Emotionsregulation trainieren: Was eine neue Studie über Neubewertung und Aufmerksamkeit zeigt
Emotionsregulation trainieren: Was eine neue Studie über Neubewertung und Aufmerksamkeit zeigt
Emotionsregulation trainieren
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DESCRIPTION: Eine Studie aus Illinois trainierte fünf Wochen lang kognitive Neubewertung und Aufmerksamkeitslenkung. Bewegt hat sich nur die Aufmerksamkeit. Was das für die Emotionsregulation im Alltag heißt und was die Pressemeldung dazu verschwieg.
Zehn Sitzungen lang Umdeuten geübt. Bewegt hat sich die Aufmerksamkeit.
Eine Arbeitsgruppe der University of Illinois hat Studenten fünf Wochen lang zwei Strategien der Emotionsregulation beigebracht: Aufmerksamkeit vom emotionalen Reiz abzulenken oder die Lage positiv umzudeuten. Am Ende benutzten die Teilnehmer im Alltag mehr Aufmerksamkeitslenkung. Beim Umdeuten tat sich nicht viel. Die Autoren schreiben das offen, die Pressemeldung dazu erwähnt es nicht.
Wenn Sie genau wissen, dass Sie es auch anders sehen könnten
Sie kennen die Situation. Jemand sagt etwas im Meeting, in der Küche, im Auto, und Sie merken, wie es Sie erwischt. Gleichzeitig läuft im Kopf ein zweiter Kanal mit, der weiß, dass Ihr Gegenüber unter Druck steht und seine Bemerkung nichts über Sie aussagt. Das könnte die Szene binnen einer Sekunde in eine mildere Lesart übersetzen.
Und trotzdem passiert es nicht. Sie sagen den Satz, den Sie nicht sagen wollten, oder Sie schweigen so, dass es lauter ist als jeder Satz. Später, im Auto, kommt die freundliche Lesart von allein. Sie war die ganze Zeit verfügbar. Sie kam nur zu spät.
Wer das an sich kennt, hat eine praktische Frage: Lässt sich diese Fähigkeit trainieren, sodass sie im Moment selbst greift? Die Gruppe um Sanda und Florin Dolcos hat das untersucht.
Was in Illinois trainiert wurde
Die Arbeit knüpft an eine frühere Untersuchung mit Veteranen an. Diesmal ging es um Studenten im Alter von 18 bis 22 Jahren, also um Menschen unter dauerhafter, mittelgradiger Belastung, nicht um eine klinische Gruppe. Wer gerade in Behandlung war oder Medikamente nahm, wurde ausgeschlossen.
Trainiert wurden zwei Strategien. Die erste heißt „Focused Attention“: den Blick bewusst auf den neutralen Hintergrund eines Bildes richten. Auf dem Foto eines Verkehrsunfalls also auf die Bäume, den Himmel, die unbeschädigten Autos am Straßenrand. Die zweite heißt kognitive Neubewertung: dieselbe Szene in eine weniger belastende Lesart übersetzen.
Beides wurde an Bildern geübt und an eigenem Material der Teilnehmer, an belastenden Erinnerungen und an Sorgen über die Zukunft. Zehn Sitzungen, zwei pro Woche, fünf Wochen lang. Dazu die Aufforderung, beides im Alltag anzuwenden und nach jeder Sitzung zu melden, wie oft und mit welchem Erfolg.
Erfasst wurden vorher und nachher: Stimmungsfragebögen, Bewertungen von Bildern, Blickbewegungen per Eye-Tracking sowie bei einem Teil der Gruppe eine Ruhemessung im MRT.
Die Aufmerksamkeit bewegte sich, das Umdeuten nicht
Das interessanteste Ergebnis der Arbeit ist ein Nullergebnis, und die Autoren verstecken es nicht.
Die tägliche Anwendung der Aufmerksamkeitslenkung stieg deutlich an (t(21) = 2,672; p = 0,014; d = 0,57). Die tägliche Anwendung der Neubewertung blieb, wo sie war (t(21) = 0,400; p = 0,693; d = 0,085). Im Fragebogen dasselbe Bild: Die Skala für positive Aufmerksamkeitsverschiebung stieg (p = 0,020), die Skala für positive Neubewertung bewegte sich nicht (p = 0,14). Auch die Fähigkeit, alternative Deutungen einer Lage zu erzeugen, veränderte sich nicht.
