Fremdgegangen und alles besser nach dem Seitensprung? Was die neue Studie über die Psychologie von Flirten, Untreue und Affären zeigt

Fremdgegangen und alles besser nach dem Seitensprung? Was die neue Studie über die Psychologie von Flirten, Untreue und Affären zeigt

Fremdgegangen

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ein tisch auf dem 2 tassen kaffee stehen, außerdem sieht man hände

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Eine aktuelle Umfrage zeigt: Nach einer Affäre bleiben viele Paare zusammen, manche erleben die Partnerschaft danach als besser. Was Untreue heute bedeutet, warum ein Seitensprung nicht das Ende einer Beziehung sein muss und was beide Partner wissen sollten.

Besser nach dem Betrug? Was die neue Studie über Untreue und Affären zeigt

Untreue gilt als das Ende einer Beziehung. Eine große Untersuchung aus dem Jahr 2026 zeichnet ein anderes Bild: Unter Paaren, die sich nach einer Affäre um Heilung bemühen, bleibt die Mehrheit zusammen, und ein Teil erlebt die Partnerschaft danach als besser. Dieser Beitrag ordnet die neue Studie ein, zeigt anhand deutscher Umfragen, was heute überhaupt als Fremdgehen gilt, und benennt, was beide Partner nach einem Seitensprung wissen sollten.

Was hat die neue Studie zur Untreue herausgefunden?

Die im Journal of Sex & Marital Therapy veröffentlichte Arbeit stammt von der Psychologin Kathy Nickerson und einem Team, zu dem auch der bekannte Paarforscher John Gottman gehört. Befragt wurden über 3.400 Menschen, die von Untreue betroffen waren: 1.151 hatten selbst eine Affäre gehabt, 2.278 waren betrogen worden. Das zentrale Ergebnis: 76 Prozent derjenigen, die fremdgegangen waren, beendeten die Affäre und blieben beim ursprünglichen Partner. 79 Prozent der Betrogenen waren zum Zeitpunkt der Befragung noch mit ihrem Partner zusammen.

Der stärkste Befund betrifft die Deutung. Rund 70 Prozent der untreuen und 36 Prozent der betrogenen Partner gaben an, ihre Beziehung sei nach der Affäre besser als davor. Bei den Untreuen war die anhaltende Liebe zum ursprünglichen Partner der stärkste Vorhersagefaktor für ein Zusammenbleiben. 73 Prozent berichteten, schon während der Affäre Reue empfunden zu haben. Bei den Betrogenen sagten reparierende Handlungen das Zusammenbleiben am besten voraus: Antworten auf Fragen, vollständiger Kontaktabbruch zur Affärenperson und emotionale Zuwendung.

Diese Zahlen widersprechen der populären Erzählung, wonach ein Seitensprung beweist, dass die Liebe erloschen war. Menschen können ihren Partner lieben und ihn zugleich betrügen, sie können die Affäre bereuen, während sie läuft, und sie können nach der Krise zu einer tragfähigeren Verbindung finden.

Was gilt heute überhaupt als Untreue?

Was als Fremdgehen zählt, verändert sich. Eine Umfrage der Dating-App Parship und des Marktforschungsinstituts Innofact aus dem Jahr 2024 zeigt: Die Deutschen sind beim Thema Fremdgehen toleranter geworden. Während 2018 noch 97 Prozent eine langfristige Affäre als Untreue ansahen, waren es 2024 nur noch 85 Prozent. One-Night-Stands bewerteten 82 statt 96 Prozent als Betrug, das Fremdknutschen außerhalb der Beziehung nur noch 57 statt 81 Prozent.

Besonders deutlich zeigt sich der Wandel bei digitalen Grauzonen. Die bloße Anmeldung bei Dating-Apps galt 2018 für 87 Prozent als Untreue, 2024 nur noch für 63 Prozent. Dabei trennen sich die Geschlechter: Eine Mehrheit der Männer wertet die Anmeldung nicht als Fremdgehen, während 71 Prozent der Frauen darin sehr wohl einen Vertrauensbruch sehen. Auch das Alter spielt eine Rolle. Jüngere Befragte urteilen hier oft strenger als ältere.

