ADHS und Autismus: Hyperfokus, Spezialinteressen – wie werden sie diagnostiziert

ADHS und Autismus: Hyperfokus, Spezialinteressen – wie werden sie diagnostiziert

ADHS und Autismus

Veröffentlicht am:

23.02.2026

eine handwerkerin baut etwas an einer werkbank
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DESCRIPTION:

Hyperfokus vs. Spezialinteressen bei Autismus, ADHS und AuDHS. Wie werden sie individuell bei Neurodiversität diagnostiziert? Diagnosen, Symptome, Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Hilfe für Betroffene.

ADHS und Autismus: Hyperfokus, Spezialinteressen – wie werden sie diagnostiziert?


🧠 TL;DR – Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Spezialinteressen (Autismus) = langfristig stabil, identitätsstiftend, tief verwurzelt

  • Hyperfokus (ADHS) = dopamingetrieben, zeitlich begrenzt, wechselnd

  • Beide wirken von außen ähnlich – entstehen aber aus völlig unterschiedlichen Mechanismen

  • Bei AuDHS treffen beide Muster gleichzeitig aufeinander

  • Beides wird in der Diagnostik häufig übersehen – besonders bei Masking

  • Spezialinteressen sind kein Problem, sondern eine neurobiologische Ressource


Was sind Spezialinteressen bei Autismus – und warum gehen sie weit über ein Hobby hinaus?

Das Wort „Hobby“ trifft es selten.

Wenn autistische Menschen über ihr Spezialinteresse sprechen, beschreiben sie etwas von einer Intensität, die sich neurotypische Menschen kaum vorstellen können.

Ein Spezialinteresse ist:

  • eine tiefe, langfristige Beschäftigung mit einem bestimmten Thema

  • z. B. Eisenbahnen, historische Ereignisse, Astronomie oder bestimmte Tierarten

  • etwas, das sich über Monate oder sogar Jahre erstreckt

  • ein Thema, das Denken, Fühlen und soziale Interaktion fundamental prägt

Menschen mit Autismus empfinden ihr Spezialinteresse nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als zentralen Teil ihrer Identität. Das autistische Gehirn verarbeitet Informationen zu diesen Themen mit einer bemerkenswerten Tiefe – Details werden gespeichert, Zusammenhänge erkannt, Wissen systematisch aufgebaut.

Betroffene sagen oft: „Das ist einfach, wer ich bin.“

💡 Wichtig: Spezialinteressen sind selten kurzlebig. Während das ADHS-Gehirn schnell von Thema zu Thema springen kann, bleiben autistische Menschen ihrem Spezialinteresse oft jahrelang treu. Genau das ist eines der zentralen Merkmale, das sie vom Hyperfokus unterscheidet.


Was ist Hyperfokus bei ADHS – ein Symptom, das Betroffene selbst verwirrt?

Hyperfokus ist ein Phänomen, das ADHSler häufig selbst überrascht.

Plötzlich sitzt man seit Stunden vor dem Webbrowser, kauft das zwölfte Buch zum gleichen Thema oder verbringt eine ganze Nacht damit, ein Spiel zu meistern – und hat dabei Essen, soziale Kontakte und Schlaf völlig vergessen.

Hyperfokus beschreibt:

  • einen Zustand übertriebener, nahezu zwanghafter Konzentration

  • auf eine Aufgabe, die gerade aufregend oder belohnend erscheint

  • einen Tunnel, aus dem man sich kaum bewusst befreien kann

Das Paradoxe: ADHS ist bekannt für die scheinbare Unfähigkeit zur Konzentration. Wie passt das zusammen?

Das dopaminerge System erklärt es:

  • Das ADHS-Gehirn sucht ständig nach Reizen, die Dopamin freisetzen

  • Findet es einen aufregenden Kick – neues Projekt, dringende Deadline –, fokussiert es sich schlagartig

  • Dieser Zustand fühlt sich wie Flow an, lässt sich aber kaum steuern

💡 Entscheidend: Beim Hyperfokus geht es um die Aktivierung, nicht um das Thema selbst. Was heute Hyperfokus auslöst, ist morgen möglicherweise schon nicht mehr aufregend.


Hyperfokus vs. Spezialinteressen: Die entscheidenden Unterschiede


Spezialinteressen (Autismus)

Hyperfokus (ADHS)

Dauer

Monate bis Jahre

Stunden bis Wochen

Stabilität

Langfristig stabil

Kann schnell wechseln

Motivation

Identitätsstiftend

Dopamingetrieben

Kontrolle

Bewusst beschreibbar

Oft überraschend, schwer steuerbar

Nach Ende

Bleibt Teil der Persönlichkeit

Erschöpfung, emotionale Leere

Unterschied in der Kommunikation:

  • Autistisch: Austausch über das Spezialinteresse ist ein echtes Bedürfnis – systematisch, tiefgehend

  • ADHS: Thema wechselt im Gespräch schnell, selbst mitten im Hyperfokus

Diese Muster sind individuell – aber klinisch relevant für die Unterscheidung.


Wie das autistische Gehirn Spezialinteressen verarbeitet – neurowissenschaftliche Perspektive

Das autistische Gehirn verarbeitet Reize fundamental anders als neurotypische Gehirne.

Was passiert neurobiologisch:

  • Verstärkte Netzwerke in spezialisierten Hirnarealen → tiefere Informationsverarbeitung

  • Ausgeprägte Bottom-up-Verarbeitung: Details werden intensiv erfasst, bevor ein Gesamtbild entsteht

  • Das Gehirn baut regelrecht ein internes Expertensystem auf, das stetig wächst

Das erklärt, warum autistische Menschen in ihrem Spezialinteresse oft bemerkenswert detailliertes Wissen ansammeln – das selbst Fachleute überrascht.

