ADHS und Kreativität: Was die Studie von 2025 über Menschen mit ADHS wirklich zeigt

ADHS und Kreativität: Was die Studie von 2025 über Menschen mit ADHS wirklich zeigt

ADHS und Kreativität

Veröffentlicht am:

Eine Frau im beigen Blazer trägt an einem Strand in der Dämmerung einen rissigen Felsbrocken auf dem Kopf, über den blaue und violette Farbe herabfließt

DESCRIPTION: Die weltweit berichtete Verbindung von ADHS und Kreativität stützt sich auf ein Kongressposter ohne Begutachtung. Was die Studie zu divergentem Denken wirklich zeigt und welche Zusammenhänge fehlen.

ADHS und Kreativität: Was wirklich in der Studie steht, die 2025 um die Welt ging

Im Oktober 2025 ging eine Meldung um die Welt: ADHS mache kreativ, weil Menschen mit ADHS ihre Gedanken häufiger wandern ließen. Wissenschaftsportale, Zeitungen, Ratgeberseiten und Betroffenenforen verbreiteten die Geschichte. Ihre Grundlage war ein Kongressposter, kein begutachteter Fachaufsatz. Bis heute gibt es keine Zeitschriftenpublikation, keine DOI und keine Daten, die andere Forscher nachrechnen könnten.

Der Text, auf den sich die Berichterstattung stützte, umfasst rund 400 Wörter. Er enthält ein Ergebnis, das kaum Schlagzeilen machte: ADHS-Merkmale zeigten im einzigen Leistungstest der Arbeit keinen Zusammenhang mit divergentem Denken. Der berichtete Zusammenhang bezieht sich ausschließlich auf kreative Erfolge im Selbstbericht.

ADHS und Kreativität: was tatsächlich vorliegt

Han Fang und Kollegen vom Radboud University Medical Centre stellten die Arbeit am Samstag, dem 11. Oktober 2025, auf dem 38. Kongress des European College of Neuropsychopharmacology in Amsterdam vor. Die Nummer lautet PS01-0168. PS steht für Poster Session.

Die ECNP-Pressemitteilung trägt dasselbe Datum und eine Sperrfrist von 00:05 Uhr. Oberhalb des Textes steht eine Kennzeichnung, die in den meisten Presseberichten fehlte: „Type of study: not peer-reviewed/observational study/people.“ Der Veranstalter erklärte damit selbst, dass die Arbeit keine Begutachtung durchlaufen hatte und dass Beobachtungsdaten ausgewertet worden waren.

Das ist für ein Kongressposter kein Skandal. Kongresse zeigen laufende Forschung. Ein Poster kann eine spätere Publikation vorbereiten, korrigiert werden oder ganz verschwinden. Problematisch wurde die anschließende Behandlung des Posters als abgeschlossenes Wissen.

Zwei Studien, 750 Teilnehmer

Das Abstract beschreibt zwei getrennte Erhebungen.

Die erste umfasste 347 Teilnehmer: 275 Fälle und 72 Kontrollen aus der Testbatterie der ECNP-Arbeitsgruppe „ADHD across the lifespan“. Erhoben wurden ADHS-Merkmale mit der Adult ADHD Self-Report Scale, Abschweifen der Gedanken mit der Mind Excessively Wandering Scale und kreative Leistungen mit dem Creative Achievement Questionnaire. Alle drei Maße waren Selbstauskünfte.

Die zweite Erhebung umfasste 403 britische Teilnehmer, die über Prolific rekrutiert wurden, eine bezahlte Online-Plattform. Sie beantworteten ebenfalls die ADHS-Selbstauskunft. Hinzu kamen getrennte Skalen für beabsichtigtes und spontanes Abschweifen der Gedanken, der Alternate Uses Task als Leistungstest für divergentes Denken, der Creative Achievement Questionnaire und eine Erfassung funktioneller Beeinträchtigung anhand von Kriterium C des Diagnostic Interview for ADHD in Adults.

Die Zahl 750, die durch die Presse ging, addiert beide Stichproben. Die Pressemitteilung nennt beide Gruppen „ADHD patients and healthy controls“. Für die zweite Studie ist diese Beschreibung zu stark. Prolific liefert kein klinisches Patientenkollektiv. Die dort erhobenen ADHS-Merkmale beruhen auf Selbstbericht. das Abstract nennt für diese Gruppe keine klinisch gesicherte Diagnose.

Kreativität im Leistungstest: das Ergebnis ohne Schlagzeile

Der entscheidende Satz im Abstract lautet: Unaufmerksamkeit sowie Hyperaktivität-Impulsivität korrelierten in beiden Studien positiv mit kreativem Erfolg und gedanklichem Abschweifen. Mit divergentem Denken zeigten sie in Studie 2 keinen bedeutsamen Zusammenhang („no significant correlations“).

Divergentes Denken ist die Leistungskomponente der Kreativitätsforschung. Beim Alternate Uses Task sollen Teilnehmer möglichst viele ungewöhnliche Verwendungen eines Alltagsgegenstands nennen. Bewertet werden unter anderem Menge, Vielfalt und Originalität der Antworten. Es war der einzige Test in der Arbeit, der eine kreative Leistung im Untersuchungsmoment verlangte.

