Vögel und Psyche: Wie Vogelgezwitscher das Wohlbefinden stärkt

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Vögel und Psyche

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eine frau schaut auf ihren garten, sie steht im haus und die tür ist offen

DESCRIPTION: Vogelgesang hebt das Wohlbefinden über Stunden, auch bei Depression. Wie „soft fascination“ laut der Attention-Restoration-Theorie das erschöpfte Nervensystem erholt.

Vogelgezwitscher und die Attention Restoration Theory: Wie der Blick auf die Natur das Gehirn erholt

Warum beruhigt ein Spaziergang in der Natur das überreizte Gehirn? Eine Antwort gibt die Attention Restoration Theory von Rachel und Stephen Kaplan. Gerichtete Aufmerksamkeit ermüdet, während weiche Faszination erholsam ist, und Vogelgezwitscher, Grünflächen und der Blick auf die Natur bedeuten für Wohlbefinden und psychische Gesundheit. Dazu kommen die Forschungslage und die wichtigste Kritik.

Was ist die Attention Restoration Theory?

Die Attention Restoration Theory beschreibt, wie natürliche Umgebungen die erschöpfte Aufmerksamkeit erholen. Der Grundgedanke: Konzentrierte Kopfarbeit zehrt an einer begrenzten Kapazität, und der Aufenthalt in der Natur lädt sie wieder auf. Aus dieser Theorie der Wiederherstellung der Aufmerksamkeit, wie sie Stephen und Rachel Kaplan formuliert haben, hat sich ein eigener Zweig der Umweltpsychologie entwickelt.

Im Kern unterscheidet das Modell zwei Formen von Aufmerksamkeit. Die gezielte, willentliche Aufmerksamkeit kostet Kraft und ermüdet. Eine andere Form springt von selbst an, wenn etwas sanft die Sinne fesselt, etwa Wolken am Himmel oder Vogelgesang. Genau diese zweite Form macht Naturerfahrung erholsam.

Rachel und Stephen Kaplan: Die Wurzeln in der Umweltpsychologie

Die Theorie geht auf Rachel und Stephen Kaplan zurück, ein Forscherpaar an der University of Michigan. In den 1980er Jahren entwickelten sie ihr Modell und fassten es 1989 in ihrem Buch über die Erfahrung der Natur als psychologische Kraftquelle zusammen. Ihre Arbeit prägt die Umweltpsychologie bis heute.

Stephen Kaplan kam von der allgemeinen Psychologie, Rachel Kaplan von der Umwelt- und Landschaftsforschung. Gemeinsam fragten sie, warum Menschen den Aufenthalt in Naturlandschaften als wohltuend erleben. Ihre Antwort verband Aufmerksamkeitsforschung mit der konkreten Gestaltung von Räumen.

Gerichtete Aufmerksamkeit und geistige Ermüdung: Warum wir ermüden

Gerichtete Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, sich willentlich auf eine Sache zu konzentrieren und Ablenkungen auszublenden. Sie steckt hinter jeder Tätigkeit, die Anstrengung erfordert, vom Lernen bis zur Bildschirmarbeit. Diese gezielte Aufmerksamkeit ist begrenzt; solche Tätigkeiten ermüden sie mit der Zeit.

Hält die Beanspruchung an, entsteht eine geistige Ermüdung. Die mentale Müdigkeit zeigt sich als Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit und Fehleranfälligkeit. Die Forscherin Bernadine Cimprich beschrieb diese Erschöpfung der gerichteten Aufmerksamkeit eindrücklich bei Menschen in belastenden Lebenslagen.

Ähnlich wie bei der Selbstkontrolle handelt es sich um eine Fähigkeit, die sich verbraucht, aber wieder aufbauen lässt. Forscher wie Siegfried Dewitte untersuchen Selbstkontrolle als begrenzte Ressource, auch wenn solche Modelle in Teilen umstritten sind. Der Gedanke der erschöpfbaren und erholbaren Kapazität steht hinter der Theorie der Wiederherstellung.

Wie erholt die Natur die Aufmerksamkeit?

Die Erholung gelingt, weil die Natur der gerichteten Aufmerksamkeit eine Pause gönnt. Statt sich willentlich zu konzentrieren, lässt man sich von sanften Reizen tragen. Diese Form der Wahrnehmung verlangt keine Anstrengung und gibt der erschöpften Kapazität Zeit, sich zu erholen.