Für Paare hat das eine praktische Folge. Wenn schon die Definition von Untreue auseinandergeht, entsteht Streit oft schon durch unausgesprochen unterschiedliche Grenzen, noch bevor etwas geschieht. Was für die eine bereits Fremdgehen ist, ein Flirt oder ein zweideutiger Chat, ist für den anderen harmlos. Ein Gespräch darüber, wo die eigene Grenze der Exklusivität liegt, beugt vor, bevor eine Situation eskaliert.

Wer geht häufiger fremd – und warum?

Belastbare deutsche Zahlen liefert die ElitePartner-Studie 2020. Danach ist knapp jeder Dritte schon einmal fremdgegangen. Bemerkenswert ist die Entwicklung bei den Geschlechtern: Bei den Frauen stieg der Anteil derer, die mindestens einmal untreu waren, von 19 Prozent (2012) auf 31 Prozent (2020), bei den Männern lag er bei 27 Prozent. In der Altersgruppe der Dreißiger gaben sogar 39 Prozent der Frauen an, ihren Partner betrogen zu haben, gegenüber 25 Prozent der gleichaltrigen Männer.

Der Anstieg bei den Frauen wird oft mit Emanzipation und größerer sexueller Selbstbestimmung erklärt. Frauen sind finanziell unabhängiger, ihre Sexualität ist weniger tabuisiert, und die Gelegenheiten haben sich mit der Digitalisierung des Datings vervielfacht. Über Untreue entscheiden damit vor allem Gelegenheit, Unzufriedenheit und Hemmschwelle, Faktoren, die beide Geschlechter betreffen, und kaum das Geschlecht selbst.

Die Gründe für einen Seitensprung sind selten rein sexueller Natur. Häufig genannt werden emotionale Distanz, das Gefühl, in der Partnerschaft nicht mehr gesehen zu werden, Bestätigungssuche und Langeweile. Für viele beginnt Untreue schleichend: Eine Untreue-Studie fand, dass für jede vierte Frau das Fremdgehen bereits beim Flirten anfängt, lange bevor es körperlich wird.

Warum sollte man die Zahlen der neuen Studie vorsichtig lesen?

So bemerkenswert die Befunde der Nickerson-Studie sind, sie haben eine Einschränkung, und die Autoren benennen sie selbst. Die Teilnehmer wurden über Social-Media-Kanäle von Fachleuten rekrutiert, die auf Affärenbewältigung spezialisiert sind. Befragt wurde also eine Gruppe, die bereits hoch motiviert war zu heilen. Die hohen Versöhnungsraten gelten für diese Gruppe, nicht für alle Paare.

Hinzu kommt eine Auswahlverzerrung, die man Survivorship Bias („Überlebendenirrtum“) nennt. Befragt werden konnten nur Paare, die zum Zeitpunkt der Studie noch existierten. Wessen Beziehung an der Affäre zerbrach, füllt keinen Fragebogen mehr aus. Die schmerzhaftesten Verläufe fallen aus der Statistik heraus, und das Bild wird dadurch hoffnungsvoller, als die Gesamtheit aller Affären es hergäbe.

Ein dritter Punkt betrifft die Art der Erhebung. Es handelt sich um eine Momentaufnahme, nicht um eine repräsentative Langzeitbeobachtung. Viele Befragte steckten noch mitten im Heilungsprozess, ihre Einschätzung kann sich ändern. „Besser nach dem Betrug" beschreibt deshalb eine rückblickende Selbstauskunft einer besonderen Gruppe und taugt nicht als Prognose.

Kann eine Partnerschaft nach einer Affäre wirklich besser werden?

Erfahrung stützt die Möglichkeit, ohne sie zur Regel zu erklären. Eine Affäre ist häufig das Symptom einer längeren Entfremdung: unausgesprochene Enttäuschungen, vermiedene Konflikte, eine Distanz, die niemand benennt. Die Aufdeckung zwingt das Verschwiegene an die Oberfläche. Was vorher unter der Decke schwelte, wird zum Thema, und manche Paare führen zum ersten Mal seit Jahren die Gespräche, die längst überfällig waren.