In diesem Test gab es keinen Zusammenhang zwischen ADHS-Merkmalen und kreativem Denken. Die Schlagzeile „ADHS macht kreativ“ stützt sich daher nicht auf eine bessere Leistung im Kreativitätstest. Sie stützt sich auf den Creative Achievement Questionnaire, in dem Teilnehmer über ihre früheren kreativen Erfolge Auskunft geben: veröffentlichte Texte, ausgestellte Bilder, komponierte Musik, Preise und vergleichbare Leistungen.

Das ist ein anderer Gegenstand. Der Fragebogen misst die berichteten kreativen Erfolge in der Biografie. Der Alternate Uses Task misst die Leistung in einer konkreten Aufgabe. Die Arbeit fand den Zusammenhang beim Selbstauskunftsbogen, aber nicht beim zweiten Test.

Menschen mit ADHS im Selbstbericht: das Problem der Selbstauskunft

In Studie 1 stammen ADHS-Merkmale, gedankliches Abschweifen und kreative Erfolge aus Fragebögen desselben Teilnehmers, zum selben Zeitpunkt und im selben Erhebungsdurchgang. Wer in einem Fragebogen hoch antwortet, antwortet unter bestimmten Bedingungen auch in anderen Fragebögen höher. Dieser Effekt heißt gemeinsame Methodenvarianz. Er kann Korrelationen erzeugen oder verstärken, ohne dass die gemessenen Eigenschaften im Leben in derselben Stärke zusammenhängen.

Beim Creative Achievement Questionnaire kommt eine zweite Schwierigkeit hinzu. Er misst keine Kreativität unabhängig von Wissen über sich selbst. Er fragt nach Selbstbeschreibungen einer Biografie. Menschen mit einer ADHS-Diagnose oder hohen ADHS-Werten bewegen sich häufiger in Umgebungen, in denen die Verbindung von ADHS und Kreativität als vertraute Erzählung zirkuliert. Diese Erwartung kann beeinflussen, welche Erfahrungen jemand als kreativ zählt, welche Erfolge erinnert werden und was als erwähnenswert erscheint.

Das widerlegt die Antworten nicht. Es begrenzt, was man aus ihnen folgern kann. Die Studie zeigt: Menschen mit höheren Werten in ADHS-Selbstberichten geben auch mehr kreativen Erfolg und mehr gedankliches Abschweifen an. Sie zeigt nicht, dass ADHS kreativer macht.

Wie aus einem Poster eine Tatsache wurde

Der Ablauf lässt sich genau verfolgen.

Am Anfang stand die Fachgesellschaft. Sie machte aus einem unveröffentlichten Poster eine Pressemitteilung mit Sperrfrist, Zitaten des Erstautors und einem Kommentar eines unbeteiligten Professors. Wissenschaftsmarketing ist Teil des Kongressbetriebs. die Kennzeichnung als „not peer-reviewed“ stand in diesem Fall sogar sichtbar über dem Text.

Dann übernahmen Verteilerdienste und Wissenschaftsseiten die Mitteilung. EurekAlert veröffentlichte sie weitgehend im Wortlaut. ScienceDaily setzte die Überschrift: „New research reveals how ADHD sparks extraordinary creativity“ und fasste die Botschaft als kreativen Vorteil zusammen. Als Quelle nennt die Seite den ECNP selbst.

Mit jeder Übernahme wurde der Abstand zum Originalmaterial größer. Aus einer vorläufigen Beobachtungsstudie wurde „new research reveals“. Aus dem Zusammenhang mit selbstberichteten kreativen Erfolgen wurde Kreativität. Aus einer Mediationsanalyse mit Querschnittsdaten wurde eine Erklärung: das Abschweifen der Gedanken sei der Grund, warum ADHS kreativ mache.

Im letzten Schritt zitieren Ratgeberseiten, soziale Medien und Betroffenenforen die Überschriften. Ab diesem Punkt gilt die Behauptung als Wissen. Das ursprüngliche Poster liest niemand mehr.

Der zitierbare Satz

Die Pressemitteilung enthielt einen Kommentar von K. P. Lesch, Professor für Molekulare Psychiatrie in Würzburg, der nicht an der Studie beteiligt war. Das Abschweifen der Gedanken sei eine der entscheidenden Ressourcen, auf denen die bemerkenswerte Kreativität hochfunktionaler Menschen mit ADHS beruhe. Dadurch seien sie ein „incredibly valuable asset“ für Gesellschaft und die Zukunft des Planeten.

Der Satz ist für eine Überschrift gebaut. Er verbindet Diagnose, positive Identität und gesellschaftlichen Nutzen. Seine Größe steht in keinem Verhältnis zum Material: zwei Querschnittserhebungen, ein Poster, überwiegend Selbstberichte und kein Zusammenhang der ADHS-Merkmale mit divergentem Denken.

Eine Diagnose, die lange über Defizite, Schulprobleme, Behandlungsbedarf und Ausfälle berichtete, erhält hier eine positive Umdeutung. Das erklärt die Reichweite der Meldung. Niemand muss absichtlich täuschen, damit eine solche Geschichte in Umlauf gebracht werden kann. Es genügt, dass sie Aufmerksamkeit bindet, Hoffnung verspricht und sich in einem Satz erzählen lässt.

