KI-Slop und Pseudogeschichte auf YouTube: Wenn Geschichte zur Reizware wird

KI-Slop und Pseudogeschichte auf YouTube: Wenn Geschichte zur Reizware wird

KI-Slop und Pseudogeschichte auf YouTube

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Marmorbüste eines römischen Kaisers, deren eine Gesichtshälfte sich in kleine schwebende Würfel auflöst, vor schwarzem Hintergrund

DESCRIPTION: KI-Geschichtsvideos auf YouTube verkaufen Sex, Gewalt und Geheimwissen als Bildung und machen aus jeder Quellenlücke einen Komplott. Eine Analyse mit Lacan, Haug, Baudrillard und der Forschung zur illusorischen Wahrheit.

Geschichte als Reizware

KI-Slop, Pseudogeschichte und die Lust am verschwiegenen Wissen auf YouTube

Auf YouTube wächst eine Pseudogeschichte aus KI-Skripten, synthetischen Stimmen und generierten Bildern. Sie sortiert die Vergangenheit nach Reizwert, verkauft Sex, Gewalt und Geheimwissen in der Gestalt von Bildung und macht aus jeder Lücke der Überlieferung einen Komplott. Hier wird dieses Format gelesen mit Lacan, Haug und Baudrillard und mit der Forschung zu Verschwörungsdenken und illusorischer Wahrheit.

„Die geheimen Sexpraktiken der Römer“. „Was Historiker über die Wikinger verschweigen“. „Die grausamsten Strafen des Mittelalters“. „Die Wahrheit über die Templer“. Wer solche Titel anklickt, weiß zunächst nicht, von wem sie stammen, worauf sich das Gesagte stützt, oder ob es überhaupt eine überprüfbare Behauptung enthält. Das Thumbnail zeigt vielleicht eine Frau in einer künstlich antiken Kulisse, einen barbarisch aussehenden Krieger, einen blutverschmierten Kerker oder eine Pergamentseite mit Siegel. Unter dem Bild steht ein Titel, der Wissen und Verbot bündelt. Das Video verspricht Aufklärung und Reiz zugleich.

Die Stimme beginnt mit einer Behauptung. Sie klingt gelassen, informiert und frei von Zweifel. Ein Kaiser habe dies getan, ein Volk habe jenes Ritual vollzogen, ein Hof sei von sexueller Ausschweifung geprägt gewesen, eine Kirche habe bestimmte Tatsachen aus ihren Archiven entfernt. Während die Stimme spricht, zieht eine Folge generierter Bilder vorbei. Sie zeigt Menschen, die nie gelebt haben, in Räumen, die nie existierten, bei Handlungen, die keine Quelle beschreibt. Die Bilder sind nicht durchgehend absurd. Sie sind zu glatt dafür. Sie verbinden bekannte Elemente der Vergangenheit mit einem visuellen Stil, den man aus Serien, Computerspielen, Werbung und Fernsehdokumentationen kennt. Gerade deshalb entsteht der Eindruck, die Stimme habe etwas sichtbar gemacht.

KI-Slop auf YouTube: Pseudogeschichte in Serie

Erkennbar ist diese Pseudogeschichte an ihrem festen Vorgehen. Reale Namen, Daten und historische Ereignisse liefern das Material. Ein Sprachmodell ergänzt den Zusammenhang, eine synthetische Stimme verwandelt ihn in Erzählung, Bilder liefern Szenen, die den Sätzen vorauszueilen scheinen. Der Zuschauer sieht eine römische Mahlzeit, während er etwas über römische Sexualität hört. Er sieht eine Folterkammer, während von mittelalterlichem Strafrecht die Rede ist. Er sieht ein künstlich gealtertes Gesicht, während ein Video die geheimen Motive eines Herrschers erklärt. Die Szene macht die Behauptung anschaulich, obwohl sie nichts belegt.

Ungenaue und sensationsgierige Geschichtserzählungen gab es lange vor den Videos. Die frühe Mythologie erklärte die Herkunft von Völkern und Städten mit Göttern, Riesen und Ungeheuern. Herodot berichtet von Ameisen in Indien, größer als Füchse, die goldhaltigen Sand aus der Erde graben. Plutarch erklärte selbst, er schreibe Lebensbilder, und schmückte sie mit Vorzeichen, Träumen und Anekdoten. Flavius Josephus lässt in Masada 960 Belagerte gemeinsam in den Tod gehen und legt ihrem Anführer zwei lange Reden in den Mund, die niemand mitgeschrieben haben kann. Die Bibelautoren erzählten die Geschichte Israels als Heilsgeschichte, mit Wundern, Plagen und einer Sonne, die über Gibeon stillsteht. Der Physiologus, zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert vermutlich in Alexandria entstanden, machte aus Tierkunde Glaubenslehre: Der Pelikan erweckt seine toten Jungen mit dem eigenen Blut, der Löwe schläft mit offenen Augen. Die Legenda Aurea des Jacobus de Voragine sammelte um 1260 Heiligenleben voller Wunder und wurde zu einem der meistgelesenen Bücher des Spätmittelalters. Im 16. Jahrhundert meldeten die Neuen Zeitungen, Flugblätter mit Holzschnitt, Missgeburten, Blutregen und Himmelserscheinungen als Zeichen des nahen Gerichts. Pseudowissenschaft und Verschwörungsliteratur sind ebenso alt.

Neu sind jetzt lediglich die Menge und die Bilder. Sexuelle Aufladung kannte schon Sueton, der über Tiberius auf Capri berichtet, und Prokop, der in seiner Geheimgeschichte die Kaiserin Theodora verleumdet. KI macht daraus Geschichtspornografie. Das Wort lehnt sich an das englische „disaster porn“ und „trauma porn“ an, die das schaulustige Vorführen von Leid bezeichnen, und meint hier auch die wörtliche, sexuelle Bedeutung. Zu jedem Satz über römische Sexualität liefert die KI den passenden Körper, zu jeder Folterkammer das Opfer, und die Vorschaubilder der Kanäle sind auf genau diese Bilder ausgelegt. Was die Bilder nicht leisten, leistet die Verschwörungsgeschichte. Generative KI erlaubt es außerdem, Skripte, Stimmen und Bilder in Serienproduktion herzustellen. Ein Kanal kann ohne langwieriges Studium einer Epoche dieselbe Vorlage über Rom, Ägypten, die Wikingerzeit, mittelalterliche Höfe, den Zweiten Weltkrieg oder „verlorene Zivilisationen“ legen. Die Erzählung braucht nur ein Thema, das genug bekannte Namen und genug Platz für Geheimnisse bietet.

YouTube hat seine Regel gegen „repetitious content“ im Juli 2025 in „inauthentic content“ umbenannt. Sie trifft massenproduzierte Videos, die für Aufrufe hergestellt werden. Die Geschichtskanäle bleiben davon unberührt. Jedes Video hat ein neues Thema, einen neuen Namen, ein neues Jahrhundert. Wiederholt wird nur das Verfahren, und das erfasst die Regel nicht.

Die Vergangenheit, nach Reizwert sortiert

Die historische Besonderheit eines Themas zählt in diesem Verfahren wenig. Entscheidend ist, ob sich daraus ein Titel herstellen lässt, der Neugier, Ekel, Empörung, Furcht oder den Wunsch nach exklusivem Wissen auslöst. Die Vergangenheit wird nach ihrem Reizwert sortiert. Sie erscheint als Lagerhaus von Skandalen, Geheimnissen, Gewalt und Sexualität. Aus einer Epoche wird ein „dunkles“ Jahrhundert, aus einer Dynastie ein Inzestdrama, aus einer Religion ein Geheimkult, aus einer Verwaltungsfrage eine Verschwörung, aus einer Quellenlücke ein unterdrücktes Wissen.

