunned.“ Wenig später steht er vor dem Bauzaun am Ort seines liebsten Nudelladens, auf dem „TORY BURCH Opening Summer 2015“ angekündigt ist, und sinkt verzweifelt auf den Gehweg. Er trauert um einen Nudelladen, an dessen Stelle eine Marke tritt. Die Großmutter war im Text immer eher Ort als Mensch.
Zweierlei Maß
Der Spott ergreift jede Stufe des Reichtums, aber hält vor Tyersall Park an, das auf Google Earth ein leerer Fleck ist, ohne Namen am Tor. Nicks Cousine Astrid, die schönste Frau der Trilogie, lehnt im ersten Band den Diamantring ihres Verehrers Charlie ab, „the thirty-nine-carat diamond solitaire he presented as far too vulgar, flinging it onto the slopes“. Ihre Eltern sind entsetzt über „such shameless new money“. Dieselbe Verschwendung heißt bei Astrid Geschmack und bei Charlie neues Geld. Über Aramintas Hochzeitskleid urteilen die Gäste wie über ein Kunstwerk, Kittys Gucci wird verachtet. Beide tragen Marken. Bei der einen spricht der Text von Kennerschaft, bei der anderen von Prahlerei.
Im zweiten Band wird das Maß zum Lehrplan. Eine Beraterin aus altem Hongkonger Haus verordnet Kitty eine Leseliste: Austens sämtliche Werke, vier Romane Whartons, „Vanity Fair“, „Anna Karenina“ und Trollopes Palliser-Serie, danach eine Prüfung, ob sie „ready to attempt some light Proust“ sei. Kwan kennt den Kanon der Gesellschaftsromane und setzt ihn als Benimmkurs ein. Im dritten Band jagt Kitty im Palast einer malaiischen Sultana einem Titel nach, der den ihrer Stieftochter übertrifft, und erhält die Antwort, Su Yi sei längst Lady Young gewesen „and never even used that title. Alamak, what would Su Yi need a title for?“ Wer einen Titel sucht, ist lächerlich. Wer ihn hat und nicht benutzt, steht über allen.
Satire war in der Geschichte durchaus oft konservativ. Juvenal verspottete Freigelassene und Emporkömmlinge im Namen der alten römischen Sitte. Kwan steht in dieser Linie. Seine Satire ist echt und arbeitet im Dienst des alten Geldes. Mit ihrem doppelten Maß ordnet sie das Begehren ihrer Leser. Das Lachen über die Aufsteiger schafft Distanz, die Bewunderung für das alte Geld hält den Wunsch wach, aufgenommen zu werden. Der Roman zeigt viele Vertreter des Anderen als fehlbar und verschont den Anderen selbst. Den Mangel im Anderen erzählt er nicht.
Das hässliche Entlein
Rachel besteht im ersten Band, weil sie sich richtig verhält. Sie ist klug, bescheiden und unbeeindruckt und wirkt nie wie eine Frau, die Nick als Aufstiegschance benutzt. Darin liegt das Phantasma der Trilogie: Zugehörigkeit erwirbt, wer nicht sichtbar nach ihr verlangt. Man wird gewählt, weil man sich nicht anbiedert, und erhält Zugang, ohne sich als Bewerberin verstehen zu müssen. Darunter liegt eine Märchenformel. Rachel ist Aschenputtel, Eleanor die Stiefmutter, die Erbinnen mit dem Fisch sind die bösen Schwestern, und Aschenputtel wird Prinzessin, weil sie die Tugenden mitbringt, die im Schloss ohnehin gelten. Der zweite Band tauscht das Märchen. Mit dem nachgereichten Vater wird aus Aschenputtel das hässliche Entlein, das von Anfang an ein Schwan war, und Kwan erzählt als Abstammung, was bei Lacan eine Funktion ist: den Namen-des-Vaters, der dem Subjekt seinen Platz in der Ordnung sichert. Im Rückblick verrät Rachels Tugend ihre Herkunft. Die Familie muss ihre Kriterien der sozialen Bewertung gar nicht ändern, weil Rachel ihnen ja von Geburt an entsprach.
