Let-Them-Theorie: zwei Worte, die Ihr Leben verändern … Moment mal

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Let-Them-Theorie

Published on:

Feb 10, 2026

eine karikatur eines mannes mit anzug, im hintergrund ist ein leuchtender koment und bücher
eine karikatur eines mannes mit anzug, im hintergrund ist ein leuchtender koment und bücher

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„Let-Them-Theorie“: Mel Robbins hat zwei Worte gefunden, die 5 Sekunden, die Ihr Leben verändern? „Let-Them-Theorie“! Das ist nur ein weiterer Hype für mehr Gelassenheit und emotionale Stärke. Praktisch, psychologisch, und sie verändert Ihr Leben ebenso wenig wie die anderen Hypes davor.

Die Let-Them-Theorie von Mel Robbins: Können zwei Worte wirklich das Leben verändern?

Mel Robbins hat mit ihrem Bestseller „The Let Them Theory“ Million für Million neue Fans gewonnen. Die Idee klingt simpel: Hör auf, die Menschen um Sie herum kontrollieren zu wollen, und finde inneren Frieden. Doch hinter dem Versprechen steckt ein Konzept, das differenzierter betrachtet werden muss, als es der Hype vermuten lässt.

Worum es geht:

·         was das Konzept tatsächlich beinhaltet,

·         auf welchen wissenschaftlichen Prinzipien es aufbaut,

·         ob es nützlich sein kann, und,

·         wo es gefährlich wird.

Wenn Sie wissen wollen, ob diese reißerisch verkündete Methode hält, was sie verspricht, sind Sie hier richtig.

Was genau ist die Let-Them-Theorie, und was steckt hinter Robbins' Konzept?

Die zentrale Botschaft des Buches lautet: Wenn andere Menschen Entscheidungen treffen, die Sie frustrieren oder verletzen, dann akzeptieren Sie es. Lädt Ihre Freundin  Sie nicht ein? Ihr Kollege lästert? Die Handlungen und Meinungen anderer liegen nicht in Ihrer Macht. Statt dagegen anzukämpfen, sollen Sie sich auf Ihre eigenes Handeln konzentrieren.

Mel Robbins liefert dabei einen Leitfaden, der eine Behauptung als Weg zur Befreiung verkauft. Sie argumentiert, dass wir erst dann die Wahrheit über andere Menschen erkennen, wenn wir aufhören, sie in ein bestimmtes Verhalten zu drängen. Dieses lebensverändernde Werkzeug soll uns angeblich ermöglichen, emotional frei zu werden und Klarheit über unsere Beziehungen zu gewinnen.

Das Buch enthält endlose Beispiele aus dem Alltag, in denen die Autorin beschreibt, wie sie selbst als „professionelle Kontrolleurin“ gescheitert ist. Ihr Schreibstil ist motivierend, direkt und zugänglich. Doch hinter der ansprechenden Verpackung steckt eine Frage, die nicht beantwortet wird: Was genau ist an dieser Erkenntnis neu?

Wie kam die Idee zustande? Die Geschichte von Sawyer Robbins und dem entscheidenden Moment…

Die Entstehungsgeschichte klingt wie perfektes Storytelling. Die Tochter der Autorin soll die Entdeckung ausgelöst haben. In einer aufgeladenen Situation, es ging um soziale Ausgrenzung und das Gefühl, nicht dazuzugehören, soll Sawyer ihrer Mutter geraten haben, einfach „Lass sie“ (let them) zu sagen.

Zwei einfache Worte, die angeblich alles auf den Kopf stellen. Eine Geschichte, die anspricht und sich hervorragend vermarkten lässt. Doch aus fachlicher Perspektive ist die Idee, dass ein einzelner Augenblick und ein Leitsatz tief verwurzelte Kontrollmuster auflösen können, eine grobe Vereinfachung.

Aus dem Alltag wissen wir: Das Bedürfnis, andere zu steuern, hat tiefe biografische Wurzeln. Es entsteht oft in der Kindheit, wenn das eigene Sicherheitsgefühl davon abhängt, die Stimmung von Bezugspersonen vorherzusagen und zu beeinflussen. Ein Satz, egal wie einprägsam, kann dieses Muster nicht auflösen. Er kann bestenfalls ein Anstoß sein.

Ist die Let-Them-Theorie wirklich ein neues Konzept, oder alter Wein in neuen Schläuchen?

Hier liegt das eigentliche Problem: Das Konzept verpackt bewährte Prinzipien der evidenzbasierten Psychotherapie in eine marketingfähige Formel, ohne sie wirklich zu verstehen oder auch nur die Quellen anzugeben. Marsha Linehans Radikale Akzeptanz aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie, Steven Hayes' Cognitive Defusion aus der ACT, Julian Rotters Forschung zu Kontrollüberzeugungen (Locus of Control) – all das existiert seit Jahrzehnten und ist wesentlich genauer.

Die Einfachheit des Konzepts ist gleichzeitig seine größte Stärke und seine größte Schwäche. Für Menschen, die noch nie von radikaler Akzeptanz gehört haben, kann die Robins ein wenig erhellend wirken. Für die Fachwelt ist es eine absichtlich grobe Vereinfachung komplexer therapeutischer Werkzeuge, die dabei ihren Kern verlieren.

Besonders auffällig: Das Buch enthält keine einzige Quellenangabe, kein Forschungsergebnis, keinen Verweis auf die wissenschaftliche Tradition, auf der es aufbaut. Das ist kein Versehen, es ist ein Geschäftsmodell, das auf Schlagwörter statt Wissenschaft setzt.

Kann das Konzept Beziehungen stärken, oder zerstört es sie?

