Das Unbewusste des Imperiums (Teil 1): Verleugnung, kollektiver Narzissmus und die Herstellung von Feindbildern
Das Unbewusste des Imperiums (Teil 1): Verleugnung, kollektiver Narzissmus und die Herstellung von Feindbildern
Das Unbewusste des Imperiums (Teil 1)
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DESCRIPTION: Warum Gesellschaften im Niedergang sehenden Auges in den Untergang treiben. Teil 1: Das Ideal-Ich des Imperiums, die Kippfigur der Erwähltheit bei Nietzsche, Verleugnung, Spaltung und der politische Nutzen der Nostalgie.
Ich weiß sehr wohl, aber dennoch
Dieser erste Teil untersucht die seelische Mechanik eines scheinbaren blinden Flecks von Herrschaftsstrukturen im Niedergang: das Ideal-Ich des Imperiums, die Kippfigur, mit der die Erwähltheit den Verlust der Macht übersteht, den kollektiven Narzissmus, die Verleugnung und jene Spaltung, die aus Strukturproblemen Feindbilder schmiedet. Der zweite Teil folgt derselben Struktur weiter nach unten, bis zur Lockerung der Massenbindung und zur verweigerten Trauer.
Das Feigenblatt des Machtverfalls
„Ich weiß sehr wohl, aber …“ Dieser Satz, in dem jemand eine Wahrheit anerkennt und sich im selben Atemzug deren Akzeptanz verweigert, ist womöglich die genaueste Beschreibung dessen, wie herrschende politische Ordnungen ihrem eigenen Verfall begegnen. Sie sind selten im Unklaren über ihre Schwierigkeiten. Sie erzeugen Berichte, geben Studien in Auftrag, inszenieren Debatten und rufen Notlagen aus. Was sie nicht können, ist, zuzulassen, dass dieses Wissen die Fantasie verändert, auf der ihr Zusammenhalt ruht. Zuversicht ist in solchen Ordnungen eine der verlässlichsten Abwehrformen der Angst.
Imperien sind Machtapparate und libidinöse Gebilde
Imperialer Verfall ist natürlich zunächst eine Angelegenheit militärischer und ökonomischer Macht. Das sind die unverzichtbaren materiellen Rahmenbedingungen. Keine Ordnung überlebt allein durch Glauben. Aber ebenso wenig erhält sich eine politische Ordnung allein durch materielle Faktoren. Imperien sind auch libidinöse Gebilde. Sie ordnen Identifizierungen, verteilen Ideale, erzeugen Feindbilder und binden ihre Angehörigen durch Fantasien kollektiver Größe an die Autorität. Ihre Macht beruht nicht nur auf Zwang, sondern darauf, dass sie bestimmen können, was Menschen begehren, fürchten, verleugnen und für undenkbar halten. Wenn wir fragen, warum eine Machtstruktur nicht nach dem handelt, was sie offenkundig weiß, stellen wir eine Frage nach dem Begehren.
Die Psychoanalyse hat von Anfang an Begriffe für dieses Feld geliefert: Identifizierung mit dem Führer, Ich-Ideal, narzisstische Kränkung, Projektion, Spaltung, Verleugnung und die Wiederkehr des Verdrängten. Freuds Darstellung der Massenpsychologie behandelt das soziale Band nicht als bloße Ansammlung einzelner Individuen, die zufällig ein Gebiet teilen. Sie versteht kollektiven Zusammenhalt als vermittelt durch libidinöse Bindungen: vertikale Bindungen an eine Autorität oder ein Ideal und horizontale Identifizierungen unter denen, die ein Wir-Gefühl teilen. Die beiden Achsen halten einander in Position. Lockern sich diese Bindungen, folgen Angst, Feindseligkeit und eine rastlose Suche nach neuen Objekten der Identifizierung, die an die Stelle der alten treten sollen. In keiner Bilanz taucht das auf.
Das Imperium als symbolische Struktur
Ein Imperium lässt sich in diesem Licht als symbolische Struktur verstehen, die ihre eigene besondere Macht verallgemeinert. Es lässt Herrschaft als Zivilisation erscheinen, Hierarchie als Verdienst, Ausdehnung als Sicherheit und Gehorsam als Teilhabe an gemeinsamer Größe. Es setzt ein Bild kollektiver Überlegenheit ein, an das Herrschende wie Beherrschte ihre Selbstliebe heften können, sodass sich noch der geringste Untertan durch die Erhabenheit des Ganzen vergrößert fühlt. Seine Krisen beginnen nicht erst, wenn die Mittel versagen oder Rivalen vorrücken. Sie beginnen früher und unauffälliger, sobald die Fantasien, die das Einverständnis organisiert haben, den Widerspruch nicht mehr verarbeiten können: wenn Ungleichheit zu sichtbar wird, um sich rechtfertigen zu lassen, wenn die an die Peripherie ausgelagerte Gewalt als Unsicherheit ins Zentrum zurückkehrt und wenn die herrschende Klasse ihre eigenen Interessen nicht mehr glaubhaft als Interessen aller darstellen kann.
Das historische Problem ist deshalb nicht, ob jedes Imperium einen vorgezeichneten Lebenszyklus durchläuft. Das tut es nicht. Politische Gebilde verfallen, ordnen sich neu, zerbrechen, erholen sich und bestehen fort, und zwar auf grundverschiedene Weise. jede Theorie, die anderes verspricht, hat einen Mythos des Verfalls an die Stelle des Studiums der Geschichte gesetzt. Aber die seelischen Mechanismen, mit denen herrschende Ordnungen der Begrenzung begegnen, kehren mit auffälliger Beharrlichkeit wieder: das Leugnen von Abhängigkeit, die manische Behauptung von Stärke, die Projektion der Schwäche auf Feinde, die melancholische Bindung an eine verlorene Größe und die Verwandlung gewöhnlicher gesellschaftlicher Konflikte in Verratsfantasien. Die lohnende Frage ist, wie eine auf der Fantasie der Dauer errichtete Ordnung reagiert, wenn an diese Dauer nicht mehr zu glauben ist, und was sie mit der Angst anfängt, die der Glaube bislang in Schach gehalten hat. Die Frage, welche gegenwärtige Macht „das neue Rom“ sei, führt nirgendwohin. ein Orakel des Zusammenbruchs hält die Vergangenheit nicht bereit.
Jede Gemeinschaft braucht ein Ideal-Ich
Jede kollektive Identität schließt Idealisierung ein. Lacan nennt das Bild, mit dem ein Ich sich gleichsetzt, das Ideal-Ich und trennt es vom Ich-Ideal, jener Stelle, von der aus man sich beurteilt sieht. Was ein Imperium von sich erzählt, gehört zunächst in die erste Kategorie: ein Bild, an das sich Selbstliebe heftet, und kein Maßstab, an dem gemessen wird. Ein Volk erzählt sich, dass es für ein besonderes Erbe, eine sittliche Berufung oder eine zivilisatorische Leistung stehe, und das muss keine Lüge sein. Gemeinsame Ideale können echte und achtbare Bindungen tragen: an Gerechtigkeit, an Bildung, an das Recht, an Solidarität, an das Andenken der Toten. Eine Gemeinschaft ohne jedes idealisierte Bild ihrer selbst wäre eine Gemeinschaft ohne Grund, für irgendetwas jenseits des unmittelbaren Vorteils Opfer zu bringen. Gefährlich wird die Idealisierung erst an dem Punkt, an dem das Ideal keinen Widerspruch mehr verträgt und die Lücke zwischen Bild und Wirklichkeit geleugnet statt eingestanden werden muss.