Danach hat die Zurückhaltung ihre Aufgabe erfüllt. Im zweiten Band fliegt Rachel im Privatjet der Erbin Colette Bing nach Paris, und ein Kapitel aus ihrem Tagebuch zeigt, wohin die Bescheidenheit geht. Den Frisiertisch der Hotelsuite fotografiert sie „a million pictures … from every angle“. Als eine Begleiterin eine ganze Wand voller Taschen kauft, notiert sie „#OMFG #thisjustgotreal“. Sie bestellt ein Couture-Jackett, und vor Colettes Badezimmer ist ihr Plan erledigt, das eigene Bad in New York neu zu fliesen: „I don’t want it retiled, Nick, I want this!“ Wenige Kapitel später erhebt sie den einzigen Einwand des Bandes. Ein Couture-Kleid, das mehr kostet als die Masernimpfung für tausend Kinder, sei „unconscionable“. Ihre Freundin Peik Lin antwortet mit dem Argument aus dem Kanon der Vermögenden, der Luxus ernähre die Näherinnen. Die Wirtschaftsprofessorin widerspricht nicht, sagt „Okay, point taken“ und macht einen Witz über Mao. Ganz geht Rachel in Paris nicht auf. Gegen Ende der Woche sagt sie beim Abendessen mit Astrid über die Einkaufstouren: „It was fascinating for the first couple of days, but then it just got tedious.“ Nick sagt, er habe „hit my limit with them“. Der Text lässt den Überdruss zu und zieht keine Folgerung daraus. Gegen die These dieses Essays spräche ein Einwand, der etwas verändert. In der Trilogie verändert keiner etwas.
Im dritten Band wehrt sich Rachel zweimal gegen das Drängen der Familie auf ein Kind: „I just snap my fingers and a baby will magically appear?“ Auf der letzten Seite ist sie schwanger. Das Märchen schließt, wie es begann. Aschenputtel erhält den Prinzen, und ihr Nein beugt sich dem Wunsch des Hauses.
Menschen am Rand der Ordnung
An den Rändern meldet sich, was Lacan das Reale nennt, das, was in der Erfüllung des Wunsches nicht aufgeht. Im ersten Band sagt Michael Teo, Astrids Mann aus einfachen Verhältnissen, den einzigen Satz, der den Reichtum selbst angreift: Er könne nicht zusehen, wie diese Leute ein Vermögen für eine Hochzeit ausgeben, während die Hälfte der Welt hungert. Kwan gibt den Satz einem Mann, der im selben Zug eine Affäre erfindet, um sich nicht trennen zu müssen, und die Handlung fragt danach nur noch nach seiner Ehrlichkeit. Rachels Mutter Kerry erzählt spät von einer Ehe mit einem reichen Mann, der sie schlug. Die Geschichte klärt Rachels Herkunft, die Ordnung tastet sie nicht an.
Im zweiten Band erfährt man nebenbei, dass Carlton, Rachels Halbbruder, bei einem Autorennen in London eine junge Frau getötet und eine andere gelähmt hat, „all covered up by the Baos“. Das Kapitel schließt mit einer Fußnote zum Bugatti, mit dem er gerade wieder rasen wollte: „Park one in your garage today for $2.7 million.“ Im dritten Band wechselt Charlies Exfrau Isabel zwischen Ausbrüchen nach der Kränkung durch die Trennung, einer Party für zweihundert Gäste im Zustand einer dysphorischen Manie und zwei wundersamen Genesungen, die erste bei einer Spargelcremesuppe mit Astrid. Ihr Laksa-Wurf auf einem Kirchenbankett ist ein acting out im Sinn Lacans, eine Botschaft vor Publikum an den Anderen. Kwan macht daraus Slapstick.
Das Personal bleibt über alle drei Bände Ausstattung. Der erste Band nennt Dienstboten 236-mal mit ihrer Berufsbezeichnung und nur 28-mal mit einem Namen. Malaien und Inder, zusammen mehr als ein Fünftel der Bevölkerung Singapurs, erscheinen fast nur als Fahrer, Wachleute und Bedienstete. Die Frage, wer im Haus anerkannt wird, verdrängt die Frage, wer das Haus am Laufen hält.