Die Autoren ziehen daraus den naheliegenden Schluss. Das Training habe „die frühen aufmerksamkeitsbezogenen Regulationsprozesse bevorzugt gestärkt, während höherstufige kognitive Umstrukturierungsprozesse wie Neubewertung und das Erzeugen von Alternativen wahrscheinlich gezielteres oder längeres Training brauchen, um Verhaltensänderungen zu erzeugen“. Und im Schlussteil: Die Veränderungen seien „ohne verstärkten Rückgriff auf anstrengende Neubewertungsstrategien” zustande gekommen.
Zehn Sitzungen unter Anleitung, mit Übungsmaterial, mit Hausaufgaben, mit wöchentlicher Rückmeldung. Das ist mehr strukturierte Übung, als die meisten Leser einer Selbsthilfeanleitung je investieren werden. Und das Umdeuten bewegte sich trotzdem nicht.
Warum diese Reihenfolge bei James Gross schon steht
Das Ergebnis überrascht weniger, wenn man das Prozessmodell von James Gross danebenlegt. Gross ordnet die Regulationsstrategien danach, wann sie in den Ablauf einer Emotion eingreifen. Ganz vorn stehen Situationsauswahl und Situationsveränderung. Dann kommt die Aufmerksamkeitslenkung. Erst danach die kognitive Veränderung, also die Neubewertung. Am Ende die Reaktionsmodulation, das Unterdrücken des Ausdrucks.
Je weiter vorn eine Strategie ansetzt, desto billiger ist sie. Die Aufmerksamkeit umzulenken kostet einen Blickwechsel. Eine Situation neu zu deuten verlangt, die alte Deutung im Arbeitsgedächtnis zu halten, eine zweite zu erzeugen, beide gegeneinander abzuwägen und die zweite gegen den laufenden Affekt durchzusetzen. Das ist Arbeit, und diese Arbeit macht die Stirnhirnrinde.
Die Illinois-Gruppe hat also die günstige Strategie und die teure Strategie im selben Programm trainiert. Bewegt hat sich die günstige.
Umdeuten kostet Stirnhirnrinde, und die ist unter Druck knapp
Amy Arnsten hat gezeigt, wie sich die Stirnhirnrinde unter Belastung verhält. Mittlere Anspannung verbessert ihre Leistung. Hohe Anspannung setzt sie herunter, die Kontrolle verlagert sich nach innen ins limbische System. Genau in dem Moment, in dem Sie Ihre analytischen Fähigkeiten am dringendsten brauchen, sind sie am schlechtesten verfügbar.
Daraus folgt eine unangenehme Asymmetrie. Neubewertung funktioniert dort gut, wo Sie sie am wenigsten brauchen: im ruhigen Gespräch, im Rückblick, im Auto auf dem Heimweg. Sie fällt dort aus, wo es darauf ankäme. Aufmerksamkeitslenkung dagegen bleibt verfügbar, weil sie kaum etwas kostet. Ein Blick zum Fenster, drei Gegenstände im Raum benennen, aufstehen und zur Kaffeemaschine gehen.
Wer sich seit Jahren fragt, warum er die Techniken beherrscht und sie trotzdem im entscheidenden Moment nicht abrufen kann, findet hier einen Teil der Antwort. Das Problem liegt in der Anforderung der Technik.
Was die Augenbewegungen zeigten
Das Eye-Tracking stützt das. Nach dem Training verbrachten die trainierten Teilnehmer weniger Zeit mit dem emotionalen Vordergrund negativer Bilder und mehr Zeit mit dem neutralen Hintergrund. Die Wechselwirkung war statistisch abgesichert (F(1,22) = 4,66; p = 0,042). Sie taten das ohne Aufforderung. Der Blick hatte etwas gelernt, das nicht mehr durch eine bewusste Entscheidung laufen musste.
Das ist die Form von Lernen, um die es bei Emotionsregulation geht. Wissen darüber, was man tun sollte, sitzt in der Stirnhirnrinde und fällt unter Druck aus. Eingeübte Abläufe sitzen woanders und bleiben verfügbar. Ein Blick, der von allein zum Fenster geht, gehört zur zweiten Sorte.
