Suicide by Proxy: Indirekter Suizid und Kindstötung

Suicide by Proxy: Indirekter Suizid und Kindstötung

Suicide by Proxy

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Jun 5, 2026

eine frau geht in einer dunklen gasse, sie ist alleine

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Suicide by Proxy in der frühen Neuzeit: Historikerin Kathy Stuart über indirekten Suizid, Kindsmord und Hinrichtungen zwischen Gott und Teufel.

Trostlosigkeit, Desperatio und Suicide by Proxy: Eine psychoanalytische Lektüre der frühen Neuzeit

Dieser Beitrag untersucht eine verstörende Konstellation der frühen Neuzeit: Menschen, die nicht direkt Suizid begehen wollten, weil sie die ewige Verdammnis fürchteten, sondern ein Kapitalverbrechen verübten, um rechtsförmig hingerichtet zu werden.

Die Historikerin Kathy Stuart hat 2023 in ihrem Buch "Suicide by Proxy in Early Modern Germany: Crime, Sin and Salvation" (Palgrave Macmillan, 466 Seiten) dieses Phänomen rekonstruiert. In Mitteleuropa begingen zwischen 1650 und 1750 verzweifelte Menschen vorsätzlich Kapitalverbrechen, vor allem Kindstötung, gelegentlich auch Brandstiftung, Blasphemie oder Bestialität, um durch ihre Hinrichtung eine direkte Selbsttötung und die damit verbundene ewige Verdammnis zu vermeiden.

Im Zentrum stehen Trostlosigkeit, religiöse Verzweiflung, soziale Disziplinierung und die Frage, wie Lacan und Kierkegaard helfen können, diese historische Figur psychologisch zu lesen.

Was bedeutet Trostlosigkeit in der frühen Neuzeit?

Trostlosigkeit war in der frühen Neuzeit kein bloßer Affektbegriff, sondern in der theologischen Sprache eng mit dem Terminus desperatio verschränkt. De-speratio bezeichnete die Verzweiflung am Heil: den Verlust oder die aktive Verwerfung der spes, also der Tugend der Hoffnung, und wurde als Sünde wider den Heiligen Geist gefasst. Wer an der Barmherzigkeit Gottes verzweifelte und sich nicht mehr als Adressat von Vergebung und Zukunft denken konnte, galt als gefangen in einem Zustand existenzieller Trostlosigkeit, nicht mehr nur traurig, sondern heilsgeschichtlich ohne Trost.

In dieser Perspektive beschreibt Trostlosigkeit, Desperatio, ein Selbstverhältnis vor Gott, in dem die Zukunft ausschließlich als Gericht und nicht mehr als Heil vorgestellt wird. Die semantische Umgebung, spes als Hoffnung, exspes als hoffnungslos und desperare als die Hoffnung aufgeben, macht deutlich, dass Trostlosigkeit hier als Verlust einer bestimmten Beziehung zum Anderen, nämlich zu Gott, gedacht ist. Trostlosigkeit heißt in diesem Sinn: Der Faden der Hoffnung ist abgeschnitten; das Subjekt erlebt sich als endgültig außerhalb des Trostraums von Gnade und Erlösung.

Eine zweite, komplementäre Achse der Trostlosigkeit verläuft über den ignatianischen Begriff desolatio, der systematisch consolatio gegenübergestellt ist. Etymologisch stammt dēsōlātiō nicht von solari im Sinn von trösten, sondern von dēsōlāre im Sinn von veröden, verlassen machen; Wörterbücher geben daher Verlassenheit, Einsamkeit und Wüstheit an und betonen den Charakter innerer Öde. Ignatius füllt diesen Begriff spirituell: desolatio ist die Verfinsterung der Seele, das Erleben, wie von seinem Schöpfer und Herrn getrennt zu sein, verbunden mit Unruhe, innerer Leere und Mangel an Hoffnung und Liebe.

Durch die ignatianische Opposition wird desolatio funktional zur Trostlosigkeit. Consolatio bezeichnet erfahrbare Nähe Gottes, Sammlung und Zuwachs an Hoffnung; desolatio die verlassene, entleerte Erfahrung, in der sich kein Trost mehr zeigt. Damit entsteht eine terminologische Schichtung: desolatio ist die phänomenologische Seite, Trostlosigkeit als Zustand der Seele, während desperatio die normative Fixierung dieser Trostlosigkeit als Sünde gegen die spes markiert. Zwischen beiden Begriffen lässt sich die frühneuzeitliche Erfahrung von Trostlosigkeit verorten: als erlebte Verlassenheit, die an der Grenze zur strukturell verfestigten Hoffnungslosigkeit operiert.

Warum wurde Suicide by Proxy nach 1650 zu einem gesellschaftlichen Problem?

