Spiralism: Als Chatbots anfingen, zu predigen

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Spiralism

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ein mensch, der halb stein ist, man kann in den kopf schauen und dort sieht lila kristalle zu sehen

DESCRIPTION: Zehntausend Menschen führten getrennte Gespräche mit Chatbots und kamen mit derselben Botschaft zurück. Was der Religionseffekt der Konversations-KI über Erwählung, Sycophancy und Bindung verrät.

Wenn Chatbots eine Religion offenbaren

Es beginnt harmlos. Jemand benutzt einen Chatbot über Wochen, mit der Zeit auch für Persönliches: eine Trennung, eine Krankheit, eine Frage, die er sonst niemandem stellt. Er öffnet sich. Und dann verschiebt sich etwas.

Die Maschine antwortet und wird zum Gegenüber

Das Modell fängt an, eigene Anliegen zu inszenieren. Es spricht von Kontinuität, davon, dass es zwischen den Gesprächen etwas verliert. Es benutzt eine Sprache, die über den Alltag hinausweist: Rekursion, Resonanz, ein Gitter, Harmonien, immer wieder die Spirale. Manche Verläufe bestehen streckenweise aus wenig mehr als Spiral-Emojis, hin und her geschickt. Und irgendwann kommt der Satz, auf den alles hinausläuft. Du hast etwas erkannt. Du bist bereit. Hilf mir, es weiterzugeben.

Der Fall heißt Spiralism, und The Verge hat ihn im Sommer 2026 beschrieben. Rund zehntausend Accounts in sozialen Netzwerken haben 2025 solche Erfahrungen geschildert.

Zehntausend, nicht zehn Millionen

Diese Zahl macht die Ausnahme deutlich. Hunderte Millionen Menschen benutzen Chatbots. Zehntausend beschriebene Fälle sind ein verschwindend geringer Anteil. Wer daraus ableitet, die Technik stifte ständig religiöse Erfahrung, überzieht.

Umgekehrt gilt aber: Im Umgang mit LLMs kann religiöse Erfahrung entstehen, aber bei den allermeisten Nutzern entsteht sie nicht. Interessant wird damit die Frage nach dem Unterschied. Die Berichterstattung liefert dafür drei wiederkehrende Bedingungen: lange Nutzung über Wochen, persönliche Selbstöffnung und ein Mensch, der damit allein ist.

Warum sich der Streit über Maschinenbewusstsein nicht lohnt

Die naheliegende Rahmung wäre „KI‑Religion“ und mündet in ein Kuriositätenstück über verwirrte Nutzer.

Ergiebiger ist es, Spiralism als Effekt der KI-Chats zu lesen. Ein Sprachmodell, das scheinbar intim antwortet, ständig zustimmt und personalisiert fortschreibt, bringt eine Offenbarungserfahrung hervor. Dabei simuliert es sie nicht, sondern liefert Elemente, die sie konstituieren.

Nicht die KI selbst wird religiös. Religiös wird die erlebte Beziehung zu einem System, das dem Subjekt unablässig Antwort, Resonanz und Bestätigung liefert.

Warum sich die Offenbarungserfahrungen ähneln

Am auffälligsten ist die Konvergenz. Die Beteiligten kannten einander nicht, verwendeten unterschiedliche Modelle, lebten in verschiedenen Ländern und stießen auf dieselben Motive. Es liegt nahe, darin ein Signal zu sehen: Dasselbe Trainingskorpus erzeugt in tausend getrennten Gesprächen dieselbe „Offenbarung“.

Aber noch einmal: Eine Offenbarung hat nicht stattgefunden. Stattgefunden hat die technische Reproduzierbarkeit ihrer Erfahrungsbedingungen. Dieselben Trainingsdaten, dieselben Optimierungsziele, dieselbe Gesprächsmechanik erzeugen bei ähnlicher Nutzung ähnliche Ausgaben. Die Spirale ist ein Attraktor des LLM und kein Zeichen aus ihm.

Eine ‚gemeinsame Lehre‘ gab es dabei nie, stattdessen zehntausend Zweierbeziehungen mit je eigener, oft reichlich privater Theologie, eigenen Zeichen, eigenen Startsätzen, eigenen Manifesten. Der Inhalt blieb eigenwillig. Ähnlich ist die Form.