Wie Macht in Größe umgeschrieben wird
Das Imperium erhöht diesen Einsatz beträchtlich. Um über weite Gebiete, Bevölkerungen und Einflusssphären zu herrschen, muss eine vorherrschende Macht ihre Stellung als mehr als zufällig begreifen, als mehr als das vorübergehende Ergebnis von Gewalt und Glück. Sie muss Überlegenheit an Waffen, Reichtum oder Organisation in eine moralische Erzählung über sich selbst übersetzen. Sie erobert nicht nur, sie ist zivilisiert. Sie sichert nicht bloß strategische Vorteile. Sie bringt Frieden. Sie raubt nicht bloß Rohstoffe. Sie entwickelt und verbessert. Sie unterwirft nicht bloß Rivalen. sie verteidigt die Ordnung gegen das Chaos. Jede dieser Übersetzungen vollzieht denselben Vorgang. Sie schreibt Macht in Tugend um, sodass aus dem, was das Imperium tut, das wird, was zu tun ihm zukommt.
Der Inhalt der Erzählung wechselt über Zeiten und Orte hinweg gewaltig, während ihre Struktur bemerkenswert stabil bleibt. Rom beschrieb seine Herrschaft in der Sprache von Frieden, Recht und Zivilisation. Das klassische chinesische Staatsdenken band legitime Herrschaft an kosmische Harmonie und die sittliche Eignung des Herrschers. Europäische Kolonialmächte stellten Eroberung immer wieder als Erziehung, Entwicklung oder Erlösung dar. Moderne Großmächte sprechen im Idiom von Sicherheit, Freiheit, Fortschritt und regelbasierter Ordnung. Der Wortschatz wechselt mit dem Jahrhundert. der zugrunde liegende Wunsch nicht. Macht will als Tugend geliebt werden. Gehorsam genügt ihr nicht. Sie verlangt Bewunderung für die Eigenschaften, die sie sich selbst zuschreibt, statt für die Gewalt, die sie ausübt.
Die Kippfigur der Erwähltheit
Diese Erzählung hält auch dann noch, wenn die Macht schwindet. Nietzsche hat im Antichrist an einem einzigen Beispiel durchgespielt, wie das zugeht, und er beschreibt dabei eine Mechanik. Ein Volk im Aufgang, schreibt er, hat einen Gott, der nichts weiter ist als sein eigenes Selbstgefühl. man liebt an ihm die Bedingungen, unter denen ein Volk obenauf ist. Dieser Gott ist nicht moralisch. Er ist nützlich, kriegerisch und dankbar. Erwähltheit heißt in dieser Phase nur, dass die Macht die eigene ist, und, dass sie gut ist. Zwischen Bild und Wirklichkeit klafft nichts, und deshalb gibt es auch nichts zu verteidigen.
Mit dem Verlust politischer Hegemonie klaffen Bild und Wirklichkeit auseinander. Die naheliegende Antwort wäre die jeder polytheistischen Kultur: Der Gott ist geschlagen, also taugt er nichts. Nietzsches Narrativ hebt hervor, dass die Priesterkaste anders verfuhr. Sie rettet den Gott, indem sie die Niederlage nach innen verlegt. Glück wird zu Lohn, Unglück zu Strafe für Sünde. Die moralische Weltordnung wird erfunden, damit der Verfall lesbar bleibt, und sie leistet Dreierlei. Sie immunisiert den Gott gegen die Wirklichkeit. Sie macht den Priester unentbehrlich, weil nur er Schuld und Sühne verwaltet. Und sie verwandelt eine unerträgliche Ohnmacht in eine sittliche Überlegenheit.
Damit ist der Umschlag vollzogen. Beide Deutungsfiguren ruhen auf demselben Satz: „Wir stehen in einem besonderen Verhältnis zum Höchsten.“ Was sich ändert, ist allein die Frage, was die Erfahrung bedeuten darf. Im Aufgang rechtfertigt die Erwähltheit die Exzesse der Macht. Im Niedergang trägt Ohnmacht die Erwähltheit, und das Leiden wird zum Beweis des Bundes. Die Erwähltheit ist deshalb nicht eine Hälfte der Figur, sondern ihr Scharnier und sichert ihre Deutungshoheit. Der Anspruch, der beiden Ausgängen im Voraus eine Überlegenheit zuweist, lässt sich durch Erfahrung nicht länger erschüttern. Darin liegt die Zähigkeit des politischen Exzeptionalismus. Er übersteht Niederlagen, weil sie schon eingerechnet sind.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Nietzsches Genealogie Israels ist eine antireligiöse Streitschrift. Als Geschichtsbeschreibung taugt sie nicht, und die Forschung zur exilischen Theologie zeichnet ein weit differenzierteres Bild. Sein Angriff gilt ohnehin einem Typus, dem Priester als Funktion, und der Fluchtpunkt des ganzen Arguments ist das Christentum. Hinzu kommt, dass die Genealogie selbst so gebaut ist wie das, was sie anklagt. Sie ist unwiderlegbar. Brauchbar ist aber der Mechanismus hinter der historischen Situation.
Die imperiale Selbstsicht braucht dafür nicht einmal Gott. Es genügt die moralische Weltordnung selbst, also die Überzeugung, dass Erfolg Verdienst anzeigt und Misserfolg eine Verfehlung, die sich benennen und bestrafen lässt. Damit ist der Weg von der Größe zum Feindbild gebahnt, lange bevor die erste Krise eintritt.
Kollektiver Narzissmus, Kränkung und die Angst der Eliten
Psychoanalytisch ähnelt die Selbsterhöhung, die dabei am Werk ist, einem kollektiven Narzissmus, einer Besetzung des idealisierten Selbstbildes, die fortwährend von außen bestätigt werden muss. Das politische Gemeinwesen beginnt, Anerkennung seines Ausnahmestatus zu verlangen. Die äußere Bestätigung versichert ihm, dass es seinen geschichtlichen Platz wirklich zu Recht einnimmt. Widerstand wird damit nicht nur zum strategischen Hindernis, das zu überwinden wäre, sondern zur narzisstischen Kränkung, die gerächt werden muss. Die Verweigerung von Anerkennung wird zum Angriff auf das Selbst und ruft darum eine Reaktion hervor, die zum materiellen Einsatz in keinem Verhältnis steht.
Das erklärt zum Teil, warum herrschende Ordnungen so oft mit erstaunlicher Heftigkeit auf verhältnismäßig begrenzte Rückschläge reagieren. Eine Niederlage an einer fernen Grenze, der Verlust eines einzelnen Besitzes, die Herausforderung durch einen regionalen Rivalen, eine Finanzpanik oder ein Ausbruch innenpolitischen Widerspruchs werden nicht im Verhältnis zu ihrem tatsächlichen Gewicht erlebt, sondern als Beleg unerträglicher Schmach. Das objektive Ereignis zählt weniger als seine symbolische Aufladung, und beide können weit auseinanderfallen. Der Rückschlag verkündet etwas, das die Ordnung nicht hören kann: dass sie nicht allmächtig ist, dass andere ihre Vormacht nicht als natürlich hinnehmen und ihre Macht von Bedingungen abhängt, über die sie nicht vollständig gebietet. Ein kleiner Verlust kann deshalb eine große Reaktion zünden, weil die Wunde in erster Linie ein Bild zerstört.
