Trauma-Ökonomie und Katharsis-Kultur: Leiden wird zur Ware, erklärt Darren McGarvey.
Trauma-Ökonomie und Katharsis-Kultur: Leiden wird zur Ware, erklärt Darren McGarvey.
Trauma-Ökonomie und Katharsis-Kultur
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DESCRIPTION: Der schottische Autor Darren McGarvey nennt die Trauma-Ökonomie eine „Katharsis-Kultur“ (Catharsis Culture): das öffentliche Erzählen der eigenen Wunde als Währung. Eine kritische Analyse der Vermarktung persönlicher Schmerzen und was der Traumadiskurs mit echtem Schmerz macht.
Der Trauma-Industrial-Complex: Wenn Leid zur Ware wird
Der schottische Autor Darren McGarvey beschreibt in seinem Buch „Trauma Industrial Complex“ und einem Essay auf seinem Substack, wie das öffentliche Erzählen der eigenen Wunde zu einer Währung geworden ist, zu einer Trauma-Ökonomie. Belohnt wird das Offenlegen von Schmerz mit Likes, Followern, Buchverträgen und Bühnen. Dieser Beitrag untersucht die politische Ökonomie hinter dem Traumadiskurs: Wer an ihm verdient, warum sich der Begriff immer weiter ausdehnt und was mit echtem Leid geschieht, wenn es zur Marke wird. Traumafolgestörungen sind schwer und behandlungsbedürftig. Die Kritik zielt auf die Vermarktung persönlicher Schmerzen, nie auf Hilfe für die Betroffenen.
„Trauma-Industrial-Complex“: Herkunft und Bedeutung des Begriffs
Der Ausdruck spielt auf den „militärisch-industriellen Komplex“ an, jene Verflechtung von Rüstungsindustrie, Politik und Militär, die sich aus dem fortdauernden Zustand der Bedrohung speist. McGarvey überträgt die Figur auf das Feld der psychischen Gesundheit. Gemeint ist ein Geflecht aus Medien, Verlagen, Politik und Onlineplattformen, das aus Traumaerzählungen Profit zieht. Institutionen in diesem Geflecht geben vor, marginalisierten Stimmen Gehör zu verschaffen und gelebte Erfahrung ins Zentrum zu rücken. In der Praxis machen sie das Leiden häufig marktfähig, pressen es in konsumierbare Häppchen und lassen den Erzähler fallen, sobald sein Nutzen erschöpft ist oder seine Geschichte unbequem wird.
McGarvey schreibt aus eigener Erfahrung. Er ist in prekären Verhältnissen im Glasgower Stadtteil Pollok aufgewachsen, tritt als Rapper Loki auf, hat Sucht und Gewalt erlebt und seine Biografie in Büchern wie dem mit dem Orwell Prize ausgezeichneten „Poverty Safari“ verarbeitet. Er kritisiert von innen, denn er hat die eigene Wunde selbst vermarktet. Er kennt den Sog, die eigene Geschichte immer wieder zu erzählen, weil sie gefragt ist und weil sie sich monetarisieren lässt.
Die Verschiebung, die er benennt, betrifft die Funktion von Traumaerzählungen. Ursprünglich sollten sie die Verletzlichen schützen, Missstände sichtbar machen und Verantwortliche unter Druck setzen. In der Aufmerksamkeitsökonomie werden dieselben Erzählungen zu Content, der Reichweite erzeugt und Umsätze generiert. Damit ändert sich, wem sie am Ende dienen.
„Katharsis-Kultur“ (Catharsis Culture): Warum sich Offenlegen wie Heilung anfühlt
„Catharsis Culture“, auf Deutsch Katharsis-Kultur, nennt McGarvey die verbreitete Überzeugung, dass das öffentliche Offenlegen von Schmerz an sich heile, an sich tugendhaft sei und zunehmend zu Sichtbarkeit und sozialem Kapital führe. Diese Kultur lebt von der Gleichung „Ausdruck gleich Erlösung“. Sie verklärt Rohheit und Verletzlichkeit und belohnt jeden, der bereit ist, seine Wunden zu zeigen.
Der Reiz hat eine reale psychologische Grundlage. Über belastende Erfahrungen zu sprechen, entlastet, ordnet die Erfahrung kognitiv und schafft Verbindung. Genau diese echte Erfahrung wird in der Catharsis Culture zur Vorlage gemacht und verallgemeinert. Aus dem geschützten Gespräch mit einem Vertrauten oder einem Therapeuten wird ein Post vor Tausenden Fremden. Die kurze Erleichterung stellt sich ein, die langsame Verarbeitung über Zeit und Vertrauen bleibt aus.
