Familiensündenbock: Psychologie des schwarzen Schafs in der Familie
Familiensündenbock: Psychologie des schwarzen Schafs in der Familie
Familiensündenbock
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DESCRIPTION: Das schwierige Kind, das schwarze Schaf: Warum Familien sich auf einen Schuldigen einigen, was diese Einigkeit verdeckt und warum die Störung eines Kindes nicht die Rolle erklärt, die es bekommt. Mit Vogel und Bell, Richter, Ogden und Stierlin.
Der Sündenbock der Familie: Was die Einigkeit gegen ein Kind verdeckt
Eine Familie kann sich darüber einig sein, wer ihr Problem ist, und gerade deshalb nicht wissen, welches Problem sie hat. Die Störung eines Kindes erklärt noch nicht die Rolle, die seine Familie ihm zuweist. Der Begriff des Familiensündenbocks beschreibt, was diese Einigkeit abwehrt.
Das schwarze Schaf und das Problemkind
Das schwierige Kind, das schwarze Schaf der Familie, das Problemkind, der Mensch, mit dem es immer Ärger gibt: Solche Bezeichnungen scheinen einen Charakter zu beschreiben. Sie ordnen zugleich eine Beziehung. Sie legen fest, wo die Familie ihre Konflikte suchen darf, und wo sie nicht suchen muss.
Ezra Vogel und Norman Bell haben 1960 in der Psychoanalytic Review das emotional gestörte Kind als Sündenbock der Familie untersucht. Schon der Titel hält zwei Dinge zusammen: die Störung des Kindes und die Funktion, die diese Störung im Familienleben erhält.
Die Einigkeit über den Schuldigen
Die Rolle entsteht, wenn unterschiedliche Schwierigkeiten immer dieselbe Erklärung finden: Dieses Kind ist das Problem.
In einer solchen Ordnung kann Spannung zwischen den Erwachsenen einen gemeinsamen Gegenstand bekommen. Was zwischen ihnen nicht verhandelt werden kann, erscheint als Schwierigkeit mit dem Kind. Die Familientherapie beschreibt diese Verlagerung als Triangulierung (Konzept nach Bowen): Ein Paar lenkt seine Spannung auf ein drittes Familienmitglied, weil die Zweierbeziehung allein zu instabil ist (dargestellt bei Poljak Lukek et al. 2023). Die systemische Familientherapie nennt das Kind in dieser Lage den Symptomträger: Es zeigt das Symptom, das zum ganzen Familiensystem gehört.
Der Gewinn besteht nicht in Harmonie. Eine Familie kann laut, zerstritten und unglücklich bleiben und sich dennoch in einem Punkt stabilisieren: Alle wissen, wer sich ändern muss. Die Einigkeit über den Schuldigen erspart die Auseinandersetzung darüber, worin das Problem besteht. Ein Kind kann so zum Ort der Konflikte werden, die die Familie nicht als gemeinsame anerkennen kann.
Wenn Abwehr eine Beziehung braucht
Horst-Eberhard Richter beschreibt in Patient Familie (1970), wie Menschen innere Konflikte abwehren, indem sie anderen eine Rolle zuweisen. Das Kind kann als Substitut eines Partners dienen, als ideales Selbst eines Elternteils oder als dessen negatives Selbst. In dieser letzten Rolle kann es zum Stellvertreter dessen werden, was ein Elternteil an sich nicht anerkennen kann oder will: Schwäche, Bedürftigkeit, Aggression, beschämendes Versagen.
Die Härte liegt darin, dass sie sich für die Beteiligten wie Wahrheit anfühlt. Wer im Kind fortwährend das Rücksichtslose sieht, muss die eigene Feindseligkeit nicht erklären. Sie erscheint als angemessene Antwort. Dabei kann auch das Kind durchaus rücksichtslos handeln. Entscheidend ist die ungleiche Verteilung der Freiheit zur Deutung: Sein Verhalten bestätigt seinen Charakter, das Verhalten der Erwachsenen erklärt sich aus den Umständen. Für diese Ordnung braucht niemand eine Absprache. Es genügt, dass alle an derselben Erklärung festhalten.