So wird aus einem einfachen Erlebnis in der Natur eine wirksame Stressreduktion. Während die gezielte Aufmerksamkeit pausiert, ordnen sich Gedanken, und die Aufmerksamkeitsfähigkeit kehrt zurück. Eine schlichte Naturerfahrung wird so zu Erholung für das überlastete System.

Weiche und harte Faszination: Was ist der Unterschied?

Die Kaplans unterscheiden zwei Arten der Faszination. Die weiche Faszination ist sanft und unaufdringlich. Ein Blick auf die Natur, ziehende Wolken, raschelnde Blätter oder Vogelgezwitscher fesseln die Sinne, ohne sie zu einzuengen, und lassen Raum für eigene Gedanken.

Die harte Faszination dagegen nimmt die Aufmerksamkeit vollständig in Beschlag, etwa wie in einem Actionfilm oder in einem hektischen, geschäftigen Umfeld. Sie kann unterhalten, lässt aber keinen Raum zum Nachdenken. Für die Erholung zählen beide Arten der Faszination unterschiedlich: Die weiche Variante wirkt erholsam, die harte bindet nur.

Die vier Merkmale erholsamer Umgebungen

Nach dem Modell wirken Räume dann erholsam, wenn vier Merkmale zusammenkommen. Das erste ist das Weg-Sein, das Gefühl, dem Alltag entrückt zu sein. Das zweite ist die weiche Faszination, die sanfte Ansprache der Sinne. Hinzu kommen ein Gefühl von Weite und die Passung zwischen Umgebung und eigenen Bedürfnissen.

Diese Effekte solcher Umgebungen lassen sich messen. Die Forschungsgruppe um Terry Hartig entwickelte dafür eine Skala der wahrgenommenen Erholsamkeit, die sogenannte Restorativeness-Skala. So wird vergleichbar, wie stark verschiedene Räume die Aufmerksamkeit wiederherstellen.

Vogelgezwitscher und der Blick auf die Natur

Vogelgezwitscher ist ein Musterbeispiel für weiche Faszination. Der Klang ist da, ohne sich aufzudrängen, und richtet die Wahrnehmung sanft nach außen. Eine smartphonebasierte Studie der Forschungsgruppe um die App „Urban Mind“ zeigte, dass das Hören von Vogelgesang das Wohlbefinden über Stunden hebt, auch bei Menschen mit einer Depression.

Schon ein kurzer Blick auf die Natur kann so wirken. Wolken am Himmel, ein Baum vor dem Fenster oder Vogelstimmen im Hintergrund holen die Aufmerksamkeit aus dem Grübeln. Diese kleinen Naturerfahrungen sind im Alltag fast überall verfügbar.

Was sagt die Forschung? Ohly, Hartig und Cimprich

Die Forschungslage stützt die Grundidee, fällt aber gemischt aus. Eine vielzitierte Übersicht ist die systematische Auswertung von Ohly und Kollegen (Ohly et al.). Die Forschungsgruppe um Ohly, Wheeler, Bethel, Ukoumunne, Nikolaou und Garside prüfte zahlreiche Experimente zur Exposition gegenüber natürlichen Umgebungen und fand für einen Teil der Aufmerksamkeitstests positive Effekte.

Frühe Experimente kamen aus der Arbeitsgruppe um Terry Hartig. Eine Studie von Hartig im Journal of Environmental Psychology zeigte, dass ein Spaziergang in der Natur die kognitive Leistung stärker hob als ein vergleichbarer Weg durch die Stadt. Bernadine Cimprich wiederum belegte, dass gezielte Naturzeit die Aufmerksamkeit von erschöpften Menschen messbar verbesserte.

Insgesamt sprechen die Daten für eine positive Wirkung der Natur auf die kognitive Leistungsfähigkeit, wenn auch die Effektstärken schwanken. Der Aufenthalt in der freien Natur bleibt eine der am besten untersuchten einfachen Erholungsformen.