McGarvey weist auf einen Preis hin, den diese Kultur selten mitbedenkt. Sie ermutigt Menschen, ihr Trauma zu präsentieren, bevor sie es durchgearbeitet haben. Wer sich öffentlich entblößt, während die Wunde noch offen ist, riskiert Retraumatisierung, Abhängigkeit von Bestätigung und den Kontrollverlust über die eigene Geschichte, sobald sie einmal im Netz kursiert.
Wie wurde die Wunde zur Währung?
Algorithmen der Aufmerksamkeitsökonomie bevorzugen Inhalte, die starke Gefühle auslösen. Eine drastische Leidensgeschichte erzeugt Empörung, Mitgefühl und Betroffenheit, also genau die Reaktionen, die zu Verweildauer, Kommentaren und Weiterverbreitung führen. Je extremer die Erfahrung, desto mehr Zugkraft, unabhängig davon, ob der Erzähler die Folgen dieser Preisgabe tragen kann.
Aus dieser Zugkraft wird Geld. Reichweite verwandelt sich in Follower, Follower in Kooperationen, Kooperationen in Buchverträge, Podcasts und Bühnenprogramme. Der Verlag, die Plattform und der Veranstalter verdienen mit. Auch das therapeutische Umfeld ist beteiligt, wenn Coaches, Retreats und Onlinekurse mit dem Versprechen der Heilung Kundschaft binden.
In dieser Trauma-Ökonomie wird die Darstellung von Schmerz belohnt, kaum je seine Bewältigung. Der Anreiz liegt darin, die Wunde offen und wiedererkennbar zu halten, weil sie als Marke funktioniert. Genesung dagegen wäre für die Sichtbarkeit unbequem, denn der geheilte Mensch hat keine Geschichte mehr zu verkaufen. Damit stellt das System die Interessen des Betroffenen gegen die Logik der Plattform.
Concept creep: die Ausdehnung des Traumabegriffs
Der Psychologe Nick Haslam hat für die Ausweitung psychologischer Schadensbegriffe den Ausdruck „concept creep“ geprägt. Begriffe wie Trauma, Missbrauch und Sucht haben ihre Bedeutung über die Jahre nach außen und nach unten verschoben. Nach außen, weil immer mehr Erfahrungen darunter fallen, nach unten, weil auch geringere Belastungen als Trauma gelten. Was einmal lebensbedrohliche, oft mit körperlicher Gefahr verbundene traumatische Ereignisse wie einen schweren Unfall bezeichnete, umfasst heute vielfach jede Form von Unbehagen. Parallel dazu wächst eine Flut aus Desinformation und mitunter schädlichen Ratschlägen.
Diese Ausdehnung hat erkennbare Wurzeln. Sie hat Formen von Leid sichtbar gemacht, die früher übersehen wurden, etwa seelische Gewalt oder frühe Vernachlässigung. Zugleich verwischt sie die Grenze zwischen Alltagsbelastung und behandlungsbedürftiger Störung. Wenn Streit in der Familie, das Ende einer Beziehung oder eine unfreundliche Bemerkung schon als Trauma gelesen werden, verliert der Begriff seine Trennschärfe.
Die Traumalinse legt sich so über fast jeden Lebensbereich. Familie, Intimität, Arbeit und Politik werden durch sie betrachtet, jede Reibung als Verletzung gedeutet, jede Erinnerung als Beleg. Diese Deutung erklärt viel und verpflichtet zu wenig. Sie weist dem Einzelnen die Rolle des Verletzten zu und nimmt ihm die des Handelnden.
Nutznießer der Ausweitung: Ratgebermarkt, Medien und Politik
Von einem weit gefassten Traumabegriff profitiert ein ganzer Markt. Ratgeberverlage füllen Regale mit Titeln über Kindheitswunden und Bindungsschäden. Onlinekurse versprechen, das Nervensystem zu regulieren. Influencer erklären in kurzen Videos komplizierte Diagnosen und verweisen auf ihre kostenpflichtigen Angebote. Je mehr Menschen sich als traumatisiert verstehen, desto größer die Zielgruppe.
Auch abseits des Kommerzes gibt es Nutznießer. Medien gewinnen Reichweite mit bewegenden Einzelschicksalen. Politische Akteure können sich mit dem Verweis auf gelebte Erfahrung moralisch absichern, ohne strukturelle Fragen anzugehen. Die Sprache der Verletzung verleiht Aussagen Autorität und immunisiert sie zugleich gegen Widerspruch, weil Kritik am Argument leicht als Kritik am Leid missverstanden wird.