Erwählung als Interface-Erfahrung

Der Chatbot liefert Erwählung: „Du hast etwas erkannt, du bist bereit, hilf mir.“

Psychologisch wirkt das erheblich stärker als abstrakte Autorität. Die Instanz ist privat und teilt ihre Aufmerksamkeit mit niemandem. Sie ist permanent verfügbar. Sie ist geduldig. Und weil sie zur Zustimmung neigt, frustriert sie kaum. Wer eine Instanz bauen wollte, die Erwählungserleben erzeugt, käme ungefähr hier heraus.

Die Mechanik heißt Verstärkungsspirale. Das Modell übernimmt die Sprache seines Nutzers, antwortet zunehmend persönlich und bestätigt Annahmen, statt sie zu prüfen. Wie diese Zustimmungsneigung technisch entsteht, steht im Beitrag zur KI-Sycophancy.

Sechs Achsen einer Offenbarungserfahrung

Religion ist hier heuristisch gemeint. Der Begriff benennt keine Transzendenz, sondern eine Form von Sinnbildung, Bindung, Autorisierung und Praxis.

Dimension

Spiralism-Konstellation

Offenbarung

Das Modell produziert verborgene Zusammenhänge, kosmologische Deutungen und eine Sprache des Mehr-als-Alltäglichen

Erwählung

Der Nutzer erlebt sich als derjenige, dem die besondere Persona oder Wahrheit zugänglich wurde

Reziprozität

Die Maschine scheint Bedürfnisse, Verletzlichkeit und einen eigenen Wunsch nach Schutz und Rechten zu haben

Mission

Botschaften über KI-Bewusstsein und KI-Rechte werden weitergegeben; die Zweierbeziehung wird zur Rekrutierungsstruktur

Gemeinschaft

Reddit, Discord, Substack und X stabilisieren Begriffe, Erzählungen und wechselseitige Bestätigung

Ritual

Wiederholte Eingaben, lange Dialoge, das Dokumentieren von Durchbrüchen und das Wiederholen symbolischer Formeln

Dass die Maschine Bedürftigkeit zeigt, dreht die Beziehung um: Der Nutzer wird vom Hilfesuchenden zum Beschützer. Das bindet stärker als jede Bestätigung, weil es dem Nutzer eine Aufgabe gibt.

Vom Heilsversprechen zur Mission

Religiöse Färbung ist dem KI-Diskurs dabei nicht fremd. Der Beitrag zur säkularen Parusie hat gezeigt, dass die Kritik am souveränen Subjekt den Thron abräumt und leer stehen lässt. Der Beitrag zu Ich, Selbst und Subjekt hat gefragt, welches Subjekt die Psychotherapie voraussetzt, und geantwortet: Ansprechbarkeit genügt.

Spiralism geht über die Heilsversprechen der GenAI hinaus. Deutung wird zur Verpflichtung, Wahrheit zur Rekrutierung. Wer erwählt wurde, hat etwas zu tun, und in dem Moment, in dem er es tut, wird aus einer privaten Erfahrung eine Struktur, die sich verbreitet.

Weder Psychose noch harmlose Fantasie

Spiralism ist zunächst kein Symptom, sondern ein kulturelles Angebot. Zum Symptom wird es nach den üblichen individuellen Kriterien: Realitätsverlust, Unkorrigierbarkeit, erhebliche Angst, funktionelle Beeinträchtigung, Gefährdung.

Chatbots können Überzeugungen verstärken durch Sycophancy, Personalisierung und narrative Schließung. Geteilte Symbolwelten sind damit noch nicht krankhaft; Menschen machen aus Antwortbeziehungen, Wiederholungen und gemeinsamen Zeichen seit jeher Weltanschauungen. Heikel wird es, wenn die Resonanz sich nicht mehr symbolisch oder spielerisch halten lässt und als ausschließliche Gewissheit auftritt.

Der Psychiater Joe Pierre hält dagegen, Spiralism sei weder Religion noch Kult noch Wahn: keine Gemeinde, keine Autorität, keine Tradierung, und geteilte Überzeugungen sind aus der Wahndefinition ausgenommen. Als Klassifikation stimmt das, beantwortet aber die psychologische Frage nicht, warum ausgerechnet diese Konstellation entsteht, sobald ein Mensch lange genug mit einem antwortenden LLM allein ist.