Wie aus der Zuschreibung ein Selbstverständnis wird
Projektion allein erklärt noch nicht, wie aus einer Zuschreibung eine dauerhafte Rolle wird. Thomas Ogden hat dafür 1979 in On Projective Identification den Begriff der projektiven Identifizierung ausgearbeitet. Zu ihr gehört die unbewusste Fantasie, einen unerträglichen Selbstanteil im anderen unterzubringen, und ein tatsächlicher Druck in der Beziehung, unter dem der andere beginnt, sich diesem Anteil gemäß zu fühlen und zu verhalten.
Auf das Kind übertragen heißt das: Die Zuschreibung bleibt nicht außerhalb von ihm. Wiederholte Erwartungen und Reaktionen arbeiten an seinem Selbstverständnis mit. Es muss sich zu einer Position verhalten, die andere für es eingerichtet haben. Daraus entsteht eine wirksame Verwechslung von Ursache und Ergebnis. Was sich unter dem Druck einer Beziehung entwickelt hat, gilt anschließend als Beweis, dass die Beziehung von Anfang an gerechtfertigt war. Die Theorie erklärt damit einen möglichen Vorgang. Dass er in jeder Familie mit einem Sündenbock so abliefe, lässt sich aus ihr nicht schlussfolgern.
Warum ein Kind an der Rolle festhält
Die Frage, warum ein Kind eine Position behält, unter der es leidet, unterstellt eine freie Wahl, die es nicht gibt. Helm Stierlin hat in Delegation und Familie (1978) beschrieben, wie familiäre Aufträge mit Loyalität verknüpft sind. Ein Auftrag wirkt über die Beziehung zu denen, von denen er ausgeht.
Nicht jede Delegation ist eine Sündenbockrolle. Der Begriff erklärt aber, warum auch eine entwertende Position Bindung enthalten kann. Wer die Erklärung der Eltern übernimmt, behält die Vorstellung, dass die Eltern im Grunde recht haben und die Beziehung sich ändern würde, wenn das eigene Versagen aufhörte. Selbstbeschuldigung kann in dieser Lesart mehr sein als mangelnde Einsicht. Sie kann der Versuch sein, eine Beziehung innerlich zu erhalten. Diese Bindung wirkt bis ins Erwachsenenalter fort, auch wenn kaum noch Kontakt besteht. Daraus folgt keine Mitverantwortung des Kindes für sein Ausgeliefertsein. Abhängigkeit und Verantwortung liegen auf verschiedenen Ebenen.
Was über Generationen wiederkehrt
Die Frage nach der elterlichen Abwehr endet nicht bei den Eltern. Auch sie haben gelernt, welche Gefühle in Beziehungen Platz haben dürfen und welche nicht. Eine theoretische Arbeit von Poljak Lukek, Pate und Gostečnik (2023) verbindet die Zuweisung der Sündenbockrolle mit Triangulierung, projektiver Identifizierung und gestörter Affektregulation unter Überforderung. Sie erhebt keine eigenen Daten und belegt keine einheitliche Ursache.
Psychoanalytisch lässt sich der Vorgang als misslingende Verarbeitung lesen. Ein Gefühl kann nicht als eigener, widersprüchlicher und dennoch erträglicher Zustand aufgenommen werden und bekommt deshalb einen Ort außerhalb. Weitergegeben wird dann ein Umgang mit innerer Spannung: Beschämendes wird beschämt, Abhängigkeit wird verachtet, Angst wird mit Kontrolle beantwortet. Die eigene Beschädigung der Eltern erklärt, warum eine Abwehr entstanden sein kann. Sie entscheidet nicht darüber, was einem Kind zugemutet werden darf.
Das Kind kann tatsächlich krank sein
Die Kritik an der Zuweisung darf nicht in die Behauptung umschlagen, das Kind sei in Wahrheit immer gesund. Vogel und Bell hielten schon im Titel beides zusammen: emotionale Störung und familiäre Funktion. Leiden und Rolle liegen auf verschiedenen Ebenen. Eine Familie kann vorhandene Schwierigkeiten zum Beweis ihrer ganzen Erzählung machen, und die Festlegung auf eine entwertete Position kann ihrerseits Leiden hervorbringen oder verstärken.
Die Sätze „Alles liegt am Kind“ und „Alles liegt an der Familie“ springen beide zu kurz. Der erste isoliert das Kind von seinen Beziehungen, der zweite löst es in ihnen auf. Die Analyse der Abwehr muss beides aushalten: Das Kind hat eine eigene psychische Wirklichkeit, und die Familie kann diese Wirklichkeit für ihre Entlastung benutzen.