Der Betroffene selbst steht am Ende dieser Kette. Er liefert das Rohmaterial und trägt das Risiko. Sein kurzfristiger Gewinn an Sichtbarkeit steht gegen einen langfristigen Verlust an Privatheit und Kontrolle. McGarveys Warnung lautet, dass die Erzähler zu Kollateralschäden eines Systems werden, das behauptet, ihre Wahrheit ins Zentrum zu stellen.
Echter Schmerz als Marke: Folgen für die Betroffenen
Wird Leid zur Marke, muss es lesbar bleiben. Eine Marke braucht Wiedererkennbarkeit, eine klare Botschaft und ein Publikum. Das drängt komplizierte, widersprüchliche Erfahrungen in ein glattes Format. Die Geschichte wird auf den Kern reduziert, der am besten funktioniert, und immer wieder in dieser Fassung erzählt. Die eigene Vergangenheit gerinnt zur Rolle.
Für die Verarbeitung ist das ungünstig. Heilung lebt von Bewegung, von neuen Deutungen, vom Recht, sich zu verändern und die Geschichte hinter sich zu lassen. Eine öffentlich fixierte Traumaidentität hält den Menschen an seinem schlimmsten Moment fest. Das Publikum erwartet die vertraute Wunde und honoriert Rückfälle stärker als Fortschritte.
Es gibt einen weiteren Effekt, der die Betroffenen insgesamt trifft. Wenn jede Alltagskränkung als Trauma gehandelt wird, droht eine Abstumpfung. Die Aufmerksamkeit für schwere, klinisch eindeutige Traumata und Traumatisierungen verwässert im allgemeinen Rauschen. Wer wirklich unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder anderen Traumafolgestörungen leidet, findet weniger Gehör, weil das Wort inflationär gebraucht wird.
Versorgungslücke, Wartezeiten und Selbstdiagnosen im Netz
Ein Grund für den Boom liegt in der Versorgungslücke. In Deutschland warten Betroffene je nach Region viele Monate auf einen Therapieplatz. In Großbritannien, McGarveys Kontext, sind die Wartelisten des Gesundheitssystems ähnlich lang. Wer Hilfe sucht und keine bezahlbare, zeitnahe Behandlung findet, weicht auf das aus, was verfügbar ist.
Verfügbar sind vor allem Onlineangebote. TikTok und Instagram liefern in Sekunden Erklärungen für jedes Symptom, oft in Form von Selbstdiagnosen. Ein Video reiht Merkmale auf, das Publikum erkennt sich wieder, und aus dem Wiedererkennen wird eine gefühlte Diagnose. So entsteht eine Zuschreibung, die niemand prüft und niemand begleitet. Zwischen echter Aufklärung und Fehlzuschreibung liegt bei diesem Format oft nur ein Klick.
In dieselbe Lücke stoßen teure Pseudotherapien. Wo die reguläre Versorgung fehlt, verkaufen Anbieter Zertifikatsseminare, Atem- und Energiearbeit oder pauschale Traumalösungen ohne belastbaren Wirksamkeitsnachweis. Für Verzweifelte sind solche Versprechen attraktiv und für die Anbieter lukrativ. Die staatliche Unterversorgung wird so zum Geschäftsmodell privater Heilsanbieter.
Ist das öffentliche Erzählen der Wunde politisch?
Von Anfang an hatte das Sprechen über erlittenes Unrecht eine politische Stoßrichtung. Missbrauchsberichte deckten Machtmissbrauch auf, Zeugenaussagen setzten Institutionen unter Druck, kollektive Erzählungen schützten die Schwächsten. Der Zweck lag außerhalb der erzählenden Person, in der Veränderung von Verhältnissen.
In der Aufmerksamkeitsökonomie kippt dieser Zweck längst auch ins Private. Die Erzählung dient dann der eigenen Sichtbarkeit, dem Aufbau einer Reichweite, der Bestätigung durch ein Publikum. Das strukturelle Anliegen tritt in den Hintergrund, während das individuelle Bekenntnis in den Vordergrund rückt. Aus einem Werkzeug der Solidarität wird ein Instrument der Selbstvermarktung.
McGarvey verbindet das mit einer Klassenfrage. Die Wortführer des Traumadiskurses stammen häufig aus gebildeten Milieus, die über die kulturellen Codes und den Zugang zu Bühnen verfügen. Menschen aus ärmeren Verhältnissen, die er im Blick hat, tragen die schwersten Belastungen und haben zugleich am wenigsten davon, wenn Leid zum Karrierebaustein wird. Die Ökonomie des Traumas verteilt Aufmerksamkeit und Ertrag entlang bestehender Ungleichheiten.
