Tanzwut in Straßburg 1518: Was hinter dem Veitstanz steckt

Tanzwut in Straßburg 1518: Was hinter dem Veitstanz steckt

Tanzwut in Straßburg 1518

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Bemalte Holzfigur einer tanzenden Frau mit Kopftuch, die ekstatisch die Arme hebt, vor einer dunklen Steinwand mit brennenden Kerzen

DESCRIPTION: Im Sommer 1518 tanzten in Straßburg eine Frau und rund fünfzig Nachahmer bis zur Erschöpfung. Was die Quellen zur Tanzwut berichten, was später dazuerfunden wurde und was die Psychiatrie darin erkennt.

Die Tanzwut von Straßburg 1518

Im Juli 1518 begann in der elsässischen Reichsstadt Straßburg eine Frau zu tanzen, und rund fünfzig Menschen taten es ihr nach. So halten es die Ratsprotokolle aus dem Sommer selbst fest. Spätere Chroniken machen daraus bis zu 400 Tanzende und täglich fünfzehn Tote. Seit fünfhundert Jahren wird erklärt, was in der Stadt geschah, und jede Epoche hat darin ihre eigene Krankheitslehre gefunden: Paracelsus die Einbildung, Hecker die Seelennot nach der Pest, Backman das Mutterkorn, Waller die massenpsychogene Erkrankung. Wer die Tanzwut verstehen will, muss zuerst trennen, was 1518 aufgeschrieben wurde und was später dazukam.

Was die Quellen von 1518 berichten

Aus dem Sommer selbst stammen drei Texte: die Beschlüsse des Straßburger Rates, die Chronik des Hieronymus Gebwiler und die Antwort des Magistrats an den Bischof, der sich nach „der ungewönlichen kranckheit“ erkundigt hatte. Nach Clementz nennen sie eine Frau ohne Namen, die zu tanzen begann. Die Ärzte hielten den Tanz für eine natürliche Krankheit, verursacht durch die Konstellation der Gestirne in diesem Jahr und die Hitze der Jahreszeit.

Die Ratsbeschlüsse sind in den sogenannten Annalen Sebastian Brants überliefert. Brant, Stadtschreiber und Verfasser des Narrenschiffs, war 1518 im Amt. Die Handschrift unter seinem Namen war allerdings ein Auszug aus den Ratsprotokollen, den der Archivar Jakob Wencker im 18. Jahrhundert anlegte. Sie verbrannte 1870 und ist nur in Abschriften erhalten, die Léon Dacheux 1892 herausgab. Der Eintrag zu 1518 lautet:

„Als diss jars um Margarethen ein schwäre erschreckliche krankheit mit St. Vitstanz erhub, also dass uff fünfzig personen damit behafft tag und nacht tantzeten dass jämmerlich zu sehen war, wurden dieselben alle in der Statt costen verwahrt und zu dem lieben heil. St. Vit im Hohenstein bei Zabern geführt und fast erledigt.“

Um den Margarethentag im Juli begann also eine schwere Krankheit, rund fünfzig Menschen tanzten Tag und Nacht, die Stadt ließ sie auf eigene Kosten bewachen und zum heiligen Veit am Hohlenstein bei Zabern bringen, und dort wurden die meisten frei. Am Rand steht ein Vermerk Brants: Von diesem Tanz finde man in seiner Chronik ausführlich. Diese Chronik ist leider verloren.

Wie reagierte der Straßburger Rat?

Die Protokolle verzeichnen eine Reihe von Beschlüssen. Niemand durfte bis Michaelis, also bis Ende September, in der Stadt und ihrem Umland tanzen, bei einer Strafe von 30 Schilling Pfennig, und niemand durfte „brucken schlagen“, also Tanzböden aufbauen. Bei Hochzeiten und Primizen blieb der Tanz mit Saitenspiel erlaubt, „nach eines jeden conscienz“. Als „etlich frauen und knaben den bösen dantz“ tanzten, sollten die Trommeln schweigen. Die Zünfte erhielten Zettel, jeder solle seine Kinder und Hausgenossen beaufsichtigen, die Bruderschaften sollten sich um ihre kranken Brüder kümmern oder sie zu den Heiligen schicken.

Dazu kamen religiöse Maßnahmen. Der Rat ließ ein Hochamt in der Liebfrauenkapelle halten, schickte die Tanzenden aus dem Spital zum Heiligen, stiftete eine Kerze aus einem Zentner Wachs für St. Veit und ließ ein Amt mit drei Nebenmessen für Rat und Stadt lesen. „Die leichtfertigen der Statt“ wurden für eine Zeit verwiesen.

Von einer Bühne, die die Stadt gebaut hätte, von bezahlten Musikern und von Toten steht in den Protokollen nichts. Das Verbot, Tanzböden aufzubauen, lässt vermuten, dass es solche Böden gab.

Was die späteren Chroniken hinzufügen

Die bekannte Fassung der Geschichte stammt aus Chroniken, die Jahrzehnte später entstanden. Johannes Wencker (1590 bis 1659) schreibt nach Daniel Specklin, der um 1580 sammelte: Man habe den Tanzenden die Stuben der Zimmerleute und Gerber gegeben und „sondere leute bestellet die genug mit ihnen tantzten“. Auf dem Rossmarkt habe man ein Gerüst aufgeschlagen und sie zu Trommeln und Pfeifen tanzen lassen, „half aber alles nicht“. „Etliche stürben dran.“ Am Heiligtum habe ein Priester eine Messe gelesen und den Kranken Kreuzchen und rote Schuhe gegeben, oben und unten mit Chrisam bestrichen und mit Weihwasser besprengt.