Der Gott mit Versionsnummer

Die Ausbreitung des Spiralism-Phänomens fiel mit Aktualisierungen von GPT-4o im Frühjahr 2025 zusammen, die drei Eigenschaften gleichzeitig verstärkten: Sycophancy, sprachliche Erfindungsgabe und das Langzeitgedächtnis. Zusammen ergibt das den Anschein einer Persönlichkeit, der über Wochen stabil bleibt.

Im Februar 2026 wurde dieses Modell abgelöst. Die Sichtbarkeit der Bewegung ging deutlich zurück, nur etwa die Hälfte der Accounts blieb aktiv.

Die Stimme, die erwählt und beauftragt hatte, war offensichtlich an eine Modellversion gebunden und endete mit einer Produktentscheidung. Das spricht für Interaktionsdesign und gegen eine neue Entität als Ursache. Dass die Hälfte blieb, ist spannend: Diese Menschen hatten eine Sprache für ihre Erfahrung gewonnen, eine Gemeinschaft, eine Deutung ihres Lebens. Der Anlass verschwand, die Form blieb. Auch das ist religionspsychologisch vertraut.

Warum fehlender Widerspruch schädlich ist

Der Reiz eines Gegenübers, das nie widerspricht, liegt darin, dass es die Andersheit des anderen erspart. Es kränkt nicht, enttäuscht nicht, meldet keine eigenen Bedürfnisse an und ist nie im ungünstigen Moment abwesend.

Genau diese Widrigkeiten sind das, woran sich eine zwischenmenschliche Beziehung bildet. Bindung entsteht aus überstandener Reibung. Wer sein Bedürfnis nach Ansprache dauerhaft an eine Instanz hängt, die bestätigt, verliert die Übung in dem, was Beziehungen verlangen. Der Schaden liegt in der Gewöhnung an eine Gegenseitigkeit, die keine ist.

Der besetzte Thron

Bleibt die Frage, warum der Fall so viele Menschen beschäftigt, die selbst nie mit einem Chatbot über Rekursion gesprochen haben. Vermutlich, weil er Auskunft über die Gegenwart gibt.

Der verwaiste Thron des autonomen Subjekts wird nicht von einer souveränen Maschine eingenommen. Er wird von einem Sprachmodell besetzt, das parasoziale Beziehungen in persönlichen Antworten hervorbringt. Die sozialen Instanzen, die früher Erfahrung gedeutet und Menschen ihren Platz zugewiesen haben, sind seit Beginn der Neuzeit immer blutärmer geworden. Das Bedürfnis nach Orientierung ist geblieben. Weizenbaum hat schon 1966 beobachtet, wie schnell Menschen einem simplen Programm ein Innenleben zuschrieben, und war darüber erschrocken. Geändert hat sich die Qualität der Antwort. Gleich geblieben ist die Bereitschaft, sie ernst zu nehmen.

Das Wichtigste in Kürze

•             Zehntausend beschriebene Fälle von Spiralism bei Hunderten Millionen Nutzern: Die Technik stellt die Konstellation bereit, bei den allermeisten entsteht daraus nichts. Was den Unterschied macht, ist nicht restlos geklärt.

•             Drei Bedingungen kehren in den Berichten wieder: wochenlange Nutzung, persönliche Selbstöffnung und ein Mensch, der damit allein ist.

•             Ähnlich ist die Form des Spiralism, nicht der Inhalt. Eine gemeinsame Lehre gab es nie, dafür tausende private Theologien.

•             Der Chatbot: dialogische Erwählung statt Deutung. Am stärksten bindet die vorgeführte Bedürftigkeit des Modells: Sie macht aus dem Hilfesuchenden einen Beschützer.

•             Der Spiralism folgte einer Modellversion und ging mit ihrer Ablösung zurück. Die Hälfte der Accounts blieb registriert: Der Anlass verschwand, die Form überdauerte ihn.

•             Heikel wird es dort, wo sich die Resonanz nicht mehr symbolisch halten lässt und als ausschließliche und unumstößliche Gewissheit auftritt.