McMindfulness und Einsamkeit: dasselbe Muster
Die Kritik am Trauma-Industrial-Complex steht in einer Reihe mit anderen Analysen des therapeutischen Zeitgeists. Der Managementforscher Ronald Purser hat mit „McMindfulness“ gezeigt, wie eine ursprünglich befreiende Praxis zur Ware wurde, die Menschen anpassungsfähiger macht, ohne die Bedingungen ihres Leidens anzutasten. Das Achtsamkeitstraining verlagert die Verantwortung für Stress auf den Einzelnen und lässt die Ursachen unberührt.
Dasselbe Muster zeigt sich beim Trauma. Belastung wird als individuelles Problem verhandelt, das jeder für sich bearbeiten soll, notfalls per gekauftem Kurs. Gesellschaftliche Ursachen wie Armut, prekäre Arbeit oder soziale Isolation geraten aus dem Blick. Die Analyse der Einsamkeit im neoliberalen Kapitalismus, die wir an anderer Stelle im WikiBlog ausführen, benennt denselben Mechanismus: Strukturelle Not wird privatisiert und medikalisiert.
Die Selbstoptimierung schließt den Kreis. Wer sein Trauma reguliert, seine Achtsamkeit trainiert und seine Resilienz steigert, arbeitet am eigenen Ich wie an einem Produkt. Das Versprechen lautet, mit den richtigen Techniken jede Belastung selbst bewältigen zu können. Was dabei verschwindet, ist die Frage, warum so viele Menschen überhaupt so belastet sind.
Wie unterscheidet man Kommodifizierung von echter Traumaarbeit?
Ein erster Prüfstein ist die Richtung des Nutzens. Echte therapeutische Arbeit orientiert sich am Wohl des Betroffenen und an seiner Genesung, auch wenn das bedeutet, die Geschichte irgendwann ruhen zu lassen. Kommodifizierung orientiert sich an Reichweite und Umsatz und braucht die offene Wunde als dauerhaftes Kapital. Die entscheidende Frage lautet, wer von der Erzählung profitiert und was mit dem Erzähler geschieht, wenn er verstummt.
Ein zweiter Prüfstein ist der Rahmen. Verarbeitung braucht Schutz, Zeit und ein Gegenüber, das Verantwortung trägt. Ein Behandlungszimmer bietet Vertraulichkeit und fachliche Begleitung. Eine Plattform bietet ein Publikum und einen Algorithmus. Vor der öffentlichen Preisgabe lohnt die nüchterne Frage, ob die Wunde schon vernarbt genug ist, um die Reaktion Fremder auszuhalten.
Nichts davon spricht gegen das Reden über Trauma. Betroffene haben ein Recht darauf, gehört zu werden, und öffentliche Erzählungen haben reale Missstände beendet. Die Kritik richtet sich gegen ein System, das aus diesem Bedürfnis ein Geschäft macht und die Grenze zwischen Alltagsschmerz und einer behandlungsbedürftigen Traumafolgestörung verwischt, weil das der Verwertung dient. Ein ehrlicher Umgang mit Trauma verlangt beides: das Leid ernst zu nehmen und die Maschine zu durchschauen, die daran verdient.
Das Wichtigste in Kürze
• Der „Trauma-Industrial-Complex“ (Darren McGarvey), auf Deutsch die Trauma-Ökonomie, bezeichnet ein Geflecht aus Medien, Verlagen, Politik und Plattformen, das aus Traumaerzählungen Profit zieht.
• Die „Katharsis-Kultur“ (Catharsis Culture) ist die Überzeugung, öffentliches Offenlegen von Schmerz heile an sich und sei tugendhaft, belohnt mit Likes, Followern und Verträgen.
• Die Aufmerksamkeitsökonomie belohnt die Darstellung von Schmerz und hält die Wunde als Marke offen, während Genesung für die Sichtbarkeit unbequem bleibt.
• Der Traumabegriff dehnt sich aus („concept creep“, Nick Haslam) und verwischt die Grenze zwischen Alltagsbelastung und behandlungsbedürftiger Störung.
• Von der Ausweitung profitieren Ratgebermarkt, Kurse und Medien. Der Betroffene liefert das Rohmaterial und trägt das Risiko.
• Zusammenbrechende Versorgungssysteme mit langen Wartezeiten treiben Menschen in Selbstdiagnosen im Netz und teure Pseudotherapien.
• Die Kritik verbindet sich mit Pursers Achtsamkeitskritik und der Analyse der Einsamkeit: Strukturelle Not wird privatisiert und therapeutisiert.
• Traumafolgestörungen sind schwer und behandlungsbedürftig. Die Kritik zielt auf die Kommodifizierung, nie auf die Betroffenen.