Bei Specklin und Wencker finden sich auch die Zahlen, die heute jede Darstellung wiederholt: bis zu 400 Tanzende und fünfzehn Tote am Tag. Waller übernimmt sie. Clementz hält ihm entgegen, dass die Texte aus dem Sommer 1518 nichts dergleichen enthalten.

Gesichert ist damit ein Sommer, in dem eine Frau und etwa fünfzig Nachahmer, Frauen und Knaben darunter, unwillkürlich tanzten, und eine Stadt, die das als natürliche Krankheit behandelte, Tanz und Trommeln verbot und die Kranken zum heiligen Veit schickte. Bühne, Musiker, rote Schuhe und Tote gehören zur Überlieferung des späten 16. und 17. Jahrhunderts.

Auch das bekannteste Bild gehört nicht zu Straßburg. Der Kupferstich von Hendrik Hondius aus dem Jahr 1642, der in fast jedem Artikel über die Straßburger Tanzwut erscheint, geht auf eine Zeichnung Pieter Bruegels des Älteren von 1564 zurück. Sie zeigt eine Pilgerfahrt von Epileptikern zur Kirche von Molenbeek bei Brüssel.

Tanz ohne Namen

Das Spätmittelalter kannte Tänze mit Namen, Schritten und Musik. Von alldem berichten die Quellen zu 1518 nichts. Die Ratsprotokolle sagen nur, die Kranken hätten „tag und nacht tantzeten“. Paracelsus beschreibt Troffea genauer: Sie „hüpft und sprang auf, sang, und lallet“. Das ist Springen und Hüpfen ohne Form und ohne Takt. Das Wort „tanzen“ bezeichnete damals auch das Zappeln und Hüpfen. Schon bei Walther von der Vogelweide stehen „tanzen“ und „springen“ nebeneinander.

Die Musik kam von außen. Der Rat ließ die Trommeln schweigen, vermutlich weil er fürchtete, sie hielten die Bewegung in Gang. Specklin und Wencker berichten später, man habe die Kranken zu Trommeln und Pfeifen tanzen lassen. Erst wer dem Hüpfen eine Musik unterlegte, machte es zum Tanz.

Für 1374 beschreiben die Chronisten Gruppen, die im Kreis tanzten, also einen Reigen mit fester Form. In Straßburg beschreiben die Quellen eine ungeformte, unwillkürliche Bewegung, der die Beobachter den Namen Tanz gaben.

Die Vorgeschichte: Tanzwut am Rhein seit 1374

Straßburg war kein Einzelfall. Die erste große Welle begann im Juli 1374 in Aachen. Bis Anfang September tanzten Gruppen in Köln, vom 11. bis 14. September in Maastricht, Tongern, Lüttich und Trier, am 22. und 23. Oktober in Gent, danach in Metz. Die Chronisten beschreiben Männer und Frauen, die im Kreis tanzten, sich danach Tücher fest um den Leib banden und von Visionen von Christus und Maria berichteten. Die Wellen häufen sich am Rhein und an der Mosel. Dort war auch der Glaube verbreitet, der heilige Veit, lateinisch Vitus, könne Sünder mit einem Tanzfluch strafen und von ihm wieder lösen. Der Name Veitstanz stammt aus diesem Glauben, lange bevor die Neurologie ihn für choreatische Bewegungsstörungen übernahm, für die Chorea Sydenham und die Chorea Huntington. Die Medizin des 19. Jahrhunderts fasste die Tanzwellen unter dem Namen Choreomanie zusammen.

Paracelsus und Frau Troffea

Der Name, den heute jede Darstellung der Straßburger Tanzwut nennt, stammt von Paracelsus. In seiner Schrift Von den Krankheiten, so die Vernunft berauben unterscheidet er drei Formen des Veitstanzes: die chorea imaginativa aus der Einbildung, die chorea lasciva aus Sinnenlust und die chorea naturalis aus körperlicher Ursache. Für die erste erzählt er die Geschichte einer Frau namens Troffea: Wenn ihr Mann ihr etwas auftrug, das ihr nicht gefiel, stellte sie sich krank und tanzte, denn über nichts ärgerte sich ihr Mann so sehr wie über das Tanzen. Sie „hüpft und sprang auf, sang, und lallet“ und schlief danach. Andere Frauen lernten es von ihr, die Leute hielten das Tanzen für eine Buße, und schließlich wurde der heilige Veit zum Schutzherrn der Krankheit.

Paracelsus sagt weder, wo noch wann diese Frau gelebt hat. Clementz hält den Namen für erfunden. Erst die moderne Literatur, Waller eingeschlossen, hat Troffea nach Straßburg und in den Juli 1518 versetzt und ihr ein Haus, einen hungernden Körper und einen zerrütteten Gemütszustand gegeben. Die Frau, die 1518 zu tanzen begann, hat in den Quellen keinen Namen.

Bemerkenswert an Paracelsus ist sein Gedanke über die Ursache. Eine angenommene Weise, die jemand für wahr ausgibt, erzeuge „ein solchen starken Glauben, daß wahr wird und bestätet sich“. So kämen viele Krankheiten zustande, „nicht allein der Tanz“. Die Ursache sei „ein Aestimation und angenommene Imagination“. Das Frauenbild des Arztes ist von seiner Zeit, der Gedanke über Glauben und Ansteckung erstaunlich modern.

Hecker: die Seelennot nach dem Schwarzen Tod

Justus Friedrich Carl Hecker veröffentlichte 1832 Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im Mittelalter. Für ihn war die Tanzwut eine Folge des Schwarzen Todes von 1347 bis 1351. Die Welle von 1374 brach rund zwei Jahrzehnte nach der Pest aus, in einer Zeit, in der die Erinnerung an das Massensterben frisch und die Pest in einzelnen Ausbrüchen zurückgekehrt war. Hecker las die Tänze als seelische Reaktion einer verstörten Bevölkerung.