In diesem Sinn kann die Krise als Katalysator wirken. Sie zerstört eine Illusion von Stabilität, die auf Vermeidung beruhte, und erzwingt eine Auseinandersetzung, die entweder trennt oder neu verbindet. Paare, die diesen Prozess durchstehen, berichten mitunter von größerer Ehrlichkeit und einer bewussteren Entscheidung füreinander als vor der Krise.

Diese Deutung hat eine Grenze, die ernst zu nehmen ist. Aus „manche Paare wachsen an der Krise" folgt nicht, dass eine Affäre ein sinnvoller Weg zur Verbesserung wäre. Der Preis ist ein Trauma für den betrogenen Partner, das Symptome wie bei einer Belastungsstörung auslösen kann: Grübeln, Schlafstörungen, ein tief erschüttertes Sicherheitsgefühl. Wachstum ist ein möglicher Ausgang, kein Zweck.

Was hilft Paaren bei der Heilung nach einem Seitensprung?

Die Studie benennt die Handlungen, die mit einem Zusammenbleiben einhergingen, und sie decken sich mit dem, was Paartherapeuten seit Langem beobachten. An erster Stelle steht der vollständige Abbruch der Affäre. Solange diese Verbindung besteht, kann kein Vertrauen wachsen. Die Wunde bleibt offen.

An zweiter Stelle stehen Transparenz und die Bereitschaft, Fragen zu beantworten. Der betrogene Partner braucht ein kohärentes Bild dessen, was geschehen ist. Bemerkenswert ist ein Nebenbefund: Eine vollständige Offenlegung bis ins letzte Detail war nicht in jedem Fall nötig. Manchmal verschlimmert die schonungslose Faktenfülle das quälende Grübeln, und eine teilweise Offenlegung in Verbindung mit starker emotionaler Zuwendung erwies sich als ebenso gangbarer Weg. Eine Paartherapie hilft dabei, dieses Maß zu finden.

An dritter Stelle steht die anhaltende emotionale Reparatur: Zuwendung, das Ernstnehmen der Gefühle des anderen, Verlässlichkeit über lange Zeit. Vertrauen kehrt durch viele kleine Erfahrungen zurück, dass der Partner verlässlich ist. Ein einmaliges Geständnis genügt dafür nicht. Dieser Prozess dauert Monate bis Jahre.

Warum kann Unterstützung von außen die Heilung erschweren?

Ein überraschender Befund der Studie betrifft das soziale Umfeld: Betrogene Partner, die mehr Unterstützung von Familie und Freunden erhielten, blieben seltener in der Beziehung. Die Erklärung liegt in der Richtung dieser Unterstützung. Nahestehende reagieren auf einen Betrug oft mit schützender Empörung und raten zur Trennung. Diese gut gemeinte Parteinahme verstärkt Zweifel, die gegen ein Bleiben sprechen.

Für Betroffene folgt daraus ein Hinweis zur Vorsicht. Wer die eigene Entscheidung noch sucht, tut gut daran, zwischen Menschen zu unterscheiden, die ihm bei der Überlegung helfen, und solchen, die ihm die Entscheidung abnehmen wollen. Das nahe Umfeld kennt den Schmerz, aber selten die ganze Geschichte der Partnerschaft.

Hier liegt ein Vorteil professioneller Begleitung. Eine Paar- oder Einzeltherapie bietet einen Raum, in dem die Entscheidung nicht vorweggenommen wird. Sie hilft dem Betroffenen, seine eigene Klarheit zu finden, ohne ihm die Entscheidung vorzugeben.

Wann ist eine Trennung der gesündere Weg?

Die Studie darf nicht als Aufforderung gelesen werden, jede Beziehung um jeden Preis zu retten. Es gibt Konstellationen, in denen ein Bleiben schadet. Wenn die Untreue Teil eines Musters aus Entwertung, Kontrolle und Manipulation ist, wenn der untreue Partner keine Verantwortung übernimmt, den Kontakt nicht abbricht oder die Schuld umkehrt, fehlt die Grundlage für Heilung.