Stressreduktion, Wohlbefinden und psychische Gesundheit

Über die Aufmerksamkeit hinaus wirkt Natur auf das gesamte Befinden. Regelmäßiger Naturkontakt senkt Anspannung, hebt die Stimmung und kann depressive und ängstliche Gedanken lindern. So verbindet sich die Aufmerksamkeitserholung mit einer breiteren Stressreduktion.

Bevölkerungsdaten deuten an, dass rund zwei Stunden pro Woche in der Natur mit besserer Gesundheit und das Wohlbefinden steigerndem Erleben einhergehen. Für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden zählt dabei die Regelmäßigkeit mehr als die einzelne große Dosis. Schon kleine, verlässliche Naturmomente tragen zur psychischen Gesundheit bei.

Natur in der Stadt: Grünflächen als begrenzte Ressource

In der Stadt ist erholsame Natur knapp. Städtische Umgebungen sind oft laut, voll und geschäftig und beanspruchen die gerichtete Aufmerksamkeit zusätzlich. Eine Grünfläche, ein Hof mit Bäumen oder städtische Parks bieten hier kleine Inseln der Erholung.

Damit wird Natur in der Stadt zu einem knappen Gut, das ungleich verteilt ist. Wer Zugang zu Grün hat, kann seine Aufmerksamkeit leichter regenerieren. Die Umweltpsychologie verweist deshalb auf die Bedeutung wohnortnaher Naturlandschaften und Grünräume.

Allgemeine Kritik an der Attention Restoration Theory

Die Theorie hat auch Kritik erfahren. Eine allgemeine Kritik betrifft die theoretische Schärfe der Begriffe: Forscher wie Yannick Joye fragen, ob der Begriff der Faszination klar genug definiert ist. Auch die Abgrenzung von reiner Stresserholung bleibt umstritten.

Methodisch verweisen Kritiker zu Recht auf kleine Stichproben und schwankende Effektstärken. Arbeiten etwa von Gary Evans betonen, dass städtische Belastung viele Ursachen hat und die Kompatibilität zwischen Mensch und Umgebung schwer zu fassen ist. Die Grundbeobachtung, dass Natur die Aufmerksamkeit erholt, bleibt davon unberührt.

Was heißt das für den Alltag? Zeit in der Natur nutzen

Neben der anfechtbaren Theorie ergeben sich jedoch aus den Beobachtungen einfache Empfehlungen. Wer Zeit in der Natur verbringt, regelmäßig und ohne Leistungsdruck, kann seine Konzentrationsfähigkeit verbessern und Stress abbauen. Ein täglicher kurzer Spaziergang in der Natur wirkt oft mehr als ein seltener langer Ausflug.

Praktisch helfen kleine Gewohnheiten: bewusst Vogelstimmen hören, den Blick auf die Natur suchen, eine natürliche Umgebung am Arbeitsweg einbauen. Wer mehr Zeit in der Natur verbringen will, findet so leicht Gelegenheiten. Solche Naturmomente sind niedrigschwellig und kostenlos. Eine ernste Erkrankung ersetzen sie nicht, doch als Ergänzung sind sie wertvoll.

Das Wichtigste in Kürze

•             Die Attention Restoration Theory von Rachel und Stephen Kaplan will erklären, wie natürliche Räume die erschöpfte Aufmerksamkeit wiederherstellen.

•             Gerichtete Aufmerksamkeit ist danach eine begrenzte Ressource und führt bei Dauerbelastung zu geistiger Ermüdung.

•             Weiche Faszination, etwa Vogelgezwitscher oder Wolken am Himmel, erholt ohne Anstrengung; harte Faszination bindet nur.

•             Erholsame Umgebungen verbinden Weg-Sein, Faszination, Weite und Kompatibilität; messbar über die Restorativeness-Skala von Hartig.

•             Die Forschung von Ohly und Kollegen, Hartig und Cimprich stützt positive Effekte auf die Aufmerksamkeit, mit schwankenden Effektstärken.

•             Natur fördert Stressreduktion und psychische Gesundheit; rund zwei Stunden pro Woche in der Natur tun gut.

•             In der Stadt sind Grünflächen ein knappes Gut; schon ein kurzer Blick auf die Natur hilft.