Auf 1374 lässt sich diese Deutung beziehen. Für Straßburg 1518 nennen die zeitgenössischen Quellen keine Pest. Waller führt die Wiederkehr von Lepra, Pocken und Pest um 1518 an, nach Clementz ohne Beleg. Heckers Pestthese ist eine Deutung des 19. Jahrhunderts, die sich in der populären Literatur über alle Tanzwellen gelegt hat.

Mutterkorn: warum die Vergiftung nicht passt

Der schwedische Pharmakologe und Medizinhistoriker Eugène Louis Backman vertrat 1952 die These, das Mutterkorn sei schuld. Der Pilz Claviceps purpurea befällt in nassen Jahren den Roggen, seine Alkaloide verursachen Krämpfe, Halluzinationen und Wahnzustände. Eine der Substanzen ist mit dem LSD verwandt. Die Erklärung klingt chemisch exakt, und deshalb hält sie sich.

Sie passt aber nicht zum Krankheitsbild. Die Brandform des Ergotismus drosselt die Durchblutung von Händen und Füßen, bis Finger und Zehen absterben. Davon berichtet keine Tanzquelle. Die Krampfform verursacht Anfälle und Halluzinationen, aber keine koordinierte Bewegung über Tage. Wer vergiftet ist, kann nicht tagelang tanzen. Dazu kommt, dass eine Vergiftung nicht erklärt, warum die Tänze sich an Rhein und Mosel häuften, warum sie mit dem Veitsglauben zusammenfielen und warum viele Menschen in einer Stadt dasselbe taten, während ihre Nachbarn dasselbe Brot aßen und gesund blieben.

Bartholomew: Pilger, die man für Kranke hielt

Der Soziologe Robert Bartholomew hält die meisten Tanzwellen für Rituale. Nach seiner Auswertung der Chroniken kamen die Tanzenden von 1374 überwiegend nicht aus den Städten, in denen sie tanzten. Es waren Pilger aus Böhmen, Polen, Ungarn und anderen Gebieten, die von Heiligtum zu Heiligtum zogen. Ihre Lieder, Gebärden und Anrufungen waren den Einheimischen fremd, und die Chronisten beschrieben als Raserei, was eine Form der Andacht gewesen sein könnte.

Für 1374 ist die These ernst zu nehmen. Für Straßburg 1518 passt sie nicht. Die Tanzenden waren Straßburger, der Magistrat nannte ihren Zustand eine ungewöhnliche Krankheit, die Ärzte suchten eine natürliche Ursache, und die Kranken wurden zur Heilung zum heiligen Veit gebracht. Für ein Ritual, das Teilnehmer aus freien Stücken vollziehen, spricht in Straßburg nichts.

Waller: der Fluch des heiligen Veit

Waller deutet Straßburg 1518 als massenpsychogene Erkrankung. In seiner Lesart kamen drei Bedingungen zusammen: Not nach Missernten und Teuerung, der Glaube, der heilige Veit verhänge Tanzflüche, und eine öffentliche Reaktion, die das Tanzen sichtbar machte und verbreitete. Die Kranken tanzten in einem dissoziativen Zustand, dessen Inhalt der Glaube ihrer Zeit vorgab, und am Heiligtum löste ein Ritual den Fluch, an den sie glaubten.

Das Modell verbindet die gesicherten Einzelheiten gut: die Ansteckung durch Anschauung, die Verbindung mit dem Veitsglauben und das Ende durch eine religiöse Handlung. Wallers Buch über Straßburg ist dagegen mit Vorsicht zu lesen. Clementz wirft ihm vor, Troffea nach Straßburg verlegt, ihre Gedanken erraten, Todesfälle aus späten Chroniken übernommen und Seuchen behauptet zu haben, die sich für 1518 nicht belegen lassen. Ihr Urteil: Das Buch stehe einem historischen Roman näher als einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Deutung als massenpsychogene Erkrankung bleibt davon unberührt. Für sie genügen die fünfzig Tanzenden der zeitgenössischen Quellen.

Was die Tanzwut psychiatrisch erkennen lässt

Aus den Quellen lässt sich das Erscheinungsbild beschreiben. Die Tanzenden bewegten sich unwillkürlich über lange Zeit, erlebten den Zustand als fremd und quälend, waren teilweise der Umgebung entrückt und berichteten Visionen. Der Zustand breitete sich über Anschauung aus, folgte einem kulturell bekannten Muster und endete durch eine Handlung, die nach dem Glauben der Betroffenen genau dieses Muster auflöste.

Dieses Bild entspricht dem, was die heutige Psychiatrie als funktionelle oder dissoziative Bewegungsstörung beschreibt, in kollektiver Form als massenpsychogene Erkrankung, die man früher Massenhysterie nannte. Die Symptome sind echt und werden nicht gespielt. Ihre Gestalt stammt aus dem, was eine Gemeinschaft für möglich hält. Gerade das Formlose des Straßburger Hüpfens passt zur funktionellen Bewegungsstörung, der die Umgebung erst nachträglich einen Namen und eine Musik gab. Das verbindet die Tanzwut mit dem Glaswahn derselben Epoche: In beiden Fällen bestimmt die Kultur, welche Form das Leiden annimmt.