Einschränkung: Die Kontrollgruppe bestand an dieser Stelle aus sechs Teilnehmern.
Die Hirnbilder und was sie tragen
Bei 23 Teilnehmern wurde im Ruhezustand gemessen, wie stark verschiedene Hirnregionen miteinander schwingen. Die Kopplung der Amygdala mit mehreren Rindengebieten nahm ab. Die Kopplung eines Blicksteuerungsareals im Stirnhirn mit der Sehrinde nahm zu. Das passt zum Bild eines Systems, das weniger stark auf emotionale Reize anspringt und den Blick besser führt.
Nur trägt diese Messung weniger, als eine Überschrift daraus machen kann. Es sind 23 Teilnehmer, davon acht in der Kontrollgruppe. Die statistische Schwelle auf Ebene der einzelnen Bildpunkte war unkorrigiert gesetzt. Ein Areal überstand die strengere Korrektur nicht. Gemessen wurde in Ruhe, nicht unter Belastung, und Ruhekopplung sagt nichts über die Richtung eines Einflusses. Vor allem: Es wird kein Zusammenhang zwischen den Veränderungen im Gehirn und den Veränderungen im Verhalten berichtet. Die Verbindung zwischen beidem ist Deutung der Autoren, keine Messung.
Die Autoren selbst schreiben, die Ergebnisse aus der Bildgebung seien „mit Vorsicht zu behandeln“.
Was in der Pressemeldung stand
Die Meldung, die durch die sozialen Netzwerke lief, trug die Überschrift „Ein Training zur Emotionsregulation habe Belastung gesenkt und die Verschaltung im Gehirn verändert“. Beide Hälften stimmen ungefähr. Der Weg dorthin ist im Text der Studie schmaler.
Die Aussage, die Teilnehmer hätten negative Bilder nach dem Training als weniger belastend erlebt, stützt sich auf einen Vergleich innerhalb der Trainingsgruppe. Der übergeordnete statistische Test, der Gruppe, Bildart und Zeitpunkt zusammen prüft, fiel nicht signifikant aus (F(1,22) = 1,359; p = 0,256). Erst darunter, in den Einzelvergleichen, taucht der Wert auf, der es in die Meldung geschafft hat.
Ähnlich beim erlebten Kontrollgefühl. Auch hier war die Wechselwirkung zwischen den Gruppen nicht signifikant (p = 0,090). Verändert hat sich die Trainingsgruppe für sich genommen.
Was sauber übrig bleibt, ist die Skala für negative Stimmung. Sie sank in der Trainingsgruppe von 30,2 auf 24,1, die Wechselwirkung war deutlich (F(1,29) = 9,953; p = 0,004). Das ist ein reelles Ergebnis. Es ist zugleich das Ergebnis, das durch die Art der Gruppenzuteilung am stärksten gefährdet ist.
Die Zuteilung, die alles etwas wackelig macht
Die Gruppen wurden nicht ausgelost. Wer bei der Eingangsuntersuchung über den Grenzwerten für Belastung lag, kam bevorzugt in die Trainingsgruppe, damit er nicht warten musste. Menschlich richtig, methodisch teuer. Wer hoch startet, sinkt bei der zweiten Messung schon durch statistische Schwerkraft. Genau das räumen die Autoren ein: Die Ergebnisse könnten „zum Teil Regression zur Mitte widerspiegeln“. Sie haben darauf reagiert und die im Text berichteten Zahlen aus einer engeren Auswahl gerechnet, aus der die acht am stärksten belasteten Teilnehmer herausfallen. Das Muster blieb dasselbe. Ausräumen lässt sich der Einwand damit nicht, und die Autoren behaupten das auch nicht.
Dazu kommt einiges: Die Kontrollgruppe wartete und tat sonst nichts, es gab also kein Scheinprogramm, das Zuwendung und Erwartung ausgeglichen hätte. Die Studie war nicht vorab registriert. 34 der 39 ausgewerteten Teilnehmer waren weiblich. Und mitten in der Erhebung machte die Pandemie aus persönlichen Sitzungen einen Versand interaktiver PDF-Dateien per E-Mail.
