Hans Asperger und der Nationalsozialismus | Spiegelgrund
Hans Asperger und der Nationalsozialismus | Spiegelgrund
Spiegelgrund
Veröffentlicht am:
03.06.2026

DESCRIPTION:
Der Kinderarzt und Heilpädagoge Hans Asperger 1944: Wie autistische Kinder über die Wiener Heilpädagogik in die NS-Euthanasie am Spiegelgrund kamen.
Hans Asperger und der Nationalsozialismus: Der Kinderarzt, die "autistischen Psychopathen" und die Kinder vom Spiegelgrund
Eine Diagnose, die Millionen Menschen als Selbstbeschreibung tragen, hat einen Ursprung, der in den Lehrbüchern der Pädiatrie und der Autismusforschung lange nicht erschien. Der Wiener Kinderarzt Hans Asperger habilitierte 1944 in der Heilpädagogischen Abteilung der Wiener Universitätskinderklinik über die "autistischen Psychopathen" im Kindesalter, innerhalb eines Systems, das auffällige Kinder in der "Euthanasie"-Anstalt am Spiegelgrund tötete.
Wer war der Kinderarzt Hans Asperger im historischen Kontext?
Hans Asperger (1906–1980) war ein Wiener Kinderarzt und Heilpädagoge, der seine gesamte Karriere an der Wiener Universitätskinderklinik der medizinischen Fakultät der Universität Wien durchlief. Asperger wurde dort 1932 Sekundararzt; im Jahr 1934 verbrachte Asperger einen Studienaufenthalt in Leipzig, wo er die heilpädagogischen Konzepte vertiefte, die später seine Habilitationsarbeit prägten. Zurück in Wien arbeitete er als Leiter der heilpädagogischen Station unter Franz Hamburger, dem Direktor der Wiener Kinderklinik, einem glühenden Nationalsozialisten und Antisemiten. Die Wiener Universitäts-Kinderklinik war damals eine der einflussreichsten Einrichtungen der Kinderheilkunde im deutschsprachigen Raum.
In der zeitgenössischen Wahrnehmung gilt Asperger als Pionier der Autismusforschung, der humane Beobachter, der "kleine Professoren" entdeckte: autistische Kinder, hochintelligent und sozial unkonventionell, deren Eigenheiten er beschreibend würdigte. Diese Selbstdarstellung wurde nach 1945 von Asperger selbst gepflegt und in den 1980er Jahren durch Lorna Wing in die internationale Fachliteratur eingeführt, als das Asperger-Syndrom als eigenständige Form des Autismus in den westlichen Klassifikationssystemen etabliert wurde.
Was bedeutete die Heilpädagogische Abteilung der Wiener Universitäts-Kinderklinik?
Die Heilpädagogische Abteilung der Wiener Universitäts-Kinderklinik war ab den 1920er Jahren eine zentrale Einrichtung der österreichischen Kinderheilkunde und Pädiatrie. Sie befasste sich mit Kindern, deren Verhaltensauffälligkeiten, kognitive Besonderheiten oder soziale Schwierigkeiten medizinisch und pädagogisch untersucht werden sollten. Hier verbanden sich Pädiatrie mit Sozialpädagogik, und Schulmedizin mit Erziehungswissenschaft. Asperger war von 1935 bis in die späten 1940er Jahre Leiter der heilpädagogischen Station und damit eine der zentralen Figuren der österreichischen Heilpädagogik seiner Zeit.
Während der NS-Zeit von 1938 bis 1945 wurde die Heilpädagogische Abteilung Teil eines administrativen Apparates, der zwischen "lebenswerten" und "lebensunwerten" Kindern unterschied. Diese Selektion hatte konkrete Folgen. Kinder, die als nicht integrationsfähig klassifiziert wurden, konnten in die Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof überwiesen werden, deren Kinderpavillon "Am Spiegelgrund" zu einer der zentralen Stätten der nationalsozialistischen Kindereuthanasie wurde.
Wie kam Asperger 1944 zu seiner Habilitation über "autistische Psychopathen"?