Diese Auswahl hat Folgen. Wer Geschichte fortlaufend in dieser Form konsumiert, begegnet einer Vergangenheit, in der sich alles um Verbrechen, Dekadenz, verborgene Praktiken und geheime Mächte dreht. Historische Gesellschaften erscheinen als Tummelplatz extremer Szenen. Die soziale Ordnung, die rechtlichen Unterschiede, die ökonomischen Abhängigkeiten, die Begriffe und die Selbstdeutungen der Zeit verschwinden hinter dem Spektakel. Übrig bleiben der grausame Kaiser, die erotische Sklavin, der fanatische Priester, der barbarische Krieger, der korrupte Hof und das Opfer im Kerker.

Solche Bilder ordnen die Vergangenheit nach den Erwartungen des gegenwärtigen Blicks. Die Antike soll luxuriös, sexuell und grausam sein. Das Mittelalter soll schmutzig, abergläubisch und gewalttätig sein. Der „Orient“ soll geheimnisvoll, erotisch und despotisch sein. Die Wikingerzeit soll Männlichkeit, Schnee, Blut und rohe Freiheit liefern. Diese Bildmuster stammen aus einer langen Geschichte von Romanen, Gemälden, Abenteuerfilmen, Kolonialphantasien, Historienserien, Computerspielen und Werbung. Die KI erzeugt daraus neue Varianten einer bereits medial vorgeformten Vergangenheit.

Die Clips und Videos sehen deshalb oft aus wie kurze Trailer für eine Serie, die es nie gegeben hat. Jeder Bildwechsel bietet ein neues Versprechen: Hier wird gleich etwas Gewaltiges, Verbotenes oder Aufschlussreiches sichtbar werden. Der historische Gegenstand fungiert dabei als Marke und braucht keine Genauigkeit. „Templer“ stehen für Geheimnisse, Verschwörung und verborgene Schätze. Das Video kann sich auf diese kulturellen Abkürzungen verlassen, weil sie beim Publikum bereits vorhanden sind.

Bildung als Erlaubnis für Sex und Gewalt

Der Klick auf „Die geheimen Sexpraktiken der Römer“ gilt dabei als Bildung. Das ist ein entscheidender Teil der Form. Der Titel verkauft eine sexualisierte Szene, aber das Wort „Geschichte“ reinigt den Konsum. Wer erotische Bilder ansieht, informiert sich über die Antike. Wer die Folter anklickt, lernt etwas über mittelalterliche Rechtspraxis. Der historische Rahmen verleiht dem Reiz eine kulturell akzeptierte Form.

Menschen öffnen solche Videos aus Neugier, wegen eines einzelnen historischen Interesses, aus Langeweile oder weil die Plattform sie ihnen vorsetzt. Der Punkt betrifft die Logik des Formats. Es wählt seine Themen so, dass Bildung und Reiz sich gegenseitig decken. Der Zuschauer kann sich erschüttern, empören oder faszinieren lassen und sich zugleich sagen, er habe etwas gelernt.

Die historische Distanz verstärkt diese Lizenz. Vergangene Gewalt kann man ansehen, ohne einer gegenwärtigen Gewaltgeschichte zu begegnen. Die sexuelle Ausbeutung versklavter Frauen kann zum Bildmotiv werden, weil die dargestellte Frau als Bestandteil einer Kulisse namens Rom erscheint. Die Folter eines Gefangenen im Mittelalter wird zum Detail einer düsteren Welt, die sich konsumieren lässt. Das Leid bleibt real. Die Distanz der Jahrhunderte erleichtert es, das Leid in Bildmaterial zu verwandeln.

Das Muster ist alt. Die römische Arena feierte die Großzügigkeit des Kaisers und die Ordnung des Reiches, der Richtplatz der frühen Neuzeit Gerechtigkeit und Abschreckung. Beide boten Leiden als Schauspiel und lieferten den Grund gleich mit, aus dem man hinsehen durfte. Das KI-Video wärmt dieses Arrangement digital auf. Seine Rechtfertigung heißt Bildung, und es bedient dieselbe sadistische Schaulust. Freud hat Sadismus und Schaulust in „Triebe und Triebschicksale“ als parallele Triebpaare beschrieben, mit ihren passiven Gegenstücken Masochismus und Exhibitionismus. Der historische Rahmen gibt beiden eine Bühne, auf der sie als Wissbegier auftreten.

Drei Unterschiede zeigen, was das Format verändert. Die Arena war ein kollektives Ritual, in dem die Menge sich selbst zusah und ihre Ordnung bestätigte. Das Video wird allein angesehen, im Bett oder in der Bahn, und niemand sieht den Zuschauer. Die Gefolterten sind seit Jahrhunderten tot und die Bilder synthetisch, für die Szene leidet also niemand mehr. Das macht die Lust billig und beliebig wiederholbar. Schließlich kehrt das Video eine Bewegung um, die Norbert Elias als Prozess der Zivilisation beschrieben hat: Die Grausamkeit wurde über Jahrhunderte hinter die Kulissen verlegt. Elias erinnert an das Katzenverbrennen am Johannisfest im Paris des 16. Jahrhunderts. Foucault beginnt „Überwachen und Strafen“ mit der Marter des Damiens 1757 und zeigt, wie das Schauspiel der Strafe danach verschwand. Der Slop holt die Marter auf den Bildschirm zurück. Als Kulisse dient ihm die Geschichte selbst.

Hier berührt die Kritik ein Problem, das über die Frage einzelner Fehler hinausgeht. AI-Slop macht aus historischen Menschen Bildfiguren für gegenwärtige Bedürfnisse. Der grausame Herrscher bestätigt die Überzeugung, frühere Zeiten seien moralisch minderwertig gewesen. Die exotisierte Frau erlaubt einen sexualisierten Blick auf eine fremd gemachte Vergangenheit. Das barbarische Ritual macht eine Kultur zum Schauplatz von Ekel und Überlegenheit. Der Fanatiker bestätigt die Selbstbeschreibung der Gegenwart als vernünftig und aufgeklärt. Geschichte wird zum Material, an dem sich Zuschauer zugleich erregen und moralisch reinigen können.

Der Blick bei Lacan: Zeuge einer verbotenen Welt

Lacans Theorie des Blicks liefert dafür einen Gedanken. Der Blick geht bei Lacan vom Bild aus: Die Bildfläche organisiert, was der Betrachter sehen darf und wie er sich zu dem Sichtbaren verhält. Das KI-Video stellt Gewalt, Sexualität und Fremdheit so aus, dass der Zuschauer als Zeuge einer verbotenen Welt erscheinen kann. Er sieht, was er angeblich nicht sehen sollte, und er sieht es unter dem Schutz der Behauptung, er bilde sich. ein. Das Bild bindet ihn an das Sichtbare und erlaubt zugleich Abstand: Das ist lange her, das sind andere, das ist Geschichte.

Der Begriff des Blicks wäre hier nur dann sinnvoll, wenn er die konkrete Bildordnung beschreibt. Die KI-Bilder geben dem Zuschauer eine Position gegenüber der Vergangenheit. Er steht vor der Szene als jemand, der zugleich eingeweiht und moralisch überlegen ist. Er weiß jetzt, wie grausam die Menschen damals waren, wie sexuell enthemmt ein Kaiserhof gewesen sein soll oder wie verborgen die Rituale einer fremden Kultur waren. Die Vergangenheit wird zum Gegenstand einer Mischung aus Abscheu, Lust und Selbstversicherung.

„Was Historiker verschweigen“: Geheimwissen als Status

Diese Mischung erklärt auch die Macht der Formel „Was Historiker verschweigen“. Sie bietet über die Information hinaus eine Stellung innerhalb einer sozialen Hierarchie an. Der Zuschauer erhält Zugang zu Wissen, das die anderen angeblich nicht besitzen. Historiker, Schulen, Museen, Archive und Medien erscheinen als Instanzen, die etwas auslassen oder absichtlich verdecken.

