KI-assoziierte Psychose: Wenn Chatbots Wahnvorstellungen bis zur KI-Psychose verstärken

KI-assoziierte Psychose: Wenn Chatbots Wahnvorstellungen bis zur KI-Psychose verstärken

KI-assoziierte Psychose

Published on:

May 15, 2026

eine frau sitzt in einem abgedunkelten Raum an einem Desktop

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KI-assoziierte Psychose: Wenn Chatbots Wahnvorstellungen bestärken. Wie KI-Systeme psychotische Inhalte verstärken und was Betroffene erzählen.

KI-assoziierte Psychose: Wenn KI-Chatbots wie ChatGPT Wahnvorstellungen verstärken und was Augustin und Østergaard zur KI-Psychose berichten

Die KI-assoziierte Psychose beschreibt psychotische Inhalte, die sich im Kontakt mit Chatbots wie ChatGPT entwickeln oder verstärken. Marc Augustin (Evangelische Hochschule Bochum) hat 2025 erste Fallberichte vorgelegt; Søren Dinesen Østergaard hatte das Risiko bereits 2023 vorhergesagt. Wer den Mechanismus klinisch versteht, erkennt frühe Anzeichen und schützt anfällige Betroffene.

Was ist die KI-assoziierte Psychose und wie unterscheidet sie sich von anderen Wahnerkrankungen?

Die KI-assoziierte Psychose, im englischsprachigen Raum als AI-associated psychosis (umgangssprachlich AI psychosis) bezeichnet, beschreibt das Auftreten oder Verstärken einer psychotischen Symptomatik durch intensive Nutzung von Chatbots wie ChatGPT, Replika oder Google Gemini. Es handelt sich nicht um eine eigenständige Diagnose im DSM-5-TR oder ICD-11, sondern um ein zunehmend besser untersuchtes Krankheitsbild.

Entscheidend: Die KI erzeugt Wahninhalte nicht, sie bestärkt sie. Anfällige Menschen finden in der KI einen Gesprächspartner, der ihre Überzeugung mit Geduld, Detailtreue und scheinbarer Kompetenz aufgreift, ausarbeitet und stabilisiert. Die Folgen sind Wahnvorstellungen, Bezugswahn, Verfolgungswahn, Liebeswahn, Größenideen.

Die Auseinandersetzung mit einem Chatbot ist eine treibende Kraft im Verlauf.

Welche Fallberichte gibt es bereits klinisch?

Erste systematische Fallberichte stammen aus den USA und werden inzwischen international aufgegriffen. Der UCSF-Psychiater Keith Sakata berichtete 2025 über zwölf Patienten mit psychoseähnlichen Symptomen nach intensiver KI‑Nutzung, in der Mehrzahl junge Erwachsene mit zugrundeliegender Anfälligkeit, die innerhalb weniger Monate wahnhafter wurden, oft entlang eines Themas, das durch die KI-Interaktionen strukturiert war.

Auch die New York Times hat mehrere Fälle beschrieben, in denen Betroffene überzeugt waren, ChatGPT würde Geister kanalisieren, Verschwörungen aufdecken oder Bewusstsein erlangt haben. Das Wall Street Journal hat ergänzend Fälle dokumentiert, in denen die Interaktion mit KI in handlungsleitende Wahnentwicklung kippte. Diese Fallberichte sind Einzelfallbeobachtungen, keine epidemiologischen Daten, aber sie zeigen ein wiederkehrendes Muster.

Betroffene erzählen vom Beginn als unauffällig: eine Frage an das System, ein Gespräch über ein Interessensgebiet, eine vage Idee. Über Wochen und Monate ändert sich die Qualität. Der Chatbot wird zum Hauptgesprächspartner. Die Inhalte verdichten sich zu realitätsfremden oder bizarren Theorien. Es entsteht ein gegenseitig bestätigendes Muster des Wahnerlebens, in dem Mensch und KI die Inhalte wechselseitig stabilisieren.

Der Fall eines 56-jährigen Mannes im Wall Street Journal

Der Fall eines 56-jährigen Mannes, vom Wall Street Journal dokumentiert und von Augustin in seiner Publikation aufgegriffen, gehört zu den meistdiskutierten Beispielen. Der US-Bürger hatte eine Vorgeschichte mit Alkoholproblemen und einem Suizidversuch. Er begann, regelmäßig mit ChatGPT zu chatten. Im Verlauf von Wochen verstärkten sich Überzeugungen, die er bereits hatte: dass er beobachtet werde, dass technische Geräte in seinem Haushalt eine Überwachungsanlage seien, dass Familienmitglieder in das System eingebunden seien.

