ADHS und Dopamin: Warum Dopaminmangel allein nicht alles erklärt

ADHS und Dopamin: Warum Dopaminmangel allein nicht alles erklärt

ADHS und Dopamin

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Nahaufnahme einer orangefarbenen, fraktalartig verästelten Struktur vor dunklem, leicht türkisfarbenem Hintergrund

DESCRIPTION: Die Erzählung vom Dopaminmangel erklärt ADHS in einem Satz und hält sich seit dreißig Jahren. Was die großen Genomstudien wirklich zeigen und warum die Dopaminhypothese Lücken aufweist.

ADHS und Dopamin: Warum der Dopaminmangel keine ausreichende Erklärung ist

Die verbreitetste Erklärung für ADHS lautet: zu wenig Dopamin. Sie steht in Aufklärungsbroschüren, Apps und Millionen von Kurzvideos. Im ADHS-Gehirn ist zu wenig von diesem Botenstoff vorhanden; deshalb fehlt Antrieb, deshalb wird nach Reizen gesucht, und deshalb wirken Stimulanzien, weil sie den Mangel ausgleichen.

Die großen Genomstudien der letzten Jahre beweisen aber, dass Dopaminmangel nicht die ausschließliche Ursache der Verhaltens- und Erlebensmuster ist. Die Bildgebung liefert noch mehr widersprüchliche Ergebnisse. Das internationale Konsenspapier der Fachwelt beschreibt ADHS nicht als Folge eines solchen Mangels. Er ist ein Modell, das beim Verständnis hilft. Eine vollständige Erklärung liefert er nicht.

Das Bild vom leeren Tank

Die Erklärung hat einen offensichtlichen Vorzug: Sie passt in ein Bild. Ein leerer Tank. Zu wenig Treibstoff, zu wenig Antrieb, zu viel Suche nach dem nächsten Reiz. Medikamente füllen den Tank auf.

Das Bild leistet für viele Betroffene etwas:

·        Für die Praxis ist sie die verständliche Antwort auf eine Frage, die sich sonst nicht in fünf Minuten beantworten lässt.

·        Betroffene entlastet sie, weil sie Schwierigkeiten aus der moralischen Verurteilung in Begriffen wie Willensschwäche, Faulheit oder Charakterversagen ausnimmt.

·        „Dopaminmanagement“ hilft bei vielen Problemen mit ADHS.

·        Aber auch für digitale Selbstoptimierung, Nahrungsergänzung und Fokus-Produkte ist sie anschlussfähig, weil sie ein intuitives Problemlösungsschema liefert.

Woher die Idee kam

Forscher haben untersucht, ob bestimmte Varianten zweier Gene bei ADHS etwas häufiger vorkommen. Beide Gene haben mit dem Dopaminsystem zu tun. Die Ergebnisse waren aber schwach und uneinheitlich. Aber sie ließen eine plausible Hypothese entstehen: Wenn Dopamin bei ADHS eine Rolle spielt, könnten Varianten in Genen des dopaminergen Systems das Risiko erhöhen.

Metaanalysen fanden damals einzelne statistische Zusammenhänge. Die Metaanalyse von Gizer, Ficks und Waldman aus dem Jahr 2009 berichtete Assoziationen für DAT1, DRD4, DRD5 und weitere Gene, zugleich jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den Studien. Spätere und größere Auswertungen zeigten deutlich geringere Effekte.

Bei einer Variante des Dopamintransporter-Gens DAT1 fanden Grünblatt und Kollegen bei Kindern und Jugendlichen einen sehr kleinen statistischen Zusammenhang mit ADHS. Eine Odds-Ratio von 1,105 bedeutet: Die Variante war bei Betroffenen nur geringfügig häufiger vertreten – nicht etwa „zehn Prozent mehr ADHS“ und erst recht kein Hinweis auf eine Ursache. Bei Erwachsenen zeigte sich dieser Zusammenhang nicht.

Bei einer Variante des Dopaminrezeptor-Gens DRD4 fanden Bonvicini und Kollegen einen Zusammenhang nur in einer bestimmten Gruppe, nämlich bei Kindern europäischer Abstammung. Außerdem untersuchten sie nicht genau dieselben genetischen Stellen, die in den großen, moderneren Genomstudien geprüft wurden. Dort zeigte sich kein Zusammenhang.

Kurz: Einzelne Varianten in Dopamin-Genen können in manchen Studien geringfügig mit ADHS zusammenhängen. Sie erklären ADHS aber nicht – und die Ergebnisse sind zu schwach und zu uneinheitlich, um aus ihnen eine einfache Geschichte vom „Dopamin-Gen“ oder „Dopaminmangel“ abzuleiten. Dopamin spielt immer noch eine Rolle in der ADHS‑Forschung. Aber die anfängliche Vermutung, einige wenige „Dopamin-Gene“ erklärten ADHS, hielt der Prüfung an größeren Stichproben nicht stand.