Diese Geste beginnt vor dem ersten Satz des Videos. Der Titel verteilt die Rollen. Hier steht der mutige Enthüller. Dort stehen die Institutionen, die schweigen. Der Zuschauer wird als jemand angesprochen, der sich nicht länger mit der offiziellen Geschichte abspeisen lassen will. Seine Unwissenheit erhält einen Schuldigen. Was die normale Folge davon wäre, dass niemand alles wissen kann, wird zum Zeichen dafür, dass andere die Wahrheit unter Verschluss halten.

Die Forschung zu Verschwörungstheorien beschreibt Motive, die an solchen Angeboten anschließen können. Menschen suchen mitunter nach eindeutigen Erklärungen, nach einem Gefühl von Kontrolle und nach einer sozialen Position, die sie von anderen abhebt. Douglas, Sutton und Cichocka fassen diese Motive als epistemische, existenzielle und soziale Bedürfnisse zusammen. Über den einzelnen Zuschauer eines Videos über die Templer oder das alte Rom sagt diese Forschung nichts, über die Wirkung eines konkreten Titels auch nicht. Mit ihr lässt sich verstehen, weshalb die Geste des geheimen Wissens so attraktiv sein kann. Sie verspricht Übersicht, Kontrolle und einen kleinen Statusgewinn.

Wie aus einer Quellenlücke ein Komplott wird

Ein Video, das behauptet, Historiker verschwiegen etwas, verändert die Stellung der Kritik. Die Frage nach Quellen, sonst selbstverständlicher Teil historischen Arbeitens, kann dann als Abwehrhandlung derjenigen gelten, die angeblich vertuschen. Wer einschränkt, wirkt feige. Wer mehrere Deutungen nennt, wirkt unentschlossen. Wer sagt, dass die Quellenlage keine eindeutige Aussage zulässt, bestätigt in den Augen mancher Zuschauer genau den Verdacht, dass eine Wahrheit nicht ausgesprochen werden darf.

Die Lücke in der Überlieferung wird auf diese Weise leicht zum Komplott. Wo ein Dokument fehlt, kann das Video eine Szene erzeugen. Wo ein Chronist widersprüchlich berichtet, kann es die „wahre“ Erklärung liefern. Wo Historiker über unterschiedliche Ursachen streiten, kann es eine geheime Ursache ausrufen. Die Arbeit der Geschichte beginnt aber gerade dort, wo man der Versuchung widersteht, jede Lücke zu füllen.

Was historische Quellen leisten

Historische Quellen sind nicht vollständig. Gesetze sagen nicht, wie Menschen sie im Alltag befolgten. Chroniken schildern Ereignisse aus einer bestimmten Perspektive. Bilder können Herrschaft verherrlichen. Gerichtsakten sprechen unter Zwang, innerhalb bestimmter Verfahren und mit einem eigenen Interesse an Ordnung. Auch eine große Menge an Material befreit nicht von der Aufgabe, Herkunft, Zweck und Grenzen einer Quelle zu prüfen. Der Historiker, der sagt, etwas bleibe offen, benennt die Grenze dessen, was sich aus dem Material sagen lässt.

Für das Clickbait-Video ist diese Grenze unerquicklich. Es braucht einen Abschluss. Es braucht eine Ursache, die sich in einen Satz pressen lässt, ein Motiv, das eine Figur verständlich macht, eine Enthüllung, die am Ende der Erzählung steht. „Wir wissen es nicht“ ist kein Titel. „Die Quellen widersprechen einander“ erzeugt kein Thumbnail. „Die Forschung diskutiert mehrere Erklärungen“ beendet die Serie.

Die synthetische Stimme kennt keinen Zweifel

Die KI erleichtert es, die Lücke sofort zu füllen. Sie kann aus wenigen Stichwörtern eine plausible Szene erzeugen, aus einem historischen Namen eine psychologische Biografie und aus einer umstrittenen Frage eine lineare Handlung. Die technische Glätte ist dabei Teil der Überzeugungskraft. Ein Sprachmodell formuliert Übergänge, Motive und Ursachen mit derselben Ruhe, mit der es eine Einkaufsliste oder eine Zusammenfassung schreibt. Die synthetische Stimme überträgt diese Ruhe in den Ton. Sie kennt keine Suche nach Worten, keine Unterbrechung, keine sichtbare Unsicherheit. Sie klingt, als müsse die Sache so gewesen sein.

Die Fantasie eines Wissens ohne Rest ist älter als die KI. Lacan bietet dafür eine knappe Formel. Die Videos versprechen eine Vergangenheit, in der jedes Rätsel eine Lösung hat und jede Lösung bisher nur verborgen war. Man kann dieses Versprechen psychisch entlastend finden. Es befreit von Zufall, Widerspruch und Unwissen. Zugleich gewöhnt es an eine schlechte Form des Verstehens, in der jede Unklarheit eine geheime Ursache haben muss.

Warenästhetik nach Haug: Unterhaltung in der Gestalt von Bildung

Wolfgang Fritz Haug hat mit dem Begriff der Warenästhetik beschrieben, wie Waren ihren Nutzen als Erscheinung anbieten. Form, Verpackung und Werbung zeigen vor dem Kauf, was die Ware angeblich leisten wird. Sie sollen Begehren erzeugen und den Zugriff erleichtern. Beim KI-Geschichtsvideo ist die versprochene Leistung Bildung. Das Video will den Eindruck erzeugen, der Zuschauer werde nach dem Klick mehr über Rom, das Mittelalter oder eine vergangene Kultur wissen.

Die Form der Erklärung übernimmt diese Aufgabe früh. Die Stimme klingt sachlich. Die Karte ordnet den Raum. Die Jahreszahl ordnet die Zeit. Das Bild gibt dem Ereignis ein Gesicht. Das künstlich gealterte Porträt scheint die historische Figur aus der Ferne anzusehen. Eine Pergamentseite, ein Siegel oder eine Ruine stellt Nähe zum Archiv her. Der Zuschauer erhält die Zeichen der historischen Darstellung, ohne zu erfahren, wer sie hergestellt hat und worauf sie beruhen.

Haug hilft hier, den moralischen Charakter der Verpackung zu sehen. Das Video verkauft Unterhaltung in der Gestalt von Bildung, und die Ware verbindet Reiz und Selbstachtung.

Diese Verbindung macht die Videos so nützlich für eine Plattform, die Aufmerksamkeit messen und weiterleiten muss. Ein wissenschaftlicher Vortrag über römisches Familienrecht, die Unsicherheit antiker Bevölkerungszahlen oder die Probleme archäologischer Datierung lässt sich schwer in eine Abfolge von Bildern verwandeln, die alle paar Sekunden neue Erregung erzeugt. Ein Video über „die geheimen Sexpraktiken der Römer“ löst dieses Problem. Es kann historische Namen und Begriffe einstreuen, ohne auf die Spannung des Themas verzichten zu müssen. Die Geste der Bildung schützt den Reiz. Der Reiz finanziert die Geste der Bildung.

Die technische Produktion verstärkt diese Verbindung. Ein einzelner Historiker kann nicht täglich eine sorgfältig recherchierte Dokumentation veröffentlichen. Ein KI-Kanal kann täglich neue Varianten derselben Grundform herstellen. Die dramaturgische Kurve bleibt dabei gleich. Ein Geheimnis wird eingeführt, die offizielle Erklärung wird als unzureichend markiert, eine Szene liefert die emotionale Zuspitzung, am Ende steht die Enthüllung. Danach beginnt die nächste Folge mit einem neuen Namen und demselben Versprechen.

