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Schnelles Denken? Langsames Denken? Klares Denken!

Klares Denken ist eine große Herausforderung. Der einfachste Prüfstein für die Klarheit unseres Denkens ist, ob es uns gelingt, komplexe Ideen so einfach wie möglich zu erklären. Bei dem Versuch fällt sofort auf, wo unsere Gedanken unklar sind, und welche Elemente überdacht oder auf sicherere Grundlagen gestellt werden müssen. Es ist, als würden wir unsere Gedanken unter Schichten von Vorurteilen, Missverständnissen und falschem Bewusstsein freilegen. Das Ziel beim klaren Denken ist aber nicht Recht zu haben, so erfreulich das auch sein mag. Es geht um Verständigung.

Das Streben nach Klarheit erreicht deshalb auch keinen Endpunkt. Wann immer wir uns auf den Weg machen, unser Denken zu klären, zielen wir nicht auf eine ultimative Wahrheit. Vielmehr setzen wir einen Prozess in Gang, an dessen Ende gewöhnlich ein Akt der Kommunikation steht, die wiederum nie vollständig frei von Unvollkommenheiten und Eventualitäten sein wird.

Im Wesentlichen braucht es für klares Denken drei Schritte:

  1.  Wir müssen darüber nachdenken, was wir behaupten und warum wir es für wahr oder wichtig halten.
  2. Der zweite besteht darin, die Annahmen herauszufinden, auf denen unsere Argumentation beruht. 
  3. Der dritte besteht darin, zu erkennen, was unsicher sind – und die Beseitigung dieser Unklarheiten zur Folge haben würde.

Klares Denken: bevor Sie loslegen …

Besinnen wir uns einen Augenblick. Atmen wir tief und machen uns bewusst, was in uns vorgeht. Was ist los? Was denken und fühlen wir? Was verlangt unsere Aufmerksamkeit? In so einer Bestandsaufnahme können wir Handlungsmuster hinterfragen, neue Ideen entwickeln oder einfach einen Augenblick unser Leben genießen. Wie können wir herausfinden, was wir sonst noch tun könnten oder was für ein Mensch wir noch werden könnten?

Menschen zum Innehalten einzuladen, gehört zu den einfachsten Ratschlägen der Welt und zu den am schwersten zu befolgenden. Es ist jedoch grundlegend für die klares Denken. Klares Denken beginnt mit einem Moment der Selbstreflexion. Es gibt kein klares Denken, bis wir uns die Zeit dafür nehmen.

Vielleicht finden Sie diese Selbstbesinnung banal. Aber wir alle tragen unzählige unklare, verwirrte, widersprüchliche Gedanken und Gefühle mit uns herum, weil wir uns weder Zeit nehmen, noch Mittel haben, sie zu ordnen. Deswegen bleiben die meisten unserer Gedanken verworren und unklar.

Klares Denken: machen Sie es sich bequem

Wenn wir eine Pause eingelegt haben, kann uns eine einfache Übung helfen, einen ersten Schritt zu klarerem Denken zu machen. Es geht darum, sich selbst so neutral wie möglich zu beobachten. Machen Sie es sich bequem, entspannen Sie sich und versuchen Sie, den Fluss unserer Gedanken und Gefühle ohne Wertung wahrzunehmen: z. B. das Aufsteigen von Angst, Vorfreude, Bedauern; die Erinnerungen und Ideen sprudeln ins Bewusstsein. Sie sind die Rohstoffe, mit denen jeder Klärungsprozess arbeiten muss. Je sorgfältiger wir sie wahrnehmen, um so wahrscheinlicher werden wir ihre Komplexität und Widersprüche aufdecken können. Und um so weniger werden wir fälschlicherweise etwas für offensichtlich halten, das anderen weder offensichtlich oder zwingend notwendig vorkommt.

Klares Denken: Schritt 1 – was wir denken

In der Philosophie wird oft die sogenannte Standardform verwendet, um das Wesentliche eines Gedankengangs so klar wie möglich darzustellen. Unser Denken in Standardform auszudrücken bedeutet vereinfacht, eine nummerierte Liste von Voraussetzungen aufzuschreiben, aus denen eine Schlussfolgerung gezogen wird. Wenn wir es richtig gemacht haben, rechtfertigen die nummerierten Aussagen unsere Schlussfolgerung. 