Die Autorin argumentiert, dass wir in einer Beziehung erst dann den wahren Charakter des anderen sehen, wenn wir damit Schluss machen, ihn zu lenken. Das klingt überzeugend. Und tatsächlich gibt es in der Beziehungsforschung Belege dafür, dass übermäßige Kritik Partnerschaften belastet. So zeigt John Gottmans Forschung, dass Verachtung und ständiges Nörgeln zu den stärksten Prädiktoren für Scheitern gehören.

Aber, und das ist entscheidend, Gottman identifiziert auch Rückzug und Mauern (Stonewalling) als ebenso zerstörerisch. Wenn der Ansatz bedeutet, sich zurückzuziehen, statt Spannungen anzusprechen, dann wird aus der vermeintlichen Befreiung eine Falle. In einer Freundschaft oder Partnerschaft ist aktives Engagement oft ein mutigerer und liebevollerer Weg als die distanzierte Annahme.

Die Frage ist also nicht, ob man Abstand nehmen sollte, sondern, wann es gesund ist, und wann es Vermeidung wird. Das Buch macht diesen Unterschied nicht, und genau darin liegt seine Gefahr.

Ist Loslassen wirklich Stärke, oder doch nur emotionale Vermeidung?

Für Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil klingt die Botschaft wie eine Bestätigung ihres bestehenden Musters. Sie distanzieren sich ohnehin, und bekommen dafür nun ein positives Label. Die Forschung von Mikulincer und Shaver zeigt eindeutig: Vermeidend gebundene Menschen erleben kurzfristig Erleichterung durch Distanz, langfristig führt dieses Muster jedoch zu Einsamkeit und seelischer Verarmung.

Loslassen ist dann eine Übung in Reife, wenn es auf einer bewussten Entscheidung beruht, die nach ehrlicher Reflexion getroffen wird. Es ist Vermeidung, wenn es dazu dient, unangenehme Gefühle nicht spüren zu müssen. Das ist ein fundamentaler Unterschied, den der Ansatz nicht adressiert.

Wer akzeptiert, dass er nicht alles steuern kann, gewinnt Freiraum. Das stimmt. Aber wer diese Haltung annimmt, ohne vorher hinzuschauen, warum er steuern wollte, hat das eigentliche Problem nicht gelöst. Echtes Loslassen erfordert zuerst das Verstehen.

Mehr Ruhe oder mehr Gleichgültigkeit? Was der Ansatz gefühlsmäßig bewirkt

Viele Leser berichten von einem Gefühl der Erleichterung. Sie beschreiben innere Ruhe, geringere Überforderung und das Gefühl, endlich frei zu sein. Das klingt nach einem Durchbruch. Aber dabei ist Vorsicht geboten.

Nicht jede gefühlsmäßige Stille ist Frieden. Für Menschen, die unter Dissoziation oder einem Freeze-Modus leiden, kann die Abwesenheit von Emotionen subjektiv wie Gelassenheit und Energie anfühlen, obwohl es sich in Wirklichkeit um einen trauma-bedingten Schutzmechanismus handelt. Wenn Patienten berichten, dass sie „plötzlich nichts mehr fühlen“, ist das ein Signal für genaueres Hinschauen, nicht Anlass zum Feiern.

Die Unterscheidung zwischen gesunder Ruhe und innerer Leere ist komplex. Der Nerv, den die Autorin trifft, ist real, aber die angebotene Lösung ist zu pauschal, um hier sinnvoll helfen zu können.

Was sagt die Wissenschaft tatsächlich zum Thema Akzeptanz und Kontrolle?

Die Forschung ist differenziert. In der ACT geht es darum, Gedanken zu beobachten, ohne sich von ihnen steuern zu lassen, aber ausdrücklich als Grundlage für wertorientiertes Handeln, nicht als Rückzug. In der DBT ist radikale Akzeptanz ein therapeutisches Werkzeug innerhalb eines strukturierten Rahmens, begleitet von Emotionsregulation und Stresstoleranz.

Der entscheidende Unterschied: In der wissenschaftlichen Forschung steht eine Annahme nie isoliert. Sie ist immer eingebettet in einen Prozess, der auch Reflexion und Entscheidung umfasst. Die Arbeit besteht nicht darin, etwas zu „lassen“, sondern darin, die eigene Reaktion zu verstehen und dann bewusst zu handeln.

Die Schematherapie nach Jeffrey Young geht noch tiefer: Sie fragt, welche frühen Erfahrungen das Bedürfnis nach Steuerung geformt haben. Menschen mit einem Aufopferungsschema übernehmen chronisch die Verantwortung für andere, nicht aus Stärke, sondern aus einem tief verankerten Glauben, dass ihre eigenen Bedürfnisse weniger wichtig sind. Für sie ist der Impuls zunächst befreiend, aber ohne die Bearbeitung des zugrundeliegenden Schemas bleibt die Veränderung oberflächlich.

Mehr von Mel Robbins: Von der 5-Sekunden-Regel zu „Let Them“ – ein wiederkehrendes Muster

Wer die Karriere der Motivationsrednerin verfolgt, erkennt ein Muster. Schon ihr erstes großes Buch versprach, Prokrastination mit einem einfachen Countdown zu überwinden. Ihr Podcast erreicht ein Millionenpublikum. Jedes Produkt folgt derselben Formel: Ein komplexes Phänomen wird auf eine Regel reduziert, die sofort anwendbar klingt und sich gut vermarkten lässt.

Das ist nicht per se verwerflich, viele Menschen brauchen praktisch formulierte Zugänge zu therapeutischen Ideen. Die Bewertung hängt davon ab, ob das Konzept als Einstieg oder als Endpunkt verstanden wird. Wenn der Ansatz jemanden dazu bringt, zum ersten Mal über eigene Muster nachzudenken, hat er etwas Wertvolles geleistet. Wenn er den Eindruck erweckt, dass das Problem damit gelöst sei, wird das problematisch.