Quellen
• Darren McGarvey: Catharsis Culture and the Trauma Industrial Complex. https://darrenmcgarvey.substack.com/p/catharsis-culture-and-the-trauma
• Darren McGarvey: The Currency of Trauma. https://observer.co.uk/culture/books/article/the-currency-of-trauma
• Darren McGarvey: Trauma Industrial Complex. How Oversharing Became a Product in the Digital World (Ebury/Penguin). https://www.waterstones.com/book/trauma-industrial-complex/darren-mcgarvey/9781529103892
• Goodreads: Trauma Industrial Complex. https://www.goodreads.com/en/book/show/229078772-trauma-industrial-complex
• Nick Haslam: Concept Creep. Psychology’s Expanding Concepts of Harm and Pathology. Psychological Inquiry (2016). https://doi.org/10.1080/1047840X.2016.1082418
• Ronald Purser: McMindfulness. How Mindfulness Became the New Capitalist Spirituality (2019).
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Der Trauma-Industrial-Complex: Wenn Leid zur Ware wird
Der schottische Autor Darren McGarvey beschreibt in seinem Buch „Trauma Industrial Complex“ und einem Essay auf seinem Substack, wie das öffentliche Erzählen der eigenen Wunde zu einer Währung geworden ist, zu einer Trauma-Ökonomie. Belohnt wird das Offenlegen von Schmerz mit Likes, Followern, Buchverträgen und Bühnen. Dieser Beitrag untersucht die politische Ökonomie hinter dem Traumadiskurs: Wer an ihm verdient, warum sich der Begriff immer weiter ausdehnt und was mit echtem Leid geschieht, wenn es zur Marke wird. Traumafolgestörungen sind schwer und behandlungsbedürftig. Die Kritik zielt auf die Vermarktung persönlicher Schmerzen, nie auf Hilfe für die Betroffenen.
„Trauma-Industrial-Complex“: Herkunft und Bedeutung des Begriffs
Der Ausdruck spielt auf den „militärisch-industriellen Komplex“ an, jene Verflechtung von Rüstungsindustrie, Politik und Militär, die sich aus dem fortdauernden Zustand der Bedrohung speist. McGarvey überträgt die Figur auf das Feld der psychischen Gesundheit. Gemeint ist ein Geflecht aus Medien, Verlagen, Politik und Onlineplattformen, das aus Traumaerzählungen Profit zieht. Institutionen in diesem Geflecht geben vor, marginalisierten Stimmen Gehör zu verschaffen und gelebte Erfahrung ins Zentrum zu rücken. In der Praxis machen sie das Leiden häufig marktfähig, pressen es in konsumierbare Häppchen und lassen den Erzähler fallen, sobald sein Nutzen erschöpft ist oder seine Geschichte unbequem wird.
McGarvey schreibt aus eigener Erfahrung. Er ist in prekären Verhältnissen im Glasgower Stadtteil Pollok aufgewachsen, tritt als Rapper Loki auf, hat Sucht und Gewalt erlebt und seine Biografie in Büchern wie dem mit dem Orwell Prize ausgezeichneten „Poverty Safari“ verarbeitet. Er kritisiert von innen, denn er hat die eigene Wunde selbst vermarktet. Er kennt den Sog, die eigene Geschichte immer wieder zu erzählen, weil sie gefragt ist und weil sie sich monetarisieren lässt.
Die Verschiebung, die er benennt, betrifft die Funktion von Traumaerzählungen. Ursprünglich sollten sie die Verletzlichen schützen, Missstände sichtbar machen und Verantwortliche unter Druck setzen. In der Aufmerksamkeitsökonomie werden dieselben Erzählungen zu Content, der Reichweite erzeugt und Umsätze generiert. Damit ändert sich, wem sie am Ende dienen.
„Katharsis-Kultur“ (Catharsis Culture): Warum sich Offenlegen wie Heilung anfühlt
„Catharsis Culture“, auf Deutsch Katharsis-Kultur, nennt McGarvey die verbreitete Überzeugung, dass das öffentliche Offenlegen von Schmerz an sich heile, an sich tugendhaft sei und zunehmend zu Sichtbarkeit und sozialem Kapital führe. Diese Kultur lebt von der Gleichung „Ausdruck gleich Erlösung“. Sie verklärt Rohheit und Verletzlichkeit und belohnt jeden, der bereit ist, seine Wunden zu zeigen.
Der Reiz hat eine reale psychologische Grundlage. Über belastende Erfahrungen zu sprechen, entlastet, ordnet die Erfahrung kognitiv und schafft Verbindung. Genau diese echte Erfahrung wird in der Catharsis Culture zur Vorlage gemacht und verallgemeinert. Aus dem geschützten Gespräch mit einem Vertrauten oder einem Therapeuten wird ein Post vor Tausenden Fremden. Die kurze Erleichterung stellt sich ein, die langsame Verarbeitung über Zeit und Vertrauen bleibt aus.