Was die großen Studien zeigen

2019 untersuchten Forschende das Erbgut von mehr als 55.000 Menschen – mit und ohne ADHS. Sie suchten nicht nach einem einzelnen „ADHS-Gen“, sondern nach vielen kleinen genetischen Unterschieden, die bei Menschen mit ADHS etwas häufiger vorkommen. Dabei fanden sie zwölf Stellen im Erbgut, die statistisch mit ADHS zusammenhängen.

2023 wurde dieselbe Frage mit einer viel größeren Gruppe wiederholt: mehr als 225.000 Menschen. Nun fanden die Forschenden 27 solcher Genstellen und 76 Gene, die möglicherweise daran beteiligt sind. Viele dieser Gene sind vor allem in sehr frühen Phasen der Hirnentwicklung aktiv, unter anderem in Bereichen des Stirnhirns, die für Planung, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle wichtig sind.

Das wichtigste Ergebnis lautet: ADHS lässt sich nicht auf ein einzelnes Gen, einen bestimmten Hirnbereich oder einen Botenstoff wie Dopamin zurückführen. Es geht vielmehr um sehr viele kleine genetische Einflüsse, die zusammen mit Entwicklung und Umweltbedingungen das Risiko mitprägen.

Oder noch einfacher: Die Genforschung findet keinen einzelnen Defekt. Sie findet viele sehr kleine Unterschiede, verteilt über das ganze Erbgut. Sehr viele genetische Varianten tragen jeweils einen winzigen Anteil zum Risiko bei. Viele davon überschneiden sich mit anderen psychiatrischen Diagnosen. Ein fehlendes Molekül, ein gestörter Rezeptor, eine einzelne Ursache kommen in diesem Bild nicht vor.

Und noch ein wichtiges Ergebnis gehört ausdrücklich dazu. Die Studie von 2023 fand eine klare Verbindung zwischen ADHS-assoziierten Genen und Genen, die in dopaminergen Mittelhirnneuronen aktiv sind. Dopaminerge Schaltkreise sind also beteiligt.

Die häufig zitierte Zwillingserblichkeit von ADHS liegt bei etwa 0,74, während die SNP-Erblichkeit in der großen Studie bei 0,14 lag. Diese Zahl ist keine Aussage darüber, dass ADHS „zu 74 oder 14 Prozent vererbt“ werde. Sie beschreibt nur den Anteil der Unterschiede in der untersuchten Bevölkerung, der durch die häufigen kleinen Genvarianten erklärt werden kann, die solche Studien überhaupt messen.

Häufige, in solchen Studien erfasste Varianten können also nur einen Teil der Unterschiede erklären.

Der Dopamintransporter

Die Bildgebung schien lange ein anschauliches Beweisstück zu liefern. Nora Volkow und Kollegen untersuchten 2009 mithilfe der Positronenemissionstomografie 53 nicht medikamentös behandelte Erwachsene mit ADHS sowie 44 Erwachsene ohne ADHS. Im Nucleus accumbens – einer Hirnregion, die an Motivation, Belohnungserwartung und dem Lernen aus Rückmeldungen beteiligt ist – fanden die Forschenden niedrigere Werte als in der Kontrollgruppe.

Eine Metaanalyse von Fusar-Poli und Kollegen fasste 2012 neun SPECT- und PET-Studien mit 169 Betroffenen und 173 Kontrollen zusammen. Im Durchschnitt war die Dichte des Dopamintransporters in einer Hirnregion (Striatum) bei ADHS um 14 Prozent höher. Die Streuung zwischen den Studien war jedoch groß.

Aufschlussreich ist die Ursache dieser Streuung. Je größer der Anteil der Teilnehmer war, die zuvor nie Stimulanzien eingenommen hatten, desto niedriger lag die Transporterdichte. Frühere Stimulanzienbehandlung könnte also einen erheblichen Teil der widersprüchlichen Ergebnisse erklären.

Damit ist die Transporterdichte kein stabiler, eindeutiger Marker der Störung. Was als Merkmal von ADHS gelesen wurde, kann zumindest teilweise durch die Behandlungsgeschichte mitverursacht sein.

Medikamente beweisen keine Ursache

Der Kurzschluss liegt nahe. Stimulanzien erhöhen die außerzelluläre Dopaminmenge. Sie helfen vielen Menschen mit ADHS. Also muss ADHS durch zu wenig Dopamin verursacht sein.