Auch der wiederholte Seitensprung bei fortgesetzter Verharmlosung gehört in diese Kategorie. Vertrauen lässt sich nach einem einmaligen Bruch mühsam wieder aufbauen. Nach vielen Seitensprüngen bei ausbleibender Veränderung wird das Bemühen zur Selbsttäuschung. Und wenn der betrogene Partner trotz ernsthafter Bemühungen dauerhaft in Misstrauen und Schmerz verharrt, kann eine Trennung der gesündere Weg sein.

Die Entscheidung bleibt individuell. Was die Studie beisteuert, ist die Entlastung von einem starren Skript. Weder ist die Trennung nach einem Betrug ein Muss, noch ist das Bleiben ein Zeichen von Schwäche.

Was bedeutet das für unseren Blick auf Monogamie und Treue?

Die öffentliche Erzählung über Affären ist stark moralisiert und in klare Rollen aufgeteilt: hier der Schuldige, dort das Opfer, dazwischen das unvermeidliche Ende. Diese Erzählung tröstet, weil sie Ordnung schafft, und sie verfehlt die Wirklichkeit vieler Paare. Menschen sind widersprüchlicher, als das Skript erlaubt: Sie lieben und verletzen, bereuen und wiederholen, bleiben und wachsen.

Zugleich verändert sich das Verständnis von Monogamie selbst. Die wachsende Toleranz der Umfragen, das Interesse an offeneren Beziehungsformen und die Diskussion um Exklusivität zeigen, dass die starre Norm der lebenslangen sexuellen Treue an Selbstverständlichkeit verliert. Das macht Untreue nicht harmlos, aber es verschiebt die Frage von „erlaubt oder verboten" hin zu „was haben wir eigentlich vereinbart".

Ein nüchternerer Blick nimmt der Untreue nichts von ihrem Schmerz und ihrer Verantwortung. Er gewinnt Raum für die Frage, was in einer konkreten Partnerschaft wirklich geschehen ist und was möglich bleibt. Genau das ist die Haltung, die in der Therapie hilft: die Neugier auf die einzelne Geschichte statt das schnelle Urteil nach der allgemeinen Regel.

Das Wichtigste in Kürze

•             Eine Studie mit über 3.400 Betroffenen (Journal of Sex & Marital Therapy, 2026) fand: 76 Prozent der Untreuen und 79 Prozent der Betrogenen blieben beim ursprünglichen Partner.

•             Rund 70 Prozent der Untreuen und 36 Prozent der Betrogenen erlebten die Partnerschaft nach der Affäre als besser. Anhaltende Liebe und reparierende Handlungen waren die stärksten Vorhersagefaktoren.

•             Was als Untreue gilt, wandelt sich: Laut Parship/Innofact sehen 2024 nur noch 85 Prozent eine langfristige Affäre als Fremdgehen (2018: 97 Prozent). Auch One-Night-Stands und die Anmeldung bei Dating-Apps werden toleranter beurteilt.

•             Die ElitePartner-Studie 2020 zeigt: Knapp jeder Dritte war schon fremdgegangen, bei Frauen stieg der Anteil auf 31 Prozent, oft erklärt mit Emanzipation und veränderten Gelegenheiten.

•             Die hohen Versöhnungsraten der neuen Studie sind vorsichtig zu lesen: Befragt wurde eine heilungsmotivierte Gruppe, und der Survivor Bias blendet gescheiterte Verläufe aus.

•             Was hilft: vollständiger Kontaktabbruch, ehrliche Antworten ohne überflutende Details, anhaltende emotionale Reparatur. Eine Trennung kann der gesündere Weg sein, wenn Untreue Teil eines Musters aus Entwertung ist oder sich wiederholt.