Von Straßburg zu YouTube

2021 berichteten Kirsten Müller-Vahl und Kollegen von der Medizinischen Hochschule Hannover über Jugendliche, die mit nahezu identischen „Tourette-ähnlichen“ Bewegungen und Lauten in die Ambulanz kamen. Die Symptome unterschieden sich klar von echten Tics. Ein Tourette-Syndrom lag bei keinem vor. Tourette beginnt in der Kindheit, seine Tics sind kurz und stereotyp, kündigen sich mit einem Vorgefühl an und lassen sich eine Weile unterdrücken. Die Bewegungen der Jugendlichen setzten abrupt ein, waren komplex, kamen ohne Vorgefühl und entstanden unter Belastung nach einem Vorbild. Auch Troffeas Tanz beginnt bei Paracelsus mit einem Anlass, als Antwort auf einen Konflikt mit ihrem Mann. Ausgangspunkt war ein virtueller Indexfall, einer der erfolgreichsten deutschen YouTuber, der seine Tics öffentlich zeigte. Die Autoren schlugen dafür den Begriff „mass social media-induced illness“ vor.

Der Mechanismus entspricht dem von 1518. Leid sucht sich eine Form, die gerade verfügbar ist. In Straßburg lieferte der Veitsglaube diese Form. Paracelsus hat den Mechanismus beschrieben: Was einer vormacht und für wahr ausgibt, wird geglaubt und dadurch wahr. Heute liefert sie ein Video, und die Plattform übernimmt die Bühne. Neu ist die Reichweite. Die Straßburger Bühne stand, wenn Specklin recht hat, auf dem Rossmarkt. Die heutige steht überall.

Das Wichtigste in Kürze

•            Im Juli 1518 tanzten in Straßburg etwa fünfzig Menschen Tag und Nacht, Frauen und Knaben darunter. So halten es die Ratsprotokolle fest, überliefert als „Annalen Brants“.

•            Die Ärzte erklärten den Tanz mit der Konstellation der Gestirne und der Sommerhitze. Der Rat verbot Tanz, Tanzböden und Trommeln bis Michaelis und ließ die Kranken zum heiligen Veit am Hohlenstein bei Zabern bringen.

•            Bühne, bezahlte Musiker, rote Schuhe, die Zahl 400 und die Toten stammen aus Chroniken von Specklin und Wencker, Jahrzehnte nach dem Ereignis. Die Ratsprotokolle nennen keine Toten.

•            Frau Troffea ist eine Gestalt aus Paracelsus, ohne Ort und Datum. Erst die moderne Literatur hat sie nach Straßburg versetzt.

•            Paracelsus erklärte den Veitstanz mit Einbildung und Glauben, „nicht allein der Tanz“ entstehe so.

•            Heckers Verbindung mit dem Schwarzen Tod betrifft die Welle von 1374. Mutterkorn erklärt das tagelange Tanzen nicht.

•            Die Quellen zu 1518 nennen keinen Tanz mit Namen, Schritt oder Takt, nur Hüpfen und Springen. Die Musik kam erst mit dem Rat und den späten Chroniken dazu.

•            Bartholomews Pilgerthese passt eher auf 1374 als auf Straßburg.

•            Die Deutung als massenpsychogene Erkrankung ist die plausibelste. Wallers Buch enthält viele unbelegte Einzelheiten.

•            Die „mass social media-induced illness“ von 2021 folgt demselben Muster mit größerer Reichweite.

Quellen

·        Waller, J. C. (2008): In a spin: the mysterious dancing epidemic of 1518. Endeavour 32 (3), 117–121. https://doi.org/10.1016/j.endeavour.2008.05.001

·        Waller, J. (2008): A Time to Dance, a Time to Die. The Extraordinary Story of the Dancing Plague of 1518. Cambridge: Icon Books.

·        Waller, J. (2009): A forgotten plague: making sense of dancing mania. The Lancet 373 (9664), 624–625. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(09)60386-X

·        Pennant-Rea, N. (2018): The Dancing Plague of 1518. The Public Domain Review. https://publicdomainreview.org/essay/the-dancing-plague-of-1518/

·        Hecker, J. F. C. (1832): Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im Mittelalter. Berlin: Enslin.

·        Paracelsus: Von den Krankheiten, so die Vernunft berauben. In: Bücher und Schrifften, hg. von J. Huser, Teil 1, Basel 1589, S. 94. Zitiert nach H. A. Preu (1838): Das System der Medicin des Theophrastus Paracelsus. Berlin, S. 240 f.

·        Dacheux, L. (Hg.) (1892): Fragments des anciennes chroniques d’Alsace III. Bulletin de la Société pour la conservation des monuments historiques d’Alsace, 2. Serie, Bd. 15. Darin: Jean Wencker, Chronik, Nr. 3007, S. 148, und Jac. Wencker, Extractus ex protocollis, vulgo Sebastian Brants Annalen, Nr. 3443, S. 239 f. https://archive.org/details/BulletinDeLaSocietePourLaConservationDesMonumentsHistoriquesDalsace

·        Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Artikel „tanzen“. https://www.dwds.de/wb/dwb/tanzen

·        Hondius, H. (1642) nach Pieter Bruegel d. Ä.: Pilgrimage of the Epileptics to the Church at Molenbeek. Kupferstich. The Metropolitan Museum of Art, New York, 49.95.2249. https://www.metmuseum.org/art/collection/search/415981

·        Clementz, É. (2016): Rezension zu J. Waller, Les danseurs fous de Strasbourg. Revue d’Alsace 142, 451–453. https://doi.org/10.4000/alsace.2457

·        Backman, E. L. (1952): Religious Dances in the Christian Church and in Popular Medicine. London: Allen & Unwin.

·        Evans, H., Bartholomew, R. (2009): Outbreak! The Encyclopedia of Extraordinary Social Behavior. San Antonio: Anomalist Books, Artikel „Dance Frenzies“ und „Dancing Mania“, 117–121.