François Gonon hat diese Schlussfolgerung 2009 präzise zerlegt. Aus der Wirkung eines Medikaments folgt nicht die Ursache der Beschwerden, bei denen es hilft. Aspirin senkt Fieber. Fieber ist deshalb kein Aspirinmangel.

Das gilt auch für Stimulanzien. Ihre Wirksamkeit bei ADHS ist gut belegt. Ihre Wirkungen betreffen dopaminerge und noradrenerge Prozesse. Daraus folgt ein therapeutischer Angriffspunkt. Über Ursachen sagt das nichts.

Judith Rapoport und Kollegen gaben 1978 vierzehn gesunden vorpubertären Jungen in einer doppelblinden Untersuchung Dextroamphetamin. Die motorische Aktivität nahm ab, die Reaktionszeiten verkürzten sich, und die Leistungen in kognitiven Tests verbesserten sich. Die Autoren folgerten, dass dies Zweifel an der Annahme nahelege, die unbestreitbare Reaktion auf Stimulanzien bei ADHS wäre eindeutig ein ADHS-Merkmal.

Ilieva, Hook und Farah werteten 2015 48 Studien mit 1.409 Personen ohne ADHS aus. Sie fanden kleine, statistisch bedeutsame Effekte auf Impulskontrolle und Kurzzeitgedächtnis. Nach Korrektur für Publikationsverzerrung fielen diese Effekte noch geringer aus. Stimulanzien können auch bei Menschen ohne ADHS Aufmerksamkeit, Wachheit und Motivation verändern. Ihre Wirkung ist daher kein Diagnosetest und kein Beweis für einen spezifischen Dopaminmangel.

Was das Konsenspapier sagt

Das internationale Konsenspapier der World Federation of ADHD aus dem Jahr 2021, unter Federführung von Stephen Faraone und getragen von achtzig Autoren aus 27 Ländern, versammelt 208 evidenzbasierte Aussagen zu ADHS. Eine Aussage, ADHS werde durch einen Dopaminmangel verursacht, findet sich dort nicht.

Zur Ursache heißt es, ADHS werde selten durch einen einzelnen genetischen oder umweltbezogenen Risikofaktor verursacht. Die meisten Fälle entstünden durch das Zusammenwirken vieler genetischer und umweltbezogener Einflüsse, die jeweils nur kleine Beiträge leisteten.

Zu Bildgebungsstudien heißt es, sie zeigten kleine Unterschiede in Struktur und Funktion des Gehirns, seien aber nicht zur Diagnose geeignet. Zu Kandidatengenen wie DAT1 und DRD4 heißt es, ihr Status als Risikogene bleibe ungewiss, bis er in genomweiten Untersuchungen bestätigt sei.

In den maßgeblichen Konsens- und Genomarbeiten erscheint der Dopaminmangel also nicht als einzige Erklärung.

Wie eine Kurzformel überlebt

Der Parallelfall Serotonin bei Depression zeigt einen ähnlichen kommunikativen Mechanismus. Eine vereinfachte neurochemische Erklärung kann weiterwirken, nachdem sie in der Fachliteratur nicht mehr als vollständiges Ursachenmodell vertreten wird. Der Vergleich zeigt vor allem, wie zäh biologische Kurzformeln gegenüber wissenschaftlichem Fortschritt sind.

Wie diese Zähigkeit entsteht, ist im ADHS-Bereich untersucht worden. Gonon, Bezard und Boraud werteten 2011 die Berichterstattung über ADHS-Forschung aus. Von 159 Fachartikeln, die einen Zusammenhang zwischen DRD4-Varianten und ADHS behaupteten, erwähnten nur 25 in der Zusammenfassung, dass es um ein geringes Risiko ging. Von 61 Medienartikeln über zwei wissenschaftliche Arbeiten beschrieb nur einer die Ergebnisse angemessen.

Auf sozialen Plattformen setzt sich diese Logik fort. Yeung, Ng und Abi-Jaoude untersuchten 2022 die hundert meistgesehenen TikTok-Videos zu ADHS: 52 Prozent waren irreführend, 27 Prozent persönliche Erfahrungsberichte und 21 Prozent nützlich. Die Untersuchung bezog sich auf die Qualität von ADHS-Inhalten allgemein, nicht speziell auf die Dopaminmangel-Behauptung. Sie beschreibt jedoch das Umfeld, in dem einfache neurochemische Erzählungen gut funktionieren.

Und an Einfachheit ist auch nichts Verwerfliches, solange keine Tatsachen verdreht werden. Eine griffige Erklärung schafft Verständnis und erlaubt Orientierung. Nicht jeder Betroffene muss sich in die Forschungsliteratur einarbeiten, um erfolgreich mit seinen Mustern umzugehen. Dazu kann der „Dopaminmangel“ durchaus dienen. Um zum Aspirinbeispiel zurückzukehren: Man muss wissen, dass Aspirin Fieber senkt, und wieviel man davon schadlos einnehmen kann, wenn man Fieber bekommt. Was COX-Enzyme sind, und welche Funktion sie haben, muss der behandelnde Arzt wissen.