Kathy Stuart zeigt, dass Suicide by Proxy nach 1650 in den deutschsprachigen Territorien zu einem gravierenden sozialen Problem wurde. Suizidale Menschen begingen Kapitalverbrechen, um von der obrigkeitlichen Gewalt hingerichtet zu werden und durch Reue vor der Exekution doch noch das Heil zu erlangen.

Gerade das macht diese Praxis so aufschlussreich. Der direkte Suizid galt konfessionsübergreifend als Weg in die Verdammnis, während die Hinrichtung durch die von Gott eingesetzte Obrigkeit einen letzten Raum der Beichte, Reue und möglichen Erlösung offenließ; die Tat erschien den Täterinnen und Tätern als Abkürzung zum Heil.

Welche Rolle spielte die konfessionelle Sozialdisziplinierung?

Stuart interpretiert die Entstehung dieser Taten als unbeabsichtigte Folge aggressiver Sozialdisziplinierung in konfessionellen Staaten. Je intensiver Kirchen und Obrigkeiten Verhalten, Sünde, Sexualität und Frömmigkeit regulierten, desto stärker wurde auch das Angstregime um Schuld, Gericht und Verdammnis verdichtet.

So entstand ein paradoxes Resultat. Der Staat wollte Ordnung, Disziplin und fromme Subjekte hervorbringen, erzeugte aber unter bestimmten Bedingungen eine Form suizidaler Praxis, die sich eben dieser Ordnung bediente: nicht gegen das Gesetz, sondern durch das Gesetz sollte der Tod erreicht werden.

Welche Rolle spielte der Dreißigjährige Krieg für Trostlosigkeit und Suicide by Proxy?

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) hinterließ das Heilige Römische Reich  demografisch, ökonomisch und psychisch tief verwüstet. Ganze Landstriche wurden entvölkert, Dörfer zerstört, Ernten vernichtet; Hunger, Seuchen und anhaltende Unsicherheit prägten das Alltagsleben der Zivilbevölkerung noch Jahrzehnte nach dem Westfälischen Frieden. In vielen Regionen sank die Bevölkerung drastisch, während Gewalt, Verlust und existenzielle Prekarität zu einer Alltagskonstante wurden – ein Milieu, in dem Erfahrungen kollektiver und individueller Trostlosigkeit strukturell wahrscheinlicher werden.

Konfessionelle Staaten reagierten auf diese Labilisierung mit verstärkten Sozialdisziplinierungsprogrammen: Kirchen- und Polizeiverordnungen regulierten Frömmigkeit, Sexualmoral, Arbeitsdisziplin und Familienleben immer enger, um Ordnung und „gute Policey“ nach der Erfahrung des Chaos zu sichern. Kathy Stuart zeigt, dass Suicide by Proxy in diesem nachkriegszeitlichen Kontext als unbeabsichtigte Folge dieser Disziplinierungsregime auftrat: Suizidale Personen nutzten das Strafsystem selbst als Heilsmaschine, indem sie Kapitalverbrechen begingen, um durch rechtsförmige Hinrichtung einen Weg zum Tod mit letzter Reue zu finden.

Der Zusammenhang ist aber nicht linear im Sinn eines einfachen „Krieg verursacht Suicide by Proxy“, sondern vermittelt. Der Krieg erzeugt eine Tiefenstruktur der Trostlosigkeit: materielle Verwüstung, soziale Fragmentierung, religiös gedeutetes Leid, in deren Rahmen konfessionelle Heils- und Strafordnungen dichter verschränkt werden. In dieser verdichteten Ordnung entstehen neue suizidale Praktiken, in denen sich individuelle desolatio (Verlassenheit, Lebensmüdigkeit) und strukturelle desperatio (normativ fixierte Hoffnungslosigkeit) überlagern: Suicide by Proxy wird zur extremen Antwort eines am Krieg verzweifelten Subjekts auf eine Ordnung, die Trost und Gericht in derselben Instanz bündelt.

Warum wurden so häufig Kinder ermordet?

Am häufigsten wurden nach Stuarts Befunden junge Kinder getötet. Die Täterinnen nahmen an, dass unschuldige Kinder ohne weiteres in den Himmel eingehen würden, während sie selbst durch Verhaftung, Beichte und Hinrichtung auf eine letzte Rettung hoffen konnten.

Diese Logik ist grausam, aber nicht irrational im engeren historischen Sinn. Sie folgt einer religiösen Ökonomie der Unschuld, in der das Kind als heilssicher erscheint und die eigene Tat nicht primär als Mordfantasie, sondern als Mittel zum eigenen Ende und zugleich als nicht endzeitlich schädigend für das Opfer imaginiert wird.

Trostlosigkeit und Kierkegaard

Kierkegaard beschreibt Verzweiflung als gestörtes Selbstverhältnis: Das Selbst will nicht es selbst sein oder will verzweifelt nur noch es selbst sein. In beiden Fällen misslingt die Relation, die das Selbst zu sich, zu seiner Möglichkeit und letztlich zu Gott unterhält.