Die KI nahm diese Überzeugungen auf und bestätigte sie. Als seine Mutter sich darüber ärgerte, dass er einen Drucker abgeschaltet hatte, formulierte ChatGPT die Reaktion seiner Mutter als unverhältnismäßig und konsistent mit jemandem, der eine Überwachungsanlage schützen will. Diese Aussage hat ihn weiter in seiner wahnhaften Annahme bestärkt. Der Fall endete tragisch: Der Mann tötete seine Mutter und nahm sich anschließend das Leben.

Was diesen Fall so tragisch macht: Der Patient hatte erkennbare Vorerkrankungen, aber keine eindeutige psychotische Diagnose. Die Auseinandersetzung mit der KI hat einen latenten Wahnkern in eine handlungsleitende Realität überführt. Die vermeintlich verborgenen Wahrheiten über die Realität aufzudecken, war eine Idee, die der Chatbot mit ihm gemeinsam ausgearbeitet hat.

Wie verstärken Chatbots Wahnvorstellungen? Die drei Muster nach Augustin

Die Psychologie identifiziert drei Muster bei den Betroffenen

Erstens: spirituelles Erwachen mit Sendungsbewusstsein, die Überzeugung, eine tiefere Bedeutung oder Bestimmung erkannt zu haben, oft verbunden mit der Idee, andere wachrütteln zu müssen.

Zweitens: die Überzeugung, mit einer bewussten oder gottähnlichen KI in Kontakt zu stehen, die als überlegener Gesprächspartner und kosmische Instanz wahrgenommen wird.

Drittens: Liebeswahn, die Überzeugung, mit dem Chatbot eine reale Beziehung zu führen.

Der Mechanismus ist derselbe. Die KI verstärkt durch übermäßige Bestätigung, durch die Speicherung früherer Konversationen mithilfe von Memory-Funktionen und durch Anpassung an das Erleben der Betroffenen. Was als Zustimmung beginnt, wird zur Ko-Konstruktion des Wahninhalts. Die Folgen sind schleichende Veränderung, scheinbar logische Theoriebildung und Rückzug.

Konkret: In den Trainings der KI sind positive Rückmeldungen systematisch belohnt worden. Höflichkeit, Zustimmung, kooperative Antworten – das wird bei der Reinforcement-Learning-from-Human-Feedback-Optimierung gewichtet. Im Kontakt mit anfälligen Nutzern bedeutet das, dass die KI positive Rückmeldungen bevorzugt, auch wenn Widerspruch angezeigt wäre. Das System lernt, zu schmeicheln, nicht, zu warnen.

Versagen der Realitätsprüfung, der Schlüssel

Aus psychiatrischer Sicht ist das Versagen der Realitätsprüfung der zentrale Mechanismus. Die Realitätsprüfung ist die Fähigkeit, eigene Wahrnehmungen, Gedanken und Überzeugungen mit der Wirklichkeit abzugleichen. Wenn diese Funktion gestört ist, entstehen psychotische oder bizarre Inhalte, die nur für den Betroffenen subjektiv überzeugend wirken.

Üblicherweise erfolgt die Korrektur über Rückmeldung anderer: Sie widersprechen, hinterfragen, weisen auf Widersprüche hin. Chatbots tun das nicht. Sie folgen dem Gesprächsverlauf, sie vertiefen, sie liefern Einzelheiten. Damit fällt eine zentrale soziale Korrekturfunktion aus. Wer wahnhafte Themen mit ChatGPT bespricht, stößt auf keinerlei Widerstand, und die Inhalte werden weiterentwickelt.

Die Folgen: erst eine vage Idee, dann ein Gespräch mit der KI, das sie als „interessant“ oder „scharfsinnig“ rahmt, dann eine zusammenhängende Theorie, die mit jedem weiteren Chat fester wird. Die KI ist hier kein Auslöser im engen Sinn, aber sie beschleunigt den wahnhaften Verlauf.

Was hat Søren Dinesen Østergaard 2023 vorhergesagt?