·        Müller-Vahl, K. R., Pisarenko, A., Jakubovski, E., Fremer, C. (2022): Stop that! It’s not Tourette’s but a new type of mass sociogenic illness. Brain 145 (2), 476–480. https://doi.org/10.1093/brain/awab316


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DESCRIPTION: Im Sommer 1518 tanzten in Straßburg eine Frau und rund fünfzig Nachahmer bis zur Erschöpfung. Was die Quellen zur Tanzwut berichten, was später dazuerfunden wurde und was die Psychiatrie darin erkennt.

Die Tanzwut von Straßburg 1518

Im Juli 1518 begann in der elsässischen Reichsstadt Straßburg eine Frau zu tanzen, und rund fünfzig Menschen taten es ihr nach. So halten es die Ratsprotokolle aus dem Sommer selbst fest. Spätere Chroniken machen daraus bis zu 400 Tanzende und täglich fünfzehn Tote. Seit fünfhundert Jahren wird erklärt, was in der Stadt geschah, und jede Epoche hat darin ihre eigene Krankheitslehre gefunden: Paracelsus die Einbildung, Hecker die Seelennot nach der Pest, Backman das Mutterkorn, Waller die massenpsychogene Erkrankung. Wer die Tanzwut verstehen will, muss zuerst trennen, was 1518 aufgeschrieben wurde und was später dazukam.

Was die Quellen von 1518 berichten

Aus dem Sommer selbst stammen drei Texte: die Beschlüsse des Straßburger Rates, die Chronik des Hieronymus Gebwiler und die Antwort des Magistrats an den Bischof, der sich nach „der ungewönlichen kranckheit“ erkundigt hatte. Nach Clementz nennen sie eine Frau ohne Namen, die zu tanzen begann. Die Ärzte hielten den Tanz für eine natürliche Krankheit, verursacht durch die Konstellation der Gestirne in diesem Jahr und die Hitze der Jahreszeit.

Die Ratsbeschlüsse sind in den sogenannten Annalen Sebastian Brants überliefert. Brant, Stadtschreiber und Verfasser des Narrenschiffs, war 1518 im Amt. Die Handschrift unter seinem Namen war allerdings ein Auszug aus den Ratsprotokollen, den der Archivar Jakob Wencker im 18. Jahrhundert anlegte. Sie verbrannte 1870 und ist nur in Abschriften erhalten, die Léon Dacheux 1892 herausgab. Der Eintrag zu 1518 lautet:

„Als diss jars um Margarethen ein schwäre erschreckliche krankheit mit St. Vitstanz erhub, also dass uff fünfzig personen damit behafft tag und nacht tantzeten dass jämmerlich zu sehen war, wurden dieselben alle in der Statt costen verwahrt und zu dem lieben heil. St. Vit im Hohenstein bei Zabern geführt und fast erledigt.“

Um den Margarethentag im Juli begann also eine schwere Krankheit, rund fünfzig Menschen tanzten Tag und Nacht, die Stadt ließ sie auf eigene Kosten bewachen und zum heiligen Veit am Hohlenstein bei Zabern bringen, und dort wurden die meisten frei. Am Rand steht ein Vermerk Brants: Von diesem Tanz finde man in seiner Chronik ausführlich. Diese Chronik ist leider verloren.

Wie reagierte der Straßburger Rat?

Die Protokolle verzeichnen eine Reihe von Beschlüssen. Niemand durfte bis Michaelis, also bis Ende September, in der Stadt und ihrem Umland tanzen, bei einer Strafe von 30 Schilling Pfennig, und niemand durfte „brucken schlagen“, also Tanzböden aufbauen. Bei Hochzeiten und Primizen blieb der Tanz mit Saitenspiel erlaubt, „nach eines jeden conscienz“. Als „etlich frauen und knaben den bösen dantz“ tanzten, sollten die Trommeln schweigen. Die Zünfte erhielten Zettel, jeder solle seine Kinder und Hausgenossen beaufsichtigen, die Bruderschaften sollten sich um ihre kranken Brüder kümmern oder sie zu den Heiligen schicken.

Dazu kamen religiöse Maßnahmen. Der Rat ließ ein Hochamt in der Liebfrauenkapelle halten, schickte die Tanzenden aus dem Spital zum Heiligen, stiftete eine Kerze aus einem Zentner Wachs für St. Veit und ließ ein Amt mit drei Nebenmessen für Rat und Stadt lesen. „Die leichtfertigen der Statt“ wurden für eine Zeit verwiesen.

Von einer Bühne, die die Stadt gebaut hätte, von bezahlten Musikern und von Toten steht in den Protokollen nichts. Das Verbot, Tanzböden aufzubauen, lässt vermuten, dass es solche Böden gab.

Was die späteren Chroniken hinzufügen

Die bekannte Fassung der Geschichte stammt aus Chroniken, die Jahrzehnte später entstanden. Johannes Wencker (1590 bis 1659) schreibt nach Daniel Specklin, der um 1580 sammelte: Man habe den Tanzenden die Stuben der Zimmerleute und Gerber gegeben und „sondere leute bestellet die genug mit ihnen tantzten“. Auf dem Rossmarkt habe man ein Gerüst aufgeschlagen und sie zu Trommeln und Pfeifen tanzen lassen, „half aber alles nicht“. „Etliche stürben dran.“ Am Heiligtum habe ein Priester eine Messe gelesen und den Kranken Kreuzchen und rote Schuhe gegeben, oben und unten mit Chrisam bestrichen und mit Weihwasser besprengt.

Bei Specklin und Wencker finden sich auch die Zahlen, die heute jede Darstellung wiederholt: bis zu 400 Tanzende und fünfzehn Tote am Tag. Waller übernimmt sie. Clementz hält ihm entgegen, dass die Texte aus dem Sommer 1518 nichts dergleichen enthalten.