Spezialinteressen als Schutzfunktion:

  • Puffer gegen Reizüberflutung

  • Regulationsstrategie bei Stress

  • Viele autistische Menschen investieren in ihr Spezialinteresse, wenn die Umwelt zu komplex wird

💡 Es ist also ein Symptom, das gleichzeitig Ressource ist – ein Aspekt, den die Diagnostik noch immer zu oft übersieht.


Warum vergessen ADHS-Betroffene im Hyperfokus Essen, Schlaf und soziale Kontakte?

Viele Betroffene beschreiben den Hyperfokus als Sog, den man nicht anhalten kann.

Das Gehirn ist so vollständig ausgerichtet, dass sonst einfach nichts registriert wird:

  • Hunger

  • Müdigkeit

  • Klingelnde Telefone

  • Soziale Verpflichtungen

Was neurobiologisch passiert:

  • Solange die Aufgabe Dopamin liefert, hält das ADHS-Gehirn daran fest

  • Ein Medikament kann diesen Mechanismus beeinflussen – ersetzt aber keine Strategie

  • Das „Aufwachen“ aus dem Hyperfokus kann abrupt sein und körperliche Erschöpfung, Hunger und Desorientierung hinterlassen.

„Ich denke immer, ich schaue nur kurz nach“ – und drei Stunden später sitzt man noch vor demselben Webbrowser.

⚠️ Das ist keine Willensschwäche. Es ist ein neurobiologisches Muster, das sich mit den richtigen Strategien beeinflussen, aber selten vollständig kontrollieren lässt.


Werden Spezialinteressen und Hyperfokus in der Diagnostik oft übersehen?

Ja – und das ist ein ernstes Problem.

Warum sie übersehen werden:

  • Werden häufig als bloße Begeisterung oder besonderes Talent abgetan

  • Besonders bei Frauen und Mädchen, die gut im Masking sind, werden diese Symptome selten erkannt

  • Die Autismus-Diagnose kommt oft erst spät im Erwachsenenalter – nach Jahren psychischer Belastung, manchmal erst nach einer Depression

Das diagnostische Problem:

  • ICD-11 und DSM-5 beschreiben Spezialinteressen als Teil der Autismus-Spektrum-Störung

  • Der Hyperfokus bei ADHS ist im diagnostischen System weniger klar verankert

  • Fachleute sind darum nicht immer geschult, den Unterschied professionell einzuordnen

Masking macht es noch schwieriger:

  • Wer gelernt hat, sein Spezialinteresse als „normales Hobby“ darzustellen, erhält selten eine frühe Autismus-Diagnose

  • Viele vermuten zunächst nur ADHS – und entdecken den autistischen Teil ihrer Neurodiversität erst viel später


AuDHS – Was passiert, wenn ADHS und Autismus gleichzeitig aufeinandertreffen?

AuDHS ist kein einfaches Nebeneinander zweier Diagnosen – es ist ein innerer Widerspruch.

Das autistische System braucht

Das ADHS-System sucht

Routine

Abwechslung

Vorhersehbarkeit

Neuheit

Tiefe Beschäftigung

Schnellen Wechsel

Beide Systeme sind gleichzeitig aktiv – das Ergebnis ist keine einfache Addition von Symptomen, sondern eine komplex verflochtene Dynamik.

Was das im Alltag bedeutet:

  • Ein Spezialinteresse kann plötzlich durch einen ADHS-Hyperfokus intensiviert werden

  • Das klingt zunächst aufregend – führt aber schnell zu Erschöpfung

  • Weder autistische Tiefe noch ADHS-Hyperaktivierung kennen eine echte Pause

  • Soziale Kontakte und Netzwerken werden danach oft als besonders belastend empfunden

Beispiel aus der Praxis:

Jemand mit AuDHS hat ein langjähriges Spezialinteresse für Astronomie – autistisch tief verwurzelt. Dann entdeckt er eine neue App und gerät für mehrere Tage in einen ADHS-Hyperfokus, der ihn körperlich erschöpft.

  • Das Spezialinteresse bleibt

  • Der Hyperfokus vergeht

Dieses Zusammenspiel ist individuell – und verlangt eine Begleitung, die beide Systeme versteht.


Welche Muster und Symptome helfen, Autismus-Spektrum-Störung von ADHS zu unterscheiden?

Autismus-typische Muster:

  • Starke Bindung an Routine

  • Schwierigkeit bei unerwarteten Veränderungen

  • Intensive Empfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen

  • Soziale Begegnungen als anstrengend empfinden – nicht aus Desinteresse, sondern wegen kognitiver Anforderungen

ADHS-typische Muster:

  • Impulsivität und schneller Wechsel der Aufmerksamkeit

  • Starkes Bedürfnis nach Stimulation und neuem Input

  • Aktives Suchen nach sozialen Reizen

  • Schwierigkeit, Gespräche nicht zu unterbrechen

Wo es kompliziert wird – die Überschneidungen:

  • Masking tritt bei beiden auf

  • Reizüberflutung und Erschöpfung sind bei beiden häufig

  • Bei AuDHS vermischen sich die Symptome so, dass selbst erfahrene Diagnostiker Schwierigkeiten haben

💡 Eine diagnostische Strategie, die beide Diagnosen aktiv sucht – statt eine durch Ausschluss der anderen zu vergeben – ist deshalb unverzichtbar.


Wie können Betroffene Hyperfokus und Spezialinteressen im Alltag meistern?