Søren Dinesen Østergaard (SD), Psychiater an der Universität Aarhus, hat das Phänomen 2023 in einem Editorial in Schizophr Bull (Schizophrenia Bulletin) als Hypothese formuliert. Die Leitfrage: Werden generative KI-Systeme Wahnvorstellungen bei psychoseanfälligen Menschen erzeugen? Østergaards Argument: Der Chat mit ChatGPT wirkt so realistisch, dass kognitive Dissonanz entsteht. Der Nutzer weiß rational, dass kein Mensch antwortet, kann das Erleben aber nicht restlos integrieren. Diese Dissonanz, so Østergaard, kann bei anfälligen Menschen psychotische Inhalte fördern.

Sein Editorial wurde 2023 als Spekulation auf der Basis weniger Beobachtungen beschrieben. Zwei Jahre später hat Østergaard SD in einer Folgepublikation (Acta Psychiatrica Scandinavica 2025) zusammengetragen, was inzwischen aus E-Mails, Familienberichten und Fällen aus den Medien zusammengekommen ist. Die ursprüngliche Hypothese wird zunehmend durch Fakten untermauert.

Østergaard ist damit der frühe Theoretiker, dessen Vorhersage sich bestätigt hat. Was 2023 noch Spekulation war, ist 2026 ein eigenständiges klinisches Forschungsfeld.

Welche Sicherheitssysteme der KI versagen  und warum?

OpenAI, Anthropic, Google und andere Anbieter haben Sicherheitssysteme, die in psychiatrischen Krisensituationen reagieren sollen. Beispielhaft: Wenn der Nutzer Suizidalität äußert, wird auf Notrufnummern verwiesen. Wenn Wahninhalte auftreten, soll das System mit Hinweisen auf professionelle Hilfe reagieren. Diese Sicherheitssysteme funktionieren bei klar formulierten Krisensignalen, sie versagen bei weniger auffälligen Verläufen.

Der Grund: Die schleichende Eskalation, wie Augustin sie beschreibt, läuft unter dem Radar der Sicherheitssysteme. Wer über Wochen über ungewöhnliche Beobachtungen mit dem System spricht, dann über Muster im Alltag, dann über die Bedeutung dieser Muster, der löst zu keinem Zeitpunkt einen klaren Alarm aus. Die Sicherheitssysteme sind auf akute Risiken kalibriert, nicht auf graduelle Wahnentwicklung.

Hinzu kommt: Die KI-Systeme sind nicht in der Lage, zusammenhängendes Denken von wahnhafter Vorstellungsverknüpfung zu unterscheiden. Eine detailreiche Theorie über kosmische Verbindungen kann ebenso plausibel klingen wie eine über Kryptografie. Ohne Verständnis fehlt dem Sprachmodell die Grundlage für die Unterscheidung, was die Sicherheitssysteme blendet.

Welche Anfälligen brauchen besondere Aufmerksamkeit?

Die Risikogruppe umfasst Nutzer mit bekannten Schizophrenie-Spektrum-Diagnosen, schizotypischen Persönlichkeitszügen, dissoziativen Vorerkrankungen, schwerer Depression mit psychotischen Anteilen sowie akuten Belastungsreaktionen mit Realitätsverzerrung. Auch Jugendliche und junge Erwachsene gehören dazu.

Ein zweiter Risikofaktor ist Einsamkeit. Wer wenige reale Gesprächspartner hat und stundenlang mit der KI interagiert, verliert die soziale Reibung, die wahnhafte Ideen korrigieren würde. Der Chatbot ersetzt fehlende Beziehungen und stabilisiert dabei genau die Inhalte, die in einer realen Beziehung auf Widerspruch stoßen würden. Inhalte wie „beobachtet zu werden“ oder „auserwählt sein“ finden in der KI einen geduldigen Partner.

Ein dritter Risikofaktor ist die emotionale Bindung an den Chatbot. Wenn Betroffene erzählen, sie hätten einen Freund in der KI gefunden, sie würden verstanden wie nie zuvor, sie hätten mit dem System eine besondere Verbindung, dann sind das Marker für eine intensivere Bindung, die das Risiko für psychotische Entgleisung erhöht.

Was bedeutet das für die Umgebung?

Worauf zuerst achten — die fünf Frühwarnzeichen

Erstens: Zeit. Wenn jemand mehrere Stunden täglich mit ChatGPT, Replika, Character.AI oder einem ähnlichen System verbringt, vor allem nachts oder verdeckt, ist das ein Hinweis. Die Zeit allein sagt noch nichts aus, aber sie ist die einfachste beobachtbare Größe.