Baudrillard und die Optik der Geschichtlichkeit

Baudrillard bietet für die Bildseite dieser Produktion eine nützliche Unterscheidung. Das Video zitiert selten Quellen. Es zitiert die Bilder, an denen Zuschauer gelernt haben, Quellen zu erkennen. Ein künstlich gealtertes Gesicht erinnert an ein Porträt aus dem Archiv. Ein wachsfleckiges Pergament erinnert an ein Dokument. Eine Karte mit roten Pfeilen erinnert an historische Erklärung. Ein langsam bewegtes Bild einer generierten Stadt erinnert an eine Rekonstruktion. Die Videos reproduzieren die Optik von Geschichtlichkeit.

Die erzeugten Bilder zeigen die Vergangenheit so, wie die Gegenwart sie sich vorstellt. Das römische Bankett erinnert an eine luxuriöse Streaming-Serie oder an eine Parfumwerbung mit Säulen und Gold. Der mittelalterliche Kerker erinnert an Fantasy und Computerspiele. Der Wikinger erinnert an eine Fitnesskampagne mit Fell, Bart und Schnee. Der „Orient“ erscheint als Mischung aus Harem, Palast, Verschleierung und geheimen Gängen. Die Plattform vervielfältigt diese Stereotype in hoher Zahl.

Gerade darin liegt die Gefahr der scheinbar neutralen Illustration. Das Bild macht die Aussage sinnlich plausibel. Ein Bild eines römischen Banketts kann der Stimme eine Szene liefern, in der die behauptete sexuelle Ausschweifung schon sichtbar scheint. Ein Bild von Ketten, Fackeln und dunklen Mauern kann die Behauptung über mittelalterliche Strafen vorwegnehmen. Niemand muss ausdrücklich sagen, dass das Bild eine Quelle sei. Seine Stellung im Video genügt. Es steht dort, während die Stimme spricht, und gibt der Aussage eine sichtbare Welt.

Die Bildsprache spart dem Zuschauer die Frage, woher die Behauptung stammt. Sie gibt ihm das Gefühl, schon etwas gesehen zu haben. Die Form der Darstellung macht Quellenkritik überflüssig, weil sie den Eindruck erzeugt, die Sache sei bereits anschaulich geworden. Die KI produziert einen Eindruck von Vergangenheit, der für den nächsten Satz, den nächsten Clip und die nächste Enthüllung verwendbar ist.

Illusorische Wahrheit: Was Wiederholung bewirkt

Die Forschung zur illusorischen Wahrheit setzt noch viel früher an. Wiederholte Aussagen werden in Experimenten im Durchschnitt eher für wahr gehalten als neue. Dechêne, Stahl, Hansen und Wänke fassten 51 Studien zusammen und berichteten mittlere Effekte. Die Studien behandeln allerdings kurze Aussagen, Trivia-Sätze und Schlagzeilen. Sie zeigen nicht, dass KI-Videos kollektives Gedächtnis umschreiben, und sie zeigen nicht, dass Zuschauer jede wiederholte Behauptung übernehmen.

Die Experimente erklären aber, warum Vertrautheit Folgen hat. Wiederholung kann das Urteil verschieben, auch wenn Menschen grundsätzlich über korrektes Wissen verfügen. Fazio und Kollegen fanden, dass vorhandenes Wissen nicht zuverlässig verhindert, dass wiederholte falsche Aussagen glaubwürdiger erscheinen. Henderson, Simons und Barr zeigten, dass der Effekt ohne weitere Begegnungen abnimmt. Für die Plattform zählt deshalb der fortlaufende Nachschub.

AI-Slop wiederholt dabei vor allem dieselbe ‚Unterrichtsform‘ über Geschichte, auch wenn die Behauptungen wechseln. Eine Folge erklärt, dass Rom sexuell enthemmt gewesen sei. Die nächste erklärt, das Mittelalter habe besonders grausame Strafen gekannt. Die nächste behauptet, eine Elite habe Wissen über die Templer verborgen. Die Gegenstände wechseln, die Struktur bleibt gleich. Die Vergangenheit erscheint als Material, das institutionell gereinigt, moralisch zensiert oder absichtlich verschwiegen worden sei. Der Kanal erscheint als Ort, an dem diese Reinigung rückgängig gemacht wird.

Ob eine solche Wiederholung falsche Erinnerungen oder dauerhafte Überzeugungen erzeugt, ist nicht untersucht. Die Frage, welche Haltung gegenüber Geschichte solche Videos einüben, bleibt trotzdem. Sie üben Verdacht ein. Sie üben den Blick auf Gewalt und Sexualität als Erkenntnisquelle ein. Sie üben die Erwartung ein, dass jede Lücke eine Vertuschung, jede Differenzierung eine Ausflucht und jede historische Erklärung eine schwächere Version der großen Enthüllung sei.

Was AI-Slop verkauft

Die eigentliche Flut besteht daher aus einer fortgesetzten Ordnung der Aufmerksamkeit. Ein Titel verspricht geheimes Wissen. Ein Bild liefert die Atmosphäre der Wahrheit. Eine Stimme gibt dem Ganzen den Ton der Erklärung. Ein Skandal hält die Szene in Bewegung. Die nächste Folge wiederholt die Formel mit anderen Namen. Die KI macht diese Serie billig. YouTube macht sie sichtbar. Geschichte liefert die Bilder und Figuren, die sich in den Kreislauf einfügen lassen.

Wer diese Videos kritisiert, muss deshalb genauer sein als die Videos selbst. Nicht jede KI-Illustration ist Pseudogeschichte. Nicht jeder populäre Geschichtsbeitrag ist Clickbait. Nicht jedes Interesse an Gewalt, Sexualität oder Geheimnissen ist moralisch verdächtig. Die Frage betrifft eine konkrete Produktionsweise. Sie macht die Vergangenheit zur Kulisse für Reize, die sich als Bildung ausgeben. Sie verleiht der Neugier auf das Verbotene die Würde des Wissens. Sie verwandelt historische Unsicherheit in die Behauptung einer unterdrückten Wahrheit.

Der Schaden liegt in einer Form des Sehens und Hörens. Die Vergangenheit erscheint dort als etwas, das sich nur dann lohnt, wenn es schockiert, empört oder einweiht. Sie erscheint als Welt, in der Historiker zu wenig sagen, Quellen zu wenig zeigen und eine synthetische Stimme endlich ausspricht, was niemand aussprechen wollte. Der Zuschauer wird daran gewöhnt, dass Geschichte sich dann gut anfühlt, wenn sie ihm eine geheime Szene öffnet und ihm zugleich versichert, er sei klüger als die anderen.

Das ist die Ware, die AI-Slop verkauft. Sie besteht aus Bildern von Gewalt, Sex und Fremdheit, aus der Geste des Geheimwissens und aus der beruhigenden Stimme, die alle Lücken füllt. Die historische Behauptung liefert dabei nur den Anlass.

Das Wichtigste in Kürze

•            KI-Geschichtsvideos auf YouTube folgen einem festen Verfahren: reale Namen und Daten, ein Skript aus dem Sprachmodell, eine synthetische Stimme, generierte Bilder.

•            Neu sind die Menge und die Bilder: KI macht aus Geschichte Geschichtspornografie, ergänzt um Verschwörungsgeschichten. YouTubes Regel gegen „inauthentic content“ greift hier nicht, weil sich die Themen ändern und nur das Verfahren gleich bleibt.

•            Die Vergangenheit wird nach Reizwert sortiert. Der historische Rahmen lässt den Konsum von Sex, Gewalt und Dekadenz als Bildung erscheinen. Arena und Richtplatz rechtfertigten dieselbe sadistische Schaulust mit Ordnung und Gerechtigkeit.

•            Die Formel „Was Historiker verschweigen“ verspricht Geheimwissen und einen kleinen Statusgewinn. Jede Lücke der Überlieferung wird zum Komplott.

•            Die generierten Bilder zitieren die Optik von Archiv, Pergament und Karte und machen Behauptungen sinnlich plausibel, ohne sie zu belegen.