McGarvey weist auf einen Preis hin, den diese Kultur selten mitbedenkt. Sie ermutigt Menschen, ihr Trauma zu präsentieren, bevor sie es durchgearbeitet haben. Wer sich öffentlich entblößt, während die Wunde noch offen ist, riskiert Retraumatisierung, Abhängigkeit von Bestätigung und den Kontrollverlust über die eigene Geschichte, sobald sie einmal im Netz kursiert.
Wie wurde die Wunde zur Währung?
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In dieser Trauma-Ökonomie wird die Darstellung von Schmerz belohnt, kaum je seine Bewältigung. Der Anreiz liegt darin, die Wunde offen und wiedererkennbar zu halten, weil sie als Marke funktioniert. Genesung dagegen wäre für die Sichtbarkeit unbequem, denn der geheilte Mensch hat keine Geschichte mehr zu verkaufen. Damit stellt das System die Interessen des Betroffenen gegen die Logik der Plattform.
Concept creep: die Ausdehnung des Traumabegriffs
Der Psychologe Nick Haslam hat für die Ausweitung psychologischer Schadensbegriffe den Ausdruck „concept creep“ geprägt. Begriffe wie Trauma, Missbrauch und Sucht haben ihre Bedeutung über die Jahre nach außen und nach unten verschoben. Nach außen, weil immer mehr Erfahrungen darunter fallen, nach unten, weil auch geringere Belastungen als Trauma gelten. Was einmal lebensbedrohliche, oft mit körperlicher Gefahr verbundene traumatische Ereignisse wie einen schweren Unfall bezeichnete, umfasst heute vielfach jede Form von Unbehagen. Parallel dazu wächst eine Flut aus Desinformation und mitunter schädlichen Ratschlägen.
Diese Ausdehnung hat erkennbare Wurzeln. Sie hat Formen von Leid sichtbar gemacht, die früher übersehen wurden, etwa seelische Gewalt oder frühe Vernachlässigung. Zugleich verwischt sie die Grenze zwischen Alltagsbelastung und behandlungsbedürftiger Störung. Wenn Streit in der Familie, das Ende einer Beziehung oder eine unfreundliche Bemerkung schon als Trauma gelesen werden, verliert der Begriff seine Trennschärfe.
Die Traumalinse legt sich so über fast jeden Lebensbereich. Familie, Intimität, Arbeit und Politik werden durch sie betrachtet, jede Reibung als Verletzung gedeutet, jede Erinnerung als Beleg. Diese Deutung erklärt viel und verpflichtet zu wenig. Sie weist dem Einzelnen die Rolle des Verletzten zu und nimmt ihm die des Handelnden.
Nutznießer der Ausweitung: Ratgebermarkt, Medien und Politik
Von einem weit gefassten Traumabegriff profitiert ein ganzer Markt. Ratgeberverlage füllen Regale mit Titeln über Kindheitswunden und Bindungsschäden. Onlinekurse versprechen, das Nervensystem zu regulieren. Influencer erklären in kurzen Videos komplizierte Diagnosen und verweisen auf ihre kostenpflichtigen Angebote. Je mehr Menschen sich als traumatisiert verstehen, desto größer die Zielgruppe.
Auch abseits des Kommerzes gibt es Nutznießer. Medien gewinnen Reichweite mit bewegenden Einzelschicksalen. Politische Akteure können sich mit dem Verweis auf gelebte Erfahrung moralisch absichern, ohne strukturelle Fragen anzugehen. Die Sprache der Verletzung verleiht Aussagen Autorität und immunisiert sie zugleich gegen Widerspruch, weil Kritik am Argument leicht als Kritik am Leid missverstanden wird.
Der Betroffene selbst steht am Ende dieser Kette. Er liefert das Rohmaterial und trägt das Risiko. Sein kurzfristiger Gewinn an Sichtbarkeit steht gegen einen langfristigen Verlust an Privatheit und Kontrolle. McGarveys Warnung lautet, dass die Erzähler zu Kollateralschäden eines Systems werden, das behauptet, ihre Wahrheit ins Zentrum zu stellen.
Echter Schmerz als Marke: Folgen für die Betroffenen
Wird Leid zur Marke, muss es lesbar bleiben. Eine Marke braucht Wiedererkennbarkeit, eine klare Botschaft und ein Publikum. Das drängt komplizierte, widersprüchliche Erfahrungen in ein glattes Format. Die Geschichte wird auf den Kern reduziert, der am besten funktioniert, und immer wieder in dieser Fassung erzählt. Die eigene Vergangenheit gerinnt zur Rolle.