Für autistische Menschen – Spezialinteressen als Stärke nutzen:

  • Berufsfeld wählen, das zum Spezialinteresse passt → langfristiges Engagement, außergewöhnliche Expertise

  • Das Bedürfnis nach Tiefe als berufliche Stärke begreifen

  • Nicht gegen das Interesse arbeiten – sondern mit ihm

Für ADHSler – Hyperfokus bewusst einsetzen:

  • Hyperfokus-Phasen erkennen und gezielt nutzen

  • Strukturierte Arbeitsbedingungen mit klaren Deadlines und eingebauter Abwechslung

  • Timer-Strategien einsetzen, um körperliche Erschöpfung und vergessenes Essen zu verhindern

  • Medikament als Unterstützung – ersetzt aber keine Umgebungsanpassung

Für alle Betroffenen:

  • Das Spezialinteresse bewusst in den Alltag integrieren

  • Pausen nicht als Schwäche, sondern als notwendigen Input für das System verstehen

  • Erkennen: Erfolg kommt nicht trotz der eigenen Neurobiologie – sondern mit ihr


Neurodiversität und Psychologie: Was sagt die Wissenschaft?

Die Psychologie hat ihr Verständnis von Neurodiversität grundlegend verändert.

Was die Forschung zeigt:

  • Spezialinteressen wurden lange als Auffälligkeit betrachtet – heute weiß man: Sie erfüllen eine adaptive Funktion

  • Sie stärken Selbstwirksamkeit, bieten Regulationsstrategien ermöglichen außergewöhnliche Expertise

  • Autistische Menschen erleben durch ihr Spezialinteresse echte neuronale Regulation – eine Seltenheit in ihrer Intensität und Konstanz

Hyperfokus neu betrachtet:

  • Früher als unkontrollierbares Symptom gesehen

  • Heute: Teil eines individuellen Aufmerksamkeitsstils

  • Durch professionell begleitete Ansätze (z. B. Schematherapie, achtsamkeitsbasierte Verfahren) lassen sich beide Phänomene als Ressourcen einsetzen

Das verbleibende Problem:

  • Echte Fachkenntnis zu AuDHS ist noch immer selten

  • Viele Betroffene werden falsch oder zu spät diagnostiziert

  • Die Forschung holt auf – und mit ihr eine Diagnostik, die Stärken statt Defizite in den Mittelpunkt stellt


📋 Das Wichtigste auf einen Blick

  • Spezialinteressen (Autismus): langfristig stabil, identitätsstiftend, tief verwurzelt – weit mehr als ein Hobby

  • Hyperfokus (ADHS): dopamingetrieben, zeitlich begrenzt, wechselnd – die Intensität ist real, aber flüchtig

  • Beide entstehen aus völlig unterschiedlichen neurobiologischen Systemen, auch wenn sie von außen ähnlich wirken

  • Bei AuDHS können beide Muster gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken

  • Spezialinteressen und Hyperfokus werden in der Diagnostik häufig übersehen – besonders bei Masking

  • Spezialinteressen erfüllen eine adaptive Funktion: Sie regulieren, schützen und schaffen außergewöhnliche Expertise

  • Hyperfokus lässt sich mit Strategien (z. B. Timer) beeinflussen, aber nicht vollständig kontrollieren

  • Eine professionelle Diagnostik, die beide Störungsbilder aktiv sucht, ist entscheidend

  • Neurodiversität ist kein Defizit – es geht darum, das eigene System zu verstehen, anzupassen und damit gut zu leben


Zum Weiterlesen:

AUDHS: Autismus und ADHS – Eine komplexe Kombination

Autismus und ADHS: Eine seltene Kombination? Wie sich AuDHS anfühlt

AuDHS bei Frauen: ADHS und Autismus, Burnout verstehen

AuDHS, Masking & Burnout: Ursachen und Hilfe für Betroffene im Burnout bei ADHS und Autismus

„Hybrid“-Modus: wenn ADHS Autismus maskiert und umgekehrt

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Hyperfokus vs. Spezialinteressen bei Autismus, ADHS und AuDHS. Wie werden sie individuell bei Neurodiversität diagnostiziert? Diagnosen, Symptome, Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Hilfe für Betroffene.

ADHS und Autismus: Hyperfokus, Spezialinteressen – wie werden sie diagnostiziert?


🧠 TL;DR – Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Spezialinteressen (Autismus) = langfristig stabil, identitätsstiftend, tief verwurzelt

  • Hyperfokus (ADHS) = dopamingetrieben, zeitlich begrenzt, wechselnd

  • Beide wirken von außen ähnlich – entstehen aber aus völlig unterschiedlichen Mechanismen

  • Bei AuDHS treffen beide Muster gleichzeitig aufeinander

  • Beides wird in der Diagnostik häufig übersehen – besonders bei Masking

  • Spezialinteressen sind kein Problem, sondern eine neurobiologische Ressource


Was sind Spezialinteressen bei Autismus – und warum gehen sie weit über ein Hobby hinaus?

Das Wort „Hobby“ trifft es selten.

Wenn autistische Menschen über ihr Spezialinteresse sprechen, beschreiben sie etwas von einer Intensität, die sich neurotypische Menschen kaum vorstellen können.

Ein Spezialinteresse ist:

  • eine tiefe, langfristige Beschäftigung mit einem bestimmten Thema

  • z. B. Eisenbahnen, historische Ereignisse, Astronomie oder bestimmte Tierarten

  • etwas, das sich über Monate oder sogar Jahre erstreckt

  • ein Thema, das Denken, Fühlen und soziale Interaktion fundamental prägt

Menschen mit Autismus empfinden ihr Spezialinteresse nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als zentralen Teil ihrer Identität. Das autistische Gehirn verarbeitet Informationen zu diesen Themen mit einer bemerkenswerten Tiefe – Details werden gespeichert, Zusammenhänge erkannt, Wissen systematisch aufgebaut.