•            Wiederholung macht Aussagen im Experiment glaubwürdiger. Ob AI-Slop dauerhafte Überzeugungen erzeugt, ist nicht untersucht.

•            Die Videos üben eine Haltung ein: Verdacht gegen Quellen und Historiker, Gewalt und Sexualität als Erkenntnisquelle.

Quellen

·        YouTube-Hilfe: YouTube channel monetization policies, Abschnitt „Inauthentic content“. https://support.google.com/youtube/answer/1311392

·        Social Media Today (2025): YouTube Clarifies Monetization Update Around Inauthentic and Repeated Content. https://www.socialmediatoday.com/news/youtube-clarifies-monetization-update-inauthentic-repeated-content/752892/

·        Lacan, J. (1973): Le Séminaire, livre XI. Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse. Paris: Seuil. Deutsch: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Olten 1978.

·        Douglas, K. M., Sutton, R. M., Cichocka, A. (2017): The psychology of conspiracy theories. Current Directions in Psychological Science 26 (6), 538–542. https://doi.org/10.1177/0963721417718261

·        Haug, W. F. (1971): Kritik der Warenästhetik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

·        Baudrillard, J. (1981): Simulacres et simulation. Paris: Galilée.

·        Dechêne, A., Stahl, C., Hansen, J., Wänke, M. (2010): The truth about the truth: A meta-analytic review of the truth effect. Personality and Social Psychology Review 14 (2), 238–257. https://doi.org/10.1177/1088868309352251

·        Fazio, L. K., Brashier, N. M., Payne, B. K., Marsh, E. J. (2015): Knowledge does not protect against illusory truth. Journal of Experimental Psychology: General 144 (5), 993–1002. https://doi.org/10.1037/xge0000098

·        Henderson, E. L., Simons, D. J., Barr, D. J. (2021): The trajectory of truth: A longitudinal study of the illusory truth effect. Journal of Cognition 4 (1), 29. https://doi.org/10.5334/joc.161

·        Freud, S. (1915): Triebe und Triebschicksale. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 3, 84–100. Gesammelte Werke Bd. X.

·        Elias, N. (1939): Über den Prozess der Zivilisation. Basel: Haus zum Falken.

·        Foucault, M. (1975): Surveiller et punir. Naissance de la prison. Paris: Gallimard. Deutsch: Überwachen und Strafen. Frankfurt am Main 1976.


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„Die geheimen Sexpraktiken der Römer“. „Was Historiker über die Wikinger verschweigen“. „Die grausamsten Strafen des Mittelalters“. „Die Wahrheit über die Templer“. Wer solche Titel anklickt, weiß zunächst nicht, von wem sie stammen, worauf sich das Gesagte stützt, oder ob es überhaupt eine überprüfbare Behauptung enthält. Das Thumbnail zeigt vielleicht eine Frau in einer künstlich antiken Kulisse, einen barbarisch aussehenden Krieger, einen blutverschmierten Kerker oder eine Pergamentseite mit Siegel. Unter dem Bild steht ein Titel, der Wissen und Verbot bündelt. Das Video verspricht Aufklärung und Reiz zugleich.

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Neu sind jetzt lediglich die Menge und die Bilder. Sexuelle Aufladung kannte schon Sueton, der über Tiberius auf Capri berichtet, und Prokop, der in seiner Geheimgeschichte die Kaiserin Theodora verleumdet. KI macht daraus Geschichtspornografie. Das Wort lehnt sich an das englische „disaster porn“ und „trauma porn“ an, die das schaulustige Vorführen von Leid bezeichnen, und meint hier auch die wörtliche, sexuelle Bedeutung. Zu jedem Satz über römische Sexualität liefert die KI den passenden Körper, zu jeder Folterkammer das Opfer, und die Vorschaubilder der Kanäle sind auf genau diese Bilder ausgelegt. Was die Bilder nicht leisten, leistet die Verschwörungsgeschichte. Generative KI erlaubt es außerdem, Skripte, Stimmen und Bilder in Serienproduktion herzustellen. Ein Kanal kann ohne langwieriges Studium einer Epoche dieselbe Vorlage über Rom, Ägypten, die Wikingerzeit, mittelalterliche Höfe, den Zweiten Weltkrieg oder „verlorene Zivilisationen“ legen. Die Erzählung braucht nur ein Thema, das genug bekannte Namen und genug Platz für Geheimnisse bietet.

YouTube hat seine Regel gegen „repetitious content“ im Juli 2025 in „inauthentic content“ umbenannt. Sie trifft massenproduzierte Videos, die für Aufrufe hergestellt werden. Die Geschichtskanäle bleiben davon unberührt. Jedes Video hat ein neues Thema, einen neuen Namen, ein neues Jahrhundert. Wiederholt wird nur das Verfahren, und das erfasst die Regel nicht.

Die Vergangenheit, nach Reizwert sortiert

Die historische Besonderheit eines Themas zählt in diesem Verfahren wenig. Entscheidend ist, ob sich daraus ein Titel herstellen lässt, der Neugier, Ekel, Empörung, Furcht oder den Wunsch nach exklusivem Wissen auslöst. Die Vergangenheit wird nach ihrem Reizwert sortiert. Sie erscheint als Lagerhaus von Skandalen, Geheimnissen, Gewalt und Sexualität. Aus einer Epoche wird ein „dunkles“ Jahrhundert, aus einer Dynastie ein Inzestdrama, aus einer Religion ein Geheimkult, aus einer Verwaltungsfrage eine Verschwörung, aus einer Quellenlücke ein unterdrücktes Wissen.

Diese Auswahl hat Folgen. Wer Geschichte fortlaufend in dieser Form konsumiert, begegnet einer Vergangenheit, in der sich alles um Verbrechen, Dekadenz, verborgene Praktiken und geheime Mächte dreht. Historische Gesellschaften erscheinen als Tummelplatz extremer Szenen. Die soziale Ordnung, die rechtlichen Unterschiede, die ökonomischen Abhängigkeiten, die Begriffe und die Selbstdeutungen der Zeit verschwinden hinter dem Spektakel. Übrig bleiben der grausame Kaiser, die erotische Sklavin, der fanatische Priester, der barbarische Krieger, der korrupte Hof und das Opfer im Kerker.

Solche Bilder ordnen die Vergangenheit nach den Erwartungen des gegenwärtigen Blicks. Die Antike soll luxuriös, sexuell und grausam sein. Das Mittelalter soll schmutzig, abergläubisch und gewalttätig sein. Der „Orient“ soll geheimnisvoll, erotisch und despotisch sein. Die Wikingerzeit soll Männlichkeit, Schnee, Blut und rohe Freiheit liefern. Diese Bildmuster stammen aus einer langen Geschichte von Romanen, Gemälden, Abenteuerfilmen, Kolonialphantasien, Historienserien, Computerspielen und Werbung. Die KI erzeugt daraus neue Varianten einer bereits medial vorgeformten Vergangenheit.

Die Clips und Videos sehen deshalb oft aus wie kurze Trailer für eine Serie, die es nie gegeben hat. Jeder Bildwechsel bietet ein neues Versprechen: Hier wird gleich etwas Gewaltiges, Verbotenes oder Aufschlussreiches sichtbar werden. Der historische Gegenstand fungiert dabei als Marke und braucht keine Genauigkeit. „Templer“ stehen für Geheimnisse, Verschwörung und verborgene Schätze. Das Video kann sich auf diese kulturellen Abkürzungen verlassen, weil sie beim Publikum bereits vorhanden sind.

Bildung als Erlaubnis für Sex und Gewalt

Der Klick auf „Die geheimen Sexpraktiken der Römer“ gilt dabei als Bildung. Das ist ein entscheidender Teil der Form. Der Titel verkauft eine sexualisierte Szene, aber das Wort „Geschichte“ reinigt den Konsum. Wer erotische Bilder ansieht, informiert sich über die Antike. Wer die Folter anklickt, lernt etwas über mittelalterliche Rechtspraxis. Der historische Rahmen verleiht dem Reiz eine kulturell akzeptierte Form.