Aspergers Habilitationsschrift "Die ‚Autistischen Psychopathen' im Kindesalter" erschien 1944, im letzten Jahr des Nationalsozialismus, mitten in einem Wissenschaftsbetrieb, der vollständig im Dienst der Rassenhygiene operierte. Der Begriff "autistische Psychopathen" stammt nicht aus der späteren entstigmatisierenden Autismusforschung, sondern aus einer Sprache der Persönlichkeitsklassifikation, die in der Zwischenkriegszeit etabliert war und sich nahtlos in die NS-zeitliche Differenzialdiagnostik einfügen ließ.
Asperger beschrieb in seiner Habilitation eine Gruppe autistischer Kinder, deren intellektuelle Eigenheiten ihn faszinierten und die er als integrationsfähig ansah, wenn ihre besonderen Begabungen kultiviert wurden. Diese diagnostische Aufmerksamkeit war triagebezogen. Asperger unterschied stillschweigend zwischen Kindern, deren Eigenheiten als nützlich für die Volksgemeinschaft galten, und solchen, die das System für nicht lebenswert hielt. Die zweite Gruppe wurde nicht von ihm publiziert, sondern verwaltet.
Was war die Heil- und Pflegeanstalt „Am Spiegelgrund“?
Der Spiegelgrund war der Kinderpavillon der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ in Wien. Während der NS-Zeit von 1940 bis 1945 wurden dort etwa 800 Kinder durch absichtlich herbeigeführte Lungenentzündungen, Mangelernährung, Überdosen von Beruhigungsmitteln und gezielte Tötungen ermordet. Die Sterberaten waren so hoch, dass die Klinik nach 1945 zum Symbol für die systematische Ermordung behinderter, psychisch auffälliger und sozial schwieriger Kinder im NS-Staat wurde. Bis heute werden Gehirnpräparate der ermordeten Kinder in Forschungsinstituten aufbewahrt, auch das ist Teil der Aufarbeitung.
Asperger war nicht selbst am Spiegelgrund tätig. Er arbeitete in einer vorgelagerten Institution, der Heilpädagogischen Abteilung der Wiener Kinderklinik, von der aus Überweisungen erfolgten. Diese Differenzierung ist juristisch und institutionell relevant, sie entlastet ihn aber inhaltlich nicht. Wer Kinder in ein System überweisen ließ, das sie tötete, war Teil dieses Systems, auch ohne selbst die letzte Spritze gesetzt zu haben.
Welche Rolle spielte Asperger in der Überweisungs-Praxis zum Spiegelgrund?
Die Aktenlage ist klar. Der Medizinhistoriker Herwig Czech hat im Wiener Stadt- und Landesarchiv mehrere Überweisungen rekonstruiert, in denen Asperger als Gutachter der Stadt Wien Kinder zur Beobachtung in Einrichtungen überwies, die direkt mit dem Spiegelgrund verbunden waren. Mindestens zwei namentlich bekannte Mädchen, beide kamen am Spiegelgrund um, wurden auf Aspergers Empfehlung dorthin überwiesen, weil er ihre Schulfähigkeit verneinte. Diese Empfehlungen folgten der Logik der NS-Kindereuthanasie, in der "bildungsunfähige" Kinder als Belastung der Volksgemeinschaft galten.
Asperger war zugleich Mitglied der Gesellschaft für Heilpädagogik und Sachverständiger der Stadt Wien für heilpädagogische und kinderpsychiatrische Belange. Er war kein formelles Mitglied der NSDAP, gehörte jedoch mehreren NS-nahen Berufsverbänden an. Diese Konstellation, keine Parteimitgliedschaft, aber funktionale Mitarbeit, war für viele Akademiker der NS-Zeit typisch. Sie ermöglichte nach 1945 die Selbstdarstellung als "unpolitisch", die der historischen Realität nicht standhält.
Wer ist Herwig Czech und was hat seine Aufarbeitung gezeigt?
Herwig Czech ist Medizinhistoriker und Professor für Geschichte der Medizin an der MedUni Wien, tätig am Josephinum, der Sammlung und Geschichte der Medizin der Universität. Czech hat 2018 in der Fachzeitschrift Molecular Autism die bislang gründlichste Aufarbeitung von Aspergers Verhältnis zum Nationalsozialismus vorgelegt: "Hans Asperger, National Socialism, and 'race hygiene' in Nazi-era Vienna". Die Studie wertet Aspergers eigene Publikationen aus der NS-Zeit aus, kombiniert mit bisher unbeachteten Dokumenten aus österreichischen Archiven, Personalakten, Patientenfallakten, Gutachtenverlauf.