Betroffene sagen oft: „Das ist einfach, wer ich bin.“

💡 Wichtig: Spezialinteressen sind selten kurzlebig. Während das ADHS-Gehirn schnell von Thema zu Thema springen kann, bleiben autistische Menschen ihrem Spezialinteresse oft jahrelang treu. Genau das ist eines der zentralen Merkmale, das sie vom Hyperfokus unterscheidet.


Was ist Hyperfokus bei ADHS – ein Symptom, das Betroffene selbst verwirrt?

Hyperfokus ist ein Phänomen, das ADHSler häufig selbst überrascht.

Plötzlich sitzt man seit Stunden vor dem Webbrowser, kauft das zwölfte Buch zum gleichen Thema oder verbringt eine ganze Nacht damit, ein Spiel zu meistern – und hat dabei Essen, soziale Kontakte und Schlaf völlig vergessen.

Hyperfokus beschreibt:

  • einen Zustand übertriebener, nahezu zwanghafter Konzentration

  • auf eine Aufgabe, die gerade aufregend oder belohnend erscheint

  • einen Tunnel, aus dem man sich kaum bewusst befreien kann

Das Paradoxe: ADHS ist bekannt für die scheinbare Unfähigkeit zur Konzentration. Wie passt das zusammen?

Das dopaminerge System erklärt es:

  • Das ADHS-Gehirn sucht ständig nach Reizen, die Dopamin freisetzen

  • Findet es einen aufregenden Kick – neues Projekt, dringende Deadline –, fokussiert es sich schlagartig

  • Dieser Zustand fühlt sich wie Flow an, lässt sich aber kaum steuern

💡 Entscheidend: Beim Hyperfokus geht es um die Aktivierung, nicht um das Thema selbst. Was heute Hyperfokus auslöst, ist morgen möglicherweise schon nicht mehr aufregend.


Hyperfokus vs. Spezialinteressen: Die entscheidenden Unterschiede


Spezialinteressen (Autismus)

Hyperfokus (ADHS)

Dauer

Monate bis Jahre

Stunden bis Wochen

Stabilität

Langfristig stabil

Kann schnell wechseln

Motivation

Identitätsstiftend

Dopamingetrieben

Kontrolle

Bewusst beschreibbar

Oft überraschend, schwer steuerbar

Nach Ende

Bleibt Teil der Persönlichkeit

Erschöpfung, emotionale Leere

Unterschied in der Kommunikation:

  • Autistisch: Austausch über das Spezialinteresse ist ein echtes Bedürfnis – systematisch, tiefgehend

  • ADHS: Thema wechselt im Gespräch schnell, selbst mitten im Hyperfokus

Diese Muster sind individuell – aber klinisch relevant für die Unterscheidung.


Wie das autistische Gehirn Spezialinteressen verarbeitet – neurowissenschaftliche Perspektive

Das autistische Gehirn verarbeitet Reize fundamental anders als neurotypische Gehirne.

Was passiert neurobiologisch:

  • Verstärkte Netzwerke in spezialisierten Hirnarealen → tiefere Informationsverarbeitung

  • Ausgeprägte Bottom-up-Verarbeitung: Details werden intensiv erfasst, bevor ein Gesamtbild entsteht

  • Das Gehirn baut regelrecht ein internes Expertensystem auf, das stetig wächst

Das erklärt, warum autistische Menschen in ihrem Spezialinteresse oft bemerkenswert detailliertes Wissen ansammeln – das selbst Fachleute überrascht.

Spezialinteressen als Schutzfunktion:

  • Puffer gegen Reizüberflutung

  • Regulationsstrategie bei Stress

  • Viele autistische Menschen investieren in ihr Spezialinteresse, wenn die Umwelt zu komplex wird

💡 Es ist also ein Symptom, das gleichzeitig Ressource ist – ein Aspekt, den die Diagnostik noch immer zu oft übersieht.


Warum vergessen ADHS-Betroffene im Hyperfokus Essen, Schlaf und soziale Kontakte?

Viele Betroffene beschreiben den Hyperfokus als Sog, den man nicht anhalten kann.

Das Gehirn ist so vollständig ausgerichtet, dass sonst einfach nichts registriert wird:

  • Hunger

  • Müdigkeit

  • Klingelnde Telefone

  • Soziale Verpflichtungen

Was neurobiologisch passiert:

  • Solange die Aufgabe Dopamin liefert, hält das ADHS-Gehirn daran fest

  • Ein Medikament kann diesen Mechanismus beeinflussen – ersetzt aber keine Strategie

  • Das „Aufwachen“ aus dem Hyperfokus kann abrupt sein und körperliche Erschöpfung, Hunger und Desorientierung hinterlassen.

„Ich denke immer, ich schaue nur kurz nach“ – und drei Stunden später sitzt man noch vor demselben Webbrowser.

⚠️ Das ist keine Willensschwäche. Es ist ein neurobiologisches Muster, das sich mit den richtigen Strategien beeinflussen, aber selten vollständig kontrollieren lässt.


Werden Spezialinteressen und Hyperfokus in der Diagnostik oft übersehen?

Ja – und das ist ein ernstes Problem.