Die Stärke der Autorin liegt in ihrer Fähigkeit, Menschen zu erreichen. Die Schwäche liegt in der systematischen Vermeidung von Differenzierung und wissenschaftlicher Begründung. Das ist eine Kombination, die in der Populärpsychologie leider die Regel ist, nicht die Ausnahme.

Wie lässt sich die Idee hinter dem Konzept sinnvoll im Alltag umsetzen und anwenden?

Wenn Sie die Grundidee nutzen wollen, ohne in die beschriebenen Fallen zu tappen, ist ein zusätzlicher Schritt nötig: Bevor Sie sich zurückziehen, fragen Sie sich ehrlich, warum Sie die Situation kontrollieren wollten. War es Angst vor Verletzung? Angst vor Zurückweisung? Erst wenn Sie Ihre eigene Meinung über die Motivation hinter Ihrem Verhalten verstanden haben, können Sie gelassen entscheiden, ob Abstand der bessere Weg ist.

Diese Überlegung unterscheidet gesundes Abstandnehmen von reflexartigem Rückzug. Die Idee, nicht alles um sich herum steuern zu müssen, ist psychologisch wertvoll, und sie kann Sie tatsächlich von alten Mustern befreien. Aber sie wird erst dann zu einer echten Strategie, wenn sie mit Selbsterkenntnis verbunden ist, nicht nur mit einem Slogan.

In einem Konflikt etwa ist die Frage nicht „Soll ich es lassen?“, sondern: „Was brauche ich gerade wirklich? Was liegt in meiner Macht? Und was würde ein ehrliches Gespräch bewirken, das Rückzug nicht bewirken kann?“ Wer so fragt, geht über Vermeidung hinaus und erreicht echte innere Selbstbestimmung.

Für wen ist das Konzept hilfreich, und für wen kann es schaden?

Der Ansatz kann für eine bestimmte Zielgruppe tatsächlich ein sinnvoller Impuls sein. Menschen mit starker Aufopferungstendenz, die ständig Verantwortung für die Gefühle anderer übernehmen, können erkennen, nicht für alles zuständig zu sein. Auch in toxischen Beziehungen, in denen man sich in endlosen Versuchen erschöpft, andere zu beeinflussen, kann die Botschaft ein Wendepunkt sein, wenn sie der Beginn einer tieferen Auseinandersetzung ist.

Für Menschen mit vermeidendem Bindungsstil, Dissoziation oder Trauma ist das Konzept potenziell schädlich. Es gibt ihnen eine Rechtfertigung für Muster, die ohnehin problematisch sind, und verkauft Vermeidung als Wachstum. Es gibt keine universelle Lösung für zwischenmenschliche Dynamiken.

Die Wahrheit ist: Manchmal ist Abstandnehmen die reifste Entscheidung. Manchmal ist ein ehrliches Gespräch der liebevollere Akt. Die Kunst liegt nicht in einem Mantra, sondern in der Fähigkeit, zwischen beiden zu unterscheiden. Ein Buch kann ein Impuls sein, aber es ersetzt keine therapeutische Arbeit bei tief verwurzelten Mustern. Wer sich als „professioneller Kontrolleur“ wiedererkennt, hat ein echtes Thema, doch die Antwort darauf beginnt mit der Frage „Warum?“, nicht mit zwei Wörtern.

Das Wichtigste auf einen Blick:

·         Die Grundidee von Let Them verpackt bewährte therapeutische Prinzipien, radikale Akzeptanz (DBT), Cognitive Defusion (ACT), Kontrollüberzeugungen, in eine vereinfachte Formel, ohne die wissenschaftlichen Quellen zu benennen.

·         Die Grundidee ist gut, aber ohne Differenzierung potenziell schädlich: Nicht jede Form von Rückzug ist gesund.

·         Für Menschen mit Aufopferungstendenz kann das Konzept ein sinnvoller Einstieg sein; für Menschen mit vermeidendem Bindungsstil oder Trauma kann es bestehende Muster verstärken.

·         Nicht jede innere Stille ist Frieden, manchmal ist sie Dissoziation oder Shutdown.

·         Echtes Abstandnehmen beginnt nicht mit einem Slogan, sondern mit der Frage: Warum brauche ich die Kontrolle?

·         Ein Buch kann inspirieren, ersetzt aber keine therapeutische Arbeit bei tief verwurzelten Mustern.

·         Statt pauschal zu akzeptieren, lohnt sich die Frage: Wann ist Rückzug gesund, und wann wäre ein ehrliches Gespräch der mutigere Weg?


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Die Let-Them-Theorie von Mel Robbins: Können zwei Worte wirklich das Leben verändern?

Mel Robbins hat mit ihrem Bestseller „The Let Them Theory“ Million für Million neue Fans gewonnen. Die Idee klingt simpel: Hör auf, die Menschen um Sie herum kontrollieren zu wollen, und finde inneren Frieden. Doch hinter dem Versprechen steckt ein Konzept, das differenzierter betrachtet werden muss, als es der Hype vermuten lässt.

Worum es geht:

·         was das Konzept tatsächlich beinhaltet,

·         auf welchen wissenschaftlichen Prinzipien es aufbaut,

·         ob es nützlich sein kann, und,

·         wo es gefährlich wird.

Wenn Sie wissen wollen, ob diese reißerisch verkündete Methode hält, was sie verspricht, sind Sie hier richtig.

Was genau ist die Let-Them-Theorie, und was steckt hinter Robbins' Konzept?

Die zentrale Botschaft des Buches lautet: Wenn andere Menschen Entscheidungen treffen, die Sie frustrieren oder verletzen, dann akzeptieren Sie es. Lädt Ihre Freundin  Sie nicht ein? Ihr Kollege lästert? Die Handlungen und Meinungen anderer liegen nicht in Ihrer Macht. Statt dagegen anzukämpfen, sollen Sie sich auf Ihre eigenes Handeln konzentrieren.