Was bleibt

Es bleibt eine stark erbliche, heterogene und entwicklungsbezogene Ursachenvielfalt. Viele genetische Varianten tragen kleine, nicht ADHS-spezifische Risiken bei. Umweltbedingungen und Entwicklung wirken mit ihnen zusammen. Studien finden statistische Unterschiede in Hirnstruktur, Hirnfunktion, Belohnungsverarbeitung und exekutiven Funktionen. Sie sind eindeutig, aber für die Diagnose Einzelner nicht brauchbar.

Dopaminerge und noradrenerge Prozesse gehören zu diesem Modell, ebenso wie die Erfahrung Betroffener. Und Medikamente können wirksam sein, ohne einen zuvor bestehenden biochemischen Mangel auszugleichen.

Die Erzählung vom leeren Tank ist gut, aber unvollständig

Das Wichtigste in Kürze

•            Dopamin ist für ADHS relevant, aber ein einheitlicher Dopaminmangel ist keine hinreichend belegte Erklärung.

•            Große Genomstudien zeigen eine komplexe, polygen geprägte und entwicklungsbezogene Architektur. Von einigen wenigen „Dopamin-Genen“ ist nichts übrig geblieben.

•            Die Studie von 2023 fand eine Anreicherung ADHS-assoziierter Gene in dopaminergen Mittelhirnneuronen. Das zeigt Beteiligung dopaminerger Schaltkreise. Über einen Mangel sagt es nichts.

•            Die Ergebnisse zum Dopamintransporter sind widersprüchlich und werden offenbar unter anderem von der vorausgegangenen Stimulanzienbehandlung beeinflusst.

•            Stimulanzien greifen unter anderem an dopaminergen und noradrenergen Prozessen an. Ihre Wirksamkeit beweist aber nicht, dass ADHS durch einen Neurotransmittermangel verursacht wird.

•            Große Konsensarbeiten beschreiben ADHS als Ergebnis vieler kleiner genetischer und umweltbezogener Einflüsse. Ein einzelnes biochemisches Defizit steht darin nirgends.

•            Die Formel vom Dopaminmangel hält sich, weil sie verständlich, entlastend und kommerziell anschlussfähig ist. Mit dem Stand der Forschung hat ihre Haltbarkeit wenig zu tun.

Quellen

·        Demontis, D. et al.: Discovery of the first genome-wide significant risk loci for attention deficit/hyperactivity disorder, Nature Genetics 51 (2019), 63–75: https://www.nature.com/articles/s41588-018-0269-7

·        Demontis, D. et al.: Genome-wide analyses of ADHD identify 27 risk loci, refine the genetic architecture and implicate several cognitive domains, Nature Genetics 55 (2023), 198–208: https://www.nature.com/articles/s41588-022-01285-8

·        Gizer, I. R., Ficks, C., Waldman, I. D.: Candidate gene studies of ADHD. A meta-analytic review, Human Genetics 126 (2009), 51–90: https://doi.org/10.1007/s00439-009-0694-x

·        Grünblatt, E. et al.: Association study and a systematic meta-analysis of the DAT1/SLC6A3 3′‑UTR VNTR polymorphism in ADHD, Journal of Neural Transmission 126 (2019), 517–529: https://doi.org/10.1007/s00702-019-01998-x

·        Bonvicini, C. et al.: DRD4 48 bp multiallelic variants as age-population-specific biomarkers in ADHD, Translational Psychiatry 10 (2020), 70: https://doi.org/10.1038/s41398-020-0755-4

·        Border, R. et al.: No Support for Historical Candidate Gene or Candidate Gene-by-Interaction Hypotheses for Major Depression Across Multiple Large Samples, American Journal of Psychiatry 176 (2019), 376–387: https://doi.org/10.1176/appi.ajp.2018.18070881

·        Volkow, N. D. et al.: Evaluating dopamine reward pathway in ADHD. Clinical implications, JAMA 302 (2009), 1084–1091: https://doi.org/10.1001/jama.2009.1308

·        Fusar-Poli, P. et al.: Striatal dopamine transporter alterations in ADHD. Pathophysiology or adaptation to psychostimulants? A meta-analysis, American Journal of Psychiatry 169 (2012), 264–272: https://doi.org/10.1176/appi.ajp.2011.11060940

·        Gonon, F.: The dopaminergic hypothesis of attention-deficit/hyperactivity disorder needs re-examining, Trends in Neurosciences 32 (2009), 2–8: https://doi.org/10.1016/j.tins.2008.09.010