Quellen

•             PsyPost: New study shows romantic relationships can actually improve after the crisis of an affair (19.06.2026)

•             Nickerson et al.: Should I Stay or Should I Go After Infidelity (Journal of Sex & Marital Therapy, 2026)

•             Parship / Innofact: Fremdgehen – Menschen in Deutschland heute toleranter als früher (Umfrage 2024)

•             ElitePartner-Studie 2020 zu Untreue in der Partnerschaft (Statista)


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Eine aktuelle Umfrage zeigt: Nach einer Affäre bleiben viele Paare zusammen, manche erleben die Partnerschaft danach als besser. Was Untreue heute bedeutet, warum ein Seitensprung nicht das Ende einer Beziehung sein muss und was beide Partner wissen sollten.

Besser nach dem Betrug? Was die neue Studie über Untreue und Affären zeigt

Untreue gilt als das Ende einer Beziehung. Eine große Untersuchung aus dem Jahr 2026 zeichnet ein anderes Bild: Unter Paaren, die sich nach einer Affäre um Heilung bemühen, bleibt die Mehrheit zusammen, und ein Teil erlebt die Partnerschaft danach als besser. Dieser Beitrag ordnet die neue Studie ein, zeigt anhand deutscher Umfragen, was heute überhaupt als Fremdgehen gilt, und benennt, was beide Partner nach einem Seitensprung wissen sollten.

Was hat die neue Studie zur Untreue herausgefunden?

Die im Journal of Sex & Marital Therapy veröffentlichte Arbeit stammt von der Psychologin Kathy Nickerson und einem Team, zu dem auch der bekannte Paarforscher John Gottman gehört. Befragt wurden über 3.400 Menschen, die von Untreue betroffen waren: 1.151 hatten selbst eine Affäre gehabt, 2.278 waren betrogen worden. Das zentrale Ergebnis: 76 Prozent derjenigen, die fremdgegangen waren, beendeten die Affäre und blieben beim ursprünglichen Partner. 79 Prozent der Betrogenen waren zum Zeitpunkt der Befragung noch mit ihrem Partner zusammen.

Der stärkste Befund betrifft die Deutung. Rund 70 Prozent der untreuen und 36 Prozent der betrogenen Partner gaben an, ihre Beziehung sei nach der Affäre besser als davor. Bei den Untreuen war die anhaltende Liebe zum ursprünglichen Partner der stärkste Vorhersagefaktor für ein Zusammenbleiben. 73 Prozent berichteten, schon während der Affäre Reue empfunden zu haben. Bei den Betrogenen sagten reparierende Handlungen das Zusammenbleiben am besten voraus: Antworten auf Fragen, vollständiger Kontaktabbruch zur Affärenperson und emotionale Zuwendung.

Diese Zahlen widersprechen der populären Erzählung, wonach ein Seitensprung beweist, dass die Liebe erloschen war. Menschen können ihren Partner lieben und ihn zugleich betrügen, sie können die Affäre bereuen, während sie läuft, und sie können nach der Krise zu einer tragfähigeren Verbindung finden.

Was gilt heute überhaupt als Untreue?

Was als Fremdgehen zählt, verändert sich. Eine Umfrage der Dating-App Parship und des Marktforschungsinstituts Innofact aus dem Jahr 2024 zeigt: Die Deutschen sind beim Thema Fremdgehen toleranter geworden. Während 2018 noch 97 Prozent eine langfristige Affäre als Untreue ansahen, waren es 2024 nur noch 85 Prozent. One-Night-Stands bewerteten 82 statt 96 Prozent als Betrug, das Fremdknutschen außerhalb der Beziehung nur noch 57 statt 81 Prozent.

Besonders deutlich zeigt sich der Wandel bei digitalen Grauzonen. Die bloße Anmeldung bei Dating-Apps galt 2018 für 87 Prozent als Untreue, 2024 nur noch für 63 Prozent. Dabei trennen sich die Geschlechter: Eine Mehrheit der Männer wertet die Anmeldung nicht als Fremdgehen, während 71 Prozent der Frauen darin sehr wohl einen Vertrauensbruch sehen. Auch das Alter spielt eine Rolle. Jüngere Befragte urteilen hier oft strenger als ältere.