Warum sie übersehen werden:

  • Werden häufig als bloße Begeisterung oder besonderes Talent abgetan

  • Besonders bei Frauen und Mädchen, die gut im Masking sind, werden diese Symptome selten erkannt

  • Die Autismus-Diagnose kommt oft erst spät im Erwachsenenalter – nach Jahren psychischer Belastung, manchmal erst nach einer Depression

Das diagnostische Problem:

  • ICD-11 und DSM-5 beschreiben Spezialinteressen als Teil der Autismus-Spektrum-Störung

  • Der Hyperfokus bei ADHS ist im diagnostischen System weniger klar verankert

  • Fachleute sind darum nicht immer geschult, den Unterschied professionell einzuordnen

Masking macht es noch schwieriger:

  • Wer gelernt hat, sein Spezialinteresse als „normales Hobby“ darzustellen, erhält selten eine frühe Autismus-Diagnose

  • Viele vermuten zunächst nur ADHS – und entdecken den autistischen Teil ihrer Neurodiversität erst viel später


AuDHS – Was passiert, wenn ADHS und Autismus gleichzeitig aufeinandertreffen?

AuDHS ist kein einfaches Nebeneinander zweier Diagnosen – es ist ein innerer Widerspruch.

Das autistische System braucht

Das ADHS-System sucht

Routine

Abwechslung

Vorhersehbarkeit

Neuheit

Tiefe Beschäftigung

Schnellen Wechsel

Beide Systeme sind gleichzeitig aktiv – das Ergebnis ist keine einfache Addition von Symptomen, sondern eine komplex verflochtene Dynamik.

Was das im Alltag bedeutet:

  • Ein Spezialinteresse kann plötzlich durch einen ADHS-Hyperfokus intensiviert werden

  • Das klingt zunächst aufregend – führt aber schnell zu Erschöpfung

  • Weder autistische Tiefe noch ADHS-Hyperaktivierung kennen eine echte Pause

  • Soziale Kontakte und Netzwerken werden danach oft als besonders belastend empfunden

Beispiel aus der Praxis:

Jemand mit AuDHS hat ein langjähriges Spezialinteresse für Astronomie – autistisch tief verwurzelt. Dann entdeckt er eine neue App und gerät für mehrere Tage in einen ADHS-Hyperfokus, der ihn körperlich erschöpft.

  • Das Spezialinteresse bleibt

  • Der Hyperfokus vergeht

Dieses Zusammenspiel ist individuell – und verlangt eine Begleitung, die beide Systeme versteht.


Welche Muster und Symptome helfen, Autismus-Spektrum-Störung von ADHS zu unterscheiden?

Autismus-typische Muster:

  • Starke Bindung an Routine

  • Schwierigkeit bei unerwarteten Veränderungen

  • Intensive Empfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen

  • Soziale Begegnungen als anstrengend empfinden – nicht aus Desinteresse, sondern wegen kognitiver Anforderungen

ADHS-typische Muster:

  • Impulsivität und schneller Wechsel der Aufmerksamkeit

  • Starkes Bedürfnis nach Stimulation und neuem Input

  • Aktives Suchen nach sozialen Reizen

  • Schwierigkeit, Gespräche nicht zu unterbrechen

Wo es kompliziert wird – die Überschneidungen:

  • Masking tritt bei beiden auf

  • Reizüberflutung und Erschöpfung sind bei beiden häufig

  • Bei AuDHS vermischen sich die Symptome so, dass selbst erfahrene Diagnostiker Schwierigkeiten haben

💡 Eine diagnostische Strategie, die beide Diagnosen aktiv sucht – statt eine durch Ausschluss der anderen zu vergeben – ist deshalb unverzichtbar.


Wie können Betroffene Hyperfokus und Spezialinteressen im Alltag meistern?

Für autistische Menschen – Spezialinteressen als Stärke nutzen:

  • Berufsfeld wählen, das zum Spezialinteresse passt → langfristiges Engagement, außergewöhnliche Expertise

  • Das Bedürfnis nach Tiefe als berufliche Stärke begreifen

  • Nicht gegen das Interesse arbeiten – sondern mit ihm

Für ADHSler – Hyperfokus bewusst einsetzen:

  • Hyperfokus-Phasen erkennen und gezielt nutzen

  • Strukturierte Arbeitsbedingungen mit klaren Deadlines und eingebauter Abwechslung

  • Timer-Strategien einsetzen, um körperliche Erschöpfung und vergessenes Essen zu verhindern

  • Medikament als Unterstützung – ersetzt aber keine Umgebungsanpassung

Für alle Betroffenen:

  • Das Spezialinteresse bewusst in den Alltag integrieren

  • Pausen nicht als Schwäche, sondern als notwendigen Input für das System verstehen

  • Erkennen: Erfolg kommt nicht trotz der eigenen Neurobiologie – sondern mit ihr


Neurodiversität und Psychologie: Was sagt die Wissenschaft?

Die Psychologie hat ihr Verständnis von Neurodiversität grundlegend verändert.