Die Entlastung durch eindeutige Namen
Kritikwürdig ist an vielen Ratgebern eine bestimmte Form. Sie verwandelt eine Beziehungskonstellation in feste Charaktere: hier der unveränderlich toxische Täter, dort das durch seine Opferrolle vollständig erklärte Selbst. Die Kritik gilt dem Verfahren, aus „toxisch“, „narzisstisch“ und „Sündenbock“ Identitäten zu machen. Was zwischen Menschen geschieht, wird dann durch ein Urteil darüber ersetzt, wer sie sind. Wie das Wort „toxisch“ im Alltag arbeitet, zeigt der Text über Therapy-Speak.
Die Benennung von Unrecht bleibt notwendig. Sie erklärt aber nicht, wie dieses Unrecht psychisch organisiert ist. Wer geschädigt wurde, ist damit noch nicht in seinen Wünschen, Bindungen und Konflikten verstanden. Wer andere schädigt, ist nicht von einem verwerflichen Charakter bestimmt. Die unbewusste Beteiligung eines Kindes hebt das Machtgefälle in der Familie nicht auf. Sonst würde die Analyse der Abwehr zur Entlastung der Mächtigeren.
Kontaktabbruch und psychische Veränderung beantworten verschiedene Fragen. Der Abbruch entscheidet, ob eine Beziehung fortgesetzt wird. Wie sie im eigenen Erleben weiterbesteht, entscheidet er nicht. Daraus folgt kein Gebot zur Versöhnung und keine Pflicht zur Erreichbarkeit. Zu beiden Seiten finden sich Texte über Kontaktabbruch bei Gen Z und über narzisstische Eltern im Alter.
Was passiert, wenn der Sündenbock die Familie verlässt
Die Vorstellung, nach dem Fortgang des Sündenbocks müsse die Familie zusammenbrechen, ist verführerisch. Sie verspricht einen nachträglichen Beweis: Nun erkennen die anderen, wer ihre Konflikte ausgehalten hat. Aus der Annahme einer stabilisierenden Rolle folgt kein festgelegter Verlauf. Eine Familie kann ihre Erklärung auch ohne das beschuldigte Kind fortsetzen, andere Konfliktformen entwickeln oder sich verändern. Der Verlust des ursprünglichen Adressaten beendet die Rollenzuweisung nicht.
Die Theorie des Familiensündenbocks sollte deshalb nicht zur nächsten Erzählung werden, in der ein Mensch wieder alles zusammenhält, diesmal als verkannter Retter. Ihre Stärke liegt an einer anderen Stelle: Sie unterbricht die Selbstverständlichkeit der familiären Erklärung. Aus dem Satz „Mit diesem Kind stimmt etwas nicht“ wird die Frage nach der Beziehung, in der er immer wieder gebraucht wird. Das Kind ist dann ein eigener Mensch, dessen Leiden nicht länger dazu dienen darf, die anderen von der Auseinandersetzung mit sich selbst zu entlasten.
Das Wichtigste in Kürze
• Die Störung eines Kindes erklärt noch nicht die Rolle, die seine Familie ihm zuweist.
• Die Einigkeit über den Schuldigen erspart die Auseinandersetzung darüber, worin das Problem besteht.
• Richter beschreibt Rollen, die Eltern Kindern zuweisen, darunter das negative Selbst. Ogdens projektive Identifizierung erklärt, wie aus einer Zuschreibung ein Selbstverständnis wird.
• Stierlins Begriff der Delegation zeigt, warum auch eine entwertende Rolle Bindung enthalten kann.
• Das Kind kann tatsächlich krank sein. Leiden und Rolle liegen auf verschiedenen Ebenen.
• Die unbewusste Beteiligung eines Kindes hebt das Machtgefälle nicht auf. Der Fortgang des Kindes beendet die Rollenzuweisung nicht automatisch.
Quellen
· Vogel, E. F. & Bell, N. W. (1960): The Emotionally Disturbed Child as a Family Scapegoat. Psychoanalytic Review, 47, 21–42. Nur Titel und Fragestellung, Volltext nicht geprüft.
· Richter, H.-E. (1970): Patient Familie. Entstehung, Struktur und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie. Reinbek: Rowohlt. Leseprobe: psychosozial-verlag.de
· Ogden, T. H. (1979): On Projective Identification. International Journal of Psychoanalysis, 60, 357–373.