Kierkegaards Verzweiflung lässt sich präzise zwischen desolatio und desperatio einzeichnen. Verzweiflung ist das misslingende Selbstverhältnis, in dem das Selbst entweder vor der Aufgabe, es selbst zu sein, flieht oder sich vermessen in eine bestimmte Selbstdefinition verbeißt. In frühneuzeitlicher Terminologie wäre die existentiell durchlebte Trostlosigkeit zunächst als desolatio zu fassen, als Erfahrung der Verlassenheit und inneren Öde, während die moraltheologische Kategorie desperatio jene Schwelle markiert, an der dieses misslingende Selbstverhältnis dauerhaft im Modus der Hoffnungslosigkeit verfestigt wird. Suicide by Proxy kann dann als paradoxer Versuch gelesen werden, die Verzweiflung am eigenen Leben durch eine letzte, rechtsförmig inszenierte Hoffnung auf Heil zu durchbrechen: Das Selbst geht zugrunde, um gerade noch in einem kleinen Rest von spes zu verbleiben.

Lacan und der Suicide by Proxy

Lacan verschiebt die Frage vom Inneren des Individuums auf das symbolische Gefüge des Anderen. Das Subjekt ist in Sprache, Gesetz und Begehren verstrickt; es leidet nicht nur an Affekten, sondern an der Stellung, die es im Feld des Anderen einnimmt.

Lacans Differenzierung von symbolischer Ordnung, imaginärer Identifikation und realem Riss erlaubt, desolatio und desperatio neu zu lesen. Desolatio erscheint als affektive Signatur eines Subjekts, das keinen verlässlichen Signifikanten mehr findet, der seine Erfahrung in eine erzählbare Ordnung einbindet; der große Andere schweigt oder wirkt inkonsistent. Desperatio wäre dann die strukturelle Konsequenz, in der das Subjekt nicht nur keine Trostsignifikanten mehr erwartet, sondern den Anderen selbst als Ort der Hoffnung aufkündigt: Es rechnet nicht mehr damit, dass irgendein Anderer, sei es Gott, Staat oder Familie, eine Antwort geben kann, die den inneren Riss symbolisierbar machte.

Suicide by Proxy lässt sich daher als hochgradig symbolisierte Handlung lesen. Das Subjekt tötet nicht einfach, um zu sterben, sondern adressiert den Anderen in seiner stärksten Form: Gericht, Obrigkeit, Kirche und Exekution sollen den Tod autorisieren, damit er nicht als verbotener Selbstmord, sondern als legitimer Übergang unter dem Signum des Gesetzes erscheint.

Ist stellvertretender Suizid also eine Botschaft an den großen Anderen? Aus lacanianischer Sicht spricht vieles dafür. Die Tat ist eine Botschaft, die nur dann ihren Sinn erfüllt, wenn der große Andere sie anerkennt: Das Verbrechen ruft nach Verhaftung, Urteil, Seelsorge und Hinrichtung; ohne diese Kette verliert es seine Funktion.

Genau darin liegt die Struktur des Stellvertretenden. Der eigene Tod wird nicht unmittelbar vollzogen, sondern an die Instanz delegiert, die töten darf; das Subjekt macht sich zum Objekt des Gesetzes, um vom Gesetz getötet zu werden, und versucht damit, den Riss zwischen Schuld, Begehren und Erlösungssehnsucht symbolisch zu schließen.

Was sagt diese Geschichte über Schuld, Begehren und Weiblichkeit?

Die von Stuart untersuchten Fälle betreffen häufig Frauen, die als lebensmüde, verzweifelt oder sozial überlastet beschrieben werden. Das verweist auf die geschlechtsspezifische Einbindung in frühneuzeitliche Ordnungen von Mutterschaft, Sexualmoral, Dienstverhältnissen und religiöser Überwachung.

Eine psychoanalytische Lektüre sollte hier vorsichtig bleiben. Entscheidend ist weniger eine Essentialisierung von Weiblichkeit als die Frage, wie Schuld, Fürsorge, Aggression und Selbstvernichtung in einer Ordnung verschränkt werden, die Frauen einerseits moralisch überlädt und andererseits nur begrenzte symbolische Auswege offenlässt; Kindstötung erscheint dann als monströse Kurzschlusshandlung innerhalb eines geschlossenen Schuldraums.

Was offenbart Suicide by Proxy über die Grenzen staatlicher Macht?

Stuart betont, dass Suicide by Proxy gerade deshalb so verstörend war, weil er die Grenzen frühmoderner Herrschaft sichtbar machte. Die Obrigkeiten versuchten, diese Praxis zu unterdrücken, scheiterten jedoch wiederholt, weil das gesamte Strafsystem den Täterinnen genau das bot, was sie suchten: einen geregelten Weg zum Tod mit Gelegenheit zur Reue.