Mel Robbins liefert dabei einen Leitfaden, der eine Behauptung als Weg zur Befreiung verkauft. Sie argumentiert, dass wir erst dann die Wahrheit über andere Menschen erkennen, wenn wir aufhören, sie in ein bestimmtes Verhalten zu drängen. Dieses lebensverändernde Werkzeug soll uns angeblich ermöglichen, emotional frei zu werden und Klarheit über unsere Beziehungen zu gewinnen.

Das Buch enthält endlose Beispiele aus dem Alltag, in denen die Autorin beschreibt, wie sie selbst als „professionelle Kontrolleurin“ gescheitert ist. Ihr Schreibstil ist motivierend, direkt und zugänglich. Doch hinter der ansprechenden Verpackung steckt eine Frage, die nicht beantwortet wird: Was genau ist an dieser Erkenntnis neu?

Wie kam die Idee zustande? Die Geschichte von Sawyer Robbins und dem entscheidenden Moment…

Die Entstehungsgeschichte klingt wie perfektes Storytelling. Die Tochter der Autorin soll die Entdeckung ausgelöst haben. In einer aufgeladenen Situation, es ging um soziale Ausgrenzung und das Gefühl, nicht dazuzugehören, soll Sawyer ihrer Mutter geraten haben, einfach „Lass sie“ (let them) zu sagen.

Zwei einfache Worte, die angeblich alles auf den Kopf stellen. Eine Geschichte, die anspricht und sich hervorragend vermarkten lässt. Doch aus fachlicher Perspektive ist die Idee, dass ein einzelner Augenblick und ein Leitsatz tief verwurzelte Kontrollmuster auflösen können, eine grobe Vereinfachung.

Aus dem Alltag wissen wir: Das Bedürfnis, andere zu steuern, hat tiefe biografische Wurzeln. Es entsteht oft in der Kindheit, wenn das eigene Sicherheitsgefühl davon abhängt, die Stimmung von Bezugspersonen vorherzusagen und zu beeinflussen. Ein Satz, egal wie einprägsam, kann dieses Muster nicht auflösen. Er kann bestenfalls ein Anstoß sein.

Ist die Let-Them-Theorie wirklich ein neues Konzept, oder alter Wein in neuen Schläuchen?

Hier liegt das eigentliche Problem: Das Konzept verpackt bewährte Prinzipien der evidenzbasierten Psychotherapie in eine marketingfähige Formel, ohne sie wirklich zu verstehen oder auch nur die Quellen anzugeben. Marsha Linehans Radikale Akzeptanz aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie, Steven Hayes' Cognitive Defusion aus der ACT, Julian Rotters Forschung zu Kontrollüberzeugungen (Locus of Control) – all das existiert seit Jahrzehnten und ist wesentlich genauer.

Die Einfachheit des Konzepts ist gleichzeitig seine größte Stärke und seine größte Schwäche. Für Menschen, die noch nie von radikaler Akzeptanz gehört haben, kann die Robins ein wenig erhellend wirken. Für die Fachwelt ist es eine absichtlich grobe Vereinfachung komplexer therapeutischer Werkzeuge, die dabei ihren Kern verlieren.

Besonders auffällig: Das Buch enthält keine einzige Quellenangabe, kein Forschungsergebnis, keinen Verweis auf die wissenschaftliche Tradition, auf der es aufbaut. Das ist kein Versehen, es ist ein Geschäftsmodell, das auf Schlagwörter statt Wissenschaft setzt.

Kann das Konzept Beziehungen stärken, oder zerstört es sie?

Die Autorin argumentiert, dass wir in einer Beziehung erst dann den wahren Charakter des anderen sehen, wenn wir damit Schluss machen, ihn zu lenken. Das klingt überzeugend. Und tatsächlich gibt es in der Beziehungsforschung Belege dafür, dass übermäßige Kritik Partnerschaften belastet. So zeigt John Gottmans Forschung, dass Verachtung und ständiges Nörgeln zu den stärksten Prädiktoren für Scheitern gehören.

Aber, und das ist entscheidend, Gottman identifiziert auch Rückzug und Mauern (Stonewalling) als ebenso zerstörerisch. Wenn der Ansatz bedeutet, sich zurückzuziehen, statt Spannungen anzusprechen, dann wird aus der vermeintlichen Befreiung eine Falle. In einer Freundschaft oder Partnerschaft ist aktives Engagement oft ein mutigerer und liebevollerer Weg als die distanzierte Annahme.

Die Frage ist also nicht, ob man Abstand nehmen sollte, sondern, wann es gesund ist, und wann es Vermeidung wird. Das Buch macht diesen Unterschied nicht, und genau darin liegt seine Gefahr.

Ist Loslassen wirklich Stärke, oder doch nur emotionale Vermeidung?

Für Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil klingt die Botschaft wie eine Bestätigung ihres bestehenden Musters. Sie distanzieren sich ohnehin, und bekommen dafür nun ein positives Label. Die Forschung von Mikulincer und Shaver zeigt eindeutig: Vermeidend gebundene Menschen erleben kurzfristig Erleichterung durch Distanz, langfristig führt dieses Muster jedoch zu Einsamkeit und seelischer Verarmung.

Loslassen ist dann eine Übung in Reife, wenn es auf einer bewussten Entscheidung beruht, die nach ehrlicher Reflexion getroffen wird. Es ist Vermeidung, wenn es dazu dient, unangenehme Gefühle nicht spüren zu müssen. Das ist ein fundamentaler Unterschied, den der Ansatz nicht adressiert.

Wer akzeptiert, dass er nicht alles steuern kann, gewinnt Freiraum. Das stimmt. Aber wer diese Haltung annimmt, ohne vorher hinzuschauen, warum er steuern wollte, hat das eigentliche Problem nicht gelöst. Echtes Loslassen erfordert zuerst das Verstehen.