Für Paare hat das eine praktische Folge. Wenn schon die Definition von Untreue auseinandergeht, entsteht Streit oft schon durch unausgesprochen unterschiedliche Grenzen, noch bevor etwas geschieht. Was für die eine bereits Fremdgehen ist, ein Flirt oder ein zweideutiger Chat, ist für den anderen harmlos. Ein Gespräch darüber, wo die eigene Grenze der Exklusivität liegt, beugt vor, bevor eine Situation eskaliert.

Wer geht häufiger fremd – und warum?

Belastbare deutsche Zahlen liefert die ElitePartner-Studie 2020. Danach ist knapp jeder Dritte schon einmal fremdgegangen. Bemerkenswert ist die Entwicklung bei den Geschlechtern: Bei den Frauen stieg der Anteil derer, die mindestens einmal untreu waren, von 19 Prozent (2012) auf 31 Prozent (2020), bei den Männern lag er bei 27 Prozent. In der Altersgruppe der Dreißiger gaben sogar 39 Prozent der Frauen an, ihren Partner betrogen zu haben, gegenüber 25 Prozent der gleichaltrigen Männer.

Der Anstieg bei den Frauen wird oft mit Emanzipation und größerer sexueller Selbstbestimmung erklärt. Frauen sind finanziell unabhängiger, ihre Sexualität ist weniger tabuisiert, und die Gelegenheiten haben sich mit der Digitalisierung des Datings vervielfacht. Über Untreue entscheiden damit vor allem Gelegenheit, Unzufriedenheit und Hemmschwelle, Faktoren, die beide Geschlechter betreffen, und kaum das Geschlecht selbst.

Die Gründe für einen Seitensprung sind selten rein sexueller Natur. Häufig genannt werden emotionale Distanz, das Gefühl, in der Partnerschaft nicht mehr gesehen zu werden, Bestätigungssuche und Langeweile. Für viele beginnt Untreue schleichend: Eine Untreue-Studie fand, dass für jede vierte Frau das Fremdgehen bereits beim Flirten anfängt, lange bevor es körperlich wird.

Warum sollte man die Zahlen der neuen Studie vorsichtig lesen?

So bemerkenswert die Befunde der Nickerson-Studie sind, sie haben eine Einschränkung, und die Autoren benennen sie selbst. Die Teilnehmer wurden über Social-Media-Kanäle von Fachleuten rekrutiert, die auf Affärenbewältigung spezialisiert sind. Befragt wurde also eine Gruppe, die bereits hoch motiviert war zu heilen. Die hohen Versöhnungsraten gelten für diese Gruppe, nicht für alle Paare.

Hinzu kommt eine Auswahlverzerrung, die man Survivorship Bias („Überlebendenirrtum“) nennt. Befragt werden konnten nur Paare, die zum Zeitpunkt der Studie noch existierten. Wessen Beziehung an der Affäre zerbrach, füllt keinen Fragebogen mehr aus. Die schmerzhaftesten Verläufe fallen aus der Statistik heraus, und das Bild wird dadurch hoffnungsvoller, als die Gesamtheit aller Affären es hergäbe.

Ein dritter Punkt betrifft die Art der Erhebung. Es handelt sich um eine Momentaufnahme, nicht um eine repräsentative Langzeitbeobachtung. Viele Befragte steckten noch mitten im Heilungsprozess, ihre Einschätzung kann sich ändern. „Besser nach dem Betrug" beschreibt deshalb eine rückblickende Selbstauskunft einer besonderen Gruppe und taugt nicht als Prognose.

Kann eine Partnerschaft nach einer Affäre wirklich besser werden?

Erfahrung stützt die Möglichkeit, ohne sie zur Regel zu erklären. Eine Affäre ist häufig das Symptom einer längeren Entfremdung: unausgesprochene Enttäuschungen, vermiedene Konflikte, eine Distanz, die niemand benennt. Die Aufdeckung zwingt das Verschwiegene an die Oberfläche. Was vorher unter der Decke schwelte, wird zum Thema, und manche Paare führen zum ersten Mal seit Jahren die Gespräche, die längst überfällig waren.