Das ist die politische Pointe des Themas. Sozialdisziplinierung produziert nicht nur Gehorsam, sondern auch pathologische Aneignungen ihrer Rituale; wo das Gesetz das Heil verspricht oder zumindest nicht ausschließt, kann es ungewollt zum Medium suizidaler Wunscherfüllung werden.

Was bedeutet das für eine sozialpsychologische Theorie der Trostlosigkeit?

Trostlosigkeit erscheint aus dieser doppelten Perspektive als Schnittstelle von affektiver Verlassenheit, also desolatio, und normativ fixierter Hoffnungslosigkeit, also desperatio. Sie ist weder bloß innerer Stimmungsausdruck noch reine Zuschreibung von außen, sondern ein Gefüge, in dem subjektiv erfahrene Leere und die Deutung durch Theologie, Recht und Seelsorge ineinandergreifen. Sozialpsychologisch relevant wird sie dort, wo Menschen ihre Lage nur noch im Modus des Ohne-Hoffnung beschreiben können und zugleich kulturelle Deutungen verfügbar sind, die dieses Erleben als Sünde, Laster oder Grenzfall des Heils rahmen.

In den Konstellationen des Suicide by Proxy bewegten sich die Handelnden genau in diesem spannungsreichen Raum. Ihre innere desolatio, also Erschöpfung, Lebensüberdruss, soziale Überlastung und religiöse Angst, findet keinen symbolischen Ausweg, der innerhalb der Ordnung von Ehe, Mutterschaft, Dienst und Frömmigkeit stabilisierend wirken könnte; stattdessen wird sie in eine Handlung übersetzt, die von der Umwelt als desperatio gelesen werden kann. Wer ein Kapitalverbrechen begeht, um hingerichtet zu werden, antwortet auf seine Trostlosigkeit mit einem Akt, der das eigene Leben in die Hände des Gesetzes legt und zugleich die Grenze zur hoffnungslosen Verzweiflung berührt: Der Tod wird zum letzten Ort, an dem noch eine Spur von Hoffnung, nämlich Reue vor der Exekution, imaginiert werden kann.

Warum ist das Thema heute relevant für Psychotherapie und Kulturkritik?

Die religiösen Koordinaten der frühen Neuzeit sind vergangen, doch die Struktur ist keineswegs verschwunden. Auch heute finden sich suizidale Fantasien, in denen das Subjekt nicht einfach sterben will, sondern durch den eigenen Untergang eine Schuld tilgen, eine Last beseitigen oder einem imaginierten Anderen endlich Genüge tun möchte.

Die historische Analyse zeigt, dass Trostlosigkeit nicht nur als individuelles Symptom verstanden werden sollte, sondern als Struktur aus Hoffnungslosigkeit, Adressierung an den Anderen und der Suche nach einem gesetzten Sinn des Leidens; Kierkegaard und Lacan liefern dafür zwei komplementäre Lesarten.

Fazit

Die frühneuzeitliche Geschichte des Suicide by Proxy führt in eine Zone, in der Theologie, Recht, Affekt und unbewusste Dynamik untrennbar werden. Wer diese Fälle nur als Abweichung oder Grausamkeit liest, verpasst ihre eigentliche Bedeutung: Sie machen sichtbar, wie eine Kultur Trost, Schuld, Hoffnung und Vernichtung organisiert.

Trostlosigkeit ist dann kein bloßes Innengefühl, sondern eine historische Struktur des Selbstverhältnisses. Zwischen desperatiodesolatio, Kierkegaards Verzweiflung und Lacans großem Anderen lässt sich erkennen, dass das Subjekt gerade dort am gefährdetsten ist, wo ihm nur noch der Tod als symbolisch lesbarer Ausweg bleibt.

Zusammenfassung

  • Trostlosigkeit bedeutete in der frühen Neuzeit häufig desperatio: den Verlust der Hoffnung auf Gnade und Heil.

  • Desolatio bezeichnete demgegenüber die Erfahrung von Verlassenheit, innerer Leere und geistlicher Öde.

  • Suicide by Proxy nahm nach 1650 stark zu und wurde in deutschsprachigen Territorien zu einem ernsthaften sozialen Problem.

  • Täterinnen und Täter begingen Kapitalverbrechen, um rechtsförmig hingerichtet zu werden und vor dem Tod noch bereuen zu können.

  • Besonders häufig wurden Kinder getötet, weil ihre Unschuld als heilsgewiss galt.

  • Konfessionelle Sozialdisziplinierung trug unbeabsichtigt zur Entstehung dieses Musters bei.

  • Kierkegaard hilft, diese Dynamik als Form existentieller Verzweiflung und gestörten Selbstverhältnisses zu lesen.

  • Lacan macht sichtbar, dass die Tat an den großen Anderen adressiert ist: an Gesetz, Gericht und Autorisierung.