Czechs Befund ist klar: Asperger passte sich aktiv in das NS-Regime ein und wurde dafür mit Karrierechancen belohnt. Die Selbstdarstellung als aktiver Gegner des Regimes lässt sich nach Auswertung der Quellen nicht aufrechterhalten. Die amerikanische Historikerin Edith Sheffer hat parallel in ihrem Buch "Asperger's Children: The Origins of Autism in Nazi Vienna" (2018) eine eigenständige Archivaufarbeitung vorgelegt, die zu vergleichbaren Schlüssen kommt. Sheffer nennt Asperger einen "Zuträger der Vernichtung", eine Formulierung, die in der Fachdebatte umstritten ist, aber den institutionellen Kern trifft.
Was zeigt Hans Aspergers Verhältnis zum Nationalsozialismus heute?
Drei Komplexe sind nach Czech und Sheffer dokumentiert. Erstens: Asperger arbeitete in einer heilpädagogischen Abteilung, deren Direktor, Franz Hamburger, ein militanter Nationalsozialist war und der Wiener Kinderheilkunde während der NS-Zeit das ideologische Profil gab. Zweitens: Asperger nahm aktiv an Diskussionen zu Fragen der Rassen- und Sterilisierungsgesetzgebung teil und verteidigte die Anwendung dieser Gesetzgebung in eigenen Publikationen. Drittens: Asperger überwies in seiner Funktion als Gutachter der Stadt Wien Kinder zur Beobachtung, die anschließend in NS-Euthanasie-Institutionen umkamen.
Diese drei Komplexe belegen nicht, dass Asperger ein NS-Ideologe gewesen wäre. Sie bedeuten, dass er als kompetenter, ambitionierter Pädiatrie-Forscher seine Karriere innerhalb des NS-Systems vorantrieb, und dabei die Logiken dieses Systems mitvollzog. Donvan und Zucker hatten in "In a Different Key: The Story of Autism" (2016) noch das ältere Bild des humanitären Asperger gezeichnet. Die Czech-Sheffer-Forschung hat dieses Bild grundlegend korrigiert.
Wie verlief die Aufarbeitung in Wien und international?
Die Aufarbeitung war langsam und institutionell zögerlich. Bis in die 2010er Jahre dominierte das von Asperger selbst stabilisierte Bild in der Autismusforschung. Czech und Sheffer publizierten 2018 unabhängig voneinander, und ihre Befunde stießen in der internationalen Fachöffentlichkeit auf erheblichen Widerstand. Die Wiener Medizinische Universität hat allerdings seither offen kommuniziert, dass Aspergers Rolle in der NS-Zeit nicht mehr als "unbeteiligt" dargestellt werden kann.
Die Autismus-Community reagierte gespalten. Ein Teil plädiert dafür, den Begriff Asperger aus der Selbstbeschreibungs-Sprache zu entfernen und durch neutralere Formulierungen wie autistisch, im Spektrum oder neurodivergent zu ersetzen. Diese Position wird häufig in englischsprachigen Selbsthilferäumen vertreten. Ein anderer Teil verteidigt die historische Bezeichnung, weil sie über Jahrzehnte hinweg Identitätsbildung ermöglicht hat. Beide Positionen sind nach Czech-Sheffer-Aufarbeitung eine bewusste Wahl.
Warum heißt das Asperger-Syndrom heute Autismus-Spektrum-Störung?
DSM-5 (2013) und ICD-11 (2022) haben das Asperger-Syndrom in die Sammelkategorie Autismus-Spektrum-Störung überführt. Die offizielle Eigenkategorie existiert in den aktuellen Klassifikationen nicht mehr. Die Begründung war primär nosologisch, die diagnostischen Grenzen zwischen Asperger-Syndrom und anderen Formen des Autismus hatten sich als unscharf erwiesen, ein Spektrumbegriff traf die klinische Realität besser. Die Czech-Sheffer-Aufarbeitung kam parallel und hat die institutionelle Legitimität dieses Schritts zusätzlich gestärkt.