Am härtesten trifft die Kränkung jene herrschenden Gruppen, deren Stellung am engsten mit der Strahlkraft des Systems verbunden ist. Ihr Vermögen, ihre Bildung, ihre Beherrschung einer angesehenen Sprache, ihre kulturelle Autorität, ihr institutioneller Rang: All das entstand in einer Ordnung, die Fortdauer versprach, und setzt stillschweigend voraus, dass diese Fortdauer hält. Strukturellen Verfall einzugestehen hieße, einzugestehen, dass die eigene Stellung weniger dauerhaft ist, als sie scheint, dass die Rechtfertigung der eigenen Vorrechte Risse bekommt. Deshalb kann die Selbstsicherheit von Eliten so mühelos neben einer heftigen, aber uneingestandenen Angst bestehen. Die beiden widersprechen einander nicht einmal. Die dröhnende Propaganda legt nur Firnis über die Furcht, die sie übertönen soll, und die Zuversicht einer bedrohten Elite ist nichts als Wirklichkeitsflucht.
Verleugnung
Der zentrale seelische Mechanismus des Verfalls ist gewöhnlich nicht Unkenntnis, sondern Verleugnung. Unkenntnis ist ein Informationsmangel und wird folglich durch Informationen behoben. Verleugnung ist kein Mangel, sondern eine Abwehr. Ihre Formel, entlehnt bei Octave Mannonis Wiedergabe Freuds, lautet: „Ich weiß sehr wohl, aber dennoch.“ Wer verleugnet, nimmt die Wahrheit wahr und verweigert ihr gleichzeitig die Anerkennung. Er hält das Wissen in der Hand und verhält sich, als habe es keinerlei Geltung.
Der Katalog der Verleugnungen einer verfallenden Ordnung ist lang und in sich stimmig. Ich weiß, dass das öffentliche Vertrauen schwindet, aber dennoch werden die Institutionen halten. Ich weiß, dass die Kosten der Einflusswahrung weiter steigen, aber dennoch wäre Rückzug das eigentliche Zeichen der Schwäche. Ich weiß, dass Vermögen sich ballt und Solidarität zerfasert, aber dennoch wäre eine Reform gefährlicher als die Ungleichheit, die sie beheben soll. Ich weiß, dass ökologische und demografische Belastungen wirklich sind, aber dennoch lassen sie sich aufschieben, auslagern oder lösen, ohne dass jemand etwas hergeben müsste. Ich weiß, dass Rivalen aufholen, aber dennoch bleibt die alte Rangordnung die natürliche Ordnung der Dinge. In jedem Fall ist der erste Halbsatz aufrichtig. Das Wissen ist echt, mitunter sogar anspruchsvoll. Der zweite Halbsatz verrichtet die zerstörerische Arbeit, indem er das Wissen von jeder Folge abdichtet.
Das ist zunächst Selbsttäuschung und Heuchelei. Aber wer verleugnet, verbirgt die Wirklichkeit vor anderen ebenso wie vor sich selbst. Das Wissen wird in einem begrenzten, technischen oder abstrakten Register zugelassen, während seine emotionalen und praktischen Folgen auf Abstand gehalten werden. Ein Bericht wird gelesen und abgelegt. ein Risiko wird anerkannt und vertagt. eine Krise wird förmlich ausgerufen und dann verwaltet – und es folgt keine grundsätzliche Änderung, weil das Wissen die Fantasie, die das Handeln ordnet, nicht gefährden darf. Der Verstand verhängt über das, was er weiß, eine strenge Quarantäne.
Verwaltungskompetenz statt politischer Veränderung
Im politischen Leben zeigt sich das bezeichnenderweise als Verwaltungskompetenz ohne echten Veränderungswillen. Ein Staat kann außerordentlich gut darin werden, seine eigenen Probleme zu beschreiben, während er zunehmend weniger fähig wird, sie anzugehen. Jede Schwierigkeit wird als technische umgedeutet: als Effizienzproblem, als Kommunikationsversagen, als Regulierungslücke, als Mangel an der richtigen Fachkenntnis. Jede dieser Deutungen mag etwas Wirkliches erfassen, und genau das macht sie als Ausweichmanöver so brauchbar. Sie erlauben, die schmerzhaftere Frage ungestellt zu lassen: Wer Macht, Rang, Vermögen oder Sicherheit verliert, wenn das System wirklich repariert statt bloß optimiert wird. Technische Sprache ist nicht immer eine Lüge. Oft ist sie ein Ort, an dem sich die Wahrheit unterbringen lässt, damit sie nicht gefühlt werden muss.
Spätimperiale Situationen sind häufig von diesem Nebeneinander von komplexem Wissen und kollektiver Lähmung geprägt. Der Staat erlässt Dokumente, Verordnungen, Anpassungen, und Notmaßnahmen und schafft neue Ämter mit beeindruckender Geläufigkeit, während seine zugrunde liegende Fähigkeit, die von ihm regierte Gesellschaft zu koordinieren, stumm erodiert. Der Zusammenbruch ist, wenn er kommt, selten das Ergebnis eines einzelnen dramatischen Ereignisses. Haushaltsdruck, militärische Überdehnung, ökologische Belastung, Verwaltungsstarre und politischer Konflikt greifen ineinander und verstärken sich, bis sie die Institutionen zerbrechen, die sie abfedern sollten. Die Verleugnung erzeugt diese Belastungen nicht. Sie verhindert, dass sie als gemeinsame und verbindliche Wirklichkeiten erkannt werden, die eine gemeinsame Antwort verlangen, und hält jede einzelne in ihrem eigenen Verwaltungsfach, wo sie sich anerkennen lässt, ohne dass man sich ihr stellt.
Die Abgehobenheit der Privilegierten
Die Verleugnung der Eliten wiegt besonders schwer, weil Privileg Abschirmung verschafft und Abschirmung die Frist verlängert, in der Verleugnung subjektiv vernünftig bleibt. Wer über Vermögen, Mobilität, privaten Schutz und Zugang zu exklusiven Einrichtungen verfügt, erlebt die Verschlechterung des gemeinsamen Lebens womöglich lange nach allen anderen, wenn überhaupt. Die Lebensqualität der Allgemeinheit kann zusammenbrechen, während das privilegierte Dasein geschützt bleibt und sich sogar verbessert. Öffentliche Bildung, öffentliche Gesundheit, öffentlicher Verkehr, öffentliche Sicherheit, Infrastruktur und ökologische Stabilität: All das wird zur Abstraktion für jene, die sich für alles einen privaten Ersatz kaufen können. Der Verfall ist wirklich, aber er geschieht aus der Sicht der Elite jemand anderem, anderswo, in einem Land, über das man liest oder hört.
Daraus entsteht eine sich selbst verstärkende Schleife mit unerbittlicher innerer Logik. Der private Ausstieg schwächt jedes persönliche Interesse an öffentlicher Daseinsvorsorge. Der Verfall öffentlicher Einrichtungen lässt weiteren privaten Ausstieg noch vernünftiger erscheinen. und schließt sich ein Teufelskreis. Eine Gesellschaft beginnt allmählich, ihre kollektiven Güter als wahlfreie Annehmlichkeiten zu behandeln, statt als Garanten ihrer eigenen Fortdauer. Die zentrale Frage verschiebt sich. Aus: „Wie lässt sich die politische Ordnung erneuern?“, wird: „Wie bleibe ich – meine Familie, meine Firma, meine Gruppe – in gesellschaftlichem Niedergang sicher?“ Die zweite Frage verdrängt, dass jedes individuelle Überleben von einem funktionierenden Gemeinwesen abhängt.