Was die Autoren selbst sagen

Der Abstand zwischen Abstract und Schlagzeilen geht nicht vollständig auf das Konto der Forscher. Das Abstract endet zurückhaltend. Die Arbeit könne neue Wege eröffnen, Stärken zu fördern und funktionelle Beeinträchtigungen abzubauen. Han Fang sagt in der Pressemitteilung ausdrücklich, dies sei das erste Mal, dass die Verbindung auf diese Weise untersucht wurde, und weitere Studien müssten die Ergebnisse bestätigen.

Interessenkonflikte: Was die Angaben bedeuten

Auch die finanziellen Verbindungen der Autoren stehen im Abstract. Der Erstautor wird durch den China Scholarship Council gefördert, zwei weitere Autoren durch die niederländische Forschungsorganisation NWO. Beide Einrichtungen sind öffentliche Forschungsförderer. Sie finanzieren wissenschaftliche Arbeit. Aus dieser Förderung folgt kein besonderer Interessenkonflikt mit dem Ergebnis der Studie.

Anders liegt der Fall bei der Letztautorin. Sie gibt ein Vortragshonorar von Medice an. Medice verkauft Medikamente zur Behandlung von ADHS, darunter Methylphenidat-Präparate. Ein Vortragshonorar bedeutet, dass ein Unternehmen einer Wissenschaftlerin Geld für einen Vortrag gezahlt hat. Es bedeutet nicht, dass Medice diese Studie finanziert, ihre Ergebnisse geschrieben oder ihre Veröffentlichung veranlasst hat. Dafür enthält das Abstract keinen Hinweis.

Die Angabe gehört trotzdem in den Text. Ein Unternehmen, das ADHS-Medikamente verkauft, hat ein wirtschaftliches Interesse daran, wie ADHS öffentlich wahrgenommen, diagnostiziert und behandelt wird. Eine Meldung, die ADHS mit Kreativität, Innovation und gesellschaftlichem Nutzen verbindet, kann das öffentliche Bild der Diagnose verändern. Das hat mittelbar auch Einfluss auf den Markt für ADHS-Medikamente.

Aus dieser Verbindung folgt keine Manipulation der Studie. Sie gibt Lesern jedoch einen Grund, die Arbeit genauer zu prüfen. Der entscheidende Punkt liegt nicht beim Vortragshonorar. Er liegt in der Studie selbst: ein Kongressposter ohne Begutachtung, zwei Querschnittserhebungen, überwiegend Selbstauskünfte, ein fehlender Zusammenhang zwischen ADHS-Merkmalen und divergentem Denken und eine Mediationsanalyse ohne Zeitverlauf.

Mediation ohne Zeitfolge

Das Abstract berichtet über sogenannte Mediationsanalysen. Das Abschweifen der Gedanken vermittelt demnach zwischen ADHS-Merkmalen und Kreativität: beabsichtigtes Abschweifen in Richtung Kreativität, unfreiwilliges Abschweifen in Richtung Beeinträchtigung.

Eine Mediation beschreibt eine Reihenfolge: A wirkt auf B, B wirkt auf C. Beide Erhebungen waren Querschnitte. Alle Variablen wurden zum selben Zeitpunkt erhoben. Daraus lässt sich keine zeitliche Reihenfolge bestimmen. Man weiß nicht, ob ADHS-Merkmale das Abschweifen der Gedanken verstärken, ob dieses Abschweifen zu einer bestimmten Selbstbeschreibung von ADHS beiträgt, ob kreative Tätigkeiten das beabsichtigte Abschweifen fördern oder ob eine vierte Variable die drei Größen gemeinsam beeinflusst.

Die Statistik kann bei Querschnittsdaten einen indirekten Effekt berechnen. Sie kann damit keinen kausalen Weg nachweisen. Die Erklärung, die die Pressemitteilung interessant machte, bleibt deshalb bestenfalls eine Vermutung.

Unfreiwilliges und bewusstes Abschweifen der Gedanken

Ein Teil der Studie bleibt unabhängig von der Kritik sinnvoll. Sie trennt zwei Vorgänge, die in der öffentlichen Berichterstattung fast immer zusammenfallen.

Spontanes Abschweifen ist eine unfreiwillige Ablenkung. Die Aufmerksamkeit löst sich vom Gegenstand, obwohl jemand bei der Aufgabe bleiben will. In der zweiten Studie hing es mit funktionellen Beeinträchtigungen zusammen.

Beabsichtigtes Abschweifen bezeichnet bewusstes freies Assoziieren. Jemand unterbricht eine Aufgabe oder lässt Gedanken frei laufen, um Ideen entstehen zu lassen, sich zu erholen oder Möglichkeiten durchzuspielen. In der Studie hing es mit divergentem Denken und kreativem Erfolg zusammen.

Die Unterscheidung ist brauchbar, auch wenn ihre Richtung unklar bleibt. Aus zwei Vorgängen mit gegensätzlichen Folgen machte die Berichterstattung eine Superkraft. Das ist die stärkste Verzerrung der gesamten Meldung.