Im Alltagsgebrauch wirkt die Bezeichnung "Asperger" weiter, als Selbstbeschreibung, in Selbsthilfegruppen, in Buchtiteln, in alltagsmedialen Kontexten. Wer sich heute als Aspi oder Asperger bezeichnet, übernimmt eigentlich eine Selbstbeschreibung, die historisch mit einem System verbunden ist, das auffällige Kinder tötete.
Was bedeutet die Geschichte für die heutige Autismusdiagnostik und -praxis?
In der psychotherapeutischen Praxis lohnt sich die Wachheit für die Geschichte. Patienten, die sich als Aspi oder als autistisch beschreiben, suchen nicht zuerst eine historische Aufklärung über ihre Diagnoseetiketten; sie suchen Begleitung in ihren konkreten Schwierigkeiten. Wenn aber eine Patientin sich seit zwanzig Jahren als Asperger-Frau bezeichnet und im Gespräch beiläufig die Wiener Geschichte streift, kann der Therapeut differenzieren: zwischen der Bezeichnung als Identitätsmarker und der Bezeichnung als institutionelle Spur. Beides darf nebeneinanderstehen. Beides muss nicht aufgegeben werden. Aber beides sollte nicht verwechselt werden.
Foucault hat in "Wahnsinn und Gesellschaft" beschrieben, wie psychiatrische Klassifikationen immer auch Verwaltungsakte sind. Die Asperger-Geschichte ist ein besonders dunkler Beleg dieser These. Sie zeigt, wie eine spätere humane Bedeutung aus einer früheren mörderischen Bedeutung entstehen kann, ohne sie wirklich zu überwinden. Wer die psychiatrische Sprache verwendet, verwendet eine Sprache mit Schichten, und die professionelle Pflicht besteht auch darin, sie zu kennen.
Zusammenfassung: Hans Asperger und der Nationalsozialismus
· Hans Asperger (1906–1980), Wiener Kinderarzt und Heilpädagoge, habilitierte 1944 über die "autistischen Psychopathen" im Kindesalter an der Heilpädagogischen Abteilung der Wiener Universitätskinderklinik.
· Im Jahr 1934 verbrachte Asperger einen Studienaufenthalt in Leipzig; 1938 bis 1945 arbeitete er innerhalb des NS-Wissenschaftsbetriebs unter Direktor Franz Hamburger.
· Asperger war NICHT Mitglied der NSDAP, gehörte aber mehreren NS-nahen Berufsverbänden an und war Gutachter der Stadt Wien für heilpädagogische und kinderpsychiatrische Belange.
· Mindestens zwei namentlich bekannte Mädchen wurden auf seine Empfehlung in NS-Euthanasie-Institutionen überwiesen und kamen am Spiegelgrund um.
· Die "Euthanasie"-Anstalt am Spiegelgrund war zwischen 1940 und 1945 für die Ermordung von rund 800 Kindern verantwortlich.
· Medizinhistoriker Herwig Czech (MedUni Wien, Josephinum) publizierte 2018 in Molecular Autism eine Aufarbeitung mit Wiener Stadt- und Landesarchiv-Quellen: Asperger kooperierte aktiv mit dem NS-Regime.
· Edith Sheffer veröffentlichte 2018 parallel das Buch "Asperger's Children: The Origins of Autism in Nazi Vienna" und bezeichnet Asperger als "Zuträger der Vernichtung".
· Donvan und Zucker hatten 2016 in "In a Different Key" noch das ältere humanitäre Asperger-Bild gezeichnet; die Czech-Sheffer-Forschung hat es grundlegend korrigiert.
· DSM-5 (2013) und ICD-11 (2022) haben Asperger-Syndrom in die Sammelkategorie Autismus-Spektrum-Störung überführt; die offizielle Eigenkategorie existiert nicht mehr.
· Die Autismus-Community ist gespalten: Ein Teil plädiert für die Entfernung des Begriffs, ein anderer für sein historisches Recht in der Identitätssprache.
· Therapeutisch lohnt sich die Differenzierung zwischen Identitätsmarker und institutioneller Spur, ohne das eine durch das andere zu ersetzen. Die Pflicht zur informierten Verwendung diagnostischer Begriffe ist nach der Aufarbeitung gestiegen.