Mehr Ruhe oder mehr Gleichgültigkeit? Was der Ansatz gefühlsmäßig bewirkt

Viele Leser berichten von einem Gefühl der Erleichterung. Sie beschreiben innere Ruhe, geringere Überforderung und das Gefühl, endlich frei zu sein. Das klingt nach einem Durchbruch. Aber dabei ist Vorsicht geboten.

Nicht jede gefühlsmäßige Stille ist Frieden. Für Menschen, die unter Dissoziation oder einem Freeze-Modus leiden, kann die Abwesenheit von Emotionen subjektiv wie Gelassenheit und Energie anfühlen, obwohl es sich in Wirklichkeit um einen trauma-bedingten Schutzmechanismus handelt. Wenn Patienten berichten, dass sie „plötzlich nichts mehr fühlen“, ist das ein Signal für genaueres Hinschauen, nicht Anlass zum Feiern.

Die Unterscheidung zwischen gesunder Ruhe und innerer Leere ist komplex. Der Nerv, den die Autorin trifft, ist real, aber die angebotene Lösung ist zu pauschal, um hier sinnvoll helfen zu können.

Was sagt die Wissenschaft tatsächlich zum Thema Akzeptanz und Kontrolle?

Die Forschung ist differenziert. In der ACT geht es darum, Gedanken zu beobachten, ohne sich von ihnen steuern zu lassen, aber ausdrücklich als Grundlage für wertorientiertes Handeln, nicht als Rückzug. In der DBT ist radikale Akzeptanz ein therapeutisches Werkzeug innerhalb eines strukturierten Rahmens, begleitet von Emotionsregulation und Stresstoleranz.

Der entscheidende Unterschied: In der wissenschaftlichen Forschung steht eine Annahme nie isoliert. Sie ist immer eingebettet in einen Prozess, der auch Reflexion und Entscheidung umfasst. Die Arbeit besteht nicht darin, etwas zu „lassen“, sondern darin, die eigene Reaktion zu verstehen und dann bewusst zu handeln.

Die Schematherapie nach Jeffrey Young geht noch tiefer: Sie fragt, welche frühen Erfahrungen das Bedürfnis nach Steuerung geformt haben. Menschen mit einem Aufopferungsschema übernehmen chronisch die Verantwortung für andere, nicht aus Stärke, sondern aus einem tief verankerten Glauben, dass ihre eigenen Bedürfnisse weniger wichtig sind. Für sie ist der Impuls zunächst befreiend, aber ohne die Bearbeitung des zugrundeliegenden Schemas bleibt die Veränderung oberflächlich.

Mehr von Mel Robbins: Von der 5-Sekunden-Regel zu „Let Them“ – ein wiederkehrendes Muster

Wer die Karriere der Motivationsrednerin verfolgt, erkennt ein Muster. Schon ihr erstes großes Buch versprach, Prokrastination mit einem einfachen Countdown zu überwinden. Ihr Podcast erreicht ein Millionenpublikum. Jedes Produkt folgt derselben Formel: Ein komplexes Phänomen wird auf eine Regel reduziert, die sofort anwendbar klingt und sich gut vermarkten lässt.

Das ist nicht per se verwerflich, viele Menschen brauchen praktisch formulierte Zugänge zu therapeutischen Ideen. Die Bewertung hängt davon ab, ob das Konzept als Einstieg oder als Endpunkt verstanden wird. Wenn der Ansatz jemanden dazu bringt, zum ersten Mal über eigene Muster nachzudenken, hat er etwas Wertvolles geleistet. Wenn er den Eindruck erweckt, dass das Problem damit gelöst sei, wird das problematisch.

Die Stärke der Autorin liegt in ihrer Fähigkeit, Menschen zu erreichen. Die Schwäche liegt in der systematischen Vermeidung von Differenzierung und wissenschaftlicher Begründung. Das ist eine Kombination, die in der Populärpsychologie leider die Regel ist, nicht die Ausnahme.

Wie lässt sich die Idee hinter dem Konzept sinnvoll im Alltag umsetzen und anwenden?

Wenn Sie die Grundidee nutzen wollen, ohne in die beschriebenen Fallen zu tappen, ist ein zusätzlicher Schritt nötig: Bevor Sie sich zurückziehen, fragen Sie sich ehrlich, warum Sie die Situation kontrollieren wollten. War es Angst vor Verletzung? Angst vor Zurückweisung? Erst wenn Sie Ihre eigene Meinung über die Motivation hinter Ihrem Verhalten verstanden haben, können Sie gelassen entscheiden, ob Abstand der bessere Weg ist.

Diese Überlegung unterscheidet gesundes Abstandnehmen von reflexartigem Rückzug. Die Idee, nicht alles um sich herum steuern zu müssen, ist psychologisch wertvoll, und sie kann Sie tatsächlich von alten Mustern befreien. Aber sie wird erst dann zu einer echten Strategie, wenn sie mit Selbsterkenntnis verbunden ist, nicht nur mit einem Slogan.

In einem Konflikt etwa ist die Frage nicht „Soll ich es lassen?“, sondern: „Was brauche ich gerade wirklich? Was liegt in meiner Macht? Und was würde ein ehrliches Gespräch bewirken, das Rückzug nicht bewirken kann?“ Wer so fragt, geht über Vermeidung hinaus und erreicht echte innere Selbstbestimmung.

Für wen ist das Konzept hilfreich, und für wen kann es schaden?

Der Ansatz kann für eine bestimmte Zielgruppe tatsächlich ein sinnvoller Impuls sein. Menschen mit starker Aufopferungstendenz, die ständig Verantwortung für die Gefühle anderer übernehmen, können erkennen, nicht für alles zuständig zu sein. Auch in toxischen Beziehungen, in denen man sich in endlosen Versuchen erschöpft, andere zu beeinflussen, kann die Botschaft ein Wendepunkt sein, wenn sie der Beginn einer tieferen Auseinandersetzung ist.