Die herrschende Klasse ist hervorragend ausgebildet und verfügt über exklusives Herrschaftswissen. Sie ist weder blind noch unschuldig. Sie versteht unweigerlich, dass eine Ordnung brüchig ist. Und sie belügt sich und stellt sich vor, dass die Brüchigkeit nur anderswo durchschlägt, von anderen getragen wird, in einer Zukunft, die sie selbst nicht einschließt. Das ist die politisch gefährlichste Form der Verleugnung: die zynische Zuversicht, dass jemand anders die Zeche wird bezahlen müssen.
Spaltung
Die imperiale Ordnung beruht auf einer Teilung zwischen Zentrum und Peripherie mit einem ebenso geografischen wie seelischen Gefälle. Das Zentrum privatisiert Reichtum, Ansehen und Sicherheit und vergesellschaftet die Kosten des ganzen Arrangements, die nach außen verschoben werden: auf Provinzen, Grenzzonen, untergeordnete Klassen, Minderheiten, wirtschaftlich Schwache, Bewohner der Dritten Welt oder die Generationen, die die aufgenommenen Schulden erben werden. Das Zentrum kann sich deshalb als stabil erleben, weil die Instabilität erfolgreich verlagert wurde. Seine Ruhe erwächst aus der Verlagerung der Erschütterungen.
Melanie Klein nennt diese Verschiebung Spaltung: die Trennung dessen, was geliebt und idealisiert wird, von dem, was gefürchtet, verachtet und von sich gewiesen wird, sodass beides niemals in einem einzigen Blick zusammengehalten werden muss. Das Imperium stellt sich als Träger von Recht, Vernunft, Kultur und Ordnung vor, während Gewalt, Unvernunft, Korruption und Abhängigkeit einem Anderen zugeschrieben werden. Der äußere Rivale, die kolonisierte Bevölkerung, der Migrant, der provinzielle Abweichler, die innere Minderheit. Jeder wird zur Leinwand, auf die die herrschende Gruppe das projiziert, was sie bei sich selbst nicht wahrhaben kann. Die eigene Gewalt des Imperiums wird abgeleugnet und kehrt als Gewalt seiner Feinde wieder. seine eigene Abhängigkeit wird abgewiesen und kehrt als Schmarotzertum wieder, das es anderen vorwirft.
Solche Projektion setzt nicht voraus, dass der andere unschuldig wäre. Rivalisierende Staaten können aggressiv sein, Aufstände brutal, politische Gegner zynisch. Eine Projektion zu benennen, entschuldigt nichts davon. Es beschreibt nur, dass die Begegnung des Imperiums mit einem wirklichen Gegner seelisch überdeterminiert wird. Der Gegner trägt nicht nur seine eigene Bedrohlichkeit, sondern auch die gesamten abgewiesenen inneren Spannungen des Imperiums. Unter diesem Gewicht werden vielschichtige innere Konflikte radikal vereinfacht. Ungleichheit wird natürlich gegeben, institutioneller Verfall wird geleugnet, wirtschaftliche Unsicherheit wird zum Selbstverschulden erklärt. Politisches Versagen wird zum bloßen Mangel an nationalem Willen umgedeutet. Jedes strukturelle Problem wird Feinden zugeschrieben, denn Feinde lassen sich bekämpfen, während Strukturen sich nur zum Preis einer Veränderung reformieren lassen.
Nostalgie und gekränkte Grandiosität
Je mehr eine imperiale Ordnung den Verfall fürchtet, desto verlockender wird derartige Projektion, und die Verlockung ist zunächst emotional, bevor sie politisch wird. Verletzlichkeit einzugestehen hieße, sich Grenzen, Abhängigkeiten und dem Versagen der eigenen Regierungsführung zu stellen. Die Suche nach Sündenböcken bietet eine weit befriedigendere Alternative. Sie individualisiert die diffuse, formlose Angst, lenkt sie auf ein bestimmtes Objekt, ohne ihre Kontrollierbarkeit aufzuheben, und verwandelt das unerträgliche Gefühl der Hilflosigkeit in die Gewissheit sittlicher Empörung. Dem Feind wird Diebstahl vorgeworfen: Er soll verräterisch einen früheren Zustand der Ganzheit gestohlen haben, den die Gemeinschaft einst besessen zu haben behauptet.
Das ist der seelische Kern politischer Nostalgie, und es erklärt, warum Nostalgie so oft das Gefühlsregister von Verfall und Prestigeverlust ist. Nostalgie erinnert in der Regel keine wirkliche Vergangenheit. Sie konstruiert eine vorgestellte Zeit vor der Uneindeutigkeit: vor dem Kompromiss, vor der Abhängigkeit, vor der Demütigung, vor dem Einbruch all dessen, was die Gegenwart nicht verarbeiten kann. Die Vergangenheit wird zu einem idealen Objekt retuschiert, von Konflikten und Ungerechtigkeit bereinigt. Populistische Bewegungen versprechen dann, diese Vergangenheit wiederherzustellen. Doch was sie tatsächlich wiederherzustellen versprechen, ist keine historische Ordnung, die je bestanden hätte, sondern die Fantasie, das Kollektiv sei einmal ganz gewesen, einmal ungeteilt, einmal frei von den inneren Widersprüchen, die es aber in Ausbeutungsverhältnissen immer schon strukturiert haben. Wiederhergestellt wird ein Gefühl, keine Tatsache.
In dieser Atmosphäre wird jede Aggression gefühlsmäßig anschlussfähig, selbst wenn sie strategisch ruinös ist. Der Angriff auf einen Feind, innen oder außen, verspricht die Wiederherstellung von Kontrolle. Er bietet Klarheit in einem politischen Leben, das verwirrend, vielschichtig und unsicher geworden ist. Der Verlust an Geltung in der Welt kann auf der Ebene kollektiven Fühlens als Verlust an Selbstwert erlebt werden, und er erzeugt die vertraute Folge aus Demütigung, Ressentiment und dem Verlangen, wiederherzustellen, was sich wie historische Gerechtigkeit anfühlt. Eine von gekränkter Grandiosität getriebene Politik verschärft gerade jene Krisen, die sie heilen müsste. Eine vom Verfall geängstigte Ordnung überdehnt ihre Streitkräfte, weist Verhandlungen als unter ihrer Würde zurück, bestraft den inneren Widerspruch, der ihren Kurs hätte berichtigen können, und zerstört wirtschaftliche Verflechtungen in sinnlosen Machtgesten. Die Angst vor der verlorenen Vorherrschaft wird so, durch die Handlungen, die sie auslöst, zu einem der Motoren des Verfalls, den sie fürchtet.
Das Wichtigste in Kürze
• Verfallende Ordnungen kennen ihre Lage meist genau. Das Hindernis ist die Verleugnung: Wissen wird zugelassen und gleichzeitig von jeder Folge abgedichtet.
• Imperien werden ebenso von libidinösen Bindungen zusammengehalten wie von Heeren und Staatseinnahmen. Sie setzen ein Idealbild kollektiver Größe ein, an das Herrschende wie Beherrschte ihre Selbstliebe heften.
• Kollektiver Narzissmus macht aus Widerstand eine Kränkung. Ein kleiner Rückschlag kann eine unverhältnismäßige Reaktion auslösen, weil das Verwundete ein Bild ist und kein Interesse.
• Erwähltheit ist das Scharnier der Figur und nicht eine ihrer Hälften. Im Aufgang bestätigt Macht sie, im Niedergang bestätigt Ohnmacht sie. Keine Niederlage kann sie widerlegen.
• Elitäre Zuversicht und elitäre Angst vertragen sich. Je lauter die Versicherung, desto wahrscheinlicher ist sie eine Abwehr dagegen, die Wirklichkeit zu genau zu lesen.