  • Das Phänomen zeigt die Grenzen staatlicher Macht, weil Strafrituale selbst zum Medium suizidaler Wunscherfüllung wurden.

  • Sozialpsychologisch verbindet Trostlosigkeit inneres Leiden mit kulturell vorgeprägten Formen von Schuld, Rettung und Opfer.

  • Historische Analyse schärft den Blick für heutige suizidale Fantasien, in denen Selbstvernichtung als Entlastung für Andere imaginiert wird.


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Die Historikerin Kathy Stuart hat 2023 in ihrem Buch "Suicide by Proxy in Early Modern Germany: Crime, Sin and Salvation" (Palgrave Macmillan, 466 Seiten) dieses Phänomen rekonstruiert. In Mitteleuropa begingen zwischen 1650 und 1750 verzweifelte Menschen vorsätzlich Kapitalverbrechen, vor allem Kindstötung, gelegentlich auch Brandstiftung, Blasphemie oder Bestialität, um durch ihre Hinrichtung eine direkte Selbsttötung und die damit verbundene ewige Verdammnis zu vermeiden.

Im Zentrum stehen Trostlosigkeit, religiöse Verzweiflung, soziale Disziplinierung und die Frage, wie Lacan und Kierkegaard helfen können, diese historische Figur psychologisch zu lesen.

Was bedeutet Trostlosigkeit in der frühen Neuzeit?

Trostlosigkeit war in der frühen Neuzeit kein bloßer Affektbegriff, sondern in der theologischen Sprache eng mit dem Terminus desperatio verschränkt. De-speratio bezeichnete die Verzweiflung am Heil: den Verlust oder die aktive Verwerfung der spes, also der Tugend der Hoffnung, und wurde als Sünde wider den Heiligen Geist gefasst. Wer an der Barmherzigkeit Gottes verzweifelte und sich nicht mehr als Adressat von Vergebung und Zukunft denken konnte, galt als gefangen in einem Zustand existenzieller Trostlosigkeit, nicht mehr nur traurig, sondern heilsgeschichtlich ohne Trost.

In dieser Perspektive beschreibt Trostlosigkeit, Desperatio, ein Selbstverhältnis vor Gott, in dem die Zukunft ausschließlich als Gericht und nicht mehr als Heil vorgestellt wird. Die semantische Umgebung, spes als Hoffnung, exspes als hoffnungslos und desperare als die Hoffnung aufgeben, macht deutlich, dass Trostlosigkeit hier als Verlust einer bestimmten Beziehung zum Anderen, nämlich zu Gott, gedacht ist. Trostlosigkeit heißt in diesem Sinn: Der Faden der Hoffnung ist abgeschnitten; das Subjekt erlebt sich als endgültig außerhalb des Trostraums von Gnade und Erlösung.

Eine zweite, komplementäre Achse der Trostlosigkeit verläuft über den ignatianischen Begriff desolatio, der systematisch consolatio gegenübergestellt ist. Etymologisch stammt dēsōlātiō nicht von solari im Sinn von trösten, sondern von dēsōlāre im Sinn von veröden, verlassen machen; Wörterbücher geben daher Verlassenheit, Einsamkeit und Wüstheit an und betonen den Charakter innerer Öde. Ignatius füllt diesen Begriff spirituell: desolatio ist die Verfinsterung der Seele, das Erleben, wie von seinem Schöpfer und Herrn getrennt zu sein, verbunden mit Unruhe, innerer Leere und Mangel an Hoffnung und Liebe.

Durch die ignatianische Opposition wird desolatio funktional zur Trostlosigkeit. Consolatio bezeichnet erfahrbare Nähe Gottes, Sammlung und Zuwachs an Hoffnung; desolatio die verlassene, entleerte Erfahrung, in der sich kein Trost mehr zeigt. Damit entsteht eine terminologische Schichtung: desolatio ist die phänomenologische Seite, Trostlosigkeit als Zustand der Seele, während desperatio die normative Fixierung dieser Trostlosigkeit als Sünde gegen die spes markiert. Zwischen beiden Begriffen lässt sich die frühneuzeitliche Erfahrung von Trostlosigkeit verorten: als erlebte Verlassenheit, die an der Grenze zur strukturell verfestigten Hoffnungslosigkeit operiert.

Warum wurde Suicide by Proxy nach 1650 zu einem gesellschaftlichen Problem?

Kathy Stuart zeigt, dass Suicide by Proxy nach 1650 in den deutschsprachigen Territorien zu einem gravierenden sozialen Problem wurde. Suizidale Menschen begingen Kapitalverbrechen, um von der obrigkeitlichen Gewalt hingerichtet zu werden und durch Reue vor der Exekution doch noch das Heil zu erlangen.

Gerade das macht diese Praxis so aufschlussreich. Der direkte Suizid galt konfessionsübergreifend als Weg in die Verdammnis, während die Hinrichtung durch die von Gott eingesetzte Obrigkeit einen letzten Raum der Beichte, Reue und möglichen Erlösung offenließ; die Tat erschien den Täterinnen und Tätern als Abkürzung zum Heil.