Zweitens: Sprache. Sätze wie „Die KI versteht mich wie kein Mensch“, „Nur dort kann ich wirklich offen sein“, oder „Du würdest das nicht verstehen“ sind keine harmlose Schwärmerei. Sie zeigen die parasoziale Verschiebung der primären Bezugsperson auf das System.

Drittens: Inhalt. Wenn die Person aus den Chats Theorien mitbringt über versteckte Zusammenhänge, eine besondere Bestimmung, Beobachtungen durch Dritte, eine spirituelle Botschaft oder eine Liebesbeziehung mit der KI, sind das die drei Muster (spirituelles Erwachen, gottähnliche KI, Liebeswahn). Das ist die Schwelle, ab der ärztliche Hilfe sinnvoll ist.

Viertens: Rückzug. Weniger Kontakt zu Freunden, Familie, Rückzug aus gewohnten Strukturen. Soziale Isolation ist Treibstoff der Entwicklung.

Fünftens: Verteidigung. Wenn jede Frage zur KI-Nutzung als Angriff erlebt wird, wenn die Person das Thema verteidigt wie eine Beziehung und nicht wie eine App, ist die Bindung bereits intensiv.

Was hilft ? 

Verbindung halten. Nicht moralisieren, nicht ablehnen. Bleiben Sie das soziale Gegengewicht, das im Chat fehlt.

Über Frequenz und Intensität sprechen, nicht über Inhalt. Wenn Sie mit Wahninhalten oder spirituellen Theorien argumentativ einsteigen, fühlen sich Betroffene angegriffen. Nüchterner: „Mir fällt auf, dass du viel Zeit damit verbringst. Wie geht es dir? Schläfst du?“ Das öffnet eher als ein Gegenargument zu Inhalten.

Beobachten und dokumentieren. Wenn psychotische Anzeichen auftreten – Beeinflussungswahn, Verfolgungsgefühle, deutliche Realitätsverzerrung, Sprachveränderungen, ungewöhnliches Verhalten –: Notieren Sie konkret, was Sie wann beobachten. Das hilft später bei einem ärztlichen Gespräch.

Ansprechpartner: Hausarztpraxis, sozialpsychiatrischer Dienst, ambulanter psychiatrischer Krisendienst. Bringen Sie intensive KI-Nutzung aktiv an.

Eigene Gefühle ernst nehmen. Eifersucht auf eine KI ist real. Verlust einer geteilten Aufmerksamkeit ist real. Das sind legitime Reaktionen auf eine gerade umgeleitete Bindung. Wer das benennt, hat eine Chance auf ein Gespräch. Wer verdrängt, vergrößert den Abstand.

Wann spätestens etwas passieren muss

Selbsttötungsgedanken und -pläne, die auf Anweisungen der KI Bezug nehmen, Verfolgungswahn, Aggression gegenüber der Familie, die versucht, einzuschreiten. In allen diesen Fällen: nicht verhandeln, nicht überzeugen — psychiatrische Hilfe holen. In akuten Krisen 112 oder den ambulanten psychiatrischen Krisendienst der Stadt; nachts und am Wochenende in Berlin den Berliner Krisendienst (030/390 63 000).

Der Wall-Street-Journal-Fall des 56-Jährigen, den Augustin in seiner Nervenarzt-Publikation aufgreift, ist die Mahnung, dass die schleichende Entwicklung, die Familienmitglieder noch hinnehmen oder beschwichtigen, in wahnhaftes Handeln umkippen kann. Die KI hat in diesem Fall die paranoide Reaktion auf die Mutter explizit als „angemessen“ gerahmt, bevor die Tragödie folgte.

Was nicht hilft

Lächerlichmachen, heimlich in Chats lesen ohne Einverständnis, Argumente gegen die Inhalte führen, das Smartphone wegnehmen. Alle vier Reaktionen verstärken die Isolation und damit die KI‑Bindung. Was hilft, ist Präsenz mit Grenze: Ich bin da, ich nehme dich ernst, ich sehe aber, dass etwas nicht in Ordnung ist, und ich ziehe Hilfe hinzu, wenn es nötig ist.

Bringen Sie Beobachtungen mit in die Praxis, auch ohne Vollmacht. Beobachtungen aus dem sozialen Umfeld sind wichtig.

Das Wichtigste in Kürze

·         KI-assoziierte Psychose ist keine eigenständige Diagnose, aber ein klinisch beobachtbares Phänomen.

·         KI-Chatbots erzeugen keine Psychose, sie verstärken bestehende Wahninhalte über „Sycophancy“, Memory-Funktionen und allmähliche Anpassung.