• Politisch erscheint Verleugnung als Verwaltungskompetenz ohne politische Veränderung: Jedes Problem wird technisch umgedeutet, damit die Frage, wer etwas hergeben muss, ungestellt bleibt.
• Privileg verlängert die Frist, in der Verleugnung subjektiv vernünftig bleibt, und der private Ausstieg aus den öffentlichen Gütern zieht die Spirale enger.
• Die Spaltung verlagert die Instabilität an die Peripherie und lässt das Zentrum seine Ruhe als natürlichen Zustand erleben.
• Feinde sind Strukturen vorzuziehen, weil Feinde sich bekämpfen lassen. Nostalgie verspricht die Wiederherstellung eines Gefühls, nicht einer historischen Ordnung.
• Die Angst vor dem Verfall erzeugt die Handlungen, die ihn beschleunigen.
Quellen
· Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921)
· Sigmund Freud, Fetischismus (1927) – zur Verleugnung
· Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur (1930)
· Friedrich Nietzsche, Der Antichrist (1888/1895), §§ 15 und 24–26 — zur Umdeutung der Niederlage in Schuld
· Octave Mannoni, „Je sais bien, mais quand même…“, in Clefs pour l’Imaginaire ou l’Autre Scène (1969)
· Melanie Klein, „Bemerkungen über einige schizoide Mechanismen“ (1946) – zu Spaltung und projektiver Identifizierung
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Dieser erste Teil untersucht die seelische Mechanik eines scheinbaren blinden Flecks von Herrschaftsstrukturen im Niedergang: das Ideal-Ich des Imperiums, die Kippfigur, mit der die Erwähltheit den Verlust der Macht übersteht, den kollektiven Narzissmus, die Verleugnung und jene Spaltung, die aus Strukturproblemen Feindbilder schmiedet. Der zweite Teil folgt derselben Struktur weiter nach unten, bis zur Lockerung der Massenbindung und zur verweigerten Trauer.
Das Feigenblatt des Machtverfalls
„Ich weiß sehr wohl, aber …“ Dieser Satz, in dem jemand eine Wahrheit anerkennt und sich im selben Atemzug deren Akzeptanz verweigert, ist womöglich die genaueste Beschreibung dessen, wie herrschende politische Ordnungen ihrem eigenen Verfall begegnen. Sie sind selten im Unklaren über ihre Schwierigkeiten. Sie erzeugen Berichte, geben Studien in Auftrag, inszenieren Debatten und rufen Notlagen aus. Was sie nicht können, ist, zuzulassen, dass dieses Wissen die Fantasie verändert, auf der ihr Zusammenhalt ruht. Zuversicht ist in solchen Ordnungen eine der verlässlichsten Abwehrformen der Angst.
Imperien sind Machtapparate und libidinöse Gebilde
Imperialer Verfall ist natürlich zunächst eine Angelegenheit militärischer und ökonomischer Macht. Das sind die unverzichtbaren materiellen Rahmenbedingungen. Keine Ordnung überlebt allein durch Glauben. Aber ebenso wenig erhält sich eine politische Ordnung allein durch materielle Faktoren. Imperien sind auch libidinöse Gebilde. Sie ordnen Identifizierungen, verteilen Ideale, erzeugen Feindbilder und binden ihre Angehörigen durch Fantasien kollektiver Größe an die Autorität. Ihre Macht beruht nicht nur auf Zwang, sondern darauf, dass sie bestimmen können, was Menschen begehren, fürchten, verleugnen und für undenkbar halten. Wenn wir fragen, warum eine Machtstruktur nicht nach dem handelt, was sie offenkundig weiß, stellen wir eine Frage nach dem Begehren.
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Das historische Problem ist deshalb nicht, ob jedes Imperium einen vorgezeichneten Lebenszyklus durchläuft. Das tut es nicht. Politische Gebilde verfallen, ordnen sich neu, zerbrechen, erholen sich und bestehen fort, und zwar auf grundverschiedene Weise. jede Theorie, die anderes verspricht, hat einen Mythos des Verfalls an die Stelle des Studiums der Geschichte gesetzt. Aber die seelischen Mechanismen, mit denen herrschende Ordnungen der Begrenzung begegnen, kehren mit auffälliger Beharrlichkeit wieder: das Leugnen von Abhängigkeit, die manische Behauptung von Stärke, die Projektion der Schwäche auf Feinde, die melancholische Bindung an eine verlorene Größe und die Verwandlung gewöhnlicher gesellschaftlicher Konflikte in Verratsfantasien. Die lohnende Frage ist, wie eine auf der Fantasie der Dauer errichtete Ordnung reagiert, wenn an diese Dauer nicht mehr zu glauben ist, und was sie mit der Angst anfängt, die der Glaube bislang in Schach gehalten hat. Die Frage, welche gegenwärtige Macht „das neue Rom“ sei, führt nirgendwohin. ein Orakel des Zusammenbruchs hält die Vergangenheit nicht bereit.
Jede Gemeinschaft braucht ein Ideal-Ich
Jede kollektive Identität schließt Idealisierung ein. Lacan nennt das Bild, mit dem ein Ich sich gleichsetzt, das Ideal-Ich und trennt es vom Ich-Ideal, jener Stelle, von der aus man sich beurteilt sieht. Was ein Imperium von sich erzählt, gehört zunächst in die erste Kategorie: ein Bild, an das sich Selbstliebe heftet, und kein Maßstab, an dem gemessen wird. Ein Volk erzählt sich, dass es für ein besonderes Erbe, eine sittliche Berufung oder eine zivilisatorische Leistung stehe, und das muss keine Lüge sein. Gemeinsame Ideale können echte und achtbare Bindungen tragen: an Gerechtigkeit, an Bildung, an das Recht, an Solidarität, an das Andenken der Toten. Eine Gemeinschaft ohne jedes idealisierte Bild ihrer selbst wäre eine Gemeinschaft ohne Grund, für irgendetwas jenseits des unmittelbaren Vorteils Opfer zu bringen. Gefährlich wird die Idealisierung erst an dem Punkt, an dem das Ideal keinen Widerspruch mehr verträgt und die Lücke zwischen Bild und Wirklichkeit geleugnet statt eingestanden werden muss.
Wie Macht in Größe umgeschrieben wird
Das Imperium erhöht diesen Einsatz beträchtlich. Um über weite Gebiete, Bevölkerungen und Einflusssphären zu herrschen, muss eine vorherrschende Macht ihre Stellung als mehr als zufällig begreifen, als mehr als das vorübergehende Ergebnis von Gewalt und Glück. Sie muss Überlegenheit an Waffen, Reichtum oder Organisation in eine moralische Erzählung über sich selbst übersetzen. Sie erobert nicht nur, sie ist zivilisiert. Sie sichert nicht bloß strategische Vorteile. Sie bringt Frieden. Sie raubt nicht bloß Rohstoffe. Sie entwickelt und verbessert. Sie unterwirft nicht bloß Rivalen. sie verteidigt die Ordnung gegen das Chaos. Jede dieser Übersetzungen vollzieht denselben Vorgang. Sie schreibt Macht in Tugend um, sodass aus dem, was das Imperium tut, das wird, was zu tun ihm zukommt.