· Stierlin, H. (1978): Delegation und Familie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
· Poljak Lukek, S., Pate, T. & Gostečnik, C. (2023): Physical Violence and Scapegoating Within the Family: An Exploration of Biblical Texts and Contemporary Psychology. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
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Der Sündenbock der Familie: Was die Einigkeit gegen ein Kind verdeckt
Eine Familie kann sich darüber einig sein, wer ihr Problem ist, und gerade deshalb nicht wissen, welches Problem sie hat. Die Störung eines Kindes erklärt noch nicht die Rolle, die seine Familie ihm zuweist. Der Begriff des Familiensündenbocks beschreibt, was diese Einigkeit abwehrt.
Das schwarze Schaf und das Problemkind
Das schwierige Kind, das schwarze Schaf der Familie, das Problemkind, der Mensch, mit dem es immer Ärger gibt: Solche Bezeichnungen scheinen einen Charakter zu beschreiben. Sie ordnen zugleich eine Beziehung. Sie legen fest, wo die Familie ihre Konflikte suchen darf, und wo sie nicht suchen muss.
Ezra Vogel und Norman Bell haben 1960 in der Psychoanalytic Review das emotional gestörte Kind als Sündenbock der Familie untersucht. Schon der Titel hält zwei Dinge zusammen: die Störung des Kindes und die Funktion, die diese Störung im Familienleben erhält.
Die Einigkeit über den Schuldigen
Die Rolle entsteht, wenn unterschiedliche Schwierigkeiten immer dieselbe Erklärung finden: Dieses Kind ist das Problem.
In einer solchen Ordnung kann Spannung zwischen den Erwachsenen einen gemeinsamen Gegenstand bekommen. Was zwischen ihnen nicht verhandelt werden kann, erscheint als Schwierigkeit mit dem Kind. Die Familientherapie beschreibt diese Verlagerung als Triangulierung (Konzept nach Bowen): Ein Paar lenkt seine Spannung auf ein drittes Familienmitglied, weil die Zweierbeziehung allein zu instabil ist (dargestellt bei Poljak Lukek et al. 2023). Die systemische Familientherapie nennt das Kind in dieser Lage den Symptomträger: Es zeigt das Symptom, das zum ganzen Familiensystem gehört.
Der Gewinn besteht nicht in Harmonie. Eine Familie kann laut, zerstritten und unglücklich bleiben und sich dennoch in einem Punkt stabilisieren: Alle wissen, wer sich ändern muss. Die Einigkeit über den Schuldigen erspart die Auseinandersetzung darüber, worin das Problem besteht. Ein Kind kann so zum Ort der Konflikte werden, die die Familie nicht als gemeinsame anerkennen kann.
Wenn Abwehr eine Beziehung braucht
Horst-Eberhard Richter beschreibt in Patient Familie (1970), wie Menschen innere Konflikte abwehren, indem sie anderen eine Rolle zuweisen. Das Kind kann als Substitut eines Partners dienen, als ideales Selbst eines Elternteils oder als dessen negatives Selbst. In dieser letzten Rolle kann es zum Stellvertreter dessen werden, was ein Elternteil an sich nicht anerkennen kann oder will: Schwäche, Bedürftigkeit, Aggression, beschämendes Versagen.
Die Härte liegt darin, dass sie sich für die Beteiligten wie Wahrheit anfühlt. Wer im Kind fortwährend das Rücksichtslose sieht, muss die eigene Feindseligkeit nicht erklären. Sie erscheint als angemessene Antwort. Dabei kann auch das Kind durchaus rücksichtslos handeln. Entscheidend ist die ungleiche Verteilung der Freiheit zur Deutung: Sein Verhalten bestätigt seinen Charakter, das Verhalten der Erwachsenen erklärt sich aus den Umständen. Für diese Ordnung braucht niemand eine Absprache. Es genügt, dass alle an derselben Erklärung festhalten.
Wie aus der Zuschreibung ein Selbstverständnis wird
Projektion allein erklärt noch nicht, wie aus einer Zuschreibung eine dauerhafte Rolle wird. Thomas Ogden hat dafür 1979 in On Projective Identification den Begriff der projektiven Identifizierung ausgearbeitet. Zu ihr gehört die unbewusste Fantasie, einen unerträglichen Selbstanteil im anderen unterzubringen, und ein tatsächlicher Druck in der Beziehung, unter dem der andere beginnt, sich diesem Anteil gemäß zu fühlen und zu verhalten.