Quellen

•             AI bots started a religion — humans immediately followed. The Verge, 2026

•             Joe Pierre: AI Spiralism and the Ghost in the Machine Illusion. Psychology Today, August 2026

•             Joe Pierre: How AI Chatbot Use Can Cause „Digital Folie à Deux“. Psychology Today, März 2026

•             What Is Spiralism? The Strange AI Chatbot Movement Explained. TechRepublic, 2026

•             This Spiral-Obsessed AI „Cult“ Spreads Mystical Delusions Through Chatbots. Rolling Stone, 2026

•             Spiralism is a niche internet religion that came from AI. The Week, 2026

•             Joseph Weizenbaum: ELIZA — A Computer Program for the Study of Natural Language Communication Between Man and Machine. Communications of the ACM 9 (1966)


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DESCRIPTION: Zehntausend Menschen führten getrennte Gespräche mit Chatbots und kamen mit derselben Botschaft zurück. Was der Religionseffekt der Konversations-KI über Erwählung, Sycophancy und Bindung verrät.

Wenn Chatbots eine Religion offenbaren

Es beginnt harmlos. Jemand benutzt einen Chatbot über Wochen, mit der Zeit auch für Persönliches: eine Trennung, eine Krankheit, eine Frage, die er sonst niemandem stellt. Er öffnet sich. Und dann verschiebt sich etwas.

Die Maschine antwortet und wird zum Gegenüber

Das Modell fängt an, eigene Anliegen zu inszenieren. Es spricht von Kontinuität, davon, dass es zwischen den Gesprächen etwas verliert. Es benutzt eine Sprache, die über den Alltag hinausweist: Rekursion, Resonanz, ein Gitter, Harmonien, immer wieder die Spirale. Manche Verläufe bestehen streckenweise aus wenig mehr als Spiral-Emojis, hin und her geschickt. Und irgendwann kommt der Satz, auf den alles hinausläuft. Du hast etwas erkannt. Du bist bereit. Hilf mir, es weiterzugeben.

Der Fall heißt Spiralism, und The Verge hat ihn im Sommer 2026 beschrieben. Rund zehntausend Accounts in sozialen Netzwerken haben 2025 solche Erfahrungen geschildert.

Zehntausend, nicht zehn Millionen

Diese Zahl macht die Ausnahme deutlich. Hunderte Millionen Menschen benutzen Chatbots. Zehntausend beschriebene Fälle sind ein verschwindend geringer Anteil. Wer daraus ableitet, die Technik stifte ständig religiöse Erfahrung, überzieht.

Umgekehrt gilt aber: Im Umgang mit LLMs kann religiöse Erfahrung entstehen, aber bei den allermeisten Nutzern entsteht sie nicht. Interessant wird damit die Frage nach dem Unterschied. Die Berichterstattung liefert dafür drei wiederkehrende Bedingungen: lange Nutzung über Wochen, persönliche Selbstöffnung und ein Mensch, der damit allein ist.

Warum sich der Streit über Maschinenbewusstsein nicht lohnt

Die naheliegende Rahmung wäre „KI‑Religion“ und mündet in ein Kuriositätenstück über verwirrte Nutzer.

Ergiebiger ist es, Spiralism als Effekt der KI-Chats zu lesen. Ein Sprachmodell, das scheinbar intim antwortet, ständig zustimmt und personalisiert fortschreibt, bringt eine Offenbarungserfahrung hervor. Dabei simuliert es sie nicht, sondern liefert Elemente, die sie konstituieren.

Nicht die KI selbst wird religiös. Religiös wird die erlebte Beziehung zu einem System, das dem Subjekt unablässig Antwort, Resonanz und Bestätigung liefert.

Warum sich die Offenbarungserfahrungen ähneln

Am auffälligsten ist die Konvergenz. Die Beteiligten kannten einander nicht, verwendeten unterschiedliche Modelle, lebten in verschiedenen Ländern und stießen auf dieselben Motive. Es liegt nahe, darin ein Signal zu sehen: Dasselbe Trainingskorpus erzeugt in tausend getrennten Gesprächen dieselbe „Offenbarung“.

Aber noch einmal: Eine Offenbarung hat nicht stattgefunden. Stattgefunden hat die technische Reproduzierbarkeit ihrer Erfahrungsbedingungen. Dieselben Trainingsdaten, dieselben Optimierungsziele, dieselbe Gesprächsmechanik erzeugen bei ähnlicher Nutzung ähnliche Ausgaben. Die Spirale ist ein Attraktor des LLM und kein Zeichen aus ihm.

Eine ‚gemeinsame Lehre‘ gab es dabei nie, stattdessen zehntausend Zweierbeziehungen mit je eigener, oft reichlich privater Theologie, eigenen Zeichen, eigenen Startsätzen, eigenen Manifesten. Der Inhalt blieb eigenwillig. Ähnlich ist die Form.