Gesichert ist damit ein Sommer, in dem eine Frau und etwa fünfzig Nachahmer, Frauen und Knaben darunter, unwillkürlich tanzten, und eine Stadt, die das als natürliche Krankheit behandelte, Tanz und Trommeln verbot und die Kranken zum heiligen Veit schickte. Bühne, Musiker, rote Schuhe und Tote gehören zur Überlieferung des späten 16. und 17. Jahrhunderts.

Auch das bekannteste Bild gehört nicht zu Straßburg. Der Kupferstich von Hendrik Hondius aus dem Jahr 1642, der in fast jedem Artikel über die Straßburger Tanzwut erscheint, geht auf eine Zeichnung Pieter Bruegels des Älteren von 1564 zurück. Sie zeigt eine Pilgerfahrt von Epileptikern zur Kirche von Molenbeek bei Brüssel.

Tanz ohne Namen

Das Spätmittelalter kannte Tänze mit Namen, Schritten und Musik. Von alldem berichten die Quellen zu 1518 nichts. Die Ratsprotokolle sagen nur, die Kranken hätten „tag und nacht tantzeten“. Paracelsus beschreibt Troffea genauer: Sie „hüpft und sprang auf, sang, und lallet“. Das ist Springen und Hüpfen ohne Form und ohne Takt. Das Wort „tanzen“ bezeichnete damals auch das Zappeln und Hüpfen. Schon bei Walther von der Vogelweide stehen „tanzen“ und „springen“ nebeneinander.

Die Musik kam von außen. Der Rat ließ die Trommeln schweigen, vermutlich weil er fürchtete, sie hielten die Bewegung in Gang. Specklin und Wencker berichten später, man habe die Kranken zu Trommeln und Pfeifen tanzen lassen. Erst wer dem Hüpfen eine Musik unterlegte, machte es zum Tanz.

Für 1374 beschreiben die Chronisten Gruppen, die im Kreis tanzten, also einen Reigen mit fester Form. In Straßburg beschreiben die Quellen eine ungeformte, unwillkürliche Bewegung, der die Beobachter den Namen Tanz gaben.

Die Vorgeschichte: Tanzwut am Rhein seit 1374

Straßburg war kein Einzelfall. Die erste große Welle begann im Juli 1374 in Aachen. Bis Anfang September tanzten Gruppen in Köln, vom 11. bis 14. September in Maastricht, Tongern, Lüttich und Trier, am 22. und 23. Oktober in Gent, danach in Metz. Die Chronisten beschreiben Männer und Frauen, die im Kreis tanzten, sich danach Tücher fest um den Leib banden und von Visionen von Christus und Maria berichteten. Die Wellen häufen sich am Rhein und an der Mosel. Dort war auch der Glaube verbreitet, der heilige Veit, lateinisch Vitus, könne Sünder mit einem Tanzfluch strafen und von ihm wieder lösen. Der Name Veitstanz stammt aus diesem Glauben, lange bevor die Neurologie ihn für choreatische Bewegungsstörungen übernahm, für die Chorea Sydenham und die Chorea Huntington. Die Medizin des 19. Jahrhunderts fasste die Tanzwellen unter dem Namen Choreomanie zusammen.

Paracelsus und Frau Troffea

Der Name, den heute jede Darstellung der Straßburger Tanzwut nennt, stammt von Paracelsus. In seiner Schrift Von den Krankheiten, so die Vernunft berauben unterscheidet er drei Formen des Veitstanzes: die chorea imaginativa aus der Einbildung, die chorea lasciva aus Sinnenlust und die chorea naturalis aus körperlicher Ursache. Für die erste erzählt er die Geschichte einer Frau namens Troffea: Wenn ihr Mann ihr etwas auftrug, das ihr nicht gefiel, stellte sie sich krank und tanzte, denn über nichts ärgerte sich ihr Mann so sehr wie über das Tanzen. Sie „hüpft und sprang auf, sang, und lallet“ und schlief danach. Andere Frauen lernten es von ihr, die Leute hielten das Tanzen für eine Buße, und schließlich wurde der heilige Veit zum Schutzherrn der Krankheit.

Paracelsus sagt weder, wo noch wann diese Frau gelebt hat. Clementz hält den Namen für erfunden. Erst die moderne Literatur, Waller eingeschlossen, hat Troffea nach Straßburg und in den Juli 1518 versetzt und ihr ein Haus, einen hungernden Körper und einen zerrütteten Gemütszustand gegeben. Die Frau, die 1518 zu tanzen begann, hat in den Quellen keinen Namen.

Bemerkenswert an Paracelsus ist sein Gedanke über die Ursache. Eine angenommene Weise, die jemand für wahr ausgibt, erzeuge „ein solchen starken Glauben, daß wahr wird und bestätet sich“. So kämen viele Krankheiten zustande, „nicht allein der Tanz“. Die Ursache sei „ein Aestimation und angenommene Imagination“. Das Frauenbild des Arztes ist von seiner Zeit, der Gedanke über Glauben und Ansteckung erstaunlich modern.

Hecker: die Seelennot nach dem Schwarzen Tod

Justus Friedrich Carl Hecker veröffentlichte 1832 Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im Mittelalter. Für ihn war die Tanzwut eine Folge des Schwarzen Todes von 1347 bis 1351. Die Welle von 1374 brach rund zwei Jahrzehnte nach der Pest aus, in einer Zeit, in der die Erinnerung an das Massensterben frisch und die Pest in einzelnen Ausbrüchen zurückgekehrt war. Hecker las die Tänze als seelische Reaktion einer verstörten Bevölkerung.