Auf das Kind übertragen heißt das: Die Zuschreibung bleibt nicht außerhalb von ihm. Wiederholte Erwartungen und Reaktionen arbeiten an seinem Selbstverständnis mit. Es muss sich zu einer Position verhalten, die andere für es eingerichtet haben. Daraus entsteht eine wirksame Verwechslung von Ursache und Ergebnis. Was sich unter dem Druck einer Beziehung entwickelt hat, gilt anschließend als Beweis, dass die Beziehung von Anfang an gerechtfertigt war. Die Theorie erklärt damit einen möglichen Vorgang. Dass er in jeder Familie mit einem Sündenbock so abliefe, lässt sich aus ihr nicht schlussfolgern.
Warum ein Kind an der Rolle festhält
Die Frage, warum ein Kind eine Position behält, unter der es leidet, unterstellt eine freie Wahl, die es nicht gibt. Helm Stierlin hat in Delegation und Familie (1978) beschrieben, wie familiäre Aufträge mit Loyalität verknüpft sind. Ein Auftrag wirkt über die Beziehung zu denen, von denen er ausgeht.
Nicht jede Delegation ist eine Sündenbockrolle. Der Begriff erklärt aber, warum auch eine entwertende Position Bindung enthalten kann. Wer die Erklärung der Eltern übernimmt, behält die Vorstellung, dass die Eltern im Grunde recht haben und die Beziehung sich ändern würde, wenn das eigene Versagen aufhörte. Selbstbeschuldigung kann in dieser Lesart mehr sein als mangelnde Einsicht. Sie kann der Versuch sein, eine Beziehung innerlich zu erhalten. Diese Bindung wirkt bis ins Erwachsenenalter fort, auch wenn kaum noch Kontakt besteht. Daraus folgt keine Mitverantwortung des Kindes für sein Ausgeliefertsein. Abhängigkeit und Verantwortung liegen auf verschiedenen Ebenen.
Was über Generationen wiederkehrt
Die Frage nach der elterlichen Abwehr endet nicht bei den Eltern. Auch sie haben gelernt, welche Gefühle in Beziehungen Platz haben dürfen und welche nicht. Eine theoretische Arbeit von Poljak Lukek, Pate und Gostečnik (2023) verbindet die Zuweisung der Sündenbockrolle mit Triangulierung, projektiver Identifizierung und gestörter Affektregulation unter Überforderung. Sie erhebt keine eigenen Daten und belegt keine einheitliche Ursache.
Psychoanalytisch lässt sich der Vorgang als misslingende Verarbeitung lesen. Ein Gefühl kann nicht als eigener, widersprüchlicher und dennoch erträglicher Zustand aufgenommen werden und bekommt deshalb einen Ort außerhalb. Weitergegeben wird dann ein Umgang mit innerer Spannung: Beschämendes wird beschämt, Abhängigkeit wird verachtet, Angst wird mit Kontrolle beantwortet. Die eigene Beschädigung der Eltern erklärt, warum eine Abwehr entstanden sein kann. Sie entscheidet nicht darüber, was einem Kind zugemutet werden darf.
Das Kind kann tatsächlich krank sein
Die Kritik an der Zuweisung darf nicht in die Behauptung umschlagen, das Kind sei in Wahrheit immer gesund. Vogel und Bell hielten schon im Titel beides zusammen: emotionale Störung und familiäre Funktion. Leiden und Rolle liegen auf verschiedenen Ebenen. Eine Familie kann vorhandene Schwierigkeiten zum Beweis ihrer ganzen Erzählung machen, und die Festlegung auf eine entwertete Position kann ihrerseits Leiden hervorbringen oder verstärken.
Die Sätze „Alles liegt am Kind“ und „Alles liegt an der Familie“ springen beide zu kurz. Der erste isoliert das Kind von seinen Beziehungen, der zweite löst es in ihnen auf. Die Analyse der Abwehr muss beides aushalten: Das Kind hat eine eigene psychische Wirklichkeit, und die Familie kann diese Wirklichkeit für ihre Entlastung benutzen.