Nachuntersuchungen gab es keine. Ob nach einem halben Jahr noch etwas übrig ist, weiß niemand. Eine akute Belastungsprobe wurde nie durchgeführt. Ob das Gelernte im Streit hält, ist offen.
Was Sie im Alltag damit anfangen können
Aus einer Studie dieser Größe folgen keine Anweisungen. Sie liefert einen Hinweis, und der zeigt in dieselbe Richtung wie das Prozessmodell und wie die Arbeiten zur Stirnhirnrinde unter Belastung.
Der Hinweis lautet: Wenn Sie in der Hitze des Moments eine einzige Strategie zur Verfügung haben wollen, wählen Sie die billigste. Den Blick umlenken. Aufstehen. Den Raum wechseln. Drei Dinge benennen, die Sie sehen. Das kostet fast nichts und bleibt deshalb verfügbar, wenn die teuren Werkzeuge ausfallen.
Das Umdeuten behält seinen Platz. Es hat ihn nur später. Nach dem Gespräch, auf dem Heimweg, am nächsten Morgen, wenn die Stirnhirnrinde wieder arbeitet. Wer sein Umdeuten in den Moment selbst legen will, in dem der Affekt läuft, verlangt vom Gehirn eine Leistung, die es in diesem Zustand nicht erbringt. Zehn angeleitete Sitzungen haben daran nichts geändert.
Und die Erleichterung darin: Dass Ihnen die kluge Lesart erst im Auto einfällt, ist kein Zeichen von Trägheit. Es ist die Reihenfolge, in der dieses System arbeitet.
Das Wichtigste in Kürze
• Eine Studie der University of Illinois trainierte 20 Studenten fünf Wochen lang in Aufmerksamkeitslenkung und kognitiver Neubewertung, mit 19 Wartenden als Vergleich.
• Die tägliche Anwendung der Aufmerksamkeitslenkung stieg (p = 0,014; d = 0,57). Die Anwendung der Neubewertung blieb unverändert (p = 0,693).
• Die Autoren führen das darauf zurück, dass Neubewertung als aufwendigere Strategie längeres oder gezielteres Training verlangt.
• Das passt zum Prozessmodell von James Gross: Aufmerksamkeitslenkung greift früher und kostet weniger als kognitive Veränderung.
• Unter hoher Belastung sinkt die Leistung der Stirnhirnrinde. Damit fällt genau die Strategie aus, die am meisten davon braucht.
• Das Eye-Tracking zeigte, dass der Blick nach dem Training auch ohne Aufforderung häufiger auf neutralen Bildteilen lag (p = 0,042).
• Die Hirnbilder beruhen auf 23 Teilnehmern, wurden in Ruhe erhoben und lassen sich nicht mit den Verhaltensänderungen verrechnen.
• Zwei der drei Ergebnisse aus der Pressemeldung stammen aus Vergleichen innerhalb der Trainingsgruppe, nachdem der übergeordnete Test nicht signifikant ausfiel.
• Die Gruppen wurden nicht ausgelost, stärker belastete Teilnehmer kamen bevorzugt ins Training. Regression zur Mitte lässt sich nicht ausschließen.
• Für den Alltag bleibt: Im Moment selbst arbeitet der Blick zuverlässiger als der Verstand. Das Umdeuten kommt später und darf später kommen.
Quellen
· Hohl K, Dolcos S, Mull DD, et al. Enhancing resilience, flexibility, and well-being through cognitive-emotional training: behavioral and neural evidence. Scientific Reports 2026;16(1):24914. https://doi.org/10.1038/s41598-026-63059-0
· Technology Networks: Emotion Regulation Training Reduced Distress and Altered Brain Connectivity, 19.08.2026. https://www.technologynetworks.com/neuroscience/news/emotion-regulation-training-reduced-distress-and-altered-brain-connectivity-415767
· Gross JJ. Emotion regulation: current status and future prospects. Psychological Inquiry 2015;26(1):1–26. https://doi.org/10.1080/1047840X.2014.940781
· Arnsten AFT. Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience 2009;10(6):410–422. https://doi.org/10.1038/nrn2648
· Dolcos S, Hu Y, Williams C, et al. Cultivating affective resilience: proof-of-principle evidence of translational benefits from a novel cognitive-emotional training intervention. Frontiers in Psychology 2021;12:585536. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.585536
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DESCRIPTION: Eine Studie aus Illinois trainierte fünf Wochen lang kognitive Neubewertung und Aufmerksamkeitslenkung. Bewegt hat sich nur die Aufmerksamkeit. Was das für die Emotionsregulation im Alltag heißt und was die Pressemeldung dazu verschwieg.