Menschen öffnen solche Videos aus Neugier, wegen eines einzelnen historischen Interesses, aus Langeweile oder weil die Plattform sie ihnen vorsetzt. Der Punkt betrifft die Logik des Formats. Es wählt seine Themen so, dass Bildung und Reiz sich gegenseitig decken. Der Zuschauer kann sich erschüttern, empören oder faszinieren lassen und sich zugleich sagen, er habe etwas gelernt.

Die historische Distanz verstärkt diese Lizenz. Vergangene Gewalt kann man ansehen, ohne einer gegenwärtigen Gewaltgeschichte zu begegnen. Die sexuelle Ausbeutung versklavter Frauen kann zum Bildmotiv werden, weil die dargestellte Frau als Bestandteil einer Kulisse namens Rom erscheint. Die Folter eines Gefangenen im Mittelalter wird zum Detail einer düsteren Welt, die sich konsumieren lässt. Das Leid bleibt real. Die Distanz der Jahrhunderte erleichtert es, das Leid in Bildmaterial zu verwandeln.

Das Muster ist alt. Die römische Arena feierte die Großzügigkeit des Kaisers und die Ordnung des Reiches, der Richtplatz der frühen Neuzeit Gerechtigkeit und Abschreckung. Beide boten Leiden als Schauspiel und lieferten den Grund gleich mit, aus dem man hinsehen durfte. Das KI-Video wärmt dieses Arrangement digital auf. Seine Rechtfertigung heißt Bildung, und es bedient dieselbe sadistische Schaulust. Freud hat Sadismus und Schaulust in „Triebe und Triebschicksale“ als parallele Triebpaare beschrieben, mit ihren passiven Gegenstücken Masochismus und Exhibitionismus. Der historische Rahmen gibt beiden eine Bühne, auf der sie als Wissbegier auftreten.

Drei Unterschiede zeigen, was das Format verändert. Die Arena war ein kollektives Ritual, in dem die Menge sich selbst zusah und ihre Ordnung bestätigte. Das Video wird allein angesehen, im Bett oder in der Bahn, und niemand sieht den Zuschauer. Die Gefolterten sind seit Jahrhunderten tot und die Bilder synthetisch, für die Szene leidet also niemand mehr. Das macht die Lust billig und beliebig wiederholbar. Schließlich kehrt das Video eine Bewegung um, die Norbert Elias als Prozess der Zivilisation beschrieben hat: Die Grausamkeit wurde über Jahrhunderte hinter die Kulissen verlegt. Elias erinnert an das Katzenverbrennen am Johannisfest im Paris des 16. Jahrhunderts. Foucault beginnt „Überwachen und Strafen“ mit der Marter des Damiens 1757 und zeigt, wie das Schauspiel der Strafe danach verschwand. Der Slop holt die Marter auf den Bildschirm zurück. Als Kulisse dient ihm die Geschichte selbst.

Hier berührt die Kritik ein Problem, das über die Frage einzelner Fehler hinausgeht. AI-Slop macht aus historischen Menschen Bildfiguren für gegenwärtige Bedürfnisse. Der grausame Herrscher bestätigt die Überzeugung, frühere Zeiten seien moralisch minderwertig gewesen. Die exotisierte Frau erlaubt einen sexualisierten Blick auf eine fremd gemachte Vergangenheit. Das barbarische Ritual macht eine Kultur zum Schauplatz von Ekel und Überlegenheit. Der Fanatiker bestätigt die Selbstbeschreibung der Gegenwart als vernünftig und aufgeklärt. Geschichte wird zum Material, an dem sich Zuschauer zugleich erregen und moralisch reinigen können.

Der Blick bei Lacan: Zeuge einer verbotenen Welt

Lacans Theorie des Blicks liefert dafür einen Gedanken. Der Blick geht bei Lacan vom Bild aus: Die Bildfläche organisiert, was der Betrachter sehen darf und wie er sich zu dem Sichtbaren verhält. Das KI-Video stellt Gewalt, Sexualität und Fremdheit so aus, dass der Zuschauer als Zeuge einer verbotenen Welt erscheinen kann. Er sieht, was er angeblich nicht sehen sollte, und er sieht es unter dem Schutz der Behauptung, er bilde sich. ein. Das Bild bindet ihn an das Sichtbare und erlaubt zugleich Abstand: Das ist lange her, das sind andere, das ist Geschichte.

Der Begriff des Blicks wäre hier nur dann sinnvoll, wenn er die konkrete Bildordnung beschreibt. Die KI-Bilder geben dem Zuschauer eine Position gegenüber der Vergangenheit. Er steht vor der Szene als jemand, der zugleich eingeweiht und moralisch überlegen ist. Er weiß jetzt, wie grausam die Menschen damals waren, wie sexuell enthemmt ein Kaiserhof gewesen sein soll oder wie verborgen die Rituale einer fremden Kultur waren. Die Vergangenheit wird zum Gegenstand einer Mischung aus Abscheu, Lust und Selbstversicherung.

„Was Historiker verschweigen“: Geheimwissen als Status

Diese Mischung erklärt auch die Macht der Formel „Was Historiker verschweigen“. Sie bietet über die Information hinaus eine Stellung innerhalb einer sozialen Hierarchie an. Der Zuschauer erhält Zugang zu Wissen, das die anderen angeblich nicht besitzen. Historiker, Schulen, Museen, Archive und Medien erscheinen als Instanzen, die etwas auslassen oder absichtlich verdecken.

Diese Geste beginnt vor dem ersten Satz des Videos. Der Titel verteilt die Rollen. Hier steht der mutige Enthüller. Dort stehen die Institutionen, die schweigen. Der Zuschauer wird als jemand angesprochen, der sich nicht länger mit der offiziellen Geschichte abspeisen lassen will. Seine Unwissenheit erhält einen Schuldigen. Was die normale Folge davon wäre, dass niemand alles wissen kann, wird zum Zeichen dafür, dass andere die Wahrheit unter Verschluss halten.

Die Forschung zu Verschwörungstheorien beschreibt Motive, die an solchen Angeboten anschließen können. Menschen suchen mitunter nach eindeutigen Erklärungen, nach einem Gefühl von Kontrolle und nach einer sozialen Position, die sie von anderen abhebt. Douglas, Sutton und Cichocka fassen diese Motive als epistemische, existenzielle und soziale Bedürfnisse zusammen. Über den einzelnen Zuschauer eines Videos über die Templer oder das alte Rom sagt diese Forschung nichts, über die Wirkung eines konkreten Titels auch nicht. Mit ihr lässt sich verstehen, weshalb die Geste des geheimen Wissens so attraktiv sein kann. Sie verspricht Übersicht, Kontrolle und einen kleinen Statusgewinn.

Wie aus einer Quellenlücke ein Komplott wird

Ein Video, das behauptet, Historiker verschwiegen etwas, verändert die Stellung der Kritik. Die Frage nach Quellen, sonst selbstverständlicher Teil historischen Arbeitens, kann dann als Abwehrhandlung derjenigen gelten, die angeblich vertuschen. Wer einschränkt, wirkt feige. Wer mehrere Deutungen nennt, wirkt unentschlossen. Wer sagt, dass die Quellenlage keine eindeutige Aussage zulässt, bestätigt in den Augen mancher Zuschauer genau den Verdacht, dass eine Wahrheit nicht ausgesprochen werden darf.

Die Lücke in der Überlieferung wird auf diese Weise leicht zum Komplott. Wo ein Dokument fehlt, kann das Video eine Szene erzeugen. Wo ein Chronist widersprüchlich berichtet, kann es die „wahre“ Erklärung liefern. Wo Historiker über unterschiedliche Ursachen streiten, kann es eine geheime Ursache ausrufen. Die Arbeit der Geschichte beginnt aber gerade dort, wo man der Versuchung widersteht, jede Lücke zu füllen.