Gedankliches Abschweifen und Maladaptives Tagträumen

Gedankliches Abschweifen ist nicht dasselbe wie Maladaptives Tagträumen. Maladaptives Tagträumen bezeichnet ausgedehnte, häufig bewusst eingeleitete Fantasiewelten mit wiederkehrenden Figuren und Handlungen. Sie können Stunden beanspruchen und Arbeit, Beziehungen oder Selbstversorgung untergraben.

Es gibt Überschneidungen mit ADHS und eine hohe Suchnachfrage nach beiden Themen. Wer bei sich häufiges Abschweifen der Gedanken bemerkt, sollte diese Unterscheidung kennen, bevor er es als kreativen Vorteil deutet. Eine willentlich entwickelte, zeitaufwendige Fantasiewelt ist etwas anderes als ein kurzer Einfall, ein bewusstes Abschweifen oder die unwillkürliche Unterbrechung der Aufmerksamkeit.

Wem die Erzählung von der ADHS-Superkraft nützt

Die Superkraft-Erzählung hat drei Gewinner. Betroffene erhalten eine Sprache, die ohne Mangel und Ausfall auskommt. Medien erhalten ein Thema mit hoher Reichweite. Ein Forschungsprojekt erhält Sichtbarkeit, bevor es ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen hat.

Den Schaden hat, wer sich in der positiven Beschreibung nicht wiederfindet. Wer ADHS hat, ohne kreative Erfolge vorweisen zu können, bekommt eine neue Erwartung hinzu. Die alte Frage lautete: Warum funktioniere ich nicht wie andere? Die neue kann lauten: Warum blieb bei mir auch noch diese versprochene Superkraft aus?

ADHS verlangt keine Rechtfertigung durch Kreativität. Beeinträchtigung wird nicht kleiner, weil sich aus einigen Merkmalen unter bestimmten Bedingungen ein Vorteil ergeben kann. Und Kreativität wird nicht glaubwürdiger, wenn man sie aus einer Diagnose ableitet.

Das Wichtigste in Kürze

•            Die Meldung „ADHS macht kreativ“ vom Oktober 2025 beruht auf dem ECNP-Poster PS01-0168, vorgestellt am 11. Oktober 2025 in Amsterdam.

•            Der ECNP kennzeichnete die Arbeit selbst als nicht begutachtete Beobachtungsstudie. Eine Fachzeitschriftenpublikation und DOI lagen nicht vor.

•            Studie 1 umfasste 347 Teilnehmer und bestand vollständig aus Selbstauskünften.

•            Studie 2 umfasste 403 über Prolific rekrutierte Teilnehmer. Das Abstract beschreibt hier ADHS-Merkmale im Selbstbericht, keine klinisch gesicherte ADHS-Diagnose.

•            Der einzige Leistungstest, der Alternate Uses Task für divergentes Denken, zeigte keinen signifikanten Zusammenhang mit Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität-Impulsivität.

•            Der berichtete Zusammenhang stammt aus dem Creative Achievement Questionnaire, einer Selbstauskunft über kreative Erfolge.

•            Die Mediationsanalyse verwendet Querschnittsdaten. Sie kann keine zeitliche oder kausale Reihenfolge nachweisen.

•            Spontanes Abschweifen hing in Studie 2 mit Beeinträchtigungen zusammen, beabsichtigtes Abschweifen mit divergentem Denken und kreativem Erfolg.

•            Gedankliches Abschweifen und maladaptives Tagträumen sind unterschiedliche Vorgänge.

•            ADHS braucht keine kreative Rechtfertigung. Die Superkraft-Erzählung schafft für viele Betroffene eine weitere Norm, an der sie scheitern können.

Quellen

·        European College of Neuropsychopharmacology. (2025, 11. Oktober). Study confirms that people with ADHD can be more creative: The reason may be that they let their mind wander. Pressemitteilung und Kongressabstract PS01-0168.

·        Fang, H., De Roubaix, A., Grimm, O., Ziegler, G. C., Kittel-Schneider, S., Réthelyi, J. M., Kilencz, T., Balogh, L., Greven, C. U., & Hoogman, M. (2025). Mind wandering as a mediator in the link between ADHD and creativity: Evidence from two independent samples. Kongressposter PS01-0168, 38. ECNP Congress, Amsterdam.

·        Carson, S. H., Peterson, J. B., & Higgins, D. M. (2005). Reliability, validity, and factor structure of the Creative Achievement Questionnaire. Creativity Research Journal, 17, 37–50.

·        Guilford, J. P. (1967). The Nature of Human Intelligence. New York: McGraw-Hill.

·        Seli, P., Risko, E. F., Smilek, D., & Schacter, D. L. (2016). Mind-wandering with and without intention. Trends in Cognitive Sciences, 20, 605–617.

·        Somer, E. (2002). Maladaptive daydreaming: A qualitative inquiry. Journal of Contemporary Psychotherapy, 32, 197–212.

