Glücksspielsucht Klee

Glücksspielsucht – Spielgedanken

Falsche Annahmen über Gewinnwahrscheinlichkeit und Beeinflussbarkeit von Glücksspielen begünstigen Glücksspiele und erhalten das Spielverhalten aufrecht. Allerdings darf man die Wichtigkeit solcher falschen Annahmen für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Glücksspielsucht auch nicht überschätzen. Die meisten Glücksspieler wissen, dass sie letztlich nicht gewinnen können. Wenn das Spielverlangen ansteigt, können die gewohnten Spielgedanken aber rasch das Denken überschwemmen. Machen Sie sich daher eigene Gedanken und Überzeugungen zum Glücksspiel, möglichst umfassend bewusst.

Das menschliche Denken ist auf Mustererkennung ausgerichtet, und darauf, Zusammenhänge zwischen Ereignissen herzustellen. Es versucht aus den hergestellten Zusammenhängen zukünftige Ereignisse vorherzusagen. Für viele Situationen ist dies auch eine erfolgversprechende Strategie. Der Preis dafür ist jedoch, dass auch Zusammenhänge gesehen werden, wo gar keine sind. Und für die Vorhersage von Zufallsereignissen ist diese Strategie vollkommen ungeeignet.

Grundsätzlich gibt es 3 Kategorien von Spielgedanken bei Glücksspielern:

  1. Gedanken über das Glücksspiel und die Beeinflussbarkeit von Spielergebnissen. Sie betreffen die Wahrscheinlichkeit von Gewinnen, z.B. „Die Chancen stehen nicht schlecht, es gibt so viele Gewinnmöglichkeiten!“, oder Einflussmöglichkeiten auf Gewinne.
  2. Gedanken über die Bedeutung von Hinweisen und Anzeichen, z.B. „Trotz der Verluste anderer Glücksspieler kann man selbst beim Glücksspielen gewinnen!“
  3. Sich selbst Erlaubnis zum Glücksspiel geben, z.B. „Ich habe es heute verdient, zu spielen. Endlich habe ich mal Ruhe und kann alles vergessen!“

Glücksspielsucht – Gewinnwahrscheinlichkeit und Beeinflussbarkeit von Glücksspielen

Die Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten hängt unter anderem von der Lebhaftigkeit unserer Erinnerung daran ab, und davon, ob diese Erinnerungen mit starken Gefühlen verbunden sind. Was leicht ins Gedächtnis gerufen werden kann, wird auch für wahrscheinlicher gehalten. Besonders gut erinnert werden Situationen oder Fakten, die mit starken Gefühlen verknüpft sind. Sind die starken Gefühle positiv, so ist die Erinnerung noch besser. Daher werden Gewinne beim Glücksspiel gut und schnell erinnert. Die Folge davon ist, dass die Wahrscheinlichkeit von Gewinnen stark überschätzt wird.  Ein Beispiel ist das Lotto, das, trotz seiner Beliebtheit, ein sehr schlechtes Angebot ist:

  • 98 % Totalverluste,
  • zwischen 40 % und 60 % variable und relativ geringe Auszahlungsquote von durchschnittlich 50 %,
  • extrem geringe Gewinnwahrscheinlichkeit der ersten Gewinnklasse von 1:14 Millionen (einschließlich der Gefahr einer starken Gewinnteilung mit anderen Teilnehmern bei häufig gewählten Zahlenreihen).

Wahlfreiheit und Vertrautheit mit dem Spiel erhöhen die sog. Kontrollillusion. „Durch Ausdauer, Wissen und Können lässt sich mit Glücksspielen Geld verdienen!“, „Trotz der Verluste anderer Glücksspieler kann man selbst beim Glücksspielen gewinnen!“ und „Ein dauerhaft engagiertes Glücksspielen wird letztendlich belohnt werden!“ Dies wird von den Glücksspielanbietern genutzt, indem z.B. der Geldautomatenspieler Tasten drücken kann, die keinen wirklichen Einfluss auf den Gewinn oder Verlust haben.