Hier ein Beispiel:

  1. Sowohl der Verzehr von Fleisch als auch die Verwendung tierischer Produkte sind mit unnötigem Leid von Tieren verbunden.
  2. Außerdem verbrauchen sie mehr Energie und Ressourcen als die meisten pflanzlichen Alternativen.
  3. Es ist durchaus möglich, sich gesund zu ernähren und ein erfülltes Leben zu führen, ohne Fleisch zu essen oder tierisce Produkte zu verwenden.
  4. Soweit möglich, sollte ich versuchen, unnötiges Tierleid, übermäßigen Energieverbrauch und übermäßigen Ressourcenverbrauch zu vermeiden.

Wenn ich das oben Gesagte als richtig anerkenne, müsste ich mich vegetarisch oder vegan ernähren.

Der Vorteil der Standardform, ist nicht so sehr ihre logische Strenge, sondern die Zerlegung unseres Denkens in einzelne Schritte und die Formulierung von zwei Fragen bei jedem davon:

  1. Warum sollte ein vernünftiger Mensch diese Behauptung akzeptieren?
  2. Was folgt aus dieser Behauptung, wenn sie akzeptiert wird?

Wenn es um die Klärung unserer Gedanken und Gefühle geht, liegt die Stärke eines solchen Ansatzes darin, dass alles Wesentliche Eingang in unsere Überlegungen finden kann – aber nur, wenn wir diese Bedeutung auch in Worte fassen können. 

So könnten noch ganz andere Gedanken in das Beispiel passen:

  • Allerdings bin ich derzeit weder Vegetarier noch Veganer.
  • Also glaube ich entweder gar nicht, dass die oben genannten Gründe wahr sind, oder ich glaube an ihre Richtigkeit, aber finde sie irgendwie trotzdem nicht überzeugend.
  • Wenn ich mein Denken zu diesem Thema klären möchte, muss ich die Kluft zwischen meinen Überzeugungen und meinen Handlungen untersuchen.

Wie Sie merken, stiften die gerade hinzugefügten Gedanken Verwirrung in unserer vorherigen Schlussfolgerung. Unsere schöne einfache Schlussfolgerung wird verzwickter – aber auch aufschlussreicher.

Paradoxerweise ist das ein wesentlicher Schritt zum klaren Denken: zu starke Vereinfachungen, egal wie zwingend oder verführerisch sie auch sein mögen, werden durch ehrliche Anerkennung der Tatsachen ersetzt. Die Logik der anfänglichen Argumentation im Beispiel mag bewundernswert klar erschienen sein; aber diese Klarheit entspricht nicht der Realität.

Ehrliche Selbstprüfung ist für klares Denken von entscheidender Bedeutung. Haben wir unseren Gemütszustand genau erfasst – oder die Probleme, die auf dem Spiel stehen? (Stimmt es zum Beispiel, dass es keinen ethischen Weg gibt, Fleisch zu essen? Gibt es Bedeutungsnuancen, die wir vernachlässigt haben, um klare Kategorien von richtig und falsch festzulegen? Oder sind wir nur zu träge, um nach unseren Überzeugungen zu handeln?)

Dahinter steht ein grundlegender Punkt: nur indem wir sowohl das „Was“ als auch das „Warum“ unserer Argumente und die Behauptungen, auf die sie sich wiederum stützen, immer wieder in Frage stellen, können wir hoffen, alle Schichten von Gewohnheit, Verwirrung und Selbstrechtfertigung unserer Alltagsgedanken abzustreifen.

Klares Denken: Schritt 2 – was wir voraussetzen

Wie können wir Argumente begründen? Manchmal verlegen wir uns auf Beweise oder auf persönliche Vorlieben und Erfahrungen – einzeln oder in beliebiger Kombination. Aber irgendwann müssen wir uns auf bestimmte Annahmen berufen, die wir bereit sind, als grundlegend zu akzeptieren. Aber egal wie selbstverständlich sie uns erscheinen mögen, die Annahmen, auf denen unsere Ideen beruhen, müssen bei Bedarf auch klar benannt werden. Und in der Aufdeckung und Analyse dieser Annahmen bietet wichtige Klarstellungen.