Das Haus vom Symbol zum Brand
Tyersall Park funktioniert wie der Brief in Edgar Allan Poes „Der entwendete Brief“, den Lacan 1956 in einem Seminar gelesen und an den Anfang seiner „Écrits“ gestellt hat. Was im Brief der Königin steht, erfährt man nie. Entscheidend ist, wo er sich befindet, und wer ihn hält, wird von ihm bestimmt. Versteckt ist er an der sichtbarsten Stelle, einem Briefhalter über dem Kamin. Das Haus Tyersall ist auf Google Earth ein leerer Fleck mitten in der Stadt, und alle Figuren ordnen sich danach, wer es hält oder besitzen will. Su Yi hat es von ihrem Vater geerbt und die letzte Klausel des Testaments vermacht „my house in SINGAPORE“ in Prozenten an Sohn, Töchter und zwei Enkel, ohne den Namen zu nennen. Eddie platzt heraus: „You didn’t mention Tyersall Park at all!“ Weitergegeben werden Anteile, der Signifikant bleibt zurück. In derselben Szene erhalten die Bediensteten zum ersten Mal in der Trilogie vollständige Namen, jeweils mit einem Legat, von drei Millionen für die Haushälterin Lee Ah Ling bis zu 250.000 Dollar für den Fahrer Ahmad bin Youssef. Ihre Namen erfährt man erst, als die Herrin ihnen einen Preis gibt.
Poe und Lacan müssen den Brief leer lassen. Nur als Signifikant ohne Inhalt kann er gleiten und die Figuren nach seiner Bahn ordnen. Kwans Erzählweise hält diese Leere nicht aus. Sie braucht am Ende einen Inhalt, der das Haus beglaubigt. Das Finale des dritten Bandes beantwortet jede offene Frage mit einer Urkunde. Nick findet in Su Yis Tagebuch einen Brief von Windsor Castle, in dem George VI. ihr dankt, weil Tyersall Park im Krieg britischen Offizieren Zuflucht bot: „Your acts of heroism, too many to recount here, will never be forgotten.“ Der zweite Band hatte sich mit dem Balzac zugeschriebenen Satz „Behind every fortune lies a great crime“ geschmückt. Der dritte antwortet mit dem Dankschreiben eines Königs. Lacans Satz, ein Brief komme immer an seinem Bestimmungsort an, erfüllt sich wörtlich: Der Brief kehrt zu Nick zurück, und was bei Lacan leer bleiben muss, wird verlesen. Der Brief spricht von „acts of heroism“, und der Roman setzt ihn als Beglaubigung des Besitzanspruchs ans Ende.
Tyersall Park wird danach zum „Tyersall Park Hotel and Museum“, einem Boutiquehotel mit Gästevillen von Axel Vervoordt. Daneben entsteht ein Dorf für „artists and middle-income families“, gebaut von der Familie Goh, den Neureichen mit der goldenen Venus aus dem ersten Band. Es ist am ersten Tag ausverkauft, weil niemand „with less than ten million dollars“ sonst ein Haus mit Garten bekomme. Astrid, die Pariser Couture trug und nie darüber sprach, näht auf den Philippinen „Astrid Leong Resort Wear 2016“ aus selbstgewebtem Stoff, „a bamboo cotton, hand-dyed in ocean water“. Das letzte Bild ist Nicks Blick auf das Haus, „alive, reborn“.
Der Bogen der Trilogie führt vom Haus als Symbol zum Haus als Design-Brand. Die Neureichen werden aufgenommen, sobald sie bauen, was das alte Geld will, und einheiraten. Der Große Andere ohne Mangel überlebt, indem er sich in ein Produkt verwandelt, und ein König dankt ihm für sein Heldentum.