Für Menschen mit vermeidendem Bindungsstil, Dissoziation oder Trauma ist das Konzept potenziell schädlich. Es gibt ihnen eine Rechtfertigung für Muster, die ohnehin problematisch sind, und verkauft Vermeidung als Wachstum. Es gibt keine universelle Lösung für zwischenmenschliche Dynamiken.

Die Wahrheit ist: Manchmal ist Abstandnehmen die reifste Entscheidung. Manchmal ist ein ehrliches Gespräch der liebevollere Akt. Die Kunst liegt nicht in einem Mantra, sondern in der Fähigkeit, zwischen beiden zu unterscheiden. Ein Buch kann ein Impuls sein, aber es ersetzt keine therapeutische Arbeit bei tief verwurzelten Mustern. Wer sich als „professioneller Kontrolleur“ wiedererkennt, hat ein echtes Thema, doch die Antwort darauf beginnt mit der Frage „Warum?“, nicht mit zwei Wörtern.

Das Wichtigste auf einen Blick:

·         Die Grundidee von Let Them verpackt bewährte therapeutische Prinzipien, radikale Akzeptanz (DBT), Cognitive Defusion (ACT), Kontrollüberzeugungen, in eine vereinfachte Formel, ohne die wissenschaftlichen Quellen zu benennen.

·         Die Grundidee ist gut, aber ohne Differenzierung potenziell schädlich: Nicht jede Form von Rückzug ist gesund.

·         Für Menschen mit Aufopferungstendenz kann das Konzept ein sinnvoller Einstieg sein; für Menschen mit vermeidendem Bindungsstil oder Trauma kann es bestehende Muster verstärken.

·         Nicht jede innere Stille ist Frieden, manchmal ist sie Dissoziation oder Shutdown.

·         Echtes Abstandnehmen beginnt nicht mit einem Slogan, sondern mit der Frage: Warum brauche ich die Kontrolle?

·         Ein Buch kann inspirieren, ersetzt aber keine therapeutische Arbeit bei tief verwurzelten Mustern.

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Mel Robbins hat mit ihrem Bestseller „The Let Them Theory“ Million für Million neue Fans gewonnen. Die Idee klingt simpel: Hör auf, die Menschen um Sie herum kontrollieren zu wollen, und finde inneren Frieden. Doch hinter dem Versprechen steckt ein Konzept, das differenzierter betrachtet werden muss, als es der Hype vermuten lässt.

Worum es geht:

·         was das Konzept tatsächlich beinhaltet,

·         auf welchen wissenschaftlichen Prinzipien es aufbaut,

·         ob es nützlich sein kann, und,

·         wo es gefährlich wird.

Wenn Sie wissen wollen, ob diese reißerisch verkündete Methode hält, was sie verspricht, sind Sie hier richtig.

Was genau ist die Let-Them-Theorie, und was steckt hinter Robbins' Konzept?

Die zentrale Botschaft des Buches lautet: Wenn andere Menschen Entscheidungen treffen, die Sie frustrieren oder verletzen, dann akzeptieren Sie es. Lädt Ihre Freundin  Sie nicht ein? Ihr Kollege lästert? Die Handlungen und Meinungen anderer liegen nicht in Ihrer Macht. Statt dagegen anzukämpfen, sollen Sie sich auf Ihre eigenes Handeln konzentrieren.

Mel Robbins liefert dabei einen Leitfaden, der eine Behauptung als Weg zur Befreiung verkauft. Sie argumentiert, dass wir erst dann die Wahrheit über andere Menschen erkennen, wenn wir aufhören, sie in ein bestimmtes Verhalten zu drängen. Dieses lebensverändernde Werkzeug soll uns angeblich ermöglichen, emotional frei zu werden und Klarheit über unsere Beziehungen zu gewinnen.

Das Buch enthält endlose Beispiele aus dem Alltag, in denen die Autorin beschreibt, wie sie selbst als „professionelle Kontrolleurin“ gescheitert ist. Ihr Schreibstil ist motivierend, direkt und zugänglich. Doch hinter der ansprechenden Verpackung steckt eine Frage, die nicht beantwortet wird: Was genau ist an dieser Erkenntnis neu?

Wie kam die Idee zustande? Die Geschichte von Sawyer Robbins und dem entscheidenden Moment…

Die Entstehungsgeschichte klingt wie perfektes Storytelling. Die Tochter der Autorin soll die Entdeckung ausgelöst haben. In einer aufgeladenen Situation, es ging um soziale Ausgrenzung und das Gefühl, nicht dazuzugehören, soll Sawyer ihrer Mutter geraten haben, einfach „Lass sie“ (let them) zu sagen.

Zwei einfache Worte, die angeblich alles auf den Kopf stellen. Eine Geschichte, die anspricht und sich hervorragend vermarkten lässt. Doch aus fachlicher Perspektive ist die Idee, dass ein einzelner Augenblick und ein Leitsatz tief verwurzelte Kontrollmuster auflösen können, eine grobe Vereinfachung.

Aus dem Alltag wissen wir: Das Bedürfnis, andere zu steuern, hat tiefe biografische Wurzeln. Es entsteht oft in der Kindheit, wenn das eigene Sicherheitsgefühl davon abhängt, die Stimmung von Bezugspersonen vorherzusagen und zu beeinflussen. Ein Satz, egal wie einprägsam, kann dieses Muster nicht auflösen. Er kann bestenfalls ein Anstoß sein.

Ist die Let-Them-Theorie wirklich ein neues Konzept, oder alter Wein in neuen Schläuchen?