In diesem Sinn kann die Krise als Katalysator wirken. Sie zerstört eine Illusion von Stabilität, die auf Vermeidung beruhte, und erzwingt eine Auseinandersetzung, die entweder trennt oder neu verbindet. Paare, die diesen Prozess durchstehen, berichten mitunter von größerer Ehrlichkeit und einer bewussteren Entscheidung füreinander als vor der Krise.

Diese Deutung hat eine Grenze, die ernst zu nehmen ist. Aus „manche Paare wachsen an der Krise" folgt nicht, dass eine Affäre ein sinnvoller Weg zur Verbesserung wäre. Der Preis ist ein Trauma für den betrogenen Partner, das Symptome wie bei einer Belastungsstörung auslösen kann: Grübeln, Schlafstörungen, ein tief erschüttertes Sicherheitsgefühl. Wachstum ist ein möglicher Ausgang, kein Zweck.

Was hilft Paaren bei der Heilung nach einem Seitensprung?

Die Studie benennt die Handlungen, die mit einem Zusammenbleiben einhergingen, und sie decken sich mit dem, was Paartherapeuten seit Langem beobachten. An erster Stelle steht der vollständige Abbruch der Affäre. Solange diese Verbindung besteht, kann kein Vertrauen wachsen. Die Wunde bleibt offen.

An zweiter Stelle stehen Transparenz und die Bereitschaft, Fragen zu beantworten. Der betrogene Partner braucht ein kohärentes Bild dessen, was geschehen ist. Bemerkenswert ist ein Nebenbefund: Eine vollständige Offenlegung bis ins letzte Detail war nicht in jedem Fall nötig. Manchmal verschlimmert die schonungslose Faktenfülle das quälende Grübeln, und eine teilweise Offenlegung in Verbindung mit starker emotionaler Zuwendung erwies sich als ebenso gangbarer Weg. Eine Paartherapie hilft dabei, dieses Maß zu finden.

An dritter Stelle steht die anhaltende emotionale Reparatur: Zuwendung, das Ernstnehmen der Gefühle des anderen, Verlässlichkeit über lange Zeit. Vertrauen kehrt durch viele kleine Erfahrungen zurück, dass der Partner verlässlich ist. Ein einmaliges Geständnis genügt dafür nicht. Dieser Prozess dauert Monate bis Jahre.

Warum kann Unterstützung von außen die Heilung erschweren?

Ein überraschender Befund der Studie betrifft das soziale Umfeld: Betrogene Partner, die mehr Unterstützung von Familie und Freunden erhielten, blieben seltener in der Beziehung. Die Erklärung liegt in der Richtung dieser Unterstützung. Nahestehende reagieren auf einen Betrug oft mit schützender Empörung und raten zur Trennung. Diese gut gemeinte Parteinahme verstärkt Zweifel, die gegen ein Bleiben sprechen.

Für Betroffene folgt daraus ein Hinweis zur Vorsicht. Wer die eigene Entscheidung noch sucht, tut gut daran, zwischen Menschen zu unterscheiden, die ihm bei der Überlegung helfen, und solchen, die ihm die Entscheidung abnehmen wollen. Das nahe Umfeld kennt den Schmerz, aber selten die ganze Geschichte der Partnerschaft.

Hier liegt ein Vorteil professioneller Begleitung. Eine Paar- oder Einzeltherapie bietet einen Raum, in dem die Entscheidung nicht vorweggenommen wird. Sie hilft dem Betroffenen, seine eigene Klarheit zu finden, ohne ihm die Entscheidung vorzugeben.

Wann ist eine Trennung der gesündere Weg?

Die Studie darf nicht als Aufforderung gelesen werden, jede Beziehung um jeden Preis zu retten. Es gibt Konstellationen, in denen ein Bleiben schadet. Wenn die Untreue Teil eines Musters aus Entwertung, Kontrolle und Manipulation ist, wenn der untreue Partner keine Verantwortung übernimmt, den Kontakt nicht abbricht oder die Schuld umkehrt, fehlt die Grundlage für Heilung.