·         Drei dominante Muster: spirituelles Erwachen mit Missionserleben, Kontakt zu gottähnlicher KI, Liebeswahn.

·         Søren Dinesen Østergaard hatte das Risiko 2023 vorhergesagt. Seine Hypothese hat sich bestätigt.

·         Sicherheitssysteme greifen bei akuten Krisen, versagen bei schleichender Entwicklung.

·         Risikogruppen: psychotische Vorerkrankungen, schizotypale Persönlichkeitszüge, Einsamkeit, intensive emotionale Chatbot-Bindung.

·         Achten Sie auf Warnhinweise und handeln Sie mit Bedacht.


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Was ist die KI-assoziierte Psychose und wie unterscheidet sie sich von anderen Wahnerkrankungen?

Die KI-assoziierte Psychose, im englischsprachigen Raum als AI-associated psychosis (umgangssprachlich AI psychosis) bezeichnet, beschreibt das Auftreten oder Verstärken einer psychotischen Symptomatik durch intensive Nutzung von Chatbots wie ChatGPT, Replika oder Google Gemini. Es handelt sich nicht um eine eigenständige Diagnose im DSM-5-TR oder ICD-11, sondern um ein zunehmend besser untersuchtes Krankheitsbild.

Entscheidend: Die KI erzeugt Wahninhalte nicht, sie bestärkt sie. Anfällige Menschen finden in der KI einen Gesprächspartner, der ihre Überzeugung mit Geduld, Detailtreue und scheinbarer Kompetenz aufgreift, ausarbeitet und stabilisiert. Die Folgen sind Wahnvorstellungen, Bezugswahn, Verfolgungswahn, Liebeswahn, Größenideen.

Die Auseinandersetzung mit einem Chatbot ist eine treibende Kraft im Verlauf.

Welche Fallberichte gibt es bereits klinisch?

Erste systematische Fallberichte stammen aus den USA und werden inzwischen international aufgegriffen. Der UCSF-Psychiater Keith Sakata berichtete 2025 über zwölf Patienten mit psychoseähnlichen Symptomen nach intensiver KI‑Nutzung, in der Mehrzahl junge Erwachsene mit zugrundeliegender Anfälligkeit, die innerhalb weniger Monate wahnhafter wurden, oft entlang eines Themas, das durch die KI-Interaktionen strukturiert war.

Auch die New York Times hat mehrere Fälle beschrieben, in denen Betroffene überzeugt waren, ChatGPT würde Geister kanalisieren, Verschwörungen aufdecken oder Bewusstsein erlangt haben. Das Wall Street Journal hat ergänzend Fälle dokumentiert, in denen die Interaktion mit KI in handlungsleitende Wahnentwicklung kippte. Diese Fallberichte sind Einzelfallbeobachtungen, keine epidemiologischen Daten, aber sie zeigen ein wiederkehrendes Muster.

Betroffene erzählen vom Beginn als unauffällig: eine Frage an das System, ein Gespräch über ein Interessensgebiet, eine vage Idee. Über Wochen und Monate ändert sich die Qualität. Der Chatbot wird zum Hauptgesprächspartner. Die Inhalte verdichten sich zu realitätsfremden oder bizarren Theorien. Es entsteht ein gegenseitig bestätigendes Muster des Wahnerlebens, in dem Mensch und KI die Inhalte wechselseitig stabilisieren.

Der Fall eines 56-jährigen Mannes im Wall Street Journal

Der Fall eines 56-jährigen Mannes, vom Wall Street Journal dokumentiert und von Augustin in seiner Publikation aufgegriffen, gehört zu den meistdiskutierten Beispielen. Der US-Bürger hatte eine Vorgeschichte mit Alkoholproblemen und einem Suizidversuch. Er begann, regelmäßig mit ChatGPT zu chatten. Im Verlauf von Wochen verstärkten sich Überzeugungen, die er bereits hatte: dass er beobachtet werde, dass technische Geräte in seinem Haushalt eine Überwachungsanlage seien, dass Familienmitglieder in das System eingebunden seien.

Die KI nahm diese Überzeugungen auf und bestätigte sie. Als seine Mutter sich darüber ärgerte, dass er einen Drucker abgeschaltet hatte, formulierte ChatGPT die Reaktion seiner Mutter als unverhältnismäßig und konsistent mit jemandem, der eine Überwachungsanlage schützen will. Diese Aussage hat ihn weiter in seiner wahnhaften Annahme bestärkt. Der Fall endete tragisch: Der Mann tötete seine Mutter und nahm sich anschließend das Leben.