Hier liegt das eigentliche Problem: Das Konzept verpackt bewährte Prinzipien der evidenzbasierten Psychotherapie in eine marketingfähige Formel, ohne sie wirklich zu verstehen oder auch nur die Quellen anzugeben. Marsha Linehans Radikale Akzeptanz aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie, Steven Hayes' Cognitive Defusion aus der ACT, Julian Rotters Forschung zu Kontrollüberzeugungen (Locus of Control) – all das existiert seit Jahrzehnten und ist wesentlich genauer.

Die Einfachheit des Konzepts ist gleichzeitig seine größte Stärke und seine größte Schwäche. Für Menschen, die noch nie von radikaler Akzeptanz gehört haben, kann die Robins ein wenig erhellend wirken. Für die Fachwelt ist es eine absichtlich grobe Vereinfachung komplexer therapeutischer Werkzeuge, die dabei ihren Kern verlieren.

Besonders auffällig: Das Buch enthält keine einzige Quellenangabe, kein Forschungsergebnis, keinen Verweis auf die wissenschaftliche Tradition, auf der es aufbaut. Das ist kein Versehen, es ist ein Geschäftsmodell, das auf Schlagwörter statt Wissenschaft setzt.

Kann das Konzept Beziehungen stärken, oder zerstört es sie?

Die Autorin argumentiert, dass wir in einer Beziehung erst dann den wahren Charakter des anderen sehen, wenn wir damit Schluss machen, ihn zu lenken. Das klingt überzeugend. Und tatsächlich gibt es in der Beziehungsforschung Belege dafür, dass übermäßige Kritik Partnerschaften belastet. So zeigt John Gottmans Forschung, dass Verachtung und ständiges Nörgeln zu den stärksten Prädiktoren für Scheitern gehören.

Aber, und das ist entscheidend, Gottman identifiziert auch Rückzug und Mauern (Stonewalling) als ebenso zerstörerisch. Wenn der Ansatz bedeutet, sich zurückzuziehen, statt Spannungen anzusprechen, dann wird aus der vermeintlichen Befreiung eine Falle. In einer Freundschaft oder Partnerschaft ist aktives Engagement oft ein mutigerer und liebevollerer Weg als die distanzierte Annahme.

Die Frage ist also nicht, ob man Abstand nehmen sollte, sondern, wann es gesund ist, und wann es Vermeidung wird. Das Buch macht diesen Unterschied nicht, und genau darin liegt seine Gefahr.

Ist Loslassen wirklich Stärke, oder doch nur emotionale Vermeidung?

Für Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil klingt die Botschaft wie eine Bestätigung ihres bestehenden Musters. Sie distanzieren sich ohnehin, und bekommen dafür nun ein positives Label. Die Forschung von Mikulincer und Shaver zeigt eindeutig: Vermeidend gebundene Menschen erleben kurzfristig Erleichterung durch Distanz, langfristig führt dieses Muster jedoch zu Einsamkeit und seelischer Verarmung.

Loslassen ist dann eine Übung in Reife, wenn es auf einer bewussten Entscheidung beruht, die nach ehrlicher Reflexion getroffen wird. Es ist Vermeidung, wenn es dazu dient, unangenehme Gefühle nicht spüren zu müssen. Das ist ein fundamentaler Unterschied, den der Ansatz nicht adressiert.

Wer akzeptiert, dass er nicht alles steuern kann, gewinnt Freiraum. Das stimmt. Aber wer diese Haltung annimmt, ohne vorher hinzuschauen, warum er steuern wollte, hat das eigentliche Problem nicht gelöst. Echtes Loslassen erfordert zuerst das Verstehen.

Mehr Ruhe oder mehr Gleichgültigkeit? Was der Ansatz gefühlsmäßig bewirkt

Viele Leser berichten von einem Gefühl der Erleichterung. Sie beschreiben innere Ruhe, geringere Überforderung und das Gefühl, endlich frei zu sein. Das klingt nach einem Durchbruch. Aber dabei ist Vorsicht geboten.

Nicht jede gefühlsmäßige Stille ist Frieden. Für Menschen, die unter Dissoziation oder einem Freeze-Modus leiden, kann die Abwesenheit von Emotionen subjektiv wie Gelassenheit und Energie anfühlen, obwohl es sich in Wirklichkeit um einen trauma-bedingten Schutzmechanismus handelt. Wenn Patienten berichten, dass sie „plötzlich nichts mehr fühlen“, ist das ein Signal für genaueres Hinschauen, nicht Anlass zum Feiern.

Die Unterscheidung zwischen gesunder Ruhe und innerer Leere ist komplex. Der Nerv, den die Autorin trifft, ist real, aber die angebotene Lösung ist zu pauschal, um hier sinnvoll helfen zu können.

Was sagt die Wissenschaft tatsächlich zum Thema Akzeptanz und Kontrolle?

Die Forschung ist differenziert. In der ACT geht es darum, Gedanken zu beobachten, ohne sich von ihnen steuern zu lassen, aber ausdrücklich als Grundlage für wertorientiertes Handeln, nicht als Rückzug. In der DBT ist radikale Akzeptanz ein therapeutisches Werkzeug innerhalb eines strukturierten Rahmens, begleitet von Emotionsregulation und Stresstoleranz.

Der entscheidende Unterschied: In der wissenschaftlichen Forschung steht eine Annahme nie isoliert. Sie ist immer eingebettet in einen Prozess, der auch Reflexion und Entscheidung umfasst. Die Arbeit besteht nicht darin, etwas zu „lassen“, sondern darin, die eigene Reaktion zu verstehen und dann bewusst zu handeln.

Die Schematherapie nach Jeffrey Young geht noch tiefer: Sie fragt, welche frühen Erfahrungen das Bedürfnis nach Steuerung geformt haben. Menschen mit einem Aufopferungsschema übernehmen chronisch die Verantwortung für andere, nicht aus Stärke, sondern aus einem tief verankerten Glauben, dass ihre eigenen Bedürfnisse weniger wichtig sind. Für sie ist der Impuls zunächst befreiend, aber ohne die Bearbeitung des zugrundeliegenden Schemas bleibt die Veränderung oberflächlich.