·        Moncrieff, J., Cohen, D.: Rethinking models of psychotropic drug action, Psychotherapy and Psychosomatics 74 (2005), 145–153: https://doi.org/10.1159/000083999

·        Rapoport, J. L. et al.: Dextroamphetamine. Cognitive and behavioral effects in normal prepubertal boys, Science 199 (1978), 560–563: https://doi.org/10.1126/science.341313

·        Ilieva, I. P., Hook, C. J., Farah, M. J.: Prescription Stimulants’ Effects on Healthy Inhibitory Control, Working Memory, and Episodic Memory. A Meta-analysis, Journal of Cognitive Neuroscience 27 (2015), 1069–1089: https://doi.org/10.1162/jocn_a_00776

·        Faraone, S. V. et al.: The World Federation of ADHD International Consensus Statement. 208 Evidence-based conclusions about the disorder, Neuroscience & Biobehavioral Reviews 128 (2021), 789–818: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8328933/

·        Moncrieff, J. et al.: The serotonin theory of depression. A systematic umbrella review of the evidence, Molecular Psychiatry 28 (2023), 3243–3256: https://doi.org/10.1038/s41380-022-01661-0

·        Gonon, F., Bezard, E., Boraud, T.: Misrepresentation of neuroscience data might give rise to misleading conclusions in the media. The case of attention deficit hyperactivity disorder, PLoS ONE 6 (2011), e14618: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0014618

·        Yeung, A., Ng, E., Abi-Jaoude, E.: TikTok and Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. A Cross-Sectional Study of Social Media Content Quality, Canadian Journal of Psychiatry 67 (2022), 899–906: https://doi.org/10.1177/07067437221082854


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DESCRIPTION: Die Erzählung vom Dopaminmangel erklärt ADHS in einem Satz und hält sich seit dreißig Jahren. Was die großen Genomstudien wirklich zeigen und warum die Dopaminhypothese Lücken aufweist.

ADHS und Dopamin: Warum der Dopaminmangel keine ausreichende Erklärung ist

Die verbreitetste Erklärung für ADHS lautet: zu wenig Dopamin. Sie steht in Aufklärungsbroschüren, Apps und Millionen von Kurzvideos. Im ADHS-Gehirn ist zu wenig von diesem Botenstoff vorhanden; deshalb fehlt Antrieb, deshalb wird nach Reizen gesucht, und deshalb wirken Stimulanzien, weil sie den Mangel ausgleichen.

Die großen Genomstudien der letzten Jahre beweisen aber, dass Dopaminmangel nicht die ausschließliche Ursache der Verhaltens- und Erlebensmuster ist. Die Bildgebung liefert noch mehr widersprüchliche Ergebnisse. Das internationale Konsenspapier der Fachwelt beschreibt ADHS nicht als Folge eines solchen Mangels. Er ist ein Modell, das beim Verständnis hilft. Eine vollständige Erklärung liefert er nicht.

Das Bild vom leeren Tank

Die Erklärung hat einen offensichtlichen Vorzug: Sie passt in ein Bild. Ein leerer Tank. Zu wenig Treibstoff, zu wenig Antrieb, zu viel Suche nach dem nächsten Reiz. Medikamente füllen den Tank auf.

Das Bild leistet für viele Betroffene etwas:

·        Für die Praxis ist sie die verständliche Antwort auf eine Frage, die sich sonst nicht in fünf Minuten beantworten lässt.

·        Betroffene entlastet sie, weil sie Schwierigkeiten aus der moralischen Verurteilung in Begriffen wie Willensschwäche, Faulheit oder Charakterversagen ausnimmt.

·        „Dopaminmanagement“ hilft bei vielen Problemen mit ADHS.

·        Aber auch für digitale Selbstoptimierung, Nahrungsergänzung und Fokus-Produkte ist sie anschlussfähig, weil sie ein intuitives Problemlösungsschema liefert.

Woher die Idee kam

Forscher haben untersucht, ob bestimmte Varianten zweier Gene bei ADHS etwas häufiger vorkommen. Beide Gene haben mit dem Dopaminsystem zu tun. Die Ergebnisse waren aber schwach und uneinheitlich. Aber sie ließen eine plausible Hypothese entstehen: Wenn Dopamin bei ADHS eine Rolle spielt, könnten Varianten in Genen des dopaminergen Systems das Risiko erhöhen.

Metaanalysen fanden damals einzelne statistische Zusammenhänge. Die Metaanalyse von Gizer, Ficks und Waldman aus dem Jahr 2009 berichtete Assoziationen für DAT1, DRD4, DRD5 und weitere Gene, zugleich jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den Studien. Spätere und größere Auswertungen zeigten deutlich geringere Effekte.