Welche Rolle spielte die konfessionelle Sozialdisziplinierung?

Stuart interpretiert die Entstehung dieser Taten als unbeabsichtigte Folge aggressiver Sozialdisziplinierung in konfessionellen Staaten. Je intensiver Kirchen und Obrigkeiten Verhalten, Sünde, Sexualität und Frömmigkeit regulierten, desto stärker wurde auch das Angstregime um Schuld, Gericht und Verdammnis verdichtet.

So entstand ein paradoxes Resultat. Der Staat wollte Ordnung, Disziplin und fromme Subjekte hervorbringen, erzeugte aber unter bestimmten Bedingungen eine Form suizidaler Praxis, die sich eben dieser Ordnung bediente: nicht gegen das Gesetz, sondern durch das Gesetz sollte der Tod erreicht werden.

Welche Rolle spielte der Dreißigjährige Krieg für Trostlosigkeit und Suicide by Proxy?

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) hinterließ das Heilige Römische Reich  demografisch, ökonomisch und psychisch tief verwüstet. Ganze Landstriche wurden entvölkert, Dörfer zerstört, Ernten vernichtet; Hunger, Seuchen und anhaltende Unsicherheit prägten das Alltagsleben der Zivilbevölkerung noch Jahrzehnte nach dem Westfälischen Frieden. In vielen Regionen sank die Bevölkerung drastisch, während Gewalt, Verlust und existenzielle Prekarität zu einer Alltagskonstante wurden – ein Milieu, in dem Erfahrungen kollektiver und individueller Trostlosigkeit strukturell wahrscheinlicher werden.

Konfessionelle Staaten reagierten auf diese Labilisierung mit verstärkten Sozialdisziplinierungsprogrammen: Kirchen- und Polizeiverordnungen regulierten Frömmigkeit, Sexualmoral, Arbeitsdisziplin und Familienleben immer enger, um Ordnung und „gute Policey“ nach der Erfahrung des Chaos zu sichern. Kathy Stuart zeigt, dass Suicide by Proxy in diesem nachkriegszeitlichen Kontext als unbeabsichtigte Folge dieser Disziplinierungsregime auftrat: Suizidale Personen nutzten das Strafsystem selbst als Heilsmaschine, indem sie Kapitalverbrechen begingen, um durch rechtsförmige Hinrichtung einen Weg zum Tod mit letzter Reue zu finden.

Der Zusammenhang ist aber nicht linear im Sinn eines einfachen „Krieg verursacht Suicide by Proxy“, sondern vermittelt. Der Krieg erzeugt eine Tiefenstruktur der Trostlosigkeit: materielle Verwüstung, soziale Fragmentierung, religiös gedeutetes Leid, in deren Rahmen konfessionelle Heils- und Strafordnungen dichter verschränkt werden. In dieser verdichteten Ordnung entstehen neue suizidale Praktiken, in denen sich individuelle desolatio (Verlassenheit, Lebensmüdigkeit) und strukturelle desperatio (normativ fixierte Hoffnungslosigkeit) überlagern: Suicide by Proxy wird zur extremen Antwort eines am Krieg verzweifelten Subjekts auf eine Ordnung, die Trost und Gericht in derselben Instanz bündelt.

Warum wurden so häufig Kinder ermordet?

Am häufigsten wurden nach Stuarts Befunden junge Kinder getötet. Die Täterinnen nahmen an, dass unschuldige Kinder ohne weiteres in den Himmel eingehen würden, während sie selbst durch Verhaftung, Beichte und Hinrichtung auf eine letzte Rettung hoffen konnten.

Diese Logik ist grausam, aber nicht irrational im engeren historischen Sinn. Sie folgt einer religiösen Ökonomie der Unschuld, in der das Kind als heilssicher erscheint und die eigene Tat nicht primär als Mordfantasie, sondern als Mittel zum eigenen Ende und zugleich als nicht endzeitlich schädigend für das Opfer imaginiert wird.

Trostlosigkeit und Kierkegaard

Kierkegaard beschreibt Verzweiflung als gestörtes Selbstverhältnis: Das Selbst will nicht es selbst sein oder will verzweifelt nur noch es selbst sein. In beiden Fällen misslingt die Relation, die das Selbst zu sich, zu seiner Möglichkeit und letztlich zu Gott unterhält.