·        EurekAlert. (2025, 11. Oktober). Study confirms that people with ADHD can be more creative. https://www.eurekalert.org/news-releases/1101131

·        ScienceDaily. (2025, 12. Oktober). New research reveals how ADHD sparks extraordinary creativity. https://www.sciencedaily.com/releases/2025/10/251012054608.htm


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DESCRIPTION: Die weltweit berichtete Verbindung von ADHS und Kreativität stützt sich auf ein Kongressposter ohne Begutachtung. Was die Studie zu divergentem Denken wirklich zeigt und welche Zusammenhänge fehlen.

ADHS und Kreativität: Was wirklich in der Studie steht, die 2025 um die Welt ging

Im Oktober 2025 ging eine Meldung um die Welt: ADHS mache kreativ, weil Menschen mit ADHS ihre Gedanken häufiger wandern ließen. Wissenschaftsportale, Zeitungen, Ratgeberseiten und Betroffenenforen verbreiteten die Geschichte. Ihre Grundlage war ein Kongressposter, kein begutachteter Fachaufsatz. Bis heute gibt es keine Zeitschriftenpublikation, keine DOI und keine Daten, die andere Forscher nachrechnen könnten.

Der Text, auf den sich die Berichterstattung stützte, umfasst rund 400 Wörter. Er enthält ein Ergebnis, das kaum Schlagzeilen machte: ADHS-Merkmale zeigten im einzigen Leistungstest der Arbeit keinen Zusammenhang mit divergentem Denken. Der berichtete Zusammenhang bezieht sich ausschließlich auf kreative Erfolge im Selbstbericht.

ADHS und Kreativität: was tatsächlich vorliegt

Han Fang und Kollegen vom Radboud University Medical Centre stellten die Arbeit am Samstag, dem 11. Oktober 2025, auf dem 38. Kongress des European College of Neuropsychopharmacology in Amsterdam vor. Die Nummer lautet PS01-0168. PS steht für Poster Session.

Die ECNP-Pressemitteilung trägt dasselbe Datum und eine Sperrfrist von 00:05 Uhr. Oberhalb des Textes steht eine Kennzeichnung, die in den meisten Presseberichten fehlte: „Type of study: not peer-reviewed/observational study/people.“ Der Veranstalter erklärte damit selbst, dass die Arbeit keine Begutachtung durchlaufen hatte und dass Beobachtungsdaten ausgewertet worden waren.

Das ist für ein Kongressposter kein Skandal. Kongresse zeigen laufende Forschung. Ein Poster kann eine spätere Publikation vorbereiten, korrigiert werden oder ganz verschwinden. Problematisch wurde die anschließende Behandlung des Posters als abgeschlossenes Wissen.

Zwei Studien, 750 Teilnehmer

Das Abstract beschreibt zwei getrennte Erhebungen.

Die erste umfasste 347 Teilnehmer: 275 Fälle und 72 Kontrollen aus der Testbatterie der ECNP-Arbeitsgruppe „ADHD across the lifespan“. Erhoben wurden ADHS-Merkmale mit der Adult ADHD Self-Report Scale, Abschweifen der Gedanken mit der Mind Excessively Wandering Scale und kreative Leistungen mit dem Creative Achievement Questionnaire. Alle drei Maße waren Selbstauskünfte.

Die zweite Erhebung umfasste 403 britische Teilnehmer, die über Prolific rekrutiert wurden, eine bezahlte Online-Plattform. Sie beantworteten ebenfalls die ADHS-Selbstauskunft. Hinzu kamen getrennte Skalen für beabsichtigtes und spontanes Abschweifen der Gedanken, der Alternate Uses Task als Leistungstest für divergentes Denken, der Creative Achievement Questionnaire und eine Erfassung funktioneller Beeinträchtigung anhand von Kriterium C des Diagnostic Interview for ADHD in Adults.

Die Zahl 750, die durch die Presse ging, addiert beide Stichproben. Die Pressemitteilung nennt beide Gruppen „ADHD patients and healthy controls“. Für die zweite Studie ist diese Beschreibung zu stark. Prolific liefert kein klinisches Patientenkollektiv. Die dort erhobenen ADHS-Merkmale beruhen auf Selbstbericht. das Abstract nennt für diese Gruppe keine klinisch gesicherte Diagnose.

Kreativität im Leistungstest: das Ergebnis ohne Schlagzeile

Der entscheidende Satz im Abstract lautet: Unaufmerksamkeit sowie Hyperaktivität-Impulsivität korrelierten in beiden Studien positiv mit kreativem Erfolg und gedanklichem Abschweifen. Mit divergentem Denken zeigten sie in Studie 2 keinen bedeutsamen Zusammenhang („no significant correlations“).

Divergentes Denken ist die Leistungskomponente der Kreativitätsforschung. Beim Alternate Uses Task sollen Teilnehmer möglichst viele ungewöhnliche Verwendungen eines Alltagsgegenstands nennen. Bewertet werden unter anderem Menge, Vielfalt und Originalität der Antworten. Es war der einzige Test in der Arbeit, der eine kreative Leistung im Untersuchungsmoment verlangte.