Was die Forschung zeigt:

  • Spezialinteressen wurden lange als Auffälligkeit betrachtet – heute weiß man: Sie erfüllen eine adaptive Funktion

  • Sie stärken Selbstwirksamkeit, bieten Regulationsstrategien ermöglichen außergewöhnliche Expertise

  • Autistische Menschen erleben durch ihr Spezialinteresse echte neuronale Regulation – eine Seltenheit in ihrer Intensität und Konstanz

Hyperfokus neu betrachtet:

  • Früher als unkontrollierbares Symptom gesehen

  • Heute: Teil eines individuellen Aufmerksamkeitsstils

  • Durch professionell begleitete Ansätze (z. B. Schematherapie, achtsamkeitsbasierte Verfahren) lassen sich beide Phänomene als Ressourcen einsetzen

Das verbleibende Problem:

  • Echte Fachkenntnis zu AuDHS ist noch immer selten

  • Viele Betroffene werden falsch oder zu spät diagnostiziert

  • Die Forschung holt auf – und mit ihr eine Diagnostik, die Stärken statt Defizite in den Mittelpunkt stellt


📋 Das Wichtigste auf einen Blick

  • Spezialinteressen (Autismus): langfristig stabil, identitätsstiftend, tief verwurzelt – weit mehr als ein Hobby

  • Hyperfokus (ADHS): dopamingetrieben, zeitlich begrenzt, wechselnd – die Intensität ist real, aber flüchtig

  • Beide entstehen aus völlig unterschiedlichen neurobiologischen Systemen, auch wenn sie von außen ähnlich wirken

  • Bei AuDHS können beide Muster gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken

  • Spezialinteressen und Hyperfokus werden in der Diagnostik häufig übersehen – besonders bei Masking

  • Spezialinteressen erfüllen eine adaptive Funktion: Sie regulieren, schützen und schaffen außergewöhnliche Expertise

  • Hyperfokus lässt sich mit Strategien (z. B. Timer) beeinflussen, aber nicht vollständig kontrollieren

  • Eine professionelle Diagnostik, die beide Störungsbilder aktiv sucht, ist entscheidend

  • Neurodiversität ist kein Defizit – es geht darum, das eigene System zu verstehen, anzupassen und damit gut zu leben


Zum Weiterlesen:

AUDHS: Autismus und ADHS – Eine komplexe Kombination

Autismus und ADHS: Eine seltene Kombination? Wie sich AuDHS anfühlt

AuDHS bei Frauen: ADHS und Autismus, Burnout verstehen

AuDHS, Masking & Burnout: Ursachen und Hilfe für Betroffene im Burnout bei ADHS und Autismus

„Hybrid“-Modus: wenn ADHS Autismus maskiert und umgekehrt

DESCRIPTION:

Hyperfokus vs. Spezialinteressen bei Autismus, ADHS und AuDHS. Wie werden sie individuell bei Neurodiversität diagnostiziert? Diagnosen, Symptome, Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Hilfe für Betroffene.

ADHS und Autismus: Hyperfokus, Spezialinteressen – wie werden sie diagnostiziert?


🧠 TL;DR – Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Spezialinteressen (Autismus) = langfristig stabil, identitätsstiftend, tief verwurzelt

  • Hyperfokus (ADHS) = dopamingetrieben, zeitlich begrenzt, wechselnd

  • Beide wirken von außen ähnlich – entstehen aber aus völlig unterschiedlichen Mechanismen

  • Bei AuDHS treffen beide Muster gleichzeitig aufeinander

  • Beides wird in der Diagnostik häufig übersehen – besonders bei Masking

  • Spezialinteressen sind kein Problem, sondern eine neurobiologische Ressource


Was sind Spezialinteressen bei Autismus – und warum gehen sie weit über ein Hobby hinaus?

Das Wort „Hobby“ trifft es selten.

Wenn autistische Menschen über ihr Spezialinteresse sprechen, beschreiben sie etwas von einer Intensität, die sich neurotypische Menschen kaum vorstellen können.

Ein Spezialinteresse ist:

  • eine tiefe, langfristige Beschäftigung mit einem bestimmten Thema

  • z. B. Eisenbahnen, historische Ereignisse, Astronomie oder bestimmte Tierarten

  • etwas, das sich über Monate oder sogar Jahre erstreckt

  • ein Thema, das Denken, Fühlen und soziale Interaktion fundamental prägt

Menschen mit Autismus empfinden ihr Spezialinteresse nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als zentralen Teil ihrer Identität. Das autistische Gehirn verarbeitet Informationen zu diesen Themen mit einer bemerkenswerten Tiefe – Details werden gespeichert, Zusammenhänge erkannt, Wissen systematisch aufgebaut.

Betroffene sagen oft: „Das ist einfach, wer ich bin.“

💡 Wichtig: Spezialinteressen sind selten kurzlebig. Während das ADHS-Gehirn schnell von Thema zu Thema springen kann, bleiben autistische Menschen ihrem Spezialinteresse oft jahrelang treu. Genau das ist eines der zentralen Merkmale, das sie vom Hyperfokus unterscheidet.


Was ist Hyperfokus bei ADHS – ein Symptom, das Betroffene selbst verwirrt?

Hyperfokus ist ein Phänomen, das ADHSler häufig selbst überrascht.

Plötzlich sitzt man seit Stunden vor dem Webbrowser, kauft das zwölfte Buch zum gleichen Thema oder verbringt eine ganze Nacht damit, ein Spiel zu meistern – und hat dabei Essen, soziale Kontakte und Schlaf völlig vergessen.

Hyperfokus beschreibt:

  • einen Zustand übertriebener, nahezu zwanghafter Konzentration

  • auf eine Aufgabe, die gerade aufregend oder belohnend erscheint

  • einen Tunnel, aus dem man sich kaum bewusst befreien kann

Das Paradoxe: ADHS ist bekannt für die scheinbare Unfähigkeit zur Konzentration. Wie passt das zusammen?

Das dopaminerge System erklärt es:

  • Das ADHS-Gehirn sucht ständig nach Reizen, die Dopamin freisetzen

  • Findet es einen aufregenden Kick – neues Projekt, dringende Deadline –, fokussiert es sich schlagartig

  • Dieser Zustand fühlt sich wie Flow an, lässt sich aber kaum steuern

💡 Entscheidend: Beim Hyperfokus geht es um die Aktivierung, nicht um das Thema selbst. Was heute Hyperfokus auslöst, ist morgen möglicherweise schon nicht mehr aufregend.