Bei einer Variante des Dopamintransporter-Gens DAT1 fanden Grünblatt und Kollegen bei Kindern und Jugendlichen einen sehr kleinen statistischen Zusammenhang mit ADHS. Eine Odds-Ratio von 1,105 bedeutet: Die Variante war bei Betroffenen nur geringfügig häufiger vertreten – nicht etwa „zehn Prozent mehr ADHS“ und erst recht kein Hinweis auf eine Ursache. Bei Erwachsenen zeigte sich dieser Zusammenhang nicht.

Bei einer Variante des Dopaminrezeptor-Gens DRD4 fanden Bonvicini und Kollegen einen Zusammenhang nur in einer bestimmten Gruppe, nämlich bei Kindern europäischer Abstammung. Außerdem untersuchten sie nicht genau dieselben genetischen Stellen, die in den großen, moderneren Genomstudien geprüft wurden. Dort zeigte sich kein Zusammenhang.

Kurz: Einzelne Varianten in Dopamin-Genen können in manchen Studien geringfügig mit ADHS zusammenhängen. Sie erklären ADHS aber nicht – und die Ergebnisse sind zu schwach und zu uneinheitlich, um aus ihnen eine einfache Geschichte vom „Dopamin-Gen“ oder „Dopaminmangel“ abzuleiten. Dopamin spielt immer noch eine Rolle in der ADHS‑Forschung. Aber die anfängliche Vermutung, einige wenige „Dopamin-Gene“ erklärten ADHS, hielt der Prüfung an größeren Stichproben nicht stand.

Was die großen Studien zeigen

2019 untersuchten Forschende das Erbgut von mehr als 55.000 Menschen – mit und ohne ADHS. Sie suchten nicht nach einem einzelnen „ADHS-Gen“, sondern nach vielen kleinen genetischen Unterschieden, die bei Menschen mit ADHS etwas häufiger vorkommen. Dabei fanden sie zwölf Stellen im Erbgut, die statistisch mit ADHS zusammenhängen.

2023 wurde dieselbe Frage mit einer viel größeren Gruppe wiederholt: mehr als 225.000 Menschen. Nun fanden die Forschenden 27 solcher Genstellen und 76 Gene, die möglicherweise daran beteiligt sind. Viele dieser Gene sind vor allem in sehr frühen Phasen der Hirnentwicklung aktiv, unter anderem in Bereichen des Stirnhirns, die für Planung, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle wichtig sind.

Das wichtigste Ergebnis lautet: ADHS lässt sich nicht auf ein einzelnes Gen, einen bestimmten Hirnbereich oder einen Botenstoff wie Dopamin zurückführen. Es geht vielmehr um sehr viele kleine genetische Einflüsse, die zusammen mit Entwicklung und Umweltbedingungen das Risiko mitprägen.

Oder noch einfacher: Die Genforschung findet keinen einzelnen Defekt. Sie findet viele sehr kleine Unterschiede, verteilt über das ganze Erbgut. Sehr viele genetische Varianten tragen jeweils einen winzigen Anteil zum Risiko bei. Viele davon überschneiden sich mit anderen psychiatrischen Diagnosen. Ein fehlendes Molekül, ein gestörter Rezeptor, eine einzelne Ursache kommen in diesem Bild nicht vor.

Und noch ein wichtiges Ergebnis gehört ausdrücklich dazu. Die Studie von 2023 fand eine klare Verbindung zwischen ADHS-assoziierten Genen und Genen, die in dopaminergen Mittelhirnneuronen aktiv sind. Dopaminerge Schaltkreise sind also beteiligt.

Die häufig zitierte Zwillingserblichkeit von ADHS liegt bei etwa 0,74, während die SNP-Erblichkeit in der großen Studie bei 0,14 lag. Diese Zahl ist keine Aussage darüber, dass ADHS „zu 74 oder 14 Prozent vererbt“ werde. Sie beschreibt nur den Anteil der Unterschiede in der untersuchten Bevölkerung, der durch die häufigen kleinen Genvarianten erklärt werden kann, die solche Studien überhaupt messen.

Häufige, in solchen Studien erfasste Varianten können also nur einen Teil der Unterschiede erklären.

Der Dopamintransporter

Die Bildgebung schien lange ein anschauliches Beweisstück zu liefern. Nora Volkow und Kollegen untersuchten 2009 mithilfe der Positronenemissionstomografie 53 nicht medikamentös behandelte Erwachsene mit ADHS sowie 44 Erwachsene ohne ADHS. Im Nucleus accumbens – einer Hirnregion, die an Motivation, Belohnungserwartung und dem Lernen aus Rückmeldungen beteiligt ist – fanden die Forschenden niedrigere Werte als in der Kontrollgruppe.