Annahmen sind Dinge, die wir für selbstverständlich halten: alles, worauf sich unser Denken stützt, ohne dass wir es extra beim Namen nennen. Solche Annahmen sind wichtig. Tatsächlich sind es gemeinsame Annahmen, die Verständigung (und vieles mehr) überhaupt möglich machen. Es wäre unglaublich ermüdend, jedes Wort in einem Satz zu erklären. Es wäre auch am Ende sinnlos. Wir müssten unsere Worte mit anderen Worten erklären, Ideen mit anderen Ideen und so weiter. Ohne einige gemeinsame Annahmen gibt es keine Möglichkeit für gemeinsames Verständnis oder auch konstruktive Meinungsverschiedenheiten.

Unsere Annahmen sind also nicht nur ungeprüfte Ideen. Sie bilden vor allem unsere Überzeugungen ab. In ihnen wurzeln unsere Identität und unser Gefühl dazuzugehören. Sie liefern den Stoff zu unseren Erzählungen über uns selbst und unsere Gemeinschaft, auch über unsere Moral. Das, was wir als „gegeben“ annehmen, ist nicht weniger als das Fundament unseres Weltbildes. Was folgt daraus? Klares Denken muss klar unterscheiden zwischen unseren Grundannahmen und dem was wir darauf aufbauen.

So gehen wir Schritt für Schritt vor:

  • Jeder Gedankengang geht von bestimmten Annahmen aus: den Dingen, die wir als gegeben akzeptieren. Egal wie tief wir graben, wir werden keine vollkommen selbstverständliche und unumstrittene Behauptung finden.
  • Eine sorgfältige Analyse zeigt, woher unsere Annahmen rühren, und was daraus folgt, wenn wir davon ausgehen, dass sie wahr oder richtig sind.
  • Wenn unterschiedliche Argumente auf unterschiedlichen Annahmen beruhen, werden Sie wahrscheinlich in sehr unterschiedliche Richtungen führen.
  • Versuchen wir also, unsere Grundannahmen zu formulieren und prüfen, was sich daraus ergibt.
  • Das Gleiche tun wir mit Gegenargumenten
  • Wenn wir ausreichend aufgeschlossen sind, entdecken wir gemeinsame Annahmen und können gegensätzliche auf beiden Seiten hinterfragen. So verstehen wir auch alternative Sichtweisen und können uns mit ihnen auseinanderzusetzen.

Die Folgerungen aus unseren Annahmen und Unterschiede darin zu erfassen, bilden das Herzstück einer ehrlichen und überzeugenden Formulierung unserer Ansichten.

Klares Denken: Schritt 3 – Unsicherheiten

Klares Denken verdeutlicht unseren Standpunkt: nicht, um Recht zu behalten, sondern um unsere Position zu schärfen und unsere Bereitschaft zum Gedankenaustausch anzuzeigen. Wir begründen unsere Position durch Beweise und Analysen. Wir hören uns andere Meinungen an und lernen daraus. Wir akzeptieren, dass es angesichts ausreichend überzeugender Argumente oder Beweise vernünftig sein kann, unsere Meinung zu ändern.

Soweit möglich, sollten wir versuchen, aus dem, was andere sagen, den größtmöglichen wahrheitsgetreuen und vernünftigen Inhalt herauszuarbeiten, insbesondere wenn sie nicht unserer Meinung sind.

Ohne entscheidende gegenteilige Beweise sollten wir zunächst davon ausgehen, dass eine gegnerische Position vernünftig und aufrichtig ist, anstatt dass sie für böswillig, ignorant oder falsch zu halten. Warum? Nicht, weil es nett ist, sondern weil wir nur mit Wohlwollen die Perspektive eines anderen erfassen und sicherstellen können, dass unser Urteil, auf einer sorgfältigen, fairen Einschätzung beruht.

All dies bringt uns zum Schritt 3 zurück: klares Denken bedeutet, ehrlich anzuerkennen, was wir nicht wissen, und dann diese Einschränkungen in den Mittelpunkt einer Kontroverse zu stellen.

Tatsächlich ist das wichtigste Werkzeug klaren Denkens unsere Fähigkeit, unsere Ideen zu hinterfragen (und weiter zu prüfen und zu vervollkommnen), als ob sie fremde wären. Jede Überzeugung steht und fällt ausschließlich mit ihren eigenen Bedingungen, nicht abhängig davon, ob ein Gedanke von uns selbst oder anderen vorgetragen wird.

Quelle: 

Chatfield, Tom: How tot hink clearly to improve understanding and communication In: psyche 

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