Verwandte Artikel
DESCRIPTION:
Der Kinderarzt und Heilpädagoge Hans Asperger 1944: Wie autistische Kinder über die Wiener Heilpädagogik in die NS-Euthanasie am Spiegelgrund kamen.
Hans Asperger und der Nationalsozialismus: Der Kinderarzt, die "autistischen Psychopathen" und die Kinder vom Spiegelgrund
Eine Diagnose, die Millionen Menschen als Selbstbeschreibung tragen, hat einen Ursprung, der in den Lehrbüchern der Pädiatrie und der Autismusforschung lange nicht erschien. Der Wiener Kinderarzt Hans Asperger habilitierte 1944 in der Heilpädagogischen Abteilung der Wiener Universitätskinderklinik über die "autistischen Psychopathen" im Kindesalter, innerhalb eines Systems, das auffällige Kinder in der "Euthanasie"-Anstalt am Spiegelgrund tötete.
Wer war der Kinderarzt Hans Asperger im historischen Kontext?
Hans Asperger (1906–1980) war ein Wiener Kinderarzt und Heilpädagoge, der seine gesamte Karriere an der Wiener Universitätskinderklinik der medizinischen Fakultät der Universität Wien durchlief. Asperger wurde dort 1932 Sekundararzt; im Jahr 1934 verbrachte Asperger einen Studienaufenthalt in Leipzig, wo er die heilpädagogischen Konzepte vertiefte, die später seine Habilitationsarbeit prägten. Zurück in Wien arbeitete er als Leiter der heilpädagogischen Station unter Franz Hamburger, dem Direktor der Wiener Kinderklinik, einem glühenden Nationalsozialisten und Antisemiten. Die Wiener Universitäts-Kinderklinik war damals eine der einflussreichsten Einrichtungen der Kinderheilkunde im deutschsprachigen Raum.
In der zeitgenössischen Wahrnehmung gilt Asperger als Pionier der Autismusforschung, der humane Beobachter, der "kleine Professoren" entdeckte: autistische Kinder, hochintelligent und sozial unkonventionell, deren Eigenheiten er beschreibend würdigte. Diese Selbstdarstellung wurde nach 1945 von Asperger selbst gepflegt und in den 1980er Jahren durch Lorna Wing in die internationale Fachliteratur eingeführt, als das Asperger-Syndrom als eigenständige Form des Autismus in den westlichen Klassifikationssystemen etabliert wurde.
Was bedeutete die Heilpädagogische Abteilung der Wiener Universitäts-Kinderklinik?
Die Heilpädagogische Abteilung der Wiener Universitäts-Kinderklinik war ab den 1920er Jahren eine zentrale Einrichtung der österreichischen Kinderheilkunde und Pädiatrie. Sie befasste sich mit Kindern, deren Verhaltensauffälligkeiten, kognitive Besonderheiten oder soziale Schwierigkeiten medizinisch und pädagogisch untersucht werden sollten. Hier verbanden sich Pädiatrie mit Sozialpädagogik, und Schulmedizin mit Erziehungswissenschaft. Asperger war von 1935 bis in die späten 1940er Jahre Leiter der heilpädagogischen Station und damit eine der zentralen Figuren der österreichischen Heilpädagogik seiner Zeit.
Während der NS-Zeit von 1938 bis 1945 wurde die Heilpädagogische Abteilung Teil eines administrativen Apparates, der zwischen "lebenswerten" und "lebensunwerten" Kindern unterschied. Diese Selektion hatte konkrete Folgen. Kinder, die als nicht integrationsfähig klassifiziert wurden, konnten in die Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof überwiesen werden, deren Kinderpavillon "Am Spiegelgrund" zu einer der zentralen Stätten der nationalsozialistischen Kindereuthanasie wurde.
Wie kam Asperger 1944 zu seiner Habilitation über "autistische Psychopathen"?