Quellen

•             Ohly et al.: Attention Restoration Theory — a systematic review, Journal of Toxicology and Environmental Health (2016)

•             Kaplan: The restorative benefits of nature — toward an integrative framework, Journal of Environmental Psychology (1995)

•             Hammoud et al.: Smartphone-based assessment reveals mental health benefits of birdlife, Scientific Reports / Nature (2022)

•             White et al.: Spending at least 120 minutes a week in nature is associated with good health, Scientific Reports (2019)


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DESCRIPTION: Vogelgesang hebt das Wohlbefinden über Stunden, auch bei Depression. Wie „soft fascination“ laut der Attention-Restoration-Theorie das erschöpfte Nervensystem erholt.

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Warum beruhigt ein Spaziergang in der Natur das überreizte Gehirn? Eine Antwort gibt die Attention Restoration Theory von Rachel und Stephen Kaplan. Gerichtete Aufmerksamkeit ermüdet, während weiche Faszination erholsam ist, und Vogelgezwitscher, Grünflächen und der Blick auf die Natur bedeuten für Wohlbefinden und psychische Gesundheit. Dazu kommen die Forschungslage und die wichtigste Kritik.

Was ist die Attention Restoration Theory?

Die Attention Restoration Theory beschreibt, wie natürliche Umgebungen die erschöpfte Aufmerksamkeit erholen. Der Grundgedanke: Konzentrierte Kopfarbeit zehrt an einer begrenzten Kapazität, und der Aufenthalt in der Natur lädt sie wieder auf. Aus dieser Theorie der Wiederherstellung der Aufmerksamkeit, wie sie Stephen und Rachel Kaplan formuliert haben, hat sich ein eigener Zweig der Umweltpsychologie entwickelt.

Im Kern unterscheidet das Modell zwei Formen von Aufmerksamkeit. Die gezielte, willentliche Aufmerksamkeit kostet Kraft und ermüdet. Eine andere Form springt von selbst an, wenn etwas sanft die Sinne fesselt, etwa Wolken am Himmel oder Vogelgesang. Genau diese zweite Form macht Naturerfahrung erholsam.

Rachel und Stephen Kaplan: Die Wurzeln in der Umweltpsychologie

Die Theorie geht auf Rachel und Stephen Kaplan zurück, ein Forscherpaar an der University of Michigan. In den 1980er Jahren entwickelten sie ihr Modell und fassten es 1989 in ihrem Buch über die Erfahrung der Natur als psychologische Kraftquelle zusammen. Ihre Arbeit prägt die Umweltpsychologie bis heute.

Stephen Kaplan kam von der allgemeinen Psychologie, Rachel Kaplan von der Umwelt- und Landschaftsforschung. Gemeinsam fragten sie, warum Menschen den Aufenthalt in Naturlandschaften als wohltuend erleben. Ihre Antwort verband Aufmerksamkeitsforschung mit der konkreten Gestaltung von Räumen.

Gerichtete Aufmerksamkeit und geistige Ermüdung: Warum wir ermüden

Gerichtete Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, sich willentlich auf eine Sache zu konzentrieren und Ablenkungen auszublenden. Sie steckt hinter jeder Tätigkeit, die Anstrengung erfordert, vom Lernen bis zur Bildschirmarbeit. Diese gezielte Aufmerksamkeit ist begrenzt; solche Tätigkeiten ermüden sie mit der Zeit.

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Ähnlich wie bei der Selbstkontrolle handelt es sich um eine Fähigkeit, die sich verbraucht, aber wieder aufbauen lässt. Forscher wie Siegfried Dewitte untersuchen Selbstkontrolle als begrenzte Ressource, auch wenn solche Modelle in Teilen umstritten sind. Der Gedanke der erschöpfbaren und erholbaren Kapazität steht hinter der Theorie der Wiederherstellung.

Wie erholt die Natur die Aufmerksamkeit?

Die Erholung gelingt, weil die Natur der gerichteten Aufmerksamkeit eine Pause gönnt. Statt sich willentlich zu konzentrieren, lässt man sich von sanften Reizen tragen. Diese Form der Wahrnehmung verlangt keine Anstrengung und gibt der erschöpften Kapazität Zeit, sich zu erholen.

So wird aus einem einfachen Erlebnis in der Natur eine wirksame Stressreduktion. Während die gezielte Aufmerksamkeit pausiert, ordnen sich Gedanken, und die Aufmerksamkeitsfähigkeit kehrt zurück. Eine schlichte Naturerfahrung wird so zu Erholung für das überlastete System.