Eine Metaanalyse von Fusar-Poli und Kollegen fasste 2012 neun SPECT- und PET-Studien mit 169 Betroffenen und 173 Kontrollen zusammen. Im Durchschnitt war die Dichte des Dopamintransporters in einer Hirnregion (Striatum) bei ADHS um 14 Prozent höher. Die Streuung zwischen den Studien war jedoch groß.

Aufschlussreich ist die Ursache dieser Streuung. Je größer der Anteil der Teilnehmer war, die zuvor nie Stimulanzien eingenommen hatten, desto niedriger lag die Transporterdichte. Frühere Stimulanzienbehandlung könnte also einen erheblichen Teil der widersprüchlichen Ergebnisse erklären.

Damit ist die Transporterdichte kein stabiler, eindeutiger Marker der Störung. Was als Merkmal von ADHS gelesen wurde, kann zumindest teilweise durch die Behandlungsgeschichte mitverursacht sein.

Medikamente beweisen keine Ursache

Der Kurzschluss liegt nahe. Stimulanzien erhöhen die außerzelluläre Dopaminmenge. Sie helfen vielen Menschen mit ADHS. Also muss ADHS durch zu wenig Dopamin verursacht sein.

François Gonon hat diese Schlussfolgerung 2009 präzise zerlegt. Aus der Wirkung eines Medikaments folgt nicht die Ursache der Beschwerden, bei denen es hilft. Aspirin senkt Fieber. Fieber ist deshalb kein Aspirinmangel.

Das gilt auch für Stimulanzien. Ihre Wirksamkeit bei ADHS ist gut belegt. Ihre Wirkungen betreffen dopaminerge und noradrenerge Prozesse. Daraus folgt ein therapeutischer Angriffspunkt. Über Ursachen sagt das nichts.

Judith Rapoport und Kollegen gaben 1978 vierzehn gesunden vorpubertären Jungen in einer doppelblinden Untersuchung Dextroamphetamin. Die motorische Aktivität nahm ab, die Reaktionszeiten verkürzten sich, und die Leistungen in kognitiven Tests verbesserten sich. Die Autoren folgerten, dass dies Zweifel an der Annahme nahelege, die unbestreitbare Reaktion auf Stimulanzien bei ADHS wäre eindeutig ein ADHS-Merkmal.

Ilieva, Hook und Farah werteten 2015 48 Studien mit 1.409 Personen ohne ADHS aus. Sie fanden kleine, statistisch bedeutsame Effekte auf Impulskontrolle und Kurzzeitgedächtnis. Nach Korrektur für Publikationsverzerrung fielen diese Effekte noch geringer aus. Stimulanzien können auch bei Menschen ohne ADHS Aufmerksamkeit, Wachheit und Motivation verändern. Ihre Wirkung ist daher kein Diagnosetest und kein Beweis für einen spezifischen Dopaminmangel.

Was das Konsenspapier sagt

Das internationale Konsenspapier der World Federation of ADHD aus dem Jahr 2021, unter Federführung von Stephen Faraone und getragen von achtzig Autoren aus 27 Ländern, versammelt 208 evidenzbasierte Aussagen zu ADHS. Eine Aussage, ADHS werde durch einen Dopaminmangel verursacht, findet sich dort nicht.

Zur Ursache heißt es, ADHS werde selten durch einen einzelnen genetischen oder umweltbezogenen Risikofaktor verursacht. Die meisten Fälle entstünden durch das Zusammenwirken vieler genetischer und umweltbezogener Einflüsse, die jeweils nur kleine Beiträge leisteten.

Zu Bildgebungsstudien heißt es, sie zeigten kleine Unterschiede in Struktur und Funktion des Gehirns, seien aber nicht zur Diagnose geeignet. Zu Kandidatengenen wie DAT1 und DRD4 heißt es, ihr Status als Risikogene bleibe ungewiss, bis er in genomweiten Untersuchungen bestätigt sei.

In den maßgeblichen Konsens- und Genomarbeiten erscheint der Dopaminmangel also nicht als einzige Erklärung.

Wie eine Kurzformel überlebt

Der Parallelfall Serotonin bei Depression zeigt einen ähnlichen kommunikativen Mechanismus. Eine vereinfachte neurochemische Erklärung kann weiterwirken, nachdem sie in der Fachliteratur nicht mehr als vollständiges Ursachenmodell vertreten wird. Der Vergleich zeigt vor allem, wie zäh biologische Kurzformeln gegenüber wissenschaftlichem Fortschritt sind.