Aspergers Habilitationsschrift "Die ‚Autistischen Psychopathen' im Kindesalter" erschien 1944, im letzten Jahr des Nationalsozialismus, mitten in einem Wissenschaftsbetrieb, der vollständig im Dienst der Rassenhygiene operierte. Der Begriff "autistische Psychopathen" stammt nicht aus der späteren entstigmatisierenden Autismusforschung, sondern aus einer Sprache der Persönlichkeitsklassifikation, die in der Zwischenkriegszeit etabliert war und sich nahtlos in die NS-zeitliche Differenzialdiagnostik einfügen ließ.
Asperger beschrieb in seiner Habilitation eine Gruppe autistischer Kinder, deren intellektuelle Eigenheiten ihn faszinierten und die er als integrationsfähig ansah, wenn ihre besonderen Begabungen kultiviert wurden. Diese diagnostische Aufmerksamkeit war triagebezogen. Asperger unterschied stillschweigend zwischen Kindern, deren Eigenheiten als nützlich für die Volksgemeinschaft galten, und solchen, die das System für nicht lebenswert hielt. Die zweite Gruppe wurde nicht von ihm publiziert, sondern verwaltet.
Was war die Heil- und Pflegeanstalt „Am Spiegelgrund“?
Der Spiegelgrund war der Kinderpavillon der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ in Wien. Während der NS-Zeit von 1940 bis 1945 wurden dort etwa 800 Kinder durch absichtlich herbeigeführte Lungenentzündungen, Mangelernährung, Überdosen von Beruhigungsmitteln und gezielte Tötungen ermordet. Die Sterberaten waren so hoch, dass die Klinik nach 1945 zum Symbol für die systematische Ermordung behinderter, psychisch auffälliger und sozial schwieriger Kinder im NS-Staat wurde. Bis heute werden Gehirnpräparate der ermordeten Kinder in Forschungsinstituten aufbewahrt, auch das ist Teil der Aufarbeitung.
Asperger war nicht selbst am Spiegelgrund tätig. Er arbeitete in einer vorgelagerten Institution, der Heilpädagogischen Abteilung der Wiener Kinderklinik, von der aus Überweisungen erfolgten. Diese Differenzierung ist juristisch und institutionell relevant, sie entlastet ihn aber inhaltlich nicht. Wer Kinder in ein System überweisen ließ, das sie tötete, war Teil dieses Systems, auch ohne selbst die letzte Spritze gesetzt zu haben.
Welche Rolle spielte Asperger in der Überweisungs-Praxis zum Spiegelgrund?
Die Aktenlage ist klar. Der Medizinhistoriker Herwig Czech hat im Wiener Stadt- und Landesarchiv mehrere Überweisungen rekonstruiert, in denen Asperger als Gutachter der Stadt Wien Kinder zur Beobachtung in Einrichtungen überwies, die direkt mit dem Spiegelgrund verbunden waren. Mindestens zwei namentlich bekannte Mädchen, beide kamen am Spiegelgrund um, wurden auf Aspergers Empfehlung dorthin überwiesen, weil er ihre Schulfähigkeit verneinte. Diese Empfehlungen folgten der Logik der NS-Kindereuthanasie, in der "bildungsunfähige" Kinder als Belastung der Volksgemeinschaft galten.
Asperger war zugleich Mitglied der Gesellschaft für Heilpädagogik und Sachverständiger der Stadt Wien für heilpädagogische und kinderpsychiatrische Belange. Er war kein formelles Mitglied der NSDAP, gehörte jedoch mehreren NS-nahen Berufsverbänden an. Diese Konstellation, keine Parteimitgliedschaft, aber funktionale Mitarbeit, war für viele Akademiker der NS-Zeit typisch. Sie ermöglichte nach 1945 die Selbstdarstellung als "unpolitisch", die der historischen Realität nicht standhält.
Wer ist Herwig Czech und was hat seine Aufarbeitung gezeigt?
Herwig Czech ist Medizinhistoriker und Professor für Geschichte der Medizin an der MedUni Wien, tätig am Josephinum, der Sammlung und Geschichte der Medizin der Universität. Czech hat 2018 in der Fachzeitschrift Molecular Autism die bislang gründlichste Aufarbeitung von Aspergers Verhältnis zum Nationalsozialismus vorgelegt: "Hans Asperger, National Socialism, and 'race hygiene' in Nazi-era Vienna". Die Studie wertet Aspergers eigene Publikationen aus der NS-Zeit aus, kombiniert mit bisher unbeachteten Dokumenten aus österreichischen Archiven, Personalakten, Patientenfallakten, Gutachtenverlauf.