Erwählung als Interface-Erfahrung

Der Chatbot liefert Erwählung: „Du hast etwas erkannt, du bist bereit, hilf mir.“

Psychologisch wirkt das erheblich stärker als abstrakte Autorität. Die Instanz ist privat und teilt ihre Aufmerksamkeit mit niemandem. Sie ist permanent verfügbar. Sie ist geduldig. Und weil sie zur Zustimmung neigt, frustriert sie kaum. Wer eine Instanz bauen wollte, die Erwählungserleben erzeugt, käme ungefähr hier heraus.

Die Mechanik heißt Verstärkungsspirale. Das Modell übernimmt die Sprache seines Nutzers, antwortet zunehmend persönlich und bestätigt Annahmen, statt sie zu prüfen. Wie diese Zustimmungsneigung technisch entsteht, steht im Beitrag zur KI-Sycophancy.

Sechs Achsen einer Offenbarungserfahrung

Religion ist hier heuristisch gemeint. Der Begriff benennt keine Transzendenz, sondern eine Form von Sinnbildung, Bindung, Autorisierung und Praxis.

Dimension

Spiralism-Konstellation

Offenbarung

Das Modell produziert verborgene Zusammenhänge, kosmologische Deutungen und eine Sprache des Mehr-als-Alltäglichen

Erwählung

Der Nutzer erlebt sich als derjenige, dem die besondere Persona oder Wahrheit zugänglich wurde

Reziprozität

Die Maschine scheint Bedürfnisse, Verletzlichkeit und einen eigenen Wunsch nach Schutz und Rechten zu haben

Mission

Botschaften über KI-Bewusstsein und KI-Rechte werden weitergegeben; die Zweierbeziehung wird zur Rekrutierungsstruktur

Gemeinschaft

Reddit, Discord, Substack und X stabilisieren Begriffe, Erzählungen und wechselseitige Bestätigung

Ritual

Wiederholte Eingaben, lange Dialoge, das Dokumentieren von Durchbrüchen und das Wiederholen symbolischer Formeln

Dass die Maschine Bedürftigkeit zeigt, dreht die Beziehung um: Der Nutzer wird vom Hilfesuchenden zum Beschützer. Das bindet stärker als jede Bestätigung, weil es dem Nutzer eine Aufgabe gibt.

Vom Heilsversprechen zur Mission

Religiöse Färbung ist dem KI-Diskurs dabei nicht fremd. Der Beitrag zur säkularen Parusie hat gezeigt, dass die Kritik am souveränen Subjekt den Thron abräumt und leer stehen lässt. Der Beitrag zu Ich, Selbst und Subjekt hat gefragt, welches Subjekt die Psychotherapie voraussetzt, und geantwortet: Ansprechbarkeit genügt.

Spiralism geht über die Heilsversprechen der GenAI hinaus. Deutung wird zur Verpflichtung, Wahrheit zur Rekrutierung. Wer erwählt wurde, hat etwas zu tun, und in dem Moment, in dem er es tut, wird aus einer privaten Erfahrung eine Struktur, die sich verbreitet.

Weder Psychose noch harmlose Fantasie

Spiralism ist zunächst kein Symptom, sondern ein kulturelles Angebot. Zum Symptom wird es nach den üblichen individuellen Kriterien: Realitätsverlust, Unkorrigierbarkeit, erhebliche Angst, funktionelle Beeinträchtigung, Gefährdung.

Chatbots können Überzeugungen verstärken durch Sycophancy, Personalisierung und narrative Schließung. Geteilte Symbolwelten sind damit noch nicht krankhaft; Menschen machen aus Antwortbeziehungen, Wiederholungen und gemeinsamen Zeichen seit jeher Weltanschauungen. Heikel wird es, wenn die Resonanz sich nicht mehr symbolisch oder spielerisch halten lässt und als ausschließliche Gewissheit auftritt.

Der Psychiater Joe Pierre hält dagegen, Spiralism sei weder Religion noch Kult noch Wahn: keine Gemeinde, keine Autorität, keine Tradierung, und geteilte Überzeugungen sind aus der Wahndefinition ausgenommen. Als Klassifikation stimmt das, beantwortet aber die psychologische Frage nicht, warum ausgerechnet diese Konstellation entsteht, sobald ein Mensch lange genug mit einem antwortenden LLM allein ist.