Hyperfokus vs. Spezialinteressen: Die entscheidenden Unterschiede


Spezialinteressen (Autismus)

Hyperfokus (ADHS)

Dauer

Monate bis Jahre

Stunden bis Wochen

Stabilität

Langfristig stabil

Kann schnell wechseln

Motivation

Identitätsstiftend

Dopamingetrieben

Kontrolle

Bewusst beschreibbar

Oft überraschend, schwer steuerbar

Nach Ende

Bleibt Teil der Persönlichkeit

Erschöpfung, emotionale Leere

Unterschied in der Kommunikation:

  • Autistisch: Austausch über das Spezialinteresse ist ein echtes Bedürfnis – systematisch, tiefgehend

  • ADHS: Thema wechselt im Gespräch schnell, selbst mitten im Hyperfokus

Diese Muster sind individuell – aber klinisch relevant für die Unterscheidung.


Wie das autistische Gehirn Spezialinteressen verarbeitet – neurowissenschaftliche Perspektive

Das autistische Gehirn verarbeitet Reize fundamental anders als neurotypische Gehirne.

Was passiert neurobiologisch:

  • Verstärkte Netzwerke in spezialisierten Hirnarealen → tiefere Informationsverarbeitung

  • Ausgeprägte Bottom-up-Verarbeitung: Details werden intensiv erfasst, bevor ein Gesamtbild entsteht

  • Das Gehirn baut regelrecht ein internes Expertensystem auf, das stetig wächst

Das erklärt, warum autistische Menschen in ihrem Spezialinteresse oft bemerkenswert detailliertes Wissen ansammeln – das selbst Fachleute überrascht.

Spezialinteressen als Schutzfunktion:

  • Puffer gegen Reizüberflutung

  • Regulationsstrategie bei Stress

  • Viele autistische Menschen investieren in ihr Spezialinteresse, wenn die Umwelt zu komplex wird

💡 Es ist also ein Symptom, das gleichzeitig Ressource ist – ein Aspekt, den die Diagnostik noch immer zu oft übersieht.


Warum vergessen ADHS-Betroffene im Hyperfokus Essen, Schlaf und soziale Kontakte?

Viele Betroffene beschreiben den Hyperfokus als Sog, den man nicht anhalten kann.

Das Gehirn ist so vollständig ausgerichtet, dass sonst einfach nichts registriert wird:

  • Hunger

  • Müdigkeit

  • Klingelnde Telefone

  • Soziale Verpflichtungen

Was neurobiologisch passiert:

  • Solange die Aufgabe Dopamin liefert, hält das ADHS-Gehirn daran fest

  • Ein Medikament kann diesen Mechanismus beeinflussen – ersetzt aber keine Strategie

  • Das „Aufwachen“ aus dem Hyperfokus kann abrupt sein und körperliche Erschöpfung, Hunger und Desorientierung hinterlassen.

„Ich denke immer, ich schaue nur kurz nach“ – und drei Stunden später sitzt man noch vor demselben Webbrowser.

⚠️ Das ist keine Willensschwäche. Es ist ein neurobiologisches Muster, das sich mit den richtigen Strategien beeinflussen, aber selten vollständig kontrollieren lässt.


Werden Spezialinteressen und Hyperfokus in der Diagnostik oft übersehen?

Ja – und das ist ein ernstes Problem.

Warum sie übersehen werden:

  • Werden häufig als bloße Begeisterung oder besonderes Talent abgetan

  • Besonders bei Frauen und Mädchen, die gut im Masking sind, werden diese Symptome selten erkannt

  • Die Autismus-Diagnose kommt oft erst spät im Erwachsenenalter – nach Jahren psychischer Belastung, manchmal erst nach einer Depression

Das diagnostische Problem:

  • ICD-11 und DSM-5 beschreiben Spezialinteressen als Teil der Autismus-Spektrum-Störung

  • Der Hyperfokus bei ADHS ist im diagnostischen System weniger klar verankert

  • Fachleute sind darum nicht immer geschult, den Unterschied professionell einzuordnen

Masking macht es noch schwieriger:

  • Wer gelernt hat, sein Spezialinteresse als „normales Hobby“ darzustellen, erhält selten eine frühe Autismus-Diagnose

  • Viele vermuten zunächst nur ADHS – und entdecken den autistischen Teil ihrer Neurodiversität erst viel später


AuDHS – Was passiert, wenn ADHS und Autismus gleichzeitig aufeinandertreffen?

AuDHS ist kein einfaches Nebeneinander zweier Diagnosen – es ist ein innerer Widerspruch.

Das autistische System braucht

Das ADHS-System sucht

Routine

Abwechslung

Vorhersehbarkeit

Neuheit

Tiefe Beschäftigung

Schnellen Wechsel

Beide Systeme sind gleichzeitig aktiv – das Ergebnis ist keine einfache Addition von Symptomen, sondern eine komplex verflochtene Dynamik.

Was das im Alltag bedeutet:

  • Ein Spezialinteresse kann plötzlich durch einen ADHS-Hyperfokus intensiviert werden

  • Das klingt zunächst aufregend – führt aber schnell zu Erschöpfung

  • Weder autistische Tiefe noch ADHS-Hyperaktivierung kennen eine echte Pause

  • Soziale Kontakte und Netzwerken werden danach oft als besonders belastend empfunden

Beispiel aus der Praxis:

Jemand mit AuDHS hat ein langjähriges Spezialinteresse für Astronomie – autistisch tief verwurzelt. Dann entdeckt er eine neue App und gerät für mehrere Tage in einen ADHS-Hyperfokus, der ihn körperlich erschöpft.