Was historische Quellen leisten

Historische Quellen sind nicht vollständig. Gesetze sagen nicht, wie Menschen sie im Alltag befolgten. Chroniken schildern Ereignisse aus einer bestimmten Perspektive. Bilder können Herrschaft verherrlichen. Gerichtsakten sprechen unter Zwang, innerhalb bestimmter Verfahren und mit einem eigenen Interesse an Ordnung. Auch eine große Menge an Material befreit nicht von der Aufgabe, Herkunft, Zweck und Grenzen einer Quelle zu prüfen. Der Historiker, der sagt, etwas bleibe offen, benennt die Grenze dessen, was sich aus dem Material sagen lässt.

Für das Clickbait-Video ist diese Grenze unerquicklich. Es braucht einen Abschluss. Es braucht eine Ursache, die sich in einen Satz pressen lässt, ein Motiv, das eine Figur verständlich macht, eine Enthüllung, die am Ende der Erzählung steht. „Wir wissen es nicht“ ist kein Titel. „Die Quellen widersprechen einander“ erzeugt kein Thumbnail. „Die Forschung diskutiert mehrere Erklärungen“ beendet die Serie.

Die synthetische Stimme kennt keinen Zweifel

Die KI erleichtert es, die Lücke sofort zu füllen. Sie kann aus wenigen Stichwörtern eine plausible Szene erzeugen, aus einem historischen Namen eine psychologische Biografie und aus einer umstrittenen Frage eine lineare Handlung. Die technische Glätte ist dabei Teil der Überzeugungskraft. Ein Sprachmodell formuliert Übergänge, Motive und Ursachen mit derselben Ruhe, mit der es eine Einkaufsliste oder eine Zusammenfassung schreibt. Die synthetische Stimme überträgt diese Ruhe in den Ton. Sie kennt keine Suche nach Worten, keine Unterbrechung, keine sichtbare Unsicherheit. Sie klingt, als müsse die Sache so gewesen sein.

Die Fantasie eines Wissens ohne Rest ist älter als die KI. Lacan bietet dafür eine knappe Formel. Die Videos versprechen eine Vergangenheit, in der jedes Rätsel eine Lösung hat und jede Lösung bisher nur verborgen war. Man kann dieses Versprechen psychisch entlastend finden. Es befreit von Zufall, Widerspruch und Unwissen. Zugleich gewöhnt es an eine schlechte Form des Verstehens, in der jede Unklarheit eine geheime Ursache haben muss.

Warenästhetik nach Haug: Unterhaltung in der Gestalt von Bildung

Wolfgang Fritz Haug hat mit dem Begriff der Warenästhetik beschrieben, wie Waren ihren Nutzen als Erscheinung anbieten. Form, Verpackung und Werbung zeigen vor dem Kauf, was die Ware angeblich leisten wird. Sie sollen Begehren erzeugen und den Zugriff erleichtern. Beim KI-Geschichtsvideo ist die versprochene Leistung Bildung. Das Video will den Eindruck erzeugen, der Zuschauer werde nach dem Klick mehr über Rom, das Mittelalter oder eine vergangene Kultur wissen.

Die Form der Erklärung übernimmt diese Aufgabe früh. Die Stimme klingt sachlich. Die Karte ordnet den Raum. Die Jahreszahl ordnet die Zeit. Das Bild gibt dem Ereignis ein Gesicht. Das künstlich gealterte Porträt scheint die historische Figur aus der Ferne anzusehen. Eine Pergamentseite, ein Siegel oder eine Ruine stellt Nähe zum Archiv her. Der Zuschauer erhält die Zeichen der historischen Darstellung, ohne zu erfahren, wer sie hergestellt hat und worauf sie beruhen.

Haug hilft hier, den moralischen Charakter der Verpackung zu sehen. Das Video verkauft Unterhaltung in der Gestalt von Bildung, und die Ware verbindet Reiz und Selbstachtung.

Diese Verbindung macht die Videos so nützlich für eine Plattform, die Aufmerksamkeit messen und weiterleiten muss. Ein wissenschaftlicher Vortrag über römisches Familienrecht, die Unsicherheit antiker Bevölkerungszahlen oder die Probleme archäologischer Datierung lässt sich schwer in eine Abfolge von Bildern verwandeln, die alle paar Sekunden neue Erregung erzeugt. Ein Video über „die geheimen Sexpraktiken der Römer“ löst dieses Problem. Es kann historische Namen und Begriffe einstreuen, ohne auf die Spannung des Themas verzichten zu müssen. Die Geste der Bildung schützt den Reiz. Der Reiz finanziert die Geste der Bildung.

Die technische Produktion verstärkt diese Verbindung. Ein einzelner Historiker kann nicht täglich eine sorgfältig recherchierte Dokumentation veröffentlichen. Ein KI-Kanal kann täglich neue Varianten derselben Grundform herstellen. Die dramaturgische Kurve bleibt dabei gleich. Ein Geheimnis wird eingeführt, die offizielle Erklärung wird als unzureichend markiert, eine Szene liefert die emotionale Zuspitzung, am Ende steht die Enthüllung. Danach beginnt die nächste Folge mit einem neuen Namen und demselben Versprechen.

Baudrillard und die Optik der Geschichtlichkeit

Baudrillard bietet für die Bildseite dieser Produktion eine nützliche Unterscheidung. Das Video zitiert selten Quellen. Es zitiert die Bilder, an denen Zuschauer gelernt haben, Quellen zu erkennen. Ein künstlich gealtertes Gesicht erinnert an ein Porträt aus dem Archiv. Ein wachsfleckiges Pergament erinnert an ein Dokument. Eine Karte mit roten Pfeilen erinnert an historische Erklärung. Ein langsam bewegtes Bild einer generierten Stadt erinnert an eine Rekonstruktion. Die Videos reproduzieren die Optik von Geschichtlichkeit.

Die erzeugten Bilder zeigen die Vergangenheit so, wie die Gegenwart sie sich vorstellt. Das römische Bankett erinnert an eine luxuriöse Streaming-Serie oder an eine Parfumwerbung mit Säulen und Gold. Der mittelalterliche Kerker erinnert an Fantasy und Computerspiele. Der Wikinger erinnert an eine Fitnesskampagne mit Fell, Bart und Schnee. Der „Orient“ erscheint als Mischung aus Harem, Palast, Verschleierung und geheimen Gängen. Die Plattform vervielfältigt diese Stereotype in hoher Zahl.

Gerade darin liegt die Gefahr der scheinbar neutralen Illustration. Das Bild macht die Aussage sinnlich plausibel. Ein Bild eines römischen Banketts kann der Stimme eine Szene liefern, in der die behauptete sexuelle Ausschweifung schon sichtbar scheint. Ein Bild von Ketten, Fackeln und dunklen Mauern kann die Behauptung über mittelalterliche Strafen vorwegnehmen. Niemand muss ausdrücklich sagen, dass das Bild eine Quelle sei. Seine Stellung im Video genügt. Es steht dort, während die Stimme spricht, und gibt der Aussage eine sichtbare Welt.

Die Bildsprache spart dem Zuschauer die Frage, woher die Behauptung stammt. Sie gibt ihm das Gefühl, schon etwas gesehen zu haben. Die Form der Darstellung macht Quellenkritik überflüssig, weil sie den Eindruck erzeugt, die Sache sei bereits anschaulich geworden. Die KI produziert einen Eindruck von Vergangenheit, der für den nächsten Satz, den nächsten Clip und die nächste Enthüllung verwendbar ist.