Auf 1374 lässt sich diese Deutung beziehen. Für Straßburg 1518 nennen die zeitgenössischen Quellen keine Pest. Waller führt die Wiederkehr von Lepra, Pocken und Pest um 1518 an, nach Clementz ohne Beleg. Heckers Pestthese ist eine Deutung des 19. Jahrhunderts, die sich in der populären Literatur über alle Tanzwellen gelegt hat.

Mutterkorn: warum die Vergiftung nicht passt

Der schwedische Pharmakologe und Medizinhistoriker Eugène Louis Backman vertrat 1952 die These, das Mutterkorn sei schuld. Der Pilz Claviceps purpurea befällt in nassen Jahren den Roggen, seine Alkaloide verursachen Krämpfe, Halluzinationen und Wahnzustände. Eine der Substanzen ist mit dem LSD verwandt. Die Erklärung klingt chemisch exakt, und deshalb hält sie sich.

Sie passt aber nicht zum Krankheitsbild. Die Brandform des Ergotismus drosselt die Durchblutung von Händen und Füßen, bis Finger und Zehen absterben. Davon berichtet keine Tanzquelle. Die Krampfform verursacht Anfälle und Halluzinationen, aber keine koordinierte Bewegung über Tage. Wer vergiftet ist, kann nicht tagelang tanzen. Dazu kommt, dass eine Vergiftung nicht erklärt, warum die Tänze sich an Rhein und Mosel häuften, warum sie mit dem Veitsglauben zusammenfielen und warum viele Menschen in einer Stadt dasselbe taten, während ihre Nachbarn dasselbe Brot aßen und gesund blieben.

Bartholomew: Pilger, die man für Kranke hielt

Der Soziologe Robert Bartholomew hält die meisten Tanzwellen für Rituale. Nach seiner Auswertung der Chroniken kamen die Tanzenden von 1374 überwiegend nicht aus den Städten, in denen sie tanzten. Es waren Pilger aus Böhmen, Polen, Ungarn und anderen Gebieten, die von Heiligtum zu Heiligtum zogen. Ihre Lieder, Gebärden und Anrufungen waren den Einheimischen fremd, und die Chronisten beschrieben als Raserei, was eine Form der Andacht gewesen sein könnte.

Für 1374 ist die These ernst zu nehmen. Für Straßburg 1518 passt sie nicht. Die Tanzenden waren Straßburger, der Magistrat nannte ihren Zustand eine ungewöhnliche Krankheit, die Ärzte suchten eine natürliche Ursache, und die Kranken wurden zur Heilung zum heiligen Veit gebracht. Für ein Ritual, das Teilnehmer aus freien Stücken vollziehen, spricht in Straßburg nichts.

Waller: der Fluch des heiligen Veit

Waller deutet Straßburg 1518 als massenpsychogene Erkrankung. In seiner Lesart kamen drei Bedingungen zusammen: Not nach Missernten und Teuerung, der Glaube, der heilige Veit verhänge Tanzflüche, und eine öffentliche Reaktion, die das Tanzen sichtbar machte und verbreitete. Die Kranken tanzten in einem dissoziativen Zustand, dessen Inhalt der Glaube ihrer Zeit vorgab, und am Heiligtum löste ein Ritual den Fluch, an den sie glaubten.

Das Modell verbindet die gesicherten Einzelheiten gut: die Ansteckung durch Anschauung, die Verbindung mit dem Veitsglauben und das Ende durch eine religiöse Handlung. Wallers Buch über Straßburg ist dagegen mit Vorsicht zu lesen. Clementz wirft ihm vor, Troffea nach Straßburg verlegt, ihre Gedanken erraten, Todesfälle aus späten Chroniken übernommen und Seuchen behauptet zu haben, die sich für 1518 nicht belegen lassen. Ihr Urteil: Das Buch stehe einem historischen Roman näher als einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Deutung als massenpsychogene Erkrankung bleibt davon unberührt. Für sie genügen die fünfzig Tanzenden der zeitgenössischen Quellen.

Was die Tanzwut psychiatrisch erkennen lässt

Aus den Quellen lässt sich das Erscheinungsbild beschreiben. Die Tanzenden bewegten sich unwillkürlich über lange Zeit, erlebten den Zustand als fremd und quälend, waren teilweise der Umgebung entrückt und berichteten Visionen. Der Zustand breitete sich über Anschauung aus, folgte einem kulturell bekannten Muster und endete durch eine Handlung, die nach dem Glauben der Betroffenen genau dieses Muster auflöste.

Dieses Bild entspricht dem, was die heutige Psychiatrie als funktionelle oder dissoziative Bewegungsstörung beschreibt, in kollektiver Form als massenpsychogene Erkrankung, die man früher Massenhysterie nannte. Die Symptome sind echt und werden nicht gespielt. Ihre Gestalt stammt aus dem, was eine Gemeinschaft für möglich hält. Gerade das Formlose des Straßburger Hüpfens passt zur funktionellen Bewegungsstörung, der die Umgebung erst nachträglich einen Namen und eine Musik gab. Das verbindet die Tanzwut mit dem Glaswahn derselben Epoche: In beiden Fällen bestimmt die Kultur, welche Form das Leiden annimmt.