Zehn Sitzungen lang Umdeuten geübt. Bewegt hat sich die Aufmerksamkeit.
Eine Arbeitsgruppe der University of Illinois hat Studenten fünf Wochen lang zwei Strategien der Emotionsregulation beigebracht: Aufmerksamkeit vom emotionalen Reiz abzulenken oder die Lage positiv umzudeuten. Am Ende benutzten die Teilnehmer im Alltag mehr Aufmerksamkeitslenkung. Beim Umdeuten tat sich nicht viel. Die Autoren schreiben das offen, die Pressemeldung dazu erwähnt es nicht.
Wenn Sie genau wissen, dass Sie es auch anders sehen könnten
Sie kennen die Situation. Jemand sagt etwas im Meeting, in der Küche, im Auto, und Sie merken, wie es Sie erwischt. Gleichzeitig läuft im Kopf ein zweiter Kanal mit, der weiß, dass Ihr Gegenüber unter Druck steht und seine Bemerkung nichts über Sie aussagt. Das könnte die Szene binnen einer Sekunde in eine mildere Lesart übersetzen.
Und trotzdem passiert es nicht. Sie sagen den Satz, den Sie nicht sagen wollten, oder Sie schweigen so, dass es lauter ist als jeder Satz. Später, im Auto, kommt die freundliche Lesart von allein. Sie war die ganze Zeit verfügbar. Sie kam nur zu spät.
Wer das an sich kennt, hat eine praktische Frage: Lässt sich diese Fähigkeit trainieren, sodass sie im Moment selbst greift? Die Gruppe um Sanda und Florin Dolcos hat das untersucht.
Was in Illinois trainiert wurde
Die Arbeit knüpft an eine frühere Untersuchung mit Veteranen an. Diesmal ging es um Studenten im Alter von 18 bis 22 Jahren, also um Menschen unter dauerhafter, mittelgradiger Belastung, nicht um eine klinische Gruppe. Wer gerade in Behandlung war oder Medikamente nahm, wurde ausgeschlossen.
Trainiert wurden zwei Strategien. Die erste heißt „Focused Attention“: den Blick bewusst auf den neutralen Hintergrund eines Bildes richten. Auf dem Foto eines Verkehrsunfalls also auf die Bäume, den Himmel, die unbeschädigten Autos am Straßenrand. Die zweite heißt kognitive Neubewertung: dieselbe Szene in eine weniger belastende Lesart übersetzen.
Beides wurde an Bildern geübt und an eigenem Material der Teilnehmer, an belastenden Erinnerungen und an Sorgen über die Zukunft. Zehn Sitzungen, zwei pro Woche, fünf Wochen lang. Dazu die Aufforderung, beides im Alltag anzuwenden und nach jeder Sitzung zu melden, wie oft und mit welchem Erfolg.
Erfasst wurden vorher und nachher: Stimmungsfragebögen, Bewertungen von Bildern, Blickbewegungen per Eye-Tracking sowie bei einem Teil der Gruppe eine Ruhemessung im MRT.
Die Aufmerksamkeit bewegte sich, das Umdeuten nicht
Das interessanteste Ergebnis der Arbeit ist ein Nullergebnis, und die Autoren verstecken es nicht.
Die tägliche Anwendung der Aufmerksamkeitslenkung stieg deutlich an (t(21) = 2,672; p = 0,014; d = 0,57). Die tägliche Anwendung der Neubewertung blieb, wo sie war (t(21) = 0,400; p = 0,693; d = 0,085). Im Fragebogen dasselbe Bild: Die Skala für positive Aufmerksamkeitsverschiebung stieg (p = 0,020), die Skala für positive Neubewertung bewegte sich nicht (p = 0,14). Auch die Fähigkeit, alternative Deutungen einer Lage zu erzeugen, veränderte sich nicht.