Beim Spielerirrtum, auch „Monte-Carlo-Effekt“ genannt, wird von der Häufigkeit vorangehender Spielausgänge fälschlicherweise auf die Wahrscheinlichkeit der Folgeereignisse geschlossen. Zufallsereignisse sind aber unabhängig. Es gibt keine Anzeichen, anhand derer es sich vorhersagen ließe, ob als nächstes »Schwarz« kommt. Wie häufig vorher »Rot« gekommen ist, hat damit nichts zu tun, obwohl es schwerfällt, nicht zu glauben, dass damit „Rot“ wahrscheinlicher werde. Diese Fehlinterpretation wird beim Roulettespiel durch die Anzeige der sogenannten Permanenzen (Reihe der bereits eingetroffenen Zahlenfolge) sowohl direkt am Roulette-Tisch als auch im Internet verstärkt.

Ebenso wenig lässt sich das Spielglück aus Hinweisen oder Anzeichen ableiten, z.B. einem guten Gefühl beim Aufstehen oder dem Geburtstag der Mutter oder ob dem glücksversprechenden Horoskop.

Eng verbunden mit der Bereitschaft, schnell Ursache-Wirkungszusammenhänge herzustellen, ist die Neigung, hinter Ereignissen eine bestimmte Absicht zu vermuten. Ein Glücksspieler, der am Automaten fortgesetzt verliert, kann die Überzeugung entwickeln, dass der Automat es „darauf abgesehen hat“, speziell ihn auszunehmen. Das kann sich bis zu einem magischen Denken steigern: »Ich habe heute an den Ampeln grüne Welle gehabt, das ist ein Zeichen, dass ich auch beim Spielen Glück haben werde«.

Sehr verführerisch sind Beinahe-Ereignisse. Sie erwecken den Eindruck, es fast geschafft zu haben, und verleiten dazu, es gleich noch einmal zu versuchen. In vielen Alltagssituationen weisen uns Beinahe-Ereignisse auch tatsächlich den richtigen Weg. Wer mit dem Hammer den Nagel knapp verfehlt, braucht den nächste Schlag nur ein klein wenig zu korrigieren, und der Nagel wird wirklich getroffen. Das Erleben von Beinahe-Treffern zeigt, dass eine im Alltag sinnvolle Interpretation ein verlustreiches Glücksspielen festigen kann. Die einschlägigen Geldspielautomaten sind entsprechend programmiert, indem mehr Beinahe-Treffer (z. B. zwei von drei Gewinnsymbolen) auftreten, als dies zufallsbedingt der Fall wäre. Aber auch wenn ich z.B. bei einer Drehung am Geldspielautomaten beinahe die richtigen Symbole hatte, sagt es nichts darüber aus, welche Symbole das nächste Mal kommen. Die Wahrscheinlichkeit jedes Zufallsereignisses bleibt unberührt von vorangegangen und nachfolgenden.

Verzerrte Ergebnisbewertungen („based evaluation of outcome“) beziehen sich auf die Verarbeitung von Verlusten, die zwangsläufig bei häufigem Glücksspielen auftreten, indem Gewinne dem eigenen Können, und Verluste dagegen widrigen äußeren Umständen angelastet werden.

Glücksspielsucht – Gefangennahme

Gefangennahme (entrapment) ist ein Begriff aus der Sozialpsychologie und Wirtschaftspsychologie und bezeichnet die Fortsetzung verlustreicher Handlungen trotz schwindender Erfolgsaussichten. Dieses Verhalten begegnet uns in unterschiedlichen Situationen, wie z.B. wirtschaftliche Verluste, politische Fehlentscheidungen oder auch bei der Fortsetzung einer Partnerschaft, trotz Gewaltanwendung und/oder Missbrauch. Erklärbar wird Entrapment psychologisch u.a. durch Selbstrechtfertigung und steigende Risikobereitschaft, wenn wir verlieren.  Gefangennahme ist daher Bestandteil der typischen „Aufholjagd“ von Verlusten.