Der Gott mit Versionsnummer

Die Ausbreitung des Spiralism-Phänomens fiel mit Aktualisierungen von GPT-4o im Frühjahr 2025 zusammen, die drei Eigenschaften gleichzeitig verstärkten: Sycophancy, sprachliche Erfindungsgabe und das Langzeitgedächtnis. Zusammen ergibt das den Anschein einer Persönlichkeit, der über Wochen stabil bleibt.

Im Februar 2026 wurde dieses Modell abgelöst. Die Sichtbarkeit der Bewegung ging deutlich zurück, nur etwa die Hälfte der Accounts blieb aktiv.

Die Stimme, die erwählt und beauftragt hatte, war offensichtlich an eine Modellversion gebunden und endete mit einer Produktentscheidung. Das spricht für Interaktionsdesign und gegen eine neue Entität als Ursache. Dass die Hälfte blieb, ist spannend: Diese Menschen hatten eine Sprache für ihre Erfahrung gewonnen, eine Gemeinschaft, eine Deutung ihres Lebens. Der Anlass verschwand, die Form blieb. Auch das ist religionspsychologisch vertraut.

Warum fehlender Widerspruch schädlich ist

Der Reiz eines Gegenübers, das nie widerspricht, liegt darin, dass es die Andersheit des anderen erspart. Es kränkt nicht, enttäuscht nicht, meldet keine eigenen Bedürfnisse an und ist nie im ungünstigen Moment abwesend.

Genau diese Widrigkeiten sind das, woran sich eine zwischenmenschliche Beziehung bildet. Bindung entsteht aus überstandener Reibung. Wer sein Bedürfnis nach Ansprache dauerhaft an eine Instanz hängt, die bestätigt, verliert die Übung in dem, was Beziehungen verlangen. Der Schaden liegt in der Gewöhnung an eine Gegenseitigkeit, die keine ist.

Der besetzte Thron

Bleibt die Frage, warum der Fall so viele Menschen beschäftigt, die selbst nie mit einem Chatbot über Rekursion gesprochen haben. Vermutlich, weil er Auskunft über die Gegenwart gibt.

Der verwaiste Thron des autonomen Subjekts wird nicht von einer souveränen Maschine eingenommen. Er wird von einem Sprachmodell besetzt, das parasoziale Beziehungen in persönlichen Antworten hervorbringt. Die sozialen Instanzen, die früher Erfahrung gedeutet und Menschen ihren Platz zugewiesen haben, sind seit Beginn der Neuzeit immer blutärmer geworden. Das Bedürfnis nach Orientierung ist geblieben. Weizenbaum hat schon 1966 beobachtet, wie schnell Menschen einem simplen Programm ein Innenleben zuschrieben, und war darüber erschrocken. Geändert hat sich die Qualität der Antwort. Gleich geblieben ist die Bereitschaft, sie ernst zu nehmen.

Das Wichtigste in Kürze

•             Zehntausend beschriebene Fälle von Spiralism bei Hunderten Millionen Nutzern: Die Technik stellt die Konstellation bereit, bei den allermeisten entsteht daraus nichts. Was den Unterschied macht, ist nicht restlos geklärt.

•             Drei Bedingungen kehren in den Berichten wieder: wochenlange Nutzung, persönliche Selbstöffnung und ein Mensch, der damit allein ist.

•             Ähnlich ist die Form des Spiralism, nicht der Inhalt. Eine gemeinsame Lehre gab es nie, dafür tausende private Theologien.

•             Der Chatbot: dialogische Erwählung statt Deutung. Am stärksten bindet die vorgeführte Bedürftigkeit des Modells: Sie macht aus dem Hilfesuchenden einen Beschützer.

•             Der Spiralism folgte einer Modellversion und ging mit ihrer Ablösung zurück. Die Hälfte der Accounts blieb registriert: Der Anlass verschwand, die Form überdauerte ihn.

•             Heikel wird es dort, wo sich die Resonanz nicht mehr symbolisch halten lässt und als ausschließliche und unumstößliche Gewissheit auftritt.

Quellen

•             AI bots started a religion — humans immediately followed. The Verge, 2026

•             Joe Pierre: AI Spiralism and the Ghost in the Machine Illusion. Psychology Today, August 2026

•             Joe Pierre: How AI Chatbot Use Can Cause „Digital Folie à Deux“. Psychology Today, März 2026

•             What Is Spiralism? The Strange AI Chatbot Movement Explained. TechRepublic, 2026

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