In diesem Test gab es keinen Zusammenhang zwischen ADHS-Merkmalen und kreativem Denken. Die Schlagzeile „ADHS macht kreativ“ stützt sich daher nicht auf eine bessere Leistung im Kreativitätstest. Sie stützt sich auf den Creative Achievement Questionnaire, in dem Teilnehmer über ihre früheren kreativen Erfolge Auskunft geben: veröffentlichte Texte, ausgestellte Bilder, komponierte Musik, Preise und vergleichbare Leistungen.

Das ist ein anderer Gegenstand. Der Fragebogen misst die berichteten kreativen Erfolge in der Biografie. Der Alternate Uses Task misst die Leistung in einer konkreten Aufgabe. Die Arbeit fand den Zusammenhang beim Selbstauskunftsbogen, aber nicht beim zweiten Test.

Menschen mit ADHS im Selbstbericht: das Problem der Selbstauskunft

In Studie 1 stammen ADHS-Merkmale, gedankliches Abschweifen und kreative Erfolge aus Fragebögen desselben Teilnehmers, zum selben Zeitpunkt und im selben Erhebungsdurchgang. Wer in einem Fragebogen hoch antwortet, antwortet unter bestimmten Bedingungen auch in anderen Fragebögen höher. Dieser Effekt heißt gemeinsame Methodenvarianz. Er kann Korrelationen erzeugen oder verstärken, ohne dass die gemessenen Eigenschaften im Leben in derselben Stärke zusammenhängen.

Beim Creative Achievement Questionnaire kommt eine zweite Schwierigkeit hinzu. Er misst keine Kreativität unabhängig von Wissen über sich selbst. Er fragt nach Selbstbeschreibungen einer Biografie. Menschen mit einer ADHS-Diagnose oder hohen ADHS-Werten bewegen sich häufiger in Umgebungen, in denen die Verbindung von ADHS und Kreativität als vertraute Erzählung zirkuliert. Diese Erwartung kann beeinflussen, welche Erfahrungen jemand als kreativ zählt, welche Erfolge erinnert werden und was als erwähnenswert erscheint.

Das widerlegt die Antworten nicht. Es begrenzt, was man aus ihnen folgern kann. Die Studie zeigt: Menschen mit höheren Werten in ADHS-Selbstberichten geben auch mehr kreativen Erfolg und mehr gedankliches Abschweifen an. Sie zeigt nicht, dass ADHS kreativer macht.

Wie aus einem Poster eine Tatsache wurde

Der Ablauf lässt sich genau verfolgen.

Am Anfang stand die Fachgesellschaft. Sie machte aus einem unveröffentlichten Poster eine Pressemitteilung mit Sperrfrist, Zitaten des Erstautors und einem Kommentar eines unbeteiligten Professors. Wissenschaftsmarketing ist Teil des Kongressbetriebs. die Kennzeichnung als „not peer-reviewed“ stand in diesem Fall sogar sichtbar über dem Text.

Dann übernahmen Verteilerdienste und Wissenschaftsseiten die Mitteilung. EurekAlert veröffentlichte sie weitgehend im Wortlaut. ScienceDaily setzte die Überschrift: „New research reveals how ADHD sparks extraordinary creativity“ und fasste die Botschaft als kreativen Vorteil zusammen. Als Quelle nennt die Seite den ECNP selbst.

Mit jeder Übernahme wurde der Abstand zum Originalmaterial größer. Aus einer vorläufigen Beobachtungsstudie wurde „new research reveals“. Aus dem Zusammenhang mit selbstberichteten kreativen Erfolgen wurde Kreativität. Aus einer Mediationsanalyse mit Querschnittsdaten wurde eine Erklärung: das Abschweifen der Gedanken sei der Grund, warum ADHS kreativ mache.

Im letzten Schritt zitieren Ratgeberseiten, soziale Medien und Betroffenenforen die Überschriften. Ab diesem Punkt gilt die Behauptung als Wissen. Das ursprüngliche Poster liest niemand mehr.

Der zitierbare Satz

Die Pressemitteilung enthielt einen Kommentar von K. P. Lesch, Professor für Molekulare Psychiatrie in Würzburg, der nicht an der Studie beteiligt war. Das Abschweifen der Gedanken sei eine der entscheidenden Ressourcen, auf denen die bemerkenswerte Kreativität hochfunktionaler Menschen mit ADHS beruhe. Dadurch seien sie ein „incredibly valuable asset“ für Gesellschaft und die Zukunft des Planeten.

Der Satz ist für eine Überschrift gebaut. Er verbindet Diagnose, positive Identität und gesellschaftlichen Nutzen. Seine Größe steht in keinem Verhältnis zum Material: zwei Querschnittserhebungen, ein Poster, überwiegend Selbstberichte und kein Zusammenhang der ADHS-Merkmale mit divergentem Denken.

Eine Diagnose, die lange über Defizite, Schulprobleme, Behandlungsbedarf und Ausfälle berichtete, erhält hier eine positive Umdeutung. Das erklärt die Reichweite der Meldung. Niemand muss absichtlich täuschen, damit eine solche Geschichte in Umlauf gebracht werden kann. Es genügt, dass sie Aufmerksamkeit bindet, Hoffnung verspricht und sich in einem Satz erzählen lässt.