Eddie, der ideale Leser
Der Verlag bewarb den ersten Band als „Pride and Prejudice-like send-up“, die Kritik feierte ihn als Satire auf den Materialismus. Lacan nennt den Punkt, an dem ein Signifikant das Gleiten der Bedeutung anhält und eine Kette von Zeichen rückwirkend festlegt, Stepppunkt, (französisch: point de capiton). Es ist ein zentraler Begriff in seiner Psychoanalyse und bezeichnet den Punkt, an dem die freideutenden, unbegrenzt gleitenden Bedeutungen der Sprache durch einen festen Signifikanten (einen „Herrensignifikanten“ wie Gott, Freiheit oder Wahrheit) plötzlich angeheftet und fixiert werden. Auch das Etikett „Satire“ wirkt als ein solcher Stepppunkt. Unter diesem Titel lesen sich 195 Marken und ein Diamant im Schnee als Kritik, und der Wunsch, von der Ordnung des Rangs anerkannt zu werden, erhält den Namen einer Kritik an ihr. Netflix hat den Titel 2023 zur Gattung gemacht und den New Yorker Ableger von „Bling Empire“ mit der Zeile „Meet the Real-Life Crazy Rich Asians“ angekündigt.
Der ideale Leser dieser Bücher ist Eddie Cheng, Nicks Cousin. Er arbeitet bei „Hong Kong’s most prestigious investment bank“ und führt eine Tabelle über das Vermögen seiner Eltern, „diligently updating it every week based on property valuations and then calculating his potential future share“. Er kennt jede seiner mehr als siebzig Uhren und jeden Raum und dessen Einrichter. Seine Wohnung war in „Hong Kong Tattle“ zu sehen, der Gesellschaftszeitschrift, die der Roman nachbildet. Wo Kwan aus Eddies Sicht erzählt, ist der Ton vom übrigen Buch nicht zu unterscheiden: „Here at last was someone with style—the girl was wearing a sleeveless ice-blue Emilia Wickstead jumpsuit, blue suede ankle boots, and casually slung on her shoulder was the sort of handbag that Eddie was sure had a three-year waiting list.“ So schreibt die Trilogie die Welt, als Inventar und Bewertung. Eddies Anteil am Text verdoppelt sich vom ersten zum dritten Band. Er ist das Spiegelbild des Lesers im Imaginären, ein Doppelgänger, über den man lachen darf, um sich in ihm nicht zu erkennen. Der Leser identifiziert sich mit Rachel, aber liest mit Eddies Augen. Das Lachen über Eddie entlastet von der Lächerlichkeit, die Welt wie Eddie zu lesen. Die Trilogie ist eine romantische Komödie für Private-Equity-Berater: Sie bewertet, restrukturiert und verkauft, und am Ende rettet sie das Familienanwesen als Hotel.
Zur Methode
Die Zahlen stammen aus einer Auszählung der englischen Volltexte aller drei Bände (je rund 135.000 Wörter). Gezählt wurden Marken, Hotels, Restaurants und Weingüter über eine Liste von Namen, Wörter für Gefühle über rund 150 Wortstämme, Verben des Sagens mit folgendem Adverb auf „‑ly“ sowie Sätze, die eine Figur beim Namen nennen. Dieselben Zähllisten liefen über drei Romane Austens, über Chesterton und Melville. Die Zahlen messen also den Wortgebrauch. Sie dienen dazu, Szenen zu finden, und das Argument stützt sich auf die Lektüre dieser Szenen. Die Auszählung entstand mit einem KI-Assistenten (Claude, Anthropic), jede auffällige Zahl wurde an der Romanstelle geprüft. Zählungen dieser Art kennt die Literaturwissenschaft als Stilometrie und als Distant Reading im Sinne Franco Morettis. Neu ist die möglich gewordene Verbindung beider Lektüren in einem Arbeitsgang. Wortlisten, Regeln und alle Tabellen stehen im Methodenanhang, Beitrag und Anhang stehen als PDF zum Download bereit.
Das Wichtigste in Kürze
• Kwan misst mit zweierlei Maß. Verschwendung heißt bei Astrid Geschmack und bei Charlie neues Geld. Er steht damit in der konservativen Linie Juvenals.
• Marken funktionieren als Signifikanten. In allen drei Bänden benennt Kwan Gefühle halb so oft wie Austen und verlegt sie in Adverbien. Su Yi, die Matriarchin, ist der Ort des Urteils.