Wie diese Zähigkeit entsteht, ist im ADHS-Bereich untersucht worden. Gonon, Bezard und Boraud werteten 2011 die Berichterstattung über ADHS-Forschung aus. Von 159 Fachartikeln, die einen Zusammenhang zwischen DRD4-Varianten und ADHS behaupteten, erwähnten nur 25 in der Zusammenfassung, dass es um ein geringes Risiko ging. Von 61 Medienartikeln über zwei wissenschaftliche Arbeiten beschrieb nur einer die Ergebnisse angemessen.

Auf sozialen Plattformen setzt sich diese Logik fort. Yeung, Ng und Abi-Jaoude untersuchten 2022 die hundert meistgesehenen TikTok-Videos zu ADHS: 52 Prozent waren irreführend, 27 Prozent persönliche Erfahrungsberichte und 21 Prozent nützlich. Die Untersuchung bezog sich auf die Qualität von ADHS-Inhalten allgemein, nicht speziell auf die Dopaminmangel-Behauptung. Sie beschreibt jedoch das Umfeld, in dem einfache neurochemische Erzählungen gut funktionieren.

Und an Einfachheit ist auch nichts Verwerfliches, solange keine Tatsachen verdreht werden. Eine griffige Erklärung schafft Verständnis und erlaubt Orientierung. Nicht jeder Betroffene muss sich in die Forschungsliteratur einarbeiten, um erfolgreich mit seinen Mustern umzugehen. Dazu kann der „Dopaminmangel“ durchaus dienen. Um zum Aspirinbeispiel zurückzukehren: Man muss wissen, dass Aspirin Fieber senkt, und wieviel man davon schadlos einnehmen kann, wenn man Fieber bekommt. Was COX-Enzyme sind, und welche Funktion sie haben, muss der behandelnde Arzt wissen.

Was bleibt

Es bleibt eine stark erbliche, heterogene und entwicklungsbezogene Ursachenvielfalt. Viele genetische Varianten tragen kleine, nicht ADHS-spezifische Risiken bei. Umweltbedingungen und Entwicklung wirken mit ihnen zusammen. Studien finden statistische Unterschiede in Hirnstruktur, Hirnfunktion, Belohnungsverarbeitung und exekutiven Funktionen. Sie sind eindeutig, aber für die Diagnose Einzelner nicht brauchbar.

Dopaminerge und noradrenerge Prozesse gehören zu diesem Modell, ebenso wie die Erfahrung Betroffener. Und Medikamente können wirksam sein, ohne einen zuvor bestehenden biochemischen Mangel auszugleichen.

Die Erzählung vom leeren Tank ist gut, aber unvollständig

Das Wichtigste in Kürze

•            Dopamin ist für ADHS relevant, aber ein einheitlicher Dopaminmangel ist keine hinreichend belegte Erklärung.

•            Große Genomstudien zeigen eine komplexe, polygen geprägte und entwicklungsbezogene Architektur. Von einigen wenigen „Dopamin-Genen“ ist nichts übrig geblieben.

•            Die Studie von 2023 fand eine Anreicherung ADHS-assoziierter Gene in dopaminergen Mittelhirnneuronen. Das zeigt Beteiligung dopaminerger Schaltkreise. Über einen Mangel sagt es nichts.

•            Die Ergebnisse zum Dopamintransporter sind widersprüchlich und werden offenbar unter anderem von der vorausgegangenen Stimulanzienbehandlung beeinflusst.

•            Stimulanzien greifen unter anderem an dopaminergen und noradrenergen Prozessen an. Ihre Wirksamkeit beweist aber nicht, dass ADHS durch einen Neurotransmittermangel verursacht wird.

•            Große Konsensarbeiten beschreiben ADHS als Ergebnis vieler kleiner genetischer und umweltbezogener Einflüsse. Ein einzelnes biochemisches Defizit steht darin nirgends.

•            Die Formel vom Dopaminmangel hält sich, weil sie verständlich, entlastend und kommerziell anschlussfähig ist. Mit dem Stand der Forschung hat ihre Haltbarkeit wenig zu tun.

Quellen

·        Demontis, D. et al.: Discovery of the first genome-wide significant risk loci for attention deficit/hyperactivity disorder, Nature Genetics 51 (2019), 63–75: https://www.nature.com/articles/s41588-018-0269-7

·        Demontis, D. et al.: Genome-wide analyses of ADHD identify 27 risk loci, refine the genetic architecture and implicate several cognitive domains, Nature Genetics 55 (2023), 198–208: https://www.nature.com/articles/s41588-022-01285-8

·        Gizer, I. R., Ficks, C., Waldman, I. D.: Candidate gene studies of ADHD. A meta-analytic review, Human Genetics 126 (2009), 51–90: https://doi.org/10.1007/s00439-009-0694-x

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