Was die Autoren selbst sagen

Der Abstand zwischen Abstract und Schlagzeilen geht nicht vollständig auf das Konto der Forscher. Das Abstract endet zurückhaltend. Die Arbeit könne neue Wege eröffnen, Stärken zu fördern und funktionelle Beeinträchtigungen abzubauen. Han Fang sagt in der Pressemitteilung ausdrücklich, dies sei das erste Mal, dass die Verbindung auf diese Weise untersucht wurde, und weitere Studien müssten die Ergebnisse bestätigen.

Interessenkonflikte: Was die Angaben bedeuten

Auch die finanziellen Verbindungen der Autoren stehen im Abstract. Der Erstautor wird durch den China Scholarship Council gefördert, zwei weitere Autoren durch die niederländische Forschungsorganisation NWO. Beide Einrichtungen sind öffentliche Forschungsförderer. Sie finanzieren wissenschaftliche Arbeit. Aus dieser Förderung folgt kein besonderer Interessenkonflikt mit dem Ergebnis der Studie.

Anders liegt der Fall bei der Letztautorin. Sie gibt ein Vortragshonorar von Medice an. Medice verkauft Medikamente zur Behandlung von ADHS, darunter Methylphenidat-Präparate. Ein Vortragshonorar bedeutet, dass ein Unternehmen einer Wissenschaftlerin Geld für einen Vortrag gezahlt hat. Es bedeutet nicht, dass Medice diese Studie finanziert, ihre Ergebnisse geschrieben oder ihre Veröffentlichung veranlasst hat. Dafür enthält das Abstract keinen Hinweis.

Die Angabe gehört trotzdem in den Text. Ein Unternehmen, das ADHS-Medikamente verkauft, hat ein wirtschaftliches Interesse daran, wie ADHS öffentlich wahrgenommen, diagnostiziert und behandelt wird. Eine Meldung, die ADHS mit Kreativität, Innovation und gesellschaftlichem Nutzen verbindet, kann das öffentliche Bild der Diagnose verändern. Das hat mittelbar auch Einfluss auf den Markt für ADHS-Medikamente.

Aus dieser Verbindung folgt keine Manipulation der Studie. Sie gibt Lesern jedoch einen Grund, die Arbeit genauer zu prüfen. Der entscheidende Punkt liegt nicht beim Vortragshonorar. Er liegt in der Studie selbst: ein Kongressposter ohne Begutachtung, zwei Querschnittserhebungen, überwiegend Selbstauskünfte, ein fehlender Zusammenhang zwischen ADHS-Merkmalen und divergentem Denken und eine Mediationsanalyse ohne Zeitverlauf.

Mediation ohne Zeitfolge

Das Abstract berichtet über sogenannte Mediationsanalysen. Das Abschweifen der Gedanken vermittelt demnach zwischen ADHS-Merkmalen und Kreativität: beabsichtigtes Abschweifen in Richtung Kreativität, unfreiwilliges Abschweifen in Richtung Beeinträchtigung.

Eine Mediation beschreibt eine Reihenfolge: A wirkt auf B, B wirkt auf C. Beide Erhebungen waren Querschnitte. Alle Variablen wurden zum selben Zeitpunkt erhoben. Daraus lässt sich keine zeitliche Reihenfolge bestimmen. Man weiß nicht, ob ADHS-Merkmale das Abschweifen der Gedanken verstärken, ob dieses Abschweifen zu einer bestimmten Selbstbeschreibung von ADHS beiträgt, ob kreative Tätigkeiten das beabsichtigte Abschweifen fördern oder ob eine vierte Variable die drei Größen gemeinsam beeinflusst.

Die Statistik kann bei Querschnittsdaten einen indirekten Effekt berechnen. Sie kann damit keinen kausalen Weg nachweisen. Die Erklärung, die die Pressemitteilung interessant machte, bleibt deshalb bestenfalls eine Vermutung.

Unfreiwilliges und bewusstes Abschweifen der Gedanken

Ein Teil der Studie bleibt unabhängig von der Kritik sinnvoll. Sie trennt zwei Vorgänge, die in der öffentlichen Berichterstattung fast immer zusammenfallen.

Spontanes Abschweifen ist eine unfreiwillige Ablenkung. Die Aufmerksamkeit löst sich vom Gegenstand, obwohl jemand bei der Aufgabe bleiben will. In der zweiten Studie hing es mit funktionellen Beeinträchtigungen zusammen.

Beabsichtigtes Abschweifen bezeichnet bewusstes freies Assoziieren. Jemand unterbricht eine Aufgabe oder lässt Gedanken frei laufen, um Ideen entstehen zu lassen, sich zu erholen oder Möglichkeiten durchzuspielen. In der Studie hing es mit divergentem Denken und kreativem Erfolg zusammen.

Die Unterscheidung ist brauchbar, auch wenn ihre Richtung unklar bleibt. Aus zwei Vorgängen mit gegensätzlichen Folgen machte die Berichterstattung eine Superkraft. Das ist die stärkste Verzerrung der gesamten Meldung.