Die Autoren ziehen daraus den naheliegenden Schluss. Das Training habe „die frühen aufmerksamkeitsbezogenen Regulationsprozesse bevorzugt gestärkt, während höherstufige kognitive Umstrukturierungsprozesse wie Neubewertung und das Erzeugen von Alternativen wahrscheinlich gezielteres oder längeres Training brauchen, um Verhaltensänderungen zu erzeugen“. Und im Schlussteil: Die Veränderungen seien „ohne verstärkten Rückgriff auf anstrengende Neubewertungsstrategien” zustande gekommen.
Zehn Sitzungen unter Anleitung, mit Übungsmaterial, mit Hausaufgaben, mit wöchentlicher Rückmeldung. Das ist mehr strukturierte Übung, als die meisten Leser einer Selbsthilfeanleitung je investieren werden. Und das Umdeuten bewegte sich trotzdem nicht.
Warum diese Reihenfolge bei James Gross schon steht
Das Ergebnis überrascht weniger, wenn man das Prozessmodell von James Gross danebenlegt. Gross ordnet die Regulationsstrategien danach, wann sie in den Ablauf einer Emotion eingreifen. Ganz vorn stehen Situationsauswahl und Situationsveränderung. Dann kommt die Aufmerksamkeitslenkung. Erst danach die kognitive Veränderung, also die Neubewertung. Am Ende die Reaktionsmodulation, das Unterdrücken des Ausdrucks.
Je weiter vorn eine Strategie ansetzt, desto billiger ist sie. Die Aufmerksamkeit umzulenken kostet einen Blickwechsel. Eine Situation neu zu deuten verlangt, die alte Deutung im Arbeitsgedächtnis zu halten, eine zweite zu erzeugen, beide gegeneinander abzuwägen und die zweite gegen den laufenden Affekt durchzusetzen. Das ist Arbeit, und diese Arbeit macht die Stirnhirnrinde.
Die Illinois-Gruppe hat also die günstige Strategie und die teure Strategie im selben Programm trainiert. Bewegt hat sich die günstige.
Umdeuten kostet Stirnhirnrinde, und die ist unter Druck knapp
Amy Arnsten hat gezeigt, wie sich die Stirnhirnrinde unter Belastung verhält. Mittlere Anspannung verbessert ihre Leistung. Hohe Anspannung setzt sie herunter, die Kontrolle verlagert sich nach innen ins limbische System. Genau in dem Moment, in dem Sie Ihre analytischen Fähigkeiten am dringendsten brauchen, sind sie am schlechtesten verfügbar.
Daraus folgt eine unangenehme Asymmetrie. Neubewertung funktioniert dort gut, wo Sie sie am wenigsten brauchen: im ruhigen Gespräch, im Rückblick, im Auto auf dem Heimweg. Sie fällt dort aus, wo es darauf ankäme. Aufmerksamkeitslenkung dagegen bleibt verfügbar, weil sie kaum etwas kostet. Ein Blick zum Fenster, drei Gegenstände im Raum benennen, aufstehen und zur Kaffeemaschine gehen.
Wer sich seit Jahren fragt, warum er die Techniken beherrscht und sie trotzdem im entscheidenden Moment nicht abrufen kann, findet hier einen Teil der Antwort. Das Problem liegt in der Anforderung der Technik.
Was die Augenbewegungen zeigten
Das Eye-Tracking stützt das. Nach dem Training verbrachten die trainierten Teilnehmer weniger Zeit mit dem emotionalen Vordergrund negativer Bilder und mehr Zeit mit dem neutralen Hintergrund. Die Wechselwirkung war statistisch abgesichert (F(1,22) = 4,66; p = 0,042). Sie taten das ohne Aufforderung. Der Blick hatte etwas gelernt, das nicht mehr durch eine bewusste Entscheidung laufen musste.
Das ist die Form von Lernen, um die es bei Emotionsregulation geht. Wissen darüber, was man tun sollte, sitzt in der Stirnhirnrinde und fällt unter Druck aus. Eingeübte Abläufe sitzen woanders und bleiben verfügbar. Ein Blick, der von allein zum Fenster geht, gehört zur zweiten Sorte.