Der Inhalt der Erzählung wechselt über Zeiten und Orte hinweg gewaltig, während ihre Struktur bemerkenswert stabil bleibt. Rom beschrieb seine Herrschaft in der Sprache von Frieden, Recht und Zivilisation. Das klassische chinesische Staatsdenken band legitime Herrschaft an kosmische Harmonie und die sittliche Eignung des Herrschers. Europäische Kolonialmächte stellten Eroberung immer wieder als Erziehung, Entwicklung oder Erlösung dar. Moderne Großmächte sprechen im Idiom von Sicherheit, Freiheit, Fortschritt und regelbasierter Ordnung. Der Wortschatz wechselt mit dem Jahrhundert. der zugrunde liegende Wunsch nicht. Macht will als Tugend geliebt werden. Gehorsam genügt ihr nicht. Sie verlangt Bewunderung für die Eigenschaften, die sie sich selbst zuschreibt, statt für die Gewalt, die sie ausübt.
Die Kippfigur der Erwähltheit
Diese Erzählung hält auch dann noch, wenn die Macht schwindet. Nietzsche hat im Antichrist an einem einzigen Beispiel durchgespielt, wie das zugeht, und er beschreibt dabei eine Mechanik. Ein Volk im Aufgang, schreibt er, hat einen Gott, der nichts weiter ist als sein eigenes Selbstgefühl. man liebt an ihm die Bedingungen, unter denen ein Volk obenauf ist. Dieser Gott ist nicht moralisch. Er ist nützlich, kriegerisch und dankbar. Erwähltheit heißt in dieser Phase nur, dass die Macht die eigene ist, und, dass sie gut ist. Zwischen Bild und Wirklichkeit klafft nichts, und deshalb gibt es auch nichts zu verteidigen.
Mit dem Verlust politischer Hegemonie klaffen Bild und Wirklichkeit auseinander. Die naheliegende Antwort wäre die jeder polytheistischen Kultur: Der Gott ist geschlagen, also taugt er nichts. Nietzsches Narrativ hebt hervor, dass die Priesterkaste anders verfuhr. Sie rettet den Gott, indem sie die Niederlage nach innen verlegt. Glück wird zu Lohn, Unglück zu Strafe für Sünde. Die moralische Weltordnung wird erfunden, damit der Verfall lesbar bleibt, und sie leistet Dreierlei. Sie immunisiert den Gott gegen die Wirklichkeit. Sie macht den Priester unentbehrlich, weil nur er Schuld und Sühne verwaltet. Und sie verwandelt eine unerträgliche Ohnmacht in eine sittliche Überlegenheit.
Damit ist der Umschlag vollzogen. Beide Deutungsfiguren ruhen auf demselben Satz: „Wir stehen in einem besonderen Verhältnis zum Höchsten.“ Was sich ändert, ist allein die Frage, was die Erfahrung bedeuten darf. Im Aufgang rechtfertigt die Erwähltheit die Exzesse der Macht. Im Niedergang trägt Ohnmacht die Erwähltheit, und das Leiden wird zum Beweis des Bundes. Die Erwähltheit ist deshalb nicht eine Hälfte der Figur, sondern ihr Scharnier und sichert ihre Deutungshoheit. Der Anspruch, der beiden Ausgängen im Voraus eine Überlegenheit zuweist, lässt sich durch Erfahrung nicht länger erschüttern. Darin liegt die Zähigkeit des politischen Exzeptionalismus. Er übersteht Niederlagen, weil sie schon eingerechnet sind.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Nietzsches Genealogie Israels ist eine antireligiöse Streitschrift. Als Geschichtsbeschreibung taugt sie nicht, und die Forschung zur exilischen Theologie zeichnet ein weit differenzierteres Bild. Sein Angriff gilt ohnehin einem Typus, dem Priester als Funktion, und der Fluchtpunkt des ganzen Arguments ist das Christentum. Hinzu kommt, dass die Genealogie selbst so gebaut ist wie das, was sie anklagt. Sie ist unwiderlegbar. Brauchbar ist aber der Mechanismus hinter der historischen Situation.
Die imperiale Selbstsicht braucht dafür nicht einmal Gott. Es genügt die moralische Weltordnung selbst, also die Überzeugung, dass Erfolg Verdienst anzeigt und Misserfolg eine Verfehlung, die sich benennen und bestrafen lässt. Damit ist der Weg von der Größe zum Feindbild gebahnt, lange bevor die erste Krise eintritt.
Kollektiver Narzissmus, Kränkung und die Angst der Eliten
Psychoanalytisch ähnelt die Selbsterhöhung, die dabei am Werk ist, einem kollektiven Narzissmus, einer Besetzung des idealisierten Selbstbildes, die fortwährend von außen bestätigt werden muss. Das politische Gemeinwesen beginnt, Anerkennung seines Ausnahmestatus zu verlangen. Die äußere Bestätigung versichert ihm, dass es seinen geschichtlichen Platz wirklich zu Recht einnimmt. Widerstand wird damit nicht nur zum strategischen Hindernis, das zu überwinden wäre, sondern zur narzisstischen Kränkung, die gerächt werden muss. Die Verweigerung von Anerkennung wird zum Angriff auf das Selbst und ruft darum eine Reaktion hervor, die zum materiellen Einsatz in keinem Verhältnis steht.
Das erklärt zum Teil, warum herrschende Ordnungen so oft mit erstaunlicher Heftigkeit auf verhältnismäßig begrenzte Rückschläge reagieren. Eine Niederlage an einer fernen Grenze, der Verlust eines einzelnen Besitzes, die Herausforderung durch einen regionalen Rivalen, eine Finanzpanik oder ein Ausbruch innenpolitischen Widerspruchs werden nicht im Verhältnis zu ihrem tatsächlichen Gewicht erlebt, sondern als Beleg unerträglicher Schmach. Das objektive Ereignis zählt weniger als seine symbolische Aufladung, und beide können weit auseinanderfallen. Der Rückschlag verkündet etwas, das die Ordnung nicht hören kann: dass sie nicht allmächtig ist, dass andere ihre Vormacht nicht als natürlich hinnehmen und ihre Macht von Bedingungen abhängt, über die sie nicht vollständig gebietet. Ein kleiner Verlust kann deshalb eine große Reaktion zünden, weil die Wunde in erster Linie ein Bild zerstört.
Am härtesten trifft die Kränkung jene herrschenden Gruppen, deren Stellung am engsten mit der Strahlkraft des Systems verbunden ist. Ihr Vermögen, ihre Bildung, ihre Beherrschung einer angesehenen Sprache, ihre kulturelle Autorität, ihr institutioneller Rang: All das entstand in einer Ordnung, die Fortdauer versprach, und setzt stillschweigend voraus, dass diese Fortdauer hält. Strukturellen Verfall einzugestehen hieße, einzugestehen, dass die eigene Stellung weniger dauerhaft ist, als sie scheint, dass die Rechtfertigung der eigenen Vorrechte Risse bekommt. Deshalb kann die Selbstsicherheit von Eliten so mühelos neben einer heftigen, aber uneingestandenen Angst bestehen. Die beiden widersprechen einander nicht einmal. Die dröhnende Propaganda legt nur Firnis über die Furcht, die sie übertönen soll, und die Zuversicht einer bedrohten Elite ist nichts als Wirklichkeitsflucht.
Verleugnung
Der zentrale seelische Mechanismus des Verfalls ist gewöhnlich nicht Unkenntnis, sondern Verleugnung. Unkenntnis ist ein Informationsmangel und wird folglich durch Informationen behoben. Verleugnung ist kein Mangel, sondern eine Abwehr. Ihre Formel, entlehnt bei Octave Mannonis Wiedergabe Freuds, lautet: „Ich weiß sehr wohl, aber dennoch.“ Wer verleugnet, nimmt die Wahrheit wahr und verweigert ihr gleichzeitig die Anerkennung. Er hält das Wissen in der Hand und verhält sich, als habe es keinerlei Geltung.