Weiche und harte Faszination: Was ist der Unterschied?

Die Kaplans unterscheiden zwei Arten der Faszination. Die weiche Faszination ist sanft und unaufdringlich. Ein Blick auf die Natur, ziehende Wolken, raschelnde Blätter oder Vogelgezwitscher fesseln die Sinne, ohne sie zu einzuengen, und lassen Raum für eigene Gedanken.

Die harte Faszination dagegen nimmt die Aufmerksamkeit vollständig in Beschlag, etwa wie in einem Actionfilm oder in einem hektischen, geschäftigen Umfeld. Sie kann unterhalten, lässt aber keinen Raum zum Nachdenken. Für die Erholung zählen beide Arten der Faszination unterschiedlich: Die weiche Variante wirkt erholsam, die harte bindet nur.

Die vier Merkmale erholsamer Umgebungen

Nach dem Modell wirken Räume dann erholsam, wenn vier Merkmale zusammenkommen. Das erste ist das Weg-Sein, das Gefühl, dem Alltag entrückt zu sein. Das zweite ist die weiche Faszination, die sanfte Ansprache der Sinne. Hinzu kommen ein Gefühl von Weite und die Passung zwischen Umgebung und eigenen Bedürfnissen.

Diese Effekte solcher Umgebungen lassen sich messen. Die Forschungsgruppe um Terry Hartig entwickelte dafür eine Skala der wahrgenommenen Erholsamkeit, die sogenannte Restorativeness-Skala. So wird vergleichbar, wie stark verschiedene Räume die Aufmerksamkeit wiederherstellen.

Vogelgezwitscher und der Blick auf die Natur

Vogelgezwitscher ist ein Musterbeispiel für weiche Faszination. Der Klang ist da, ohne sich aufzudrängen, und richtet die Wahrnehmung sanft nach außen. Eine smartphonebasierte Studie der Forschungsgruppe um die App „Urban Mind“ zeigte, dass das Hören von Vogelgesang das Wohlbefinden über Stunden hebt, auch bei Menschen mit einer Depression.

Schon ein kurzer Blick auf die Natur kann so wirken. Wolken am Himmel, ein Baum vor dem Fenster oder Vogelstimmen im Hintergrund holen die Aufmerksamkeit aus dem Grübeln. Diese kleinen Naturerfahrungen sind im Alltag fast überall verfügbar.

Was sagt die Forschung? Ohly, Hartig und Cimprich

Die Forschungslage stützt die Grundidee, fällt aber gemischt aus. Eine vielzitierte Übersicht ist die systematische Auswertung von Ohly und Kollegen (Ohly et al.). Die Forschungsgruppe um Ohly, Wheeler, Bethel, Ukoumunne, Nikolaou und Garside prüfte zahlreiche Experimente zur Exposition gegenüber natürlichen Umgebungen und fand für einen Teil der Aufmerksamkeitstests positive Effekte.

Frühe Experimente kamen aus der Arbeitsgruppe um Terry Hartig. Eine Studie von Hartig im Journal of Environmental Psychology zeigte, dass ein Spaziergang in der Natur die kognitive Leistung stärker hob als ein vergleichbarer Weg durch die Stadt. Bernadine Cimprich wiederum belegte, dass gezielte Naturzeit die Aufmerksamkeit von erschöpften Menschen messbar verbesserte.

Insgesamt sprechen die Daten für eine positive Wirkung der Natur auf die kognitive Leistungsfähigkeit, wenn auch die Effektstärken schwanken. Der Aufenthalt in der freien Natur bleibt eine der am besten untersuchten einfachen Erholungsformen.

Stressreduktion, Wohlbefinden und psychische Gesundheit

Über die Aufmerksamkeit hinaus wirkt Natur auf das gesamte Befinden. Regelmäßiger Naturkontakt senkt Anspannung, hebt die Stimmung und kann depressive und ängstliche Gedanken lindern. So verbindet sich die Aufmerksamkeitserholung mit einer breiteren Stressreduktion.