Czechs Befund ist klar: Asperger passte sich aktiv in das NS-Regime ein und wurde dafür mit Karrierechancen belohnt. Die Selbstdarstellung als aktiver Gegner des Regimes lässt sich nach Auswertung der Quellen nicht aufrechterhalten. Die amerikanische Historikerin Edith Sheffer hat parallel in ihrem Buch "Asperger's Children: The Origins of Autism in Nazi Vienna" (2018) eine eigenständige Archivaufarbeitung vorgelegt, die zu vergleichbaren Schlüssen kommt. Sheffer nennt Asperger einen "Zuträger der Vernichtung", eine Formulierung, die in der Fachdebatte umstritten ist, aber den institutionellen Kern trifft.
Was zeigt Hans Aspergers Verhältnis zum Nationalsozialismus heute?
Drei Komplexe sind nach Czech und Sheffer dokumentiert. Erstens: Asperger arbeitete in einer heilpädagogischen Abteilung, deren Direktor, Franz Hamburger, ein militanter Nationalsozialist war und der Wiener Kinderheilkunde während der NS-Zeit das ideologische Profil gab. Zweitens: Asperger nahm aktiv an Diskussionen zu Fragen der Rassen- und Sterilisierungsgesetzgebung teil und verteidigte die Anwendung dieser Gesetzgebung in eigenen Publikationen. Drittens: Asperger überwies in seiner Funktion als Gutachter der Stadt Wien Kinder zur Beobachtung, die anschließend in NS-Euthanasie-Institutionen umkamen.
Diese drei Komplexe belegen nicht, dass Asperger ein NS-Ideologe gewesen wäre. Sie bedeuten, dass er als kompetenter, ambitionierter Pädiatrie-Forscher seine Karriere innerhalb des NS-Systems vorantrieb, und dabei die Logiken dieses Systems mitvollzog. Donvan und Zucker hatten in "In a Different Key: The Story of Autism" (2016) noch das ältere Bild des humanitären Asperger gezeichnet. Die Czech-Sheffer-Forschung hat dieses Bild grundlegend korrigiert.
Wie verlief die Aufarbeitung in Wien und international?
Die Aufarbeitung war langsam und institutionell zögerlich. Bis in die 2010er Jahre dominierte das von Asperger selbst stabilisierte Bild in der Autismusforschung. Czech und Sheffer publizierten 2018 unabhängig voneinander, und ihre Befunde stießen in der internationalen Fachöffentlichkeit auf erheblichen Widerstand. Die Wiener Medizinische Universität hat allerdings seither offen kommuniziert, dass Aspergers Rolle in der NS-Zeit nicht mehr als "unbeteiligt" dargestellt werden kann.
Die Autismus-Community reagierte gespalten. Ein Teil plädiert dafür, den Begriff Asperger aus der Selbstbeschreibungs-Sprache zu entfernen und durch neutralere Formulierungen wie autistisch, im Spektrum oder neurodivergent zu ersetzen. Diese Position wird häufig in englischsprachigen Selbsthilferäumen vertreten. Ein anderer Teil verteidigt die historische Bezeichnung, weil sie über Jahrzehnte hinweg Identitätsbildung ermöglicht hat. Beide Positionen sind nach Czech-Sheffer-Aufarbeitung eine bewusste Wahl.
Warum heißt das Asperger-Syndrom heute Autismus-Spektrum-Störung?
DSM-5 (2013) und ICD-11 (2022) haben das Asperger-Syndrom in die Sammelkategorie Autismus-Spektrum-Störung überführt. Die offizielle Eigenkategorie existiert in den aktuellen Klassifikationen nicht mehr. Die Begründung war primär nosologisch, die diagnostischen Grenzen zwischen Asperger-Syndrom und anderen Formen des Autismus hatten sich als unscharf erwiesen, ein Spektrumbegriff traf die klinische Realität besser. Die Czech-Sheffer-Aufarbeitung kam parallel und hat die institutionelle Legitimität dieses Schritts zusätzlich gestärkt.