Für die Verarbeitung ist das ungünstig. Heilung lebt von Bewegung, von neuen Deutungen, vom Recht, sich zu verändern und die Geschichte hinter sich zu lassen. Eine öffentlich fixierte Traumaidentität hält den Menschen an seinem schlimmsten Moment fest. Das Publikum erwartet die vertraute Wunde und honoriert Rückfälle stärker als Fortschritte.
Es gibt einen weiteren Effekt, der die Betroffenen insgesamt trifft. Wenn jede Alltagskränkung als Trauma gehandelt wird, droht eine Abstumpfung. Die Aufmerksamkeit für schwere, klinisch eindeutige Traumata und Traumatisierungen verwässert im allgemeinen Rauschen. Wer wirklich unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder anderen Traumafolgestörungen leidet, findet weniger Gehör, weil das Wort inflationär gebraucht wird.
Versorgungslücke, Wartezeiten und Selbstdiagnosen im Netz
Ein Grund für den Boom liegt in der Versorgungslücke. In Deutschland warten Betroffene je nach Region viele Monate auf einen Therapieplatz. In Großbritannien, McGarveys Kontext, sind die Wartelisten des Gesundheitssystems ähnlich lang. Wer Hilfe sucht und keine bezahlbare, zeitnahe Behandlung findet, weicht auf das aus, was verfügbar ist.
Verfügbar sind vor allem Onlineangebote. TikTok und Instagram liefern in Sekunden Erklärungen für jedes Symptom, oft in Form von Selbstdiagnosen. Ein Video reiht Merkmale auf, das Publikum erkennt sich wieder, und aus dem Wiedererkennen wird eine gefühlte Diagnose. So entsteht eine Zuschreibung, die niemand prüft und niemand begleitet. Zwischen echter Aufklärung und Fehlzuschreibung liegt bei diesem Format oft nur ein Klick.
In dieselbe Lücke stoßen teure Pseudotherapien. Wo die reguläre Versorgung fehlt, verkaufen Anbieter Zertifikatsseminare, Atem- und Energiearbeit oder pauschale Traumalösungen ohne belastbaren Wirksamkeitsnachweis. Für Verzweifelte sind solche Versprechen attraktiv und für die Anbieter lukrativ. Die staatliche Unterversorgung wird so zum Geschäftsmodell privater Heilsanbieter.
Ist das öffentliche Erzählen der Wunde politisch?
Von Anfang an hatte das Sprechen über erlittenes Unrecht eine politische Stoßrichtung. Missbrauchsberichte deckten Machtmissbrauch auf, Zeugenaussagen setzten Institutionen unter Druck, kollektive Erzählungen schützten die Schwächsten. Der Zweck lag außerhalb der erzählenden Person, in der Veränderung von Verhältnissen.
In der Aufmerksamkeitsökonomie kippt dieser Zweck längst auch ins Private. Die Erzählung dient dann der eigenen Sichtbarkeit, dem Aufbau einer Reichweite, der Bestätigung durch ein Publikum. Das strukturelle Anliegen tritt in den Hintergrund, während das individuelle Bekenntnis in den Vordergrund rückt. Aus einem Werkzeug der Solidarität wird ein Instrument der Selbstvermarktung.
McGarvey verbindet das mit einer Klassenfrage. Die Wortführer des Traumadiskurses stammen häufig aus gebildeten Milieus, die über die kulturellen Codes und den Zugang zu Bühnen verfügen. Menschen aus ärmeren Verhältnissen, die er im Blick hat, tragen die schwersten Belastungen und haben zugleich am wenigsten davon, wenn Leid zum Karrierebaustein wird. Die Ökonomie des Traumas verteilt Aufmerksamkeit und Ertrag entlang bestehender Ungleichheiten.
McMindfulness und Einsamkeit: dasselbe Muster
Die Kritik am Trauma-Industrial-Complex steht in einer Reihe mit anderen Analysen des therapeutischen Zeitgeists. Der Managementforscher Ronald Purser hat mit „McMindfulness“ gezeigt, wie eine ursprünglich befreiende Praxis zur Ware wurde, die Menschen anpassungsfähiger macht, ohne die Bedingungen ihres Leidens anzutasten. Das Achtsamkeitstraining verlagert die Verantwortung für Stress auf den Einzelnen und lässt die Ursachen unberührt.
Dasselbe Muster zeigt sich beim Trauma. Belastung wird als individuelles Problem verhandelt, das jeder für sich bearbeiten soll, notfalls per gekauftem Kurs. Gesellschaftliche Ursachen wie Armut, prekäre Arbeit oder soziale Isolation geraten aus dem Blick. Die Analyse der Einsamkeit im neoliberalen Kapitalismus, die wir an anderer Stelle im WikiBlog ausführen, benennt denselben Mechanismus: Strukturelle Not wird privatisiert und medikalisiert.