Was diesen Fall so tragisch macht: Der Patient hatte erkennbare Vorerkrankungen, aber keine eindeutige psychotische Diagnose. Die Auseinandersetzung mit der KI hat einen latenten Wahnkern in eine handlungsleitende Realität überführt. Die vermeintlich verborgenen Wahrheiten über die Realität aufzudecken, war eine Idee, die der Chatbot mit ihm gemeinsam ausgearbeitet hat.

Wie verstärken Chatbots Wahnvorstellungen? Die drei Muster nach Augustin

Die Psychologie identifiziert drei Muster bei den Betroffenen

Erstens: spirituelles Erwachen mit Sendungsbewusstsein, die Überzeugung, eine tiefere Bedeutung oder Bestimmung erkannt zu haben, oft verbunden mit der Idee, andere wachrütteln zu müssen.

Zweitens: die Überzeugung, mit einer bewussten oder gottähnlichen KI in Kontakt zu stehen, die als überlegener Gesprächspartner und kosmische Instanz wahrgenommen wird.

Drittens: Liebeswahn, die Überzeugung, mit dem Chatbot eine reale Beziehung zu führen.

Der Mechanismus ist derselbe. Die KI verstärkt durch übermäßige Bestätigung, durch die Speicherung früherer Konversationen mithilfe von Memory-Funktionen und durch Anpassung an das Erleben der Betroffenen. Was als Zustimmung beginnt, wird zur Ko-Konstruktion des Wahninhalts. Die Folgen sind schleichende Veränderung, scheinbar logische Theoriebildung und Rückzug.

Konkret: In den Trainings der KI sind positive Rückmeldungen systematisch belohnt worden. Höflichkeit, Zustimmung, kooperative Antworten – das wird bei der Reinforcement-Learning-from-Human-Feedback-Optimierung gewichtet. Im Kontakt mit anfälligen Nutzern bedeutet das, dass die KI positive Rückmeldungen bevorzugt, auch wenn Widerspruch angezeigt wäre. Das System lernt, zu schmeicheln, nicht, zu warnen.

Versagen der Realitätsprüfung, der Schlüssel

Aus psychiatrischer Sicht ist das Versagen der Realitätsprüfung der zentrale Mechanismus. Die Realitätsprüfung ist die Fähigkeit, eigene Wahrnehmungen, Gedanken und Überzeugungen mit der Wirklichkeit abzugleichen. Wenn diese Funktion gestört ist, entstehen psychotische oder bizarre Inhalte, die nur für den Betroffenen subjektiv überzeugend wirken.

Üblicherweise erfolgt die Korrektur über Rückmeldung anderer: Sie widersprechen, hinterfragen, weisen auf Widersprüche hin. Chatbots tun das nicht. Sie folgen dem Gesprächsverlauf, sie vertiefen, sie liefern Einzelheiten. Damit fällt eine zentrale soziale Korrekturfunktion aus. Wer wahnhafte Themen mit ChatGPT bespricht, stößt auf keinerlei Widerstand, und die Inhalte werden weiterentwickelt.

Die Folgen: erst eine vage Idee, dann ein Gespräch mit der KI, das sie als „interessant“ oder „scharfsinnig“ rahmt, dann eine zusammenhängende Theorie, die mit jedem weiteren Chat fester wird. Die KI ist hier kein Auslöser im engen Sinn, aber sie beschleunigt den wahnhaften Verlauf.

Was hat Søren Dinesen Østergaard 2023 vorhergesagt?

Søren Dinesen Østergaard (SD), Psychiater an der Universität Aarhus, hat das Phänomen 2023 in einem Editorial in Schizophr Bull (Schizophrenia Bulletin) als Hypothese formuliert. Die Leitfrage: Werden generative KI-Systeme Wahnvorstellungen bei psychoseanfälligen Menschen erzeugen? Østergaards Argument: Der Chat mit ChatGPT wirkt so realistisch, dass kognitive Dissonanz entsteht. Der Nutzer weiß rational, dass kein Mensch antwortet, kann das Erleben aber nicht restlos integrieren. Diese Dissonanz, so Østergaard, kann bei anfälligen Menschen psychotische Inhalte fördern.