Glücksspielsucht – Mehr als Wahrscheinlichkeiten

Die, rein rational betrachtet, negative Bilanz des Glücksspielverhaltens stellt eine einseitige Interpretation dar, da Glücksspiel – neben Erregung, Selbstwertsteigerung, alternative Rollenidentität – außerdem noch eine subjektive Gewinnerwartung erleben lässt, die zwar nicht der Realität entspricht, für den Spieler aber eine befriedigende Wunschfantasie erfüllt. Man denke an den Lottospieler, der eigentlich weiß, dass er keine realistische Chance auf den „Sechser“ hat, aber sich dennoch beim Ausfüllen des Lottoscheins dem Traum nach einem anderen Leben als Millionär hingeben kann, bis die Ziehung der Gewinnkombination ihn in die Realität zurückholt.

Bei den irrational anmutenden Denk- und Verhaltensmustern von Glücksspielern handelt es sich deshalb nicht einfach um „Kontrollillusionen“ und abergläubische Rituale, sondern vor allem um Handlungsmuster bei Entscheidungen unter Ungewissheit. So lässt sich der „Monte-Carlo- Irrtum“, also die Tendenz bei häufigem Erfolg von „Noir“ auf „Rouge“ zu setzen (Handlungswechsel nach Erfolgen), nicht einfach als Missachtung der Unabhängigkeit von zufälligen Einzelereignissen deuten (die Kugel hat bekanntlich kein Gedächtnis). Wenn es um Fähigkeiten geht, wäre ein Strategiewechsel unvernünftig. Dann wird man bei Erfolg einer Handlung sinnvollerweise dabeibleiben. In Zufallssituationen werden, nach dem Gesetz der großen Zahl, Serien gleicher Ereignisse irgendwann unterbrochen werden. Damit scheint die Monte-Carlo-Entscheidung sinnvoll. Es ist nur eben nicht vorhersehbar, wann die Unterbrechung einer Serie von Zufallsereignissen erfolgt.

Glücksspielsucht – Excel-Mappe „Spielgedanken“

Auch wenn also menschliches Verhalten meistens nicht der Logik folgt, bleiben die Spielgedanken für die Handlungssteuerung enorm wichtig. Daher sollten Sie ihre zehn häufigsten Spielgedanken in der ersten Tabelle der Excel-Mappe notieren. Wie erklären Sie sich selbst Gewinne und Verluste. Ordnen Sie dann die Spielgedanken nach den drei Kategorien:

(1) Gedanken über das Glücksspielen und die Beeinflussbarkeit von Spielergebnissen

(2) Gedanken über die Bedeutung von Hinweisen und Anzeichen

(3) Das Glücksspielen erlaubende Gedanken

Disputation von Spielgedanken.

Anschließend werden die relevanten Spielgedanken auf dem zweiten Blatt der Mappe hinterfragt:

„Was spricht dafür, dass dieser Gedanke stimmt, was spricht dagegen?“

„Wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ist das Gedachte?“

„Wie realistisch ist es, gibt es Beweise oder Gegenbeweise?“

„Was werden Sie tun, wenn Sie diesen Gedanken glauben. Wo wird Sie das hinführen?“

„Was werden Sie hingegen tun, wenn Sie diesen Gedanken nicht glauben?“

Danach sammeln Sie Strategien, um einen widerlegten Gedanken in seiner Wirkung zu entschärfen und/oder entwickeln Gegengedanken.

 

Quelle:

Premper, Volker. Pathologisches Glücksspielen (German Edition). Beltz. Kindle-Version.

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.: PATHOLOGISCHES GLÜCKSSPIELEN Suchtmedizinische Reihe Band 6

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