Auch der wiederholte Seitensprung bei fortgesetzter Verharmlosung gehört in diese Kategorie. Vertrauen lässt sich nach einem einmaligen Bruch mühsam wieder aufbauen. Nach vielen Seitensprüngen bei ausbleibender Veränderung wird das Bemühen zur Selbsttäuschung. Und wenn der betrogene Partner trotz ernsthafter Bemühungen dauerhaft in Misstrauen und Schmerz verharrt, kann eine Trennung der gesündere Weg sein.

Die Entscheidung bleibt individuell. Was die Studie beisteuert, ist die Entlastung von einem starren Skript. Weder ist die Trennung nach einem Betrug ein Muss, noch ist das Bleiben ein Zeichen von Schwäche.

Was bedeutet das für unseren Blick auf Monogamie und Treue?

Die öffentliche Erzählung über Affären ist stark moralisiert und in klare Rollen aufgeteilt: hier der Schuldige, dort das Opfer, dazwischen das unvermeidliche Ende. Diese Erzählung tröstet, weil sie Ordnung schafft, und sie verfehlt die Wirklichkeit vieler Paare. Menschen sind widersprüchlicher, als das Skript erlaubt: Sie lieben und verletzen, bereuen und wiederholen, bleiben und wachsen.

Zugleich verändert sich das Verständnis von Monogamie selbst. Die wachsende Toleranz der Umfragen, das Interesse an offeneren Beziehungsformen und die Diskussion um Exklusivität zeigen, dass die starre Norm der lebenslangen sexuellen Treue an Selbstverständlichkeit verliert. Das macht Untreue nicht harmlos, aber es verschiebt die Frage von „erlaubt oder verboten" hin zu „was haben wir eigentlich vereinbart".

Ein nüchternerer Blick nimmt der Untreue nichts von ihrem Schmerz und ihrer Verantwortung. Er gewinnt Raum für die Frage, was in einer konkreten Partnerschaft wirklich geschehen ist und was möglich bleibt. Genau das ist die Haltung, die in der Therapie hilft: die Neugier auf die einzelne Geschichte statt das schnelle Urteil nach der allgemeinen Regel.

Das Wichtigste in Kürze

•             Eine Studie mit über 3.400 Betroffenen (Journal of Sex & Marital Therapy, 2026) fand: 76 Prozent der Untreuen und 79 Prozent der Betrogenen blieben beim ursprünglichen Partner.

•             Rund 70 Prozent der Untreuen und 36 Prozent der Betrogenen erlebten die Partnerschaft nach der Affäre als besser. Anhaltende Liebe und reparierende Handlungen waren die stärksten Vorhersagefaktoren.

•             Was als Untreue gilt, wandelt sich: Laut Parship/Innofact sehen 2024 nur noch 85 Prozent eine langfristige Affäre als Fremdgehen (2018: 97 Prozent). Auch One-Night-Stands und die Anmeldung bei Dating-Apps werden toleranter beurteilt.

•             Die ElitePartner-Studie 2020 zeigt: Knapp jeder Dritte war schon fremdgegangen, bei Frauen stieg der Anteil auf 31 Prozent, oft erklärt mit Emanzipation und veränderten Gelegenheiten.

•             Die hohen Versöhnungsraten der neuen Studie sind vorsichtig zu lesen: Befragt wurde eine heilungsmotivierte Gruppe, und der Survivor Bias blendet gescheiterte Verläufe aus.

•             Was hilft: vollständiger Kontaktabbruch, ehrliche Antworten ohne überflutende Details, anhaltende emotionale Reparatur. Eine Trennung kann der gesündere Weg sein, wenn Untreue Teil eines Musters aus Entwertung ist oder sich wiederholt.

Quellen

•             PsyPost: New study shows romantic relationships can actually improve after the crisis of an affair (19.06.2026)

•             Nickerson et al.: Should I Stay or Should I Go After Infidelity (Journal of Sex & Marital Therapy, 2026)

•             Parship / Innofact: Fremdgehen – Menschen in Deutschland heute toleranter als früher (Umfrage 2024)

•             ElitePartner-Studie 2020 zu Untreue in der Partnerschaft (Statista)


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