Kierkegaards Verzweiflung lässt sich präzise zwischen desolatio und desperatio einzeichnen. Verzweiflung ist das misslingende Selbstverhältnis, in dem das Selbst entweder vor der Aufgabe, es selbst zu sein, flieht oder sich vermessen in eine bestimmte Selbstdefinition verbeißt. In frühneuzeitlicher Terminologie wäre die existentiell durchlebte Trostlosigkeit zunächst als desolatio zu fassen, als Erfahrung der Verlassenheit und inneren Öde, während die moraltheologische Kategorie desperatio jene Schwelle markiert, an der dieses misslingende Selbstverhältnis dauerhaft im Modus der Hoffnungslosigkeit verfestigt wird. Suicide by Proxy kann dann als paradoxer Versuch gelesen werden, die Verzweiflung am eigenen Leben durch eine letzte, rechtsförmig inszenierte Hoffnung auf Heil zu durchbrechen: Das Selbst geht zugrunde, um gerade noch in einem kleinen Rest von spes zu verbleiben.

Lacan und der Suicide by Proxy

Lacan verschiebt die Frage vom Inneren des Individuums auf das symbolische Gefüge des Anderen. Das Subjekt ist in Sprache, Gesetz und Begehren verstrickt; es leidet nicht nur an Affekten, sondern an der Stellung, die es im Feld des Anderen einnimmt.

Lacans Differenzierung von symbolischer Ordnung, imaginärer Identifikation und realem Riss erlaubt, desolatio und desperatio neu zu lesen. Desolatio erscheint als affektive Signatur eines Subjekts, das keinen verlässlichen Signifikanten mehr findet, der seine Erfahrung in eine erzählbare Ordnung einbindet; der große Andere schweigt oder wirkt inkonsistent. Desperatio wäre dann die strukturelle Konsequenz, in der das Subjekt nicht nur keine Trostsignifikanten mehr erwartet, sondern den Anderen selbst als Ort der Hoffnung aufkündigt: Es rechnet nicht mehr damit, dass irgendein Anderer, sei es Gott, Staat oder Familie, eine Antwort geben kann, die den inneren Riss symbolisierbar machte.

Suicide by Proxy lässt sich daher als hochgradig symbolisierte Handlung lesen. Das Subjekt tötet nicht einfach, um zu sterben, sondern adressiert den Anderen in seiner stärksten Form: Gericht, Obrigkeit, Kirche und Exekution sollen den Tod autorisieren, damit er nicht als verbotener Selbstmord, sondern als legitimer Übergang unter dem Signum des Gesetzes erscheint.

Ist stellvertretender Suizid also eine Botschaft an den großen Anderen? Aus lacanianischer Sicht spricht vieles dafür. Die Tat ist eine Botschaft, die nur dann ihren Sinn erfüllt, wenn der große Andere sie anerkennt: Das Verbrechen ruft nach Verhaftung, Urteil, Seelsorge und Hinrichtung; ohne diese Kette verliert es seine Funktion.

Genau darin liegt die Struktur des Stellvertretenden. Der eigene Tod wird nicht unmittelbar vollzogen, sondern an die Instanz delegiert, die töten darf; das Subjekt macht sich zum Objekt des Gesetzes, um vom Gesetz getötet zu werden, und versucht damit, den Riss zwischen Schuld, Begehren und Erlösungssehnsucht symbolisch zu schließen.

Was sagt diese Geschichte über Schuld, Begehren und Weiblichkeit?

Die von Stuart untersuchten Fälle betreffen häufig Frauen, die als lebensmüde, verzweifelt oder sozial überlastet beschrieben werden. Das verweist auf die geschlechtsspezifische Einbindung in frühneuzeitliche Ordnungen von Mutterschaft, Sexualmoral, Dienstverhältnissen und religiöser Überwachung.

Eine psychoanalytische Lektüre sollte hier vorsichtig bleiben. Entscheidend ist weniger eine Essentialisierung von Weiblichkeit als die Frage, wie Schuld, Fürsorge, Aggression und Selbstvernichtung in einer Ordnung verschränkt werden, die Frauen einerseits moralisch überlädt und andererseits nur begrenzte symbolische Auswege offenlässt; Kindstötung erscheint dann als monströse Kurzschlusshandlung innerhalb eines geschlossenen Schuldraums.

Was offenbart Suicide by Proxy über die Grenzen staatlicher Macht?

Stuart betont, dass Suicide by Proxy gerade deshalb so verstörend war, weil er die Grenzen frühmoderner Herrschaft sichtbar machte. Die Obrigkeiten versuchten, diese Praxis zu unterdrücken, scheiterten jedoch wiederholt, weil das gesamte Strafsystem den Täterinnen genau das bot, was sie suchten: einen geregelten Weg zum Tod mit Gelegenheit zur Reue.

Das ist die politische Pointe des Themas. Sozialdisziplinierung produziert nicht nur Gehorsam, sondern auch pathologische Aneignungen ihrer Rituale; wo das Gesetz das Heil verspricht oder zumindest nicht ausschließt, kann es ungewollt zum Medium suizidaler Wunscherfüllung werden.

Was bedeutet das für eine sozialpsychologische Theorie der Trostlosigkeit?