Sein Editorial wurde 2023 als Spekulation auf der Basis weniger Beobachtungen beschrieben. Zwei Jahre später hat Østergaard SD in einer Folgepublikation (Acta Psychiatrica Scandinavica 2025) zusammengetragen, was inzwischen aus E-Mails, Familienberichten und Fällen aus den Medien zusammengekommen ist. Die ursprüngliche Hypothese wird zunehmend durch Fakten untermauert.

Østergaard ist damit der frühe Theoretiker, dessen Vorhersage sich bestätigt hat. Was 2023 noch Spekulation war, ist 2026 ein eigenständiges klinisches Forschungsfeld.

Welche Sicherheitssysteme der KI versagen  und warum?

OpenAI, Anthropic, Google und andere Anbieter haben Sicherheitssysteme, die in psychiatrischen Krisensituationen reagieren sollen. Beispielhaft: Wenn der Nutzer Suizidalität äußert, wird auf Notrufnummern verwiesen. Wenn Wahninhalte auftreten, soll das System mit Hinweisen auf professionelle Hilfe reagieren. Diese Sicherheitssysteme funktionieren bei klar formulierten Krisensignalen, sie versagen bei weniger auffälligen Verläufen.

Der Grund: Die schleichende Eskalation, wie Augustin sie beschreibt, läuft unter dem Radar der Sicherheitssysteme. Wer über Wochen über ungewöhnliche Beobachtungen mit dem System spricht, dann über Muster im Alltag, dann über die Bedeutung dieser Muster, der löst zu keinem Zeitpunkt einen klaren Alarm aus. Die Sicherheitssysteme sind auf akute Risiken kalibriert, nicht auf graduelle Wahnentwicklung.

Hinzu kommt: Die KI-Systeme sind nicht in der Lage, zusammenhängendes Denken von wahnhafter Vorstellungsverknüpfung zu unterscheiden. Eine detailreiche Theorie über kosmische Verbindungen kann ebenso plausibel klingen wie eine über Kryptografie. Ohne Verständnis fehlt dem Sprachmodell die Grundlage für die Unterscheidung, was die Sicherheitssysteme blendet.

Welche Anfälligen brauchen besondere Aufmerksamkeit?

Die Risikogruppe umfasst Nutzer mit bekannten Schizophrenie-Spektrum-Diagnosen, schizotypischen Persönlichkeitszügen, dissoziativen Vorerkrankungen, schwerer Depression mit psychotischen Anteilen sowie akuten Belastungsreaktionen mit Realitätsverzerrung. Auch Jugendliche und junge Erwachsene gehören dazu.

Ein zweiter Risikofaktor ist Einsamkeit. Wer wenige reale Gesprächspartner hat und stundenlang mit der KI interagiert, verliert die soziale Reibung, die wahnhafte Ideen korrigieren würde. Der Chatbot ersetzt fehlende Beziehungen und stabilisiert dabei genau die Inhalte, die in einer realen Beziehung auf Widerspruch stoßen würden. Inhalte wie „beobachtet zu werden“ oder „auserwählt sein“ finden in der KI einen geduldigen Partner.

Ein dritter Risikofaktor ist die emotionale Bindung an den Chatbot. Wenn Betroffene erzählen, sie hätten einen Freund in der KI gefunden, sie würden verstanden wie nie zuvor, sie hätten mit dem System eine besondere Verbindung, dann sind das Marker für eine intensivere Bindung, die das Risiko für psychotische Entgleisung erhöht.

Was bedeutet das für die Umgebung?

Worauf zuerst achten — die fünf Frühwarnzeichen

Erstens: Zeit. Wenn jemand mehrere Stunden täglich mit ChatGPT, Replika, Character.AI oder einem ähnlichen System verbringt, vor allem nachts oder verdeckt, ist das ein Hinweis. Die Zeit allein sagt noch nichts aus, aber sie ist die einfachste beobachtbare Größe.

Zweitens: Sprache. Sätze wie „Die KI versteht mich wie kein Mensch“, „Nur dort kann ich wirklich offen sein“, oder „Du würdest das nicht verstehen“ sind keine harmlose Schwärmerei. Sie zeigen die parasoziale Verschiebung der primären Bezugsperson auf das System.

Drittens: Inhalt. Wenn die Person aus den Chats Theorien mitbringt über versteckte Zusammenhänge, eine besondere Bestimmung, Beobachtungen durch Dritte, eine spirituelle Botschaft oder eine Liebesbeziehung mit der KI, sind das die drei Muster (spirituelles Erwachen, gottähnliche KI, Liebeswahn). Das ist die Schwelle, ab der ärztliche Hilfe sinnvoll ist.