Im Alltagsgebrauch wirkt die Bezeichnung "Asperger" weiter, als Selbstbeschreibung, in Selbsthilfegruppen, in Buchtiteln, in alltagsmedialen Kontexten. Wer sich heute als Aspi oder Asperger bezeichnet, übernimmt eigentlich eine Selbstbeschreibung, die historisch mit einem System verbunden ist, das auffällige Kinder tötete.
Was bedeutet die Geschichte für die heutige Autismusdiagnostik und -praxis?
In der psychotherapeutischen Praxis lohnt sich die Wachheit für die Geschichte. Patienten, die sich als Aspi oder als autistisch beschreiben, suchen nicht zuerst eine historische Aufklärung über ihre Diagnoseetiketten; sie suchen Begleitung in ihren konkreten Schwierigkeiten. Wenn aber eine Patientin sich seit zwanzig Jahren als Asperger-Frau bezeichnet und im Gespräch beiläufig die Wiener Geschichte streift, kann der Therapeut differenzieren: zwischen der Bezeichnung als Identitätsmarker und der Bezeichnung als institutionelle Spur. Beides darf nebeneinanderstehen. Beides muss nicht aufgegeben werden. Aber beides sollte nicht verwechselt werden.
Foucault hat in "Wahnsinn und Gesellschaft" beschrieben, wie psychiatrische Klassifikationen immer auch Verwaltungsakte sind. Die Asperger-Geschichte ist ein besonders dunkler Beleg dieser These. Sie zeigt, wie eine spätere humane Bedeutung aus einer früheren mörderischen Bedeutung entstehen kann, ohne sie wirklich zu überwinden. Wer die psychiatrische Sprache verwendet, verwendet eine Sprache mit Schichten, und die professionelle Pflicht besteht auch darin, sie zu kennen.
Zusammenfassung: Hans Asperger und der Nationalsozialismus
· Hans Asperger (1906–1980), Wiener Kinderarzt und Heilpädagoge, habilitierte 1944 über die "autistischen Psychopathen" im Kindesalter an der Heilpädagogischen Abteilung der Wiener Universitätskinderklinik.
· Im Jahr 1934 verbrachte Asperger einen Studienaufenthalt in Leipzig; 1938 bis 1945 arbeitete er innerhalb des NS-Wissenschaftsbetriebs unter Direktor Franz Hamburger.
· Asperger war NICHT Mitglied der NSDAP, gehörte aber mehreren NS-nahen Berufsverbänden an und war Gutachter der Stadt Wien für heilpädagogische und kinderpsychiatrische Belange.
· Mindestens zwei namentlich bekannte Mädchen wurden auf seine Empfehlung in NS-Euthanasie-Institutionen überwiesen und kamen am Spiegelgrund um.
· Die "Euthanasie"-Anstalt am Spiegelgrund war zwischen 1940 und 1945 für die Ermordung von rund 800 Kindern verantwortlich.
· Medizinhistoriker Herwig Czech (MedUni Wien, Josephinum) publizierte 2018 in Molecular Autism eine Aufarbeitung mit Wiener Stadt- und Landesarchiv-Quellen: Asperger kooperierte aktiv mit dem NS-Regime.
· Edith Sheffer veröffentlichte 2018 parallel das Buch "Asperger's Children: The Origins of Autism in Nazi Vienna" und bezeichnet Asperger als "Zuträger der Vernichtung".
· Donvan und Zucker hatten 2016 in "In a Different Key" noch das ältere humanitäre Asperger-Bild gezeichnet; die Czech-Sheffer-Forschung hat es grundlegend korrigiert.
· DSM-5 (2013) und ICD-11 (2022) haben Asperger-Syndrom in die Sammelkategorie Autismus-Spektrum-Störung überführt; die offizielle Eigenkategorie existiert nicht mehr.
· Die Autismus-Community ist gespalten: Ein Teil plädiert für die Entfernung des Begriffs, ein anderer für sein historisches Recht in der Identitätssprache.
· Therapeutisch lohnt sich die Differenzierung zwischen Identitätsmarker und institutioneller Spur, ohne das eine durch das andere zu ersetzen. Die Pflicht zur informierten Verwendung diagnostischer Begriffe ist nach der Aufarbeitung gestiegen.
Verwandte Artikel