Die Selbstoptimierung schließt den Kreis. Wer sein Trauma reguliert, seine Achtsamkeit trainiert und seine Resilienz steigert, arbeitet am eigenen Ich wie an einem Produkt. Das Versprechen lautet, mit den richtigen Techniken jede Belastung selbst bewältigen zu können. Was dabei verschwindet, ist die Frage, warum so viele Menschen überhaupt so belastet sind.
Wie unterscheidet man Kommodifizierung von echter Traumaarbeit?
Ein erster Prüfstein ist die Richtung des Nutzens. Echte therapeutische Arbeit orientiert sich am Wohl des Betroffenen und an seiner Genesung, auch wenn das bedeutet, die Geschichte irgendwann ruhen zu lassen. Kommodifizierung orientiert sich an Reichweite und Umsatz und braucht die offene Wunde als dauerhaftes Kapital. Die entscheidende Frage lautet, wer von der Erzählung profitiert und was mit dem Erzähler geschieht, wenn er verstummt.
Ein zweiter Prüfstein ist der Rahmen. Verarbeitung braucht Schutz, Zeit und ein Gegenüber, das Verantwortung trägt. Ein Behandlungszimmer bietet Vertraulichkeit und fachliche Begleitung. Eine Plattform bietet ein Publikum und einen Algorithmus. Vor der öffentlichen Preisgabe lohnt die nüchterne Frage, ob die Wunde schon vernarbt genug ist, um die Reaktion Fremder auszuhalten.
Nichts davon spricht gegen das Reden über Trauma. Betroffene haben ein Recht darauf, gehört zu werden, und öffentliche Erzählungen haben reale Missstände beendet. Die Kritik richtet sich gegen ein System, das aus diesem Bedürfnis ein Geschäft macht und die Grenze zwischen Alltagsschmerz und einer behandlungsbedürftigen Traumafolgestörung verwischt, weil das der Verwertung dient. Ein ehrlicher Umgang mit Trauma verlangt beides: das Leid ernst zu nehmen und die Maschine zu durchschauen, die daran verdient.
Das Wichtigste in Kürze
• Der „Trauma-Industrial-Complex“ (Darren McGarvey), auf Deutsch die Trauma-Ökonomie, bezeichnet ein Geflecht aus Medien, Verlagen, Politik und Plattformen, das aus Traumaerzählungen Profit zieht.
• Die „Katharsis-Kultur“ (Catharsis Culture) ist die Überzeugung, öffentliches Offenlegen von Schmerz heile an sich und sei tugendhaft, belohnt mit Likes, Followern und Verträgen.
• Die Aufmerksamkeitsökonomie belohnt die Darstellung von Schmerz und hält die Wunde als Marke offen, während Genesung für die Sichtbarkeit unbequem bleibt.
• Der Traumabegriff dehnt sich aus („concept creep“, Nick Haslam) und verwischt die Grenze zwischen Alltagsbelastung und behandlungsbedürftiger Störung.
• Von der Ausweitung profitieren Ratgebermarkt, Kurse und Medien. Der Betroffene liefert das Rohmaterial und trägt das Risiko.
• Zusammenbrechende Versorgungssysteme mit langen Wartezeiten treiben Menschen in Selbstdiagnosen im Netz und teure Pseudotherapien.
• Die Kritik verbindet sich mit Pursers Achtsamkeitskritik und der Analyse der Einsamkeit: Strukturelle Not wird privatisiert und therapeutisiert.
• Traumafolgestörungen sind schwer und behandlungsbedürftig. Die Kritik zielt auf die Kommodifizierung, nie auf die Betroffenen.
Quellen
• Darren McGarvey: Catharsis Culture and the Trauma Industrial Complex. https://darrenmcgarvey.substack.com/p/catharsis-culture-and-the-trauma
• Darren McGarvey: The Currency of Trauma. https://observer.co.uk/culture/books/article/the-currency-of-trauma
• Darren McGarvey: Trauma Industrial Complex. How Oversharing Became a Product in the Digital World (Ebury/Penguin). https://www.waterstones.com/book/trauma-industrial-complex/darren-mcgarvey/9781529103892
• Goodreads: Trauma Industrial Complex. https://www.goodreads.com/en/book/show/229078772-trauma-industrial-complex
• Nick Haslam: Concept Creep. Psychology’s Expanding Concepts of Harm and Pathology. Psychological Inquiry (2016). https://doi.org/10.1080/1047840X.2016.1082418
• Ronald Purser: McMindfulness. How Mindfulness Became the New Capitalist Spirituality (2019).
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