Einschränkung: Die Kontrollgruppe bestand an dieser Stelle aus sechs Teilnehmern.
Die Hirnbilder und was sie tragen
Bei 23 Teilnehmern wurde im Ruhezustand gemessen, wie stark verschiedene Hirnregionen miteinander schwingen. Die Kopplung der Amygdala mit mehreren Rindengebieten nahm ab. Die Kopplung eines Blicksteuerungsareals im Stirnhirn mit der Sehrinde nahm zu. Das passt zum Bild eines Systems, das weniger stark auf emotionale Reize anspringt und den Blick besser führt.
Nur trägt diese Messung weniger, als eine Überschrift daraus machen kann. Es sind 23 Teilnehmer, davon acht in der Kontrollgruppe. Die statistische Schwelle auf Ebene der einzelnen Bildpunkte war unkorrigiert gesetzt. Ein Areal überstand die strengere Korrektur nicht. Gemessen wurde in Ruhe, nicht unter Belastung, und Ruhekopplung sagt nichts über die Richtung eines Einflusses. Vor allem: Es wird kein Zusammenhang zwischen den Veränderungen im Gehirn und den Veränderungen im Verhalten berichtet. Die Verbindung zwischen beidem ist Deutung der Autoren, keine Messung.
Die Autoren selbst schreiben, die Ergebnisse aus der Bildgebung seien „mit Vorsicht zu behandeln“.
Was in der Pressemeldung stand
Die Meldung, die durch die sozialen Netzwerke lief, trug die Überschrift „Ein Training zur Emotionsregulation habe Belastung gesenkt und die Verschaltung im Gehirn verändert“. Beide Hälften stimmen ungefähr. Der Weg dorthin ist im Text der Studie schmaler.
Die Aussage, die Teilnehmer hätten negative Bilder nach dem Training als weniger belastend erlebt, stützt sich auf einen Vergleich innerhalb der Trainingsgruppe. Der übergeordnete statistische Test, der Gruppe, Bildart und Zeitpunkt zusammen prüft, fiel nicht signifikant aus (F(1,22) = 1,359; p = 0,256). Erst darunter, in den Einzelvergleichen, taucht der Wert auf, der es in die Meldung geschafft hat.
Ähnlich beim erlebten Kontrollgefühl. Auch hier war die Wechselwirkung zwischen den Gruppen nicht signifikant (p = 0,090). Verändert hat sich die Trainingsgruppe für sich genommen.
Was sauber übrig bleibt, ist die Skala für negative Stimmung. Sie sank in der Trainingsgruppe von 30,2 auf 24,1, die Wechselwirkung war deutlich (F(1,29) = 9,953; p = 0,004). Das ist ein reelles Ergebnis. Es ist zugleich das Ergebnis, das durch die Art der Gruppenzuteilung am stärksten gefährdet ist.
Die Zuteilung, die alles etwas wackelig macht
Die Gruppen wurden nicht ausgelost. Wer bei der Eingangsuntersuchung über den Grenzwerten für Belastung lag, kam bevorzugt in die Trainingsgruppe, damit er nicht warten musste. Menschlich richtig, methodisch teuer. Wer hoch startet, sinkt bei der zweiten Messung schon durch statistische Schwerkraft. Genau das räumen die Autoren ein: Die Ergebnisse könnten „zum Teil Regression zur Mitte widerspiegeln“. Sie haben darauf reagiert und die im Text berichteten Zahlen aus einer engeren Auswahl gerechnet, aus der die acht am stärksten belasteten Teilnehmer herausfallen. Das Muster blieb dasselbe. Ausräumen lässt sich der Einwand damit nicht, und die Autoren behaupten das auch nicht.
Dazu kommt einiges: Die Kontrollgruppe wartete und tat sonst nichts, es gab also kein Scheinprogramm, das Zuwendung und Erwartung ausgeglichen hätte. Die Studie war nicht vorab registriert. 34 der 39 ausgewerteten Teilnehmer waren weiblich. Und mitten in der Erhebung machte die Pandemie aus persönlichen Sitzungen einen Versand interaktiver PDF-Dateien per E-Mail.
Nachuntersuchungen gab es keine. Ob nach einem halben Jahr noch etwas übrig ist, weiß niemand. Eine akute Belastungsprobe wurde nie durchgeführt. Ob das Gelernte im Streit hält, ist offen.