Von Straßburg zu YouTube

2021 berichteten Kirsten Müller-Vahl und Kollegen von der Medizinischen Hochschule Hannover über Jugendliche, die mit nahezu identischen „Tourette-ähnlichen“ Bewegungen und Lauten in die Ambulanz kamen. Die Symptome unterschieden sich klar von echten Tics. Ein Tourette-Syndrom lag bei keinem vor. Tourette beginnt in der Kindheit, seine Tics sind kurz und stereotyp, kündigen sich mit einem Vorgefühl an und lassen sich eine Weile unterdrücken. Die Bewegungen der Jugendlichen setzten abrupt ein, waren komplex, kamen ohne Vorgefühl und entstanden unter Belastung nach einem Vorbild. Auch Troffeas Tanz beginnt bei Paracelsus mit einem Anlass, als Antwort auf einen Konflikt mit ihrem Mann. Ausgangspunkt war ein virtueller Indexfall, einer der erfolgreichsten deutschen YouTuber, der seine Tics öffentlich zeigte. Die Autoren schlugen dafür den Begriff „mass social media-induced illness“ vor.

Der Mechanismus entspricht dem von 1518. Leid sucht sich eine Form, die gerade verfügbar ist. In Straßburg lieferte der Veitsglaube diese Form. Paracelsus hat den Mechanismus beschrieben: Was einer vormacht und für wahr ausgibt, wird geglaubt und dadurch wahr. Heute liefert sie ein Video, und die Plattform übernimmt die Bühne. Neu ist die Reichweite. Die Straßburger Bühne stand, wenn Specklin recht hat, auf dem Rossmarkt. Die heutige steht überall.

Das Wichtigste in Kürze

•            Im Juli 1518 tanzten in Straßburg etwa fünfzig Menschen Tag und Nacht, Frauen und Knaben darunter. So halten es die Ratsprotokolle fest, überliefert als „Annalen Brants“.

•            Die Ärzte erklärten den Tanz mit der Konstellation der Gestirne und der Sommerhitze. Der Rat verbot Tanz, Tanzböden und Trommeln bis Michaelis und ließ die Kranken zum heiligen Veit am Hohlenstein bei Zabern bringen.

•            Bühne, bezahlte Musiker, rote Schuhe, die Zahl 400 und die Toten stammen aus Chroniken von Specklin und Wencker, Jahrzehnte nach dem Ereignis. Die Ratsprotokolle nennen keine Toten.

•            Frau Troffea ist eine Gestalt aus Paracelsus, ohne Ort und Datum. Erst die moderne Literatur hat sie nach Straßburg versetzt.

•            Paracelsus erklärte den Veitstanz mit Einbildung und Glauben, „nicht allein der Tanz“ entstehe so.

•            Heckers Verbindung mit dem Schwarzen Tod betrifft die Welle von 1374. Mutterkorn erklärt das tagelange Tanzen nicht.

•            Die Quellen zu 1518 nennen keinen Tanz mit Namen, Schritt oder Takt, nur Hüpfen und Springen. Die Musik kam erst mit dem Rat und den späten Chroniken dazu.

•            Bartholomews Pilgerthese passt eher auf 1374 als auf Straßburg.

•            Die Deutung als massenpsychogene Erkrankung ist die plausibelste. Wallers Buch enthält viele unbelegte Einzelheiten.

•            Die „mass social media-induced illness“ von 2021 folgt demselben Muster mit größerer Reichweite.

Quellen

·        Waller, J. C. (2008): In a spin: the mysterious dancing epidemic of 1518. Endeavour 32 (3), 117–121. https://doi.org/10.1016/j.endeavour.2008.05.001

·        Waller, J. (2008): A Time to Dance, a Time to Die. The Extraordinary Story of the Dancing Plague of 1518. Cambridge: Icon Books.

·        Waller, J. (2009): A forgotten plague: making sense of dancing mania. The Lancet 373 (9664), 624–625. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(09)60386-X

·        Pennant-Rea, N. (2018): The Dancing Plague of 1518. The Public Domain Review. https://publicdomainreview.org/essay/the-dancing-plague-of-1518/

·        Hecker, J. F. C. (1832): Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im Mittelalter. Berlin: Enslin.

·        Paracelsus: Von den Krankheiten, so die Vernunft berauben. In: Bücher und Schrifften, hg. von J. Huser, Teil 1, Basel 1589, S. 94. Zitiert nach H. A. Preu (1838): Das System der Medicin des Theophrastus Paracelsus. Berlin, S. 240 f.

·        Dacheux, L. (Hg.) (1892): Fragments des anciennes chroniques d’Alsace III. Bulletin de la Société pour la conservation des monuments historiques d’Alsace, 2. Serie, Bd. 15. Darin: Jean Wencker, Chronik, Nr. 3007, S. 148, und Jac. Wencker, Extractus ex protocollis, vulgo Sebastian Brants Annalen, Nr. 3443, S. 239 f. https://archive.org/details/BulletinDeLaSocietePourLaConservationDesMonumentsHistoriquesDalsace

·        Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Artikel „tanzen“. https://www.dwds.de/wb/dwb/tanzen

·        Hondius, H. (1642) nach Pieter Bruegel d. Ä.: Pilgrimage of the Epileptics to the Church at Molenbeek. Kupferstich. The Metropolitan Museum of Art, New York, 49.95.2249. https://www.metmuseum.org/art/collection/search/415981

·        Clementz, É. (2016): Rezension zu J. Waller, Les danseurs fous de Strasbourg. Revue d’Alsace 142, 451–453. https://doi.org/10.4000/alsace.2457

·        Backman, E. L. (1952): Religious Dances in the Christian Church and in Popular Medicine. London: Allen & Unwin.

·        Evans, H., Bartholomew, R. (2009): Outbreak! The Encyclopedia of Extraordinary Social Behavior. San Antonio: Anomalist Books, Artikel „Dance Frenzies“ und „Dancing Mania“, 117–121.

·        Müller-Vahl, K. R., Pisarenko, A., Jakubovski, E., Fremer, C. (2022): Stop that! It’s not Tourette’s but a new type of mass sociogenic illness. Brain 145 (2), 476–480. https://doi.org/10.1093/brain/awab316


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