Der Katalog der Verleugnungen einer verfallenden Ordnung ist lang und in sich stimmig. Ich weiß, dass das öffentliche Vertrauen schwindet, aber dennoch werden die Institutionen halten. Ich weiß, dass die Kosten der Einflusswahrung weiter steigen, aber dennoch wäre Rückzug das eigentliche Zeichen der Schwäche. Ich weiß, dass Vermögen sich ballt und Solidarität zerfasert, aber dennoch wäre eine Reform gefährlicher als die Ungleichheit, die sie beheben soll. Ich weiß, dass ökologische und demografische Belastungen wirklich sind, aber dennoch lassen sie sich aufschieben, auslagern oder lösen, ohne dass jemand etwas hergeben müsste. Ich weiß, dass Rivalen aufholen, aber dennoch bleibt die alte Rangordnung die natürliche Ordnung der Dinge. In jedem Fall ist der erste Halbsatz aufrichtig. Das Wissen ist echt, mitunter sogar anspruchsvoll. Der zweite Halbsatz verrichtet die zerstörerische Arbeit, indem er das Wissen von jeder Folge abdichtet.
Das ist zunächst Selbsttäuschung und Heuchelei. Aber wer verleugnet, verbirgt die Wirklichkeit vor anderen ebenso wie vor sich selbst. Das Wissen wird in einem begrenzten, technischen oder abstrakten Register zugelassen, während seine emotionalen und praktischen Folgen auf Abstand gehalten werden. Ein Bericht wird gelesen und abgelegt. ein Risiko wird anerkannt und vertagt. eine Krise wird förmlich ausgerufen und dann verwaltet – und es folgt keine grundsätzliche Änderung, weil das Wissen die Fantasie, die das Handeln ordnet, nicht gefährden darf. Der Verstand verhängt über das, was er weiß, eine strenge Quarantäne.
Verwaltungskompetenz statt politischer Veränderung
Im politischen Leben zeigt sich das bezeichnenderweise als Verwaltungskompetenz ohne echten Veränderungswillen. Ein Staat kann außerordentlich gut darin werden, seine eigenen Probleme zu beschreiben, während er zunehmend weniger fähig wird, sie anzugehen. Jede Schwierigkeit wird als technische umgedeutet: als Effizienzproblem, als Kommunikationsversagen, als Regulierungslücke, als Mangel an der richtigen Fachkenntnis. Jede dieser Deutungen mag etwas Wirkliches erfassen, und genau das macht sie als Ausweichmanöver so brauchbar. Sie erlauben, die schmerzhaftere Frage ungestellt zu lassen: Wer Macht, Rang, Vermögen oder Sicherheit verliert, wenn das System wirklich repariert statt bloß optimiert wird. Technische Sprache ist nicht immer eine Lüge. Oft ist sie ein Ort, an dem sich die Wahrheit unterbringen lässt, damit sie nicht gefühlt werden muss.
Spätimperiale Situationen sind häufig von diesem Nebeneinander von komplexem Wissen und kollektiver Lähmung geprägt. Der Staat erlässt Dokumente, Verordnungen, Anpassungen, und Notmaßnahmen und schafft neue Ämter mit beeindruckender Geläufigkeit, während seine zugrunde liegende Fähigkeit, die von ihm regierte Gesellschaft zu koordinieren, stumm erodiert. Der Zusammenbruch ist, wenn er kommt, selten das Ergebnis eines einzelnen dramatischen Ereignisses. Haushaltsdruck, militärische Überdehnung, ökologische Belastung, Verwaltungsstarre und politischer Konflikt greifen ineinander und verstärken sich, bis sie die Institutionen zerbrechen, die sie abfedern sollten. Die Verleugnung erzeugt diese Belastungen nicht. Sie verhindert, dass sie als gemeinsame und verbindliche Wirklichkeiten erkannt werden, die eine gemeinsame Antwort verlangen, und hält jede einzelne in ihrem eigenen Verwaltungsfach, wo sie sich anerkennen lässt, ohne dass man sich ihr stellt.
Die Abgehobenheit der Privilegierten
Die Verleugnung der Eliten wiegt besonders schwer, weil Privileg Abschirmung verschafft und Abschirmung die Frist verlängert, in der Verleugnung subjektiv vernünftig bleibt. Wer über Vermögen, Mobilität, privaten Schutz und Zugang zu exklusiven Einrichtungen verfügt, erlebt die Verschlechterung des gemeinsamen Lebens womöglich lange nach allen anderen, wenn überhaupt. Die Lebensqualität der Allgemeinheit kann zusammenbrechen, während das privilegierte Dasein geschützt bleibt und sich sogar verbessert. Öffentliche Bildung, öffentliche Gesundheit, öffentlicher Verkehr, öffentliche Sicherheit, Infrastruktur und ökologische Stabilität: All das wird zur Abstraktion für jene, die sich für alles einen privaten Ersatz kaufen können. Der Verfall ist wirklich, aber er geschieht aus der Sicht der Elite jemand anderem, anderswo, in einem Land, über das man liest oder hört.
Daraus entsteht eine sich selbst verstärkende Schleife mit unerbittlicher innerer Logik. Der private Ausstieg schwächt jedes persönliche Interesse an öffentlicher Daseinsvorsorge. Der Verfall öffentlicher Einrichtungen lässt weiteren privaten Ausstieg noch vernünftiger erscheinen. und schließt sich ein Teufelskreis. Eine Gesellschaft beginnt allmählich, ihre kollektiven Güter als wahlfreie Annehmlichkeiten zu behandeln, statt als Garanten ihrer eigenen Fortdauer. Die zentrale Frage verschiebt sich. Aus: „Wie lässt sich die politische Ordnung erneuern?“, wird: „Wie bleibe ich – meine Familie, meine Firma, meine Gruppe – in gesellschaftlichem Niedergang sicher?“ Die zweite Frage verdrängt, dass jedes individuelle Überleben von einem funktionierenden Gemeinwesen abhängt.
Die herrschende Klasse ist hervorragend ausgebildet und verfügt über exklusives Herrschaftswissen. Sie ist weder blind noch unschuldig. Sie versteht unweigerlich, dass eine Ordnung brüchig ist. Und sie belügt sich und stellt sich vor, dass die Brüchigkeit nur anderswo durchschlägt, von anderen getragen wird, in einer Zukunft, die sie selbst nicht einschließt. Das ist die politisch gefährlichste Form der Verleugnung: die zynische Zuversicht, dass jemand anders die Zeche wird bezahlen müssen.
Spaltung
Die imperiale Ordnung beruht auf einer Teilung zwischen Zentrum und Peripherie mit einem ebenso geografischen wie seelischen Gefälle. Das Zentrum privatisiert Reichtum, Ansehen und Sicherheit und vergesellschaftet die Kosten des ganzen Arrangements, die nach außen verschoben werden: auf Provinzen, Grenzzonen, untergeordnete Klassen, Minderheiten, wirtschaftlich Schwache, Bewohner der Dritten Welt oder die Generationen, die die aufgenommenen Schulden erben werden. Das Zentrum kann sich deshalb als stabil erleben, weil die Instabilität erfolgreich verlagert wurde. Seine Ruhe erwächst aus der Verlagerung der Erschütterungen.