Mehr von Mel Robbins: Von der 5-Sekunden-Regel zu „Let Them“ – ein wiederkehrendes Muster

Wer die Karriere der Motivationsrednerin verfolgt, erkennt ein Muster. Schon ihr erstes großes Buch versprach, Prokrastination mit einem einfachen Countdown zu überwinden. Ihr Podcast erreicht ein Millionenpublikum. Jedes Produkt folgt derselben Formel: Ein komplexes Phänomen wird auf eine Regel reduziert, die sofort anwendbar klingt und sich gut vermarkten lässt.

Das ist nicht per se verwerflich, viele Menschen brauchen praktisch formulierte Zugänge zu therapeutischen Ideen. Die Bewertung hängt davon ab, ob das Konzept als Einstieg oder als Endpunkt verstanden wird. Wenn der Ansatz jemanden dazu bringt, zum ersten Mal über eigene Muster nachzudenken, hat er etwas Wertvolles geleistet. Wenn er den Eindruck erweckt, dass das Problem damit gelöst sei, wird das problematisch.

Die Stärke der Autorin liegt in ihrer Fähigkeit, Menschen zu erreichen. Die Schwäche liegt in der systematischen Vermeidung von Differenzierung und wissenschaftlicher Begründung. Das ist eine Kombination, die in der Populärpsychologie leider die Regel ist, nicht die Ausnahme.

Wie lässt sich die Idee hinter dem Konzept sinnvoll im Alltag umsetzen und anwenden?

Wenn Sie die Grundidee nutzen wollen, ohne in die beschriebenen Fallen zu tappen, ist ein zusätzlicher Schritt nötig: Bevor Sie sich zurückziehen, fragen Sie sich ehrlich, warum Sie die Situation kontrollieren wollten. War es Angst vor Verletzung? Angst vor Zurückweisung? Erst wenn Sie Ihre eigene Meinung über die Motivation hinter Ihrem Verhalten verstanden haben, können Sie gelassen entscheiden, ob Abstand der bessere Weg ist.

Diese Überlegung unterscheidet gesundes Abstandnehmen von reflexartigem Rückzug. Die Idee, nicht alles um sich herum steuern zu müssen, ist psychologisch wertvoll, und sie kann Sie tatsächlich von alten Mustern befreien. Aber sie wird erst dann zu einer echten Strategie, wenn sie mit Selbsterkenntnis verbunden ist, nicht nur mit einem Slogan.

In einem Konflikt etwa ist die Frage nicht „Soll ich es lassen?“, sondern: „Was brauche ich gerade wirklich? Was liegt in meiner Macht? Und was würde ein ehrliches Gespräch bewirken, das Rückzug nicht bewirken kann?“ Wer so fragt, geht über Vermeidung hinaus und erreicht echte innere Selbstbestimmung.

Für wen ist das Konzept hilfreich, und für wen kann es schaden?

Der Ansatz kann für eine bestimmte Zielgruppe tatsächlich ein sinnvoller Impuls sein. Menschen mit starker Aufopferungstendenz, die ständig Verantwortung für die Gefühle anderer übernehmen, können erkennen, nicht für alles zuständig zu sein. Auch in toxischen Beziehungen, in denen man sich in endlosen Versuchen erschöpft, andere zu beeinflussen, kann die Botschaft ein Wendepunkt sein, wenn sie der Beginn einer tieferen Auseinandersetzung ist.

Für Menschen mit vermeidendem Bindungsstil, Dissoziation oder Trauma ist das Konzept potenziell schädlich. Es gibt ihnen eine Rechtfertigung für Muster, die ohnehin problematisch sind, und verkauft Vermeidung als Wachstum. Es gibt keine universelle Lösung für zwischenmenschliche Dynamiken.

Die Wahrheit ist: Manchmal ist Abstandnehmen die reifste Entscheidung. Manchmal ist ein ehrliches Gespräch der liebevollere Akt. Die Kunst liegt nicht in einem Mantra, sondern in der Fähigkeit, zwischen beiden zu unterscheiden. Ein Buch kann ein Impuls sein, aber es ersetzt keine therapeutische Arbeit bei tief verwurzelten Mustern. Wer sich als „professioneller Kontrolleur“ wiedererkennt, hat ein echtes Thema, doch die Antwort darauf beginnt mit der Frage „Warum?“, nicht mit zwei Wörtern.

Das Wichtigste auf einen Blick:

·         Die Grundidee von Let Them verpackt bewährte therapeutische Prinzipien, radikale Akzeptanz (DBT), Cognitive Defusion (ACT), Kontrollüberzeugungen, in eine vereinfachte Formel, ohne die wissenschaftlichen Quellen zu benennen.

·         Die Grundidee ist gut, aber ohne Differenzierung potenziell schädlich: Nicht jede Form von Rückzug ist gesund.

·         Für Menschen mit Aufopferungstendenz kann das Konzept ein sinnvoller Einstieg sein; für Menschen mit vermeidendem Bindungsstil oder Trauma kann es bestehende Muster verstärken.

·         Nicht jede innere Stille ist Frieden, manchmal ist sie Dissoziation oder Shutdown.

·         Echtes Abstandnehmen beginnt nicht mit einem Slogan, sondern mit der Frage: Warum brauche ich die Kontrolle?

·         Ein Buch kann inspirieren, ersetzt aber keine therapeutische Arbeit bei tief verwurzelten Mustern.

·         Statt pauschal zu akzeptieren, lohnt sich die Frage: Wann ist Rückzug gesund, und wann wäre ein ehrliches Gespräch der mutigere Weg?


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