Gedankliches Abschweifen und Maladaptives Tagträumen

Gedankliches Abschweifen ist nicht dasselbe wie Maladaptives Tagträumen. Maladaptives Tagträumen bezeichnet ausgedehnte, häufig bewusst eingeleitete Fantasiewelten mit wiederkehrenden Figuren und Handlungen. Sie können Stunden beanspruchen und Arbeit, Beziehungen oder Selbstversorgung untergraben.

Es gibt Überschneidungen mit ADHS und eine hohe Suchnachfrage nach beiden Themen. Wer bei sich häufiges Abschweifen der Gedanken bemerkt, sollte diese Unterscheidung kennen, bevor er es als kreativen Vorteil deutet. Eine willentlich entwickelte, zeitaufwendige Fantasiewelt ist etwas anderes als ein kurzer Einfall, ein bewusstes Abschweifen oder die unwillkürliche Unterbrechung der Aufmerksamkeit.

Wem die Erzählung von der ADHS-Superkraft nützt

Die Superkraft-Erzählung hat drei Gewinner. Betroffene erhalten eine Sprache, die ohne Mangel und Ausfall auskommt. Medien erhalten ein Thema mit hoher Reichweite. Ein Forschungsprojekt erhält Sichtbarkeit, bevor es ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen hat.

Den Schaden hat, wer sich in der positiven Beschreibung nicht wiederfindet. Wer ADHS hat, ohne kreative Erfolge vorweisen zu können, bekommt eine neue Erwartung hinzu. Die alte Frage lautete: Warum funktioniere ich nicht wie andere? Die neue kann lauten: Warum blieb bei mir auch noch diese versprochene Superkraft aus?

ADHS verlangt keine Rechtfertigung durch Kreativität. Beeinträchtigung wird nicht kleiner, weil sich aus einigen Merkmalen unter bestimmten Bedingungen ein Vorteil ergeben kann. Und Kreativität wird nicht glaubwürdiger, wenn man sie aus einer Diagnose ableitet.

Das Wichtigste in Kürze

•            Die Meldung „ADHS macht kreativ“ vom Oktober 2025 beruht auf dem ECNP-Poster PS01-0168, vorgestellt am 11. Oktober 2025 in Amsterdam.

•            Der ECNP kennzeichnete die Arbeit selbst als nicht begutachtete Beobachtungsstudie. Eine Fachzeitschriftenpublikation und DOI lagen nicht vor.

•            Studie 1 umfasste 347 Teilnehmer und bestand vollständig aus Selbstauskünften.

•            Studie 2 umfasste 403 über Prolific rekrutierte Teilnehmer. Das Abstract beschreibt hier ADHS-Merkmale im Selbstbericht, keine klinisch gesicherte ADHS-Diagnose.

•            Der einzige Leistungstest, der Alternate Uses Task für divergentes Denken, zeigte keinen signifikanten Zusammenhang mit Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität-Impulsivität.

•            Der berichtete Zusammenhang stammt aus dem Creative Achievement Questionnaire, einer Selbstauskunft über kreative Erfolge.

•            Die Mediationsanalyse verwendet Querschnittsdaten. Sie kann keine zeitliche oder kausale Reihenfolge nachweisen.

•            Spontanes Abschweifen hing in Studie 2 mit Beeinträchtigungen zusammen, beabsichtigtes Abschweifen mit divergentem Denken und kreativem Erfolg.

•            Gedankliches Abschweifen und maladaptives Tagträumen sind unterschiedliche Vorgänge.

•            ADHS braucht keine kreative Rechtfertigung. Die Superkraft-Erzählung schafft für viele Betroffene eine weitere Norm, an der sie scheitern können.

Quellen

·        European College of Neuropsychopharmacology. (2025, 11. Oktober). Study confirms that people with ADHD can be more creative: The reason may be that they let their mind wander. Pressemitteilung und Kongressabstract PS01-0168.

·        Fang, H., De Roubaix, A., Grimm, O., Ziegler, G. C., Kittel-Schneider, S., Réthelyi, J. M., Kilencz, T., Balogh, L., Greven, C. U., & Hoogman, M. (2025). Mind wandering as a mediator in the link between ADHD and creativity: Evidence from two independent samples. Kongressposter PS01-0168, 38. ECNP Congress, Amsterdam.

·        Carson, S. H., Peterson, J. B., & Higgins, D. M. (2005). Reliability, validity, and factor structure of the Creative Achievement Questionnaire. Creativity Research Journal, 17, 37–50.

·        Guilford, J. P. (1967). The Nature of Human Intelligence. New York: McGraw-Hill.

·        Seli, P., Risko, E. F., Smilek, D., & Schacter, D. L. (2016). Mind-wandering with and without intention. Trends in Cognitive Sciences, 20, 605–617.

·        Somer, E. (2002). Maladaptive daydreaming: A qualitative inquiry. Journal of Contemporary Psychotherapy, 32, 197–212.

·        EurekAlert. (2025, 11. Oktober). Study confirms that people with ADHD can be more creative. https://www.eurekalert.org/news-releases/1101131

·        ScienceDaily. (2025, 12. Oktober). New research reveals how ADHD sparks extraordinary creativity. https://www.sciencedaily.com/releases/2025/10/251012054608.htm


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