Was Sie im Alltag damit anfangen können
Aus einer Studie dieser Größe folgen keine Anweisungen. Sie liefert einen Hinweis, und der zeigt in dieselbe Richtung wie das Prozessmodell und wie die Arbeiten zur Stirnhirnrinde unter Belastung.
Der Hinweis lautet: Wenn Sie in der Hitze des Moments eine einzige Strategie zur Verfügung haben wollen, wählen Sie die billigste. Den Blick umlenken. Aufstehen. Den Raum wechseln. Drei Dinge benennen, die Sie sehen. Das kostet fast nichts und bleibt deshalb verfügbar, wenn die teuren Werkzeuge ausfallen.
Das Umdeuten behält seinen Platz. Es hat ihn nur später. Nach dem Gespräch, auf dem Heimweg, am nächsten Morgen, wenn die Stirnhirnrinde wieder arbeitet. Wer sein Umdeuten in den Moment selbst legen will, in dem der Affekt läuft, verlangt vom Gehirn eine Leistung, die es in diesem Zustand nicht erbringt. Zehn angeleitete Sitzungen haben daran nichts geändert.
Und die Erleichterung darin: Dass Ihnen die kluge Lesart erst im Auto einfällt, ist kein Zeichen von Trägheit. Es ist die Reihenfolge, in der dieses System arbeitet.
Das Wichtigste in Kürze
• Eine Studie der University of Illinois trainierte 20 Studenten fünf Wochen lang in Aufmerksamkeitslenkung und kognitiver Neubewertung, mit 19 Wartenden als Vergleich.
• Die tägliche Anwendung der Aufmerksamkeitslenkung stieg (p = 0,014; d = 0,57). Die Anwendung der Neubewertung blieb unverändert (p = 0,693).
• Die Autoren führen das darauf zurück, dass Neubewertung als aufwendigere Strategie längeres oder gezielteres Training verlangt.
• Das passt zum Prozessmodell von James Gross: Aufmerksamkeitslenkung greift früher und kostet weniger als kognitive Veränderung.
• Unter hoher Belastung sinkt die Leistung der Stirnhirnrinde. Damit fällt genau die Strategie aus, die am meisten davon braucht.
• Das Eye-Tracking zeigte, dass der Blick nach dem Training auch ohne Aufforderung häufiger auf neutralen Bildteilen lag (p = 0,042).
• Die Hirnbilder beruhen auf 23 Teilnehmern, wurden in Ruhe erhoben und lassen sich nicht mit den Verhaltensänderungen verrechnen.
• Zwei der drei Ergebnisse aus der Pressemeldung stammen aus Vergleichen innerhalb der Trainingsgruppe, nachdem der übergeordnete Test nicht signifikant ausfiel.
• Die Gruppen wurden nicht ausgelost, stärker belastete Teilnehmer kamen bevorzugt ins Training. Regression zur Mitte lässt sich nicht ausschließen.
• Für den Alltag bleibt: Im Moment selbst arbeitet der Blick zuverlässiger als der Verstand. Das Umdeuten kommt später und darf später kommen.
Quellen
· Hohl K, Dolcos S, Mull DD, et al. Enhancing resilience, flexibility, and well-being through cognitive-emotional training: behavioral and neural evidence. Scientific Reports 2026;16(1):24914. https://doi.org/10.1038/s41598-026-63059-0
· Technology Networks: Emotion Regulation Training Reduced Distress and Altered Brain Connectivity, 19.08.2026. https://www.technologynetworks.com/neuroscience/news/emotion-regulation-training-reduced-distress-and-altered-brain-connectivity-415767
· Gross JJ. Emotion regulation: current status and future prospects. Psychological Inquiry 2015;26(1):1–26. https://doi.org/10.1080/1047840X.2014.940781
· Arnsten AFT. Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience 2009;10(6):410–422. https://doi.org/10.1038/nrn2648
· Dolcos S, Hu Y, Williams C, et al. Cultivating affective resilience: proof-of-principle evidence of translational benefits from a novel cognitive-emotional training intervention. Frontiers in Psychology 2021;12:585536. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.585536
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