Die Entlastung durch eindeutige Namen
Kritikwürdig ist an vielen Ratgebern eine bestimmte Form. Sie verwandelt eine Beziehungskonstellation in feste Charaktere: hier der unveränderlich toxische Täter, dort das durch seine Opferrolle vollständig erklärte Selbst. Die Kritik gilt dem Verfahren, aus „toxisch“, „narzisstisch“ und „Sündenbock“ Identitäten zu machen. Was zwischen Menschen geschieht, wird dann durch ein Urteil darüber ersetzt, wer sie sind. Wie das Wort „toxisch“ im Alltag arbeitet, zeigt der Text über Therapy-Speak.
Die Benennung von Unrecht bleibt notwendig. Sie erklärt aber nicht, wie dieses Unrecht psychisch organisiert ist. Wer geschädigt wurde, ist damit noch nicht in seinen Wünschen, Bindungen und Konflikten verstanden. Wer andere schädigt, ist nicht von einem verwerflichen Charakter bestimmt. Die unbewusste Beteiligung eines Kindes hebt das Machtgefälle in der Familie nicht auf. Sonst würde die Analyse der Abwehr zur Entlastung der Mächtigeren.
Kontaktabbruch und psychische Veränderung beantworten verschiedene Fragen. Der Abbruch entscheidet, ob eine Beziehung fortgesetzt wird. Wie sie im eigenen Erleben weiterbesteht, entscheidet er nicht. Daraus folgt kein Gebot zur Versöhnung und keine Pflicht zur Erreichbarkeit. Zu beiden Seiten finden sich Texte über Kontaktabbruch bei Gen Z und über narzisstische Eltern im Alter.
Was passiert, wenn der Sündenbock die Familie verlässt
Die Vorstellung, nach dem Fortgang des Sündenbocks müsse die Familie zusammenbrechen, ist verführerisch. Sie verspricht einen nachträglichen Beweis: Nun erkennen die anderen, wer ihre Konflikte ausgehalten hat. Aus der Annahme einer stabilisierenden Rolle folgt kein festgelegter Verlauf. Eine Familie kann ihre Erklärung auch ohne das beschuldigte Kind fortsetzen, andere Konfliktformen entwickeln oder sich verändern. Der Verlust des ursprünglichen Adressaten beendet die Rollenzuweisung nicht.
Die Theorie des Familiensündenbocks sollte deshalb nicht zur nächsten Erzählung werden, in der ein Mensch wieder alles zusammenhält, diesmal als verkannter Retter. Ihre Stärke liegt an einer anderen Stelle: Sie unterbricht die Selbstverständlichkeit der familiären Erklärung. Aus dem Satz „Mit diesem Kind stimmt etwas nicht“ wird die Frage nach der Beziehung, in der er immer wieder gebraucht wird. Das Kind ist dann ein eigener Mensch, dessen Leiden nicht länger dazu dienen darf, die anderen von der Auseinandersetzung mit sich selbst zu entlasten.
Das Wichtigste in Kürze
• Die Störung eines Kindes erklärt noch nicht die Rolle, die seine Familie ihm zuweist.
• Die Einigkeit über den Schuldigen erspart die Auseinandersetzung darüber, worin das Problem besteht.
• Richter beschreibt Rollen, die Eltern Kindern zuweisen, darunter das negative Selbst. Ogdens projektive Identifizierung erklärt, wie aus einer Zuschreibung ein Selbstverständnis wird.
• Stierlins Begriff der Delegation zeigt, warum auch eine entwertende Rolle Bindung enthalten kann.
• Das Kind kann tatsächlich krank sein. Leiden und Rolle liegen auf verschiedenen Ebenen.
• Die unbewusste Beteiligung eines Kindes hebt das Machtgefälle nicht auf. Der Fortgang des Kindes beendet die Rollenzuweisung nicht automatisch.
Quellen
· Vogel, E. F. & Bell, N. W. (1960): The Emotionally Disturbed Child as a Family Scapegoat. Psychoanalytic Review, 47, 21–42. Nur Titel und Fragestellung, Volltext nicht geprüft.
· Richter, H.-E. (1970): Patient Familie. Entstehung, Struktur und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie. Reinbek: Rowohlt. Leseprobe: psychosozial-verlag.de
· Ogden, T. H. (1979): On Projective Identification. International Journal of Psychoanalysis, 60, 357–373.
· Stierlin, H. (1978): Delegation und Familie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
· Poljak Lukek, S., Pate, T. & Gostečnik, C. (2023): Physical Violence and Scapegoating Within the Family: An Exploration of Biblical Texts and Contemporary Psychology. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
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