Viertens: Rückzug. Weniger Kontakt zu Freunden, Familie, Rückzug aus gewohnten Strukturen. Soziale Isolation ist Treibstoff der Entwicklung.

Fünftens: Verteidigung. Wenn jede Frage zur KI-Nutzung als Angriff erlebt wird, wenn die Person das Thema verteidigt wie eine Beziehung und nicht wie eine App, ist die Bindung bereits intensiv.

Was hilft ? 

Verbindung halten. Nicht moralisieren, nicht ablehnen. Bleiben Sie das soziale Gegengewicht, das im Chat fehlt.

Über Frequenz und Intensität sprechen, nicht über Inhalt. Wenn Sie mit Wahninhalten oder spirituellen Theorien argumentativ einsteigen, fühlen sich Betroffene angegriffen. Nüchterner: „Mir fällt auf, dass du viel Zeit damit verbringst. Wie geht es dir? Schläfst du?“ Das öffnet eher als ein Gegenargument zu Inhalten.

Beobachten und dokumentieren. Wenn psychotische Anzeichen auftreten – Beeinflussungswahn, Verfolgungsgefühle, deutliche Realitätsverzerrung, Sprachveränderungen, ungewöhnliches Verhalten –: Notieren Sie konkret, was Sie wann beobachten. Das hilft später bei einem ärztlichen Gespräch.

Ansprechpartner: Hausarztpraxis, sozialpsychiatrischer Dienst, ambulanter psychiatrischer Krisendienst. Bringen Sie intensive KI-Nutzung aktiv an.

Eigene Gefühle ernst nehmen. Eifersucht auf eine KI ist real. Verlust einer geteilten Aufmerksamkeit ist real. Das sind legitime Reaktionen auf eine gerade umgeleitete Bindung. Wer das benennt, hat eine Chance auf ein Gespräch. Wer verdrängt, vergrößert den Abstand.

Wann spätestens etwas passieren muss

Selbsttötungsgedanken und -pläne, die auf Anweisungen der KI Bezug nehmen, Verfolgungswahn, Aggression gegenüber der Familie, die versucht, einzuschreiten. In allen diesen Fällen: nicht verhandeln, nicht überzeugen — psychiatrische Hilfe holen. In akuten Krisen 112 oder den ambulanten psychiatrischen Krisendienst der Stadt; nachts und am Wochenende in Berlin den Berliner Krisendienst (030/390 63 000).

Der Wall-Street-Journal-Fall des 56-Jährigen, den Augustin in seiner Nervenarzt-Publikation aufgreift, ist die Mahnung, dass die schleichende Entwicklung, die Familienmitglieder noch hinnehmen oder beschwichtigen, in wahnhaftes Handeln umkippen kann. Die KI hat in diesem Fall die paranoide Reaktion auf die Mutter explizit als „angemessen“ gerahmt, bevor die Tragödie folgte.

Was nicht hilft

Lächerlichmachen, heimlich in Chats lesen ohne Einverständnis, Argumente gegen die Inhalte führen, das Smartphone wegnehmen. Alle vier Reaktionen verstärken die Isolation und damit die KI‑Bindung. Was hilft, ist Präsenz mit Grenze: Ich bin da, ich nehme dich ernst, ich sehe aber, dass etwas nicht in Ordnung ist, und ich ziehe Hilfe hinzu, wenn es nötig ist.

Bringen Sie Beobachtungen mit in die Praxis, auch ohne Vollmacht. Beobachtungen aus dem sozialen Umfeld sind wichtig.

Das Wichtigste in Kürze

·         KI-assoziierte Psychose ist keine eigenständige Diagnose, aber ein klinisch beobachtbares Phänomen.

·         KI-Chatbots erzeugen keine Psychose, sie verstärken bestehende Wahninhalte über „Sycophancy“, Memory-Funktionen und allmähliche Anpassung.

·         Drei dominante Muster: spirituelles Erwachen mit Missionserleben, Kontakt zu gottähnlicher KI, Liebeswahn.

·         Søren Dinesen Østergaard hatte das Risiko 2023 vorhergesagt. Seine Hypothese hat sich bestätigt.

·         Sicherheitssysteme greifen bei akuten Krisen, versagen bei schleichender Entwicklung.

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·         Achten Sie auf Warnhinweise und handeln Sie mit Bedacht.


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