Trostlosigkeit erscheint aus dieser doppelten Perspektive als Schnittstelle von affektiver Verlassenheit, also desolatio, und normativ fixierter Hoffnungslosigkeit, also desperatio. Sie ist weder bloß innerer Stimmungsausdruck noch reine Zuschreibung von außen, sondern ein Gefüge, in dem subjektiv erfahrene Leere und die Deutung durch Theologie, Recht und Seelsorge ineinandergreifen. Sozialpsychologisch relevant wird sie dort, wo Menschen ihre Lage nur noch im Modus des Ohne-Hoffnung beschreiben können und zugleich kulturelle Deutungen verfügbar sind, die dieses Erleben als Sünde, Laster oder Grenzfall des Heils rahmen.

In den Konstellationen des Suicide by Proxy bewegten sich die Handelnden genau in diesem spannungsreichen Raum. Ihre innere desolatio, also Erschöpfung, Lebensüberdruss, soziale Überlastung und religiöse Angst, findet keinen symbolischen Ausweg, der innerhalb der Ordnung von Ehe, Mutterschaft, Dienst und Frömmigkeit stabilisierend wirken könnte; stattdessen wird sie in eine Handlung übersetzt, die von der Umwelt als desperatio gelesen werden kann. Wer ein Kapitalverbrechen begeht, um hingerichtet zu werden, antwortet auf seine Trostlosigkeit mit einem Akt, der das eigene Leben in die Hände des Gesetzes legt und zugleich die Grenze zur hoffnungslosen Verzweiflung berührt: Der Tod wird zum letzten Ort, an dem noch eine Spur von Hoffnung, nämlich Reue vor der Exekution, imaginiert werden kann.

Warum ist das Thema heute relevant für Psychotherapie und Kulturkritik?

Die religiösen Koordinaten der frühen Neuzeit sind vergangen, doch die Struktur ist keineswegs verschwunden. Auch heute finden sich suizidale Fantasien, in denen das Subjekt nicht einfach sterben will, sondern durch den eigenen Untergang eine Schuld tilgen, eine Last beseitigen oder einem imaginierten Anderen endlich Genüge tun möchte.

Die historische Analyse zeigt, dass Trostlosigkeit nicht nur als individuelles Symptom verstanden werden sollte, sondern als Struktur aus Hoffnungslosigkeit, Adressierung an den Anderen und der Suche nach einem gesetzten Sinn des Leidens; Kierkegaard und Lacan liefern dafür zwei komplementäre Lesarten.

Fazit

Die frühneuzeitliche Geschichte des Suicide by Proxy führt in eine Zone, in der Theologie, Recht, Affekt und unbewusste Dynamik untrennbar werden. Wer diese Fälle nur als Abweichung oder Grausamkeit liest, verpasst ihre eigentliche Bedeutung: Sie machen sichtbar, wie eine Kultur Trost, Schuld, Hoffnung und Vernichtung organisiert.

Trostlosigkeit ist dann kein bloßes Innengefühl, sondern eine historische Struktur des Selbstverhältnisses. Zwischen desperatiodesolatio, Kierkegaards Verzweiflung und Lacans großem Anderen lässt sich erkennen, dass das Subjekt gerade dort am gefährdetsten ist, wo ihm nur noch der Tod als symbolisch lesbarer Ausweg bleibt.

Zusammenfassung

  • Trostlosigkeit bedeutete in der frühen Neuzeit häufig desperatio: den Verlust der Hoffnung auf Gnade und Heil.

  • Desolatio bezeichnete demgegenüber die Erfahrung von Verlassenheit, innerer Leere und geistlicher Öde.

  • Suicide by Proxy nahm nach 1650 stark zu und wurde in deutschsprachigen Territorien zu einem ernsthaften sozialen Problem.

  • Täterinnen und Täter begingen Kapitalverbrechen, um rechtsförmig hingerichtet zu werden und vor dem Tod noch bereuen zu können.

  • Besonders häufig wurden Kinder getötet, weil ihre Unschuld als heilsgewiss galt.

  • Konfessionelle Sozialdisziplinierung trug unbeabsichtigt zur Entstehung dieses Musters bei.

  • Kierkegaard hilft, diese Dynamik als Form existentieller Verzweiflung und gestörten Selbstverhältnisses zu lesen.

  • Lacan macht sichtbar, dass die Tat an den großen Anderen adressiert ist: an Gesetz, Gericht und Autorisierung.

  • Das Phänomen zeigt die Grenzen staatlicher Macht, weil Strafrituale selbst zum Medium suizidaler Wunscherfüllung wurden.

  • Sozialpsychologisch verbindet Trostlosigkeit inneres Leiden mit kulturell vorgeprägten Formen von Schuld, Rettung und Opfer.

  • Historische Analyse schärft den Blick für heutige suizidale Fantasien, in denen Selbstvernichtung als Entlastung für Andere imaginiert wird.


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