  • Das Spezialinteresse bleibt

  • Der Hyperfokus vergeht

Dieses Zusammenspiel ist individuell – und verlangt eine Begleitung, die beide Systeme versteht.


Welche Muster und Symptome helfen, Autismus-Spektrum-Störung von ADHS zu unterscheiden?

Autismus-typische Muster:

  • Starke Bindung an Routine

  • Schwierigkeit bei unerwarteten Veränderungen

  • Intensive Empfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen

  • Soziale Begegnungen als anstrengend empfinden – nicht aus Desinteresse, sondern wegen kognitiver Anforderungen

ADHS-typische Muster:

  • Impulsivität und schneller Wechsel der Aufmerksamkeit

  • Starkes Bedürfnis nach Stimulation und neuem Input

  • Aktives Suchen nach sozialen Reizen

  • Schwierigkeit, Gespräche nicht zu unterbrechen

Wo es kompliziert wird – die Überschneidungen:

  • Masking tritt bei beiden auf

  • Reizüberflutung und Erschöpfung sind bei beiden häufig

  • Bei AuDHS vermischen sich die Symptome so, dass selbst erfahrene Diagnostiker Schwierigkeiten haben

💡 Eine diagnostische Strategie, die beide Diagnosen aktiv sucht – statt eine durch Ausschluss der anderen zu vergeben – ist deshalb unverzichtbar.


Wie können Betroffene Hyperfokus und Spezialinteressen im Alltag meistern?

Für autistische Menschen – Spezialinteressen als Stärke nutzen:

  • Berufsfeld wählen, das zum Spezialinteresse passt → langfristiges Engagement, außergewöhnliche Expertise

  • Das Bedürfnis nach Tiefe als berufliche Stärke begreifen

  • Nicht gegen das Interesse arbeiten – sondern mit ihm

Für ADHSler – Hyperfokus bewusst einsetzen:

  • Hyperfokus-Phasen erkennen und gezielt nutzen

  • Strukturierte Arbeitsbedingungen mit klaren Deadlines und eingebauter Abwechslung

  • Timer-Strategien einsetzen, um körperliche Erschöpfung und vergessenes Essen zu verhindern

  • Medikament als Unterstützung – ersetzt aber keine Umgebungsanpassung

Für alle Betroffenen:

  • Das Spezialinteresse bewusst in den Alltag integrieren

  • Pausen nicht als Schwäche, sondern als notwendigen Input für das System verstehen

  • Erkennen: Erfolg kommt nicht trotz der eigenen Neurobiologie – sondern mit ihr


Neurodiversität und Psychologie: Was sagt die Wissenschaft?

Die Psychologie hat ihr Verständnis von Neurodiversität grundlegend verändert.

Was die Forschung zeigt:

  • Spezialinteressen wurden lange als Auffälligkeit betrachtet – heute weiß man: Sie erfüllen eine adaptive Funktion

  • Sie stärken Selbstwirksamkeit, bieten Regulationsstrategien ermöglichen außergewöhnliche Expertise

  • Autistische Menschen erleben durch ihr Spezialinteresse echte neuronale Regulation – eine Seltenheit in ihrer Intensität und Konstanz

Hyperfokus neu betrachtet:

  • Früher als unkontrollierbares Symptom gesehen

  • Heute: Teil eines individuellen Aufmerksamkeitsstils

  • Durch professionell begleitete Ansätze (z. B. Schematherapie, achtsamkeitsbasierte Verfahren) lassen sich beide Phänomene als Ressourcen einsetzen

Das verbleibende Problem:

  • Echte Fachkenntnis zu AuDHS ist noch immer selten

  • Viele Betroffene werden falsch oder zu spät diagnostiziert

  • Die Forschung holt auf – und mit ihr eine Diagnostik, die Stärken statt Defizite in den Mittelpunkt stellt


📋 Das Wichtigste auf einen Blick

  • Spezialinteressen (Autismus): langfristig stabil, identitätsstiftend, tief verwurzelt – weit mehr als ein Hobby

  • Hyperfokus (ADHS): dopamingetrieben, zeitlich begrenzt, wechselnd – die Intensität ist real, aber flüchtig

  • Beide entstehen aus völlig unterschiedlichen neurobiologischen Systemen, auch wenn sie von außen ähnlich wirken

  • Bei AuDHS können beide Muster gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken

  • Spezialinteressen und Hyperfokus werden in der Diagnostik häufig übersehen – besonders bei Masking

  • Spezialinteressen erfüllen eine adaptive Funktion: Sie regulieren, schützen und schaffen außergewöhnliche Expertise

  • Hyperfokus lässt sich mit Strategien (z. B. Timer) beeinflussen, aber nicht vollständig kontrollieren

  • Eine professionelle Diagnostik, die beide Störungsbilder aktiv sucht, ist entscheidend

  • Neurodiversität ist kein Defizit – es geht darum, das eigene System zu verstehen, anzupassen und damit gut zu leben


Zum Weiterlesen:

AUDHS: Autismus und ADHS – Eine komplexe Kombination

Autismus und ADHS: Eine seltene Kombination? Wie sich AuDHS anfühlt

AuDHS bei Frauen: ADHS und Autismus, Burnout verstehen

AuDHS, Masking & Burnout: Ursachen und Hilfe für Betroffene im Burnout bei ADHS und Autismus

„Hybrid“-Modus: wenn ADHS Autismus maskiert und umgekehrt

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