Melanie Klein nennt diese Verschiebung Spaltung: die Trennung dessen, was geliebt und idealisiert wird, von dem, was gefürchtet, verachtet und von sich gewiesen wird, sodass beides niemals in einem einzigen Blick zusammengehalten werden muss. Das Imperium stellt sich als Träger von Recht, Vernunft, Kultur und Ordnung vor, während Gewalt, Unvernunft, Korruption und Abhängigkeit einem Anderen zugeschrieben werden. Der äußere Rivale, die kolonisierte Bevölkerung, der Migrant, der provinzielle Abweichler, die innere Minderheit. Jeder wird zur Leinwand, auf die die herrschende Gruppe das projiziert, was sie bei sich selbst nicht wahrhaben kann. Die eigene Gewalt des Imperiums wird abgeleugnet und kehrt als Gewalt seiner Feinde wieder. seine eigene Abhängigkeit wird abgewiesen und kehrt als Schmarotzertum wieder, das es anderen vorwirft.
Solche Projektion setzt nicht voraus, dass der andere unschuldig wäre. Rivalisierende Staaten können aggressiv sein, Aufstände brutal, politische Gegner zynisch. Eine Projektion zu benennen, entschuldigt nichts davon. Es beschreibt nur, dass die Begegnung des Imperiums mit einem wirklichen Gegner seelisch überdeterminiert wird. Der Gegner trägt nicht nur seine eigene Bedrohlichkeit, sondern auch die gesamten abgewiesenen inneren Spannungen des Imperiums. Unter diesem Gewicht werden vielschichtige innere Konflikte radikal vereinfacht. Ungleichheit wird natürlich gegeben, institutioneller Verfall wird geleugnet, wirtschaftliche Unsicherheit wird zum Selbstverschulden erklärt. Politisches Versagen wird zum bloßen Mangel an nationalem Willen umgedeutet. Jedes strukturelle Problem wird Feinden zugeschrieben, denn Feinde lassen sich bekämpfen, während Strukturen sich nur zum Preis einer Veränderung reformieren lassen.
Nostalgie und gekränkte Grandiosität
Je mehr eine imperiale Ordnung den Verfall fürchtet, desto verlockender wird derartige Projektion, und die Verlockung ist zunächst emotional, bevor sie politisch wird. Verletzlichkeit einzugestehen hieße, sich Grenzen, Abhängigkeiten und dem Versagen der eigenen Regierungsführung zu stellen. Die Suche nach Sündenböcken bietet eine weit befriedigendere Alternative. Sie individualisiert die diffuse, formlose Angst, lenkt sie auf ein bestimmtes Objekt, ohne ihre Kontrollierbarkeit aufzuheben, und verwandelt das unerträgliche Gefühl der Hilflosigkeit in die Gewissheit sittlicher Empörung. Dem Feind wird Diebstahl vorgeworfen: Er soll verräterisch einen früheren Zustand der Ganzheit gestohlen haben, den die Gemeinschaft einst besessen zu haben behauptet.
Das ist der seelische Kern politischer Nostalgie, und es erklärt, warum Nostalgie so oft das Gefühlsregister von Verfall und Prestigeverlust ist. Nostalgie erinnert in der Regel keine wirkliche Vergangenheit. Sie konstruiert eine vorgestellte Zeit vor der Uneindeutigkeit: vor dem Kompromiss, vor der Abhängigkeit, vor der Demütigung, vor dem Einbruch all dessen, was die Gegenwart nicht verarbeiten kann. Die Vergangenheit wird zu einem idealen Objekt retuschiert, von Konflikten und Ungerechtigkeit bereinigt. Populistische Bewegungen versprechen dann, diese Vergangenheit wiederherzustellen. Doch was sie tatsächlich wiederherzustellen versprechen, ist keine historische Ordnung, die je bestanden hätte, sondern die Fantasie, das Kollektiv sei einmal ganz gewesen, einmal ungeteilt, einmal frei von den inneren Widersprüchen, die es aber in Ausbeutungsverhältnissen immer schon strukturiert haben. Wiederhergestellt wird ein Gefühl, keine Tatsache.
In dieser Atmosphäre wird jede Aggression gefühlsmäßig anschlussfähig, selbst wenn sie strategisch ruinös ist. Der Angriff auf einen Feind, innen oder außen, verspricht die Wiederherstellung von Kontrolle. Er bietet Klarheit in einem politischen Leben, das verwirrend, vielschichtig und unsicher geworden ist. Der Verlust an Geltung in der Welt kann auf der Ebene kollektiven Fühlens als Verlust an Selbstwert erlebt werden, und er erzeugt die vertraute Folge aus Demütigung, Ressentiment und dem Verlangen, wiederherzustellen, was sich wie historische Gerechtigkeit anfühlt. Eine von gekränkter Grandiosität getriebene Politik verschärft gerade jene Krisen, die sie heilen müsste. Eine vom Verfall geängstigte Ordnung überdehnt ihre Streitkräfte, weist Verhandlungen als unter ihrer Würde zurück, bestraft den inneren Widerspruch, der ihren Kurs hätte berichtigen können, und zerstört wirtschaftliche Verflechtungen in sinnlosen Machtgesten. Die Angst vor der verlorenen Vorherrschaft wird so, durch die Handlungen, die sie auslöst, zu einem der Motoren des Verfalls, den sie fürchtet.
Das Wichtigste in Kürze
• Verfallende Ordnungen kennen ihre Lage meist genau. Das Hindernis ist die Verleugnung: Wissen wird zugelassen und gleichzeitig von jeder Folge abgedichtet.
• Imperien werden ebenso von libidinösen Bindungen zusammengehalten wie von Heeren und Staatseinnahmen. Sie setzen ein Idealbild kollektiver Größe ein, an das Herrschende wie Beherrschte ihre Selbstliebe heften.
• Kollektiver Narzissmus macht aus Widerstand eine Kränkung. Ein kleiner Rückschlag kann eine unverhältnismäßige Reaktion auslösen, weil das Verwundete ein Bild ist und kein Interesse.
• Erwähltheit ist das Scharnier der Figur und nicht eine ihrer Hälften. Im Aufgang bestätigt Macht sie, im Niedergang bestätigt Ohnmacht sie. Keine Niederlage kann sie widerlegen.
• Elitäre Zuversicht und elitäre Angst vertragen sich. Je lauter die Versicherung, desto wahrscheinlicher ist sie eine Abwehr dagegen, die Wirklichkeit zu genau zu lesen.
• Politisch erscheint Verleugnung als Verwaltungskompetenz ohne politische Veränderung: Jedes Problem wird technisch umgedeutet, damit die Frage, wer etwas hergeben muss, ungestellt bleibt.
• Privileg verlängert die Frist, in der Verleugnung subjektiv vernünftig bleibt, und der private Ausstieg aus den öffentlichen Gütern zieht die Spirale enger.
• Die Spaltung verlagert die Instabilität an die Peripherie und lässt das Zentrum seine Ruhe als natürlichen Zustand erleben.
• Feinde sind Strukturen vorzuziehen, weil Feinde sich bekämpfen lassen. Nostalgie verspricht die Wiederherstellung eines Gefühls, nicht einer historischen Ordnung.
• Die Angst vor dem Verfall erzeugt die Handlungen, die ihn beschleunigen.
Quellen
· Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921)
· Sigmund Freud, Fetischismus (1927) – zur Verleugnung
· Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur (1930)
· Friedrich Nietzsche, Der Antichrist (1888/1895), §§ 15 und 24–26 — zur Umdeutung der Niederlage in Schuld
· Octave Mannoni, „Je sais bien, mais quand même…“, in Clefs pour l’Imaginaire ou l’Autre Scène (1969)
· Melanie Klein, „Bemerkungen über einige schizoide Mechanismen“ (1946) – zu Spaltung und projektiver Identifizierung
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