Illusorische Wahrheit: Was Wiederholung bewirkt

Die Forschung zur illusorischen Wahrheit setzt noch viel früher an. Wiederholte Aussagen werden in Experimenten im Durchschnitt eher für wahr gehalten als neue. Dechêne, Stahl, Hansen und Wänke fassten 51 Studien zusammen und berichteten mittlere Effekte. Die Studien behandeln allerdings kurze Aussagen, Trivia-Sätze und Schlagzeilen. Sie zeigen nicht, dass KI-Videos kollektives Gedächtnis umschreiben, und sie zeigen nicht, dass Zuschauer jede wiederholte Behauptung übernehmen.

Die Experimente erklären aber, warum Vertrautheit Folgen hat. Wiederholung kann das Urteil verschieben, auch wenn Menschen grundsätzlich über korrektes Wissen verfügen. Fazio und Kollegen fanden, dass vorhandenes Wissen nicht zuverlässig verhindert, dass wiederholte falsche Aussagen glaubwürdiger erscheinen. Henderson, Simons und Barr zeigten, dass der Effekt ohne weitere Begegnungen abnimmt. Für die Plattform zählt deshalb der fortlaufende Nachschub.

AI-Slop wiederholt dabei vor allem dieselbe ‚Unterrichtsform‘ über Geschichte, auch wenn die Behauptungen wechseln. Eine Folge erklärt, dass Rom sexuell enthemmt gewesen sei. Die nächste erklärt, das Mittelalter habe besonders grausame Strafen gekannt. Die nächste behauptet, eine Elite habe Wissen über die Templer verborgen. Die Gegenstände wechseln, die Struktur bleibt gleich. Die Vergangenheit erscheint als Material, das institutionell gereinigt, moralisch zensiert oder absichtlich verschwiegen worden sei. Der Kanal erscheint als Ort, an dem diese Reinigung rückgängig gemacht wird.

Ob eine solche Wiederholung falsche Erinnerungen oder dauerhafte Überzeugungen erzeugt, ist nicht untersucht. Die Frage, welche Haltung gegenüber Geschichte solche Videos einüben, bleibt trotzdem. Sie üben Verdacht ein. Sie üben den Blick auf Gewalt und Sexualität als Erkenntnisquelle ein. Sie üben die Erwartung ein, dass jede Lücke eine Vertuschung, jede Differenzierung eine Ausflucht und jede historische Erklärung eine schwächere Version der großen Enthüllung sei.

Was AI-Slop verkauft

Die eigentliche Flut besteht daher aus einer fortgesetzten Ordnung der Aufmerksamkeit. Ein Titel verspricht geheimes Wissen. Ein Bild liefert die Atmosphäre der Wahrheit. Eine Stimme gibt dem Ganzen den Ton der Erklärung. Ein Skandal hält die Szene in Bewegung. Die nächste Folge wiederholt die Formel mit anderen Namen. Die KI macht diese Serie billig. YouTube macht sie sichtbar. Geschichte liefert die Bilder und Figuren, die sich in den Kreislauf einfügen lassen.

Wer diese Videos kritisiert, muss deshalb genauer sein als die Videos selbst. Nicht jede KI-Illustration ist Pseudogeschichte. Nicht jeder populäre Geschichtsbeitrag ist Clickbait. Nicht jedes Interesse an Gewalt, Sexualität oder Geheimnissen ist moralisch verdächtig. Die Frage betrifft eine konkrete Produktionsweise. Sie macht die Vergangenheit zur Kulisse für Reize, die sich als Bildung ausgeben. Sie verleiht der Neugier auf das Verbotene die Würde des Wissens. Sie verwandelt historische Unsicherheit in die Behauptung einer unterdrückten Wahrheit.

Der Schaden liegt in einer Form des Sehens und Hörens. Die Vergangenheit erscheint dort als etwas, das sich nur dann lohnt, wenn es schockiert, empört oder einweiht. Sie erscheint als Welt, in der Historiker zu wenig sagen, Quellen zu wenig zeigen und eine synthetische Stimme endlich ausspricht, was niemand aussprechen wollte. Der Zuschauer wird daran gewöhnt, dass Geschichte sich dann gut anfühlt, wenn sie ihm eine geheime Szene öffnet und ihm zugleich versichert, er sei klüger als die anderen.

Das ist die Ware, die AI-Slop verkauft. Sie besteht aus Bildern von Gewalt, Sex und Fremdheit, aus der Geste des Geheimwissens und aus der beruhigenden Stimme, die alle Lücken füllt. Die historische Behauptung liefert dabei nur den Anlass.

Das Wichtigste in Kürze

•            KI-Geschichtsvideos auf YouTube folgen einem festen Verfahren: reale Namen und Daten, ein Skript aus dem Sprachmodell, eine synthetische Stimme, generierte Bilder.

•            Neu sind die Menge und die Bilder: KI macht aus Geschichte Geschichtspornografie, ergänzt um Verschwörungsgeschichten. YouTubes Regel gegen „inauthentic content“ greift hier nicht, weil sich die Themen ändern und nur das Verfahren gleich bleibt.

•            Die Vergangenheit wird nach Reizwert sortiert. Der historische Rahmen lässt den Konsum von Sex, Gewalt und Dekadenz als Bildung erscheinen. Arena und Richtplatz rechtfertigten dieselbe sadistische Schaulust mit Ordnung und Gerechtigkeit.

•            Die Formel „Was Historiker verschweigen“ verspricht Geheimwissen und einen kleinen Statusgewinn. Jede Lücke der Überlieferung wird zum Komplott.

•            Die generierten Bilder zitieren die Optik von Archiv, Pergament und Karte und machen Behauptungen sinnlich plausibel, ohne sie zu belegen.

•            Wiederholung macht Aussagen im Experiment glaubwürdiger. Ob AI-Slop dauerhafte Überzeugungen erzeugt, ist nicht untersucht.

•            Die Videos üben eine Haltung ein: Verdacht gegen Quellen und Historiker, Gewalt und Sexualität als Erkenntnisquelle.

Quellen

·        YouTube-Hilfe: YouTube channel monetization policies, Abschnitt „Inauthentic content“. https://support.google.com/youtube/answer/1311392

·        Social Media Today (2025): YouTube Clarifies Monetization Update Around Inauthentic and Repeated Content. https://www.socialmediatoday.com/news/youtube-clarifies-monetization-update-inauthentic-repeated-content/752892/

·        Lacan, J. (1973): Le Séminaire, livre XI. Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse. Paris: Seuil. Deutsch: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Olten 1978.

·        Douglas, K. M., Sutton, R. M., Cichocka, A. (2017): The psychology of conspiracy theories. Current Directions in Psychological Science 26 (6), 538–542. https://doi.org/10.1177/0963721417718261

·        Haug, W. F. (1971): Kritik der Warenästhetik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

·        Baudrillard, J. (1981): Simulacres et simulation. Paris: Galilée.

·        Dechêne, A., Stahl, C., Hansen, J., Wänke, M. (2010): The truth about the truth: A meta-analytic review of the truth effect. Personality and Social Psychology Review 14 (2), 238–257. https://doi.org/10.1177/1088868309352251

·        Fazio, L. K., Brashier, N. M., Payne, B. K., Marsh, E. J. (2015): Knowledge does not protect against illusory truth. Journal of Experimental Psychology: General 144 (5), 993–1002. https://doi.org/10.1037/xge0000098

·        Henderson, E. L., Simons, D. J., Barr, D. J. (2021): The trajectory of truth: A longitudinal study of the illusory truth effect. Journal of Cognition 4 (1), 29. https://doi.org/10.5334/joc.161

·        Freud, S. (1915): Triebe und Triebschicksale. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 3, 84–100. Gesammelte Werke Bd. X.

·        Elias, N. (1939): Über den Prozess der Zivilisation. Basel: Haus zum Falken.

·        Foucault, M. (1975): Surveiller et punir. Naissance de la prison. Paris: Gallimard. Deutsch: Überwachen und Strafen. Frankfurt am Main 1976.


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