• Rachels Phantasma lautet: aufgenommen werden, ohne darum zu werben. In Paris schwärmt sie von Couture und Hotelbädern, ihr Einwand gegen den Luxus bleibt unbeantwortet, und ihr Nein zum Kind endet als Schwangerschaft.
• Michael, Kerry, die Tote aus London, Isabel und das Personal zeigen die Kosten der Ordnung. Kwan hakt sie als Episoden ab.
• Das Finale verwandelt Tyersall Park in ein Boutiquehotel, ein Brief von George VI. bescheinigt der Familie Heldentum. Die Trilogie führt vom Haus als Symbol zum Haus als Design-Brand.
• Der ideale Leser ist der lächerliche Eddie Cheng. Das Etikett „Satire“ wirkt als Stepppunkt und lässt den Katalog als vermeintliche Kritik lesen.
Glossar: Lacans Begriffe
Begriff | Bedeutung |
|---|---|
Imaginäres | Ordnung der Bilder und Identifizierungen, hervorgegangen aus dem Spiegelstadium. |
Symbolisches | Ordnung der Sprache, Regeln und gesellschaftlichen Positionen. |
Reales | Was sich der Erfassung durch Sprache und Bilder entzieht und als unaufgelöster Rest wiederkehrt. |
Großer Anderer | Ort der Sprache und der symbolischen Ordnung. Menschen und Institutionen können als seine Vertreter auftreten. |
Signifikant | Sprachliches Element, dessen Wert sich aus dem Abstand zu anderen Elementen ergibt. |
Begehren | Entsteht aus der Differenz zwischen Anspruch und Bedürfnis. Kein Gegenstand befriedigt es endgültig. |
„Che vuoi?“ | „Was willst du?“ Die Frage nach dem Begehren des Anderen und der eigenen Position darin. |
Phantasma ($ ◇ a) | Szene, die dem Subjekt eine Position gegenüber dem Begehren des Anderen gibt. |
Mangel im Anderen, S(Ⱥ) | Die symbolische Ordnung besitzt keine letzte Garantie ihrer Geltung. |
Name-des-Vaters | Signifikant, der dem Subjekt seinen Platz in der symbolischen Ordnung sichert. |
Stepppunkt | Punkt, an dem ein Signifikant das Gleiten der Bedeutung anhält und eine Kette rückwirkend festlegt. |
Acting out | Inszenierung vor Publikum, die sich an den Anderen richtet (Seminar X). |
Der entwendete Brief | Lacans Lektüre von Poes Erzählung (1956): Der Brief bestimmt die Subjekte durch seine Stellung, sein Inhalt bleibt unbekannt. Ein Brief kommt immer an seinem Bestimmungsort an. |
Quellen
· Kevin Kwan: Crazy Rich Asians. Doubleday 2013; China Rich Girlfriend. Doubleday 2015; Rich People Problems. Doubleday 2017. Eigene Zählung an den Volltexten
· Vergleichstexte aus dem NLTK-Gutenberg-Korpus (Austen, Chesterton, Melville)
· Jacques Lacan: Écrits. Seuil 1966, darin „Das Seminar über ‚Der entwendete Brief‘“ (1956), „Das Spiegelstadium“ (1949), „Die Bedeutung des Phallus“ (1958), „Von einer Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht“ (1958), „Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens“ (1960)
· Jacques Lacan: Le Séminaire, Livre III. Les psychoses. Seuil 1981; Livre VI. Le désir et son interprétation. La Martinière 2013; Livre X. L’angoisse. Seuil 2004
· Stanford Encyclopedia of Philosophy: Jacques Lacan
· Jacques Cazotte: Le Diable amoureux. 1772
· Edgar Allan Poe: The Purloined Letter. 1844
· Juvenal: Satiren. Um 100 bis 130 n. Chr.
· Honoré de Balzac: Le Père Goriot. 1835
· Penguin Random House: Crazy Rich Asians
· NPR: Crazy Rich Asians, Lives of the 0.001 Percent (2013)
· The Hollywood Reporter: Startwochenende
· Netflix Tudum: Bling Empire New York
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