Bevölkerungsdaten deuten an, dass rund zwei Stunden pro Woche in der Natur mit besserer Gesundheit und das Wohlbefinden steigerndem Erleben einhergehen. Für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden zählt dabei die Regelmäßigkeit mehr als die einzelne große Dosis. Schon kleine, verlässliche Naturmomente tragen zur psychischen Gesundheit bei.

Natur in der Stadt: Grünflächen als begrenzte Ressource

In der Stadt ist erholsame Natur knapp. Städtische Umgebungen sind oft laut, voll und geschäftig und beanspruchen die gerichtete Aufmerksamkeit zusätzlich. Eine Grünfläche, ein Hof mit Bäumen oder städtische Parks bieten hier kleine Inseln der Erholung.

Damit wird Natur in der Stadt zu einem knappen Gut, das ungleich verteilt ist. Wer Zugang zu Grün hat, kann seine Aufmerksamkeit leichter regenerieren. Die Umweltpsychologie verweist deshalb auf die Bedeutung wohnortnaher Naturlandschaften und Grünräume.

Allgemeine Kritik an der Attention Restoration Theory

Die Theorie hat auch Kritik erfahren. Eine allgemeine Kritik betrifft die theoretische Schärfe der Begriffe: Forscher wie Yannick Joye fragen, ob der Begriff der Faszination klar genug definiert ist. Auch die Abgrenzung von reiner Stresserholung bleibt umstritten.

Methodisch verweisen Kritiker zu Recht auf kleine Stichproben und schwankende Effektstärken. Arbeiten etwa von Gary Evans betonen, dass städtische Belastung viele Ursachen hat und die Kompatibilität zwischen Mensch und Umgebung schwer zu fassen ist. Die Grundbeobachtung, dass Natur die Aufmerksamkeit erholt, bleibt davon unberührt.

Was heißt das für den Alltag? Zeit in der Natur nutzen

Neben der anfechtbaren Theorie ergeben sich jedoch aus den Beobachtungen einfache Empfehlungen. Wer Zeit in der Natur verbringt, regelmäßig und ohne Leistungsdruck, kann seine Konzentrationsfähigkeit verbessern und Stress abbauen. Ein täglicher kurzer Spaziergang in der Natur wirkt oft mehr als ein seltener langer Ausflug.

Praktisch helfen kleine Gewohnheiten: bewusst Vogelstimmen hören, den Blick auf die Natur suchen, eine natürliche Umgebung am Arbeitsweg einbauen. Wer mehr Zeit in der Natur verbringen will, findet so leicht Gelegenheiten. Solche Naturmomente sind niedrigschwellig und kostenlos. Eine ernste Erkrankung ersetzen sie nicht, doch als Ergänzung sind sie wertvoll.

Das Wichtigste in Kürze

•             Die Attention Restoration Theory von Rachel und Stephen Kaplan will erklären, wie natürliche Räume die erschöpfte Aufmerksamkeit wiederherstellen.

•             Gerichtete Aufmerksamkeit ist danach eine begrenzte Ressource und führt bei Dauerbelastung zu geistiger Ermüdung.

•             Weiche Faszination, etwa Vogelgezwitscher oder Wolken am Himmel, erholt ohne Anstrengung; harte Faszination bindet nur.

•             Erholsame Umgebungen verbinden Weg-Sein, Faszination, Weite und Kompatibilität; messbar über die Restorativeness-Skala von Hartig.

•             Die Forschung von Ohly und Kollegen, Hartig und Cimprich stützt positive Effekte auf die Aufmerksamkeit, mit schwankenden Effektstärken.

•             Natur fördert Stressreduktion und psychische Gesundheit; rund zwei Stunden pro Woche in der Natur tun gut.

•             In der Stadt sind Grünflächen ein knappes Gut; schon ein kurzer Blick auf die Natur hilft.

Quellen

•             Ohly et al.: Attention Restoration Theory — a systematic review, Journal of Toxicology and Environmental Health (2016)

•             Kaplan: The restorative benefits of nature — toward an integrative framework, Journal of Environmental Psychology (1995)

•             Hammoud et al.: Smartphone-based assessment reveals mental health benefits of birdlife, Scientific Reports / Nature (2022)

•             White et al.: Spending at least 120 minutes a week in nature is associated with good health, Scientific Reports (2019)


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